Ich muß sagen, es empörte sich etwas in mir.

Diese abgelegte Esther zu übernehmen, dazu hatte

ich gar keine Lust. Doch wagte ich natürlich nicht,

heftig zu widersprechen, sondern sagte nur:

»Es wäre mir am liebsten, wenn ich vorläufig

noch ledig bleiben könnte.«

Er besann sich ein wenig und sagte dann: »Ja,

du kannst mich mit der Königin von Saba trauen,

und der Zebulon nimmt die Esther.«

Die Gattenpflichten waren ja in diesem Volke

sehr leicht. Sie bestanden darin, der Gesponsin

beim Lumpenmann einen Ring zu kaufen, sie

gegen ihre Feinde zu beschützen und beim Spiel

ihr Partner zu sein. Immerhin tat mir Zebulon

leid, denn Esther war drei Jahre älter als er und

noch dazu seine Schwester. Das kann man nicht

gerade eine vorteilhafte Partie nennen. Zebulon

weigerte sich auch, wurde aber von Gedeon durchgehauen

und war dann zur Ehe bereit.

[Illustration]

Mir fiel also das Amt zu, Gedeon und die

Königin von Saba zu trauen. Es war eine saure

Arbeit. Denn erstens waren mir die priesterlichen

Gewänder, die sonst Gedeon trug, viel zu

groß, und dann machte mir die Traurede viel

Schmerzen. Es ist für einen Anfänger nicht leicht,

gleich vor den Gewaltigen der Erde zu sprechen.

Immerhin, ich nahm mich zusammen und stand

würdevoll vor dem Altar, den Gedeon in einer

großen Bodenkammer aufgebaut hatte. Der

Hochzeitszug nahte. Die Braut trug einen

wundervollen Schleier, den die Tante aufgesteckt

hatte, Gedeon hielt effektvoll einen Zylinderhut

in der Hand, den der Onkel geborgt hatte. Die

andere Hochzeitsgesellschaft war weniger stilgerecht.

Nabuchodonosor, der Trauzeuge war, hatte sich

eine blaue Zuckerdüte auf den Kopf gesetzt, und

die makkabäische Mutter, die als Brautjungfer

fungierte, hatte sich den Gummilutscher mitgebracht.

Einige Herren der Gesellschaft führten

Säbel, Armbrust, Trommel oder Steckenpferd

mit sich, und Ruben trieb mit seinem Bruder

Lewy Allotria mit meiner Schnupftabakdose. Ganz

aus der Art aber, war es, daß Salmanassar

während der Trauung mit seinem Blaserohr nach

dem Brautpaar Scheibe schoß.

[Illustration]

Unter diesen Umständen ist es nicht leicht, eine

ergreifende Predigt zu halten. Ich tat, was ich

konnte.

»Geehrtes Brautpaar! Die Ehe stammt aus

dem Paradiese. Da war Adam Bräutigam und

Eva Braut.«

Hier blieb ich stecken. »Braut -- Braut --«

wiederholte ich einige Male mit einem fatalen

Lächeln.

»Jawohl Braut!« sagte Salmanassar im Hintergrunde.

Ich machte ein hilfloses Gesicht und eine ohnmächtige

Handbewegung. Gedeon, der Bräutigam,

zog eine wütende Miene.

»Weiter -- oder --«

Dieser Wüterich hätte sich sogar an der Geistlichkeit

vergriffen. Die Angst half mir. Allerhand

fiel mir ein, was ich in Traureden gehört hatte.

»Geehrtes Brautpaar, das ist eine feierliche

Stunde.«

»Der Salmanassar schießt mit'm Blaserohr,«

kreischte mir Sarah dazwischen.

»Schmeißt ihn raus!« rief der Bräutigam, indem

er sich umwandte. Salmanassar flog hinaus.

»Eine feierliche Stunde!« wiederholte ich. »Die

Ehe ist schwer.«

»Mit der Königin von Saba ist sie nicht schwer!«

grollte der Bräutigam.

»Nein, nein, mit der ist sie nicht schwer!« gab

ich ohne weiteres zu und fuhr fort: »Ihr sollt

alles miteinander tragen, Freude und Leid. Ihr

sollt euch eure Schwächen verzeihen, denn jeder

Mensch hat Schwächen. (Der Bräutigam schüttelte

heftig den Kopf.) Wenn ihr krank seid, sollt ihr

euch pflegen, und eure Kinder sollt ihr fromm erziehen.

Amen.«

Der Bräutigam zuckte die Achseln. Ich merkte,

er war nicht zufrieden. Die Braut aber sagte

laut: »Das hat er schön gemacht«, und da hellte

sich auch Gedeons Gesicht auf, und ich konnte erleichterten

Herzens die Zeremonie zu Ende führen,

was mir über Erwarten gut gelang.

Das Hochzeitsmahl war nicht schlecht. Die

Tante kochte Schokolade für alle, und Gedeon

gab vier Zigarren zum Besten, die er um zehn

Pfennig in der Stadt gekauft hatte. Zwei rauchte

er selbst, eine bekam ich als Stolgebühren, und

eine bekam Zebulon, der Zwangsmann der Esther,

gewissermaßen als Trostpreis.

* * * * *

Gott weiß, was in ihm steckte, was Großes und

Seltsames aus ihm geworden wäre, oder was

Großes und Seltsames verdorben wäre in der

Enge seiner äußeren Verhältnisse. Was ist ein

Held unter Bauern, wenn es ihm bestimmt ist,

auch ein armer Bauer zu werden, wenn rings auf

eine edle Seele die Knechtschaft lauert?!

Und siehe, es wurde anders, als alle dachten.

Gedeon tat das Kühnste, was noch keiner aus

dem Volke gewagt hatte, -- er küßte seine Frau.

Und alle die jungen Männlein und Weiblein

sahen zu und lachten nicht einmal.

Auf der Wiese, die am Flusse lag, wurde das

Hochzeitsfest begangen mit Spiel und Tanz.

Gedeon hatte seiner Braut einen Schneeglöckchenstrauß

geschenkt, den trug sie an der Brust. Ein

großer, weißer Strohhut lag auf ihren blonden

Haaren und seine blauen Schleifen flatterten im

Winde.

Die Wiese war gelbgrün, die ersten Blättlein

standen an Baum und Strauch, der brausende

Fluß sang sein rollendes Frühlingslied, hoch im

Blauen war Lerchengesang.

Da streckte Gedeon seine starken Arme gen

Himmel und fing laut und mächtig an zu schreien.

Es war ein wilder, ein königlicher Schrei; Gedeon

schrie vor Kraft und Glück.

Dann funkelten seine Augen, und er sagte zu

seiner Braut:

»Paß auf, wenn ich zu den Soldaten geh, werde

ich der alleroberste General. Oder ich geh auf die

See!«

Nahm sie plötzlich und schwang sie im Kreise

herum und schrie wieder laut dabei vor Kraft

und Glück und Lebenslust.

Da löste sich dem Mädchen der Hut -- der

Wind nahm ihn -- trieb ihn in den Fluß.

»Mein Hut! Mein Hut!«

»Ihr Hut, ihr schöner Hut!«

»Sei ruhig, ich hole ihn!« -- -- --

Dreißig Kinder standen am Ufer, als Gedeon

in den Fluß sprang. Dreißig Kinder sahen freudig

erregt zu, wie er dem Hut nachschwamm. Keines

bangte um den Helden, dem alles gelang. Allen

war es ein herrliches Schauspiel.

Seht, er hat den Hut, er hebt ihn triumphierend

über das Wasser. Er schwimmt an den Rand, --

o, es hält schwer, -- die Strömung ist stark -- er

ist in Kleidern -- aber er ist der Gedeon. --

Halt, jetzt hat er den Erlenzweig! Seht, er

schleudert den Hut ans Ufer. Da liegt er auf dem

Erlenbusch.

Er hat gesiegt, er hat gewonnen, wie er immer

gewinnt. O, Königin von Saba, was sind deine

Zirkuskünstler gegen den! In lachendem Stolz

steht das ganze Volk am Ufer.

Aber jetzt -- jetzt bricht der Erlenzweig, an dem

sich Gedeon emporziehen will, und er -- er treibt

nach der Mitte des Flusses zurück --

O, laßt ihn nur, laßt ihn nur, es ist ja der

Gedeon! Paßt nur auf, paßt auf, was noch

Großes kommt!

Da fängt ein Mädchen plötzlich an zu weinen

und sagt:

»Das Wehr! Müllers Wehr ist so nahe!«

»Das Wehr! Das Wehr! Gedeon! Gedeon!«

Und plötzlich schreien und weinen dreißig Kinder.

* * * * *

Wir konnten es lange nicht fassen, daß Gedeon

tot sein sollte. Einer von uns sagte:

»O, das läßt er sich nicht gefallen!«

Er ließ es sich aber doch gefallen, ließ sich tragen

und in den weißen Sarg legen. Und hielt

ganz still.

Es ging viel in diesem Sarg verloren. Verloren?

O, jetzt glaube ich wohl: es wurde viel

in diesem Sarg gerettet.

Verwundert, scheu, standen wir um den toten

Gedeon. Er hatte ein Gesicht, wie immer, wenn er

unzufrieden war. Er war unzufrieden mit sich

selbst, unzufrieden, daß er sich vor uns allen und

vor seiner Königin von Saba als kein besserer

Schwimmer gezeigt hatte. Wir gingen die Tage

behutsam, scheu, furchtsam wie Diener, wenn ein

strenger Herr schläft.

Erst als der Sarg geschlossen wurde und Gedeon

nicht dagegen tobte, sich nicht gegen den Deckel

stemmte, sondern sich geduldig einnageln ließ, da

fingen wir alle bitterlich an zu weinen.

Der Verlust wurde uns klar, wir erkannten,

daß unser König gestorben war, daß wir ein verwaistes,

führerloses Volk waren.

[Illustration]

Hotel Laubhaus.

Die Szene spielt in einem Laubhaufen, der nahe einer Kirchhofmauer

liegt. Durch die braunen und roten Blätter fällt

von draußen Sonnenlicht wie durch tausend bunte Fenster.

-- In dem Laubhause wohnen: _Der Käfer._ -- _Die Fliege._

-- _Die Schnecke._ -- _Die Raupe._ -- Später kommt noch

eine _Spinne_ und zuletzt der _Herbstwind_ dazu.

=Käfer= (träumerisch):

Nun wollen wir schlafen! Wie schön das rote

Licht ist! Ich habe einmal in eine Schlafstube der

Menschen gesehen, wo eine rote Ampel brannte.

Das Licht war nicht schöner als dieses.

=Fliege= (mißmutig):

Dummer Junge, sei bloß still von den Menschen

und den Lampen! Die Menschen fangen uns,

und die Lampen verbrennen uns. (Zur Schnecke):

Na, hab' ich da nicht sehr recht, Frau Nachbarin?

=Schnecke= (stolz):

Ich bin nicht Ihre Nachbarin! (Zur Raupe):

Was meinen Sie, vergeben wir uns nicht etwas,

wenn wir in demselben Lokal übernachten wie

solches ... Geschmeiß?

=Raupe= (seufzend):

Da haben Sie recht, gnädige Frau! Aber was

soll man machen? Es ist ja alles schon besetzt

sonst! Das wenig saubere Bettzeug hier benutze

ich ja bestimmt nicht. Ich puppe mich ein!

=Schnecke=:

Und ich zieh' mich in mein Privatzelt, das ich

glücklicherweise immer bei mir habe, zurück und

verschließe die Tür ... das ist ja ganz klar!

=Fliege= (heimlich):

So 'ne hochmütige, dicke Schachtel!

=Raupe=:

Den Käfer find' ich aber sehr nett. Er sieht

aus wie ein Prinz!

=Schnecke= (mit fauler Stimme):

Ich mache mir nichts aus Prinzen. Sie imponieren

mir nicht! (Gähnt.) Ach, ich bin so abgespannt!

Ich kann auf keinen Fall mehr umziehen,

und wenn ich hier noch so geniert bin.

Es ist ein rechter Jammer für eine Dame von

Stande.

=Raupe= (mit Bezug auf die Fliege):

Sehen Sie doch, gnädige Frau, diese gewöhnliche

Person sucht sich wirklich das allerschmutzigste

Blatt zum Bette aus.

=Schnecke=:

Ah, sie widert mich an! Ich kann gar nicht

sagen, wie ich in so ordinärer Umgebung leide.

Und mich fröstelt auch etwas. Das Beste ist, ich

ziehe mich zurück.

[Illustration]

=Raupe=:

Wie lange gedenken gnädige Frau zu schlafen?

=Schnecke= (schmerzlich):

Ach, nur fünf bis sechs Monate. Dann rufen

mich schon wieder meine Pflichten. Gute Nacht,

liebes Fräulein!

=Raupe= (sehr höflich):

Gute Nacht, gnädige Frau!

(Die Schnecke zieht sich zurück in ihr Zelt.)

=Käfer= (traurig):

Es ist noch goldener Sonnenschein draußen!

Aber es ist kalt! Und alle Rosen sind tot! Der

Tau auf der Wiese ist weiß und hart, und mich

friert. Ach, der Sommer ist weit!

(Die Raupe sieht immer begeistert nach dem Käfer. Draußen tönt

von fern herein Singen. Im Laubhause ist's ganz still. Da kommt

plötzlich an einem grauen Seile eine Spinne herabgeturnt.)

=Fliege= (aufkreischend):

Ein Teufel! Eine Hexe! Eine Spinne!

=Käfer= (bebend):

Eine Spinne! Das ist mein Tod! Ich bin

verloren!

=Raupe= (aufgeregt):

Besetzt! Besetzt! Es ist schon alles besetzt hier!

=Schnecke= (zur Tür heraus):

Was ist denn los? Was ist denn das für ein

Skandal?

=Fliege= (jammernd):

Lassen Sie mich ein! Lassen Sie mich in Ihr

Haus, liebste, gnädigste, herrlichste Frau Schnecke!

Eine Spinne! Eine Spinne! O weh, o weh, o

weh, o weh!

=Spinne= (mit lauter Stimme):

Ruhe, ihr feiges Gelichter! Ich freß Euch nicht!

Ich bin viel zu satt. (Unheimlich.) Ich bin leider

viel zu satt! Ich will hier bloß schlafen. Aber

wer ausreißt, den ermurkse ich ... jawohl, den

ermurkse ich!

=Schnecke= (für sich):

Ein laß ich keinen! Ich bin ohnehin beengt

genug. Seht ihr zu! (Sie verriegelt die Tür.)

Nun greift eine bedrückende Stille Platz. Man hört nur, wie

die Spinne ihre feinen Fäden zieht und ihre Knoten knüpft,

wie die Beinchen der Fliege zittern und der Käfer rascher atmet.

Allgemach beruhigen sich die Tiere, da sie die Spinne nicht

weiter beachtet. Draußen aber ist das Singen deutlicher geworden

und klingt jetzt ganz nahe vom Kirchhof her.

»Ein Kindlein ist gestorben

Zur Herbsteszeit,

Zu einem andern Frühling

Zog es weit, weit ...

Wir aber singen, wir singen

Ein Lied ihm zur Ruh'

Und decken den Sarg mit Erde

Und weißen Astern ihm zu.«

=Raupe= (in staunender Frage):

Ein Kindlein ist gestorben?

=Käfer= (schmerzlich):

Ein süßes Menschenkindlein! Ich habe mit

seinen weißen Fingern gespielt und bin einmal

über seinen goldenen Scheitel gewandert. Und

das starb vor drei Tagen, und das ist nun tot!

=Fliege= (leichthin):

Es wird schlafen wie wir, und im Frühling

wird es wieder aufwachen.

=Käfer=:

Es schläft wohl länger ... es schläft viel

länger!

Es entsteht eine lange Pause. Unterdes hat sich die Spinne

ganz eingehüllt. Im Einschlafen summt sie:

»Der Star ist schwarz, und der Spatz ist grau,

Ich bin eine kluge, fürsichtige Frau,

Ich meide die Spatzen und Stare.

Ich spinne Netze und stelle sie fein,

Da geht mir junges Jagdwild hinein

Im nächsten Jahre.«

=Fliege= (heimlich zu Raupe und Käfer):

Habt ihr's gehört? Habt ihr's gehört? Wenn

sie aufwacht, frißt sie uns zum Frühstück!

=Raupe=:

Ich bin eher munter als sie und längst davon,

wenn sie aufwacht. Ich werde Sie wecken, schöner

Prinz!

=Käfer= (nickt freundlich)

=Fliege= (bettelnd):

Aber mich auch, mich auch, schönstes, bestes

Fräulein Raupe! O bitte, bitte, werden Sie mich

auch wecken, noch zur rechten Zeit wecken? Ich

bin so langschläfrig!

=Raupe=:

Nur keine Sorge! Ich werde Sie auch wecken.

=Fliege= (erleichtert):

O, ich danke schön! O, dann ist alles gut, dann

kann ich ruhig schlafen! ... Ach, ist das schön in

meinem verfaulten Bettlein! Ich wollte, mir

träumte von einem großen Düngerhaufen und

von lauter Milch und Zucker! (Halb im Einschlafen):

Und vergessen Sie nur das Wecken nicht, Fräuleinchen!

(Fliege schläft ein.)

=Raupe= (schüchtern zum Käfer):

Kennen Sie mich nicht, Herr Prinz?

=Käfer=:

Ich kenne dich nicht, aber du bist schön!

=Raupe= (freudig):

Sie finden mich schön! Die Menschen sagen,

ich sei häßlich.

=Käfer=:

Das ist nicht wahr! Du hast ein goldenes Kleid

und grünseidene Haare ... Du bist schön!

=Raupe= (mit funkelnden Augen):

Und übers Jahr bin ich ein Falter und kann

fliegen wie Sie, mein Prinz!

=Käfer=:

Du wirst ein Falter? Einer mit Sammetflügeln

und Diamantsteinen? So ein lichter

Himmelsvogel wirst du? O, dann treffen wir

uns wieder bei den Lilien und Rosen!

=Raupe= (begeistert):

Und fliegen und trinken Honigwein und tanzen

und leuchten ohne Ende!

=Käfer=:

Ohne Ende!

=Raupe=:

Und nun schlafen Sie wohl, mein Prinz!

=Käfer=:

Wohin willst du?

=Raupe=:

Einen häßlichen Arbeitskittel muß ich jetzt anziehen,

indes ich mein Hochzeitskleid spinne. Häßlich

dürfen Sie mich nicht sehen, Herr Prinz!

Auf Wiedersehen bei den Lilien und Rosen ...

mein schöner Prinz! (Sie verkriecht sich tief in einen

Winkel des Laubhauses.)

=Käfer=:

Nun bin ich allein! Nun will ich auch schlafen!

Ich wollte, mir träumte von dem jungen

Menschenkinde, und ich wollte, es lebte und lachte.

Oder ich träumte von dem jungen Falter und den

Rosen. (Er legt sich auf ein goldenes Bettlein und schläft.)

Lange Pause. Dem feinsten Ohre nur ist ganz leises Atmen

vernehmbar. Da kommt als getreuer Hausmeister der Herbstwind.

Vorsichtig schlürft er leise durch die stillen Gänge des

Laubhauses und horcht an allen Kammertüren. Wie er sich

überzeugt hat, daß alles schläft, schleicht er zurück und schiebt

draußen an den Blättern, wie an Türen und Fensterläden,

bis das letzte Fensterlein verschlossen, die letzte Tür verriegelt ist.

Mein Roß und ich.

Erzählung aus der Zeit, da ich ein »Schlingel« war.

Ich ging nicht in die Schule -- ich _ritt_! Ich

konnte mir das leisten, denn ich hatte ein Roß,

das nicht rechnen konnte. Wenigstens kam es nie

hinter die verzwickten Schliche der indirekten

Regeldetri. Bei »zehnstündiger Arbeitszeit«

arbeiteten nach Meinung meines Rosses die bekannten

»sechs Arbeiter« an dem bekannten »Graben«

immer zehnmal so lange als bei einstündiger.

Dieses Roß hieß Reinhold Sander, war zwei

Jahre älter und zwanzigmal so stark als ich und

im übrigen der gutmütigste Schuljunge von der

Welt. Jeden Morgen erschien mein Roß in

meiner großväterlichen Wohnung, stopfte sich

schnell einen Apfel oder was etwa sonst Genießbares

auf dem Fensterbrett lag, in die Hosentaschen,

setzte mich auf seine Schultern und trabte

mit mir zur Schule, wo es mich auf meinem

Platz sänftiglich absetzte.

Dafür machte ich meinem Rößlein in der

Rechenstunde die tadellosesten »Bruchansätze«.

Eines schönen Maimorgens ritt ich nun gerade

zur Schule, stolz wie Darius zur Schlacht, als

uns ein Mann begegnete, den sowohl mein Roß

als ich nach dem ersten prüfenden Blicke als einen

»Stadtklecker« einschätzten. Als »Stadtklecker«

galt damals in meinem Feld-, Strauch- und

Wiesendorfe ohne weiteres jeder städtisch gekleidete

Mensch, der sich in seiner Gemarkung

blicken ließ.

»Nanu, nanu,« machte der Fremdling verwundert

und musterte uns, »wo geht die Reise hin?«

»In die Schule!« sagte ich und fuchtelte siegesgewiß

mit meinem breiten Lineal wie mit einem

Kriegsschwert.

»Aber Junge, warum gehst du denn nicht zu

Fuß? Kannst du denn nicht laufen?«

»Besser wie Sie!« sagte ich frech. Der Fremdling

erzürnte sich und schnauzte mein Roß an:

»Wirf doch den Bengel ab! Wirst dich doch

nicht mit ihm abrackern!«

Mein Roß schüttelte die Mähne und stieß

Dampf aus den Nüstern. Dann sagte es:

»Er läßt mich die Regeldetri-Aufgaben abschreiben,

und überhaupt geht Sie das 'n

Quark an.«

Nun raste der fremde Wandersmann und wollte

mit seinem dünnen Spazierstock meinem Roß eins

auf den sogenannten Bug geben. Das aber schlug

nach hinten aus, schlug in eine Pfütze, bespritzte

den Fremden von oben bis unten und setzte sich

in Galopp mit mir.

[Illustration]

Als wir ein Stück davon waren, sang ich mit

lieblicher, heller Stimme: »Stadtklecker! Stadtklecker!«

und mein Roß wieherte und wieherte

deutlich auf den Text »Stadtklecker! Stadtklecker!«

An diesem Tage aber hatten wir in der ersten

Stunde biblische Geschichte. Da ich zu Hause vergessen

hatte, die »Bibel« zu lernen, wollte ich auf

den Vorzug, sie vortragen zu dürfen, lieber verzichten

und bat daher gleich nach Anfang der

Stunde den Lehrer, »mal austreten« zu dürfen.

Er brummte etwas von »ewigem Gelaufe« und

ließ mich ziehen. Darauf trat ich dreiviertel

Stunden lang »aus«. Als ich vermutete, daß

die biblische Gefahr vorüber sei, näherte ich mich

wieder behutsam der Schulstubentür und hörte da

folgenden Meinungsaustausch.

»Es heißt nicht Frau Putiphar, es heißt Frau

Potiphar!«

»Herr Schulinspektor!« hörte ich unseren Lehrer

bescheiden einwenden, »bei uns in der katholischen

Bibel schreibt sich die Frau mit u.«

Mir aber wurde plötzlich an der Schulstubentüre

so beklommen zumute, daß ich meinte, jetzt müsse

ich wirklich mal austreten. Also verschwand ich

noch auf fünf Minuten nach dem Hofe, dann aber

trieb mich mein Pflichtgefühl und eine düstere

Ahnung nach dem Klassenlokal.

Heiliger Himmel, der plötzlich anwesende Kreisschulinspektor

war tatsächlich unser »Stadtklecker«.

Kaum erblickte er mich, so machte er auch schon den

Finger krumm, winkte und sagte: »Komm mal

her, du Schwede!«

»Wo warst du denn bist jetzt?« herrschte er

mich an.

Ich sagte, ich sei nur schnell mal austreten gewesen.

»Schnell mal austreten -- so! Du Range!

Und über eine halbe Stunde bin ich schon hier.

Wo warst du so lange, Schlingel -- he?!«

Ich stotterte etwas von einer unheimlichen

Bauchkrankheit, die ich hätte; er aber ergriff mich

an den Ohren und begann in höchst lästiger und

fataler Weise daran herumzuschrauben. Trotzdem

hörte ich, wie mein Roß leise und zornig

aufschnaubte, denn mein Roß liebte mich. Ich bekam

noch eine ungewisse Anzahl von Ohrfeigen

und konnte mich dann setzen.

Der Herr Schulinspektor hielt nun eine donnernde

Strafrede über die Roheit von Dorfkindern

Fremden gegenüber, was ich mit äußerer Zerknirschung

und innerer Gleichgültigkeit anhörte.

Am Schlusse sagte er: »Der kleine Bengel dort

ist zu faul, um in die Schule zu laufen; er reitet

auf diesem langen starken Labander und läßt ihn

dafür die Rechenaufgaben abschreiben.«

Ein vernichtender Blick traf unseren herzensguten

Lehrer.

»Herr Schulinspektor, der Reinhold Sander ist

einer meiner schwächsten Rechner, aber sonst ein

guter Junge.«

Das alles galt nichts.

»Sander, komm mal raus an die Wandtafel.

Nimm die Kreide und schreibe auf:

6 Arbeiter arbeiten über einem Graben von

175 ~m~ Länge, 1½ ~m~ Breite und ¾ ~m~ Tiefe

18 Tage bei täglich zehnstündiger Arbeitszeit.

Wie lange arbeiten 25 Arbeiter an einem Graben

von 300 ~m~ Länge, 1½ ~m~ Breite und ½ ~m~ Tiefe,

wenn sie täglich nur 8 Stunden tätig sind?«

O, du armes Roß! Ich sah, wie seine Mähne

sich sträubte, wie schwerer Atem durch seine

Nüstern drang und seine Läufe zitterten.

Aber der Herr Kreisschulinspektor hatte seine

Rechnung ohne den Telegraphen gemacht. Nämlich,

wenn mein Roß an die Wandtafel gerufen

wurde, galt folgende Telegraphie:

Ich setze meinen Schieferstift scharf wie zu

einem Punkt auf die Schiefertafel (heißt: Reinhold,

dieses »Glied« mußt du über den Bruchstrich

setzen).

Ich mache einen quietschend langen Strich

(heißt: das kommt unter den Bruchstrich).

Einmal Hüsteln heißt: jetzt mußt du »kürzen«.

Zweimal Hüsteln heißt: es läßt sich noch weiter

»kürzen«.

Schneuzen bedeutet: die Sache ist falsch.

Kurzes Scharren bedeutet beifälliges »alles

richtig!«

Das Wunder geschah: Reinhold Sander rechnete

die schwere Aufgabe völlig richtig. Als der

Herr Schulinspektor, der inzwischen weiter geprüft

hatte, an der Tafel das richtige Resultat sah,

war er verwundert und sagte zum Lehrer: »Aber,

der Kerl kann ja rechnen!«

»Einer meiner schwächsten Rechner, aber

sonst --«

»Schon gut, ich sehe, das Rechnen klappt!«

Und er machte für den Lehrer eine gute Note

ins Protokoll. Die Stimmung des Schulgewaltigen

schlug überhaupt sichtlich zum Besseren um

und ehe er um ½11 ging, schraubte er mein

Roß und mich nur noch einmal ganz leise und zärtlich

an den Ohren und schied dann in Gnaden.

Als um 12 Uhr die Schule aus war, bestieg ich

mein Roß und ritt als ein Sieger heimwärts. Die

kleinen Blessuren, die ich erlitten hatte, taten

meinem Triumph keinen Eintrag. Ich streichelte

mein treues Roß, und als wir ein Stück das Dorf

hinauf waren, sangen wir in der Freude unseres

Herzens gemeinsam: »Stadtklecker! Stadtklecker!«

Auf einmal -- wie wenn wir den Rübezahl gerufen

hätten und der fürchterliche Berggeist plötzlich

vor uns stünde, tauchte der Schulinspektor aus

einem Seitengäßchen auf. Wir hatten geglaubt,

der Mann sei längst nach der Stadt zurück, und

nun war er noch in der evangelischen Schule

gewesen und noch im Dorf.

Den bösen Geist sehen und vom Pferde fallen

war eins. Der Herr Schulinspektor tobte. Da

aber viele Feldarbeiter vorbeigingen und schmunzelten,

fühlte er, daß er keine günstige Rolle spiele,

wenn er sich mit uns beiden in einen Straßenkampf

einließe, und herrschte uns also an:

»Marsch nach der Schule zurück! Dort werdet

ihr dem Herrn Lehrer sagen, was ihr getan habt.

Er wird euch augenblicklich bestrafen. Ich gehe

jetzt hier ins Wirtshaus, um meine Sachen zu

holen. In einer Viertelstunde seid ihr vor dem

Gasthaus. Wehe euch, wenn ihr meinen Befehl

nicht ausführt!«

Wir gingen nach der Schule zurück. Ja, ich

muß es eingestehen, ich ging zu Fuß. Heimlich

schlichen wir nach der Schulstube. Die war ganz

leer. Aber der Lehrer bemerkte uns bald.

»Was wollt ihr denn noch?«

Da stotterte ich, ich hätte mein Lineal vergessen.

Das Lineal war das wichtigste aller meiner Schulutensilien,

denn erstens brauchte ich es als Waffe

und zweitens fürs Freihandzeichnen.

»Geht nur nach Hause!« sagte der Lehrer.

Da glaubte ich, wir sollten ihm gehorchen und

ihm weiter keinen Kummer machen, und wir

gingen. Meinem Roß war dabei nicht ganz wohl.

Aber draußen belehrte ich es über meinen Feldzugsplan,

und wir gingen also zum Gasthaus,

vor dessen Tür wir ein jämmerliches Geheul anfingen.

Ich weinte bitterlich, und mein Roß

strich sich fortwährend mit seinen Vorderhufen

den Bug.

Der Herr Schulinspektor kam erschreckt herausgestürzt.

»Na, heult nicht so! Ihr macht mir ja das ganze

Dorf rebellisch. Der Lehrer hat euch wohl etwas

zu stark gezüchtigt?«

Wir heulten noch lauter.

»Jungens, seid still! Daß er euch so stark bestrafe,

wollte ich ja nicht. Na, hört doch schon

auf mit eurem Geheule! Es sind doch Leute im

Gasthaus. Was sollen die sich denn denken?«

Mein Roß schrie förmlich.

Die fünf Waldstädte: Ein Buch für Menschen, die jung sind · 第 6 / 9 段