»Leute, die für so was das Geld geben. Es kostet
dreißig Mark pro Mann. Ein schweres Geld!«
»Oh,« sagte Moritz Cohn, »30 Mark for 'ne vierwöchige
Sommerfrische is immer noch 'n reeller
Preis!« ...
Sie kamen zum Arzt, wurden untersucht und
über vielerlei gefragt, und endlich fällte der
Mann mit der goldenen Brille den entscheidenden
Spruch:
»In die Ferienkolonie werden mitgenommen:
Gottlieb Scharfenberger und der Kleine da, der
Heinrich Menzel.«
Heinrich entfuhr ein kleiner Freudenschrei, und
der Arzt lächelte. Dann sagte er freundlich:
»Es tut mir ja leid, daß ich euch nicht alle sechs
schicken kann. Am liebsten schickte ich die ganze
Schule. Na, vielleicht kommt ihr anderen in
einem der nächsten Jahre dran. Jetzt könnt ihr
gehen.«
Draußen vor der Haustür sagte Moritz Cohn,
der nicht mit »ausgehoben« worden war: »Der
Mann is 'n Antisemit.«
Der Lahme aber fing in ohnmächtigem Zorn
an zu heulen.
* * * * *
Der Mond schien in die Stube, in der Heinrich
Menzel mit seinen Geschwistern schlief. So eng
die Klause -- und doch vor dem träumenden
Kinderauge die Welt so weit. Ein Waldtal stand
vor der jungen Seele, wie es phantastische Bilder
zeigen: himmelhohe Berge, ein klarblauer See,
eine Sägemühle am silbernen Bach, im Hintergrund
eine drohende finstere Burg.
»Du«, fragte ihn sein jüngerer Bruder, »ob es
da auch Wölfe und Löwen gibt?«
»Du bist dumm,« sagte Heinrich im Tone aufgeklärter
Leute, »Wölfe und Löwen gibt es nicht,
aber Hirsche in Menge und gewiß auch Räuber
und Wilddiebe.«
»Da würd' ich mich fürchten!« sagte der Kleine.
»Oh, ich fürchte mich gar nicht!« rief Heinrich
und setzte sich im Bette auf.
Er reckte seine dünnen, schwachen Ärmchen,
wie er an die Räuber und Wilddiebe dachte, die
es möglicherweise im Gebirge gab, und beschloß,
seine kleine braune Büchse mitzunehmen, die er
von dem reichen Hauswirtssohn bekommen hatte.
Die Büchse ging zwar nicht mehr los, weil die
Feder schon zerbrochen war, als er sie bekam,
aber gut würde es sich ausnehmen, wenn er sie
auf dem Rücken trüge. Die Hasen, Füchse und
Adler würden einen Schreck bekommen und
schleunigst die Flucht ergreifen, und das würde
ein Spaß sein. Augen würde er da machen --
oh! Wer sich nicht vor der Flinte fürchtete, sollte
vor den Augen ein Gruseln bekommen!
Und dann konnte er mit dem Munde so
täuschend einen Flintenschuß nachmachen, daß der
Erfolg gewiß nicht fehlen konnte. Und fischen
wollte er! Hechte fangen und Karpfen! Eine
Schnur für die Angel besaß er schon; einen
Stecken schnitt er sich aus dem Walde, und nur
der Angelhaken fehlte. Aber der würde sich wohl
finden; im schlimmsten Falle bog man eine Stecknadel
krumm. Da würden aber die Hechte was
zu zappeln haben! Blumen pflücken, Pilze
sammeln, nach dem Hexenhause im Walde
suchen und womöglich einen Räuber fangen
helfen! -- Oh!
Wieder reckte er die dünnen Ärmchen, und in
seiner Erregung sprang er aus dem Bett, öffnete
weit das Fenster und schaute hinaus.
Die goldenen Sterne funkelten in die Kinderaugen;
hinten am Horizont stand eine Wolke,
die sah aus wie ein zerklüftetes Bergland. Die
Firnen waren weiß vom Sternenlicht, und rundum
der Himmel war wie dunkelgrünes Wiesenland.
Ob dort drüben das liebe, gesegnete Land
der Waldfreiheit war?
* * * * *
Zwei Tage vor der Abreise in den Sommeraufenthalt
sagte der Lehrer in der Schule:
»Da also leider der kleine Heinrich Menzel an
schwerer Lungenentzündung erkrankt ist, wird
Moritz Cohn an seiner Statt in die Ferienkolonie
mitgenommen.«
Moritz Cohn bedankte sich und dachte im stillen:
»Man soll also nie eine Sache voreilig aufgeben;
's kann immer noch werden.«
Moritz war ein ganz guter Junge. Anfangs
beschloß er, Heinrich Menzel aufzusuchen; aber
dann dachte er:
»Was sollste sagen? Daß der's leid tut? Das
wird er nich glauben. Er wird bloß einen Gift
auf der haben. Wirst ihm eine Ansichtskarte schicken,
wenn se dort nich zu teuer sind.«
Im Fiebertraum war der kleine Heinrich immer
in den Bergen. Er ging auf die Jagd, fischte,
kämpfte mit Rittern und Räubern. Manchmal
lachte er zwischen dem Röcheln und Stöhnen
seiner Schmerzen selig auf.
Und einmal, als er einige Minuten unbewacht
war, sprang er aus dem Bett, öffnete das Fenster,
streckte die Arme aus und wollte hinaussteigen
und mitten durch die Luft ins grüne Land wandern.
Die Mutter erfaßte ihn noch, und es war
ein Wunder, daß kein Rückschlag der Krankheit
eintrat.
In der vierten Ferienwoche, als Heinrich schon
auf dem Wege der Genesung war, bekam er einen
Brief von Moritz Cohn:
Eulenhausen, den ...
Die Ansichtskarten sind hier schlecht und teuer.
Den Briefbogen hat der Wirt umsonst hergegeben,
und die 10 Pfennige auf die Marke kannst du mir
einmal wiedergeben, wenn du wirst Geld haben.
Lieber Heinrich, Räuber und Hechte gibt es
hier nicht. Es ist überhaupt nichts los, nichts wie
lauter Buschwerk, Kühe, Stallmägde und Heuwiesen.
Die anderen helfen auf dem Felde; ich
bin zur Erholung hier. Ein paarmal war ich
beim Kaufmann, welcher Krämer heißt. Es ist
ein jammervolles Geschäft. 3 Mark 50 Pfennig
Losung hat der Mann einmal auf den ganzen
Tag gehabt. Ich wundere mich, wo er den Kredit
hernimmt. Der Laden hat zwar eine gute Lage,
aber Eulenhausen ist überhaupt kein Geschäftsort.
Für Zucker nimmt der Mann bloß 2 Prozent,
und wieviel wiegt er ein!
Lieber Heinrich, da du so gern nach Eulenhausen
willst, so habe ich an meinen Vater geschrieben.
Wir werden's machen! Ich habe mit
dem Wirt gesprochen. 30 Mark bekommt er pro
Mann (da kommt er gut auf seine Rechnung).
Für dich wollte er auch 30 haben. Da habe ich
ihn ausgelacht: »Spaß,« habe ich gesagt, »30 Mark,
wo die Ferien vorbei sind, und es ist bloß die
lumpige Nachsaison.« 12 habe ich ihm geboten.
Er hat gelacht und hat noch hin- und hergeschmust,
und für 15 will er's machen. Der Lehrer hat
mich auch ein bißchen unterstützt. Aber mit der
Ferienkolonie ist das nun vorbei, die zahlt nicht.
Da macht's mein Vater. 15 Mark kostet es, mit
Reisespesen 18 Mark. Da hat sich der Vater mit
sechs anderen zusammengetan, von denen gibt
jeder einen Taler. Du kannst also, wenn du gesund
sein wirst, vier Wochen hierher kommen;
im September ist noch das schönste Wetter.
Es grüßt dich Dein Freund
Moritz Cohn.
Selig lächelnd lag Heinrich Menzel mit dem
Brief im Bette. Nun sollte er doch noch in sein
geliebtes Waldtal! Er sollte dann ganz allein
dort der Herr aller Berge sein ... Räuber und
Hechte gäb's nicht? Oh, Moritz hat sie bloß nicht
gesehen, hat den ganzen Tag beim Krämer gesteckt
und zugesehen, was der einnimmt.
Die große Freude trat als Wundertäterin an
Heinrichs Bett und machte ihn gesund.
»Ja,« sagte aber einmal Heinrichs Schwester
nachdenklich, »wenn es 18 Mark kostet und wenn
Moritz' Vater sich noch mit sechs anderen zusammengetan
hat, von denen jeder einen Taler
gibt, da hat er ja selber gar nichts gegeben!«
»Laß nur,« sagte Heinrich, »die Hauptsache ist:
er macht's. Die Hauptsache ist: ich kann in den
Wald!«
[Illustration]
[Illustration]
Gedeon.
Mein Onkel Eduard hatte zehn Kinder. Sein
linker Nachbar, der Krämer Franzke, hatte auch
zehn Kinder, und sein zweiter Nachbar, der Müller
Seiffert, hatte auch zehn Kinder.
Die befreundeten Familien standen natürlich
gegenseitig zu Paten. Im Winter brachten
Müller und Krämer meinem Onkel je zwei geputzte
Taler als Patengeschenk ins Haus; im
Sommer trug mein Onkel in Begleitung des
Krämers zwei Taler zum Müller, im Herbst in
Begleitung des Müllers zwei Taler zum Krämer.
So machten sich die Nachbarn gegenseitig »nobel«,
und des Bedankens und Verwunderns ob der
reichen Geschenke wollte immer gar kein Ende
werden.
Gott ließ regnen und seine Sonne leuchten
über all diese Gerechten. Die Kinder bekamen
prompt der Reihe nach Masern, Scharlach und
Diphtherie und wurden alle ebenso prompt
wieder gesund. Alle Jahre wurde ein neuer
Jungenanzug und ein neues Mädchenkleid für
die beiden Ältesten und Größten gekauft, während
sämtliche andere Garnituren um einen Jahrgang
nach unten rückten. So ist es kein Wunder, daß,
je kleiner die Kinder waren, desto unvorteilhafter
sie gekleidet erschienen und deshalb eifersüchtig
auf ihre Vorderleute Obacht gaben, ob sie ihnen
die nächstjährige Gewandung auch nicht allzu sehr
ruinierten.
Der ewig Neue, Strahlende, Moderne, Feine,
Ungeflickte aber war Gedeon, der Älteste, der
Kronprinz aus dem Hause meines Onkels. Eigentlich
hieß er nicht Gedeon sondern August, aber
er hatte sich den biblischen Heldennamen aus
eigener Machtvollkommenheit beigelegt, und es
hätte ihm den Titel niemand streitig zu machen
gewagt. Selbst Vater und Mutter und der alte
Kantor, ja sogar der Briefträger und der Gendarm
nannten ihn Gedeon.
Gedeon war unbestritten der Beherrscher sämtlicher
dreißig Kinder; der Älteste des Krämers
war ein schwächlicher Knabe, der für die Herrschaft
nicht in Betracht kam, und der Älteste vom
Müller war von Gedeon besiegt und unterworfen,
hörig gemacht worden.
Gedeon hatte eine so große Vorliebe für das
Alte Testament, daß er nicht nur sich selbst, sondern
auch jedem seiner Untertanen einen biblischen
Namen beilegte.
Bei den Knaben spielten die Namen der Brüder
Josephs und der kleinen Propheten eine
große Rolle. Schwieriger war die Benennung der
Mädchen. Eva, Rahel, Ruth, Sarah, Judith,
Mirjam, Lea, Rebekka, alles war schon vorhanden;
als daher des Müllers Jüngste, die im Kinderwagen
saß und in sanfter Unschuld an einer
Milchflasche sog, in das »Volk« aufgenommen
werden sollte, kraute sich Gedeon, der Namengeber,
verlegen hinter den Ohren und wußte keinen
alttestamentlichen Mädchennamen mehr. Schließlich
sagte er langsam: »Nun, vorläufig kann sie
heißen: die makkabäische Mutter.«
Darauf erteilte er dem Neuling mit seinem
hölzernen Schwerte den »Ritterschlag«, worauf die
makkabäische Mutter die Milchflasche weglegte und
erbärmlich zu schreien anfing.
* * * * *
In Ferientagen kam ich öfters in des Onkels
Haus zu Besuch. Mein Vater behauptete zwar in
einem schiefen Gleichnis, ich sei das elfte oder
gar das einundreißigste Rad am Wagen, aber
die Verwandten nahmen mich immer freundlich
auf, ohne sich sonst weiter darum zu kümmern,
was ich etwa äße oder tränke oder wo ich schliefe.
Es kam vor, daß ich schon zwei oder drei Tage
da war, ehe mich der Onkel bemerkte. Er hatte
mich im Gewühl übersehen.
Als ich das erste Mal auftauchte, musterte mich
Gedeon kritisch und unterzog mich einer Prüfung.
Ich mußte über einen ziemlich hochgehaltenen
Stock springen, was ich fertig brachte, dann befahl
er mir, ohne Leiter auf eine Linde zu kriechen,
was gänzlich mißlang. Auch die Aufgabe, der
Länge nach über einen beladenen Düngerwagen
wegzuspucken, erwies sich als zu schwer für mich.
Zuletzt sollte ich dem bösen Kettenhunde den
Saufnapf mit Wasser füllen, was ich eifrig ablehnte.
»Er kann nichts, und er hat Angst! Er ist ein
Muttersöhnchen!« sagte Gedeon verächtlich und
wandte mir den Rücken. Darauf wandten mir
auch alle anderen den Rücken. Ich war ein Dummkopf;
ich war ein Feigling. Ich hatte mich gesellschaftlich
unmöglich gemacht. Nur die makkabäische
Mutter nahm sich meiner ein wenig an,
indem sie mich ihren Breilöffel ablecken lassen
wollte.
[Illustration]
Zwei Tage lang litt ich als Unzünftiger, dann beschloß
ich, durch eine Tat von außergewöhnlicher
Intelligenz meine Schneidigkeit darzutun. Einen
schlimmeren Schimpfnamen als »Muttersöhnchen«
gibt es für einen Jungen nicht. Am liebsten
hätte ich abgestritten, je eine Mutter gehabt zu
haben.
Nun hatte ich von Hause eine alte Schnupftabakdose
mitgebracht, die ließ ich beim Krämer
füllen. Im Kinderstaate ging alsbald die Mär
von Mund zu Mund: »Er schnupft!« Das hörte
auch der Autokrat Gedeon, und was ich gewollt
hatte, geschah -- er suchte mich auf. Ich probierte
gerade, auf einer starken Wagendeichsel auf einem
Beine zu stehen, und fiel auf die Erde, als ich
des Gewaltigen ansichtig wurde. Da lächelte er
wieder verächtlich und hüpfte einmal höhnisch
auf einem Beine die ganze Deichsel entlang,
setzte sich aber doch zuletzt zu mir auf die Erde.
»Was kannst du eigentlich?« fragte er kalt.
»Ich hab' in Geographie ›gut‹ und im Aufsatz
›genügend plus‹,« sagte ich beklommen.«
Ob dieser Schulweisheit machte er nur eine
maßlos verachtungsvolle Gebärde mit der Hand.
Ich sah ein, daß ich mich da wieder greulich
philisterhaft benommen hatte.
Darauf legte er mir eine Reihe von Fragen vor:
ob ich boxen, angeln, kopfstehen, radschlagen,
Sechsundsechzig spielen oder wenigstens mit den
Ohren wackeln könne.
Nein, ich konnte von alledem nichts.
Gedeon runzelte finster die Stirn. Nie war
ein Prüfungskandidat in ärgeren Nöten als ich.
Da platzte ich heraus:
»Ich kann schnupfen!«
Er sah mich etwas freundlicher an.
»Wenn man richtig schnupfen kann, darf man
nicht niesen hinterher,« sagte er.
»Nein, nein, das darf man nicht,« beeilte ich
mich beizupflichten.
»Zeig' mir die Dose!« befahl er dann. Ich
reichte ihm die Dose hin und bat ihn, eine Prise
zu nehmen. Das tat er, und darauf blickten wir
uns an. Ich sah, daß Gedeon feuerrot im Gesicht
wurde, daß seine Nase hundert Runzeln zog, die
Muskeln zuckten, sich die Lippen fest aufeinander
preßten, die Augen tränten, sich das Gesicht verzerrte,
die ganze Gestalt bebte, und dann -- nahm
ich eine Prise und platzte augenblicklich los und
nieste siebzehnmal.
Als ich wieder geradestehen und keuchend Luft
schöpfen konnte, stand Gedeon gelassen an die
Wagendeichsel gelehnt und sagte:
»Du kannst nicht schnupfen! Ich habe nicht ein
einziges Mal geniest!«
In diesem Augenblick fing ihm heftig an die
Nase zu bluten.
Noch an demselben Tage wurde ich in das Volk
aufgenommen. Ich war stolzer darauf als auf
das beste Schulzeugnis, wenn ich auch gewünscht
hätte, Gedeon hätte mir einen prächtigen und
wohlklingenden Namen beigelegt. So aber hieß
ich »Habakuk«.
* * * * *
Gedeon war ein Held, sein Kopf war immer voll
kühner Pläne und eigener Gedanken. Gott weiß,
was in ihm steckte: ein Napoleon oder ein Räuberhauptmann,
ein grausamer Iwan oder ein Befreier
wie Washington. Jedenfalls eine unbeugsame
Herrennatur, ein Führer. Er irrte nie, er
bat nie um Entschuldigung, er war nie unschlüssig,
nie besorgt, alles Gelingen war ihm selbstverständlich,
er nahm immer das beste und gab stets
den Ausschlag. Holofernes, einer der Müllerjungen,
versuchte einmal, eine Revolution gegen
Gedeon anzuzetteln, gewissermaßen eine Art Konstitution
einzuführen, dem Volke eine Mitregierung
zu sichern. Die Folge war, daß ihn Gedeon sechs
Stunden lang in einen leeren Schweinestall sperrte,
worauf Holofernes und seine Sache der Lächerlichkeit
verfielen.
Gedeons Taten sind unzählbar.
Einmal zur Herbstzeit befahl mir Gedeon, mit
ihm beim geizigen Heinisch-Weber Pflaumen vom
Baum zu stehlen. Vor dem Garten des Webers
war der Fluß; Jenseits des Wassers stand des
Webers Pflaumenbaum, diesseits an der Landstraße
eine Linde. Wir erklommen also die Linde
und rutschten auf einem Aste weit, weit hinaus bis
über den Fluß. Ich hatte eine Todesangst vor
einem Unglück, aber eine noch viel größere vor
Gedeon. So ließ ich nichts merken und rutschte
mit. Gedeon zog einen Ast des Pflaumenbaumes
über das Wasser, pflückte die verbotene Frucht
und gab mir davon. Ich aß standhaft, immer mit
Grausen hinunter auf den Strom blickend, und
sagte dann schüchtern:
[Illustration]
»Gedeon, ich glaube, die Pflaumen zu Hause
in unserem Garten schmecken doch besser.«
Da spuckte er einen Pflaumenkern in den Strom
und sagte:
»Habakuk, du bist ein Schafskopf!«
In diesem Augenblick kam der Weber mit
einem Knüppel aus dem Hause gelaufen; ihm
folgte seine Gattin mit einem Besen. Ich riet zu
schleuniger Flucht, aber Gedeon hielt mich mit
eiserner Hand fest. Inzwischen rannten die
empörten Pflaumenbesitzer über eine Brücke,
kamen die Straße herauf, langten an der
Linde an.
»Wart', ihr Kanaillen, -- kommt nur herunter
-- kommt nur herunter! Hier bleiben wir stehen,
und wenn's bis übermorgen dauert.«
Wir waren belagert. Kein Entrinnen möglich.
Wir waren auf Gnade und Ungnade der bewaffneten
Macht da unten verfallen.
»Heinisch,« rief Gedeon mit ernsthafter Miene
hinunter, »Heinisch, ich sage Ihnen, es ist ein
Kunststück, auf einer Linde Pflaumen zu
pflücken!«
Heinisch geriet ob dieser neuen Frechheit in
neue Wut und schwor, uns beide mausetot zu
schlagen, wenn wir nur herunterkämen.
»Ich werde gleich kommen!« sagte Gedeon,
kletterte bis auf den untersten Ast und fixierte
von da die Webersleute:
»Also: wenn ich bis drei gezählt habe, springe
ich runter und spring einem von Euch gerade auf
den Schädel! Eins, zwei, dr--ei!«
Kreischend wichen die Weberleute beiseite,
Gedeon langte mit eleganter Kniebeuge auf der
Straße an und begab sich in mäßiger Eile von
dannen.
Ich aber, ich armer Habakuk, saß nun verlassen
und einsam in meiner belagerten Baum- und
Stromfeste. Meine Gedanken und Gefühle will
ich nicht schildern, sondern bloß angeben, daß ich
schon nach drei Minuten fest überzeugt war, meine
Position ließ sich nicht länger halten. So klomm
ich langsam bis auf den untersten Ast und sagte
schüchtern:
»Ach, Herr Heinisch, sind Sie nur nicht böse,
ich komm jetzt auch runter. Wenn ich bis auf
drei gezählt hab', dann komme ich. Eins, zwei,
drei!« Und dann rutschte ich langsam den Stamm
hinab.
Was soll ich sagen? Ich wurde gefangen genommen
und barbarisch behandelt. Als ich wieder
zu Gedeon kam, empfing er mich in höchster Ungnade.
Auch er bekam ja sicher auf die Anzeige
des Webers hin am nächsten Tage seine Prügel
in der Schule. Das war ein unabwendbares
Naturereignis. Was aber mir passiert war, das
hielt Gedeon für ehrenrührig.
* * * * *
Gedeon übte über uns alle die volle Herrschaft
aus; er war nicht nur unser König, er war auch
der oberste Priester.
Seine geistliche Lieblingsbeschäftigung aber war
das Eheschließen. Er hatte ein Gesetz aufgestellt,
nach dem jede zehnjährige männliche und jede
achtjährige weibliche Person seines Reiches ein
Recht auf Verheiratung hatte. Dabei verfuhr
er oft gewalttätig. Er bestimmte die Paare;
er hatte seine eigene Frau Judith entlassen,
weil sie ihm einen Riß im Jackenärmel so schlecht
zugestopft hatte, daß die Mutter den Schaden
bemerkte, er hatte diese Judith zwangsweise an
des Krämers Nabuchodonosor verheiratet und
diesem dafür die nadelfertige Esther abgenommen.
Das Volk murrte zwar über solche Gewaltakte,
aber zu einer Empörung kam es nicht.
Nun war wieder einmal die Osterzeit genaht,
und ich hatte mich am Gründonnerstag als
Feriengast im Hause des Onkels eingefunden.
Aber noch ein zweiter Fremdling war da, ein
liebliches neunjähriges Mägdelein aus Breslau,
eine Verwandte der Müllerleute.
Dieses Mägdelein war etwas unendlich Feines.
Es hieß Hildegard und war nie schmutzig. Es
sprach hochdeutsch und hatte immer ein Taschentuch
bei sich. Es hatte Spitzen am Wochentagskleide
und sagte »bitte« und »danke!«, ohne daß
es sich schämte. Es klopfte bei fremden Leuten
sogar erst an die Tür an, ehe es eintrat, und
tat noch mehr solch unerhörte Dinge. Und sein
Vater war Postschaffner, das war noch mehr als
Briefträger. Ja, es war vorauszusehen, daß
Hildegard nach einem Jahr in die höhere Töchterschule
gehen und alle fremden Sprachen lernen
würde.
Am ersten Tage zogen sich alle Kinder von dem
fremden Mädchen zurück. Eine große Scheu ergriff
das Volk. Da stand die schöne Fremde einsam
und richtete die großen blauen Augen in
die Ferne, nach der sie Heimweh hatte.
Die makkabäische Mutter brach den Bann. In
ihrer dreijährigen Zudringlichkeit redete sie die
Feine an, und nun kamen alle anderen Mädchen
und bildeten einen Hofstaat um die Prinzessin,
und nach und nach suchten sich auch die Jungen
durch Vorführung ihrer Kunststücke und Aufzeigen
ihrer Reichtümer bei der »Neuen« in Gunst
zu setzen. Nur Salmanassar beging eine Taktlosigkeit,
indem er der Feinen als Geschenk einen
alten Taschenkamm anbot, den sie ablehnte.
Gedeon allein hielt sich abseits. Er war schwer
verwundert in diesen Tagen, daß neben ihm
etwas auftauchen könne, das derart imponiere.
Doch bald schüttelte er die Beklemmung von sich.
Er versammelte das ganze Volk im Garten und
führte alle seine Kunststücke vor, auch die Riesenwelle
und sogar den Totensprung. Und ich bemerkte,
daß er oft auf die Fremde sah, ob es ihr
auch gefiele, ob sie auch staune. Die aber saß da
mit ihrem stillen Gesichtchen, und am Schluß sagte
sie nur:
»Ich habe einmal im Zirkus gesehen, daß eine
Frau sich eine große Stange ganz frei auf die
Brust setzte und ein Mann an der Stange hochkletterte
und oben turnte. Und die Stange wurde
nicht gehalten und fiel nicht um.«
Gedeon erbleichte. Aber dann sagte er: »O,
das könnte ich auch, wenn ich nur eine Frau hätte,
die sich die Stange auf die Brust stellt.«
Das Mädchen erzählte weiter vom Zirkus:
viele abenteuerliche aufregende Dinge. Dann
sagte sie, sie sei schon einmal im Theater und einmal
sogar im Zoologischen Garten gewesen, erzählte
von Tänzerinnen und Bären, vom Aschenbrödel
und vom Kamel, von schönen Engelein
und drolligen Affen, vom Königssohn und vom
Nilpferd.
Das erstemal in seinem Leben fand Gedeon
keine Worte, stand stumm unter seinem Volk,
fühlte sich übertrumpft, gedemütigt von diesem
kleinen Mädchen. Das erstemal sah das Volk
mit einer gewissen Mißachtung auf ihn, auf seine
Kenntnisse, auf seine Künste. Minutenlang stand
er so still da, nur sein Kopf färbte sich rot. Und
plötzlich ging er auf das Mädchen zu, schüttelte es
an den Schultern und sagte: »Du -- du bist
eine dumme Gans!« Und ging davon.
Eine Stunde später rief er abermals das Volk
zusammen und sagte: »Wer noch einmal -- noch
ein einziges Mal mit der spricht, den stoß ich aus,
und der darf nie mehr mit uns sein!«
* * * * *
So tat er die Fremde in die Acht.
Das Mädchen war einsam, aber auch Gedeon
war einsam. Mit finsterem Gesicht aß er den
Osterbraten, mit finsterem Gesicht trug er seinen
neuen Anzug, nachdem er dreimal an der Fremden
vorübergegangen war und sie kein Wort über
seine Leibeszier gesagt hatte. Friedlos wanderte
Gedeon hin und her und landete immer und
immer wieder in der Nähe des Mädchens. Selbst
in der Nacht fand er keine Ruhe. Ich sah ihn
einmal aufrecht in seinem Bette sitzen und hörte
ihn mit sich selber sprechen. »Einen richtigen
Feuerfresser hat sie gesehen? Einen Elefanten,
der Trompete bläst? Ach, Unsinn!« Und warf
sich um in sein Bett, saß aber bald wieder mit
wachen Augen träumend da. Und sprach leise
und schmerzlich zu sich: »Sie ist schöner als alle!«
Und wieder nach einer Weile hörte ich etwas --
was ich nicht für möglich gehalten hätte -- hörte
ich, daß Gedeon ingrimmig schluchzte.
Am nächsten Morgen erschien die Rebekka vom
Müller und meldete, die Fremde wolle nach
Hause. Es sei ihr bange, es gefalle ihr hier gar
nicht. Gedeon geriet in große Erregung:
»Sie wird nicht fort -- sie darf nicht fort --
das werde ich ihr austreiben!«
* * * * *
Es war ein Wunder geschehen. Gedeon und
die Fremde waren ausgesöhnt. Sie wanderten
mit strahlenden Gesichtern durch den Garten,
und Gedeon erweckte durch hundert Kunststücke
im Herzen des Mädchens Liebe und Bewunderung.
Am Nachmittag wurde sie in das »Volk«
aufgenommen. Wir waren alle gespannt, wie
die Neue heißen würde, da doch der Vorrat an
Mädchennamen erschöpft war. So machte es
einen tiefen Eindruck auf uns, als Gedeon dem
schönen Kinde sein hölzernes Schwert auf die
Schulter legte und mit glücklicher, ja, mit triumphierender
Stimme sagte:
[Illustration]
»Ich nehme dich auf in das Volk und nenne dich:
die Königin von Saba.«
Holdselig lächelnd schaute das Mädchen zu dem
Helden auf, und alles Volk neigte sich vor ihr.
Ein wenig später nahm mich Gedeon zur Seite
und sagte:
»Ich werde die Königin von Saba heiraten!«
»Du hast doch schon die Esther!«
»Ach, die -- schaff' ich ab. Ich muß die Königin
von Saba zur Frau haben, ich muß! Und wer
was dagegen sagt, der --« Er runzelte die Stirn.
Ich aber fand es unerhört, erst eine Judith laufen
zu lassen und dann auch noch einer Esther den
Laufpaß zu geben.
»Was werden aber die andern dazu sagen?«
Er machte eine verächtliche Miene.
»Das ist egal! Die Esther wirst du heiraten
oder der Zebulon.«