Der Kirchturm von Waldauendorf war schlechter

Laune. Er hatte auch Ursache dazu. Was meint

man, was einem alten, ehrwürdigen Kirchturm

alles passieren kann? Angebunden hatten sie

ihn wie einen Hund! Da waren solche schnippische

Kerle aus der Stadt gekommen, hatten

eine endlos lange eiserne Schnur hinter sich hergeschleppt,

sie an Bäumen und Masten befestigt

und schließlich auch den Kirchturm daran gebunden.

Also so etwas soll sich ein alter, ehrwürdiger Herr

heutigen Tags gefallen lassen! Der Turm guckte

mit seinen großen Augen, die als Wimper eine

schöne Jalousie hatten, zornig auf die städtischen

Knirpse, die einen mächtigen Haken in seine

Seite schlugen und ein Porzellanhütchen daraufsetzten.

Nun tut ja einem Kirchturm ein eingeschlagener

Haken nicht mehr weh, als wenn andere

Leute sich mit einer Stecknadel pieken. Auch das

Porzellanhütchen hätte man sich gefallen lassen

können wie einen schmucken Westenknopf.

Aber die Schnur! Daß er angebunden wurde,

das ging gegen seine Ehre!

Der alte Herr, der als braver Kirchturm sonst

sehr christlicher Gesinnung war, hatte plötzlich einen

feindseligen Gedanken. Er lugte nach dem Waldrand

hinüber und wünschte, die Schweden möchten

kommen und die Frechlinge, die unten auf

der Leiter hämmerten und bastelten, mit ihren

Kanonen herunterschießen. Der Kirchturm kannte

die Schweden. Erst neulich waren sie dagewesen;

es konnte höchstens zwei- oder dreihundert Jahre

her sein. Da hatten sie das Dorf beschossen, und

auch dem Kirchturm steckten noch ein paar Kanonenkugeln

in den Gliedern, wie einem Bauern,

der zur Treibjagd war, die Schrotkörner.

Damals hat der Turm die Schweden als die

Feinde seiner Gemeinde gehaßt und ein halb

zorniges, halb jubelndes Glockenlied gesungen,

als sie endlich abziehen mußten. Aber jetzt

wünschte er sie sich her. Die würden schon die

bösen Buben, die ihn an die Leine legen wollten,

vertreiben. Beim ersten Schuß würden sie ausrücken.

Natürlich, wie's so ist: braucht man einmal

Schweden, sind sie nicht da. Die Männlein vollendeten

ihr Werk und zogen mit einer anderen

Schnur weiter durchs Dorf und in den Wald hinein.

Der Kirchturm war nach zwei Seiten hin

angebunden.

[Illustration]

O Schmach! Was nutzte es ihm nun, daß er

seit zehn Jahren einen sehr feinen hellgrauen

Anzug besaß; was nutzte es, daß ihm der Herr

Pfarrer neulich einen ganz neuen roten Hut versprochen;

ja, was nutzte ihm sogar sein größter

Stolz: daß er vor zwanzig Jahren eine richtig

gehende Taschenuhr bekommen hatte? Die alte

Sonnenuhr, die er einige hundert Jahre getragen,

war schließlich etwas eingestaubt gewesen, und

man hatte ihm eine Uhr mit richtigen Ziffern und

Rädern gekauft. Da hatte er in seinem Stolz und

seiner Freude den ganzen Tag darauf geschielt,

wie spät es sei. Schöne Zeit war das!

Jetzt war alles dahin: sein Schmuck, seine Ehre,

seine frohe Laune. Er war angebunden! -- -- --

Der Abend kam. Durch die Mauerluke des

Turmes ging der Wind wie schluchzendes Atmen,

und ein paar kalte Tropfen rannen über seine

großen Augen.

Was hatte er seiner Gemeinde getan, daß sie

ihm diese Schmach widerfahren ließ? Hatte er

nicht freudig sein Lied gesungen zu ihren Festen?

Hatte er nicht sein tröstendes Sprüchlein gesagt,

wenn eine Seele am Scheiden war; hatte er

nicht in wilden Sturmnächten, wie in den

Blütenstunden des Mai Wache gestanden an

ihren Gräbern; hatte er nicht als erster jedem

Heimkehrenden, der aus der Fremde kam, einen

Willkommensgruß zugewinkt? Und sein golden

Kreuzlein hatte er über Hof und Haus, Feld

und Wald gestreckt, wie einen immerwährenden

Segen. -- -- --

Ein paar Tage vergingen. Wieder war es

Abend.

Die Schulmagd kam, die Glocke zu läuten. Der

Turm tat seine Pflicht: er sang seinen Abendsegen.

Aber in seiner Stimme war ein Klang

von Trauer und Herzeleid. --

Unten knarrte das Kirchhoftürchen.

Die junge Frau Annemarie kam. Sie ging

schnell und aufgeregt. Ihre Blicke irrten über

den Kirchhof. Und sie fiel vor dem großen Kreuz

auf die Knie, das unter der Linde stand.

»Erbarm dich, Herr, erbarm dich! Laß mein

Kind nicht sterben! Laß mein Kind nicht sterben!«

Sie wiederholte schluchzend immer dieselben

Worte.

Der Kirchturm wußte Bescheid. In ein paar

Tagen mußten seine Glocken klingen über einem

kleinen Grab, und in sein Läuten würde sich

lautes Mutterweinen mischen und der Gesang:

»In der Blüte deiner Jahre ...«

Der Turm kannte das. Es war das alte Lied

seit vielen, vielen hundert Jahren. Mütter weinen

an den Gräbern am schmerzlichsten.

»Erbarm dich, Herr, laß mein Kind nicht

sterben!«

Wieder ging die Kirchhofstür. Der alte Herr

Kantor kam. Er war wohl der Annemarie nachgegangen.

»Der Arzt muß kommen!« sagte er zu ihr.

Sie blickte ihn an wie irr.

»Der Arzt? Ehe ein Bote in die Stadt kommt

und den Arzt holt, ehe der Arzt kommt und das

Kind untersucht, ehe er wieder nach der Stadt

zurück ist und von dort die Medizin schickt, ist das

Kind tot -- ist es tot!«

Da sprach der Kantor etwas, was der Turm

durchaus nicht verstand; er sagte:

»Ich werde dem Arzt telephonieren!«

Und er zog die weinende Annemarie mit sich

fort. -- -- --

Was wird er dem Arzt? Telephonieren? Was

war das? Es ist wahr, das Gehirn des Kirchturms

war schon ein bißchen morsch, und er mußte

sich Mühe geben, Neues zu begreifen. Dafür war

sein Herz gut und darum sein Gefühl unendlich

fein geblieben.

O, was war das für ein wundersamer Abend!

Der Kirchturm, der mit allen Sinnen spähend stillstand,

hörte plötzlich die Stimme seines alten Kantors.

Er schielte nach unten, nach dem Kirchhof,

nach der Dorfstraße: der Kantor war nicht zu

sehen. Seine Stimme klang etwas verschleiert,

aber sie war doch deutlich genug, daß der Turm

alles verstand. Das heißt, er verstand die Worte,

der Sinn aber erschien ihm gänzlich konfus.

Also, der Kantor, der doch im Waldauendorfe

war, sprach mit dem Arzt, der in der Stadt war;

der Kantor erklärte den Zustand von Annemaries

Kinde, und der Doktor sagte: jawohl, das sei

Diphtherie, er werde sofort kommen und das

Kind impfen, da werde es wohl wieder gesund

werden.

So verdutzt war der Kirchturm noch nie gewesen

in seinem langen Leben, und als eine

Stunde später eine Fuhre mit dem Doktor wirklich

durchs Dorf fuhr, bekam er Atembeschwerden

und Herzbeklemmung.

Ehe der Arzt zurückfuhr, begleitete ihn der

Kantor ein Stück die Dorfstraße hinunter, und der

Turm hörte, was die beiden sprachen, als sie vorbeigingen:

»Es ist doch gut, daß Sie jetzt die elektrische

Leitung haben,« sagte der Arzt; »bei dem Kinde

war keine Zeit zu verlieren.«

»Ja,« sagte der Kantor, »in meinen jungen

Jahren hätte ich es nicht für möglich gehalten, daß

man einmal einen Draht an meinen alten Kirchturm

befestigen und daß ich durch diesen Draht

über Berg und Tal sprechen können würde. Eine

neue Zeit!«

»Keine schlechte Zeit!« sagte der Arzt.

Die Männer trennten sich; der Kirchturm

schnappte nach Luft. Also die Schnur, an die er

gebunden war, war ein Draht, und durch diesen

Draht konnte man bis in die Stadt sprechen!

Der Turm dachte nach, daß ihm die Balken

seines Gehirns knackten -- aber er kriegte nicht

zusammen, wie das alles möglich sein könne.

Da faßte ihn tiefe Betrübnis. Er holte schwer

Atem und sprach zu sich selbst:

»Wenn ich schon meine Gemeinde nicht mehr

verstehe, wünschte ich, ich wäre tot. Vielleicht

kommen die Schweden und erschießen mich, oder

die Leute reißen mich weg und bauen einen

neuen und klügeren Turm!«

So stand er traurig die ganze Nacht. Am

nächsten Morgen aber hörte er aus dem Draht

heraus die Stimme des Herrn Pfarrers. Der

sprach mit einem Dachdeckermeister in der Stadt

und bestellte tatsächlich den neuen roten Hut für

den Turm.

»Wir müssen den alten Herrn schon etwas heraus

putzen,« sagte der Pfarrer, »denn er ist ja im

Nebenamt jetzt sogar Telephonbeamter geworden.«

Telephonbeamter! Da habt ihr's! Da ist man

ein großes Tier und weiß es gar nicht, da ist man

ein Beamter und hat keine blasse Ahnung von

seinem Beruf! Aber das sollte jetzt anders werden!

Telephonieren wollte der Turm, was das

Zeug hielt.

Die gute Laune war plötzlich in goldenstem

Maße wieder da. Der Turm sah nach seiner

Taschenuhr. 9 Uhr! Wenn es der Dachdecker

ebenso eilig hatte wie gestern der Doktor, konnte

die Sache mit dem roten Hut also um 10 Uhr

losgehen.

So schnell ging's nun nicht. Aber der Turm

war immerfort in großem Glücksgefühl; er wußte,

daß er nach wie vor seiner Gemeinde diente.

So mußte wohl auch auf den neuen Wegen der

alte Gott regieren. Und hoch hob der Turm sein

golden Kreuzlein über seine Gemeinde.

[Illustration]

Ein Abenteuer auf der Themse.

Von meinem Freunde erzählt, dem die Geschichte

passiert ist.

»Weißt Du, was die ~Oxford-Cambridge Boat

Race~ ist? Nichts Genaues? Also eine Ruderwettfahrt

in Achtern zwischen den Studenten der Universität

Cambridge und Studenten von Oxford.

Eine alte Sache. Schon seit 1829 im Schwange.

Die Cambridger sind die Hellblauen und die

Oxforder die Dunkelblauen. Natürlich wettet die

Hälfte von London auf Hellblau, die andere

Hälfte auf Dunkelblau. Die Damen tragen

dunkel- oder hellblaue Toiletten, Hüte, Schleifen

(natürlich die Farbe, die sie am besten kleidet);

Herren tragen hell- oder dunkelblaue Krawatten,

Kinder hell- oder dunkelblaue Fähnchen,

die Droschkenkutscher hell- oder dunkelblaue Bänder

an den Peitschen. Ein Volksfest, ein Rummel!

Ganz London auf der Themse oder wenigstens

an der Themse.

Also, ich stand damals mit einem großen Sportblatt

in Verbindung, war reiselustig und fuhr

extra von Berlin nach London, um an der ~Oxford-Cambridge

Boat Race~ teilzunehmen und meinem

Blatt Bericht zu erstatten. Ich wußte, daß der

Statt der Studenten bei Putney, zwei Stunden

oberhalb Londons, stattfand und hatte nach mancherlei

Mühe einen Platz auf dem Pressedampfer

bekommen, von dem aus das Schauspiel am besten

zu beobachten war.

In London treffe ich einige Bekannte und mache

mit ihnen eine lange Nacht. Als ich um fünf

früh ins Hotel kam, fühlte ich mich ruhebedürftig

und schlafe und schlafe und schlafe richtig bis dreiviertel

zehn Uhr.

Punkt 10 Uhr aber fuhr der Pressedampfer vom

Londoner Kai aus hinaus nach Putney. Ich

erschrak. Heraus aus dem Bett und die Unterhose

verkehrt anziehen war eins. Donnerwetter!

Donnerwetter! So ein Lumpenkerl -- ich! Extra

nach London gekommen, und nun -- wo sind

die Strümpfe? -- Wenn bloß der Kragen nicht

so blödsinnig eng -- Waschen? Verrücktheit! Ich

wasche mich andermal wieder -- Himmel, da ist

ja mein linker Schuh am rechten -- Portier!

Portier! ~Waiter! Waiter!~ Einen Wagen! Ein

~cab~! Sofort!

Ich flog die drei Treppen hinab und stieß mir

sechs Beulen, auf jeder Treppe zwei, saß im

Wagen, versprach dem Kutscher eine königliche

Belohnung. Der Kerl hatte hellblaue Peitschenschnüre,

und ich trug eine dunkelblaue Mütze. Er

ein Cambridger, ich ein Oxforder! Trotzdem fuhr

er großartig. Ich ein Oxforder, o nein, ein Ochse,

ein großer Ochse! Zu verschlafen! Kutscher, wir

müssen, müssen, müssen zurechtkommen!

Und wir kamen zurecht. Ich konnte gerade

noch den Pressedampfer abdampfen sehen. Ich

streckte die Arme nach ihm aus, ich brüllte wie

ein Stier hinter dem Schiffe her, dann setzte ich

mich auf einen Straßenstein und knirschte vor

Wut mit den Zähnen. Es war mir, als müsse

ich den bummeligen Kerl, der das verschuldet

hatte, beim Kragen kriegen und in der Themse

elend ersäufen -- mich!

Extra von Berlin gekommen in dies blödsinnige

Nest, wo die Dampfer so pünktlich abgehen,

und jetzt, wo's da draußen losgeht, kauere

ich hier wie ein trauriger Affe auf dem Straßenstein.

Müde erhob ich mich. Keine Möglichkeit, auf

anderem Wege nach Putney zu kommen. Ein

Boot? Unsinn, das kam gerade hinaus, wenn

der Start längst vorüber war. So schlenderte ich

in seltsamen Gefühlen und eigenartigen Selbstbetrachtungen

den Kai entlang.

Da sah ich dicht an der Ufermauer einen stattlicher

Dampfer liegen. Leer! Nur ein paar Bedienungsmannschaften

lungerten träge herum, und

der Kapitän spazierte auf Deck hin und her.

Ein Gedanke! Ein rettender Gedanke!

»Sir!« rufe ich dem Kapitän zu, »ich habe den

Pressedampfer verpaßt, was mir äußerst unangenehm

ist, und ich muß nach Putney, ich muß!

Wollen Sie mich, mein Herr, auf Ihrem Schiff

nach Putney fahren?«

»Aber sehr gern, mein Herr!« erwiderte er in

freundlichstem Ton; »ich habe gerade Zeit, und es

wird mir ein Vergnügen sein, Sie nach Putney

zu fahren.«

Hurra!

»Und welches ist der Preis für den Extradampfer?«

»O, mein Herr, der Preis ist Nebensache. Steigen

Sie nur ein!«

»Ja, ~my dearest~, so ungefähr möchte ich wohl ...«

»Steigen Sie nur ein, Sir, Sie werden sehr zufrieden

sein. Indes vergeht sonst unnütz die

Zeit.«

Das sah ich ein, und ich bestieg das Schiff, auf

die Gefahr hin, daß mir hinterher der Mann eine

riesige Summe abverlangte. Ich mußte doch nach

Putney! Ein Kommandowort nach dem Maschinenraum,

ein Signal, das Schiff setzte sich in Bewegung.

Und ich war sein einziger Passagier!

An einem solchen Tage, wo sonst alle Schiffe überfüllt

waren! Ein freudiger Stolz, ein Gefühl

großer Vergnügtheit ergriff mich.

Der Kapitän trat an meine Seite und sagte:

»Mein Herr, Sie werden gewiß das wundervolle

bunte Leben und Treiben auf der Themse

und an ihren Ufern, wie es gerade der heutige

Tag bringt, beobachten wollen. Wir haben hier

an Bord einen brillanten Auslugposten. Sehen

Sie, hier, wo die Bordwand unterbrochen und

durch ein schmales Geländer ersetzt ist! Stellen

Sie sich hierher! Hier sehen Sie alles.«

Ich war dem liebenswürdigen Manne aufs

äußerste dankbar, drückte ihm gerührt die Hand

und stellte mich an den bezeichneten Platz.

Eine prachtvolle Aussicht! Eben kommt eine

blumengeschmückte Gondel vorbei. Dunkelblaue

Fahnen, alle Insassen mit dunkelblauen Abzeichen.

Oxforder!

Da -- mit einem Male stutzen die Leute im

Boot, betrachten mein Schiff, betrachten mich und

-- brechen in ein schallendes Gelächter aus.

»O, Ihr lieben Oxforder! Ihr seht wohl meine

dunkelblaue Mütze, seht, daß ich von Eurer Partei

bin, ahnt, daß ich mir einen Extradampfer gechartert

habe, um noch nach Putney zu kommen,

und bringt mir diese jubelnde Ovation?! Seid

bedankt, Freunde, seid bedankt!«

Und ich schwenke vergnügt meine dunkelblaue

Mütze. Als die Leute das sehen, jubeln sie noch

viel lauter. Entzückend, diese übersprudelnde Fröhlichkeit!

Da -- ein Boot mit Hellblauen! Die gegnerische

Partei. Aber auch sie -- auch sie brechen ja

in ein jubelndes, in ein schallendes Gelächter

aus ...

Nanu!

Was haben die Kerle zu lachen?

Aha, das ist Hohn! Sie sehen, daß ein Dunkelblauer

sich verspätet hat und ein Extraschiff nehmen

mußte. Glaubt nur ja nicht, ihr dummen

Kerle, daß ich mich über euch ärgere! Im Gegenteil,

ich schwenke herausfordernd meine dunkelblaue

Mütze und wundere mich nur, daß diese

hellblauen Kunden so blödsinnig vergnügt weiter

lachen. Na ja, die Hellblauen, von denen kann

man alles erwarten.

Potz Blitz, was ist das dort drüben am Strande?

Ein Menschenauflauf. Männer, Weiber, Kinder

stürzen herbei, und alles zeigt auf mein Schiff

und auf mich, der ich an seinem sichtbarsten Punkt

stehe, und eine donnernde Lachsalve tönt vom Ufer

herüber. Die Männer fuchteln mit den Armen,

einzelne Frauen setzen sich platt auf die Erde

und scheinen sich in Lachkrämpfen zu winden,

Buben schlagen Purzelbäume vor Vergnügtheit,

und immer neue Scharen strömen, nein, stürzen

herbei und stimmen in das Gelächter ein.

Ich winke hinüber -- stürmischer Jubel! -- ich

begucke und betaste bestürzt meinen Anzug --

zwerchfellerschütternde Heiterkeit, -- ich drehe

mich verwirrt dreimal um meine Achse -- ein

brüllendes Gewiehere -- ich reiße einen kleinen

Spiegel aus meiner Tasche und betrachte mich --

die Leute wollen bersten!

»Um Himmels willen, Kapitän, was ist denn

los?«

Er sieht mich mit freundlichem, unendlich wohlwollendem

Gesichte an.

»Ein bißchen verrückt,« sagt er phlegmatisch.

»Was, ein bißchen verrückt? Total verrückt ist

diese Gesellschaft!«

Ein zweites, drittes, viertes -- zehntes Boot

fährt vorüber, und alle, alle, alle Insassen lachen,

lachen, lachen ein wahnsinniges, tollhäuslerisches

Gelächter.

Darüber werde ich völlig verwirrt. Ich drehe

mich wie ein Kreisel, ich werfe die Arme wie

Windmühlflügel, ich deute nach der Stirn, um die

Leute auf ihren Geisteszustand aufmerksam zu

machen.

Sie lachen, sie lachen Stürme!

»Kapitän, sagen Sie mir -- erklären Sie mir

um Himmels willen -- das ist ja -- das ist ja --«

»~Boat race~,« sagte er schmunzelnd.

»Aber Mann, wenn auch heute Oxford-Cambridge-Tag

ist, braucht doch dieses Volk nicht über

einen anständigen Ausländer in ein so verrücktes --«

Ein Schrei. Ein »Seelenverkäufer«, in dem

zwei Leute gesessen haben, ist gekentert. Die

Kerle klammern sich an ihr Boot, kämpfen mit

den Wellen und lachen, lachen, -- -- -- sie ersaufen

beinahe und zeigen doch auf mich und

lachen -- lachen --

Also -- irgend jemand mußte hier verrückt sein!

Und da doch wahrlich nicht ganz London plötzlich

toll geworden war, so war wahrscheinlich ich -- --

Ein Angler, der am Ufer sitzt, zieht eben einen

Fisch aus dem Strom, sieht mich, kriegt augenblicklich

Schreikrämpfe und fliegt samt Angelrute

und Fisch kopfüber ins Wasser. Mich überläuft

es siedendheiß. Ich zittere vor Aufregung.

Da -- ein Marineschiff kommt daher. Endlich

ein ernstes Fahrzeug. Ein wildes, knallartiges

Gelächter der Mannschaft samt den Offizieren ...

Also doch!! Elender Porter! Elender Brandy!

Eine einzige Nacht, und ich bin -- -- o, es ist

nicht zum Ausdenken! Vielleicht befinde ich mich

gar nicht auf einem Schiff; vielleicht bilde ich mir

das alles bloß ein! -- Aber hier stehe ich doch,

hier halte ich doch das Geländer, hier ist doch

die Themse!

»Es ist ein guter Tag heute!« sagt freundlich

der Kapitän.

»Guter Tag?«

Ich fange an, einfach radzuschlagen und die

Beine nach oben zu strecken.

Rundum dröhnt die Luft, knallt, prasselt, ächzt,

stöhnt, heult es vor Gelächter. Am Strande, auf

kleinen Booten, auf Segelschiffen, auf Dampfern,

überall, überall diese entsetzlich lachenden Menschen.

Ich drehe mich um die horizontale oder

um die vertikale Achse wie eine Spule oder wie

ein Flugrad. Mit einem Wort: ich rotiere.

Der Kapitän behält seinen menschenfreundlichen,

wohlwollenden, zufriedenen Gesichtsausdruck.

Unheimlich, grauenhaft ist meine Lage.

Da endlich sehe ich den Pressedampfer. Selbst

in meinen Kinderjahren habe ich nicht an Zauberei

geglaubt, jetzt aber bin ich felsenfest überzeugt,

daß ich mich auf einem verhexten Schiffe

befinde.

»Halt! Kapitän, halt! Ein Boot! Ich will

da hinüber! Da auf den vernünftigen Pressedampfer.

Verlangen Sie meinetwegen, was Sie

wollen, nur lassen Sie mich von diesem blödsinnigen

Schiff herunter!«

Dort -- dort sammeln sich die Hell- und Dunkelblauen

zum Start. Die ganze internationale

Pressegesellschaft sieht zu. Aber plötzlich verliert

für sie die ~boat race~ alles Interesse, alle wenden

sich meinem Schiff zu, und ein internationales

Gelächter erdröhnt, untermischt mit Jubelrufen in

aller Herren Sprachen.

Kalter Schweiß rinnt mir von der Stirn. Auch

diese -- auch diese Internationalen! Nur mühsam

fuchtele ich noch mit den Armen.

»Was bin ich Ihnen schuldig?« keuche ich.

»Nichts!« sagt der Kapitän.

»Nichts? Für einen Extradampfer -- nichts?

Ach ja -- ich -- ich -- bin ja --«

»Im Gegenteil,« fährt der Kapitän fort, »meine

Gesellschaft ist Ihnen zu großem Dank verpflichtet,

und ich bedaure nur, daß es nicht möglich ist,

Sie beständig für uns zu engagieren. Sie wären

eine Goldgrube für uns. Bitte, behalten Sie dies

zum freundlichen Andenken!«

Er gibt mir ein kleines Paket. Mir ist schon

alles eins; ich nehme das Paket.

»Also nichts?« lallte ich.

»Nichts!« sagte er. »Im Gegenteil: tausend

Dank!«

Endlich sitze ich in einem Boot, das mich nach

dem Pressedampfer bringen soll, von dem unaufhörlich

das Gelächter weiterdröhnt.

Wie ich etwas Distanz gewonnen habe, wage

ich es, einen Blick auf das verlassene Zauber- und

Gelächterschiff zu werfen.

Da sehe ich -- -- -- daß der ganze mächtige

Schiffsrumpf mit schreienden Plakaten bedeckt

ist.

Ein Reklameschiff ist es.

Und ich lese:

»Beechams Pillen! Beechams Pillen! Alle

Krankheiten kommen aus der Leber! Und die

Leber wird einzig geheilt durch Beechams Pillen!

Wer an Cholera, Verstopfung, Gehirnschwund,

Bartlosigkeit, Krätze, Triefaugen, Plattfüßen,

Buckel, roter Nase, Hühneraugen oder Altweiberrunzeln

leidet, nehme Beechams Pillen!!!«

Die Liste war noch viel länger, noch viel beleidigender.

Die Hauptsache aber:

Unter dem Auslugposten, auf dem ich gestanden

und auf dem ich in der Erregung meine wilden

Bewegungen mit den Händen und Beinen

gemacht hatte, war eine Riesenhand mit nach oben

gestrecktem Zeigefinger gemalt und daneben

stand:

»Sehet diesen Mann! Er hat an sämtlichen

Krankheiten gelitten, die an unserem Schiff verzeichnet

stehen. Er hat Beechams Pillen genommen

und ist kuriert worden. Seht seine freundlichen

und kräftigen Bewegungen!«

* * * * *

Das kleine Paket, das mir der wohlwollende

Kapitän zum Andenken überreicht hatte, enthielt

eine Schachtel Beechams Pillen.

[Illustration]

Die Ferienkolonisten.

»Durch die Güte freigebiger Menschen kann auch

in diesem Jahre wieder eine Anzahl bedürftiger

Kinder in die Ferienkolonie geschickt werden.«

Es gab einen Tumult in der Klasse, als der

Lehrer das sagte. Doch er setzte bald einen

Dämpfer auf die Freude.

»Pst! Wir haben 400 Kinder in der Schule,

und davon dürfen wir nur sechs vorschlagen, von

denen wieder der Schularzt nur zwei auswählt.

Also, von den 400 Kindern unserer Schule können

nur zwei in die Ferienkolonie mitgenommen

werden.«

»Heißt 'n halbes Perzent,« brummte Moritz

Cohn auf der hintersten Bank. Er beschloß, bei

so schlechten Chancen auf dies Geschäft erst gar

nicht zu reflektieren.

Anders Heinrich Menzel. Er saß ganz vorn,

war der kleinste und schwächlichste von allen.

Tagelang zerbrach er sich den Kopf, ob er zu den

zwei Auserwählten gehören würde, betete inständig

zum lieben Gott um diese Gnade, verfiel

zuletzt sogar in Aberglauben, indem er Vaters

alten Würfelbecher zum Orakel machte. Einen

Wurf mit den drei Würfeln! Wenn es über

16 wären, würde es mit der Ferienkolonie glücken.

Schon hatte er den Becher in der Hand, da setzte

er die Schicksalszahl von 16 auf 14 herab.

Er warf 18!

Und richtig wurde er am nächsten Tage unter

die sechs Kandidaten eingereiht, aus denen der

Schularzt als oberste und unwiderrufliche Instanz

die zwei Glücklichen auswählen würde, die

auf vier lange Wochen das unsägliche Glück haben

sollten, in einem grünen Gebirgsdorf zu leben,

fern von den engen Straßen und dumpfen Höfen

der Großstadt.

Der kleine Trupp der sechs Buben machte sich

auf den ziemlich weiten Weg zum Schularzt.

Auch Moritz Cohn gehörte zu ihnen. Vornweg

stelzte Karl Perschke mit seinem lahmen Bein.

Wie ein Anführer zog er daher, überzeugt, daß

ihn sein sichtliches Gebrechen zum Siege führen

würde. Fritz Neumann prahlte mit den eiterigen

Mandelentzündungen, die er hinter sich hatte.

»Das ist noch gar nichts,« warf Gottlieb

Scharfenberger ein, »zweimal Diphtherie, einmal

Scharlach und einen Leistenbruch, das soll mir erst

mal einer nachmachen. Die Zahnkrämpfe gar

nicht mitgerechnet.«

Dagegen kam sich allerdings Heinrich Menzel

mit seinen lumpigen Masern und seinem Ziegenpeter

gerader ärmlich vor.

[Illustration]

»Der Max Scholz, der sollte erst gar nicht mitmachen,«

sagte einer verächtlich, »er ist bloß zweimal

übers Treppengeländer gefallen.«

»Aber einmal vom zweiten Stock herunter, und

da hat der Kopp gelitten,« verteidigte sich Scholz.

»Ach was, Kopp! Kopp ist nicht so schlimm!«

»Ich hab auch was für mich,« dachte Moritz

Cohn. »Ich bin der einzige Jude in der Schule,

und ganz können sie unsere Religion auch nicht

ausschließen. Wir müssen berücksichtigt werden!«

So zog der kleine Trupp dahin in Hoffen und

Bangen, und keiner der vielen reichen Leute, die

ihm begegneten, dachte daran, daß da sechs auszögen,

um vier Wochen grüne Waldjugend zu

suchen.

Die fünf Waldstädte: Ein Buch für Menschen, die jung sind · 第 4 / 9 段