Waldmühle nun täglich am Morgen und am
Abend. Wenn es der Müller hörte, war ihm
nicht wohl dabei, denn außer dem Gelde liebte er
am meisten sein Kind. Aber er glaubte, mit der
Zeit würde das Mädel seine »Mucken« schon verlieren,
und alles würde gut und schön sein, wenn
erst einmal ein Glöcklein auf dem Baum erschien
und läutete.
Sonst auch hatte der Müller verschiedene Verdrießlichkeiten.
Der neue Knecht, den er für das
Jakoble eingestellt und dem er gleich in der ersten
halben Stunde probeweise eine Ohrfeige gegeben
hatte, hatte ihm zwei Ohrfeigen dafür zurückgegeben.
So etwas ist kränkend für einen Mann,
der auf Ansehen hält, ist ebenso sehr gegen die
Achtung wie gegen das Wohlbefinden eines Hausherrn.
Und dazu das blasse Mädel mit seinem traurigen
Lied!
So kam es, daß der Müller einmal bis spät in
die Nacht munter war und auch dann noch nicht
in den dicken Federbetten lag, als die Uhr schon
auf halb zehn Uhr zeigte. Wie er nun so sorgenvoll
und still am Tische saß, spitzte er plötzlich die
Ohren und machte Augen wie ein Luchs; er tat
sogar etwas, was er noch nie in seinem Leben
getan hatte -- -- er öffnete das Fenster.
Und nun hörte er es deutlich!
Unten im Garten, auf dem Apfelbaum, läutete
ein Glöcklein. Silbern klar schallte sein Stimmlein
durch die Nacht: Müller, die Zeit ist erfüllt,
Müller, der Schatz ist reif!
Erbleichen konnte der Müller nicht; dafür war
sein Gesicht zu rot; aber blaßrosa wurden seine
Wangen, und der Schreck schüttelte seine Glieder,
wie der Wind einen Eichbaum schüttelt.
Das Glöcklein läutete, läutete immerzu. Da
ging der Müller zögernden Fußes hinaus in den
Hof, suchte einen Spaten und rief sein Kind herbei.
»Trudelchen,« sagte er leise, »hörst du es
läuten? Die Zeit ist erfüllt. Der Schatz ist reif.
Komm mit mir, wir wollen ihn heben.«
»Ach, was nützen mich alle Schätze der Welt,«
sagte das Mädchen. Aber es ging mit dem Vater.
Die Nacht war dunkel; große, schwarze Wolkenberge
ragten in den Himmel, und der Wind flog
von der Erde zu den dunklen Bergen hinauf; er
zog um ihre Gipfel und zerwühlte ihre Abgründe.
Dann löste es sich los von den Bergen wie große
Adlervögel, die aufgescheucht waren und mit
zuckenden Schwingen über den Himmel zogen.
Das Glöcklein war verstummt. Es hing an
dem untersten Ast des Apfelbaumes, und eine
weiße Schnur war an ihm befestigt. Der Müller
und sein Kind gingen auf den Zehenspitzen zu dem
Baume hin. In des Müllers Auge flackerte die
Geldgier, in des Mädchens Augen war die alte
Trauer, und in beiden wohnte die Furcht.
Ächzend setzte sich der Müller schließlich unter
den Apfelbaum. Ein wenig verpusten, erst ein
wenig verpusten.
So war nun der große Augenblick gekommen,
auf den seine Eltern gehofft, nach dem er selbst
von frühester Jugend an ausgeschaut hatte. Erfüllt
war seine Sehnsucht, der ganze goldene
Segen des Reichtums war nahe und gewiß.
»Trudel, du wirst dir einen Fürsten heiraten
oder gar einen Offizier,« sagte er traumhaft glücklich
vor sich lächelnd. Das Mädchen schüttelte
den Kopf.
»Der Reinhard ist kein Fürst und kein Offizier,«
sagte es in seiner großen Treue.
»Wird alles anders, alles anders! Nur ein
wenig verpusten!«
Da kam aus der Erde ein starkes Klopfen. Der
Müller sprang auf; er glaubte, es komme ein Erdbeben.
Zweimal holte er noch tief Atem, dann
sagte er:
»Rasch machen, rasch, damit die glückliche Zeit
nicht vergeht! Auch ist es hier sehr unheimlich.
Hörtest du das Poltern in der Erde?«
Und er stieß den Spaten ins Gartenland und
geriet augenblicklich auf einen Widerstand, der
sich als ein starkes Brett herausstellte.
»Die Kiste, Trudel, die Kiste!«
Es war wirklich der Deckel einer Kiste, den der
Müller in rascher, aufgeregter Arbeit bloßlegte.
Dieser Deckel hatte über ein Meter im Geviert.
Es war eine Riesenkiste, und der Müller sagte in
schwerster Beklemmung:
»Trudelchen, wenn sie voll puren Goldes ist,
müssen es an die tausend Taler sein!«
[Illustration]
Auf einmal hob sich der Deckel der Kiste von
selbst -- der Müller und die Trudel wichen erschrocken
zurück -- der Kistendeckel wurde beiseite
geschleudert -- und wie aus einem Grabe heraus
erstand eine Gestalt und ragte mit dem halben
Körper aus der Erde.
Es war Reinhard.
»Müller,« rief er mit feierlicher Stimme, »wisse
und glaube: ich bin der Schatz, der dir und deiner
Mühle und deiner Trudel bestimmt ist. Höhere
Mächte haben mich hier eingegraben; jetzt bin ich
Euch verliehen und Euer eigen.«
Das Trudelchen hatte erst ein bißchen erschrocken
aufgequiekt, aber dann stand es eins, zwei, drei
neben Reinhard in der Kiste und rief immerfort:
»Ja, ja, ja, so ist es, so ist es, so ist es!«
Und plötzlich kam etwas aus dem Zaungebüsch
dahergerannt, und ob es auch geisterhaft aussah,
wie es so daherhuschte, erwies es sich doch bei
näherer Betrachtung als das Jakoble, und das
rief:
»Ja, das ist der geheimnisvolle Schatz! Ich
weiß es und kann es bezeugen.«
Um das Schmerzliche ganz kurz zu sagen: den
Müller erfaßte eine Riesenwut. Er prügelte zuerst
das Jakoble windelweich, dann stürzte er sich auf
Reinhard, und er brüllte so laut, daß alle Leute
in der Mühle zusammenliefen. Denen erklärte
er nun in japsenden Sätzen, mit einer Stimme,
die vor Wut schrill wurde und sich überschlug: er
sei genarrt, sei betrogen, sei von Spitzbuben geprellt;
sein kostbarer Schatz, der unter dem Apfelbaum
gelegen, sei ausgegraben, sei von diesen
Dieben und Räubern gestohlen, und sie müßten
nun alle, alle an den Galgen.
In der Nähe wohnte ein doppelter Sicherheitsmann,
der zu gleicher Zeit Bahnwärter und
Polizist war. Dieser Mann wurde herbeigeholt,
Reinhard und Jakoble wurden überwältigt, es
wurden ihnen Hände und Füße gebunden, wie es
Räubern geziemt, und ihnen dann befohlen, mit
dem Sicherheitsmann nach dem Amtsgefängnis
zu marschieren. Zwecks Ausführung dieses
Polizeibefehls mußten den Gefangenen die Füße
wieder freigegeben werden.
Die Trudel weinte so laut, daß der ganze Hof
und Garten aufwachte, die Vögel zu zwitschern,
die Kühe zu brummen begannen und der Hahn
zu krähen anfing.
* * * * *
Eberhard Schleifle, der Bahnwärter und Polizist,
beförderte durch die dunkle Nacht seine beiden
Gefangenen zum Gerichtsgefängnis, das zwei
Stunden von der Waldmühle entfernt war. Er
trug als Waffe einen Spieß, der so schwer war
wie weiland der Spieß Goliaths: sein Schaft war
wie ein Weberbaum. Da nun Eberhard Schleifle
den ganzen Tag schwere Bahnwärterdienste getan
hatte, indem er fünf Eisenbahnzüge an sich hatte
vorüberfahren sehen, so war er müde und gab dem
Jakoble seinen Amtsspieß zu tragen. Zu diesem
Zweck band er ihm die Hände los. Auch den Reinhard
befreite Schleifle von den Handfesseln, weil
sie ihn in dem Augenblick behinderten, als alle
drei gemeinschaftlich eine Prise Tabak schnupfen
wollten. Als die drei nun auf solche Weise ans
Gefängnis kamen, war dieses geschlossen. Es ist
auch nicht mehr als recht und billig, daß Gefängnisse
des Nachts geschlossen sind. Der Polizist kehrte
also mit seinen Gefangenen in ein Gasthaus
ein, wo eben eine Hochzeit gehalten wurde, und
gedachte da den Morgen abzuwarten. Er und
Jakoble tanzten mit den Brautjungfern, Reinhard
aber hielt sich traurig beiseite, denn er dachte
an die Trudel. Am nächsten Morgen wurde er
mit Jakoble eingekerkert. Die Zelle war so eng,
daß Reinhard seufzte und sprach: »Hier hat man
fast so wenig Luft wie in der Kiste, als sich der
Müller grade oben auf das Luftloch gesetzt hatte;
denn da wäre ich fast erstickt und mußte gewaltig
anklopfen.«
* * * * *
Ach, du schwere Zeit! In der Waldmühle
schlug die Uhr keine gute Stunde mehr. Der
Müller ging in verbissener Wut umher; die Trudel
weinte sich die Augen rot, wenn sie daran dachte,
wie Reinhard und Jakoble von dem barbarischen
Eberhard Schleifle so roh davongeführt worden
waren.
Nun war es damals wie immer im Mai: es war
kalt. Die Eisheiligen hatten sehr strenge Herrschaft
aufgetan, und der Müller saß eines Abends
am Ofen und fror. Es war um die Dämmerstunde,
und alle Leute waren in den Ställen beschäftigt.
Der Müller war allein.
Da tat sich die Tür auf, und ein fremder Mann
trat ein, der war in einen schwarzen Mantel gehüllt
und hatte den Hut tief ins Gesicht gezogen.
Er grüßte nicht und stellte sich dem erstaunten
und erschrockenen Müller ganz nahe gegenüber.
Und er tat seinen Mund auf und sprach ohne jede
weitere Einleitung:
»Müller! Müller! Gold ist Wind!«
Damit griff er dem Müller, der ganz verblüfft
dasaß, an die Nase, zog ihm eine Menge Dukaten
heraus und warf das blinkende Gold in die Luft,
wo es spurlos verschwand. Dann sprach der
Fremde weiter:
»Müller! Müller! Gold ist Wasser.«
Und er griff aus der Luft die Dukaten zurück,
ließ sie am Herdfeuer auf seiner flachen Hand
glänzen und steckte sie darauf in den Mund, worauf
er einen Strahl Wasser auf den Fußboden
spuckte, lachte und weitersprach:
»Wenn nun Gold Wind und Wasser ist, müssen
alle Wind- und Wassermüller im Lande reich
werden.«
Dem Müller standen die Haare zu Berge, und
er vermochte es nicht, ein Wörtlein zu sagen.
Der Fremde aber sagte:
»Auch in der Erde liegt Gold.« Er bückte sich
darauf nach dem schwarzen Estrich der ungedielten
Stube und hob da viele Getreidekörner auf, die
zuvor dort nicht gelegen hatten. Er zeigte dem
Müller die Körnlein, und sie wurden zu Goldmünzen.
»Wenn nun,« sprach der Fremde mit ernster
Stimme, »Wasser und Wind und Erde Gold sind,
warum hängst du so sehr am geprägten Golde?
Wisse, es ist nicht gleich, ob du sagst: ›Wind ist
Gold‹ oder ob du sagst: ›Gold ist Wind.‹ Es ist
ganz etwas anderes, es ist das Entgegengesetzte.
Verstehst du das?«
Der Müller schüttelte den Kopf; in diesem
Augenblick hätte er überhaupt nichts verstanden.
[Illustration]
Der Fremdling nahm nun den Hut ab und
strich sich durch die Haare. Da zischten und blitzten
Flammen daraus; auch begann die Nase des unheimlichen
Gastes in grellem Lichte zu leuchten.
Zwei große Augen richteten sich auf den zitternden
Müller, und der Fremde sprach:
»Den wahren Schatz hast du verschleudert; den
Mann, der dir aus Wind und Wasser und Erde
Gold gemacht hätte, hast du verjagt, und als ihn
dir die höheren Mächte zurückbrachten, hast du
ihn einem abscheulich verrohten Kerkermeister
übergeben. Wenn du ihn nicht freimachst und ihn
nicht deiner Trudel vermählst, so wird all dein
Hab und Gut zerrinnen, so bist du über Jahr und
Tag ein Bettler. Bedenke das wohl. Ich sage
es, ich, der große Zauberer Kiutschitsufilutschi.«
Und der Zauberer griff mit der rechten Hand
eine kleine Trommel, mit der linken einen
Schläger aus der Luft, schlug einen kurzen,
dumpfen Wirbel, öffnete seinen Mund und spie
Rauch und Flammen aus, warf Trommel und
Schläger durchs geschlossene Fenster hinaus, nahm
eine große Wurst vom Tisch, die sich zusehends in
eine Schlange verwandelte und ihm in den Halskragen
kroch, verwandelte ein Stück Speck, das
dalag, in eine Maus, die in seine Rocktasche
schlüpfte, und verschwand knarrend durch die Tür.
Den Müller schwitzte und fror in dem gleichen
Augenblick. Lange saß er fassungslos da, dann
schrie er um Hilfe. Das Trudelchen kam gesprungen
und war außer sich vor freudigem Schreck,
als ihr der Vater keuchend sagte:
»Trudelchen, zieh dir eine Jacke an; wir müssen
augenblicklich den Reinhard aufsuchen, und du
mußt ihn heiraten! Es ist etwas Schreckliches
geschehen: du mußt jetzt den Reinhard heiraten,
oder ich werde ein Bettler.«
O, wie flink hatte das Trudelchen die Jacke an
und das Tuch über den Kopf gebunden! Die
beiden machten sich nun auf und gingen zu Herrn
Schleifle, der eben vor der Tür seines Bahnwärterhauses
damit beschäftigt war, sich mittels
eines Steines auf der Schiene Haselnüsse aufzuklopfen.
Er hielt in seiner Arbeit inne und sah die beiden
erwartungsvoll an.
»Schleifle,« sprach der Müller, und man hörte
ihm an, daß ihm das Reden schwer wurde,
»Schleifle, du bist ein Mann der Gerichtsbarkeit.
Du hast den Reinhard eingesperrt und mußt nun
sehen, daß du ihn wieder herausbekommst, denn
mein Trudelchen muß ihn heiraten.«
Herr Schleifle war sehr erstaunt, und indem er
einige Haselnußschalen von der Schiene putzte,
dachte er bei sich: Ei, ei, seht an, das Mädel hat
den Alten herumgekriegt; nun soll es ihn aber
auch was kosten! Er schob also seine Amtsmütze
aufs linke Ohr und sagte:
»Reinbringen ist leicht; rauskriegen ist schwer!
Reinhard sitzt da drin im Namen des Gesetzes;
ich kann ihn nicht begnadigen.«
Der Müller griff in die Hosentasche und ließ
von ungefähr einen blanken Taler sehen, aber
Schleifle, der schnell im stillen ausrechnete, drei
Taler seien mehr als einer, meinte:
»Die Obrigkeit sieht nicht aufs Geld. Reinhard
ist nun einmal ein Räuber und muß dafür
brummen.«
In diesem Augenblick kam ein Zug angesaust.
Herr Schleifle, der dieses Ereignis nicht vermutet
hatte, sprang beiseite und stand stramm,
in der einen Hand den Stein, in der anderen die
Haselnußtüte. Auch als der Zug fort war, blieb
Herr Schleifle fest und meinte, die Geschichte mit
Reinhard sei ein schwerer juristischer Fall und
er könne da vorläufig nichts tun.
Mit diesem Bescheid mußten sich die beiden
begnügen, und der Müller ging verdrossen mit
dem weinenden Trudelchen heim. Was sollte nun
werden? Der unheimliche Fremde, der so unerhörten
Zauber ausüben konnte, hatte gedroht,
der Müller würde zum Bettler werden, wenn der
Reinhard die Trudel nicht heiratete. Und Schleifle
war als Beamter wie von Stahl und Eisen. Was
sollte nun werden?!
Eine schwermütige Nacht brach an. Das Trudelchen
war schluchzend nach seiner Schlafkammer
gegangen; der Müller saß allein und hörte den
Nachtwächter die zehnte Stunde tuten. Die Zukunft
lag erschreckend und trostlos vor ihm. Wie
der Fremdling Trommel und Schlägel durchs
geschlossene Fenster geschleudert hatte, so würde
all Müllers Geld und Gut auf die Gasse fliegen,
er mochte es verschließen und bewachen, wie er
wollte. Und wie sich Müllers schöne Wurst und
sein saftiges Stück Speck in eine Schlange und eine
Maus verwandelt hatten, so würde all seine Habe
der Geier holen. Wer kam gegen Zauber an?
Wie nun der Ärmste noch in so schweren Gedanken
dasaß, hörte er plötzlich vom Garten her
wieder das silberhelle Klingen des Glöckleins.
Mit drei Sätzen war der Müller im Hof, ergriff
den Spaten und eilte nach dem Garten. O, wenn
der Reinhard wieder unter dem Baume in der
Erde steckte, welch ein Glück!
Der Müller stieß den Spaten in den Rasen,
hob die Schollen ab, grub, grub um den ganzen
Baum herum, und fand schließlich ein Kästlein,
das zwar nicht ganz klein war, aber sich doch bequem
in den Händen tragen ließ.
Wie betäubt stand der Müller mit dem Kasten
da, stand wohl länger als fünf Minuten still,
ehe er die Kraft fand, mit dem Schatz nach der
Stube zu gehen.
Dort öffnete er den Kasten und stieß einen
jubelnden Schrei aus.
Gold! Gold! Gold! Pures, eitles, blinkendes
Gold! Flimmernde Stücke ohne Zahl! Der
Müller schloß die Augen, nahm drei, nahm zehn
Münzen, nahm beide Hände voll und lachte und
schluchzte und verschluckte sich und bekam einen
Krampfhusten vor lauter Freude.
Zehnmal wühlte er die Hände in den goldenen
Segen. Das war ein Reichtum ohne Maß. Auch
Diamanten, Rubinen und schimmernde Smaragdsteine
waren unter den Münzen, und manch einer
von den Edelsteinen war so groß wie ein Taubenei.
Der Müller brach in Tränen aus. Er war
reich, reich wie kein Mensch der Welt, reicher als
der Kaiser, reicher als der Sultan, reicher selbst
als Herr von Pritzewitz, der drei Rittergüter besaß!
Nun war alles gut und herrlich, nun konnte
sich sein Trudelchen goldene Schuhe und silberne
Schürzen kaufen, und jeder Jackenknopf sollte
ein Demant sein. Und den Reinhard wollte er
loskaufen, den Reinhard --
Hm! Halt! Halt! Hm! Vorsicht! Immer sachte!
Man brauchte nichts zu voreilig zu tun, man
konnte es sich überlegen. Wer war er jetzt, der
Müller, wer war die Trudel, und wer war der
arme Reinhard? Unerhört wäre es, wenn ein
Müllerbursch eine Prinzessin heiratete, die die
Erbin solcher Güter war, die einen Fürsten oder
gar einen Offizier bekommen könnte. Müller
übereil' dich nicht! Wenn das Mädel das hier
sieht, diese Pracht, diesen märchenhaften Reichtum,
dann wird sie schon von selbst vernünftig werden.
Der Zauberer? Der Zauberer mit seiner Prophezeiung?
Wo ist seine Prophezeiung? Wenn
er der Teufel gewesen ist, muß er ein sehr dummer
Teufel gewesen sein. Ist das der Rückgang von
Müllers Wohlstand? Kann soviel Geld und
Reichtum überhaupt je zu Ende gehen? Unsinn!
Müller, sei fest, jetzt kann dir kein böser Geist mehr
was anhaben. Halloh, nun mußte noch alles
anders, ganz anders kommen, mußte so kommen,
wie es der Müller wünschte. -- --
Es klopfte ans Fenster. Der Müller erschrak
und schloß den Kasten. Draußen an den Scheiben
wurde das rote, umfangreiche Riechorgan Herrn
Schleifles sichtbar. Der Müller ging in den Hof
hinaus.
»Was willst du?«
Herr Schleifle machte eine hoheitsvolle Amtsmiene.
»Müller,« sagte er, »ich hab mir's überlegt und
die Gesetzbücher nachgeschlagen. Ich könnte den
Reinhard doch vielleicht freikriegen. Aber es ist
ein schwieriger Fall. Und Spesen wird's machen,
viel Spesen.«
Der Müller sah Herrn Schleifle hochmütig an.
»Ich brauch' dich nicht mehr, Schleifle. Es ist
anders gekommen. Meinetwegen kann nun der
Reinhard solange im Gefängnis sitzen, wie ihm und
den Herren Richtern beliebt. Nicht einen Pfennig
gebe ich für ihn her.«
Damit schlug er dem verdutzten Gerichtsmann
die Tür vor der Nase zu und ging nach der Stube
zurück. Dort wartete er, bis er sich völlig unbeobachtet
wußte, und öffnete dann wieder sein
Schatzkästlein.
Da starrten seine Augen -- -- da stieß er einen
Schrei aus, der durch die ganze Mühle gellte, und
fiel schwer zu Boden. -- -- --
Das Trudelchen fand ihren Vater vor einem
geöffneten Kästlein, in dem nichts war als ein
paar Scherben, ein paar Kieselsteine, ein Bündelchen
dürres Gras und ein Häufchen Asche.
* * * * *
Vierzehn Tage lang lag der Müller krank, dann
stand er auf, tat Geld in seinen Beutel und
wanderte nach dem Amtsgericht. Dort fragte er
nach Reinhard. Er hörte, daß Reinhard und Jakoble
inzwischen nach der Stadt hineingeschafft und dort
von dem Gericht freigegeben worden wären, da
keine Schuld an ihnen gefunden worden sei.
Der Müller wanderte nach der Stadt und fragte
nach Reinhard und Jakoble. Sie waren auf und
davon; niemand wußte wohin.
Da ging der Müller aus der Stadt hinaus,
setzte sich auf einen Wiesenrain und schluchzte zum
Steinerbarmen. Nun wußte er, daß sein Glück
dahin war, wußte, wie grausam sich die Prophezeiung
des fremden Zauberers erfüllen
würde. Eine ingrimmige Reue erfaßte den
Müller. Wie hatte er sein Glück verscherzt! Nun
mußte er ein Bettler werden, wenn er Reinhard
nicht fand und nicht Schuld und Strafe von sich
und seiner Mühle abwandte. Suchen mußte er
den Reinhard, suchen, und wenn ihm die Füße
bluteten.
* * * * *
Jahrelang wanderte der Müller durchs ganze
Land. In allen Herbergen, auf allen Straßen
fragte er nach Reinhard und Jakoble. Er fand sie
nicht. Oft glaubte er, eine Spur zu haben, doch
er verlor sie immer bald wieder. Oft auch beschloß
er heimzukehren; aber er fürchtete sich. Vielleicht
war inzwischen seine Mühle abgebrannt, seine
Trudel gestorben; vielleicht war auch sein Besitztum
verpfändet und sein Kind davongetrieben
worden in die weite Welt. Das hätte er nicht
ertragen; viel lieber wollte er suchend durch die
ganze Welt irren, um am Ende doch noch, wenn
er seine Schuld gesühnt hatte, Reinhard zu finden
und für sich und sein Kind das Glück zurückzugewinnen.
So wurde der Müller wirklich ein Bettler.
* * * * *
Nach Jahren, als seine Haare und sein Bart
lang und grau geworden waren, kam er in eine
Stadt und setzte sich müde auf eine Bank, die
unter einer großen Linde war. Ihm gegenüber
war ein schmuckes, ansehnliches Haus, davor hing
ein blinkendes Becken, wie es die Barbiere als
Aushängeschild haben. Über der Tür stand:
Heinrich Bimske, Frisier- und Rasiersalon. Im
Fenster, an der Tür und an den Wänden waren
große Plakate, darauf stand in fetten Lettern zu
lesen: »Bimskes Universalsalbe!« »Bimskes unfehlbares
Haarwasser!« »Bimskes wohlriechende
Mundpastillen!« »Bimskes weltbekanntes Zahnschmerzmittel!«
Und so waren noch viele Schilder
und eines in roten Buchstaben lautete: »Alles
eigene Erfindung«! Auch wurden »Wahrsagen«,
»Hühneraugentod« und eine wunderbare
»Wünschelrute« angezeigt.
Nach einiger Zeit trat ein gelenkes Männlein
aus dem Laden, kam auf den Müller zu und sagte:
»He, Herr Nachbar, Ihr seid wohl hier fremd?
Wollt Ihr Euch vielleicht Kopf- und Barthaar
scheren, Schröpfköpfe setzen oder wahrsagen lassen?
Alles schmerzlos und konkurrenzlos billig! Erste
Firma am Platz.«
Der Müller schüttelte den Kopf; aber dann
fragte er schüchtern, was wohl das Wahrsagen
koste.
»Von 25 Pfennig an aufwärts!« erwiderte das
Männlein flink; »kommt ganz auf die Qualität
an, mein Lieber. Aber da ich sehe, Ihr wollt nicht
viel ausgeben, und da jetzt gerade stille Geschäftszeit
ist, kommt nur mit! Fünfzehn Pfennig wird
Euch für einen klaren Blick in die Zukunft nicht
zu viel sein.«
Der Müller kramte in seinen Taschen, brachte
fünfzehn Pfennige Kupfergeld zusammen und
ging mit dem Barbier in eine Stube, wo es recht
kunterbunt aussah von allerhand geheimnisvollen
Dingen, als da sind: Totenköpfe, Eulen, Phiolen,
und Siedekessel, seltsame Waffen, Urnen, alte
Bücher. Vor allem aber fiel dem Müller ein
Kästchen auf, das auf das Haar jenem Kästchen
ähnlich war, das er einst unter dem Apfelbaum
daheim ausgegraben und das ihm erst so viel
Glück und dann so viel Kummer und Herzeleid
gebracht hatte.
»Was möchtet Ihr nun wissen?« fragte der
Wahrsager.
Der Müller seufzte und erzählte seine ganze
Geschichte, vor allem, wie er nun seit Jahren Land
aus, Land ein den Reinhard suche, der ihm allein
sein Glück und seine Ruhe wiedergeben könne.
Während dieser Erzählung rückte der Wahrsager
unruhig hin und her, kratzte sich auf dem
Kopf und wurde abwechselnd blaß und rot. Als
der Müller geendet hatte, wandte sich der Barbier
ab und sagte:
»Ja -- hem -- das tut mir leid -- ja hem --
das hätte ich nicht gedacht -- nicht -- nicht gewollt
und ich -- ich -- nun wartet, da muß Euch ein
stärkerer Geist helfen, als ich bin.«
Ein Viertelstündchen verging, dann trat Kiutschitsufilutschi
ins Zimmer. Der Müller stieß
einen Schrei aus; aber der Zauberer beruhigte
ihn und sprach: »Ich komme als dein Freund!
Deine Schuld ist gesühnt; ziehe nach Hause, du
wirst wieder glücklich werden.«
Darauf legte er eine Schlange auf den Tisch;
sie verwandelte sich in eine Wurst. Er ließ eine
Maus aus dem Ärmel krabbeln; sie verwandelte
sich in ein Stück Speck.
»Das nehmt,« sagte der Zauberer; »ich glaube,
ich blieb es Euch schuldig. Und dann nehmt noch
diese drei Taler, setzt Euch auf die Eisenbahn und
fahrt heim!«
* * * * *
Und der Müller fuhr wirklich nach Hause. Als
er seiner Mühle ansichtig wurde, überfiel ihn
heftiges Zittern aus Angst und Sorge, wie er da
alles antreffen werde.
Plötzlich sah er das Jakoble. Es ging eben mit
einer Sense aufs Feld.
»Jakoble! Jakoble!« schrie der Müller; »sag,
bist du's? Sag, wo ist der Reinhard?«
Das Jakoble erschrak, erkannte den Müller und
wollte Reißaus nehmen. Erst auf die klagenden
Zurufe des alten Mannes kam er näher.
»Jakoble, sag mir, wo ist Reinhard? Sag mir,
was ist aus meiner Trudel und meiner Mühle
geworden?«
Da duckte sich Jakoble und sagte:
»Meister, gebt Ihr mir keine Ohrfeige?«
»Nie mehr!« sagte der Müller. »Nie mehr,
liebes Jakoble.«
»So will ich Euch sagen: die beiden sind längst
verheiratet, und es geht ihnen gut.«
»Sie sind -- sind verheiratet?«
»Ja! Ihr, Meister, seid den Weg nordwärts
gegangen und habt uns nicht gefunden; aber die
Trudel ist südwärts gegangen, und da saßen wir
beide, als wir aus dem Gefängnis heraus waren,
ganz nahe bei der Mühle. Und da haben sie sich
halt geheiratet. Und zwei Kinder haben sie, und
Geld haben sie auch.«
»So, so,« nickte der Müller. »Es ist gut. Nun
wollen wir heimgehen.«
Sie gingen. Unterwegs blitzte dem Müller
durch den Kopf, da alles gut gehe, müsse er sehen,
daß er nun das Heft wieder in die Hand bekomme.
Man könne ja nicht wissen, ob das Glöcklein auf
dem Baume am Ende doch nicht noch einmal
läute.
Drei Tage später bekam Jakoble wieder die
erste Ohrfeige.
[Illustration]
Der angebundene Kirchturm.