fror.
* * * * *
»Dieser ist der Größte im Himmelreich!«
Der goldene Spruch stand über Ludwigs
Marmorbild, das vor dem Heiland stand. Mit
scheuer Ehrfurcht dachten wir an den Spielkameraden,
der mit einem Kranz weißer Rosen
um die Stirn in jenes ferne Land gewandert
und nun dort ein Fürst und Herrscher war. Da
habe ich oft auf der Adlerkoppe neben dem Aussichtsturm
gelegen und hinaufgeschaut in das
ewige blaue Land und im tiefsten Herzen gewünscht,
daß ich auch einmal den Weg finden
möge dorthin.
[Illustration]
Oft pilgerten wir nach der heiligen Stadt. Ja,
selbst der Förster kam manchmal mit; er stand
dann ganz still und hielt seinen grünen Hut in
der Hand. Meist war unsere gute Fee mit uns
dort. Ich habe sie nie weinen sehen um ihr
totes Kind. Ein ruhiges Leuchten war immer
in ihren Augen. Und sie ging mit uns aus der
heiligen Stadt freundlich nach Heinrichsburg,
nach Ameisenfeld und zu der Donarseiche, und
sprach mit friedlicher, fröhlicher Seele mit uns
von allen wichtigen Dingen, die im Walde zu
sehen waren.
Sie war selbst wie die Kinder, und darum hatte
sie schon hier auf Erden ein Himmelreich im
Herzen.
Meinem Freunde Heinrich und mir aber ist
durch unser ganzes Leben der goldene Spruch
aus der Heiligen Stadt nachgegangen:
»Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, so
werdet ihr in das Himmelreich nicht eingehen!«
[Illustration]
Der kleine General.
Die Szene spielt am Weihnachtsabend in einem vornehm
ausgestatteten Zimmer. Der kleine Hans liegt schwer krank
im Bette. Die Mutter wacht bei ihm. Im Nebenzimmer
steht der Christbaum. Eine rote Lampe verbreitet ein traumhaftes
Licht. Auf dem Nachttischchen stehen zwölf Bleisoldaten.
=Hans= (richtet sich matt auf):
Mutter, ich möchte den Christbaum noch einmal
sehen.
=Die Mutter=:
Wird dich nicht wieder das viele Licht stören,
Hans?
=Hans=:
Ach, nein ... ich möchte ihn sehen. Zünde
doch die Lichter noch einmal an, Mutter ... ja?
=Die Mutter=:
Gewiß, mein Kind, wie du willst ...
Sie geht ins Nebenzimmer und zündet die Weihnachtskerzen
an. Es wird lichter im Gemach. Hans schaut mit großen,
fiebernden Augen der Mutter zu. Die Mutter kommt zurück.
=Die Mutter=:
Gefällt dir der Baum, mein Goldjunge?
=Hans=:
Er ist schön ... er ist sehr schön! ... Es ist
wohl viel Marzipan dran? ... Ich kann keines
essen ... es schmeckt mir bitter ... Aber die
Krone und der Engel! -- -- -- -- Ach, Mutter,
mir tun die Augen weh ... lösch die Lichter
aus ... bitte, bitte, lösch die Lichter wieder aus!
Die Mutter geht seufzend ins Nebenzimmer zurück und löscht
die Weihnachtslichter aus.
=Hans=:
Ach, ist das schade! Die schönen, funkelnden
Lichter! ... Nun ist er ganz finster, der
Baum ...
=Die Mutter= (zurückkommend):
Ist es so gut?
=Hans=:
Ja, es ist gut so ... Ich freu' mich so über die
Soldatensachen, Mutter.
=Die Mutter=:
Mein lieber Junge!
=Hans=:
Bring mir doch den Säbel und den Helm!
Und einen Spiegel ... ja? Ich will mich gern
sehen ...
=Die Mutter=:
Ja, ich hole sie! (Pause.) So, mein guter Hans,
hier sind die Sachen!
=Hans=:
Stütz' mir den Rücken, ja ... ich will mich
setzen, daß ich den Helm aufsetzen kann ...
So ... ah, es geht schwer ... und jetzt ... jetzt
den Säbel ... halt' mich fest, Mutter, fest ...
ja so! ... Und jetzt noch den Spiegel ... Oh,
oh, ... wie seh ich denn aus? ... Das bin ich
doch nicht! Das ist ja ein ganz ... altes ...
häßliches Gesicht!
=Die Mutter= (mit unterdrücktem Schluchzen):
Du wirst bald besser aussehen, lieber Hans!
=Hans= (mit tiefem, schmerzlichem Erstaunen):
Bin ich das wirklich?!
=Die Mutter= (tröstend):
Sieh doch den Helm ... er steht dir so schön ...
mein kleiner, lieber Held ...
=Hans=:
Oh ... ich sehe aus ... wie der Tod ...
=Die Mutter= (läßt den Spiegel fallen):
Hans! ... Sprich nicht so, Hans ... das
darfst du nicht ... das ist böse von dir ...
entsetzlich böse ...
=Hans= (sinkt erschöpft zurück; ganz leise und matt):
Ich will nicht böse sein ... ich will gut sein ...
und ich will auch nicht gern ... zum Tode ...
ich möchte bei dir bleiben, Mutter ... bei dir ist's
so schön ...
(Die Mutter setzt sich langsam am Bette nieder. Lange Pause.)
=Hans=:
Ich glaube ... daß ich heute sterben soll ...
=Die Mutter=:
Du sollst ja nicht so sprechen ... du wirst nicht
sterben, Hans ... ich laß dich ja nicht sterben ...
ganz bestimmt nicht ... ich verspreche es dir ...
du weißt, ich halte immer, was ich verspreche ...
ich lasse dich nicht sterben, mein Junge, mein
Junge!
=Hans= (langsam):
Aber der Vater ist ja auch gestorben und der
Großvater auch.
=Die Mutter=:
Sie waren älter als du, aber so ein Knabe
stirbt nicht, nein, der stirbt nicht!
=Hans=:
Setz' dich auf den Stuhl, Mutter ... erzähl'
mir vom Großvater ... wie es war, ehe er
starb, ja?
=Die Mutter=:
Nein, nein, heute nicht, ein anderes Mal will
ich dir's erzählen ...
=Hans=:
Heute, Mutter, heute! ... Wo gehst du
hin? ...
=Die Mutter=:
Die Anna soll nach dem Arzt; ich warte schon
so ...
=Hans=:
Er hat Einbescherung zu Hause; laß ihn, er
hat jetzt nicht Zeit für mich.
=Die Mutter=:
Ich will doch schicken, ich komme gleich
wieder ... Der Arzt kommt bestimmt ...
(Sie geht hinaus.)
=Hans= (schaut ihr scheu nach, dann wendet er sich
an die Bleisoldaten):
Paßt auf, ihr blauen Jungen, paßt auf ... ich
will euch was sagen ... Ich bin euer General ...
Seht ihr meinen Degen und meinen Helm? ...
Ich kommandier' euch! ... Jawohl! ... Und
wenn der Tod kommt ... dann wollen wir mit
ihm kämpfen ... tapfer, ihr Jungen ... er ...
er darf uns nicht unterkriegen ... er nicht ...
wir ihn ... wir müssen ihn unterkriegen ...
Hört ihr? ... Versteht ihr? ... Wir ihn! ...
Mein Großvater, der ist auch mit 12 Mann ...
den Hügel hinauf ... gegen viele Franzosen ...
bumm, schossen sie, bumm, bumm ... sechse
fielen ... eine Kugel ... eine ganz kleine, blaue
Kugel ... flog auch meinem Großvater in den
Leib ... er machte sich nichts draus ... nein,
gar nichts daraus aus der kleinen Kugel ... er
stürmte weiter ... und erst, als er die Fahne
hatte ... da ... da ... tat er sterben ... So,
so müssen auch wir ... tapfer, ihr Soldaten,
tapfer ... (er sinkt gänzlich erschöpft zurück).
=Die Mutter= (zurückkommend):
Da, Hans, bin ich wieder. Du liegst so still.
Soll ich dir die Geschichte vom Großvater aus dem
Kriege erzählen?
=Hans= (halb im Fiebertraum):
Nein, ich weiß sie; ich weiß sie gut ... Stell'
meine Soldaten zurecht ... so mit den Flinten
auf das Fenster zu! ... Dort herein wird er
kommen ... ja, gewiß, dort zum Fenster herein
kommt er! ...
=Die Mutter= (angstvoll):
Wer denn? Wer soll denn kommen? Das
Fenster ist fest zu.
=Hans=:
Er kommt! Er kommt durch! Er kriecht durchs
Glas! Es ist der Feind ... ja, der Tod ... der
ist der Feind ...
[Illustration]
=Die Mutter=:
O Gott, o Gott, wenn doch der Arzt ...
Fürchte dich doch nicht, Hans, es kommt niemand,
es kann niemand herein, ich stelle mich vor das
Fenster ...
=Hans= (mit der Hand schlenkernd):
Nein, weg, Mutter, weg! Ich muß ihn gleich
sehen, wenn er kommt ... ich muß aufpassen,
ich bin ja der General ... Die Soldaten ...
sieh mal die Soldaten, Mutter, sie wachsen ...
sie werden groß ... groß wie die Riesen ...
sie haben richtige Flinten ... o, er soll nur kommen
... gib meinen Degen ... weg, Mutter,
weg vom Fenster ... wenn die Soldaten auf
ihn schießen ... treffen sie dich! ...
=Die Mutter= (reicht ihm in höchster Angst die Medizin):
Trinke, Hans, trinke!
=Hans=:
Ich will nicht! ... Halt, doch ... ein Schluck
ist gut ... Aah so! ... Gib den Soldaten auch ...
aber geh nicht mehr zum Fenster ... Wenn er
kommt, legen wir gleich los ... Achtung, ihr
Soldaten ...
(Die Mutter hält Hansens Kopf, unausgesetzt wirre, qualvolle
Gebetsworte murmelnd, der Kranke hält den fiebernden Blick
lauernd nach dem Fenster gerichtet.)
=Hans= (jäh aufschreiend):
Da ist er ... da ist er ... der schwarze
König! ... Der Tod! ... Oh ... oh, er schießt.
Oh, er hat mich getroffen ... in die Brust ... mit
einer Kugel ... Ich mach mir nichts draus ...
Drauf, ihr Soldaten ... drauf ... schießen,
stechen, hauen! ... Mein Säbel ... wart' ...
ich bring dich um ... ich zerschlag dir den schwarzen
Kopf ... ich ... jetzt ... jetzt hat er mich ...
jetzt hab ich ihn ... laßt uns ... helft nicht ...
ich nehm ihn allein ... ich brech ihm den Hals ...
ich siege ... o du ... du schlechter Feind ... du
hast meinen Vater ... meinen Großvater ...
wart ... dein Hals, dein Blut ... ich reiß dir
das Herz heraus ... ich hab's ... ich hab' dein
Herz ... es hat Großvaters Blut getrunken
-- -- -- -- Er ... er ... er ist tot ...
der Tod ist tot! ... Der Tod ist tot ...
(Er fällt mit geschlossenen Augen zurück.)
=Die Mutter=:
Gott im Himmel, erbarme dich! Hans! Hans!
Hans! (Schreiend:) Doktor! Doktor! Hilfe! Mein
Sohn stirbt! Hilfe! O Gott ... Hilfe! Zu
Hilfe ...
* * * * *
Einige Stunden später. Gegen Morgen.
=Der Arzt=:
Wollen Sie nicht ruhen, gnädige Frau?
=Die Mutter=:
Wie könnte ich heute ruhen?
=Der Arzt= (beugt sich über Hans):
Er schläft gut ... ich glaube bestimmt, nun
ist er gerettet! Sein Lebensmut, sein Lebenstrotz
haben ihn die schlimme Stunde überstehen lassen.
=Die Mutter= (schlicht, aber mit großer, stiller Freude):
Er hat den Tod besiegt!
Die Frau sinkt langsam am Bette auf die Knie. Draußen
beginnen die ersten Weihnachtsglocken zu läuten. Aus dem
Nebenzimmer dringt Tannenduft. Die Bleisoldaten stehen
am Lager ihres siegreichen, heldenhaften Generals und präsentieren
ihre Gewehre.
[Illustration]
[Illustration]
Der Schatz in der Waldmühle.
Andreas, der Waldmüller, ging im Großgarten
um den starken Apfelbaum im Kreis herum,
immer im Kreis herum. Dabei hielt er die Hände
auf dem Rücken gefaltet, preßte die Lippen zu
einem Spalt zusammen und bezeigte überhaupt
eine ernste Haltung. Nach einiger Zeit kam
der Mühlknecht Jakoble heraus, ging neugierig
auf den Müller zu und fragte:
»Meister, warum geht Ihr denn immerfort so
im Kreise herum?«
Ohne ein Wort zu sagen, holte der Müller aus
und hieb dem Jakoble eine gewaltige Ohrfeige
herunter. Da stellte sich Jakoble erschrocken beiseite,
rieb sich die Backe und sagte bei sich selbst:
»Es scheint, er will mir's nicht verraten, warum
er so im Kreise herumgeht.« Und er schlich in die
Mühle zurück und war ob des Vorfalls sehr betrübt.
Der Müller ging noch oft seine Runde; aber
endlich blieb er stehen, seufzte tief und sprach:
»Tausend und einmal! Und ganz schweigsam!
Diesmal, wenn ich mich nicht verzählt habe, wird
es endlich glücken.«
Dann setzte er sich unter den Baum ins Gras.
Rundum blühten die herrlichen Löwenzahnblumen,
und der Gartengrund war schön wie ein Königsmantel
mit lauter Orden und bunten Knöpfen.
Die Mailuft trug Tau und Blütenstaub auf ihren
weichen Flügeln, und die Wassermühle sang ihr
surrendes, friedliches Lied.
Des Müllers Gedanken gingen weit zurück in
seinem Leben, zu dem Tage, da seine Frau begraben
wurde, zu dem anderen, da sein einziges
Kind, die Trudel, geboren wurde, schließlich über
Soldatenzeit und dumme Jungenstreiche weiter
zurück bis zu dem Tage der eigenen Geburt. Da
hatte sein Vater zu seiner Mutter gesagt:
»Johanna, wir sind arme Leute. Die Bauern
sind geizig und unsere Mühle ist verschuldet; was
fangen wir nun mit diesem Büblein an?« Die
Müllerin hatte gesagt: »Zunächst wollen wir es
Andreas taufen, das ist ein schöner und kräftiger
Name, und dann wollen wir unsere reiche Base
Dorette zu Gevatter bitten, die wird dem Jungen
ein gutes Patengeschenk geben.«
Als nun der Tag der Taufe kam, erhielt das
Büblein zwar den schönen und kräftigen Namen
Andreas, das reiche Patengeschenk aber erhielt es
nicht, wenigstens nicht in blanken Talern, wie
es die Müllerleute erhofft hatten. Tante Dorette
brachte nur ein winziges Holzkästlein, darin ein
blanker Kupferdreier lag, und sprach:
»Dieses Kästlein müßt ihr in eurem Garten vergraben.
Alsdann muß der Vater über dieselbe
Stelle, wo der Kasten liegt, einen Apfelkern
stecken. So wie der Baum wächst, so wird der
Kasten und die Zahl der Dreier wachsen, und an
dem Tage, wo das Bäumchen veredelt wird,
werden sich alle Kupferdreier in Golddukaten umwandeln.
Wenn dann der Kasten reif zum Heben
ist, wird auf dem Apfelbaum ein Glöcklein läuten.
Inzwischen müßt ihr fleißig und sparsam sein,
dürft keinen Schnaps trinken und alle Wochen nur
dreimal Fleisch essen. Auch muß das Büblein, sobald
es größer geworden ist, immer an seinem
Geburtstag tausend und einmal um den Baum
herumgehen, darf aber dabei kein Wort sprechen.«
Der Müller hatte ein wenig geseufzt über das
sonderbare und umständliche Geschenk, dann aber
hatte er das Kästchen vergraben und das Körnlein
gesteckt. Als aber die Base Dorette fort war, hatte
er sich arg hinter den Ohren gekratzt, denn seine
Frau hatte den grauen Steinkrug, in dem der
Schnaps war, mit einer Axt zerschlagen. Damit,
meinte der Müller, sei eine schöne Quelle des
Trostes und der Labsal in der Mühle versiegt.
Die Frau hielt auch fortan auf großen Fleiß und
Sparsamkeit, und es kam nie öfter als dreimal in
der Woche ein Fleischgericht auf den Tisch.
So hob sich der Wohlstand der Müllerleute. Das
Bäumchen wuchs von Jahr zu Jahr, und als es
der Müller mit eigener Hand veredelte, zitterte
er. Sein Bub stand neben ihm und behauptete,
ein feines Klingen vernommen zu haben.
»Das ist,« belehrte ihn sein Vater, »wie das
Kupfer in das Gold umgesprungen ist.«
Die Zeit verging. Tante Dorette, Vater
und Mutter starben, der Bub wurde groß, wurde
selbst Müller, wurde fünfzig Jahre alt. Ein
Glöcklein aber läutete auf dem Baum niemals.
* * * * *
Als der Müller jetzt noch so da saß und von
seinem lang ausbleibendem Reichtum träumte,
trat Reinhard, der Müllerbursch, in den Garten.
Er war ein so schöner Bursch, daß er sicher ein
Prinz gewesen wäre, wenn er einen König zum
Vater gehabt hätte. Heute stak Reinhard nicht
in seiner staubigen Müllertracht, sondern war
sonntäglich gekleidet und hatte einen runden Hut
mit einer Feder auf dem Kopf. Der Müller schaute
ihn verwundert an und fragte:
»Wie bist du denn so herausgeputzt; ist es bei
dir heut Sonntag?«
»Herr Meister,« sagte der Jüngling, indem er
einen kleinen Kratzfuß machte, »bei mir ist heute
der allergrößte Festtag. Denn nicht bloß, daß Ihr
den Geburtstag habt, es ist auch heute der Tag
gekommen, wo ich mir ein Herz fasse, Euch zu
bitten, daß Ihr mir Eure herzliebe Trudel zur
Ehefrau gebt.«
Der Müller schaute den Burschen erst einige
Augenblicke schweigend an; dann sagte er ohne
weitere Umschweife: »Reinhard, du bist verrückt!«
Diese Worte klangen dem Freiersmann gar
nicht wie liebliche Musik in den Ohren, und er
machte ein betrübtes Gesicht. Der Müller stand
auf, reckte sich und sagte:
»Die Trudel soll's besser haben als ich. Sie soll
nicht ihr Leben lang in diesem dunklen Waldwinkel
sitzen. Der sollen bald schönere Tage
kommen.«
»Ach, du lieber Gott,« seufzte der Bursche, »wie
sollen ihr bessere Tage kommen, wenn Ihr mir
sie nicht zur Frau gebt? Sie wird sich eben so
sehr darum zu Tode grämen wie ich.«
Gegen solche Krankheit würde schon noch ein
Kraut gewachsen sein, meinte der Müller, und da
Reinhard grade so schön angezogen sei, habe er,
der Meister, nichts dagegen, wenn der Bursch sein
Ränzel nähme und über alle sieben Berge davonzöge.
So -- und damit basta.
Darauf ging der Müller aus dem Garten. Als
er an das Türchen kam, trat ihm Jakoble in den
Weg und fragte gutmütig und neugierig:
»Meister, was habt Ihr denn so böse mit dem
Reinhard gesprochen?«
Der Müller langte ihm eine Ohrfeige herunter
und ließ ihn stehen. Da rieb sich Jakoble die
Backe und meinte bei sich: »Er will mir nicht verraten,
was er mit dem Reinhard gesprochen hat.
Also werde ich den Reinhard selbst fragen.«
Und er fragte ihn und erfuhr das ganze Elend
und Herzeleid.
* * * * *
Als es gegen Abend war und die müde Sonne
sich gegen die Waldberge senkte, wanderte der
junge Müllerbursch in die Fremde. Die Trudel
gab ihm ein Stück das Geleit und weinte, und
der Jakoble ging mit und weinte aus Freundschaft
auch.
Es war so traurig im Walde. Die Vögel saßen
am Wege und sangen: »Lebe wohl! Lebe wohl!«
und die Bäume schüttelten die Köpfe, und ein
Reh sah mit großen Augen aus dem Gebüsch, als
wollte es verwundert fragen: »Ja, wo geht Ihr
denn hin?«
Langsam gingen die drei; jeder Schritt wurde
ihnen schwer, der Sand knirschte, und die alte
Mühle sang im Tal.
Als die drei an den Kreuzweg kamen, mußte
geschieden sein. Das Mädchen hatte den beiden
Burschen von dem Aberglauben des Vaters erzählt
und was er sich für törichte Hoffnungen
mache auf einen großen Schatz, der gewiß nicht
da sei. Und es schloß mit vielen Tränen:
»Wenn ich nun sterbe, so mag mich der Vater
in einen Sarg legen und unter dem Apfelbaum
begraben, dann hat er dort in einem Kasten seinen
Schatz liegen.«
Bei diesen traurigen und kläglichen Worten fing
auch Reinhard heftig an zu weinen. Das Jakoble
aber zählte plötzlich mit Eifer die Knöpfe an seinem
Anzuge ab und sprach immer dazu: »Mit ihr!
Mit ihm! Mit ihr! Mit ihm!« Endlich rief er
freudig aus:
»Reinhard, ich muß mit dir in die Fremde
ziehen, denn erstens habe ich es an den Knöpfen
abgezählt, und zweitens ist es auch wegen der
vielen Ohrfeigen.«
Es wurde noch ein bißchen verhandelt und dann
wurde beschlossen, daß Jakoble den Reinhard begleiten
sollte auf der Reise in die weite Welt.
Jakoble machte ein feierliches Gesicht bei diesem
Beschluß, so feierlich, daß ihm die Ohren weit
abstanden und die Kopfhaut hin- und herrutschte.
Dann sprach er in väterlichem Tone:
»Trudelchen, weine nicht mehr. Denn wir
bleiben dir treu, und in drei Jahren und drei
Tagen kommen wir wieder.«
Darauf küßte Reinhard das Mädchen auf den
Mund, und dann schieden sie voneinander, und
dann ging die Sonne unter.
* * * * *
Reinhard und Jakoble wanderten miteinander
in der Abenddämmerung dahin. Oftmals seufzte
Reinhard tief und schmerzlich und sprach: »Ach,
Jakoble, wenn du nicht da wärst, was sollte ich
wohl anfangen?«
Da nickte Jakoble und erwiderte: »Ja, ja, was
sollten wir wohl anfangen, wenn ich nicht da
wäre!«
Es wurde finster, und die beiden wußten nicht,
wohin sie kommen würden. Wenn man aber in
der Welt nicht weiß, wohin man kommen wird,
kommt man meist in eine Schenke.
So kamen auch die beiden in ein Straßengasthaus,
wo es hoch herging. Bauern saßen drin
und Fuhrleute, von denen manche so reich waren,
daß sie zwei Pferde besaßen.
Was aber die Hauptsache war: in dem Gasthaus
war ein Zauberkünstler anwesend. Er trug ein
grün- und schwarzkariertes Gewand und auf dem
Kopfe einen zinnoberroten Fez. Er stammte aus
Hinterindien und hieß Kiutschitsufilutschi. Sein
Vater war ein heidnischer Oberpriester und seine
Mutter eine malaiische Göttertochter. Das alles
hatte Kiutschitsufilutschi selbst gesagt. Als Reinhard
und Jakoble eintraten, hörten sie den
Zauberkünstler eben sagen:
»Jawoll, meine Herr'n, dat is nich so einfach
wie Schnapstrinken. Diese Attraktion habe ick
mal 'n Kaiser von Fedschir vorgemacht. Der wollte
mir dabehalten und mir an seine Tochter verehelichen,
und ick sollte mal da in der Jejend
Kaiser werden, aber ick habe gesagt: Nee,
Majestät, habe ick gesagt, is nich zu machen!
Ick will man lieber wieder rüber nach Europa.«
Nach diesen Worten zog Kiutschitsufilutschi
einem Bauern aus der roten dicken Nase
wohl an die hundert Dukaten. Die Dukaten
warf er in die Luft, wo sie spurlos verschwanden.
Jakoble vergaß vor lauter Erstaunen eine Viertelstunde
lang den Mund zuzumachen und hatte
überhaupt einen so merkwürdigen Gesichtsausdruck,
daß ihn Reinhard nach einiger Zeit
anstieß und sagte:
»Jakoble, tu mir den Gefallen und putz dir
wenigstens die Nase!«
Ehe Jakoble diesen Wunsch erfüllen konnte,
stürzte der Zauberkünstler auf ihn zu und steckte
ihm eine Schlange in den Mund. Jakoble verschluckte
sich und war krebsrot vor Angst und Aufregung.
Dann fing der Zauberkünstler an, Abendbrot
zu speisen. Die Bauern spendeten ihm einen
mächtigen Krug Bier, und Kiutschitsufilutschi aß
dazu einen Frosch, einen Spazierstock, ein Bierglas
und ein Hufeisen. Endlich zündete er sich
eine Zigarre an und blies statt Rauchringel
Schweinsblasen in die Luft.
[Illustration]
Jakoble nahm Reißaus. Reinhard fand ihn
draußen vor der Tür, wimmernd vor Angst. Er
beruhigte Jakoble und nahm ihn mit in die
Schlafkammer. Dort fanden die beiden trotz
ihrer müden Glieder lange nicht den erwünschten
Schlummer. Den einen plagte die Sehnsucht im
Herzen, den andern die Schlange im Magen.
Und sie stöhnten und seufzten, denn wer schlafen
will, dem müssen Herz und Magen in Sanftmut
gewiegt sein.
Als es Mitternacht war und der Wind draußen
lauter pfiff und in den Sparren des Holzwerks
klapperte, öffnete sich die Tür, und Kiutschitsufilutschi
trat ein. Jakoble tat einen Schrei und
versuchte, an der Wand hochzuklettern, auch Reinhard
richtete sich erschrocken auf. Aber der hinterindische
Zauberer beschwichtigte die beiden und
sagte:
»Haben Sie man keene Angst, meine Herr'n;
ick will hier bloß 'n bißchen mit schlafen.«
Darauf ließ er sich seufzend neben den beiden
nieder und nahm den Fez vom Kopfe. Der Mond
schien durch die Dachluke und bestrahlte seine
phantastischen Kleider. Ein schwerer Gram tat
sich auf dem Gesicht des fremden Magiers kund,
und endlich fuhr er drohend mit den Armen zur
Höhe und sagte grollend:
»60 Pfennige, und das ist allens! Solche Duckmäuser!«
Es stellte sich heraus, daß der Hinterindier
von den Bauern und Fuhrleuten für seine glänzenden
Darbietungen nur vorbenannte Summe
Geldes geerntet hatte. So war auch er ruhelos
und ohne Schlummer, denn außer dem Herzen
und dem Magen muß sich auch der Geldbeutel
sicher und befriedigt fühlen, ehe der holde Schlaf
auf die Wimpern eines irdischen Wanderers
sinkt.
Jakoble, der etwas Mut gefaßt hatte, meinte
schüchtern, der Zauberer könne sich doch die Goldstücke
aus jeder Nase ziehen; worauf ihn Kiutschitsufilutschi
halb mitleidig und halb zärtlich anblickte
und zur Antwort gab:
»Können Sie mir vielleicht 'ne Mark pumpen?«
O ja, das könne er wohl, sagte Jakoble eifrig,
fischte in seiner Hosentasche herum und übergab
dem Zauberer eine Mark. Dieser war dankbar
und machte gerührt Brüderschaft mit Jakoble,
worauf alle drei sehr munter und aufgeräumt
wurden.
Der Zauberer erklärte, er heiße »künstlerisch«
Kiutschitsufilutschi und stamme »künstlerisch«
von einem Oberpriester und einer Göttertochter
ab. Sein »bürgerlicher« Name aber sei Heinrich
Bimske, und seine »bürgerlichen Eltern« seien
ehrsame Bäckersleute aus Rixdorf bei Berlin.
Ursprünglich habe er das schöne und reinliche Gewerbe
eines Barbiers betrieben, aber dann sei die
höhere Magie über ihn gekommen; er sei weit
in der Welt herum, von Kottbus bis Salzwedel
habe er alle bedeutenden Orte bereist. Aber nun
sei er wandermüde, und wenn es ihm je gelänge,
zwei bis drei Taler Reisegeld zu erübrigen, wolle
er zu seinen Eltern zurückkehren und nebst einem
neuen Lebenswandel ein eigenes Barbiergeschäft
anfangen.
Wie es nun so ist: heimatloses Wandervolk
lernt sich rasch kennen, wird rasch vertraut und
verbündet sich leicht miteinander gegen die
tückischen Mächte des Lebens, die ihm bedrohlicher
sind als jenen, die in festen Häusern wohnen und
am gedeckten Tische sitzen. So war es auch hier.
Während der ganze Kretscham schlief und der
Mond draußen auf der stillen Landstraße vergebens
nach einem Wanderer, ja nach einem
wachenden Vogel suchte, saßen die drei Gesellen
in der Dachkammer beisammen und tauschten ihre
Lebensschicksale aus. Reinhard erzählte von
seiner Trudel, dem Müller, dem geheimnisvollen
Schatz unter dem Apfelbaum und seiner Ausweisung
und traurigen Fahrt in die weite Ferne.
Die Gedanken flogen hin und her, und als der
Hahn krähte, war ein kühner Plan gefaßt, und
nun konnten die drei erst recht nicht schlafen: denn
will ein Mensch Schlummer finden, darf er keine
Pläne fassen.
* * * * *
»Begraben unter dem Baume
Liegt mein ganzes Gut,
Hatte ein liebes Mädel,
War wie Milch und Blut;
Was ich auch je im Leben
Erwerben und sparen wollt',
Gäb für den Schatz unterm Baume
All mein Silber und Gold.«