*PANHELLENISCHES.*
*§ 64. Das Gastrecht.*
Thukydides erzählt: „_Die ältesten Bewohner Griechenlands trugen stets
Waffen und beraubten einander beständig_, und in den Gegenden der
ozolischen Lokrer, Ätoler und Akarnanen lebt der alte Brauch noch heute.“
Der Seehandelsverkehr wird gerne zum _Seeraub_; beide Gewerbe gelten bei
Homer als gleich wohlanständig; noch heute ist an den Gestaden des
Ägäischen Meeres die Zunft der Hammeldiebe zur See nicht ausgestorben.
Kriege werden nur zwischen Grenznachbarn wegen Raubes von Feldfrüchten,
Pferden, Rinderherden und Weibern geführt. Zwischen den einzelnen
Gemeinden und Landschaften gibt es keinerlei Handels- und Ehegemeinschaft.
Noch in später Zeit wurden Friedensverträge nur für eine bestimmte Anzahl
von Jahren abgeschlossen und mußten oft alljährlich neu beschworen werden.
War der Bürger einer Stadt von dem einer anderen geschädigt, so suchte er
sich seiner Person oder seines Eigentums zu bemächtigen (_συλᾶν_), um
denselben zu einem rechtlichen Vergleich zu zwingen. Aller friedliche
Verkehr vollzog sich in der Form der _Gastfreundschaft_, welche selbst in
rohen Zeiten heilig gehalten wurde und daher unter des „gastlichen“
(_ξένιος_) Zeus Obhut stand. An den Gastfreund eines Atheners z. B. in
Argos wandten sich nun auch andere Athener, die mit Empfehlungsbriefen
ausgestattet dahin kamen – wie man noch heute im Orient reist –; der
Argiver ward so zum Gastfreund der Athener überhaupt und als solcher von
beiden Staaten anerkannt. Der _Staatsgastfreund_ (Proxenos) von Athen
beherbergte die Gesandten Athens in Argos, verschaffte denselben Zutritt
bei den Behörden und nahm sich aller Athener tätig an. Kam derselbe nach
Athen, so genoß er hier außerordentliche, fast bürgerliche Rechte, um
derentwillen späterhin die Würde eines Proxenos vielfach auch Fremden,
welche in Athen lebten, verliehen wurde. Außerdem wurden Angehörigen eines
fremden Staates nur in besonderen Fällen privatrechtliche Vergünstigungen
gewährt; z. B. das Recht auf Erwerb von Häusern und Grundbesitz
(vgl. § 32). Staaten, welche einen lebhafteren Verkehr pflegten, schlossen
späterhin Verträge (_σύμβολα_), welche besonders die rechtliche Austragung
von Streitigkeiten im Handelsverkehr betrafen.
*§ 65. Tempelvereine *_(Amphiktyonien)._
Aus jenem rohen Zustand feindseliger Abgeschlossenheit führten drei Wege
zu höheren staatlichen Bildungen. Manchmal _vereinigten eindringende
Eroberer die ganze Landschaft_ unter ihrem Machtgebot (Thessalien und
Lakonien), oder es vereinigten sich mehrere Gemeinden zur Bekämpfung eines
Gegners und schlossen zu diesem Zweck entweder nur ein _Defensivbündnis_
(_ἐπιμαχία_) zu gegenseitiger Unterstützung gegen Angriffe, oder ein
_Bündnis zu Schutz und Trutz_ (_συμμαχία_), das sie verpflichtete,
„dieselben Feinde und Freunde zu haben“; diese zeitweilige
Bundesgenossenschaft (_συμμαχία_) verwandelte sich durch wiederholte
Erneuerung in ein dauerndes Vertragsverhältnis.
Eine dritte uralte Form eines Bundes war der _Tempelverein_
(Amphiktyonie). Die rings um ein Heiligtum liegenden Nachbargemeinden
(Amphiktyones, Umwohner) taten sich zusammen, um die hier gebräuchlichen
Opfer, Feste und Wettspiele gemeinsam und unter Ausschluß von anderen zu
begehen; ähnlich wie im heutigen Griechenland zu einzelnen Lokalfesten
(_πανηγύρεις_) die Umwohner von weither zusammenströmen. _War diese
Vereinigung_ ihrem ursprünglichen Zwecke nach _eine rein religiöse, so
konnte sie doch politischen Charakter annehmen_. Über die _Zeit der
Festfeiern_ galt der Gottesfriede (_ἐκεχειρία_); die Teilnehmer
verpflichteten sich zu gemeinsamem Schutze des Heiligtums; sodann lautete
z. B. der Eid der pylischen Amphiktyonen: „Ich will keine amphiktyonische
Stadt zerstören, noch vom fließenden Wasser abschneiden, nicht im Krieg,
nicht im Frieden; verletzt eine Gemeinde diese Bestimmung, so will ich
gegen dieselbe zu Felde ziehen und ihre Städte zerstören.“ Mittelpunkte
von Tempelvereinen waren folgende Heiligtümer: die Poseidontempel auf der
Insel Kalauria (an der argolischen Küste), in Samikon (in Elis), auf dem
Vorgebirge Mykale (an der ionischen Küste Kleinasiens, Samos gegenüber);
der Heraklestempel bei Phaleron (bei Athen); die Apollotempel auf Delos,
auf dem Vorgebirge Triopion (in Karien), zu Delphi.
Die bekannteste ist die _pylische Amphiktyonie_ beim Heiligtum der Demeter
zu Anthela in den Thermopylen. Dieselbe vereinigte sich gelegentlich des
ersten heiligen Krieges (593–584) mit der von Delphi. Aber auch in der
neuen Vereinigung heißen die Teilnehmer Pylagorai („die in Thermopylai
Versammelten“), die Versammlung Pylaia. Diese fand zweimal im Jahre statt:
eine „Herbstversammlung“ beim Demeterheiligtum, und eine
„Frühjahrsversammlung“ beim Apollotempel(10). Mitglieder des Vereins waren
die _Malier_, _Ötäer_ (d. h. Änianen), _Dorier_, _Phoker_, _Lokrer_,
_Ionier_, _Achajer_ (von Phthia), _Perrhäber_, _Magneten_, _Doloper_,
_Böoter_, _Thessaler_. Jeder Angehörige dieser 12 Stämme konnte an den
Festfeiern und Versammlungen teilnehmen; im Rate der Amphiktyonen hatte
jeder Stamm 2 Stimmen, wovon die 2 der Dorier sich zwischen der Metropolis
und dem Peloponnes, die der Ionier zwischen Euböa und Athen, die der
Lokrer zwischen den hypoknemidischen und hesperischen verteilten. Die
stimmführenden Vertreter der Stämme, welche die Festfeier leiteten, hießen
_Hieromnemones_.
Die umfangreiche Vereinigung erhielt mit dem wachsenden Ansehen, Einfluß
und Reichtum des delphischen Orakels immer größere Bedeutung und frühe
auch Einfluß auf die staatlichen Verhältnisse. Dieser Einfluß war nicht
eben segensreich. Die politischen Befugnisse des Vereins waren von Hause
aus schwankender Natur, und so kam es wiederholt vor, daß mächtige Staaten
denselben nur in Anspruch nahmen, um ihr selbstsüchtiges, gewalttätiges
Vorgehen mit dem Rechtstitel einer heiligen Sache zu umkleiden (Athen
gegen Skyros, Philipp gegen die Phoker). Die Phoker verloren nach ihrer
Besiegung ihr Stimmrecht an Philipp von Makedonien, erhielten dasselbe
jedoch 268 v. Chr. zurück, weil sie das delphische Heiligtum tapfer und
erfolgreich gegen den Galliereinbruch verteidigt hatten. 378 v. Chr.
erhielten die _Ätoler_, später auch die reiche Gemeinde _Delphi_ je 2
Stimmen. Zur Zeit des ätolischen Bundes stand die Amphiktyonie ganz unter
ätolischem, seit 146 v. Chr. ganz unter römischem Einfluß.
*§ 66. Staatenvereine.*
Die _staatlichen_ Bildungen der Hellenen vollziehen sich alle im engen
Rahmen einer Landschaft. Von weitergreifenden Gestaltungen kennt die
griechische Geschichte nur den Bund (_κοινόν_). Zumeist knüpft die
Gründung eines Städtebundes an eine Amphiktyonie (s. § 65) an; so ist aus
der A. von Onchestos der böotische Städtebund, aus der A. vom Vorgebirge
Mykale, an dessen Abhang das Panionion, das gemeinionische Heiligtum
Poseidons lag, der ionische Zwölfstädtebund (_δωδεκάπολις_), aus der A.
vom Vorgebirge Triopion mit einem Heiligtum des Apollo der dorische
Sechsstädtebund (_ἑξάπολις_), aus der A. von Delos, ebenfalls mit einem
Apolloheiligtum, erst der attische Seebund, später der Bund der
Inselbewohner hervorgegangen. Außerdem werden zu verschiedenen Zeiten
erwähnt: ein Bund der Thessaler, der Phoker, der Arkader, der Städte der
Aiolis; aber alle haben nur zeitweilig eine Rolle gespielt, ohne zu festen
staatlichen Bildungen zu führen. Zu größerer Bedeutung sind diejenigen
Bünde gelangt, in welchen ein Staat kraft seines Übergewichts die _Führung
(Hegemonie)_ an sich riß, wie _Sparta im Bunde der Peloponnesier, Athen im
ersten und zweiten attischen Seebund, Theben im böotischen Bund_. Diese
drei Staaten waren gleichermaßen bestrebt, die Führung der Bundesglieder
in eine Herrschaft über Untertanen (_ἀρχή_) zu verwandeln. Dagegen erhoben
nun diese entschiedenen und erfolgreichen Widerstand, indem sie bei einer
nebenbuhlerischen Macht Anschluß suchten. Die Gesandten von Mytilene
erklärten auf einer Versammlung der Peloponnesier zu Olympia: „Solange uns
die Athener zu gleichem Rechte führten, folgten wir ihnen mit gutwilligem
Eifer. Als wir aber gewahrten, daß sie die Feindschaft gegen die Perser
fallen ließen und die Knechtung der Bundesgenossen betrieben, begannen wir
zu fürchten.“ So lösten sich jene drei Staaten gegenseitig im kurzen
Besitz einer Hegemonie ab.
Mit Aufbietung der äußersten Mittel und zähester Rücksichtslosigkeit hat
insbesondere _Athen_ das Streben verfolgt, seine Führung im Seebund zu
einer _Herrschaft über alle Hellenen_ zu erweitern. In einer Verhandlung
mit den Meliern stellten die Athener den Grundsatz auf: „Von Billigkeit
kann nur unter Gleichgestellten die Rede sein. Mächtige suchen das
Höchstmögliche zu erreichen, und die Schwachen müssen sich drein finden.“
Der 1. oder _delisch-attische Seebund_ wurde 477 zur Abwehr persischer
Angriffe gegründet. Die kleineren Städte, denen allmählich die größeren
nachfolgten, zahlten, statt Schiffe zu stellen, jährliche
Matrikularbeiträge, welche von Hellenotamien auf Delos verwaltet wurden,
wo auch die Bundesversammlungen stattfanden. 454 wurde die Bundeskasse
nach Athen verlegt; dorthin mußten von nun ab alle vier Jahre aus den fünf
Tributbezirken (ionischer, hellespontischer, thrakischer, karischer und
Inselbezirk) die Tribute (_φόροι_) abgeliefert werden. Gegen säumige
Schuldner wurde streng vorgegangen. Abtrünnige Bundesgenossen wurden mit
Waffengewalt unterworfen und in ein Untertanenverhältnis (_ὑπήκοοι_) zu
Athen gebracht; nur wenige Bundesgenossen behielten ihre Selbständigkeit
(Autonomie). Auch die Gerichtsbarkeit wurde den Bundesgenossen genommen:
nicht nur die schweren Kriminalfälle, sondern auch alle Zivilprozesse, bei
denen der Wert des Streitobjekts eine gewisse Summe überschritt, mußten
vor den Gerichten in Athen verhandelt werden. Die durchweg demokratisch
eingerichtete Verwaltung der Bundesstädte überwachten athenische
Aufsichtsbeamte (_ἐπίσκοποι_), denen nötigenfalls Kommandanten stehender
Besatzungen (_φρούραρχοι_) zur Seite standen. Durch wiederholte Abfälle
suchten sich die Bundesgenossen der verhaßten Knechtschaft zu entziehen,
bis sich nach der Schlacht bei Aigospotamoi (405) der Bund vollends
auflöste.
Nur ein schwacher Abklatsch des 1. war der _2. attische Seebund_, 378/77
gegründet, um die durch den Königsfrieden (387) garantierte Freiheit und
Autonomie der Hellenen gegen die Übergriffe der Lakedaimonier zu sichern.
Ein ständiger _Bundesrat_ (_συνέδριον_) sollte die gemeinsamen Interessen
der Bundesglieder Athen gegenüber vertreten; aber er war in Wirklichkeit
bedeutungslos gegenüber der athenischen Volksversammlung, welche immer die
letzte Entscheidung hatte. Die Bundesgenossen mußten zwar nicht mehr die
verhaßten „Tribute“ (_φόροι_), aber schließlich doch wieder „Beiträge“
(_συντάξεις_) zahlen und die von Athen verheißene Autonomie der
Bundesgenossen wurde wieder in mannigfacher Weise verletzt. Durch den
Bundesgenossenkrieg (357–355) stark erschüttert, fristete der Bund ein
Scheindasein bis zur Schlacht bei Chäronea (338).
Die Aufrichtung einer Herrschaft über alle Griechen gelang Athen so wenig
als Sparta oder Theben. Die tieferen Gründe des Mißlingens waren: der
Mangel einer festen dauernden Staatsordnung in den einzelnen Landschaften,
die durch die natürliche Abgeschlossenheit begünstigte Eigenart derselben,
endlich die Kleinheit der Landschaften, deren keine die für eine
gebietende Stellung erforderlichen Machtmittel darbot. Eine Großmacht aus
dem Norden erzwang durch blutigen Sieg die politische Einheit der Hellenen
unter ihrem starken Zepter. In welcher staatsrechtlichen Form wurde
dieselbe ausgesprochen? Philipp versammelte die Hellenen auf einer
Tagfahrt zu Korinth; hier schlossen dieselben einen _Kriegsbund_
(_συμμαχία_) gegen die Perser, und Philipp wurde zum _Bundesfeldherrn_
gewählt.
Die durchgebildetste Form eines griechischen Bundes zeigt der _achäische
Städtebund_ (_τὸ κοινὸν τῶν __Ἀχαιῶν_). Seit früher Zeit versammelten sich
die Bewohner der Landschaft Achaja beim Amarion, einem Heiligtum bei
Aigion. Alexander hatte die Vereinigung 324 v. Chr. aufgelöst, allein in
den Wirren der Diadochenkämpfe traten 280 v. Chr. die Städte _Dyme_,
_Patrai_, _Tritaia_, _Pharai_ zu einem Bunde zusammen, welchem sich bald
die zehn übrigen anschlossen. Dank dem Verdienste des Bundesfeldherrn
Aratos breitete sich der Bund über die Grenzen Achajas aus, erhielt sodann
infolge des Anschlusses an Rom weiteren Zuwachs, so daß er _191 den ganzen
Peloponnes umfaßte. Würdig der großen Überlieferungen __des alten
Hellenentums ist der Bund der römischen Gewalt und Bedrückung mit dem
Schwert in der Hand entgegengetreten. Mit seiner ruhmvollen Niederlage bei
Korinth 146 endete die griechische Geschichte._
In der Bundesordnung finden wir die reichen Erfahrungen, welche die
Geschichte darbot, mit staatsmännischem Blicke verwertet. _Alle Mitglieder
sollen gleichberechtigt und in ihren inneren Angelegenheiten völlig
selbständig, dagegen in der äußeren Politik an die Beschlüsse der
Gesamtheit gebunden sein._ An der Spitze steht der auf Jahresfrist
erwählte _Bundesfeldherr_, welcher das Bundessiegel in Händen hat, neben
ihm der _Reiteroberst_ (_ἵππαρχος_), der _Admiral_ (_ναύαρχος_), der
_Kanzler_ (_γραμματεύς_). Dem Bundesfeldherrn, welcher die auswärtige
Politik zu leiten hat, steht eine beratende _Zehnerbehörde_ (_δαμιοργοί_)
zur Seite. Neben den _Volksversammlungen des Bundes_, woran jeder 30 Jahre
alte Bürger einer Bundesstadt teilnehmen konnte, scheint es Versammlungen
eines engeren Kreises von Abgeordneten der Städte gegeben zu haben, welche
Polybios „_Rat_“ nennt. Die Bundesversammlungen, in welchen die Beamten
gewählt, ihre Rechenschaft entgegengenommen, über Krieg, Frieden und
Verträge beschlossen wurde, fanden früher in _Aigion_ statt; Philopömen,
„der letzte der Hellenen“, setzte es durch, daß dieselben abwechselnd in
allen Bundesstädten stattfanden, damit ja keine einzelne Stadt sich als
Vorort aufspielte. Der Bund vermochte 30–40 000 Mann ins Feld zu stellen,
teils Söldner, teils Bürgermiliz; der Bundesfeldherr bestimmte die Höhe
des Kontingents der einzelnen Städte. Den schwächsten Punkt bildeten die
Bundesfinanzen; die Matrikularbeiträge der einzelnen Städte gingen sehr
unregelmäßig ein. Geschichte wie Ordnung des Bundes zeigen gleichermaßen
das Bestreben, _den Städtebund zum Bundesstaat zu erheben_; insbesondere
weist darauf die denkwürdige Bestimmung, wonach die Städte „gleiche
Gesetze, Gewichte, Maße und Münzen“ hatten.
*§ 67. Nationalfeste.*
Konnten die Hellenen nicht zur _politischen Einheit_ gelangen, so hatten
sie doch das Bewußtsein der _nationalen Einheit_ in den Kämpfen mit den
großen Mächten des Orients gewonnen. Nirgends hat sich dies schöner
betätigt als in den vier großen Nationalfesten, die in _Olympia_ in Elis
und in dem Tal _Nemea_ in Argolis zu Ehren des Zeus, in _Delphi_ dem
pythischen Apollo und auf dem _Isthmus_ bei Korinth im heiligen
Fichtenhaine Poseidons eben diesem Gotte zu Ehren gefeiert wurden. _Jeder
freie Hellene durfte daran teilnehmen_; so wurde denn die Frage, wer
„Hellene“ sei, hier erstmals eine dringliche. Noch Alexander, Sohn des
makedonischen Königs Perdikkas, mußte in Olympia nachweisen, daß er kein
Barbar sei. Nach der heiligen Überlieferung sind die Feste uralt und von
den Göttern selbst anläßlich großer Ereignisse gestiftet worden. In
Wahrheit war selbst das olympische noch im 8. Jahrhundert ein örtliches
Fest, das nur von den nächsten Nachbarn begangen wurde; erst allmählich
sind die Feiern durch das steigende Ansehen des Heiligtums oder Orakels zu
„panhellenischen“ geworden. Die Pythien und Olympien waren
„pentaeterisch“, d. h. sie wurden _immer__ im fünften Jahre gefeiert_,
während die Isthmien und Nemeen als „_trieterische_“ in jedem dritten
Jahre stattfanden.
Den schönsten Glanz erhielten die Feste durch das _Wettspiel_ (Agon).
Kraft und Gewandtheit im Wettkampf zu messen, ist aller gesunden Jugend
höchste Lust, so auch des jungkräftigen Volkes der Hellenen, welches im
Stärkeren den Besseren und Edleren bewunderte und als höchstes Ziel allen
Strebens erkannte:
„Immer der beste zu sein und es vorzutun allen andern.“
(_Αἰὲν ἀριστεύειν καὶ ὑπείροχον ἔμμεναι ἄλλων._)
Wettspiele waren von alters her bei großen Totenfeiern beliebt, wie schon
Achill dem gefallenen Patroklos zu Ehren solche veranstaltet. So waren
auch jene großen Wettspiele Griechenlands _ursprünglich_ wohl
_Leichenspiele_, die in regelmäßiger Wiederkehr Heroen zu Ehren gefeiert
und erst nachträglich höheren Schutzherren, Göttern, geweiht wurden.
Hatten bei dem pythischen Feste die den Musen heiligen Wettkämpfe
(_musische Agone_) in Dichtkunst, Gesang zur Zither (_κιθαρῳδία_) und
Flöte (_αὐλῳδία_) und Zitherspiel die erste Stelle, so rang man in Olympia
wie auf dem Isthmus und in Nemea vornehmlich um den Preis der Kraft und
Gewandtheit des Körpers und der Schnelligkeit der Rosse (_gymnische_ und
_hippische Agone_). Anfangs waren kostbare Preise ausgesetzt (_ἀγῶνες
χρηματῖται_), später jedoch bestand der höchste Lohn bei den
Nationalfesten in einem einfachen _Kranze_ (_ἀγ. στεφανῖται_), der in
Olympia von wildem Ölbaum, in Delphi von Lorbeer, auf dem Isthmus in alter
Zeit von Fichte, später von Eppich, in Nemea gleichfalls von Eppich
gewunden wurde.
*§ 68. Die olympische Feier.*
„Gleichwie des Goldes lodernde Glut mächtigen Reichtum überstrahlt, so
weiß ich keinen herrlicheren Wettkampf zu besingen, als den von Olympia“,
singt Pindar. In das breite, von waldigen Hügelketten umschlossene
Wiesental des mächtigen _Alpheiosflusses_ tritt vier Stunden oberhalb der
Mündung der rauschende Gebirgsbach _Kladeos_ ein. In der Gabelung beider
Gewässer lag ein _Heiligtum_ und _Orakel_ des _olympischen Zeus_ am Fuß
eines waldigen Hügels (Kronion), auf dessen Spitze sich seit uralter Zeit
eine Opferstätte des Kronos befand. Das Heiligtum gehörte zum Gebiet der 6
Stadien flußaufwärts gelegenen Achajerstadt _Pisa_. Die Spiele soll
_Pelops_, der den König Oinomaos von Pisa im Wagenrennen besiegte und
dadurch dessen Tochter und Erbin Hippodameia gewann, nach anderer Sage
_Herakles_ gegründet haben. Letzterer habe auch das Stadion abgeschritten.
Leiter des Festes waren anfangs die Pisaten, bis nach langen
Streitigkeiten 572 die Eleer die ausschließliche Festleitung in die Hand
bekamen. Die Beteiligung an der Feier, anfänglich auf die nächste
Nachbarschaft beschränkt, dehnte sich allmählich auf ganz Griechenland
aus.
_Die erste gezählte Feier fällt in das Jahr 776_ v. Chr. Damals habe
Iphitos im Verein mit Lykurgos die Begehung der Spiele neu geordnet und
mit Koroibos, dem Sieger im Wettlauf, die Aufzeichnung der Sieger
begonnen, welche den Olympiaden ihren Namen gaben. _Die Zählung der
Olympiaden_ ist indes erst durch den griechischen Geschichtsforscher
Timaios (geb. ca. 350 v. Chr.) der _allgemein-griechischen Zeitrechnung_
zugrunde gelegt worden. _War das Fest ursprünglich ein eintägiges, so
wurde seine Dauer 472 v. Chr. auf fünf Tage ausgedehnt_; war ja doch mit
der Teilnahme auch die Zahl der üblichen Kampfesarten außerordentlich
gewachsen.
Das Fest wurde noch lange gefeiert, nachdem der große Konstantin das
Christentum staatlich anerkannt hatte; erst Theodosius erließ 393 n. Chr.
ein Verbot desselben, dem 30 Jahre später Theodosius II. Nachdruck
verschaffte, indem er in den Zeustempel Feuer legen ließ. Die gewaltigen
Säulen und das Steingebälk desselben warfen Erdbeben (522 und 551 n. Chr.)
zu Boden, und der Kladeos bedeckte die ganze Stätte mit 6 m hohem Sand und
Geröll. (Beschreibung von Olympia s. § 71.)
_Die Feier des Festes_ verlief in seiner Glanzzeit (400 v. Chr.) etwa
folgendermaßen: Sobald „die elischen Friedensbringer Zeus’ des Kroniden,
der Jahreszeiten Herolde“, den Beginn des heiligen Mondes (_ἱερομηνία_)
verkündet hatten und bei allen Hellenen umherzogen und zum Feste einluden,
war in ganz Hellas Gottesfriede (_ἐκεχειρία_). Wer diesen verletzte, hatte
schwere Buße zu zahlen. _Der Haupttag des Festes fiel auf den ersten
Vollmond nach der Sommersonnenwende_, die ganze Dauer desselben in die
Gluthitze des Hochsommers, Ende des Juni und Anfang des Juli. Längst
vorher waren die Kampfbewerber in Olympia zusammengeströmt, um hier in dem
Gymnasium und der Palästra die letzten Übungen durchzumachen und sich
einer Prüfung ihrer Würdigkeit zu unterwerfen.
Hernach kamen die _Festgesandtschaften_ (_θεωρίαι_) der hellenischen
Städte; die üppige Pracht ihrer Gewänder, Schmuckstücke, Wagen, Pferde und
Schätze sollte den Reichtum und die Macht ihrer Heimat vor ganz Hellas
zeigen. Endlich strömte die zahllose Schar der Hellenen aller Gaue und
Mundarten zusammen und lagerte sich in der weiten Alpheiosebene unter
freiem Himmel, begierig, in den nächsten Tagen Hellas’ Pracht und Macht,
Kunst und Herrlichkeit zu schauen. Die Leitung des ganzen Festes und die
Entscheidung über die Kampfpreise lag in den Händen von neun, später zehn,
aus den elischen Bürgern gewählten „_Hellanodikai_“.
_Der erste Tag_ begann mit dem _Opfer_, welches die Eleer dem _olympischen
Zeus_ am großen Aschenaltar darbrachten; darauf opferten auch die
Festgesandtschaften und überreichten die kostbaren Weihgeschenke ihrer
Städte. Sodann ließen die Hellanodikai die Kampfbewerber schwören, daß sie
sich während der letzten zehn Monate nach den Vorschriften gewissenhaft
vorbereitet haben und sich keiner unerlaubten Mittel im Kampfe bedienen
werden, und verlosten die einzelnen Paare. Wer hierbei übrig blieb,
wartete als Zuschauer (_ἔφεδρος_), um hernach mit einem Sieger zu kämpfen.
Wer keinen Gegner fand, siegte, „ohne staubig zu werden“ (_ἀκονιτί_).
Schon vor dem Grauen des _zweiten Tages_ waren die das _Stadion_
(Laufbahn) umschließenden Wälle und der Abhang des Kronoshügels dicht
besetzt mit Tausenden von Zuschauern, die des großen Schauspieles harrten,
das heute mit den _Wettkämpfen der Knaben_ im Lauf, Ringen und Faustkampf
seinen Anfang nahm.
Darauf folgten _am dritten Tag_ die Kampfspiele der Männer, und zwar:
1. _Der Wettlauf_, das älteste aller Kampfspiele. Man begann mit dem
Dauerlauf (_δόλιχος_), wobei es galt, die genau 600 olympische Fuß (=
192 m) lange Laufbahn 24mal zurückzulegen. Völlig nackt eilten die Läufer
über die Bahn im tiefen Sand dahin. Schön sagt ein Epigramm von einem
Sieger im Lauf:
„Nur an den Schranken erblickten wir ihn, des Menekles Sprößling,
Oder am äußersten Ziel, nicht in der Mitte der Bahn.“
Bei dem darauf folgenden einfachen Wettlauf (_στάδιον_) wurde die Bahn nur
einmal, bei dem Doppellauf (_δίαυλος_) sodann zweimal durchmessen. Der
Sieg im einfachen Wettlauf galt für besonders ehrenvoll, weil nach dem
Sieger die Olympiade benannt wurde.
2. Der _Ringkampf_ (_πάλη_). Sieger war, wer seinen Gegner dreimal so
geworfen hatte, daß dieser mit beiden Schultern den Boden berührte; dabei
war vieles erlaubt, was heute als unstatthaft gilt: dem Gegner ein Bein zu
stellen, denselben in die Kniekehle zu schlagen, ein Bein emporzureißen,
die Glieder zu verdrehen, ihn durch Seitensprung von hinten zu fassen oder
mit den Schenkeln zu umschlingen.
3. Der _Faustkampf_ (_πυγμή_). Hierfür wurden die Hände und Unterarme mit
weichen Riemen von Ochsenhaut umwunden, die später noch mit Metallplatten
belegt wurden. Wer nicht rechtzeitig mit dem Arme parierte oder mit dem
Körper ausbog, dem fielen die Fausthiebe wie Hammerschläge auf Haupt und
Brust nieder. Deutlich bezeugen dies noch heute die verschwollenen
„Faustkämpferohren“ an alten Bildwerken.
4. Der _vereinte Ring- und Faustkampf_ (_παγκράτιον_), welcher nicht mit
dem Werfen, sondern erst dann endete, wenn der Geworfene durch Ausstrecken
der Hand sich für besiegt erklärte. Mag diese Kampfart von Hause aus
berechtigt gewesen sein, insofern hier nur die mit geschulter Gewandtheit
vereinte Körperkraft siegte: späterhin hat dieselbe jene Zunft der
Berufsathleten mit den „gewaltigen Stieresmuskeln, Schultern ganz von Erz“
großgezogen, welche dem Schöpfer des „Herakles Farnese“ das Vorbild
geliefert haben.
Der _vierte Tag_ brachte 1. das glänzendste Schauspiel: die _Wagenrennen_.
Man rannte mit Viergespannen (seit 404), auch mit Zweigespannen von
ausgewachsenen Pferden (_συνωρὶς τελείων ἵππων_) oder (seit 380) von
Fohlen (_πώλων_). Zahllose bildliche Darstellungen, insbesondere aber die
herrlichen Schilderungen Homers (Il. 23, 262 ff.) und Sophokles’ (Elektra
698 ff.) vergegenwärtigen uns die tieferregte Anteilnahme der Zuschauer.
Besondere Aufmerksamkeit und Geschicklichkeit erforderte das Umfahren der
Zielsäule (_νύσσα_); bei dem Gedränge, das hier entstand – es liefen immer
alle konkurrierenden Gespanne auf einmal –, waren Unglücksfälle nicht
selten. Wie heutzutage siegten die Pferde und ihr Besitzer, nicht etwa der
Wagenlenker oder Reiter, der im Fall des Sieges nur eine Siegerbinde
(Tänia) erhielt. Seit 648 war auch das _Wettreiten_ (_κέλητι_) in Olympia
eingeführt.
Hierauf folgte 2. der _Fünfkampf_ (_πένταθλον – ἅλμα, ποδωκείην, δίσκον,
ἄκοντα, πάλην_), welcher die Vereinigung der ältesten und einfachsten
Wettkämpfe und damit die Blüte hellenischer Gymnastik darstellt. „Die
Kämpfer im Pentathlon“, sagt Aristoteles, „sind die schönsten Leute, da
ihr Körper zur Kraftleistung und zur Schnelligkeit in gleicher Weise
befähigt ist.“ Nach dem feierlichen Vortrag eines „pythischen Liedes“
durch den Flötenspieler begann der Kampf mit dem _Weitsprung_. Man sprang
mit Schwungkolben (_ἁλτῆρες_), unseren Hanteln ähnlich, in den Händen,
welche sowohl die Weite des Sprunges als die Sicherheit des Niederkommens
steigerten. Es folgte der Wurf des _Diskos_, einer linsenförmigen
Erzscheibe, welche möglichst weit frei durch die Luft geschleudert werden
mußte. Mit _Speerwurf_ nach einem Ziele, _Lauf_ und _Ringkampf_ schloß das
Pentathlon. Die lange Reihe der dreitägigen Wettkämpfe endete mit 3. dem
_Kriegerlauf_ (_ὁπλιτῶν δρόμος_), einem Wettlauf junger Krieger, welche
früher in voller Waffenrüstung, später nur mit ehernem Schilde bewehrt
liefen.
Der _fünfte Tag_ war der _Tag der Sieger_. Nachdem schon vorher jeder
Sieger einen Palmzweig erhalten hatte, überreichten ihnen jetzt die
Hellanodiken das köstlichste Besitztum eines Hellenen, den zum Kranze
gebogenen Ölzweig, den ein Knabe, dem beide Eltern noch lebten (_παῖς
ἀμφιθαλής_), mit goldenem Messer vom heiligen Ölbaum (_κότινος_)
geschnitten hatte. Herolde verkündeten allem Volk die Namen der Sieger,
ihrer Väter und Heimatsorte. In festlichem Zuge, voran die
reichgeschmückten Festgesandtschaften, zogen die Sieger zu den Altären der
Götter, ihre Dankopfer darzubringen. Festliche Reigen sangen frohe Lieder,
bis die Sieger zum _Festmahl im Prytaneion_ gerufen wurden, wo Dichter wie
Pindar durch Siegeslieder (_ἐπινίκια_) ihren Ruhm feierten. Große Ehren
erwarteten die Sieger zu Hause: so singt Xenophanes von Kolophon (ca. 530
v. Chr.):
„Ja, wenn einer den Sieg mit hurtigen Füßen erwürbe,
Oder im Fünfwettkampf, wo das Gehege des Zeus
Liegt an Pisas Flut in Olympia, oder als Ringer,
Oder auch, daß er der Faust schmerzende Künste versteh’,
Oder den schrecklichen Kampf Pankration, wie sie ihn heißen,
Herrlicher scheint er dann allen den Bürgern zu schau’n,
Wird bei Spielen die Ehre des vordersten Sitzes erhalten
Und durch Speisung geehrt aus dem Vermögen des Volks,
Auch ein Geschenk von der Stadt wird stets ihm bleiben als Kleinod.“
Als Alkibiades einst einen dreifachen Wagensieg errungen, bewirtete er die
ganze Festmenge, wozu ihm Lesbos den Wein gab. In der Altis (§ 71) konnte
der Sieger eine Statue mit Inschrift aufstellen lassen; doch erst nach dem
dritten Siege durfte sie Porträtähnlichkeit haben. Aber so groß einst die
Zahl dieser _Siegerstatuen_ gewesen war, keine derselben ist unversehrt
gefunden worden. Auch nach dem Ende des Festes blieben Tausende in Olympia
versammelt. Ein großer Markt von Handwerkern, Künstlern, Kaufleuten hatte
sich ringsum ausgebreitet; Beschlüsse und Verträge von Staaten wurden
verkündet; Geschichtschreiber und Dichter lasen ihre Werke vor, Redner und
Philosophen hielten Vorträge (_ἐπιδείξεις_): Herodot, Gorgias, Hippias,
Prodikos, Lysias (_or._ 33) und andere haben hier zu ganz Hellas
gesprochen.