2. die _Spruchorakel_, bei denen durch den Mund gottbegeisterter Propheten
und Prophetinnen Bescheide erteilt wurden, dem Weissagegott _Apollo_.
Weitaus das berühmteste derselben, überhaupt aller griechischen Orakel,
war das zu _Delphi_, in ältester Zeit _Pytho_ (Fragestätte) genannt, in
der Landschaft Phokis, am Fuß des Parnaß gelegen.
Apollo erlegte dort, so berichtet die Gründunglegende, den Drachen Python
und setzte kretische Kaufleute als seine Priester ein. Vorher hatte das
Orakel der Erdgöttin Gaia gehört; sein Hüter war jener Erdgeist Python,
der Sohn der Gaia, gewesen, der nachmals im Tempel Apollos unter dem
Nabelstein der Erdgöttin (_ὀμφαλὸς Γῆς_) begraben lag, einem
kuppelförmigen (vgl. §§ 63. 69 g. E.) Bauwerk, aus dem spätere Umdeutung
den Mittelpunkt der Erde machte. Das Medium, durch das Apollo seinen
Willen offenbarte, war die _Pythia_, eine Jungfrau, in späterer Zeit
mindestens 50 Jahre alt. Nachdem sie aus der Quelle Kassotis getrunken und
Lorbeerblätter gekaut hatte, setzte sie sich auf ihren auf einem Dreifuß
angebrachten Sitz. Der Dreifuß stand im Allerheiligsten des Tempels über
einer Erdspalte, der kalte, betäubende Dämpfe entstiegen, durch welche die
Pythia in Ekstase versetzt wurde. Die mehr oder weniger zusammenhängenden
Worte, welche die Pythia in diesem Zustand hervorstieß, wurden von dem
neben ihr stehenden „Propheten“ niedergeschrieben und unter Beihilfe des
Priesterkollegiums der „Reinen“ (_ὅσιοι_) gedeutet und in metrische Form
gebracht. Die den Fragenden erteilten Antworten waren in der Regel dunkel
und vieldeutig.
Der _Einfluß_ des delphischen Orakels erstreckte sich auf wichtige
staatliche Unternehmungen durch Sanktionierung von Koloniengründungen,
Gesetzgebungen, Verfassungsänderungen usw., wie auf die Entschließungen
der in oft recht unbedeutenden persönlichen Anliegen Ratsuchenden. Als
anerkannt höchste Autorität in religiösen Angelegenheiten veranlaßte das
Orakel u. a. die Ausbreitung des Heroenkults, befestigte den Seelenkult
und damit den Unsterblichkeitsglauben, führte die Sühnung der Blutschuld
an Stelle der Blutrache ein – so war in Athen eine der ältesten
Gerichtsstätten das Delphinion (§ 40) – und trug auch sonst durch
Empfehlung sittlicher Grundsätze (_γνῶθι σεαυτόν_) zur Hebung der Moral
des griechischen Volkes bei.
Heutigestags ist der Erdschlund, wohl infolge von Erdbeben, nicht mehr
nachweisbar; doch kann man noch jetzt an verschiedenen Stellen einen
eiskalten, aus Felsspalten aufsteigenden Lufthauch, verbunden mit einem
scharfen, essigähnlichen Geruch, verspüren. Die vollständige Freilegung
des alten Delphi, über dem das heutige Dorf _Kastri_ steht, wurde von der
französischen Regierung mit Erfolg unternommen.
3. Kranke suchten häufig bei _Traumorakeln_ Hilfe, z. B. in Trikka in
Thessalien, auf Kos, in Pergamon, vorzugsweise aber im _Heiligtum des
Asklepios in Epidauros_. Nach verschiedenen religiösen Vorbereitungen
legte sich der Kranke in einem besonderen Raume zum Schlafe nieder
(Inkubation), um in der Nacht vom Gotte geheilt zu werden oder wenigstens
im Traume die Mittel zu erfahren, durch deren Anwendung er nachher von den
Priestern kuriert wurde. Die Geheilten spendeten außer sonstigen
Weihgeschenken Nachbildungen der geheilten Körperteile in Silber, Gold,
Marmor oder auch nur in Wachs oder Ton. Die merkwürdigsten dort erfolgten
Wunderkuren verkündigten im Heiligtum aufgestellte Tafeln, von denen zwei
unlängst wieder aufgefunden wurden.
Die Verkündigung der _Zukunft_ durch Traumgesichte erwartete man, auf dem
Fell eines geopferten Widders schlafend, beim Orakel des von der Erde
verschlungenen Sehers _Amphiaraos bei Theben_.
Wer den _Trophonios_ befragen wollte, fuhr durch einen engen Schlund in
seine _Höhle bei Lebadea_ in Böotien ein, um ihn hier in Person oder in
Schlangengestalt zu sehen, oder wenigstens seine Weisungen zu hören.
4. _Totenorakel_ (_νεκρομαντεῖα, ψυχομαντεῖα_) gab es namentlich an den
Orten, an welchen Eingänge in die Unterwelt (_Πλουτώνεια_) angenommen
wurden. Das bedeutendste war das bei _Cumä_ in Kampanien. Durch Gebet und
Opfer wurden die Seelen der Verstorbenen von den Priestern
heraufbeschworen, um die gewünschte Auskunft zu erteilen.
*§ 51. Gebet und Opfer.*
Die vor keiner wichtigeren Unternehmung fehlenden _Bittgebete_ haben meist
etwas Formelhaftes: Auf die ausführliche Anrufung der Gottheit folgt die
Erinnerung an die früher dargebrachten Opfer, dann die Bitte selbst, zum
Schluß häufig ein Gelübde für den Fall der Erhörung. Beim Gebet zu den
oberen Göttern erhob man die Hände gen Himmel, die innere Handfläche nach
auswärts, bei der Anrufung der Meeresgötter streckte man sie gegen die
Meeresfläche aus, bei der der Unterirdischen kniete oder setzte man sich
auf den Boden und berührte mit den Händen die Erde.
Durch den _Eid_ (_ὅρκος_) wünscht der Schwörende für den Fall des Meineids
die Strafe der Götter auf sich herab. Bei der ungemeinen Häufigkeit des
Eids im griechischen Staatsleben wurden ohne Zweifel zahllose Meineide
geschworen; ihre Bestrafung erfolgte jedoch nicht von Gesetzes wegen,
sondern blieb den Göttern selbst, namentlich dem Zeus _ὅρκιος_ überlassen.
Erhöht wird die Feierlichkeit des Eids durch damit verbundene Opfer. Beim
_Eidopfer_ (_ὅρκια τέμνειν, τόμια_ vgl. Il. 3, 103 ff. 19, 253 ff.)
wünscht sich der Schwörende das Schicksal des geschlachteten Opfertieres,
falls er den Schwur nicht halte; ungemischter Wein wird ausgegossen: „Wie
der Wein, so möge das Gehirn des Meineidigen auf die Erde spritzen!“
(Il. 3, 300 f.)
Die _Opfer_, die den Himmlischen und Unterirdischen gewöhnlich verbrannt,
den Meer- und Flußgöttern ins Wasser geworfen werden, sind teils
_blutige_, teils _unblutige_. Letztere bestehen in Backwerk (_πέμματα_),
Früchten, Käse, Weihrauch; arme Leute, denen Tieropfer zu teuer waren,
ließen Tiere in Teig nachbilden. Als _Trankopfer_ wurden Spenden von Wein
und (besonders den Unterirdischen) ein Gemisch von Honig, Milch und Wasser
(_μελίκρατον_) dargebracht.
Bei der _Darbringung eines blutigen Speiseopfers_ besprengen die
Teilnehmer sich und den Altar mit Wasser, das durch Eintauchen eines
brennenden Scheits (_δαλίον_) vom Altare _geweiht_ worden ist; dann
streuen sie herumgereichte _Opfergerste_ (_ὀλαί_, bei Homer _οὐλαί,
οὐλοχύται_) dem mit Bändern und Kränzen geschmückten Opfertier auf den
Kopf. Dasselbe muß durchaus fehlerfrei sein; den oberen Göttern werden mit
Vorliebe hellfarbige, den Unterirdischen und Toten schwarze Tiere
geopfert. Alsdann _schneidet_ man dem Opfertiere einige _Kopfhaare ab_ und
wirft sie ins Feuer, wodurch dasselbe dem Tode geweiht wird. Alle
Anwesenden werden nun zu _frommem Schweigen_ aufgefordert (_εὐφημεῖτε_)
und unter _Flötenmusik_ und _Gesang von Päanen_ der Gott um gnädige
Annahme des Opfers angefleht. Man biegt dem Opfertiere den Kopf zurück –
größere Tiere werden zuvor durch einen Schlag auf den Kopf betäubt –,
_durchschneidet den Hals_ und läßt das Blut auf den Altar oder in die
Opfergrube fließen. Dann _zieht man die Haut ab und be__reitet_ zuerst die
_inneren Teile_ (_σπλάγχνα_), welche am schnellsten fertig werden, am
Feuer zu.
Die Götter erhalten in Homerischer Zeit hauptsächlich die Schenkelknochen
(_μηρία_) mit mehr oder weniger Fleisch daran, in eine Fetthaut gehüllt
mit daraufgelegten Fleischstücken, in späterer Zeit außer anderen Knochen
namentlich den unteren Teil des Rückgrats und den Schwanz. An dem zum
Himmel emporsteigenden _Fettdampf_ (_κνίση_) erfreuen sich die Götter in
besonderem Maße.
Auf den Opferbrand gießen alle Anwesenden Spenden gemischten Weins.
Alsdann wird das _übrige Fleisch gebraten und verzehrt_. An den
Opferschmaus schließen sich oft Reigentänze an. An den großen Staatsfesten
wird das Volk auf Staatskosten gespeist.
Den _Unterirdischen_, ebenso bei Eid- und Sühneopfer müssen _die Tiere
ganz verbrannt_ werden. Der Lebende darf nichts davon genießen (_θυσίαι
ἄγευστοι_), sonst ist er selbst dem Tode verfallen. Der _Hekate_ werden
hauptsächlich _Hunde_ geschlachtet. Die Opfer für die chthonischen
Gottheiten finden abends oder nachts statt, die für die Himmlischen
morgens oder vormittags.
Den _Heroen_ und _den Seelen der Verstorbenen_ überhaupt opfert man
(_ἐναγίζειν_, dagegen _θύειν_ den Göttern opfern) an oder auf ihrem Grabe
mit Vorliebe schwarze Schafe, deren Blut man zum Zweck der „Blutsättigung“
(_αἱμακουρία_) der Seelen ins Erdreich fließen läßt. Einen _Seelenkult_
hatten die Griechen schon in vorhomerischer Zeit, und Rudimente desselben
finden sich in den Homerischen Gedichten, z. B. die Tier- und
Menschenopfer bei der Bestattung des Patroklos und das Opfer, welches
Odysseus nach seiner Heimkehr allen Toten und dem Teiresias insbesondere
darzubringen verspricht (Od. 10, 521–526; 11, 29–33, vgl. auch § 69). Aber
unter dem Einfluß der sich immer weiter verbreitenden Homerischen
Vorstellung, wonach die Seelen der Verstorbenen für immer vom Reich der
Lebenden geschieden und ohne Einwirkung auf dasselbe in einem fernen
Höhlenreiche kraft- und bewußtlos ein schattenhaftes Dasein führen, kam
der Seelenkult allmählich außer Übung und erhielt sich nur in einzelnen
Lokalkulten, z. B. bei den böotischen Bauern, um jedoch im Anschluß an den
namentlich vom delphischen Orakel (vgl. § 50) geförderten _Heroenkult_ zu
neuem Leben zu erwachen. Als _Heroen_ verehrte man in der Folgezeit fast
alle Helden der epischen Dichtung, daneben in engeren Kreisen sonst nicht
bekannte Gestalten als „Landesheroen“, sodann die Städtegründer,
historische wie mythische, ferner die in den Perserkriegen Gefallenen,
schließlich alle Personen, die sich im Leben irgendwie als Könige,
Gesetzgeber, Dichter, Sieger in Wettspielen usw. ausgezeichnet hatten.
Bei _Sühneopfern_ nimmt das Tier an Stelle des Menschen die Schuld und den
Fluch auf sich. So scheinen mannigfach Tieropfer alte, dem Griechentum
ursprünglich fremde und von den Orientalen übernommene _Menschenopfer_
abgelöst zu haben (vgl. das Opfer der Hirschkuh für Artemis an Stelle der
Iphigenie in Aulis). Sage und Geschichte liefern Beispiele freiwilliger
Aufopferung in gefahrvollen Lagen, bei Seuchen und Hungersnot, sowie vor
wichtigen Entscheidungen, Schlachten oder Seefahrten. Noch im zweiten
Jahrhundert nach Chr. wurden dem Zeus Lykaios in Arkadien an den Lykaien
Menschen geopfert. Doch kamen solche Fälle gewiß nur vereinzelt vor und
wurden von den Griechen selbst als rohe, barbarische Sitte empfunden.
*§ 52. Die Mysterien.*
Neben der allgemeinen Gottesverehrung gab es noch besondere, von einem
geschlossenen Kreis von Eingeweihten begangene Geheimkulte, _die
Mysterien_ (_μύω_ schließe die Augen, den Mund; auch _τελεταί_, Weihen,
genannt). Unter ihnen nahmen _die eleusinischen Mysterien_ weitaus die
erste Stelle ein.
Im eleusinischen Lande, wo die von Hades geraubte Persephone wieder ans
Licht der Sonne gekommen und ihrer Mutter wiedergeschenkt worden war(7),
hatte Demeter selbst, so berichtet der homerische Hymnus auf Demeter, den
heiligen Dienst gestiftet. Wer an diesem teilnimmt, darf ein bevorzugtes
Schicksal im Jenseits und schon in diesem Leben Glück und Reichtum
erhoffen. Seitdem Eleusis (wohl im 7. Jahrh.) mit Athen vereinigt und die
dortige Feier zum athenischen Staatskult erhoben worden war, _dehnte sich
der Kreis der Verehrer_ nicht nur über Attika, sondern _über ganz
Griechenland aus_; jeder Grieche ohne Unterschied des Stammes, Männer und
Frauen, selbst Kinder und Sklaven wurden zugelassen; einzige Bedingung war
rituale Reinheit, so daß also Mörder und wegen Mords Angeklagte
ausgeschlossen waren.
Der vornehmste Priester war der _Hierophant_, der die geheimnisvollen
Heiligtümer zu zeigen und zu erklären hatte; seine Würde war in dem
eleusinischen Adelsgeschlecht der Eumolpiden erblich; ihm zur Seite stand
die _Hierophantin_. Die nächsten Priester im Range waren der _Daduchos_
(Fackelträger), der _Keryx_ (Herold) und der _Altarpriester_ (_ὁ ἐπὶ
βωμῷ_), alle drei aus dem attischen Geschlecht der Keryken. Die äußeren
Anordnungen besorgte der Archon Basileus, unterstützt von vier Epimeleten.
Im Anthesterion (Februar) wurden die _kleinen Mysterien_ zu Agrai, einer
Vorstadt Athens, mit Reinigungen und Aufnahme der Mysten gefeiert. Erst
nachdem man verschiedene Grade durchlaufen hatte, gelangte man in die
Klasse der _Epopten_, der Schauenden.
Die _großen Eleusinien_ fanden im Boedromion (Sept.) statt, nachdem ein
allgemeiner Gottesfriede (_ἐκεχειρία_) für 7–8 Wochen angesagt war. Auf
die feierliche Bekanntmachung (_πρόρρησις_) des Archon Basileus hin
sammelte sich die ganze Festgemeinde in Athen und begab sich zur Reinigung
ans Meer (_ἅλαδε μύσται_). Nach mehrtägigen Opfern und Umzügen brachte man
am 20. Boedromion in feierlicher _Prozession_ das Bild des _Iakchos_, des
von Zeus Chthonios und Persephone gezeugten Unterweltsgottes, der häufig
mit Dionysos gleichgesetzt wurde, auf der heiligen Straße unter
Iakchosrufen und Gesängen nach dem vier Wegstunden entfernten Eleusis in
den Demetertempel, später in das von Perikles erbaute Telesterion
(Weihehaus). Die Feier der folgenden Tage beging man mit Opfern,
Fackeltänzen, wiederholten Reinigungen, mehrtägigem Fasten und Genuß des
Kykeon, eines Mischtranks aus Wasser, Mehl und Polei, den auch Demeter
nach ihrer Aufnahme in Eleusis zuerst gekostet haben soll.
Den Mittelpunkt aber bildeten die _eigentlichen Mysterien_. Diese
bestanden nicht etwa in Geheimlehren, die in bestimmte Begriffe und Worte
gefaßt gewesen wären, vielmehr in lebenden Bildern und dramatischen
Darstellungen der Schicksale der gefeierten Gottheiten, z. B. des Raubs
der Kore, der Irren der Demeter und der Wiedervereinigung der Göttinnen.
Es war „_ein religiöser Pantomimus_, von heiligen Gesängen und
formelhaften Sprüchen begleitet“ und durch Pracht der Ausstattung,
Lichteffekte und Musik wirksam unterstützt. Infolgedessen konnte eine
Profanierung der Mysterien nicht durch Ausplaudern, sondern nur durch
Nachäffung geschehen, wie eine solche 415 dem Alkibiades zur Last gelegt
wurde.
_Die Hoffnung auf ein seliges Los_ der in Eleusis Geweihten _im Jenseits_
wurde vielleicht durch Vorführung von Szenen aus dem jenseitigen Leben
oder durch unmittelbare Verkündigung der (etwa bei der Darstellung der
Stiftung des eleusinischen Festes erscheinenden) Demeter selbst geweckt
und genährt. Trotz mancher Lobpreisungen der Alten scheint indes die
sittliche Wirkung der Mysterien keine besonders tiefe und nachhaltige
gewesen zu sein.
*§ 53. Feste.*
Außer den großen hellenischen Nationalfesten (s. § 67) wurden noch eine
Menge Feste in den einzelnen Städten den verschiedenen Gottheiten zu Ehren
gefeiert. Genauer sind wir über den _athenischen Festkalender_
unterrichtet. Das attische Jahr begann mit dem ersten Neumond nach der
Sommersonnenwende. Die Hauptfeste waren im Monat