I. Abschnitt.

*LAND UND VOLK VON HELLAS.*

*A. Das Land.*

*§ 3. Orographie des europäischen Hellas.*

Die _starke Gliederung_, welche für ganz Europa charakteristisch ist,

erreicht in seinem südöstlichen Vorsprung ihren höchsten Grad. Der massige

Rumpf der Balkanhalbinsel setzt sich in der schmäleren Halbinsel

„Griechenland“ fort, welche, an Größe etwa dem Königreich Bayern

gleichkommend, sich zwischen dem Ionischen und Ägäischen Meer weit nach

Süden erstreckt, von zahlreichen Buchten zerschnitten und von einem bunten

Kranz von Inselgruppen umgeben. Ebenso abwechslungsreich wie die

horizontale Gliederung ist _die vertikale Gestaltung. Das Land ist zum

größten Teil von Gebirgen erfüllt_, welche die Ebenen an Ausdehnung weit

übertreffen. Die Gebirge Griechenlands bestehen teils aus kristallinischen

Schiefern und Marmoren (vornehmlich auf der Ostseite: Kambunische Berge,

Olymp, Ossa, Pelion, das südliche Euböa, die größten Teile von Attika und

Lakonien, die Kykladen, zum Teil auch Kreta), teils aus Sedimentgesteinen

der Kreide- und Eozänformation (überwiegend Kalksteine).

Diese Gesteine sind stark gefaltet und zu Gebirgen aufgerichtet. Man

unterscheidet zwei Faltengebirgssysteme: 1) _das große dinarische

Gebirgssystem_, welches mit einem Faltenbau von ausgesprochenem

Parallelismus von NNW. nach SSO. streicht und _den ganzen westlichen Teil

der Balkanhalbinsel_ bis zur Südspitze durchzieht;

2) die _ostgriechischen Gebirge_, welche, in nach N. geöffnetem Bogen von

W. nach O. streichend, quer gegen die Ostküste Griechenlands auslaufen.

Die _östliche Küste_ ist daher _weit reicher gegliedert und

aufgeschlossen_ als die westliche, welche den dinarischen Gebirgszügen

parallel läuft.

Vulkanische Massen sind da und dort (Thera, jetzt Santorin, dessen Vulkan

noch heutzutage zeitweise tätig ist, Melos, Kalauria, Methana, Ägina) zum

Ausbruch gekommen, und es treten vielfach heiße Quellen („Bäder des

Herakles“ zu Ädepsos auf Euböa, Thermopylen u. a. m.) und Gasausströmungen

(Mosychlos auf Lemnos, Solfatara von Susaki) auf.

Beim _akrokeraunischen Vorgebirge_ tritt das dinarische Gebirgssystem in

das westliche _Nordgriechenland_ ein; ganz _Epirus_ ist erfüllt von jenen

parallel gerichteten Höhenzügen mit langgestreckten Talmulden dazwischen.

In engen Schluchten durchbrechen die Flüsse mit Zickzackwindungen die

Gebirgszüge, um von einer Mulde zur anderen zu gelangen. Es ist eine wilde

Gebirgslandschaft, welche nur an der Küste kleine Ebenen besitzt. Die

östlichsten dieser Bergkämme werden als _Pindos_ (höchster Gipfel 2336 m)

zusammengefaßt, im W. von dem tiefen Tal des Arachthosflusses, im N. durch

den _Lakmonpaß_ begrenzt, der Länge nach in wilder Engschlucht

durchflossen vom größten Flusse Griechenlands, dem Acheloos. Nach O. fällt

der Pindos zum Tiefland von _Thessalien_ ab, das rings von Gebirgen

umwallt ist: im O. von den kristallinischen Gebirgen _Olympos_ (2985 m),

(dem höchsten Berg der hellenischen Welt und daher Sitz der Götter),

_Ossa_, _Pelion_, welche im N. durch die wenig bekannten _kambunischen

Berge_, im S. durch den _Othrys_ mit dem Pindos verbunden sind. Eine

niedrige Hügelkette scheidet das Innere des Beckens in zwei selbständige,

äußerst fruchtbare Ebenen, die größten Griechenlands. Zwei Ausgänge führen

aus diesen zum Meer: zwischen Olymp und Ossa bricht der Abfluß des

Tieflandes, der thessalische Peneios, in dem vielgerühmten Engpaß _Tempe_

durch; zwischen Pelion und Othrys dringt das Meer als _Pagasäischer_ Golf

tief ins Innere ein.

Gegen S. folgt eine Einschnürung des Festlandes durch zwei Golfe (den

_Malischen_ und den von Ambrakia), welche Nord- und _Mittelgriechenland_

scheiden. Die westlichen Landschaften des letzteren (_Akarnanien_ und

_Ätolien_) enthalten die Fortsetzung der Bergzüge von Epirus, ein rauhes,

schluchtenreiches Gebirgsland, durchströmt vom Acheloos, der mit sumpfiger

Deltaebene in den Golf von Paträ mündet.

In den östlichen Landschaften (_Lokris_, _Doris_, _Phokis_, _Böotien_,

_Attika_) findet sich eine doppelte Reihe östlich streichender Bergzüge:

im N. _Öta_ (2158 m) und _Knemis_ 924 m), im S. _Ghiona_ (2512 m),

_Parnaß_ (2459 m), _Helikon_ (1749 m), _Kithäron_ (1411 m) und _Parnes_

(1412 m). Zwischen beiden Reihen liegt die böotische Tiefebene mit dem

_Kephissos_, der in den Sumpf _Kopais_ mündet. Letzterer hat nur

unterirdische Abflüsse, die Katavothren.

Die Fortsetzungen beider Gebirgsreihen nach O. bilden die große

Gestade-Insel _Euböa_ (Dirphys 1745 m), welche vom Festland durch einen

Meeresarm getrennt ist, der an seiner schmalsten Stelle (_Euripos_) nur

etwa 45 Schritte breit ist. An die südliche Kette schließen sich die

kristallinischen Gebirge von _Attika_ an: _Pentelikon_ (1109 m),

_Hymettos_ (1027 m) und die Berge von _Laurion_. Zwischen diesen liegen

die drei kleinen attischen Ebenen.

Mittelgriechenland wird von dem südlich vorlagernden _Peloponnes_

geschieden durch einen tiefen Graben, welcher fast ganz vom Meer bedeckt

ist: von W. treten der _Golf von Paträ_, die _Straße von Naupaktos_, _der

Golf von Korinth_, von O. der _Saronische_ Golf in den Graben ein. Nur

eine schmale, niedrige Landbrücke verbindet beide Länder: der aus jungen

gehobenen Meeresablagerungen bestehende _Isthmus von Korinth_. Südlich

steigen aus dem Graben die Gebirge des Peloponnes in steilen Terrassen

jugendlicher Ablagerungen auf (_Achaja_). Der _mittlere und westliche Teil

der peloponnesischen Gebirge_ gehört dem großen dinarischen Gebirgssystem

an und setzt mit seinen von NNW. nach SSO. gerichteten Bergzügen das

akarnanisch-ätolische Gebirge fort: die höchsten Spitzen, zunächst dem

Korinthischen Golf und der Terrassenlandschaft Achaja, heißen:

_Erymanthos_ (2224 m), _Aroania_ (2355 m) und _Kyllene_ (2374 m). An die

beiden letzten hängen sich die parallel gerichteten Höhenzüge, welche das

_Hochland von Arkadien_ bilden, in dessen östlichen Teil mehrere

_fruchtbare Ebenen_ eingesenkt sind, welche durch Katavothren entwässert

werden. Nach SO. setzt sich dieses Hochland in dem breiten Höhenwall

_Parnon_ fort, der im _Kap Malea_ ausläuft. Im S. des Erymanthos dagegen

sind die Gebirge durch bewaldete Hochebenen unterbrochen, welche von

tiefen Tälern zerschnitten sind, so von dem Tal _des elischen Peneios_ und

dem _des Alpheios_, deren Unterläufe die fruchtbare _Schwemmlandebene von

Elis_ durchziehen. Jenseits dieser Unterbrechung findet der Erymanthos

seine Fortsetzung in den weit niedrigeren Gebirgen von Triphylien und

Messenien. Zwischen diesen und dem Parnon erhebt sich als mächtige

Aufwölbung der überwiegend kristallinische _Taygetos_ (2409 m), der in der

äußersten Südspitze Griechenlands, dem _Kap Tänaron_, endigt. Rings um

denselben breiten sich drei durch niedrige Schwellen verbundene Becken

aus: _Messenien_ mit dem Pamisos, _Lakonien_ mit dem Eurotas, und die

Landschaft von _Megalopolis_ mit dem oberen Alpheios. Gebirge mit

west-östlicher Streichrichtung hat der Peloponnes nur in der Halbinsel

_Argolis_ (Arachnäon); diese werden nach W. von den arkadischen Gebirgen

geschieden durch die _Tiefebene_ von _Argos_ mit dem _Inachos_ und durch

den _Golf von Nauplia_.

Das griechische Festland ist im W. begleitet von der Kette der _Ionischen

Inseln_, welche sich in ihrem Baue als Glieder des festländischen Gebirges

kundgeben; im O. finden wir _Euböa_, ebenfalls ein losgelöstes Stück des

Festlandes, die nördlichen _Sporaden_ und die _Kykladen_. Dieser Archipel

wird im S. geschlossen durch das langgestreckte _Kreta_, das den Parnon

mit dem kleinasiatischen Tauros zu verbinden scheint.

*§ 4. Hydrographie.*

_Die Gebirge Griechenlands sind meist felsig und unfruchtbar_, da durch

den Wechsel von trockener und regenreicher Jahreszeit die Entstehung einer

zusammenhängenden Decke von Verwitterungslehm verhindert wird. Daher sind

meist nur die Talauen und vereinzelte Gehänge dem Anbau zugänglich. _Am

ungünstigsten für den Pflanzenwuchs zeigt sich der Kalkstein_, welcher

alles Wasser in die Tiefe versinken läßt, wo es durch ein Netz

unterirdischer Wasserläufe abfließt, um an andern Stellen in mächtigen

Quellen zutage zu treten. _Günstigere Bedingungen bieten der Pflanzenwelt

die Schiefergebirge_, welche das Wasser an der Oberfläche abfließen

lassen. Die _Wasserläufe sind fast sämtlich Wildbäche_, die gewöhnlich

ganz trocken liegen, dagegen zuzeiten gewaltig anschwellen. Diese Bäche

haben durch ihren Schutt und Schlamm _die Ebenen_ gebildet, welche meist

von geringer Ausdehnung, aber von um so größerer Fruchtbarkeit sind und

die _Mittelpunkte der geschichtlichen Entwicklung_ bilden. Heute sind

dieselben infolge von Versumpfung ungesund und weniger bevölkert als im

Altertum.

*§ 5. Klima und Pflanzenwuchs.*

Das Klima trägt das Gepräge der mediterranen Klimazone, und zwar des

östlichen kontinentaleren Teiles derselben. Die _Hitze_ erreicht im Sommer

einen sehr hohen Grad (Juli Mitteltemperatur in Athen 27° C.); der Winter

dagegen ist ziemlich kühl (Januarmittel in Athen 8° C.); so daß die

Extreme weit auseinander liegen (+40½ und −6½° C.). Ebenso bedeutend sind

die täglichen Wärmeunterschiede zwischen Tag und Nacht, Sonne und

Schatten. Nachtfrost kommt jeden Winter einigemal vor. Schnee fällt im

Meeresniveau in Nord- und Mittelgriechenland wiederholt, im Peloponnes

dagegen äußerst selten und bleibt kaum einige Tage liegen. In den Gebirgen

aber fallen beträchtliche Schneemassen, die sich auf den höchsten Gipfeln

fast das ganze Jahr hindurch halten. Charakteristisch für das Klima ist

insbesondere die _Regenlosigkeit des Sommers_. Regen fällt in der Zeit von

Mitte September bis Mitte Mai, während in den Sommermonaten im Tieflande

auch kurze Regenschauer selten sind. Es herrschen nämlich in dieser Zeit

die _Etesien_, trockene, sehr regelmäßige Nordostwinde. Im Gebirge fallen

übrigens auch im Sommer je höher desto mehr Niederschläge. Außerdem ist

die _Regenmenge im westlichen Griechenland bedeutender als im östlichen_

(Athen 385 mm, Patras 727 mm); aber die Sommermonate sind im W. ebenso

regenarm wie im O. Infolge dieser Sommerdürre ist der jährliche

Entwicklungsgang des Pflanzenwuchses von dem unserer Heimat ganz

verschieden. Die einjährigen Pflanzen haben dank der milden

Wintertemperatur ihre Vegetationsperiode im Winter und im Frühjahr. Im

_Sommer ruht das Wachstum_ derselben, die meisten verdorren und

verschwinden vollständig (Getreideernte Ende Mai). Die perennierenden

Pflanzen sind behufs Überdauerung des Sommers vielfach durch eigentümliche

Organisation geschützt, z. B. durch lederartige Beschaffenheit der

immergrünen Blätter. _Wald_ findet sich in den tieferen Regionen nur in

den lichten Beständen der Aleppokiefer und der Knoppereiche, in der

höheren Region herrscht der Tannenwald, im W. der Eichenwald bereits auf

mittlerer Höhe. Aber diese schon bei 700 m beginnenden Bergforsten sind

seit dem Altertum fortdauernd verwüstet worden. Die höheren Gipfel über

2000 m ragen über die Baumgrenze empor und tragen nur alpine

Krautpflanzen, welche im Sommer von den Schafherden abgeweidet werden.

*§ 6. Gaben des Bodens.*

Ist auch das anbaufähige Land nicht sehr ausgedehnt, so besitzt es dafür

zum Teil eine außergewöhnliche Fruchtbarkeit. Da das günstige Klima den

Anbau selbst auf geringerem Boden lohnend macht, so vermag Griechenland

eine starke Bevölkerung zu ernähren. Hatte doch Griechenland in

klassischer Zeit auf 1000 □Meilen 200 000 Waffenfähige, also 1½ Millionen

Einwohner, dazu fast dreimal so viel Sklaven, eine Bevölkerungsziffer,

welche freilich seit Alexander d. Gr. fortwährend zurückging, so daß

Plutarch (100 n. Chr.) noch 3000 Waffenfähige zählte. Jetzt besitzt das

Königreich Griechenland auf 65 000 qkm (ca. 1200 □Meilen) 2½ Millionen

Einwohner.

Die Erzeugnisse des _Ackerbaus_, der hier stets die erste Quelle der

Volksernährung bildete, sind heutzutage noch mannigfaltiger als im

Altertum, da seitdem eine Anzahl von Kulturpflanzen neu eingeführt worden

ist (Mais, Korinthen, Orangen, Tabak, indischer Hanf, Opuntien). In erster

Linie steht das _Getreide_, besonders Weizen und Gerste. Aber nur wenige

Landschaften, so Thessalien, Böotien und Messenien, erzeugten den eigenen

Bedarf; Attika, das zum Beispiel 328 v. Chr. bei schlechter Ernte nur

360 000 Scheffel Gerste und 40 000 Scheffel Weizen erzeugte, mußte seit

dem Peloponnesischen Krieg die Hälfte seines Bedarfs aus den

Bosporusländern und Ägypten einführen. Dem Getreide steht zunächst der

_Wein_, der überall bis in die Gebirge hinauf vorzüglich gedeiht. Unter

den Bäumen ist an erster Stelle der _zahme Ölbaum_ zu nennen, aus Syrien

eingeführt, der zwar nur in der tiefen Zone, hier aber selbst auf

steinigem Boden gedeiht. In alter Zeit sind aus Asien nach Griechenland

verpflanzt worden: Kirschen, Pflaumen, Zitronen, Pfirsiche, Feigen (in

Attika), Birnen (in Argos), Quitten, Granatäpfel, Mandeln, Kastanien (auf

Euböa), Walnüsse, die Palme (auf Delos), die Zypresse. Technisch wichtig

sind neben dem Hanf die _Baumwolle_ und der _Maulbeerbaum_(2). Der

_Viehzucht_ dienten ausgedehnte Berghalden. Heutzutage ist nur die Zucht

von Schafen, Ziegen und Schweinen von Bedeutung, während einstens auch

Großvieh und Pferde fleißig gezüchtet wurden. Die Griechen waren im

allgemeinen Vegetarianer; sie genossen Fleisch gewöhnlich nur bei

Opferfesten und konnten den reichlicheren Fleischgenuß der Spartaner nicht

verstehen. Die _Wälder_ lieferten früher verschiedene für die Architektur

und den Schiffsbau nutzbare Holzarten und waren von jagdbarem Schwarz- und

Rotwild bevölkert. Aus dem Meer gewann man mannigfache Arten von Fischen,

Konchylien, Schwämme und in Lakonien die kostbare Purpurschnecke.

Von _Mineralien_ ist der _silberhaltige Bleiglanz_ bemerkenswert, der von

den Alten zur Silbergewinnung im Lauriongebirge und auf Euböa abgebaut

wurde. _Kupfer_ wurde z. B. auf Euböa und bei Lamia gewonnen; wichtiger

waren die _Eisenerze Lakoniens_ (daher das Eisengeld der Spartaner),

_Schwefel_ und _Alunit_ bot Melos, Naxos den _Smirgel_, Kimolos die

_Siegelerde_.

Von größter Bedeutung aber ist das vortreffliche _Tonmaterial_ in Attika,

Böotien, Megara und auf Ägina sowie der Reichtum des Landes an

_vorzüglichen Bausteinen_. Der weit verbreitete tertiäre Kalksandstein

(_Poros_) bot ein leicht zu bearbeitendes Material für geringere Bauten;

der edelste Stoff aber war der Architektur wie der Plastik in den

reichlich zutage liegenden _Marmoren_ der verschiedensten Farben und Arten

geboten (auf Paros, am Pentelikon, Hymettos, Taygetos, bei Karystos, in

Thessalien und Arkadien).

*§ 7. Bedeutung des Landes für die Kultur seiner Bewohner.*

Nicht mühelos schenkt hier die Natur dem Menschen überreiche Erzeugnisse,

aber sie gewährt der Arbeit vielseitige Anregung und reichlichen Lohn.

Fast alle Zweige menschlicher Tätigkeit finden bei der Vielgestaltigkeit

des Bodens und der Mannigfaltigkeit seiner Gaben eine Stätte. Die

vielgestaltige Gliederung des Bodens veranlaßte eine ungemeine

Mannigfaltigkeit in der Eigenart der Landschaften wie ihrer Bewohner, ohne

doch einen befruchtenden Verkehr zwischen denselben zu hindern. Denn die

Zerstückelung der Gebirge öffnet dem Landverkehr fast überall unschwer zu

überschreitende Pässe, während die tief eindringenden Meeresbuchten fast

alle Landesteile dem Seeverkehr zugänglich machen. Zu allen Zeiten ist die

_Schiffahrt_ das erste Verkehrsmittel in Griechenland gewesen. Unterstützt

von dem Hafenreichtum der Küste und der Regelmäßigkeit der Windströmungen,

verband sie die einzelnen Landschaften nicht nur unter sich, sondern auch

mit dem Ausland. Auf dem Seeweg hat sich die griechische Kultur über alle

Länder des Mittelmeeres ausgebreitet.

*B. Das Volk.*

*§ 8. Vorgeschichte der Griechen.*

Kein Volk kennt seine Jugendgeschichte. Sind die Völker auf den Schauplatz

der Weltgeschichte getreten, so lassen neue große Aufgaben sie ihre

stillere Vorzeit vergessen. Und doch bringen sie aus derselben neben

mannigfachen technischen Fertigkeiten große geistige Besitztümer mit: die

Sprache, einen Kreis alter Sagen, wie bestimmte Formen der

Götterverehrung. _Die Vergleichung der Sprachen läßt erkennen, daß die

Griechen einen Zweig jener großen Völkerfamilie bilden, welcher die Inder,

Iranier, Italiker, Kelten, Germanen, Litauer und Slaven angehören._

Aus der _Urheimat der indoeuropäischen Völkerfamilie_, als welche man

früher Asien, und zwar das Gebiet des oberen Oxus und Jaxartes

betrachtete, während neuerdings von den meisten die südrussische Steppe

dafür angesehen wird, wanderten die Griechen höchst wahrscheinlich von N.

her aus dem Donaugebiet in ihre spätere Heimat ein. Wie die große deutsche

Völkerwanderung im Beginn des Mittelalters, so vollzog sich auch die

Wanderung der griechischen Stämme innerhalb großer Zeiträume in mehreren

Stufen; das Vordringen der Einwanderer wurde durch die vielfachen

Gebirgsriegel aufgehalten, welche den S. der Balkanhalbinsel gegen N.

abschließen.

Als älteste Bevölkerung Griechenlands nennt die sagenhafte Überlieferung

die von Herodot bis auf die neueste Zeit vielumstrittenen _Pelasger_(3),

ferner die _Leleger_, _Kadmeer_, _Abanten_ u. a.; ein geschichtliches Volk

waren ohne Zweifel die _Minyer_, welche durch gewaltige, jüngst wieder

aufgedeckte Deich- und Kanalbauten weite Flächen Böotiens urbar machten.

Einen überraschenden Einblick in die griechische _Kultur der ältesten

Zeit_, welche als die _mykenäische Periode_ bezeichnet wird, gewähren uns

die in den letzten Jahrzehnten von Schliemann in Mykenä, Tiryns (s. § 69)

und Orchomenos unternommenen Ausgrabungen. Sie belehren uns, daß jene

Kultur unter despotischem Regiment hochentwickelt und derjenigen der

vorderasiatischen Großstaaten nahe verwandt war. Den Griechen selbst war

die Tatsache einer tiefgreifenden asiatischen Einwirkung auf ihre Kultur

wohl bekannt; versuchten sie doch, dieselbe durch die merkwürdigen

Erzählungen von fremden Einwanderern (Kekrops, Kadmos, Danaos, Pelops) zu

erklären.

Die günstige Lage Griechenlands inmitten zweier großer Meere gestattete

jederzeit mannigfache Berührung und Austausch mit fremden Kulturvölkern.

Sicher war die Einwirkung der _Phönizier_ die bedeutsamste. Diese

erscheinen in der Odyssee als kühne Seefahrer, die bald Seeraub und

Menschenhandel treiben, bald kostbare Kunsterzeugnisse zum Tausche

anbieten.

*§ 9. Ausdehnung und Gesamtname des Griechentums.*

_Unter dem Gesamtnamen „Griechen“ fassen wir alle jene nach Abstammung,

Sprache und Lebensart sehr verschiedenen Volksstämme zusammen, welche seit

dem Beginn geschichtlicher Kunde den schmäleren Südteil der

Balkanhalbinsel_ (etwa südlich der Querlinie der Kambunischen Berge)

_bewohnten und von hier aus gegen Osten alle Inseln und Küstenländer des

Ägäischen Meeres, gegen Westen die Südküste Italiens und Sizilien_

(Großgriechenland) _bevölkert haben._ „Alle griechischen Kolonien bespült

die Welle des Meeres, und es ist den Ländern der Barbaren gewissermaßen

ein Saum griechischer Erde angewebt“, sagt Cicero.

Das Gebiet, innerhalb dessen einst die griechische Zunge klang, erstreckte

sich also viel weiter als das heutige Griechenland. Das Wort „_Griechen_“

stammt vom lateinischen _Grai_, _Graici_, _Graeci_ und bezeichnete

ursprünglich einen einzelnen Stamm, der im Westen Griechenlands (also den

Italikern zunächst), in Südepirus saß. Die Griechen selbst nannten sich,

etwa seit dem 7. Jahrh. v. Chr., _Hellenes_, ihr Land _Hellas_. Auch

dieser Name bezeichnete ursprünglich eine einzelne Landschaft des

südlichen Thessaliens und gewann von da aus durch den Ruhm seiner Träger

(Dorier?) allgemeine Verbreitung. (Vergl. „Franken“, „Alemannen“,

„Schwaben“.) Wohl haben sich die Hellenen früh als _ein_ Volk gefühlt,

durch Gemeinsamkeit des Blutes, der Sprache, der Götter und der Sitte

verbunden, im Gegensatz zu den „Wirrwarrsprechenden“, den _Barbaren_; aber

aus diesem Bewußtsein hat sich nur schwer und langsam in den Kämpfen gegen

Perser und Karthager die Idee nationalen Zusammenschlusses herausgeschält.

In der geschichtlichen Zeit sind die Hellenen mannigfach nach Landschaften

und Stämmen gegliedert, die sich hinsichtlich der Sprache, Religion, Sitte

und Kultur wesentlich voneinander unterscheiden, und dieser

Verschiedenheit entsprach der staatliche Partikularismus.

*§ 10. Die griechischen Stämme.*

_I. Ionier._

Am frühesten scheint der _ionische_ Stamm in Griechenland ansässig

geworden zu sein; beim Beginn geschichtlicher Kunde besitzt er auf dem

Festland noch Attika (mit Euböa) und fast den ganzen Peloponnes.

Allerdings ist wohl der Name „Ionier“ jüngeren Ursprungs und erst später

vom kleinasiatischen Zweig angenommen worden. Wahrscheinlich war diesem

Stamme ursprünglich der Name „_Achajer_“ eigen, der im Epos als Gesamtname

der Hellenen erscheint. (Vergl. Amaler: Ostgoten.) Die _ionische

Mund__art_, welche unter ihren Schwestermundarten in sprachgeschichtlicher

Hinsicht als die entwickeltste und abgeschliffenste erscheint, ist frühe

die allgemeine Sprache der Dichter und Schriftsteller geworden. Innerhalb

des Ionischen bildet das _Attische_ einen besonderen Zweig von

altertümlicherem Charakter.

_II. Dorier._

Dem ionischen Stamm stellt Herodot in schroffer Abgrenzung den _dorischen_

gegenüber. Dieser ist zuletzt unter allen in Griechenland eingewandert und

hat allmählich die achajischen Staaten _Elis_, _Argos_, Phlius, Korinth,

Sikyon, _Lakonien_ und zuletzt _Messenien_ durch Kampf und Vertrag

unterworfen und dorisiert. Sprache und Wesen der Dorier haben ihre rauhe

Ursprünglichkeit am längsten in Sparta bewahrt.

_Ionische und dorische Kolonien in Kleinasien und Großgriechenland._

Durch den machtvollen Ansturm der Dorier gedrängt und wie durch einen Keil

in zwei Teile gespalten, wanderte die _achajische Bevölkerung_ des

Peloponneses über das Meer nach O. und W. aus, um auf den Inseln des

Ägäischen und Ionischen Meeres, an der Westküste Kleinasiens, im Süden

Italiens und auf Sizilien, inmitten fremdartiger Bevölkerung, neue

Wohnsitze zu erkämpfen oder friedlich zu erwerben. Später, als die

dorischen Spartaner die Führerrolle im Peloponnes, ja in Griechenland

errungen hatten, erinnerten sich die Kolonien des südlichen Archipels und

der Südwestküste Kleinasiens ihrer Herkunft aus Lakonien und nannten sich,

nachdem auch einzelne dorische Geschlechter dorther nachgewandert waren,

mit Stolz „_Kolonien der Dorier_“.

_III. Äoler._

_Was nicht ionischen oder dorischen Stammes war, faßten die Griechen unter

dem Gesamtnamen „Äoler“ zusammen._ Im engeren Sinn wurde die Bezeichnung

_Aiolis_ insbesondere auf die _Kolonien der Nordwestküste Kleinasiens_ mit

den vorgelagerten Inseln (Tenedos, Lesbos) angewandt, Kolonien, welche die

Länder am Pagasäischen und Malischen Busen als ihre Urheimat bezeichneten.

Die Sprache dieser kleinasiatischen Äoler, glänzend vertreten durch die

Gedichte von Alkaios und Sappho, ist eine sehr altertümliche und scheint

den thessalischen und böotischen Mundarten am nächsten verwandt.

Griechische Altertumskunde · 第 2 / 19 题