*Griechische*
*Altertumskunde*
Von
*Professor Dr. Richard Maisch*
neu bearbeitet von
*Professor Dr. Franz Pohlhammer*
_Mit neun Vollbildern_
Dritte, verbesserte Auflage
_Unveränderter Abdruck_
_Berlin und Leipzig_
*G. J. Göschen’sche Verlagshandlung G. m. b. H.*
1914
Alle Rechte, namentlich das Übersetzungsrecht,
von der Verlagshandlung vorbehalten.
Druck
der Spamerschen
Buchdruckerei in Leipzig.
*INHALTSVERZEICHNIS.*
Verzeichnis der Vollbilder.
Literatur.
Einleitung.
§ 1. Begriff der griechischen Altertumskunde.
§ 2. Die Quellen der griechischen Altertumskunde.
I. Abschnitt. Land und Volk von Hellas.
A. Das Land.
§ 3. Orographie des europäischen Hellas.
§ 4. Hydrographie.
§ 5. Klima und Pflanzenwuchs.
§ 6. Gaben des Bodens.
§ 7. Bedeutung des Landes für die Kultur seiner Bewohner.
B. Das Volk.
§ 8. Vorgeschichte der Griechen.
§ 9. Ausdehnung und Gesamtname des Griechentums.
§ 10. Die griechischen Stämme.
I. Ionier.
II. Dorier.
III. Äoler.
II. Abschnitt. Sparta.
§ 11. Geschichtliche Grundlagen der Verfassung Spartas.
§ 12. Periöken und Heloten.
§ 13. Die Spartiaten.
§ 14. Das Königtum.
§ 15. Die Gerusie.
§ 16. Die Ephoren.
§ 17. Die Volksversammlung.
§ 18. Die spartanische Zucht (agoge).
§ 19. Heerwesen und Kriegführung.
III. Abschnitt. Athen.
A. Verfassungsgeschichte.
§ 20. Die altattische Phylen- und Geschlechterordnung.
§ 21. Das Königtum.
§ 22. Übergang vom Königtum zur Adelsherrschaft.
§ 23. Das Rechtswesen, geschriebene Gesetze, Drakon.
§ 24. Die wirtschaftlichen Verhältnisse des 7. Jahrhunderts.
§ 25. Solon.
§ 26. Die Tyrannis des Peisistratos.
§ 27. Die Begründung der Demokratie durch Kleisthenes.
§ 28. Die Vollendung der Demokratie nach den Perserkriegen.
§ 29. Erschütterung und Wiederherstellung der Demokratie. (411-403.)
§ 30. Die Demokratie von 403 bis auf die Diadochenzeit (323).
§ 31. Der attische Staat in der Diadochenzeit und unter römischer
Herrschaft.
B. System der Staatsverfassung.
§ 32. Die Elemente der Bevölkerung.
§ 33. Die Volksversammlung.
§ 34. Der Rat der Fünfhundert und der Rat vom Areopag.
§ 35. Die Beamten.
Das Rechtswesen.
§ 36. Die neun Archonten.
§ 37. Die Gerichtshöfe.
§ 38. Die Formen der öffentlichen Klage.
§ 39. Der gewöhnliche Prozeßgang.
§ 40. Das Verfahren vor dem Areopag und den andern
Blutgerichtshöfen.
Das Finanzwesen.
§ 41. Attische Längen-, Flächen- und Hohlmaße.
§ 42. Das Münz- und Gewichtssystem.
§ 43. Die allgemeine Finanzlage.
§ 44. Einnahmen und Ausgaben.
§ 45. Die Leiturgia (Staatsleistung).
Innere Verwaltung.
§ 46. Öffentliche Aufsichtsbehörden.
§ 47. Kriminalpolizei.
Der Kultus.
§ 48. Kultstätten.
§ 49. Priester und Seher.
§ 50. Orakel.
§ 51. Gebet und Opfer.
§ 52. Die Mysterien.
§ 53. Feste.
§ 54. Dramatische Aufführungen.
§ 55. Das Theater.
Das Kriegswesen.
§ 56. Das Landheer.
§ 57. Die Flotte.
C. Häusliches Leben.
§ 58. Das Haus
a) der Homerischen Zeit.
b) Das Haus der klassischen und der hellenistischen Zeit.
§ 59. Die Wohnungseinrichtung
§ 60. Die Kleidung
a) der Homerischen Zeit.
b) Die Tracht der klassischen Zeit.
§ 61. Die Familie.
§ 62. Erziehung und Unterricht.
§ 63. Bestattung und Grab.
IV. Abschnitt. Panhellenisches.
§ 64. Das Gastrecht.
§ 65. Tempelvereine (Amphiktyonien).
§ 66. Staatenvereine.
§ 67. Nationalfeste.
§ 68. Die olympische Feier.
V. Abschnitt. Klassische Ruinenstätten.
§ 69. Tiryns und Mykenä.
§ 70. Die Akropolis von Athen.
§ 71. Olympia.
§ 72. Pergamon.
Deutsches Register.
Griechisches Register.
Bemerkungen zur Textgestalt
*VERZEICHNIS DER VOLLBILDER.*
Seite
Zuschauerraum und Orchestra des Theaters von Epidauros (Titelbild)
Auswahl griechischer Silbermünzen 99
Grundriß des Theaters von Epidauros 127
Duris-Schale 133
Die Tracht der Homerischen und der klassischen Zeit 147
Plan von Tiryns 179
Plan der Akropolis von Athen 185
Plan von Olympia 195
Plan von Pergamon 201
*LITERATUR.*
(Vgl. _Hübner_, Bibliographie der klassischen Altertumswissensch., Berlin
1889.)
_ Pauly_, Realenzyklopädie der klass. Altertumswissenschaft.
Herausgegeben von G. Wissowa, Stuttgart 1893 ff.
_ Daremberg et Saglio__, Dictionnaire des antiquités grecques et
romaines, Paris_ 1877 ff.
_ Baumeister, A._, Denkmäler des klassischen Altertums. 3 Bde.,
München und Leipzig 1885, 1887, 1888.
_ Schreiber, Th._, Kulturhistor. Atlas, I. Griechen u. Römer,
Leipzig, 2. Aufl. 1888.
_ I. v. Müller_, Handb. der klass. Altertumswissen.,
Nördlingen-München 1886 ff.
Band I. Einleitende und Hilfs-Disziplinen (Metrologie v. H.
Nissen), 2. Aufl. 1892.
" III. Hellenische Landeskunde u. Topographie v. H. G.
Lolling, 1889.
" III. 2, 2. Topographie von Athen von W. Judeich, 1905.
" III. 4. Grundriß der griech. Gesch. v. R. Pöhlmann, 2.
Aufl. 1896.
" IV. 1, 1. Die griechischen Staats- u. Rechtsaltertümer v.
G. Busolt, 2. Aufl. 1892.
" IV. 1, 2. Die griechischen Privat- und Kriegsaltertümer
von I. v. Müller und Ad. Bauer, 2. Aufl. 1893.
" V. 3. Griechische Kultusaltertümer von P. Stengel, 2.
Aufl. 1898.
" VI. Archäologie. Nebst Anhang über die antike Numismatik
von K. Sittl, 1895.
_ Hermann, K._ Fr., Lehrbuch der griech. Antiquitäten, neu
herausgegeben von Blümner und Dittenberger, Freiburg 1882 ff.
Band I. 1. Staatsaltertümer von V. Thumser, Abt. 1, 2, 1889,
1892.
" II. 1. Rechtsaltertümer von G. Thalheim, 4. Aufl. 1895.
" II. 2. Kriegsaltertümer von H. Droysen 1889.
" III. 2. Bühnenaltertümer von A. Müller 1886.
" IV. Privataltertümer von H. Blümner 1882.
_ Schömann, G. F._, Griechische Altertümer, 4. Aufl. Neu bearbeitet
von J. H. Lipsius, 2 Bde., Berlin 1897–1902.
_ Neumann u. Partsch_, Physik. Geogr. v. Griechenland, Breslau 1885.
_ Philippson, A._, Der Peloponnes. Berlin 1892.
_ Bursian, C._, Geographie von Griechenland, 2 Bde., Leipzig 1862–72.
_ Curtius, E._, Peloponnesos, 2 Bde., Gotha 1851–52.
_ Duncker, M._, Geschichte des Altertums, Bd. 5–9, Leipzig 1881–86.
_ Meyer, Ed._, Geschichte des Altertums, Bd. 3 ff., Stuttgart 1901 f.
_ Beloch, J._, Griechische Geschichte, 3 Bde., Straßburg 1893–1904.
_ Busolt, G._, Griechische Geschichte, 3 Bde., 2. Aufl., Gotha
1893–1904.
_ Curtius, E._, Griechische Geschichte, 3 Bde., 6. Aufl., Berlin
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_ Grote, G._, _History of Greece_. _New. edit._ London 1869–70, 12
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_ Holm, Ad._, Griechische Geschichte, 4 Bde., Berlin 1886–94.
_ Niese, B._, Geschichte der griech. und maked. Staaten seit der
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_ Gilbert, G._, Handbuch der griech. Staatsaltert., Leipzig, Bd. I²
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_ Meier u. Schömann_, Der attische Prozeß. Neu bearbeitet von
Lipsius, Berlin 1883–87.
_ Böckh, A._, Die Staatshaushaltung der Athener, 3. Aufl., bes. v.
Fränkel, Berlin 1886.
_ Hultsch, Fr._, Griech. u. römische Metrologie, 2. Bearb., Berlin
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_ Head__, Historia nummorum. Manual of greek numismatics. Oxford
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_ Mionnet__, Description of médailles antiques grecques et romaines_,
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_ Mommsen, A._, Chronologie. Untersuchungen über das Kalenderwesen
der Griechen, Leipzig 1883.
_ Mommsen, A._, Feste der Stadt Athen im Altertum, Leipzig 1898.
_ Rohde, E._, Psyche, Seelenkult und Unsterblichkeitsglauben der
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_ Dörpfeld, W._, Das griechische Theater, Athen 1896.
_ Puchstein, O._, Die griechische Bühne, Berlin 1900.
_ Rüstow_ u. _Köchly_, Geschichte des griech. Kriegswesens. Aarau
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_ Guhl_ u. _Koner_, Leben der Griechen u. Römer, 6. Aufl. von R.
Engelmann, Berlin 1893.
_ Ménard et Sauvageot__, La vie privée des anciens, 4 voll., Paris
1880–83._
_ Blümner, H._, Technologie und Terminologie der Gewerbe und Künste
bei Griechen und Römern, 4 Bde., Leipzig 1875–87.
– Das Kunstgewerbe im Altertum, 2 Abt., Leipzig u. Prag 1885.
– Leben und Sitten der Griechen, 3 Abt., Leipzig u. Prag 1887.
_ Durm_, Die Baukunst der Griechen, 2. Aufl., Darmstadt 1892.
_ Helbig, W._, Das homerische Epos aus den Denkmälern erläutert, 2.
Aufl., Leipzig 1887.
_ Studniczka_, Beiträge zur Geschichte der altgriech. Tracht, Wien
1885.
_ Genick_, Griechische Keramik, Berlin 1883.
_ Lau, Th._, Die griechischen Vasen, Leipzig 1877.
_ Dumont et Chaplain__, Les céramiques de la Grèce propre, Paris_
1881 ff.
_ Furtwängler, A._, und _C. Reichhold_, Griechische Vasenmalerei.
Auswahl hervorragender Vasenbilder. München 1904 ff.
_ Grasberger_, Erziehung u. Unterricht im klass. Altertum, Würzburg
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_ Schuchardt_, Schliemanns Ausgrabungen, 2. Aufl., Leipzig 1891.
_ Schliemann, H._, Tiryns, Leipzig 1886.
_ Curtius, E._, Die Stadtgeschichte von Athen, Berlin 1891.
_ Wachsmuth, C._, Die Stadt Athen im Altertum, Bd. I 1874, II, 1.
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_ Olympia_, Die Ergebnisse der von dem Deutschen Reich veranstalteten
Ausgrabungen Hsg. v. E. Curtius und Fr. Adler. Bd. 1–5, Berlin
1890–96.
_ Bötticher, Ad._, Olympia, das Fest und seine Stätte, 2. Aufl.,
Berlin 1886.
_ Ussing, J. L._, Pergamos. Seine Geschichte und Monumente. Berlin u.
Stuttgart 1899.
_ Altertümer von Pergamon_. Band II, Das Heiligtum der Athena Polias
Nikephoros von R. Bohn, Berlin 1885. Band IV, Die Theaterterrasse
von R. Bohn 1896. Band V, Das Trajaneum von H. Stiller 1895. Bd.
VIII, Die Inschriften von P. von M. Fränkel 1890–95.
*EINLEITUNG.*
*§ 1. Begriff der griechischen Altertumskunde.*
_Die griechische Altertumskunde_ will ein Bild _des öffentlichen wie
häuslichen Lebens der alten Griechen_ nach seiner durch die
Eigentümlichkeit von Land und Leuten gegebenen Grundlage, seiner
zeitlichen Entwicklung wie örtlichen Verschiedenheit innerhalb der
einzelnen Staaten geben. _Indem sie die Formen dieses Lebens als
Einrichtungen und Zustände ins Auge faßt, zeichnet sie den Schauplatz, auf
welchem die Personen handeln und die Ereignisse sich abspielen, welche den
Inhalt der Geschichte ausmachen._ Weil nun aber die Überlieferung eine
sehr ungleichmäßige und lückenhafte ist, so kann die Darstellung nicht bei
allen Staaten und Zeiträumen gleichmäßig verweilen; sie wird sich da
reicher gestalten, wo der Strom jener Überlieferung reicher fließt, oder
wo die geschichtliche Anteilnahme eine lebhaftere ist.
So gebietet die Beschaffenheit unserer Quellen die Beschränkung auf die
beiden Städte, welche in der Geschichte Griechenlands die hervorragendste
Rolle gespielt und die Eigenart der beiden Hauptstämme, des ionischen und
dorischen, am schärfsten ausgeprägt haben: _Athen_ und _Sparta_. Und auch
hier können wir nicht die gesamte Kulturentwicklung von ihren Anfängen bis
zum schließlichen Absterben genauer verfolgen, sondern müssen uns in der
Hauptsache mit einer näheren Betrachtung der eigentlich „klassischen“ Zeit
des griechischen Altertums, des _5. und 4. Jahrhunderts vor Chr._
begnügen.
*§ 2. Die Quellen der griechischen Altertumskunde*(*1*)*.*
Unsere Kenntnis des griechischen Altertums schöpfen wir teils aus
_literarischen_, teils aus _monumentalen_ Quellen.
Die _ersteren_ beginnen mit dem Homerischen _Epos_, das ein anschauliches
Bild der Kultur jenes Zeitalters vor unsern Augen aufrollt. Über die
weitere Entwicklung der _staatlichen_ Institutionen geben uns die
_Historiker_ (Herodot, Thukydides, Xenophon, Polybius, Diodor, Plutarch
u. a.) und Redner (Lysias, Isokrates, Demosthenes, Äschines usw.) einzelne
Nachrichten, eine zusammenhängende Darstellung lieferte _Aristoteles_ in
seiner Politik und seinen Politeiai (s. § 22). Für die Kenntnis des
_Privatlebens_ der Griechen ist die alte _Komödie_ (Aristophanes) eine
Hauptquelle. Viele wertvolle Einzelnotizen über alle Gebiete des antiken
Lebens finden wir endlich in den alten Kommentaren oder _Scholien_ und
_lexikographischen Werken_ (Suidas, Hesychius, Harpokration, Stephanus von
Byzanz u. a.).
Die zweite Gattung bilden die _monumentalen_ Quellen. In besonderem Maße
gilt von dem griechischen Altertum das Dichterwort:
„Könnte die Geschichte davon schweigen,
Tausend Steine würden redend zeugen,
Die man aus dem Schoß der Erde gräbt.“
Als solche Zeugen sprechen zu uns die aus dem Schutt der Jahrtausende ans
Licht geförderten _Ruinen_ von Troja, Mykenä und Tiryns, von Olympia,
Delphi und Pergamon, es sprechen zu uns die unsterblichen Denkmäler der
Akropolis von Athen, alle die zahlreichen uns erhaltenen Schöpfungen der
Architektur, Plastik und Malerei wie des Kunsthandwerks. Die in Tausenden
von _Inschriften_ auf uns gekommenen authentischen Urkunden geben uns über
das staatliche Leben wichtige unmittelbare Aufschlüsse; wir lesen hier
Volks- und Ratsbeschlüsse, sakrale Verordnungen, Verträge, Bauinschriften,
Freilassungsurkunden, öffentliche Rechnungen, Schatz- und Tributlisten,
Verzeichnisse der Archonten, Prytanen, Kultbeamten, Sieger, Epheben usw.
Von ähnlicher Bedeutung für unsere Kenntnis des privaten Lebens (besonders
Kostümkunde) sind die in reicher Fülle erhaltenen _Vasenbilder_, welche
die mannigfachsten Stoffe und Erscheinungen des täglichen Lebens
darstellen.
Endlich ist auch noch das _Leben der heutigen Neugriechen_ zur
Vergleichung beizuziehen, das manche Rückschlüsse auf das Altertum
gestattet, insofern besonders bei dem niederen Volke manche Sitten und
Gebräuche des Altertums bis auf den heutigen Tag sich getreu erhalten
haben.