»Junker Ernst und Fräulein Richilde,« nahm der Abt das Wort, »ich habe

Euch eine große Freude zu verkünden. Die edle Frau hier willigt in

Euren Herzensbund, und vor dem Winter noch --«

Ein Aufschrei aus beider Mund und Herzen unterbrach ihn, und beide

wollten sich Julianen an den Hals werfen. Diese aber fing mit

einer geschickten Bewegung Richilde auf und schob sie rasch in die

ausgebreiteten Arme Ernsts. Der eine lachte, die andere weinte vor

Freuden, und die übrigen weideten sich an dem Anblick beglückter Liebe.

Da trat Sidonie vor und sprach so ernsthaft, wie sie es vor innerlich

prickelndem Mutwillen fertigbringen konnte: »So hat Euch der

hochwürdige Abt wohl von dem Schwur entbunden, Frau Juliane, den

Ihr mir, dem Neckar und dem Walde der Minneburg geleistet habt? Ihr

schwuret: Juliane Rüdt von Kollenberg wird niemals, niemals zugeben,

daß ihre Tochter eines Landschaden Frau wird!«

»O du frömmstes und strengstes aller Mädchengewissen, das nie um eines

Haares Breite vom Pfade der Tugend weicht, und dessen Mund nichts, als

lautere Wahrheit spricht!« erwiderte Juliane lachend, »mit dir rechne

ich noch besonders ab. Jetzt aber will ich dir sagen: Juliane Rüdt

von Kollenberg verbietet, aber Juliane Landschad von Steinach wird

gestatten, daß auch ihre Tochter eines Landschaden Frau wird.« Dabei

hatte sie stolz Hansens Hand ergriffen und an ihr Herz gedrückt.

»Was? -- was ist das?« frug Ernst wie aus den Wolken fallend, »Ohm

Hans! -- hab' ich recht gehört? Du willst -- heiraten?! Aber Ohm Hans!

sage mir: Liebst du die Freiheit, die Ungebundenheit, das wohlige,

sichere Bewußtsein, tun und lassen zu können, was du willst, gehen,

wohin --«

»Schweig, du Gelbschnabel!« unterbrach ihn Hans. »Weißt du denn, warum

ich meine Freiheit opfere? warum ich es aufgebe, ganz nach meinen

Wünschen, nach meinem Belieben und Geschmack zu leben? -- nur um dich

leichtsinnigen, undankbaren Menschen von einer Schwiegermutter zu

befreien!«

»Junker Hans!« fuhr Juliane auf ihn los, mußte aber doch in das

schallende Gelächter der übrigen einstimmen.

»Das Gespenst der Schwiegermutter!« rief Ernst in der überschwenglichen

Freude seines Herzens, indem er sich vor Juliane verneigte und ihr

ritterlich die Hand küßte.

»Nun ja,« sagte Hans; »es bleibt mir ja nichts anderes übrig, als es

durch Heiraten zu bannen, damit es wenigstens nicht unter einem Dache

mit euch haust.«

»Schwiegermuttergespenst und gebannt werden! echt hagestolz!« lacht

Juliane.

»Als dein Mann, Juliane, werde ich mich bessern,« gelobte Hans.

»Wann macht ihr Hochzeit?« frug Sidonie.

»Heute nach dem Hochamt werden Junker Hans und Frau Juliane Mann und

Frau,« sprach der Abt, da die beiden Beteiligten plötzlich schwiegen.

»Heute hier? im Kloster? O bewahre! das geht nicht, da wird nichts

draus!« sagte Sidonie. »Wir wollen eine große, feierliche Hochzeit

auf der Minneburg haben voll Pracht und Prunk, mit Spiel und Tanz

und festlicher Kurzweil. Alle Landschaden müssen dabei sein, alle

Hirschhorns, Erbachs, Erlickheims und alles, was auf den Neckarburgen

sitzt. Wenn Juliane von der Minneburg und Ohm Hans Hagestolz heiraten,

so muß das mit allem erdenklichen Glanz geschehen, und dazu gebrauchen

wir Vorbereitungen, die Wochen und Monde in Anspruch nehmen.«

Hans und Juliane sahen sich betreten an. Hans wußte nicht, was er

darauf erwidern sollte; Juliane jedoch, Purpurglut im Antlitz,

entschied: »Wir wollen das später bei Richildens Hochzeit nachholen;

ich aber werde heute hier im Kloster Frau Landschad von Steinach. Wie

dürfte ich sonst, meinem Eide treu, in Ernsts und Richildens Verlöbnis

willigen?!«

»Ja so!« lachte Sidonie mit einem verständnisvollen Blick in Julianens

leuchtende Augen. »Ja freilich, dieser einzige Grund ist schlagend;

daran dachte ich nicht. Hochwürdiger Herr,« wandte sie wichtigtuend

sich an den Abt, »dann laßt das Hochamt nur recht bald seinen Anfang

nehmen, Ernst und Richildens wegen! Aber da wir beide die einzigen

nicht Verliebten hier sind, so dürfen wir auch Hunger haben; ich

glaube, im Refektorium wartet das Frühmahl auf uns. Und nachher,

Richilde, winden wir Blumenkränze für das Brautpaar Hans und Juliane.

Himmel! was wird Ohm Bligger dazu sagen!«

»Kommt Freunde!« sprach der Abt sogleich, »Fräulein Sidonie hat

Hunger.«

Fünfundzwanzigstes Kapitel.

Am Abend desselben Tages, an welchem Hans in der Morgenfrühe von

Hause weggeritten war, traf in Neckarsteinach endlich Engelhard von

Hirschhorn ein, dessen Besuch Bligger bereits seit einigen Tagen

erwartete. Er kam mit seltsam lautenden Nachrichten und erzählte

folgendes.

Nach seinem heftigen Auftritt mit Juliane, von dem er des näheren

berichtete, hätte er seiner Tochter Sidonie geboten, nach Zwingenberg

zurückzukehren, und ihr erlaubt, ihre beiden Freundinnen Hiltrud und

Richilde mitzubringen. Da die Mädchen aber bis gestern abend nicht

eingetroffen wären, hätte er heute morgen einen reitenden Boten

nach der Minneburg geschickt, um nach dem Grunde ihres Ausbleibens

zu forschen. Der Bote wäre jedoch mit der Meldung wiedergekommen,

die drei Fräulein hätten die Burg gestern nach Mittag verlassen,

und Frau Juliane wäre ihnen heute morgen, gleich nachdem der Sohn

des Juden Isaak Zachäus bei ihr gewesen wäre, eiligst und mit allen

Zeichen großer Erregung gefolgt und hätte den Burgvogt und drei

Mann im Harnisch mitgenommen. Wohin die Damen geritten wären, hätte

niemand sagen können. Da hätte sich Engelhard sofort aufgemacht, um

zu versuchen, ob er vielleicht hier etwas über den Verbleib seiner

Tochter erfahren könnte.

Bligger und seine Frau waren starr vor Staunen, und ersterer teilte nun

dem Freunde mit, daß zu derselben Zeit wie die Fräulein und Juliane

von der Minneburg auch Ernst und Hans von hier weggeritten wären,

ohne zu sagen wohin, Hans mit Zurücklassung des Bescheides, er wäre

da, wo Ernst wäre. Bligger hätte nun nicht anders geglaubt, als daß

sie beide auf der Minneburg wären, und hätte an den Zweck und Erfolg

dieses geheimnisvollen Rittes schon die erfreulichsten Hoffnungen

geknüpft. Daß sie bis jetzt noch nicht zurück wären, hätte auch ihn

schon beunruhigt, nun aber wüßte er vollends nicht, was er davon denken

sollte.

»Daß sie alle sechs beieinander sind, die vier Frauenzimmer von

der Minneburg und eure beiden Ausreißer von hier, ist höchst

wahrscheinlich; aber wo?« sprach Engelhard.

»Wir wollen Josephine einmal ins Verhör nehmen,« sagte Bligger. »Käthe,

laß sie rufen; sie soll sofort erscheinen.«

»Josephine? wer ist das?« frug Engelhard.

»Das ist der Sohn des Juden Isaak Zachäus,« lachte Bligger; »wirst ihn

gleich sehen.«

Engelhard stutzte nicht wenig, als er bald darauf ein blühendes

Mädchen eintreten sah. Bligger aber stellte sie sofort mit der Frage:

»Josephine, wo ist Junker Ernst?« Die Angeredete schlug die Augen

nieder und schwieg. »Du weißt es, Josephine! denn du warst heute morgen

bei Frau Rüdt von Kollenberg auf der Minneburg. Was du ihr verraten

hast, kannst du auch uns mitteilen, und ich verlange die Wahrheit!«

Josephine, in ihrem Schrecken, sich als Verräterin entlarvt zu sehen,

versuchte nicht zu leugnen, sondern gestand unumwunden: »Junker Ernst

hat mir anvertraut, daß er Fräulein Richilde nach dem Kloster Sinsheim

entführen und sich dort mit ihr trauen lassen wollte.«

»Kreuzhageldonnerschlag!« platzte Bligger los. -- »Es ist gut, wir

wissen genug,« wandte er sich dann zu Josephine, die froh war, so

schnell wieder loszukommen, und flugs aus dem Zimmer verschwand.

»Engelhard! Käthe! was sagt ihr dazu?« fuhr Bligger fort. »Nun ist's

aus, alles aus. Jetzt macht euch, wenn ihr könnt, eine Vorstellung von

Julianens Wut auf uns Landschaden! Erst werfen wir ihren Gatten nieder,

legen ihn ein und nehmen ihm einen Wald ab. Dann schlägt Hans ihren

Freier Bödigheim dreiviertel tot --«

»Das weiß sie ja noch gar nicht,« fiel Engelhard ein.

»Desto schlimmer! -- Dann erfährt sie, daß wir sie mit Hans verheiraten

wollen, damit sein Erbe nicht dem Hagestolzenrecht verfalle, und

endlich entführt Ernst ihre einzige Tochter. Wenn da nicht die Schale

ihres Zornes überläuft, so trägt sie ein Taubenherz in der Brust.

Glaubt ihr, daß sie jetzt noch Lust hat, eines Landschaden Frau zu

werden?«

»Ach nein,« lächelte Katharina. »Ich hätte an weniger als der Hälfte

davon genug, um diese Lust zu verlieren. Ob sie nun wohl in Sinsheim

ist?«

»Sicher! und Hans auch!« sagte Bligger.

»Na,« lachte Engelhard, »wenn die beiden da zusammentreffen, dann kann

es gut hergehen! Da müssen wir hin, Bligger!«

»Das versteht sich!« erwiderte dieser. »Du bleibst die Nacht hier, und

morgen in aller Frühe reiten wir.« --

Josephine begab sich stehenden Fußes von dem Gemach des Burgherrn zu

ihrem Vater und erklärte ihm mit einem heiligen Schwur: wenn er nicht

auf der Stelle mit ihr aufbräche und von hinnen zöge, so würde sie

allein gehen, und er würde sie niemals wiedersehen.

Eine Stunde später schritten Isaak Zachäus und sein Sohn Joseph aus dem

Tore der Mittelburg, und der Torwart, der nicht annehmen konnte, daß es

ohne Wissen und Willen seines Herrn geschehe, versperrte ihnen den Weg

nicht. Schweigend und kummervoll wanderten und wanderten sie ohne Rast

durch die stille Mondnacht dahin, und im Neckartal sah man sie niemals

wieder. --

Am nächsten Vormittag langten Bligger und Engelhard bei der Abtei

Sinsheim an. Die Glocken läuteten, und Bligger erhielt auf seine Frage

nach der Bedeutung der feierlichen Klänge vom Bruder Pförtner, der

keinen der beiden Ritter kannte, den Bescheid: »Ein Landschad von

Steinach wird mit einer Rüdt von Kollenberg getraut; sie sind schon in

der Kirche.«

Die Freunde blickten sich kopfschüttelnd an. »Engelhard,« sagte

Bligger, »das Raten und Prophezeien geb' ich auf. Jetzt kann kommen,

was will; ich bin auf alles gefaßt.«

»So geht's mir auch,« erwiderte Engelhard, »und du kannst noch von

Glück sagen, daß du, wenn auch als ungebetener Gast, zur Hochzeit

deines Sohnes noch eben zurechtkommst.«

Mit leisen Schritten betraten sie die Kirche; aber auf den Anblick, der

sich ihnen hier darbot, war Bligger doch nicht gefaßt gewesen.

Die Mönche waren versammelt und sangen einen lateinischen Hymnus. Am

Altar, auf dem alle Kerzen brannten, im großen Ornat, angetan mit den

Zeichen seiner Würde, stand der Abt, Herr Meinhard von Angeloch, und

vor ihm das zum Empfange des Segens bereite Brautpaar. Aber dieses

Brautpaar waren nicht Ernst und Richilde, sondern Hans und Juliane.

Beide hatten Kränze auf den Häuptern, und von Julianens Schultern

wallte lang herab ein prächtiger Mantel von hellblauer Seide, mit

Zobel besetzt und reich mit Gold bestickt, den Sidonie heimlich für

Richildens Trauung mitgenommen hatte.

Engelhard rieb sich die Augen und Bligger sagte: »Engelhard, tu mir die

Liebe und wecke mich! ich träume zu verrücktes Zeug.«

»Ich bin verhext,« erwiderte Engelhard.

»Sind das da Hans und Juliane, oder sind sie's nicht?«

»Gott sei mir gnädig! sie sind's!«

»Begreifst du das, Engelhard?«

»Nein, Bligger!«

»Ich auch nicht.«

Sich im Hintergrunde haltend sahen sie auch Ernst, Richilde und Sidonie

in der Nähe des Altars und weiter zurück als aufmerksame Zeugen der

heiligen Handlung Julianens Burgvogt Weiprecht Kleesattel mit drei

Reisigen stehen. Wie einem vor ihren Augen geschehenden Wunder wohnten

sie, von den Ihrigen da vorn unbemerkt und unvermutet, der Trauung bei,

hörten die Rede des Abtes, seine Fragen und seinen Segen, mit dem er

die Ehe des Paares schloß und weihte, und als er Amen sagte und der

Gesang der Mönche wieder einsetzte, da waren Hans und Juliane vor Gott

und Menschen Mann und Frau.

»Engelhard,« raunte Bligger während des Gesanges, »nun ist es wirklich

erreicht, was wir gewünscht und geplant hatten, und als wir unser Spiel

verloren gaben, da war es gewonnen.«

»Weißt du noch,« sprach Engelhard, »wie wir bei dir zusammen waren und

uns berieten?«

»Und Ihr mich alle auslachtet? gewiß weiß ich's noch,« erwiderte

Bligger. »Und wie gut war gleich mein erster Vorschlag! Hätten wir Hans

nicht mit dem Angebot des Waldes zu Juliane geschickt, so hätten sie

sich vielleicht im Leben nicht wiedergesehen.«

»Es ist dein Werk, Bligger! und heute wird es gekrönt. Wie wird Lauffen

sich bosen, wenn er's erfährt!« flüsterte Engelhard.

»Ja, darauf freue ich mich,« hohnlachte Bligger. »Morgen reite ich auf

den Dilsberg, und Lauffen soll an meinem Spott zu schlucken haben.«

»Still! sie kommen!«

Die gottesdienstliche Feier war zu Ende. Die beiden Ritter verließen

die Kirche schnell und geräuschlos, um sich noch nicht sehen zu lassen,

und erfuhren von den Laienbrüdern, daß sie den Abt mit seinen vornehmen

Gästen bis zum Beginn des Mahles im kleinen Refektorium finden würden.

Ein seltsamer Hochzeitszug bewegte sich nun durch den Kreuzgang.

Unter Vorantritt rauchfaßschwingender Chorknaben und junger Mönche

mit Kreuz und Kirchenbanner kam, den Krummstab in der Hand, der Abt

dahergeschritten und hinter ihm das eben verbundene Paar, gefolgt von

Ernst, Richilde und Sidonie. Dann kam der Prior mit den Würdenträgern

des Klosters und endlich die lange Reihe der psalmodierenden Mönche,

denen sich Weiprecht Kleesattel mit seinen drei Geharnischten anschloß.

Die wenigen Bevorzugten begaben sich in das kleine Refektorium, wo das

Paar ihre Glückwünsche entgegennahm. Darauf entfernte sich der Abt, um

sich seiner Pontifikalkleider zu entledigen.

Jetzt traten Bligger und Engelhard herein, und wenn die beiden größten

Glocken des Klosterkirchturms hereingewandelt gekommen wären, so hätte

die Überraschung kaum gewaltiger sein können, als sie beim Erscheinen

der beiden Ritter war.

»Bligger! Engelhard! Gottwillkommen!« rief Hans in lauter Freude und

stürmte auf die beiden los. »Seht her, ich hab' eine Frau! Juliane,

Juliane ist mein!«

»Glück zu, lieber Bruder!« erwiderte Bligger, »wir sahen, wie ihr

getraut wurdet.«

»Aber unseren Augen wollten wir nicht trauen,« setzte Engelhard hinzu.

»Das glaub' ich euch!« lachte Hans. »Auf den Gedanken bist du _nie_

gekommen, Bligger!«

»Nein, niemals!« sagte Bligger, sich auf die Lippen beißend. »Liebe

Frau Schwägerin,« wandte er sich nun zu Juliane, »nehmt in Huld und

Gnade den herzlichen Glückwunsch dessen, den Ihr irriger Weise so lange

für Euren schlimmsten Feind gehalten habt! Niemand außer euch beiden

kann sich mehr über eure Heirat freuen, als der, der jetzt in tiefster

Ergebenheit diese schöne Hand an seine Lippen führt.«

»Wohlan, Herr Schwager! so wollen wir denn um Hansens willen hiermit

unsern Frieden machen und fürder gute Freundschaft miteinander halten,«

gab sie ihm froh und versöhnlich zur Antwort und drückte ihm die Hand

dabei.

»Wir auch, Juliane?« frug Engelhard hinzutretend.

»Wir auch, du heimtückischer Mensch!« erwiderte sie. »Warum hast du mir

denn nicht gesagt, daß sich Hans für mich geschlagen hat?«

»Lieber Gott!« entgegnete er, »dir das zu sagen, war ja der Zweck

meines Besuches; aber Haß allem, was Landschaden heißt! war deine

Losung, und ich kam --«

»Du warst ihr Anwalt,« unterbrach sie ihn, »wolltest die Mohren weiß

waschen und spieltest den Unwissenden und Unschuldigen gegen mich.«

»Nein, ich kam nur --«

»Du wandtest dich um meine Fragen herum wie ein Aal,« fuhr sie fort,

»und als ich dich immer enger und enger umspann, zogst du den Kopf aus

der Schlinge und ranntest davon.«

»Ich komme wieder nicht zu Worte!« rief er händeringend aus und war mit

ein paar Schritten neben seiner Tochter. »Du Wildfang mußt natürlich

bei allen dummen Streichen dabei sein,« redete er sie an.

»Bloß dabei sein, Vater?« lächelte Sidonie.

Bligger, die Braut seines Sohnes an der Hand, sagte: »Ja, Mädchen, mit

dir im Bunde will ich den Teufel mit der Hexe von Endor verheiraten.«

»Dabei würden wir uns die Finger verbrennen, Ohm Bligger, denn wir

müßten dazu in die Hölle,« lachte Sidonie.

Jetzt erschien der Abt wieder und begrüßte die neuhinzugekommenen Gäste

aufs freundlichste. Gleich darauf meldete der Bruder Schaffner, daß

alles bereit sei, und unter Führung der würdigen, wuchtig und gemessen

voranschreitenden Brüder Rucho und Trotto wandelte man paarweise in den

Speisesaal.

Die Tafel war diesmal im großen Refektorium gedeckt, denn auf

Hansens und Julianens Wunsch sollten alle Brüder des Klosters an

dem Hochzeitsmahl teilnehmen, und der Abt hatte den Mönchen Dispens

gegeben, daß sie essen und trinken, reden und scherzen konnten,

soviel sie wollten. Der Abt sprach ein Tischgebet und dann nahm man

Platz, Herr Meinhard zwischen dem Ehepaar und dem Brautpaar, ihm

gegenüber Sidonie zwischen Bligger und Engelhard, die Küchenmeister und

Kellermeister zur Seite hatten.

Es ging sehr fröhlich her. Die sich folgenden Gerichte waren

vortrefflich zubereitet, und der große Freudenbringer Wein tat seine

Schuldigkeit, entflammte die Herzen und löste die Zungen, so daß in der

hohen, weiten Halle ein beständiges Surren und Brausen vieler lustig

durcheinanderschwirrender Stimmen ertönte. Bligger bedauerte, daß die

Seinigen nicht alle zugegen wären, denn er fühlte sich, als feierte

er hier einen ruhmvollen Sieg, dessen Errungenschaft er mit stolzem

Behagen genießen wollte.

»Was hat euch denn in aller Welt so schnell zusammengeführt?« frug er

herausfordernd das ihm gegenübersitzende Paar.

»Das Recht der Hagestolze nicht, Herr Schwager!« erwiderte Juliane

schlagfertig.

»Was wollt ihr nur mit eurem Recht der Hagestolze? davon habe ich in

meinem Leben noch nichts gehört,« wandte sich Hans an Bligger und

Engelhard.

»Frage die nicht, Schatz!« riet ihm Juliane. »Die sagen dir's doch

nicht.«

Bligger ward es in Voraussicht des nun Kommenden gewitterschwül, und er

verwünschte im stillen seine unbedachte Frage.

»Das ~jus misogamorum~,« ließ sich der Abt vernehmen, »ist eine so

heilsame ~institutio~, daß es verdiente, in das ~corpus juris canonici~

aufgenommen zu werden, denn Kirchen und Klöster verdanken ihm manches

wackere Junggesellenerbe.«

»Aha! Bligger, hörst du's?« bemerkte Engelhard. »Was sagte mein Bruder

Otto?«

Bligger blinzelte ihm lebhaft zu, daß er doch nur schweigen sollte.

»~Jus misogamorum?~« sprach Hans. »Ihr macht mich immer neugieriger.«

»Ich habe dir's ja schon erklärt, Liebster! daran laß dir genügen,«

schnitt Juliane die weiteren Erörterungen darüber ab. Und sich wieder

Bligger zukehrend sprach sie lächelnd: »Ich will Euch aber Eure

Frage beantworten, lieber Schwager! Hans hat mich, wie er behauptet,

nur darum geheiratet, um Ernst vor einer mit ihm zusammenhausenden

Schwiegermutter zu bewahren.«

»Hans!« rief Engelhard, »das ist eine edle Tat, die Ernst dir nie

vergessen darf.«

»Also darum!« lachte Bligger, durch Julianens geschicktes Ablenken

von dem gefährlichen Gegenstande sehr angenehm berührt, »ja, die

Furcht vor Schwiegermüttern lag von Jugend auf wie ein Alp auf seiner

Junggesellenseele.«

»Jetzt sollt ihr aber auch erfahren, warum ich ihn geheiratet habe,«

fuhr Juliane fort. »Ein Jude hat mir das Horoskop gestellt und mir

aus den Sternen geweissagt: ich müßte meiner Tochter zuvörderst

einen Stiefvater und dann erst einen Gatten geben; sonst geschähe

ein Unglück. Was sollte ich nun machen? ich mußte Hals über Kopf

heiraten, nur damit auch meine Tochter heiraten kann. Und weil gerade

kein besserer da war, nahm ich diesen hier,« schloß sie, Hansens Arm

zärtlich an sich drückend, unter allgemeiner Heiterkeit.

»Weil kein besserer da war! -- vielen Dank, Juliane!« lachte Hans und

schmunzelte vergnügt dabei.

»Das für die Schwiegermutter, Hans!« neckte Juliane.

»Und was hat Euch der Sterndeuter sonst noch prophezeit?« frug Bligger.

»Das wißt Ihr, glaub' ich, besser als ich, Schwager Bligger!« erwiderte

sie mit einem durchdringenden Blick.

»Meint Ihr?« lächelte er verschmitzt.

»Schickt mir den Juden noch einmal,« sagte sie, »daß ich ihn hängen

lasse!«

»Das hätt' ich schon selber getan,« lachte Bligger, »wenn er Euch das

Horoskop nicht richtig gestellt hätte.«

»Aber nach Ohm Hansens Horoskop sollte er ja sein Glück einmal im

Kloster finden,« sprach Ernst.

»Nun, hat er es etwa nicht im Kloster gefunden?« sagte Sidonie.

»Da sitzt es ja leibhaftig neben ihm und lächelt ihn an wie lauter

Sonnenschein.«

Unter so heiteren Gesprächen verlief das üppige Mahl und dauerte

stundenlang. Am Schlusse ward dem Kellermeister eine mächtige

Silberkanne samt zwölf vergoldeten Pokalen gebracht. Es war ein

hochedler, alter Firnewein, den Trotto eigenhändig mit andachtsvoller

Feierlichkeit einschenkte und den an der Ehrentafel Sitzenden

darreichte, indem er sprach: »Junker Hans und gnädige Frau, hier das

Allerbeste, was wir im Keller haben! wohl bekomm's!«

Man roch, man kostete, man schlürfte und schmeckte. »Köstlich! --

herrlich! -- wunderbar! -- Gott segne den Berg, auf dem er gewachsen!

-- und den Küfer im Grabe! -- und das Faß im Keller! -- und jeden

Trinker, der ihn zu würdigen weiß!« So kam es rechts und links von den

Lippen der Schwelgenden.

»Schwägerin Juliane!« sagte Bligger, »diesen Minnesegen dir zum Heile!

Aus alter Liebe und jungem Haß möge neues Glück erblühen!«

»Dein Wohl, Bligger!« erwiderte sie, »und meinen Dank! Du weißt, wofür!«

Sie nickten sich lächelnd zu und tranken und reichten sich die Hände.

Bald darauf hob der Abt die Tafel mit einem Dankgebet auf, und Bligger

drängte zur Heimkehr. »Fliegt zu Neste, ihr Glücklichen!« sprach er

zu Hans und Juliane. »Bis zur Schmiedeschenke geleiten wir euch; dann

scheiden wir und ihr beiden reitet allein zur Minneburg.«

»Du kommst mit uns nach Zwingenberg, Richilde!« sagte Sidonie.

»Ja, gern!« rief Richilde.

»Und ich?« frug Ernst.

»Du kannst sie da besuchen, sooft du willst,« tröstete ihn Sidonie.

Ehe sie aufbrachen, machten Hans und Juliane dem Kloster eine

ansehnliche Schenkung, die Bligger noch um ein beträchtliches

vermehrte. »Es ist wegen des ~jus misogamorum~, hochwürdiger Herr!«

flüsterte er bei der Verschreibung dem Abte mit feinem Spotte zu. »Seht

es als ein lindes Wundpflaster, als ein dürftig Bruchteil eines Euch

leider entschlüpften Junggesellenerbes an.«

Dann nahmen die Gäste herzlichen Abschied von ihren Wirten, stiegen

sämtlich zu Pferde und ritten mit Weiprecht Kleesattel und den Knechten

davon. Ein Knecht aber wurde nach der Minneburg vorausgeschickt, damit

man dort auf die Ankunft der Vermählten vorbereitet war. »Und niemand

soll den Herrn noch Junker Hans nennen, sondern Herr Ritter!« schärfte

Juliane dem Boten ein. --

An der Schmiedeschenke machte Laux Rapp mit Frau und Tochter große

Augen, als sie den fröhlichen Reiterzug erblickten, der zu kurzer Rast

vor ihrer Tür anhielt.

»Hab' ich's nicht gesagt?« sprach der Schmied, als er erfuhr, was

sich begeben hatte. »Ich habe es den beiden Herren angesehen was sie

vorhatten, als sie in ihren Staatswämsern nach der Minneburg ritten. Es

war aber auch Zeit, Junker Hans, --«

»Ritter Hans!« unterbrach ihn Sidonie.

»Also nun Ritter Hans! Ihr wißt doch? Je länger Junggesell', desto

länger in der Höll'.«

»Vorläufig bin ich im siebenten Himmel, Laux!« erwiderte Hans.

»Mögt Ihr immer darin bleiben!« wünschte der Schmied, »und Ihr werdet

ja, denn Ihr habt ja einen Engel an der Seite.«

»Danke Laux!« lachte Juliane.

»Komm her, Susanne!« rief Bligger, »hier hast du statt des

versprochenen einen Goldguldens deren zwei in deinen Mahlschatz! für

jedes Paar einen.«

Das Mädchen dankte überfroh und sagte: »Fräulein Sidonie, wie steht's

mit Eurem Herzen?«

»Ist noch zu haben,« antwortete Sidonie, »aber es will's keiner. Weißt

du was, Susanne? Hier kreuzen sich viele Wege; sage jedem ledigen Mann,

der vorüberkommt, auf Zwingenberg am Neckar säße eine verwunschene

Jungfrau, die auf einen Freier wartete, und wer sie erlöste, der könnte

sieben Tage in der Woche lachen.«

»Vorwärts! weiter!« mahnte Bligger. »Lebt wohl! und besucht uns bald

auf der Mittelburg. Soll ich dir etwas schicken, Hans?«

»Ja,« sagte Hans, »die Harfe unseres Ahnherrn.«

»Sollst sie morgen haben,« erwiderte Bligger, »daß du deiner Liebsten

klimpern und singen kannst, tandaradei!«

Das Recht der Hagestolze: Eine Heiratsgeschichte aus dem Neckartal · 第 23 / 24 段