So saß sie und grübelte in ihrer Verbitterung, und kein Schlaf kam in

ihre Augen. Da klopfte es leise an die Tür. Sie fuhr erschrocken auf.

Wer konnte sie jetzt noch stören wollen? Sie hatte sich wohl getäuscht;

aber da klopfte es noch einmal. Sie eilte an die Tür und frug: »Wer ist

da?«

»Ich bin es, Sidonie,« erhielt sie zur Antwort.

»Was willst du?« erwiderte sie barsch.

»Bitte, öffnet! ich muß Euch dringend sprechen,« flüsterte es draußen.

Juliane schob den Riegel zurück und ließ Sidonien eintreten, sie mit

einem strengen und erstaunten Blicke messend.

»Frau Juliane,« begann das Mädchen, »ich finde nicht Ruhe, ehe

ich nicht mein Gewissen erleichtert und mich Euch gegenüber als

Hauptschuldige an dem unbesonnenen Streiche bekannt habe, der Euch,

wie ich nun wohl einsehe, aufs schwerste beleidigen mußte. Worin

meine Schuld besteht, sag' ich Euch ein andermal; denn soviel mir

auch an Eurer Verzeihung gelegen ist, und so rastlos und eifrig ich

mich auch bemühen werde, mir dieselbe zu verdienen, so mute ich Euch

doch keineswegs zu, sie mir heute schon jetzt, hier auf der Stelle zu

gewähren.«

»Wäre auch eine starke Zumutung!« sagte Juliane.

»Ich habe eine andere Bitte,« fuhr Sidonie fort, »die große, herzliche

Bitte, daß Ihr Richilden verzeihen möchtet, in deren Auftrag ich komme.«

»Warum du? warum kommt sie nicht selber?« frug Juliane.

»Ihr wolltet sie ja vor morgen nicht sehen, hattet Ihr gesagt,«

erwiderte Sidonie. »Aber sie läßt nun fragen, ob sie sich nicht heute

noch Euch zu Füßen werfen und Euch um Eure Verzeihung anflehen dürfte.«

Juliane schwieg.

»Richilde bereut, was sie getan hat,« fuhr Sidonie fort, »und kein

Auge würde sie schließen können, solange sie Euch im Zorn wüßte. Darum

bittet sie und bitte ich Euch, sie anzuhören, was sie Euch zu sagen

hat, und nicht die Nacht vergehen zu lassen, ohne ihr von Herzen

verziehen zu haben.«

»So laß sie kommen und hinnehmen, was ihr gebührt!« sprach Juliane mit

einem Tone, der nichts Versöhnliches hatte.

»O nicht hier kann das geschehen,« erwiderte Sidonie; »in einem Kloster

haben alle Wände Ohren.«

»Wenn sie nicht zu mir kommt, -- ich gehe ihr keinen Schritt entgegen,«

versetzte Juliane.

»Ich habe mit Richilde verabredet,« sprach Sidonie immer dringlicher,

»daß sie Euch, sobald die Nachtglocke geläutet hat, die jeden Mönch in

seine Zelle bannt, unten im Kreuzgang erwarten soll, wo euch niemand

belauschen kann.«

»Im Kreuzgange? sind wir dort sicher, nicht gehört zu werden?«

»Ganz sicher!« erwiderte schnell Sidonie mit funkelnden Augen.

»Aber wenn man uns sähe?«

»Auch das hab' ich bedacht,« sprach Sidonie in freudigem Eifer. »Das

Mönchsgewand dort, wie in jeder Zelle sich eines findet, schützt Euch

und macht Euch unkenntlich. Ihr hüllt Euch hinein, zieht die Kapuze

über das Haupt; Richilde wird das Gleiche tun und sollte euch dann doch

ein einsamer Zellenbewohner von seinem Fenster aus bemerken, so wird er

euch für zwei vertraute fromme Brüder halten, die sich noch ein wenig

im Mondschein ergehen, und wird die kleine Übertretung der Klosterregel

nicht gleich dem Abte melden. Seid Ihr bereit, Juliane?«

»Ich weiß nicht, ob ich soll oder nicht soll,« erwiderte Juliane mit

einem argwöhnischen Blick. »Ich traue dir nicht mehr.«

»Hab' ich Euch nicht immer gut geraten? Hattet Ihr's schon jemals zu

bereuen, mir gefolgt zu haben?« sagte Sidonie schmeichelnd. »Juliane!

wenn Ihr mir heute nachgebt, -- morgen werdet Ihr es mir Dank wissen!«

»Nun, so mag es sein!« sprach Juliane. »Du hast eine Art, zu überreden,

der man nicht widerstehen kann; ich glaube dir, daß du die Verführerin

meiner Tochter bist, denn du bringst einen zu jeder Torheit.«

»Ich will ja nichts, als Euer Glück,« sagte Sidonie, innerlich

frohlockend.

»Aber wie komm' ich hinab?« frug Juliane noch.

»Ihr wendet Euch auf dem Gange draußen nach links; dort gelangt Ihr

an eine Treppe, die zum Kreuzgang führt. Es ist noch nicht voller

Mondschein, aber hell genug, daß Ihr nicht fehlen könnt. Im Kreuzgang

an der Kirchenseite ist eine steinerne Bank; da wird Euch Richilde

erwarten. Öffnet der schwarzen Gestalt dort die Arme, kommt der

tief Verzagten rasch und liebevoll entgegen; Ihr werdet ein treues,

liebendes, sehnendes Herz an das Eure drücken. Gute Nacht! und gut Heil

auf den Weg!«

Sidonie huschte hinaus. »Ah!« machte sie draußen, »das war kein

leichtes Stück. Nun gebe der Himmel, daß es glückt!«

Juliane nickte, als sie wieder allein war, still vor sich hin: »Sie hat

Recht. Richilde ist die Verführte, ist mein einziges Kind, -- niemand

hab' ich, als sie. Mit rasch verzeihender Liebe will ich sie an mein

Herz ziehen, schnell, heiß, ohne Worte.«

Sidonie ging wieder in das Refektorium, wo Hans mit dem Prior beim

Schachspiel saß. Der Abt hatte sich zurückgezogen. »Ohm Hans, auf ein

Wort! Verzeiht, hochwürdiger Prior!«

Sie nahm Hans mit sich in einen Winkel der geräumigen Halle und

flüsterte: »Ohm Hans, Richilde möchte dich gern heut abend noch

sprechen. Sie will dich bitten, bei ihrer Mutter ein gut Wort für sie

einzulegen, und hat dir besondere Aufschlüsse zu geben.«

»Besondere Aufschlüsse?«

»Ja, die sie nur dir vertrauen will.«

»Hm! muß es denn gleich sein? Hat es nicht Zeit bis morgen?«

»Gleich muß es nicht sein, aber bis morgen hat es auch nicht Zeit.

Sobald die Nachtglocke geläutet hat, will Richilde dich im Kreuzgang

erwarten; sie bittet dich dringend, daß du kommst.«

»Wenn's sein muß,« brummte Hans.

»Ja, es muß sein,« sagte Sidonie. »Sie wird sich in eine Mönchskutte

hüllen und die Kapuze überziehen, daß sie niemand erkennt. Und ganz

ebenso mußt du es auch machen, Ohm Hans!«

»Dummes Zeug! wozu denn?«

»Anders geht es nicht. Bedenke doch! ein Mädchen darf sich nachts nicht

im Kreuzgang blicken lassen,« redete Sidonie listig auf ihn ein.

»Freilich! da hat sie Recht,« sagte Hans treuherzig, ohne zu überlegen,

ob deshalb auch _seine_ Vermummung nötig wäre. »Also nach der

Nachtglocke?«

»Gleich nach der Nachtglocke, im Kreuzgang an der Steinbank bei der

Kirche. Wirst du da sein? im Mönchsgewand?«

»Ja, ja! sag' ihr nur, ich käme!« versprach Hans, ungeduldig, sein

Spiel mit dem Prior fortsetzen zu können.

»Gut, Ohm Hans! habe Dank und sei recht freundlich und liebevoll gegen

Richilde! Schließ sie nur gleich kräftig in die Arme, als wäre es eine

Tochter, die ihr Herz vertrauensvoll an das deine legen will.«

»O, das will ich schon tun,« sprach Hans.

»Dann gute Nacht, Ohm Hans! Und mache deine Sache gut! Gute Nacht,

hochwürdiger Prior!« -- und fort war sie.

»Da bin ich doch neugierig,« sagte Hans, als er sich wieder zum Prior

an das Schachbrett setzte.

Vierundzwanzigstes Kapitel.

In den Klostergarten schien der Mond und sandte sein bläulich silbernes

Licht auch in die eine Hälfte des Kreuzganges hinein, daß sich die

Schatten der Rundbögen mit den kleinen Säulen und zierlichen Kapitälen

auf den hellen Steinplatten des Fußbodens zeichneten, indessen die

andere Hälfte eine traumhafte Dämmerung umfing.

Jetzt tönte das Läuten einer Glocke durch die Stille der Nacht,

schallte eine Zeitlang in gleichmäßigen Schwingungen von der Höhe

des Turmes herab und verstummte wieder. Gleich darauf vernahm man im

Kloster ein gedämpftes Stimmengemurmel und ein zögerndes Gehen, das

beides allmählich verhallte und sich in der Ferne verlor; hier und da

klappte eine Tür, schloß sich ein Fenster, und die letzten Lichter

verlöschten. Dann war ringsumher so tiefe Ruhe, als würden diese

weitläufigen Gebäude von keinem lebenden Wesen bewohnt.

Geraume Weile wurde diese vollkommene Stille durch nichts unterbrochen.

Das Mondlicht lag auf den Dächern und hing an den grauen Steinwänden

mit einer schweigsamen Feierlichkeit, die keine Störung vertrug und

keine andere Wirkung, als die von Licht und Schatten neben sich

aufkommen ließ.

Aber nicht lange sollte es so bleiben. Bald schien es, als ob sich im

Kreuzgang etwas Dunkles bewegte, an der Mauer entlang gespenstisch

dahin schwebte und auf dem Wege zur Kirche in der Dämmerung verschwand.

Dann kam etwas mit leichten, leisen Tritten eine Treppe herab, und in

dem der Stelle der ersten Erscheinung gegenüberliegenden Teile des

Kreuzganges zeigte sich eine schwarze Mönchsgestalt. Der ganz Vermummte

blickte nach rechts und nach links, scheu und unschlüssig, nach

welcher Seite er sich wenden sollte. Auch er wandelte endlich langsam,

schleichenden Fußes der Kirche zu, blieb manchmal stehen, lauschte und

spähte umher, schritt dann weiter bis zur Biegung des Kreuzganges, wo

er plötzlich wie gebannt anhielt. Dort auf der Bank in der Mitte dieses

Ganges sah er eine andere schwarze Gestalt sitzen, gleichfalls bis über

das Haupt verhüllt, die sich nicht regte, aber dem zuletzt Gekommenen

das Antlitz zukehrte und ihn zu erwarten schien. So blickte jeder den

anderen schweigend an, ohne dessen Gesicht und Augen sehen zu können.

Dann näherte sich der stehende Mönch dem sitzenden; dieser breitete

die Arme aus, und sich erhebend umfing er jenen, der sich selber rasch

an seine Brust warf. Ein Aufschrei, -- und schnell suchte sich der

Umschlungene aus den Armen des ihn Haltenden zu befreien. »Das ist

Richilde nicht!« sprach der letztere betroffen.

»Laßt mich los, oder ich rufe um Hilfe!« drohte der andere in seiner

Angst.

»Juliane!!« -- eine ganze Stufenleiter von Tönen drückte beim Nennen

dieses Namens das höchste, überraschteste Staunen des Sprechers aus.

»O abscheulich! eine Falle!« rief Juliane voller Entrüstung.

»In die ich auch gegangen bin,« sagte Hans ebenso bestürzt. »Ich

erwartete hier Eure Tochter Richilde.«

»Ich auch,« erwiderte Juliane, fast noch atemlos vor Schreck.

»Ihr auch?« frug Hans.

»Wollt Ihr noch unschuldig und verwundert tun?« zischte sie. »Ihr habt

mich durch Sidonie hierher locken lassen unter der Vorspiegelung,

Richilde wollte mich um Verzeihung bitten. Gesteht es!«

»Ich Euch hergelockt?« sprach Hans. »Nein, bei Gott nicht! Auch mich

hat Sidonie herbestellt mit dem Vorgeben, Fräulein Richilde wünschte

mich hier zu sprechen.«

»Sidonie! und immer Sidonie! -- O sie soll es büßen, die über alle

Maßen Kecke!« zürnte Juliane, eine Bewegung zum Rückzug machend.

»Bleibt hier, Juliane!« bat Hans und streifte die Kapuze zurück, daß

sein Kopf frei wurde. »Wir haben uns lange nicht gesprochen; kommt!

setzt Euch zu mir; ich muß Euch fragen, was Ihr gegen mich habt. Wir

schieden zuletzt auf der Minneburg als gute Freunde, und nun seid

Ihr gegen mich kalt, abweisend, schnöde, als hätte ich Euch schwer

beleidigt. An der Entführung Eurer Tochter bin ich so unschuldig wie

Ihr. Sagt mir: was ist vorgefallen? was habe ich Euch getan?«

»Das wagt Ihr noch zu fragen?« herrschte sie ihn an, doch immer im

Flüsterton sprechend. »Nun, so vernehmt und sinkt vor Scham in den

Boden: ich kenne das Recht der Hagestolze und weiß, was Ihr damit gegen

mich im Sinn habt!«

»Das Recht der Hagestolze?« wiederholte Hans befremdet und langsam,

»was ist das? Ich bin freilich ein armer Hagestolz und habe, Gott sei

Dank! wenig Pflichten; aber daß ich als solcher auch ein Recht hätte,

hab' ich bislang noch nicht gewußt. Klärt mich darüber auf, liebste

Freundin, damit ich imstande bin, mein Recht wahrzunehmen.« Er setzte

sich auf die Bank und lud sie noch einmal mit einer Handbewegung ein,

neben ihm Platz zu nehmen.

Sie blieb jedoch vor ihm stehen und sagte gereizt: »Junker Hans

Landschad, glaubt nicht, Euren Spott mit mit treiben zu können! Ich

frage Euch jetzt auf Euer Ritterwort: Wißt Ihr nichts vom Recht der

Hagestolze? wißt Ihr nicht, welchen Plan man gegen mich geschmiedet

hat, um mich -- oh, ich bringe es nicht über die Lippen.«

»Auf mein Ritterwort, Juliane! ich weiß nichts von alledem; ich

verstehe nicht, ich ahne nicht einmal, was Ihr meint und wo Ihr damit

hinaus wollt,« entgegnete er tief erregt.

Ehe er ausgeredet hatte, saß sie neben ihm und starrte ihn regungslos,

wortlos an.

»Sollte sich aber irgend jemand unterstehen,« fuhr er immer heftiger

werdend fort, »es sei, wer es sei, Euch mit Plänen und Absichten zu

nahe zu treten, die Euch im mindesten unangenehm wären, so soll er

meinen Arm zu fühlen bekommen, so wahr ich Hans Landschad heiße! Genügt

Euch das?«

»Ja! ja!« sagte sie bloß, aber ihre Stimme bebte, als würde sie von

Tränen erstickt. Sie ergriff seine Hand und drückte sie mit aller Kraft

und hielt sie fest, als wollte sie sie nie wieder loslassen. Die Kapuze

war ihr vom Haupte gefallen; in ihrem Busen stürmte und wogte es, und

es gelang ihr nicht, ihre gewaltige Bewegung vor ihm zu verbergen.

»Juliane, was ist Euch?« frug er erschrocken. »Ihr zittert; was ist

geschehen? ich bitte Euch, erklärt mir --«

»Man hat Euch verleumdet,« stieß sie heraus, »und ich -- ich habe Euch

viel abzubitten, Hans Landschad! jetzt könnte ich selber vor Scham in

den Boden sinken, aber sagen -- kann ich Euch nichts.« Ihr Atem ging

hörbar, und es klang wie unterdrücktes Schluchzen. Unwillkürlich lehnte

sie ihr Haupt an seine Schulter, als müßte sie Halt und Stütze an ihm

suchen.

Da schlang er den Arm um sie und zog sie näher und näher; sie ließ

es geschehen, schmiegte sich, preßte sich an ihn, hob ihr Antlitz zu

ihm empor, und lange, lange ruhte sein Mund auf ihrem Munde. Dann

flüsterte er: »Juliane! Juliane! -- und wenn diese Mauern über uns

zusammenbrächen und uns unter ihrem Schutte begrüben, ich muß es sagen,

ich kann nicht anders. Juliane, -- ich liebe dich! ich liebe dich

vieltausendmal mehr, als mein Leben, und wenn du nicht mein wirst --«

Er konnte nicht weiter sprechen.

»Dein! -- dein!« stammelte sie, umhalste und küßte ihn, als wollte

sie seine Seele bis auf den letzten Hauch in ihre Seele ziehen. Dann

blickte sie ihm nahe, tief in die Augen, und das blühende, lächelnde

Frauengesicht mit dem aschblonden Haar schaute gar anmutig und lieblich

aus der dunklen Mönchskutte heraus. Schwärmerisch sagte sie: »Hans, so

kannst du mich doch nicht lieben, wie ich dich liebe!«

An der Brust des in seinem Glücke schwelgenden Mannes ruhte das

wonnedurchschauerte Weib, und in ihrem Liebesrausche merkten sie nichts

davon, daß in diesem Augenblick eine dritte Mönchsgestalt den Kopf

um die Ecke des Kreuzganges bog und sie belauschte. Sidonie war es.

Sie sah in der Dämmerung noch deutlich genug, daß da zwei sich innig

umschlungen hielten. »Alles in Ordnung; sie haben sich!« jubelte sie

still und verschwand wieder.

»Hans,« frohlockte Juliane, »was werden sie im Neckartal sagen, wenn

sie hören, daß wir uns heiraten?«

»Hei -- heiraten?« frug Hans.

»Nun, was hindert uns denn noch? -- wir sind ja einig -- haben uns von

Herzen lieb --«

»Ja, ja, -- aber -- -- heiraten? -- hm!«

»Hans!« rief Juliane und rückte ein Stück von ihm weg. »Was denkst du

denn? -- meinst du etwa --? Ach, ich vergaß, du närrischer Kauz! Deine

Furcht vor der Ehe; die mußt du nun bezwingen.« Sie hatte den Arm

wieder um seinen Nacken gelegt und lächelte ihm schelmisch zu.

Verlegen, schier ängstlich sah er sie an, und fast wie ein

entsagungsvoller Seufzer klang es: »Muß ich? -- geht es nicht anders,

Juliane?«

»Nein! anders geht es nicht, Hans!« lachte sie.

»Du willst den Hagestolz zum Manne, zum angetrauten Manne haben?«

»Freilich will ich! was sonst?«

»Willst mein Weib sein? mein wirkliches Weib? die Frau des Ehehassers?«

»Ja! ja! -- wenn er mich nur nicht haßt!«

»Nun, -- da! da hast du ihn! nimm ihn hin!« rief er, sie heiß

umschlingend. »Ich hätt's nimmer gedacht! O Sidonie! Sidonie! -- Was

machen wir mit Sidonie?«

»Ach! nichts, -- ich weiß nicht, -- verziehen und vergeben!«

»Und Richilde?«

»Vergeben und verziehen!«

»Und Ernst?«

»Soll sie haben! aber erst, wenn wir uns haben.«

[Illustration: »Morgen früh, Juliane, gehen wir zum Abte; uns wird er

ja wohl den Segen nicht verweigern.«]

»Morgen früh, Juliane, gehen wir zum Abte; uns wird er ja wohl den

Segen nicht verweigern; morgen, morgen am Tage knien wir am Altar, und

Juliane Rüdt von Kollenberg wird Hans Landschads Frau! Aber sie --

glauben's uns nicht, Juliane! gib acht, sie glauben's uns nicht!«

»Sie werden es glauben, Geliebter, -- wenn sie es sehen,« hauchte sie

und schmiegte sich an ihn und bebte vom Wirbel bis zur Sohle.

Nach einer Weile nahm sie seinen Kopf zwischen ihre Hände, küßte ihn

auf die Stirn und sprach: »Du hast dich um meinetwillen geschlagen,

hast dein Leben für mich gewagt; warum tatest du das? weil du mich

liebtest?«

»Weswegen denn sonst?« lachte er. »Ich liebe dich, seit ich dich kenne.«

»Sage das noch einmal!«

»Seit ich dich kenne, liebe ich dich und werde dich lieben, so lange

mein Herz schlägt.«

»O du -- du -- wie nenn' ich dich?!« jauchzte sie und umfing ihn mit

lodernder Glut. »Meine Liebe sollst du erst kennen lernen! Aber erzähle

mir, wie kam das mit Bödigheim?«

»Laß das!« bat er, »mein Hieb traf ihn besser, als seiner mich. Sage

mir lieber: was ist das mit dem Recht der Hagestolze?«

Nach kurzem Besinnen erwiderte Juliane: »Wenn ein Hagestolz eine Frau

liebt, mit ganzer Seele liebt, so soll er sie zu seinem Weibe machen,

und sie soll ihm alles, was sie weiß und kann, zuliebe tun und ihn so

grenzenlos glücklich machen, -- wie er es gar nicht verdient. Das ist

das Recht der Hagestolze.«

Er merkte wohl, daß sie mit dieser scherzhaften Erklärung etwas umging,

was sie ihm in diesem Augenblick nicht offenbaren wollte, und drang

deshalb nicht weiter in sie, sondern sagte: »Nun, so wollen wir den

grimmen Ehehaß so tief begraben, daß seine Auferstehung unmöglich ist.«

»Wir setzen ihm ein Denkmal, Hans!« lächelte sie.

»So? was denn für eins, Liebchen?« frug er vorwitzig.

»Stille, du Loser!« rief sie errötend und schloß ihm den Mund. »Komm!«

sprach sie dann, »laß uns aufbrechen, ehe wir noch hier entdeckt

werden; die Nacht ist fast tageshell vom Monde. Jeder gehe in seine

Zelle und schlafe, wenn er schlafen kann!«

»Und morgen lassen wir uns beim Abte melden,« sagte Hans, »und Sankt

Rucho und Sankt Trotto müssen einen Hochzeitsschmaus zum besten geben,

von dem die Chronika des Klosters mit roten und blauen Buchstaben,

unsere Namen mit Gold geschrieben, erzählen soll!«

»Morgen, morgen!« flüsterte sie an seiner Brust.

Endlich rissen sie sich los und trennten sich und begaben sich, jeder

seines Glückes voll, in ihre Zellen. --

Juliane hatte, während sie sich entkleidete, fast Mühe, ihre Gedanken

zu sammeln, und sie hätte das Erlebte für einen holden Traum gehalten,

hätte ihr nicht das Mönchsgewand, das nun dort auf dem Bette lag, die

Wirklichkeit des Geschehenen bezeugt.

Mit der größten Freude jedoch erfüllte sie die ihr gewordene Erkenntnis

von Hansens Unschuld. Er wußte nichts vom Recht der Hagestolze und

nichts von der Absicht seines Bruders, ihn deshalb zu verheiraten.

Nicht Berechnung, nicht die Sorge um die Erbfolge in seinem Eigen,

sondern seine wiedererwachte Liebe nur hatte ihn zu ihr geführt,

seine tief eingewurzelte Abneigung gegen die Ehe besiegt und ihr sein

Herz geschenkt. Wie von Bergeslast befreit, war ihre Seele heiter

und hell in dem Gefühl, daß keines Zweifels Schatten mehr an dem

Geliebten haftete. Der Plan ihres künftigen Schwagers war allerdings

gelungen; Bligger bekam seinen Willen, aber sie -- sie bekam den Mann

ihrer Sehnsucht. Und vielleicht war auch Bligger nicht so schwer zu

verdammen. Er, Engelhard, Erlickheim, und wer sonst noch an dem

Anschlag beteiligt sein mochte, hatten vielleicht des hagestolzen

Freundes heimliche Liebe zu ihr entdeckt und seine Werbung um sie mit

allen Mitteln herbeizuführen gesucht, um zwei Ziele auf einem Wege zu

erreichen. So wollte sie denn auch denen nicht länger zürnen, die --

ob mit oder ohne Wissen und Wollen -- ihr zum höchsten Glück ihres

Lebens verholfen hatten. -- Ob wohl Sidonie mit ihnen im Bunde war? Die

Übermütige hatte ihr arg mitgespielt, hatte viel dabei gewagt; aber

da sie ihr gewagtes Spiel gewonnen hatte, sollte auch ihr alle List

und aller Trug vergeben sein. -- »Hans! Hans! und das alles um dich!«

flüsterte sie, »ehe zwölf Stunden vergangen sind, bin ich dein Weib,

und --«

Es klopfte schüchtern und leise. Julianen überfiel ein Zittern; sie

konnte nicht sprechen. Wer kam? jetzt mitten in der Nacht! -- Sie

öffnete ein wenig die Tür, -- ein Mönch! -- An allen Gliedern bebend,

mit hochklopfendem Herzen wich sie zurück; -- der Mönch trat ein,

schlug die Kapuze zurück, -- Richilde stand vor ihr.

Sidonie, die Unermüdliche, hatte so lange gewartet und gespäht, bis

sie Julianen wieder in ihre Zelle schlüpfen sah, war dann zu Richilde

geschlichen und hatte die Tochter zur Mutter geschickt.

»Mutter! -- Verzeihung! -- ich kann nicht schlafen --« schluchzte

Richilde und wollte Julianen zu Füßen sinken.

Diese schloß ihre Tochter in die Arme, küßte sie auf das Haar und

sagte: »Alles, du Böse, du Liebe! Wie ein glücklicher Traum hat sich

alles gelöst und erfüllt; du sollst ihn morgen erfahren; jetzt aber

geh! jetzt ist mir das Herz zum Reden zu voll.«

Richilde umfing ihre Mutter mit stürmischer Zärtlichkeit, aber Juliane

wehrte sie sanft von sich ab und wiederholte, sie noch einmal an ihre

Brust drückend: »Geh! laß mich allein; warte bis morgen und schlafe

ruhig!«

Fröhlichen Herzens gehorchte Richilde. --

Am Morgen, noch vor dem Frühmahl, ließ Juliane den Abt fragen, ob er

sie in seinem Gemache zu der gewünschten Unterredung empfangen wolle,

wozu jener sofort bereit war.

Auf dem Gange dahin traf sie Hans, der ihrer dort schon harrte.

Zusammen betraten sie das Zimmer des Abtes.

»Meinhard,« begann Hans ziemlich befangen, »du hast recht und wohl

getan, daß du die beiden törichten Kinder ohne die Zustimmung ihrer

Eltern nicht trauen wolltest. Aber wenn nun zwei Menschen zu dir kämen,

die nicht Vater und Mutter mehr haben und mündig sind und zu dir

sprächen: Hochwürdigster Abt, habt die Gnade und legt unsere Hände mit

dem Segen des Himmels ineinander, daß wir Mann und Frau werden, -- was

würdest du dann tun?«

Der Abt blickte verwundert von Hans auf die errötende Juliane und von

Juliane auf den glückstrahlenden Hans und sagte lächelnd: »Dann würde

ich mir den Bruder Sakristan kommen lassen und ihm befehlen: Heute nach

dem Hochamt sollen alle Glocken läuten und alle Kerzen brennen, denn

ich will meinen Freund Junker Hans Landschad von Steinach und Frau

Juliane Rüdt von Kollenberg am Altar des Herrn für Zeit und Ewigkeit

zusammengeben.« Und den beiden die Hände reichend fügte er freudig

bewegt hinzu: »Glück und Segen eurem Bunde! Das ist das Klügste, Hans,

was du je in deinem Leben getan hast, und Ihr, gnädige Frau, werdet

es sicher nie bereuen, diesen verstockten Junggesellen, dem ich lange

genug das Evangelium der Liebe gepredigt habe, endlich zu seinem Heile

bekehrt zu haben.«

»Ich will es hoffen, hochwürdiger Herr!« erwiderte sie schalkhaft mit

einem vollen Blick auf den Geliebten.

»Also der Bruder Sakristan soll kommen,« sprach Hans; »aber die

würdigen Brüder Rucho und Trotto doch auch, nicht wahr?«

»Die auch,« lächelte der Abt, »aber vorher wohl noch zwei andere. Frau

Juliane, was habt Ihr über Eure Tochter und Junker Ernst beschlossen?«

»Ich werde hier in Eurer Gegenwart meine Zustimmung zu ihrem Verlöbnis

geben,« sagte Juliane, »und noch ehe der erste Schnee auf den Dächern

liegt, bitte ich Euch, hochwürdiger Herr, mein Gast zu sein und in der

Kapelle der Minneburg die beiden zu trauen.«

»Seid gelobt und gedankt für diesen Entschluß!« sprach der Abt. »Wissen

sie es schon?«

»Nein.«

»So will ich sie rufen lassen.« Er zog an einem Glockenstrange und

befahl dem eintretenden jungen Mönch, Junker Ernst und Fräulein

Richilde freundlichst hierher zu entbieten.

Natürlich kam Sidonie mit. Sie hielt sich hinter den beiden anderen,

die selber noch voll Bangen über die Entscheidung ihres Schicksals

waren, möglichst versteckt und lugte halb listig, halb ängstlich hinter

ihnen hervor. Von Hans sowohl wie von Juliane streifte sie ein rascher

Blick, der drohend sein sollte, aber sehr heiter und zugleich etwas

schüchtern ausfiel. In den blitzenden Augen des durchtriebenen Mädchens

lauerte schon wieder irgendeine neue Schelmerei.

Das Recht der Hagestolze: Eine Heiratsgeschichte aus dem Neckartal · 第 22 / 24 段