»Ohm Hans!!« kam es tief erschrocken von Ernsts Lippen.

»Und Sidonie auch hier?« sprach Hans.

»Wie du siehst, Ohm Hans!« lächelte diese. »Wir beide, du und ich,

werden Brautführer und Brautjungfer sein.«

»Hat sich was!« grollte Hans. »Fräulein Richilde, wo ist Eure Mutter?«

»Ich soll sie holen, befiehlt der Herr Abt,« antwortete Sidonie wieder.

»Ihr seid entflohen, Ernst hat das Fräulein entführt, Frau Juliane weiß

nichts davon; nicht wahr?«

»Geraten!« nickte Sidonie, »sie wähnt uns bei meinen Eltern auf

Zwingenberg.«

»Unglaublich! unerhört! unverzeihlich!« wetterte Hans, »sich heimlich

trauen lassen zu wollen! Welcher Eulenspiegel hat euch diese Raupen in

den Kopf gesetzt?«

Sidonie tippte in schwungvoller Bewegung und stolz erhobenen Hauptes

mit dem Zeigefinger auf ihre Brust.

»Du! natürlich! wie konnte ich noch fragen!«

»Nein, Ohm Hans!« sprach Ernst, »Plan und Ausführung sind mein Werk,

das du begreifen und billigen würdest, wenn du wüßtest, was du nicht

weißt.«

»Ich will gar nichts wissen,« eiferte Hans, »und wenn ihr euch

einbildet, ich sollte meinem hochwürdigen und weisen Freunde auch nur

mit einem Worte zureden, euch unvernünftige Kinder zusammenzugeben, so

irrt ihr euch ganz gewaltig!«

»Ohm Hans! Du willst mich im Stich lassen?!« frug Ernst vorwurfsvoll.

»Erwartest du etwa, daß ich mich zu deinem Mitschuldigen mache?«

entgegnete Hans im Tone strenger Zurechtweisung. -- »Was sagst du dazu,

Meinhard?«

»Ich habe bereits erklärt, daß ohne Einwilligung von Fräulein

Richildens Mutter nicht daran zu denken ist,« erwiderte der Abt.

»Recht so!« bestätigte Hans, »das ist auch meine Meinung. Und nun? was

wird nun, Junker Tollkopf?«

»Was nun wird? das will ich dir sagen, Ohm Hans!« rief Ernst schnell

dem Ausgange zuschreitend und Richilde an der Hand mit sich ziehend.

»Ich erkläre Richilde hiermit für meine Gefangene, reite spornstreichs

mit ihr nach Neckarsteinach und halte sie dort mit Genehmigung meines

Vaters so lange fest, bis man uns erlaubt, zu heiraten!«

»Nicht von der Stelle!« schrie Hans und pflanzte sich groß und breit

vor der Tür auf, um den abermals Fluchtbereiten den Weg zu vertreten.

»Ich reite mit und werde euch die Wege schon weisen, die ihr zu nehmen

habt, werde euch auf die Minneburg bringen und mit Frau Juliane

sprechen, zu euren Gunsten sprechen, wenn ihr es nun einmal nicht

anders haben wollt. Aber mehr kann ich nicht tun.«

»Das wird hübsch werden!« kicherte Sidonie, »auf den Empfang dort --«

»So laß uns aufbrechen! -- kommt!« rief Ernst.

»Heute wird hier geblieben!« gebot Hans. »Denkt ihr, ich will den

weiten Ritt umsonst gemacht haben? Ich und mein Roß haben Hunger und

Durst, und im Kloster Sinsheim hat noch keiner Not gelitten, der zur

rechten Stunde gekommen ist; mir gefällt es gut hier.«

»Das scheint so,« spottete Ernst; »darum sollst du auch einmal dein

Glück im Kloster finden.«

»Warum nicht?« lachte Hans. »Aber dazu ist immer noch Zeit. Ihr nehmt

mich auch noch, wenn mir Schwert, Speer und Sporn dereinst stumpf

geworden sind; nicht wahr, Alter?«

»Gewiß Hans!« versetzte der Abt, »wenn du dich einmal aller deiner

Sünden entledigen willst.«

»Die mußt du mir herunter beten,« sagte Hans. -- »Horch!« fuhr er fort,

»die Mittagsglocke! ~pax nobiscum, amici!~ Seid getrost, ihr beiden!

heute wollen wir alles vergessen und fröhlich sein, und morgen helf'

ich euch, soviel ich vermag! -- Wo speisen wir, Meinhard?«

»Im kleinen Refektorium; ich hörte ja von Junker Ernst, daß du kommen

würdest, und wir haben auf dich gewartet. Rucho weiß Bescheid.«

»Trotto auch?«

»Trotto auch,« lächelte der Abt.

»Dann vorwärts! Wandle voran, hochwürdigster Seelenhirt! die verirrten

Schäflein folgen dir. Komm, du Teufelsmädchen! Du sollst auch einmal

die Seligkeit kosten, die dieses gebenedeite Haus des Herrn aus seinem

tiefuntersten Keller bezieht!« Damit bot er Sidonien ritterlich den

Arm, und so schritten sie allesamt aus dem Zimmer des wirtlichen Abtes.

Dreiundzwanzigstes Kapitel.

Um den schweren Eichentisch im kleinen Refektorium saßen am Nachmittage

-- denn es war durch das Warten auf Hans sehr spät geworden -- Herr

Meinhard, der Abt, Paraeus, der Prior, Rucho, der Küchenmeister, und

Trotto, der Kellermeister, mit ihren Gästen, den beiden Junkern und

den beiden Fräulein, und es war ein vorzügliches Mahl, das Bruder

Rucho hatte bereiten lassen, und das Bruder Trotto mit ausgewählten

Jahrgängen des Klosterkellers bedachte.

Man ließ es sich wohl sein und war guter Dinge. Selbst Ernst und

Richilde, zum ersten Male wie ein Brautpaar bei Tische nebeneinander

sitzend, vergaßen ihre nächsten Sorgen, sahen sich hier wenigstens,

in diesem kleinen Kreise als Verlobte anerkannt und gaben sich in

zunehmender Fröhlichkeit der schmeichelnden Vorstellung hin, daß

dieses festliche Mahl ihnen zu Ehren stattfände. Hans, der seinen

Platz zwischen dem Abt und dem Prior hatte, fühlte sich hier wie zu

Hause, ließ seiner Lebenslust die Zügel schießen und trank sich und

seinen klösterlichen Freunden einen Becher nach dem andern zu. Sidonie,

zwischen Rucho und Trotto, sprudelte erst recht von Übermut und führte

mit allen eine so lebhafte, hinreißend neckische Unterhaltung, daß es

die Mönche von dem hübschen Mädchen aufs höchste ergötzte.

Die Tafel nahte sich allmählich ihrem Ende, und der Kellermeister

klirrte mit den Schlüsseln und warf einen fragenden Blick auf den Abt,

ob er vielleicht noch einen besseren herauf holen lassen sollte, denn

man war seit langer Zeit nicht so vergnügt im Kloster gewesen.

Da wurde das heitere Mahl in einer jähen, von keinem der acht

Teilnehmer für möglich gehaltenen Weise abgebrochen.

Vom Gange draußen hereinkommend näherte einer der beiden die Tafel

bedienenden Laienbrüder seinen Mund dem Ohre des Abtes und flüsterte

diesem etwas zu. Herr Meinhard machte eine Bewegung des Überraschtseins

und erwiderte mit gedämpfter Stimme, doch so, daß es alle hörten, weil

sie alle lauschten: »Führt die gnädige Frau ins Sprechzimmer; ich komme

sogleich.«

Eine lautlose Stille trat ein. Aller Augen waren auf den Abt gerichtet,

einige mit nur neugierigen, andere zugleich mit ahnungsvoll bangem

Ausdruck. Der Abt aber sprach mit Bedeutung die schwerwiegende

Nachricht aus: »Frau Rüdt von Kollenberg ist angekommen.«

Richilde erschrak so heftig, daß sie einer Ohnmacht nahe war. Auch

Sidoniens Gesicht wurde etwas lang bei dieser Kunde. Sie blickte auf

Ernst; »Josephine!« murmelte dieser und erhob sich. Aber schnell sprang

auch Hans auf und rief ihm zu: »Du bleibst! ihr beiden verschwindet und

laßt euch nicht sehen, bis ich euch rufen lasse! Komm, Sidonie! wir

zwei wollen es mit ihr aufnehmen.«

»Nun, Ohm Hans, dann wappne dich!« erwiderte Sidonie, »und alle lieben

Heiligen mögen uns beistehen!«

»Wohl gesprochen!« sagte der Abt. »Aber zuerst will ich die edle Frau

in unseren Mauern begrüßen; darum laßt mich vorangehen und folgt mir

nach einem Weilchen.« Und sich zu den Laienbrüdern wendend fuhr er

fort: »Ihr räumt hier schnell auf und öffnet die Fenster, damit ich

die gnädige Frau aus dem ungastlichen Sprechzimmer bald hierher führen

kann.«

Sidonie umarmte ihre zitternde Freundin und raunte: »Mut, Richilde! wir

müssen uns durchkämpfen!«

Hans hatte sich das heißersehnte Wiedersehen mit Juliane allerdings

anders gedacht, als es jetzt hier, in dieser Umgebung, unter den

obwaltenden Umständen und in der bei Juliane vorauszusetzenden Stimmung

stattfinden konnte. Dennoch ging er demselben mit seinem guten Gewissen

fröhlich und in der Hoffnung entgegen, daß auch sie das unvermutete

Zusammentreffen mit ihm trotz der leidigen Veranlassung erfreuen und

trösten, und daß seine Gegenwart beruhigend und versöhnlich auf sie

wirken würde.

Der Abt und Juliane kannten sich bereits oberflächlich von früher

her. Seine achtungsvolle Begrüßung beim Eintritt in das Sprechzimmer

unterbrach sie mit der hastigen Frage: »Ist meine Tochter hier?«

»Ja, gnädige Frau!« erwiderte der Abt. »Gestern spät abends sind sie

gekommen; aber seid unbesorgt! es ist nichts geschehen und wird nichts

geschehen, was gegen Euren Wunsch und Willen wäre.«

»Gott sei gedankt!« atmete sie erleichtert auf, »und auch Euch,

hochwürdigster Herr! Ich fürchtete schon das Schlimmste.«

»Wäre es denn etwas gar so Schlimmes, wenn sie des ritterlichen Junkers

Frau würde?« frug er mit einem milden Lächeln.

»Es ist ein Landschad!« stieß sie grollend hervor.

Herr Meinhard führte sie zu einer längs der Wand hinlaufenden Bank und

sagte: »Es wird sogleich ein würdigerer Raum zu Eurem Empfange bereit

sein; nehmt einstweilen hier fürlieb. Eure Tochter ist in guter Obhut.«

»Gebt sie mir heraus, daß ich sie mitnehme, wohin sie gehört!«

entgegnete sie finster, nahm aber doch Platz, denn sie war von dem

anstrengenden Ritt und der marternden Angst, zu spät zu kommen,

sichtlich erschöpft.

»Nicht so schnell, gnädige Frau!« sprach der Abt, »laßt uns erst ruhig

miteinander reden.«

Aber kaum hatte auch er sich gesetzt, als sich die Tür auftat und Hans

und Sidonie herein traten.

Juliane sprang auf. -- »Was?! -- ihr hier?! Wollt ihr beiden euch

vielleicht auch hier -- Ah nein! das tut der Ehehasser nicht!«

lachte sie höhnisch. »Zwei Landschaden entführen ein Mädchen! welch

Meisterstück! Und du, du bist die Helferin!« rief sie, mit der

ausgestreckten Hand auf Sidonie weisend.

»Seid mir gegrüßt, Frau Juliane!« sprach Hans erregt, »und laßt Euch

sagen, daß ich Eure Tochter nicht entführt habe. Im Gegenteil, ich

verdamme die verwegene Tat meines Neffen ebenso entschieden wie Ihr und

mein hochwürdiger Freund hier und bin den Flüchtigen nur nachgesetzt,

um sie mit Gewalt zurückzuholen.«

»Wer Euch das glauben soll!« erwiderte sie spöttisch.

»Es ist so, gnädige Frau!« bestätigte der Abt.

»Ihr hättet Euch den Weg sparen können,« fuhr Hans fort; »denn morgen

hätte ich Euch Eure Tochter nach der Minneburg zurückgebracht.«

»Ihr habt nichts davon gewußt?« frug sie noch einmal zweifelhaft.

»Nicht das geringste!« versicherte er. »Erst heute Morgen erfuhr ich's

durch einen Brief von Ernst. Sie haben sich wohl gehütet, mich vorher

einzuweihen.«

»Ich kann's bezeugen,« sagte Sidonie nun. »So dumm sind wir nicht,«

setzte sie leiser hinzu.

Juliane überhörte das. Sie stand und blickte unwillig auf Hans, daß sie

nicht ihren Zorn an ihm auslassen konnte, weil er schuldlos war. Er sah

bleich aus, und jetzt erst bemerkte sie eine große, kaum verharschte

Wunde an seiner Stirn. Natürlich dachte sie, der Raufbold kann nicht

Frieden halten. Wen mögen sie wieder auf der Landstraße niedergeworfen

haben, daß er den Denkzettel davon hat?

Ein Laienbruder war erschienen, hatte dem Abt einen Wink gegeben und

einen leisen Auftrag von ihm erhalten.

»Wenn es Euch nun gefällig ist, gnädige Frau,« sprach der Abt --

»Zu Richilde? nein! jetzt mag ich sie nicht sehen,« wehrte sie ab, »und

noch weniger den Junker -- den Entführer!«

»Braucht Ihr auch nicht,« sagte Hans. »Sie werden Euch nicht eher vor

die Augen kommen, als bis Ihr sie rufen laßt.«

»Ich wollte Euch nur in unser Speisegemach führen,« ergänzte der Abt;

»ein leichter Imbiß wird Euch wohltun.«

»Ach ja! das wird er,« hauchte sie. »Ich bedarf einer Stärkung; meine

Kraft geht zu Ende.«

»Gerettet, Ohm Hans!« flüsterte Sidonie. »Wer essen kann, mit dem läßt

sich fertig werden.«

Hans nickte ihr lächelnd zu.

»Und nicht wahr, gnädige Frau?« fuhr der Abt fort, indem sie sich

anschickten, das Sprechzimmer zu verlassen, »Ihr bleibt heute bei

uns und ruht Euch aus, und morgen macht Ihr Euren Frieden mit Eurer

Tochter; aber vorher bitte ich noch um eine Unterredung mit Euch.«

»Ich nehme Eure Gastfreundschaft mit allem Dank an, hochwürdiger Herr!«

erwiderte sie. »Aber dürft Ihr denn Frauen im Kloster beherbergen?«

»Eigentlich nicht,« sprach der Abt; »aber in Fällen der Not ist es uns

gestattet. Kranken oder Verwundeten, Verirrten und Wegmüden öffnen wir

aus christlicher Barmherzigkeit unsere Tür Tag und Nacht. Euch rechne

ich zu den Wegmüden,« fügte er lächelnd hinzu; »oder seid Ihr das

nicht?«

»Doch! doch! ich wäre wirklich nicht imstande, heute wieder

zurückzureiten,« sagte sie.

»Es ist auch schon zu spät dazu; die Nacht würde Euch überfallen.«

»Morgen reiten wir zusammen, Frau Juliane!« sprach Hans. »Ich geleite

Euch nach der Minneburg.«

»Bemüht Euch nicht! ich habe Geleit genug bei mir,« gab sie ihm kühl

abweisend zur Antwort.

»Habe schon gehört, -- vier Mann im Harnisch!« lachte Hans. »Meinhard,

Mann des Friedens, wird dir nicht bange vor solcher Kriegsmacht?«

»Ich habe es mit Landschaden zu tun!« versetzte sie scharf.

»Die Landschaden schlagen sich wohl für Euch, aber nicht gegen Euch,

Frau Juliane!« erwiderte Hans beleidigt.

»Was wollt Ihr damit sagen?« warf Juliane hochmütig über die Schulter.

Hans schwieg; aber statt seiner antwortete Sidonie: »Seht Ihr nicht die

breite Wunde an Ohm Hansens Stirn? Die hat er für Euch davongetragen.«

»Für mich?!« frug sie im höchsten Erstaunen und sich schnell zu

Sidonien umwendend.

»Ja, für Euch! Euretwegen hat er sich mit Bruno von Bödigheim auf Leben

und Tod geschlagen, hat den Streich empfangen, der ihn niederstreckte,

und hat in Fieber und Schmerzen lange daran festgelegen. Dies ist heute

sein erster Ritt wieder.«

»Schweig, Sidonie!« sagte Hans, »von solchen Kleinigkeiten macht man

nicht groß Aufhebens.« Es tat ihm schon leid, daß er sich zu einer

Entgegnung auf Julianens scharfe Bemerkung hatte hinreißen lassen und

dadurch Sidonien zur Erwähnung seines Zweikampfes angeregt hatte.

Juliane aber war sprachlos. Wie gehässig hatte sie eben noch von dieser

Wunde gedacht! Zu ihrem Glück herrschte in dem Gange, den sie jetzt

dahinschritten, ziemliche Dämmerung, so daß Niemand die Verwirrung

und Erschütterung gewahr wurde, die sich ihrer bei dieser äußerst

überraschenden Kunde bemächtigt hatte. Sie ging sehr langsam, nur um

Zeit zu gewinnen, sich fassen und sammeln zu können.

So kamen sie in das Refektorium und setzten sich mit Juliane um den

Tisch, auf dem schon Speise und Trank bereitstand. Der Prior Paraeus

gesellte sich wieder zu ihnen und war allen willkommen, denn der

kluge Mann wandte das Gespräch von der mißlichen Angelegenheit ab,

derentwegen Juliane hier war, und brachte es auf andere Dinge, so daß

es einen durchaus unverfänglichen Verlauf nahm.

Juliane genoß von dem reichlich Gebotenen nur wenig. Ihr war nach dem,

was sie von Sidonie erfahren hatte, der Hunger vergangen. Sie war von

einer tiefen Unruhe erfüllt und mußte immer wieder auf Hans und seine

Narbe sehen, als wollte sie ihn bis auf Herzensgrund erforschen, was

ihn, an dessen Liebe sie nicht mehr glaubte, bewogen haben konnte,

sein Leben für sie einzusetzen. Da nun Hansens Augen unverwandt an

Julianens Antlitz hingen, so kam es, daß sich beider Blicke öfter

begegneten und wohl gar, fast ohne Wissen und Willen Julianens, einen

Atemzug lang ineinander ruhten.

Er hielt ihr auffallend, ja verletzend schroffes Benehmen gegen ihn

ihrem Zorn über Richildens Entführung und ihrem vielleicht nicht

schnell genug beseitigten Verdacht, daß er seine Hand dabei im Spiele

gehabt hätte, zugute und trug es ihr nicht nach. Vielmehr freute es

ihn, daß sie nun allmählich anfing, ihm auf die Reden, die er an sie

richtete, wieder eine etwas verbindlichere Antwort zu geben, wenn auch

darin immer noch ein verhaltener Groll gegen ihn nachzitterte, den er

sich nicht erklären konnte.

Sidonie nahm jetzt wenig teil an der Unterhaltung. Bald richtete sie

ihre ganze Aufmerksamkeit auf Juliane, bald saß sie wie geistesabwesend

in ihre eigenen Gedanken versunken und schlüpfte endlich hinaus, um

Ernst und Richilde aufzusuchen und ihnen den Hergang bei Julianens

Einkehr zu berichten.

Sie fand die ihrer schon ungeduldig Harrenden im Klostergarten

und erzählte ihnen alles haarklein und der Wahrheit gemäß, damit

schließend: »Laßt euch nur heute vor Frau Juliane nicht mehr blicken;

morgen will der Abt mit ihr reden, und ich habe noch Hoffnung für euch.«

»Ach, Sidonie!« sprach Richilde, »ich kann nicht schlafen, ehe meine

Mutter mir nicht verziehen hat. Kannst du mir nicht heute noch eine

Unterredung mit ihr verschaffen? ich will mich ihr zu Füßen werfen --«

»Heute noch?« erwiderte Sidonie. »Sie ist in böser Stimmung, Richilde!

Aber ich will versuchen, sie zu bewegen, daß sie dich zu Nacht noch

vor sich läßt. Gelingt es mir, so komm' ich und hole dich. Jetzt aber

versteckt euch, verkriecht euch, verschließt euch in eure Zelle, -- das

heißt,« fügte sie schelmisch drohend hinzu, »getrennt, jeder allein in

die seinige!«

Die Getrösteten versprachen, den Rat zu befolgen, und Ernst erging

sich in bitterer Selbstanklage, daß er Josephinen zu viel Vertrauen

geschenkt hatte, denn sie allein konnte Frau Juliane die Flucht und

das Ziel derselben verraten haben. Hätte er das nicht getan, so hätten

Richilde und Sidonie nach der beharrlichen Weigerung des Abtes,

der heimlichen Liebe seinen Segen zu geben, ruhig nach Zwingenberg

reiten können, und Frau Juliane hätte von der Entführung vielleicht

niemals etwas erfahren. Ohm Hans würde wohl geschwiegen haben, und sie

hätten ihr den kecken Streich später einmal, wenn sie das Glück ihrer

Vereinigung auf andere Weise gefunden hatten, in einer traulichen

Stunde gebeichtet. Zu solchen Betrachtungen war es aber nun leider zu

spät.

Sidonie überließ die beiden sich selbst und wandelte noch eine Weile

sinnend im einsamen Kreuzgang auf und nieder, nur mit dem Schicksale

des Paares beschäftigt, das mit Abt und Prior allein geblieben war. Sie

hatte die Blicke beobachtet, mit denen sich Hans und Juliane angesehen

hatten, zog daraus ihre Schlüsse und baute darauf ihre Hoffnung. »So

muß es gehen,« sprach sie zu sich selber, »so muß es gehen, oder die

Glut verlangender Sehnsucht ist ein Ammenmärchen und die Macht des

Liebesgottes keinen Pfifferling wert!« Sie besah sich die Gelegenheit,

die Zugänge zum Kreuzgang, spähte, wohin Türen und Treppen führten, und

spürte ringsum. »Die Fenster dort oben sind störend, da sind die Zellen

der Mönche; aber diese Glatzköpfe schlafen gewiß wie die Murmeltiere.

Freilich, man müßte sich vorsehen; -- hm! ja, ja! das ist gut! so

wird's gemacht! punktum! und nun vorwärts!« Ihr Plan war fertig, und

ein zufriedenes Lächeln auf den Lippen, kehrte sie in das Refektorium

zurück, dort aber mit einem so gleichgültigen und harmlosen Gesicht

eintretend, als könnte sie nicht bis fünf zählen.

Mittlerweile war es Abend geworden, und Juliane begehrte nach Ruhe.

Sich bei Abt und Prior mit ihrer Abgespanntheit entschuldigend, sagte

sie ihnen freundlich gute Nacht, Hans und Sidonie nur mit einem sehr

kühlen und knappen Gruß abfindend. Zwei Laienbrüder leuchteten ihr die

Treppe hinauf zu der für sie bestimmten, mit möglichster Bequemlichkeit

ausgestatteten Zelle, in welcher, ebenso wie in den Zellen der beiden

Mädchen, ein schwarzes Mönchsgewand hing. --

Wie aber hatte Juliane die Flucht und den Aufenthaltsort Richildens

erfahren?

Das war so gekommen:

Sie war einsam und allein, so allein, wie sie sich in ihrem Leben

noch nicht gefühlt hatte, und saß wie gewöhnlich auch an dem Morgen,

nachdem tags zuvor die drei jungen Mädchen nach Zwingenberg -- wie

sie annahm -- abgeritten waren, wieder in ihrem Erker, den Blick leer

und hoffnungslos in die Ferne gerichtet. Da kam Petrissa und meldete:

»Gnädige Frau, draußen ist der Sohn des Sterndeuters Isaak Zachäus und

begehrt Euch zu sprechen; er hat eine Botschaft an Euch von seinem

Vater.«

»Des Sterndeuters Sohn?« frug Juliane erstaunt, »führ' ihn herein!«

Josephine trat ein, in männlicher Kleidung, mit ihrem langen Rock

angetan, verbeugte sich und wartete auf Julianens Anrede, um daraus zu

entnehmen, ob die Burgherrin ihr wahres Geschlecht kannte oder nicht.

»Du bist der Sohn Meister Isaak Zachäus' und bringst mir Botschaft von

deinem Vater?« sprach Juliane.

»So ist es, edle Frau!« erwiderte Josephine. »Aber ehe ich die

Botschaft ausrichte, müßt Ihr mir fest und sicher geloben, jedermann zu

verschweigen, von wem Ihr sie habt.«

»Ich gelobe dir's, mein Wort darauf!« sagte Juliane.

»Wohlan, gnädige Frau, so hört, was ich Euch zu verkünden habe,« begann

die Falsche. »Die Sterne haben in dieser Nacht meinem Vater vertraut,

daß die Gefahr, die Eurer Tochter außerhalb der Burg drohte, nun

eingetreten ist.«

Juliane schrak auf. »Barmherziger Gott! was ist geschehen? sprich!

verhehle mir nichts!«

»Junker Ernst Landschad hat Eure Tochter entführt.«

»Entführt?! geflohen mit ihr? -- nicht nach Zwingenberg? -- oh! -- oh!

-- was hab' ich getan, daß ich sie aus der Burg hinausließ!« stöhnte

Juliane ihr Antlitz verhüllend. -- »Wann? wohin?« frug sie dann in

schnell aufflammendem Zorn.

»Gestern Nachmittag, nach Kloster Sinsheim, um sich dort mit ihr trauen

zu lassen,« sprach ohne Zögern die Verräterin.

»Und das weiß dein Vater alles aus den Sternen?«

»Fragt nicht, woher, laßt Euch genug sein, daß er es weiß,« erwiderte

Josephine.

»Und trauen wollen sie sich lassen? ohne mich? gegen meinen Willen?

oho! ich will ihnen die Kerzen dazu anzünden!« rief Juliane drohend und

eilte zur Tür. Doch auf halbem Wege stehen bleibend frug sie: »Hast du

noch mehr zu melden?«

»Nein, gnädige Frau!«

»So geh! -- nein! komme her und nimm! -- für deinen Vater --«

Josephine trat einen Schritt zurück. »Nein, nein! keinen Lohn nehm' ich

von Euch, nicht um Geld und Gut bracht' ich Euch die Kunde,« sagte sie

erregt. Ein kalter Schauer überlief sie; sie wandte sich, verließ das

Gemach, eilte mit klopfendem Herzen und zitternden Knien die Treppe

hinunter und floh aus der Burg, den Berg hinab, in den Wald hinein und

schaute nicht rückwärts.

Juliane rief mit lauter, gellender Stimme zur Tür hinaus: »Petrissa!

schnell den Burgvogt! auf der Stelle soll er kommen!«

»Weiprecht,« befahl sie dem bald darauf Eintretenden, »laß satteln für

mich und dich und drei Knechte im Harnisch! Wohin wir reiten, sag' ich

dir, wenn wir unten sind; aber schnell wie der Wind müssen wir in den

Bügeln sein!«

Ehe der Schatten der Fenstersäulen im Erker um eine Hand breit gerückt

war, ritt Juliane an der Spitze von vier Bewaffneten aus dem Tore der

Burg zur Verfolgung ihrer entflohenen Tochter. --

Nun befand sie sich hier in dieser engen Klosterzelle, mit der

Ungehorsamen, die sie noch nicht wiedergesehen hatte und noch nicht

wiedersehen wollte, unter einem Dache. Sie hatte die Tür hinter sich

verriegelt und sich, den Kopf in die Hand gestützt, auf einen Schemel

an das mit einer Decke verhangene Fenster gesetzt. Zum Schlafen war sie

noch zu überreizt; sie hatte nur allein sein wollen, um das in sich zu

verarbeiten, was ihr der heutige Tag an Aufregendem und Unbegreiflichem

gebracht hatte.

Die Gefahr einer Verbindung Richildens mit einem Landschaden war dank

der Gewissenhaftigkeit des würdigen Abtes für dieses Mal glücklich

überstanden, und Juliane glaubte ihrer Tochter auch für die nächste

Zukunft sicher zu sein, indem sie die Aufsässige morgen mit sich

zurücknehmen und unter keinem Vorwande ohne ihre Begleitung wieder

aus der Burg herauslassen wollte. Dieses ihr erst so bedrohlich

scheinende, nun so kindisch und lächerlich vorkommende Possenspiel von

einer Entführung war also für Juliane so gut wie abgetan und trat in

ihren Gedanken schon weit zurück gegen das ihr noch gar nicht zu Sinne

wollende Ereignis, daß sich Hans für sie geschlagen hatte.

»Hm! für mich geschlagen!« sprach sie nach längerem Nachsinnen mit

gekräuselter Lippe. »Bödigheim -- der einzig Ehrliche -- der Treue,

den ich abwies -- hat von dem Recht der Hagestolze und dem Plan der

Landschaden gehört, dessen Opfer ich werden sollte. Seiner Schwester

Elisabeth, die mich warnte, wollte ich nicht glauben. Da hat er selber

dem Übermütigen seine Schändlichkeit vorgehalten, hat ihn, um mich

zu rächen und zu retten, zum Zweikampf herausgefordert; der Junker

Hagestolz hat einen wohlverdienten Hieb davongetragen, -- und nun heißt

es: er hat sich für mich geschlagen! er! für mich!«

Das Recht der Hagestolze: Eine Heiratsgeschichte aus dem Neckartal · 第 21 / 24 段