»Nun, ich wünsche Euch alles Glück dazu!« war das einzige, was sie mit

größter Selbstbeherrschung darauf hervorzubringen vermochte, und Ernst

war in seinen Gedanken so sehr mit den Einzelheiten seines Unternehmens

beschäftigt, daß er Josephinens Verwirrung und Bestürzung ganz übersah

und ihm kein Zweifel an der Aufrichtigkeit ihres Glückwunsches

aufstieg. In ihr erregten seine Mitteilungen einen Sturm feindseliger

Gefühle. Sie suchte schnell von ihm weg zu kommen, um in ungestörter

Einsamkeit über Mittel nachzusinnen, wie sie wenigstens den Zweck

der Entführung, die aufzuhalten sie nicht mehr die Zeit hatte, vor

Erreichung desselben noch vereiteln könnte, und jede List und jede

Untat sollte ihr dazu recht und genehm sein.

Ernst aber ging nach Burg Schadeck und übergab dort dem Waffenmeister

Marx Drutmann einen versiegelten Brief an Hans mit der Weisung,

denselben nicht früher, als am nächsten Morgen, seinem Herrn zu

behändigen. Der Alte versprach, dem Auftrage pünktlich nachzukommen.

Bei Tische kündigte er seinen Eltern an, daß er am Nachmittag wegreiten

und wahrscheinlich die Nacht über ausbleiben würde; sie möchten sich

seinetwegen nicht sorgen. Bligger horchte hoch auf und warf seiner

Frau, die schon eine Frage auf den Lippen hatte, einen schnellen Blick

zu, so daß Katharina schwieg. Er war überzeugt, daß Ernsts Ritt zu

Richilde ging und wollte den Sohn nicht durch Fragen in Verlegenheit

gesetzt sehen, die dieser nur ungern und ausweichend beantworten würde.

Bald nach Mittag saß Ernst in den Bügeln. Ihm war zumute, als ritte er

in seine erste Schlacht, in der er entweder fallen, oder aus der er als

ruhmgekrönter Sieger heimkehren müßte.

An der Schmiedeschenke traf er die beiden Fräulein bereits vor und zog

nun mit ihnen in der Richtung nach Sinsheim weiter. Richilde hatte beim

Abschied von der Minneburg noch einmal geschwankt, ob sie wirklich den

wichtigsten Schritt ihres Lebens ohne Wissen, ja gegen den bestimmt

ausgesprochenen Willen ihrer Mutter tun und diese, mit Hintansetzung

aller kindlichen Gefühle, in heimlicher Flucht verlassen sollte.

Aber Sidonie wußte die Gewissensmahnungen mit beredt anfeuernden

Worten zu verscheuchen und bemühte sich auch ferner, ihr mit einem

nicht verstummenden Frohsinn über alle Zweifel hinwegzuhelfen. An

Ernsts Seite und unter seiner Führung gewann sie auch ihre Sicherheit

allmählich wieder, und bald hingen ihre Augen mit dem Ausdruck

innigster Glückseligkeit an dem ihr Mut und Zuversicht einflößenden

Antlitz des Geliebten.

Nur einmal noch schweiften ihre Gedanken zu dem hinter ihr liegenden

zurück, und sie begann: »Weißt du, Ernst, es wäre doch vielleicht

besser gewesen, wenn du selber bei meiner Mutter um mich geworben

hättest.«

»Das war ja meine Meinung auch,« erwiderte er; »ich versprach euch ja,

in den nächsten Tagen dieserhalb zu kommen. Warum habt ihr denn nicht

so lange gewartet?«

»So war es beschlossen,« sagte Sidonie. »Aber du schicktest ja deinen

›Freund Joseph‹ noch einmal zu uns, mit der Bestellung, daß wir Frau

Juliane das Geschehene mitteilen möchten.«

»Im Gegenteil; daß ihr es ihr nicht mitteilen möchtet,« versetzte Ernst.

»Bitte! daß wir es ihr mitteilen möchten, sagte das verkleidete

Mädchen,« erwiderte Sidonie.

Ernst war erstaunt. »Dann muß sich Josephine verhört haben,« sprach er.

»Hat sie sich wirklich verhört?« frug Richilde. »Wisse, Ernst! ich

traue der Jüdin nicht. Sie benahm sich sehr auffallend gegen uns und

rühmte sich deines Schutzes und deiner Freundschaft in einer etwas

verdächtigen Weise. Mich traf ein Blick aus ihren schwarzen Augen, der

mir nichts Gutes verhieß.«

»So?!« erwiderte Ernst gedehnt und mit finsteren Brauen. Weiter sagte

er nichts, aber sein bisher unbedingtes Vertrauen zu Josephine war

auf einmal dahin, und er bereute nun seine Offenherzigkeit gegen sie,

namentlich in bezug auf den ihr enthüllten Plan der Entführung.

Langsam ritten die drei ihres Weges, denn da sie erst spät abends ihr

Ziel erreichen wollten, hatten sie Zeit genug vor sich. In Waibstadt

hielten sie bis tief in die Dämmerung hinein Rast und stärkten sich mit

Speise und Trank. Dann ging es weiter, und endlich, nach Einbruch der

Nacht, die von dem erst später aufsteigenden Mond noch nicht erhellt

war, langten sie bei der Benediktinerabtei glücklich an.

Schweigsam und düster standen die weitläufigen Klostergebäude mit der

Kirche und dem hohen Glockenturm vor den Ankömmlingen da. Über die

Mauer ragten die dunklen Kronen alter Bäume, in denen es geheimnisvoll

wisperte, und vom Kirchendache her schrie ein einsames Käuzchen.

Richilden durchschauerte es, und ihr Herz schlug in Bangigkeit, welches

Schicksal wohl hinter diesen absperrenden Mauern ihrer wartete.

Ernst klopfte den Bruder Pförtner heraus und begehrte Einlaß.

Aber der Vorsichtige, der in solchen Fällen wohl schon böse Erfahrungen

gemacht haben mußte, war durchaus nicht geneigt, dem Begehren zu

willfahren, denn er vermutete in den Störern seiner Ruhe schweifendes

Gesindel, von dem er sich nichts Gutes für das Kloster versah. »Bei

Nacht wird nicht geöffnet!« rief er aus der kleinen vergitterten

Fensterluke neben der Pforte und schlug den Laden wieder zu.

Die Mädchen wurden von der entschiedenen Abweisung äußerst peinlich

berührt. Richilde wünschte sich in diesem Augenblick auf die

hochumwallte Minneburg zurück, und selbst Sidonien ward es nicht recht

geheuer, bei der Aussicht, die Nacht im Freien, in dem unsicheren

Walde zubringen zu sollen. Die Rosse scharrten mit den Hufen; auch sie

sehnten sich unter Dach und Fach.

Ernst jedoch pochte und rasselte mit dem Griffe seines Schwertes wieder

so lange an dem Eisengitter, bis sich der Pförtner noch einmal heran

bequemte. »Laßt uns ein, Bruder Pförtner!« sprach er ungeduldig; »wir

sind Verirrte, denen Ihr doch ein Obdach für die Nacht nicht verweigern

werdet.«

»Jawohl! so heißt es immer,« entgegnete der andere mißtrauisch, »das

kennt man schon. Bleibt nur draußen und legt euch wieder in das Bett,

in dem ihr die vorige und vielleicht schon manche Nacht geschlafen

habt. Auf Laub und Nadelstreu, Sattel unterm Kopf, ruht sich's gar

wonnesam.«

»Behaltet Eure Weisheit und öffnet! oder es soll Euch übel ergehen,«

drohte Ernst nun zornig. »Ich bin ein Landschad!«

»Die Landschaden verirren sich nicht,« lachte der Schließer. »Denen

sind die Wege und Stege so gut bekannt, wie sie selber im Lande bekannt

sind.«

»Du störrischer Pfaff!« rief Ernst, »wenn ich dich --«

»Ruhig, Ernst!« mischte sich Sidonie jetzt ein, »mit Gewalt richten wir

nichts aus; wir müssen uns auf's Bitten legen.«

»Was? auch Frauenzimmer dabei?« brummte der innen.

»Laßt uns um Gotteswillen ein, ehrwürdiger Bruder!« fuhr Sidonie mit

bittendem Tone fort. »Wir sind nur unserer drei, zwei wohlgeborene

Fräulein und ein junger Edeling, Verwandte des hochachtbaren Junkers

Hans Landschad von Steinach, den Ihr wohl kennen werdet.«

»Des Junkers Hans? ist das auch wahr?« kam es aus dem Dunkel zurück.

»Auf Ehr' und Seligkeit!« erwiderte Sidonie.

»Und morgen kommt er selber,« fügte Ernst nachdrücklich hinzu.

»Etwa auch verirrt?« frug der Mönch spöttisch. »Aber das ist ein ander

Ding; das hättet ihr gleich sagen sollen; für Junker Hans tun wir

alles. Wartet! ich komme.«

Die drei außerhalb der Mauern atmeten erlöst auf. Also der Name des

allbeliebten Junkers allein bewirkte, daß sich das Tor ihnen nun

bereitwillig öffnete, was sie als einen erfreulichen Beweis von Hansens

großem Ansehen und bedeutendem Einfluß im Kloster auffaßten.

»Gott segne euren Eingang!« sprach der Pförtner, als sie über die

Schwelle ritten. Darauf weckte er erst einen dienenden Laienbruder, der

ihnen die Pferde abnahm und in den geräumigen Klosterstall brachte,

und dann den Bruder Schaffner, dem er mit Nennung von Ernsts Namen die

Ankunft Verirrter meldete.

Der Schaffner machte auch mit Unterbringung derselben keine langen

Umstände, sondern wies ihnen drei gastbereite Zellen an, in deren

jeder ein Bett nebst Tisch und Schemel stand und eine neue schwarze

Mönchskutte hing. Dann wünschte er ihnen mit dem Zeichen des Kreuzes

eine geruhsame Nacht und verschwand. Der Schlaf des Abtes und der

übrigen Mönche war durch die Aufnahme der Gäste nicht gestört worden.

So waren die Flüchtlinge nun endlich sicher geborgen. Als sie aber in

den Betten lagen, von fremden, schmucklos kahlen Wänden umgeben, die in

dem matten Dämmerschein des sich allmählich verbreitenden Mondlichtes

mehr und mehr aus dem Dunkel hervortraten, da tauchte ihnen gleichsam

mit der wachsenden Helle auch das immer deutlicher werdende Bewußtsein

dessen auf, was sie getan hatten.

Zweiundzwanzigstes Kapitel.

Hans saß schon in früher Morgenstunde bei einer sehr kräftigen

Mahlzeit, die er noch nicht ganz beendet hatte, als Drutmann eintrat

und ihm Ernsts Brief überreichte, dann aber im Gemach stehen blieb,

voll Neugier, was das ganz ungewöhnliche Vorkommnis, daß Junker Ernst

an Junker Hans einen Brief schrieb, den dieser erst am nächsten Morgen

lesen sollte, wohl auf sich haben könnte. Auch Hans war nicht wenig

verwundert, und auf den Inhalt gespannt erbrach er das Schreiben. Kaum

aber hatte er die anderthalb Zeilen mit den Augen überflogen, als er

wie von einer Nadel gestochen aufsprang und einen so gewaltigen Fluch

ausstieß, daß sich der Waffenmeister gleich dreimal hinteinander davor

bekreuzte. »Drutmann! satteln!« schnob er dann, »den Rappen! ich muß

fort, mach' schnell!«

Als der Alte zur Tür hinaus war, nahm Hans das seinen Zorn

verschuldende Blatt noch einmal in die Hand, blickte kopfschüttelnd

hinein und warf es erbost wieder auf den Tisch. »In Sinsheim sind sie!

und helfen soll ich!« lachte er laut zu sich selber; »na wartet! ich

werde euch helfen!«

Bald darauf hielt ihm Drutmann im Burghof den Bügel und frug ihn, ob

er Mittag wieder zurück sein würde. »Sicher nicht,« antwortete Hans

sich in den Sattel schwingend. »Wenn sie von drüben nach mir fragen, so

sagst du, ich wäre da, wo Junker Ernst wäre.« Damit ritt er ab. --

Gegen Mittag von einem Gang ins Tal heimkehrend trat Bligger zu seiner

Frau ins Zimmer und sagte: »Ich habe dir etwas höchst Merkwürdiges zu

berichten, Käthe! Denke dir! begegne ich eben Drutmann und höre von

ihm, daß Hans heute früh einen Brief von Ernst erhalten hat und gleich

darauf fortgeritten ist, den Bescheid zurücklassend, er wäre da, wo

Ernst wäre.«

»Das ist ja sonderbar,« versetzte Katharina.

»Nicht wahr? Wo meinst du nun wohl, daß die beiden stecken?«

»Wie kann ich das wissen oder raten?« erwiderte die Frau.

»Nun, auf der Minneburg! wo denn sonst?« frohlockte der Ritter. »Und

was wir mit aller List und Schlauheit nicht zuwege bringen konnten, das

machen die, eh wir's uns versehen, in aller Heimlichkeit hinter unserm

Rücken ab, Versöhnung, Frieden, Freundschaft und Verspruch.«

»Aber Bligger!«

»Es ist so, Käthe! Verlaß dich drauf!« behauptete der Ritter.

»Sie haben ihr Spiel mit uns getrieben, um uns nachher gründlich

auszulachen. Wer hätte das den beiden Duckmäusern zugetraut!«

»Lieber Alter!« sagte Katharina, »ich fürchte, du täuschest dich.«

Er wurde beinah' ärgerlich. »Aber das ist doch klar wie der Tag!« rief

er. »Sie sind sich alle vier einig; Ernst ist gestern vorausgeritten

und hat Hans von der Minneburg aus geschrieben, daß sie ihn erwarteten.

Gib acht! sie kommen heute noch mit zwei Bräuten zugleich angerückt,

von denen die eine Richilde und die andere Juliane heißt.«

»Wenn ich's sehe, will ich's glauben,« lachte Katharina.

Auf den Gedanken freilich konnten sie beide nicht kommen, daß Ernst die

Geliebte nach Sinsheim entführt und Hans als seinen Nothelfer dahin

bestellt hatte. --

Als die Flüchtlinge im Kloster beim grauenden Morgen die Glocke zur

Hora läuten hörten, klang sie Richilden wie das Armesünderglöcklein,

das sie für schweren Fehltritt zur Rechenschaft rief. Ernst, dem ein

stärkender Schlummer den gestern etwas gesunkenen Mut wieder gehoben

hatte, deuchte ihr hallender Ton wie fröhliches Brautgeläut. Sidonie

aber dachte weiter nichts dabei, als: die armen Mönche! so früh schon

heraus zu müssen! ist ihnen aber ganz recht, sind auch Hagestolze und

Ehehasser; hätten sie sich eine Frau genommen, könnten sie länger

schlafen und vergnügter erwachen. Und mit dem ihr durchaus nicht neuen

Vorsatz, keine Nonne werden zu wollen, warf sie sich in dem harten

Mönchsbett von der einen Seite auf die andere und schlief wieder ein.

Nachdem sich die Ausgeruhten dann vom Lager erhoben hatten, ließ man

es auch zu ihrer ferneren Verpflegung an nichts fehlen. Im kleinen

Refektorium, wo sonst nur der Abt mit den ihm zunächst stehenden

Würdenträgern seines Klosters zu speisen pflegte, wenn er vornehme

Gäste hatte, wurde ihnen ein ausgezeichnetes Frühmahl aufgetragen,

das sich besonders Sidonie trefflich munden ließ, dem aber Ernst und

Richilde aus begreiflichen Gründen nur sehr mäßig zusprachen.

Nach der Terz ließ Ernst den Abt um eine Unterredung bitten, die ihm

auch sofort gewährt wurde.

Herr Meinhard von Angeloch war ein würdiger Prälat, gewissenhaft

und pflichttreu in Sachen des Glaubens und der Kirche, daneben

aber erlaubten weltlichen Freuden durchaus nicht abhold. Er war von

untersetzter Gestalt, noch kaum an der Schwelle des Greisenalters und

bei entsprechender körperlicher Rüstigkeit von ungemeiner Klarheit und

Frische des Geistes, die sich in einer fesselnden Unterhaltung und

einer zwanglosen Heiterkeit offenbarte.

Er empfing Ernst in seinem behaglich eingerichteten Wohngemach und lud

den sich ehrfurchtsvoll Verneigenden zum Sitzen ein mit den Worten:

»Ihr kommt, achtbarer Junker, um mir für die geringe Gastfreundschaft

zu danken, die unser Kloster Euch und den beiden unter Eurem Schutze

stehenden edlen Fräulein gewähren zu können so glücklich war.«

»Ja, hochwürdiger Herr!« erwiderte Ernst beklommen.

»Das ist brav von Euch,« sprach der Abt. »Dankbarkeit, auch für die

kleinste Wohltat, ist ein schöner Zug des Herzens. Mir gereicht es zu

besonderer Freude, den Neffen meines ritterlichen Freundes, Junker Hans

Landschad, in unserer stillen Klause haben beherbergen zu können, und

wenn Ihr Euch mit Euren Damen etwas früher zu unserer Pforte gefunden

hättet, wäre Euch sicher eine angenehmere Aufnahme bereitet worden. So

mußtet Ihr als arme Verirrte mit dem fürliebnehmen, was in der Nacht

nicht besser zu beschaffen war. Nun sagt mir aber, Junker Ernst, wohin

geht Euer Weg?«

»Hochwürdiger Herr,« hub Ernst nun tief atemholend an, »schenkt dem,

was ich Euch zu bekennen habe, ein gnädig Gehör! Die Wahrheit ist, daß

wir nicht als Verirrte gekommen sind. Unser Weg führte von Anfang an

nirgend anders hin, als hierher in Euer Kloster und zu Euch, an den ich

eine große Bitte auf dem Herzen habe.«

»Sprecht, lieber Sohn!« sagte der Abt mit einer leisen Spannung in

seinen freundlichen und klugen Zügen, »sprecht mit voller Offenheit

und befreit Euch von dem, was Euer Herz beschwert.«

»Das will ich, hochwürdiger Herr!« erwiderte Ernst. Und nun erzählte

er dem Abte die Geschichte und das Schicksal seiner Liebe, mit der

jahrelangen Feindschaft zwischen seiner Familie und der Herrin der

Minneburg beginnend, die fast erreichte Versöhnung, die wieder

ausgebrochene Zwietracht, das Steigen und Sinken seiner Hoffnung,

sein Liebesleid und seinen Kampf bis zu dem Entschlusse zu Richildens

Entführung in lebendiger und ergreifender Darstellung schildernd und

mit der beweglichen Bitte schließend, daß der Abt seinem Bunde mit der

Geliebten an geweihter Stätte den Segen der Kirche erteilen möchte.

Der Abt folgte dem weit ausgesponnenen Vortrage mit großer

Aufmerksamkeit und ohne Unterbrechung bis zum Ende. Dann aber

schüttelte er sanft sein graues Haupt und sagte ruhig: »Ihr habt mit

dem, was Ihr mir anvertrautet, meine aufrichtige Teilnahme an Eurem

Geschick erregt, Junker Ernst; aber was Ihr von mir verlangt, kann

ich nimmer gewähren, denn es ist wider Gottes Gebot und die Satzungen

unserer heiligen Kirche.«

Ernst war von dem Bescheid des Abtes wie zu Boden geschlagen, und

erst nach einer Weile trübseligen Vorsichhinstarrens sprach er: »Kann

Euch nicht das Flehen zweier Herzen rühren, die auf Euch ihre letzte

Hoffnung setzten?«

»Rühren wohl,« erwiderte der Abt, »aber nicht bewegen, etwas zu tun,

was gegen die Pflichten meines göttlichen Amtes verstieße.«

»Hochwürdiger Herr,« sagte Ernst wieder mit etwas größerer Zuversicht,

»ich habe meinen lieben Ohm Hans von unserer Flucht in Kenntnis gesetzt

und ihn gebeten, heute hierherzukommen, um seine Bitte mit der unseren

zu vereinen. Darf ich hoffen, daß seine Fürsprache Euch unseren

Wünschen geneigter machen wird?«

»Mein vielwerter Freund Hans soll mir willkommen sein,« entgegnete der

Abt. »Wenn er mir aber nicht die Einwilligung der Frau Juliane Rüdt

von Kollenberg zu eurem Bunde mitbringt, so wird er nicht Zeuge eurer

Trauung werden.«

»Frau Juliane ahnt nichts von unserer Flucht,« sprach Ernst düster.

Dann erhob er sich und seufzte: »Was sage ich nur meiner Richilde?«

»Ich werde selber mit ihr reden und ihr meinen besten Rat erteilen,

wie sie die Verzeihung und vielleicht die Zustimmung ihrer schwer

beleidigten Mutter erringen kann,« erwiderte der Abt. »Jetzt muß ich

zur Messe in die Kirche. Folge mir dahin nicht, lieber Sohn! Denn du

würdest nur mit geteiltem Herzen bei der Andacht sein. Aber nachher

bringe mir dein Lieb, daß ich ihr Trost zuspreche.«

Ernst beurlaubte sich von dem Abte und ging wieder zu den beiden

Mädchen, die er von der vorläufigen Ablehnung seines Gesuches

unterrichtete, Richilden jedoch die Hoffnung lassend, daß sich noch

alles zum besten fügen würde, wenn nur Ohm Hans erst da wäre.

Darauf begaben sich die drei in den schattigen Klostergarten. Hier

wandelten Ernst und Richilde Arm in Arm unter nachdenklichem Schweigen

auf und ab, während in der angrenzenden Kirche der Gesang der Mönche

erschallte. Sidonie, hinter dem Paare herschreitend, summte leise mit,

und in ihrem erfinderischen Kopfe keimten allerlei Anschläge, wie sie

den Liebenden helfen und den Abt zur Vornahme der heiligen Handlung

verlocken könnte; denn weder traute sie dem vermittelnden Einschreiten

des Ohm Hans allein einen günstigen Erfolg zu, noch war sie von dessen

Bereitwilligkeit dazu überzeugt.

Dieser Zweifel Sidoniens begegnete sich mit einer ihm gleichgestalteten

Sorge Ernsts. Nun sich letzterer einzig auf Hansens Unterstützung

angewiesen sah, fiel es ihm plötzlich schwer aufs Herz, ob ihm dieser

den erhofften Beistand überhaupt leisten und ob die Fürsprache des

ehefeindlichen Oheims, der ihn unlängst wegen seiner Heiratsgedanken so

gründlich abgekanzelt hatte, dann auch nachdrücklich und überzeugend

genug ausfallen würde, um die Bedenken des Abtes zu besiegen. Er hätte

sich das wohl früher sagen können; allein in diesen letzten Tagen

immer nur das nahe Ziel seiner Sehnsucht vor Augen, war er zu solchen

Erwägungen nicht gekommen und sah nun dem Eintreffen des Oheims mit

großer Unruhe entgegen.

Der Gottesdienst in der Kirche dauerte lange. Als er beendet war,

kamen die Mönche -- jedoch ohne den Abt, der sich eines besonderen

Weges zu seinen Gemächern bediente -- in großer Schar den Kreuzgang

daher, silberbärtige Greise, Männer in der Vollkraft des Lebens und

jugendlich blühende Gestalten, manches bleiche, verhärmte Gesicht,

manche gefurchte Denkerstirn und viele auch von wohlgenährter, einige

von übermäßiger Körperfülle.

Ernst und Richilde verschwanden hinter einem Gebüsch des Gartens, um

nicht gesehen zu werden. Sidonie dagegen blieb stehen, betrachtete

neugierig die schwarzen Kuttenträger und ließ die brennenden Blicke,

mit denen jene finster oder lächelnd und untereinander raunend das

schöne Mädchen förmlich umspannen, über sich ergehen, als wollte sie

den Weltflüchtigen geflissentlich zeigen, um was sie sich durch ihr

Gelübde gebracht hatten.

Es verging noch viel Zeit, ehe der Abt durch einen jungen Mönch Ernst

mit Richilde zu sich entbieten ließ. »Ich gehe mit!« entschied Sidonie

und ging mit.

Welche von den beiden Fräulein Ernsts Verlobte war, erkannte der Abt

sofort an der großen Verzagtheit Richildens, die sich ihm zögernden

Schrittes und mit gesenkten Wimpern nahte, während Sidonie dem mit

dem goldenen Kreuz geschmückten Prälaten in kampflustiger Stimmung

entgegentrat und sich mit gewinnender Anmut vor ihm verneigte.

Herr Meinhard von Angeloch begrüßte beide mit einer würdevollen

Höflichkeit, denn auch Sidoniens Namen hatte ihm Ernst schon in der

ersten Unterredung genannt. Dann aber, als alle Platz genommen,

richtete er seine Worte zunächst an Richilde, setzte ihr väterlich

wohlmeinend auseinander, warum er dem von Ernst ausgesprochenen Wunsche

nicht willfahren könnte, und hielt darauf ihr, noch mehr aber ihrem

Entführer klar vor Augen, einer wie unbedachten und rücksichtslosen

Handlung sie sich beide schuldig gemacht, indem sie Richildens Mutter

so schmählich hintergangen, sich gegen deren ausdrückliches Verbot

trotzig aufgelehnt hätten und wider alle Zucht und Sitte heimlich

miteinander geflohen wären.

Die also Getadelten nahmen ihre wohlverdiente Rüge schweigend hin.

Als aber der Abt in seiner Rede eine Pause machte, um der Reue Zeit

zu lassen möglichst tief in die erweichten Herzen seiner Zuhörer

einzudringen, ergriff Sidonie das Wort und sagte: »Hochwürdigster Herr!

wenn Ihr mit den beiden armen Sündern da fertig seid, so bitte auch ich

mir meine gebührende Strafpredigt aus, denn ich bin wie die Schlange

im Paradiese die eigentliche Anstifterin ihres Vergehens. Ich habe den

beiden die verbotene Frucht gezeigt und ihnen zuerst den Vorschlag

gemacht, zu entführen und sich entführen zu lassen.«

Der geistliche Herr war so liebenswürdig, auf den scherzhaften Ton der

Mutwilligen einzugehen und ihr lächelnd zu erwidern: »Dann, mein edles

Fräulein, hätte ich nicht übel Lust, Euch kraft meines Amtes für diesen

Frevel eine recht empfindliche Buße aufzulegen.«

»Der ich mich zerknirscht unterziehen will, hochwürdigster Herr,«

versetzte der Schalk, »wenn Ihr kraft Eures Amtes meinen Frevel dadurch

sühnen wollt, daß Ihr Böses mit Gutem vergeltet und die Hände dieser

beiden mit Eurem Segen zusammenbindet.«

»Das wäre nicht Sühne, sondern Billigung und obenein Belohnung ihres

Fehltrittes,« sprach der Abt.

»Ihnen der Lohn und mir die Strafe, hochwürdigster Herr! dann gleicht

sich's aus,« sagte Sidonie. »Was meint Ihr, wenn Ihr mir aufgäbet, von

hier zu Fuße, meinetwegen barfuß, nach der Minneburg zu wallfahrten,

Frau Juliane die vollzogene eheliche Verbindung ihrer Tochter mit

Junker Ernst Landschad zu verkünden und mich als einzig Schuldige

ihrem Strafgericht zu stellen? Das wäre eine Buße, hochwürdiger Herr,

deren ganze Höhe Ihr nur zu ermessen vermöchtet, wenn Ihr Frau Juliane

kenntet, wie ich sie kenne.«

»Darüber ließe sich reden, mein Fräulein!« lächelte der Abt. »Nur müßte

Eure Wallfahrt _vor_ vollzogener Verbindung geschehen, und Ihr müßtet

Frau Juliane bewegen, sich hierher zu bemühen und ihre Tochter selber

zum Altar zu führen. Glaubt Ihr das vollbringen zu können, so gebt

mir Eure Schuh und Strümpfe in Verwahrung und macht Euch flugs auf

die Sohlen. Die beiden Widerspenstigen würden wir hier, voneinander

getrennt, so lange hinter Schloß und Riegel halten, bis Ihr --«

Es klopfte, und gleich darauf steckte derselbe junge Mönch, der Ernst

und Richilde zum Abt gerufen hatte, sein geschorenes Haupt zur Tür

herein, um eine Meldung zu machen. Aber ehe er noch sprechen konnte,

flog die Tür weit auf, der Mönch von einem kräftigen Stoß beiseite, und

auf der Schwelle stand -- Junker Hans Landschad.

»Ohm Hans!« -- »Endlich! da ist er!« riefen in Freuden aufspringend

Sidonie und Ernst gleichzeitig. Ernst hatte Richildens Hand ergriffen,

die heftig zitterte und flüsterte ihr zu: »Jetzt entscheidet's sich's!«

Richilde wagte kaum zu atmen.

»Ja, da bin ich!« sprach Hans. Doch es klang nicht hoffnunggebend; Ton

und Blick waren drohend.

»Tritt ein, lieber Freund, und sei willkommen!« sagte der Abt.

»Sind sie schon Mann und Frau?« frug Hans erregt, schnell auf den Abt

zugehend und ihm die Hand reichend.

»Noch nicht,« entgegnete dieser heiter; »aber sie möchten's gern

werden.«

»Und werden's auch, wenn du uns helfen willst, Ohm Hans!« fügte Ernst

mutig hinzu.

»Den Teufel will ich!! -- oh! verzeihe, Gesalbter des Herrn!« wandte er

sich wieder zum Abt, »es entfuhr mir nur so; ich wollte sagen: Nein,

lieber Neffe, das will ich wohl bleiben lassen.«

Das Recht der Hagestolze: Eine Heiratsgeschichte aus dem Neckartal · 第 20 / 24 段