durch den dämmrigen Buchenwald zu ihrem stolzen Schlosse langsam hinan.
Ein bewegliches Schauern und Flüstern ging durch die Zweige, hie und
da schlich noch ein Sonnenstrahl um die weißlichen Stämme, und ein
aufgescheuchter Vogel flatterte durch das Gebüsch. Die Einsame achtete
nicht auf das geheimnisvolle Weben des Waldes; nur der eine Gedanke
hielt sie gefesselt: hier bis an ihr Lebensende stets so einsam,
vielleicht noch einsamer als heute bleiben zu sollen, von Jahr zu Jahr
den Wald knospen und grünen und wieder sich färben und entblättern
zu sehen, ihr blondes Haar erbleichen, ihr Antlitz verblühen, ihr
Herz erkalten zu lassen, von dem markaussaugenden Gram um unerwiderte
Liebe fester umsponnen, als ihre mächtigen Türme von den wuchernden
Epheuranken. Lastete denn ein Fluch auf der Minneburg, von jenem
Kreuzfahrer ihr auferlegt, der sie in Schmerz und Verzweiflung um sein
auch verlorenes Liebesglück vor Jahrhunderten erbaut hatte?
Sie gedachte des Horoskops, das ihr ein neues, baldiges Eheglück
verheißen hatte. Wo blieb nun die Erfüllung dieser tröstlichen
Weissagung? Ließen auch die Sterne sie im Stich?
Gegen den Gedanken an eine Verbindung Richildens mit einem der
verhaßten Landschaden hatte sich ihr ganzes Innere empört, und ihr
Widerstand dagegen dünkte sie selber unbesiegbar. Hatte sie der eine
betrogen, sollte auch der andere nicht selig werden; und noch glaubte
sie an die Schicksalsdrohung, daß die Tochter, vor der Mutter vermählt,
in ihr Unglück rennen würde. So riß sie ihr einziges Kind mit in ihr
trübseliges Geschick hinein und bereitete dem jungen, lebensfrohen
Wesen, das ein angeborenes Recht auf alle Freuden des Daseins hatte,
das gleiche, traurige Los, dem sie selber vorzeitig verfiel, dem Zuge
des Herzens und dem Verlangen der Sehnsucht nicht folgen zu dürfen,
sondern hoffnungslos zu verschmachten und zu verkümmern. Und das Ende
war, daß auf der Burg der Minne nach einer einsamen, freudlosen Witwe
eine einsame, alternde Jungfer hausen und herrschen und kein Nachkomme
des aussterbenden Geschlechts sein ritterliches Banner von der Zinne
wehen lassen würde.
Unter so düsteren Betrachtungen erreichte sie die Umwallung der Burg,
und ihr Mund verzog sich zu einem bitter schmerzlichen Lächeln, als
ihr beim Überschreiten der Brücke von Türmer und Wächtern alle der
Burgherrin gebührende Ehren erwiesen wurden.
Weiprecht Kleesattel meldete ihr, daß Herr Engelhard von Hirschhorn
angekommen wäre und im Palasgemach ihrer harre; die Fräulein wären noch
nicht zu Hause.
Engelhard von Hirschhorn? was wollte der hier?
Die Meldung gab Julianens Gedanken sofort eine andere Richtung. Sie
hatte zu Lebzeiten ihres Gatten in einem sehr freundschaftlichen
Verkehr mit den Hirschhorns gestanden. Einmal, im Baumgarten zu
Zwingenberg, hatten sie bei dem beliebten Gesellschaftsspiel des
Tragens, wobei die Ritter die Damen und die Damen die Ritter tragen
mußten, miteinander gewettet, ob er mit ihr, indem er sie trüge,
über einen ihm in gewisser Höhe vorgehaltenen Speer springen könnte,
was er behauptete, sie jedoch bestritt. Und als Engelhard die Wette
gewonnen, hatte er sich von der schönen Frau die Gunst ausgebeten, sich
mit ihr du nennen zu dürfen, was ihm Juliane gerne bewilligt und dem
ritterlichen Freunde gegenüber auch niemals zu bereuen hatte.
Juliane wußte, daß Engelhard es war, durch den Elisabeth von Erlickheim
die Geschichte mit dem Hagestolzenrecht erfahren hatte, und freute sich
nun über die sich ihr darbietende Gelegenheit, ihn dieserhalb einmal
zur Rede stellen zu können.
Sie trat dem Gaste mit ihrem liebenswürdigsten Lächeln entgegen und
begrüßte ihn mit den Worten: »Sei mir willkommen, lieber Freund,
und verzeihe, daß du warten mußtest! ich war auf meinem Hof in
Neckargerach.«
»Ich habe nichts zu verzeihen, Juliane,« sprach er verbindlich, »du
konntest ja nicht wissen, daß ich dich heute besuchen würde.«
»Leider nicht; sonst wäre ich zu Hause geblieben,« erwiderte sie mit
einladendem Winke, daß er Platz nehmen möchte. Und ohne ihm in ihrer
brennenden Neugier Zeit zu lassen, ihr den Zweck seines Besuches
mitzuteilen, steuerte sie unmittelbar auf ihr Ziel los und sagte, ihn
freundlich, aber fest anblickend: »Du kommst mir übrigens sehr gelegen;
ich habe eine Frage an dich. Sage mir, Engelhard: hast du schon einmal
etwas von einem Recht der Hagestolze gehört?«
Wie ein Blitz aus heiterem Himmel fuhr die Frage vor ihm nieder, und
es bedurfte der vollen Geistesgegenwart des an Überfälle jeglicher Art
gewöhnten Ritters, um seinen Schrecken vor der ihn Auskundschaftenden
zu verbergen. Wer, zum Teufel! hat ihr das Licht aufgesteckt? dachte
er, gab ihr aber gelassen zur Antwort: »Recht der Hagestolze? jawohl!
das ist ein althergebrachtes pfälzisches Erbrecht, laut dessen die
Lehen eines unverheirateten Mannes nach seinem Tode an den Lehensherrn
zurückfallen.«
»Und das ist alles? weiter ist dabei nichts zu bemerken?« frug sie mit
dem Ton einer harmlos heiteren Neugier, als hätte die Sache durchaus
keine besondere Wichtigkeit für sie.
»Nicht daß ich wüßte,« erwiderte er trocken und schon in der Hoffnung,
die in Rechtssachen gänzlich unerfahrene Frau mit dieser dürftigen
Auskunft über den äußerst heiklen Gegenstand endgültig abgefunden zu
haben.
Aber da hatte er sich getäuscht. In ihrem Verdruß darüber, daß er mit
dem, was sie zunächst anging, zurückhielt und den Unschuldigen spielte,
wollte auch sie ihn nicht merken lassen, was sie davon schon wußte.
Darum lachte sie: »Eine drollige Bestimmung! Gibt es denn kein Mittel
für die armen Hagestolze, den Folgen dieses sonderbaren Erbrechtes
vorzubeugen?«
O doch, eine Heirat! wollte er schon herausplatzen, besann sich aber:
Warte Liebchen! so rasch fängst du mich nicht. »Nein,« sagte er kurz
angebunden, »dagegen ist nichts zu machen.«
»Und wenn sie tot sind, brauchen sie auch keine Lehen mehr,« lachte
Juliane wieder. »Aber für die Verwandten und Blutsfreunde des
Verstorbenen ist das doch ein schlimmes Ding,« meinte sie dann; »nicht
wahr, Engelhard?«
»Ja, das ist es freilich,« sprach er, halb beunruhigt, halb belustigt
durch dieses fortgesetzte Verhör, das einen immer drohenderen Verlauf
nahm.
»Da sollte doch wirklich jeder heiratsfähige und noch ledige Mann ein
billiges Einsehen haben,« bemerkte sie mit der unbefangensten Miene.
»Das sag' ich auch!« lachte nun Engelhard. »Wenn man das so einem nur
klarmachen könnte!«
»Das zu tun wäre die Pflicht seiner Freunde,« sagte Juliane mit einem
herausfordernden Blick.
»Oder auch vielleicht einer guten Freundin,« erwiderte Engelhard ebenso
anzüglich.
Damit war die Unterhaltung bis zu der Spitze getrieben, auf der das
eine nur noch fehlende Wort schwebte, vor dem sie beide haltmachten
wie vor einem Rührmichnichtan. Aber Engelhard wollte der sich immer
mehr Nähernden nicht weiter entgegenkommen, sondern sie durch sein
beständiges Ausweichen zwingen, den Namen Hans zuerst auszusprechen.
Ihm, der ja von Julianens erneutem Zorn auf die Landschaden nichts
ahnte, war es im Laufe des Gesprächs immer zweifelloser geworden, daß
sie das Recht der Hagestolze als etwas ihr Günstiges und Hilfreiches
ansah, weil es ein Hebel mehr war, Hans aus seinem Zögern und Zaudern
herauszubringen und seine Werbung um sie, auf die sie sehnsüchtig
wartete, endlich herbeizuführen. Umsomehr freute er sich nun auf die
gewiß großartige Wirkung seiner ihr noch zu machenden Mitteilung, daß
Hans sich für sie geschlagen hatte.
Düster sah es während dieses Versteckenspiels in Julianen aus. Sie
ärgerte sich über Engelhards Verstocktheit, gegen die ihre List, ihn
aus seinem Hinterhalt hervorzulocken, nicht verfangen wollte, und
ärgerte sich über sich selbst, daß sie es nicht fertig brachte, den
Stier bei den Hörnern zu packen und dem Verbündeten der Landschaden die
Verruchtheit des gegen sie angezettelten Handels mit den schärfsten
Worten vorzuhalten. Übellaunisch entgegnete sie auf seine letzte
Äußerung: »Ich hasse die Hagestolze und wundere mich nur, daß es
überhaupt noch welche gibt.«
»Da hast du ganz recht, liebe Juliane,« erwiderte er lächelnd; »ich
wundere mich auch darüber.« Und um sie zu necken und zu reizen, fügte
er boshaft hinzu: »Sie werden ja auch glücklicherweise immer seltener,
und wenn ein Mann unseres Standes heutzutage unverheiratet bleibt, so
ist wohl nur anzunehmen, daß er trotz allen Suchens keine Frau nach
seinem Herzen gefunden hat.«
»Anders kann ich es mir auch nicht erklären,« versetzte sie, die Pille
hinunterschluckend, »und das wäre noch ein Grund, den man achten müßte.
Denn ehrlos wär' es, wenn ein Mann nur darum heiraten wollte, damit
seinen Blutsverwandten sein Hab und Gut nicht verloren geht.«
»O das kommt nicht vor,« sprach er dreist. »Kein ritterlicher Mann
würde es wagen, aus einem solchen Grunde nur um eine Frau zu werben,
denn sie würde seine wahre Absicht bald durchschauen. Meinst du nicht
auch, Juliane?«
»Ja, das meine ich auch, Engelhard!« sagte sie vor Erregung zitternd,
»und sollte er es dennoch wagen, so würde ihn die Frau mit Spott und
Hohn, mit Schimpf und Schande von ihrer Schwelle weisen.«
»Und täte recht daran!« stimmte er unverfroren zu.
»Und doch gibt es Menschen,« fuhr sie immer heftiger werdend fort,
»falsche, herzlose Menschen, die sich nicht entblöden, Liebe zu
heucheln, wo an Stelle warmer Gefühle nur schnöde Zwecke walten, und
andere, habgierige, ränkesüchtige Menschen, die solchen Verrat am
Allerheiligsten ausdenken und dazu schüren und hetzen, und noch andere
gibt es, die sich kein Gewissen daraus machen, zur Schließung eines aus
so nichtswürdigem Grunde zusammengekuppelten Ehebundes hilfreiche Hand
zu leisten.«
»Ist nicht möglich!« rief Engelhard verabscheuend aus. Als er aber
aus diesen Anspielungen, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig
ließen, merkte, daß ihr Bliggers Plan vollständig bekannt war, und wie
sie in Wahrheit darüber dachte, ward ihm doch etwas schwül zumute, und
es dünkte ihm hohe Zeit, nun gleichfalls andere Saiten aufzuziehen und
den Pfeil abzudrücken, den er im Köcher hatte.
»Juliane,« sprach er, »du denkst doch nicht an unseren lieben, braven
Hans Landschad, als ob er irgendeiner Falschheit --«
»Sprich mir nicht von den Landschaden!« unterbrach sie ihn jäh und
schnellte gleich einer getretenen Schlange vom Sitz empor, »die sind
für mich tot!«
»Viel hätte freilich nicht gefehlt, daß Hans --«
»Ich will nichts wissen von ihnen! nichts, als Haß, Haß allem, was
Landschaden heißt!«
»Aber Hans hat sich ja --«
Sie ließ ihn nicht zu Worte kommen. »Schweig mir vor allem von dem!«
unterbrach sie ihn noch aufgebrachter als vorher. »Ich kenne den
niederträchtigen Plan, den ihr gegen mich geschmiedet habt. Ich soll
den Hagestolz heiraten, nur damit den Landschaden sein Erbe nicht
verloren geht. O es ist schändlich! schändlich!« rief sie, die geballte
Faust vor die Stirn drückend. »Ich wollte dich ausforschen, Engelhard,«
fuhr sie erbittert fort, »ob nicht doch noch ein Irrtum möglich wäre.
Aber ich bin durch dich nur noch sicherer geworden, sicher auch
darüber, daß du der Gesell und Helfer bei dem schimpflichen Treiben der
hinterlistigen Schelme bist. Das ist erbärmlich, Engelhard!«
»Willst du mich hören oder nicht?« fuhr er sie an, mit dem Fuß auf den
Boden stampfend.
»Nichts von den Landschaden!« rief sie, von ihm abgekehrt. »Ich hasse
sie und will ihr Feind sein, solang ich das Leben habe!«
»Ist das dein letztes Wort, Juliane?« frug er drohend.
»Ja!« sagte sie trotzig und ohne sich umzuwenden.
»Dann lebewohl!« -- Und klirrenden Schrittes ging er hinaus.
Einundzwanzigstes Kapitel.
An der Schmiedeschenke um den Tisch unter der Eiche saßen Ernst und
die drei Fräulein von der Minneburg. Unter der Eiche saßen sie wie
damals unter der Reiherbuche in eingehender Beratung, was nun, nach
den Vorgängen der letzten Tage und dem Schwinden jeder Hoffnung auf
Julianens Nachgiebigkeit, geschehen sollte, um die beiden Liebenden zu
ihrem Glücke zu vereinigen.
Sidonie hatte gestern abend noch ihren Vater gesprochen. Dieser hatte
ihr das Wesentlichste von seiner Unterredung mit Julianen anvertraut
und sie genügend darüber aufgeklärt, weil sie ihm sagte, daß sie am
nächsten Nachmittag Ernst sehen würde, der ja seinem Vater die nötigen
Mitteilungen machen könnte, ohne daß Ohm Hans davon erführe. Auch
die Veranlassung zu Hansens Zweikampf hatte Engelhard seiner Tochter
nicht verschwiegen und ihr endlich geboten, nach Zwingenberg auf die
väterliche Burg zurückzukehren, zugleich aber Sidoniens Bitte, ihre
beiden Freundinnen Hiltrud und Richilde mitbringen zu dürfen, gern
gewährt. Alle drei waren mit einem Wechsel ihres Aufenthalts sehr
einverstanden, denn auf der Minneburg war ihnen unter der Herrschaft
von Julianens gegenwärtiger Stimmung das Leben verleidet, soviel sie
auch von der sich immer mehr Abschließenden sich selber überlassen
waren. Als ihr Sidonie heute morgen den Befehl ihres Vaters, nach
Hause zu kommen, und ihren Wunsch, die beiden Freundinnen mitzunehmen,
vorgetragen, hatte Juliane mit einem schroffen »Meinetwegen!« sofort
zugestimmt, froh, mit ihrem Groll und ihrem Schmerz eine Zeitlang
allein bleiben zu können.
Dieser Umstand kam dem Plane sehr zu statten, den sich Ernst
ausgesonnen hatte und der nichts Geringeres besagte, als Richildens
Entführung.
Er hatte sich des Wortes erinnert, das Ohm Hans hier an dieser Stelle
zu ihm und Laux Rapp einmal gesprochen hatte, des Inhaltes, daß sein
guter Freund, der Abt von Sinsheim, ihm alles zu Liebe täte, was er von
ihm verlangte.
Hierauf bauend und fest entschlossen, für seine Liebe das Äußerste zu
wagen, machte er der Geliebten nun den Vorschlag, sie nach Sinsheim zu
entführen, sich dort vom Abte mit ihr trauen zu lassen, sie dann nach
Neckarsteinach zu bringen und auf der jetzt unbewohnten Vorderburg
so lange mit ihr zu bleiben, bis Frau Juliane sich herbeiließ, dem
geschlossenen Bunde ihren Segen zu erteilen, wie es sein Vater bereits
im Voraus getan hatte.
Die drei Mädchen erschraken erst vor der Kühnheit dieses Planes;
aber bald fingen sie an, sich mit den Fährlichkeiten desselben mehr
und mehr auszusöhnen. Namentlich Sidonie, die schon damals unter der
Reiherbuche, allerdings nur im Scherz, eine Entführung als letztes
Auskunftsmittel empfohlen hatte, war schnell dafür gewonnen und brach
in hellen Jubel darüber aus. Und was Ernst kaum zu hoffen gewagt
hatte, Richilde selbst sträubte sich nicht lange dagegen, sondern
erklärte sich nach kräftigem Zureden Sidoniens halb mit Bangen, halb
mit Freuden bereit, dem Geliebten in unwandelbarer Treue bis an das
Ende der Welt und noch darüber hinaus, bis in den Tod zu folgen. Aus
dem schüchternen Mädchen war im Laufe von Tagen, in denen sie soviel
Leid erfahren und allerhand Demütigungen seitens ihrer Mutter zu
ertragen gehabt hatte, ein fast willensstarkes Wesen geworden, ebenso
entschlossen wie Ernst, zur Erreichung ihres Zieles alle fesselnden
Bande zu zerreißen. Die Liebe hatte sie gereift, für ihre Liebe wurde
ihr kein Schritt zu schwer. Nur Hiltrud konnte nicht umhin, mancherlei
Bedenken gegen das unbotmäßige Vorhaben zu äußern; aber auch sie fügte
sich endlich den Gründen und Vorstellungen der übrigen und billigte
den gefaßten Entschluß. In den Adern dieser beherzten Burgfräulein
rollte das Blut ihrer Väter, die selber vor keinem noch so kecken
Handstreich zurückbebten, wenn es Ritterehre oder ernsten Kampf oder
lockende Beute galt. Hier wirkten nun andere Mächte, die Liebe, die
Freundschaft, der Reiz des Abenteuerlichen, und gaben den Ausschlag.
Was geschehen sollte, war beschlossen; jetzt handelte es sich um das
Wie der Ausführung.
Nach manchem Hin und Wider einigte man sich, die Flucht in folgender
Weise zu bewerkstelligen.
Kurz nach dem zweiten Mittage, von heute gerechnet, wollten die Mädchen
sich zu ihrem Besuch auf Zwingenberg von Frau Juliane verabschieden.
Sie konnten dann, ohne daß es auffiel, einiges Gepäck mit sich auf
das Pferd hinter den Sattel nehmen. Der Knecht, den ihnen Juliane
wahrscheinlich zum Schutze mitgeben würde, sollte Hiltrud nach Eberbach
zu ihren Eltern bringen, denen sie ihre unerwartete Rückkehr vorläufig
auf irgendeine glaubliche Weise begründen sollte, um ihnen erst nach
einigen Tagen die Wahrheit zu sagen. Sidonie aber wollte das fliehende
Paar nach Kloster Sinsheim begleiten, teils in der Eigenschaft als
Richildens Ehrendame, teils aus eigenem grenzenlosen Vergnügen an
dem köstlichen Spaß, bei dem sie doch unmöglich fehlen konnte, wie
sie sagte und die anderen auch einsahen, so daß ihre Begleitung
Ernst und Richilde hochwillkommen war. Vermißt konnten die Fräulein
nirgend werden, denn Juliane mußte glauben, sie wären auf Zwingenberg,
und Sidoniens Eltern würden denken, sie befänden sich noch auf der
Minneburg. Nachmittags wollte Ernst mit Sidonie und Richilde hier an
der Schmiedeschenke zusammentreffen, um sich mit ihnen in gemächlichem
Ritt nach Sinsheim zu begeben. Dort wollten sie erst abends bei
einbrechender Dunkelheit ankommen und an der Klosterpforte als von
ihrem Wege Verirrte um Aufnahme bitten, die das große und reiche
Kloster selbst den beiden Fräulein für die Nacht gewiß nicht versagen
würde. Waren sie aber erst einmal darin, so hatten sie mindestens schon
halb gewonnenes Spiel. Für den Fall, daß der Abt mit der verlangten
Trauung ohne Zustimmung der Mutter der Braut Schwierigkeiten machen
sollte, wollte Ernst seinem Ohm Hans Botschaft zurücklassen, die dieser
aber erst am folgenden Tage erhalten sollte, mit der Aufforderung,
sofort nach Sinsheim zu kommen, um bei seinem hochwürdigen Freunde mit
gewichtiger Fürsprache für die Liebenden einzutreten. Seine Wunde war
schon so gut geheilt, daß sie ihn in drei Tagen an dem Ritte nicht mehr
hindern würde.
So war denn alles aufs beste vorgesehen und verabredet, und nachdem
die zum Wagnis Bereiten sich noch einmal gelobt, an dem Beschlossenen
unverbrüchlich festzuhalten, nahmen sie bis auf Wiedersehen zärtlichen
Abschied voneinander und trennten sich.
Als Ernst daheim seinem Vater erzählte, was ihm Sidonie an der
Schmiedeschenke mitgeteilt hatte, namentlich daß Frau Juliane über
ein gewisses Recht der Hagestolze und den darauf fußenden Heiratsplan
mit Ohm Hans vollständig unterrichtet und von unsagbarer Entrüstung
darüber erfüllt sei, wollte Bligger vor Ärger und Grimm schier aus der
Haut fahren. Von Julianens erneuter Feindschaft wußte er nur durch den
Brief Sidoniens, die aber die Ursache davon nicht hatte angeben können.
So glaubte er, dieser Rückfall in die alte Zwietracht hätte nur darin
seinen Grund, daß Hans den, wie es schien, von Juliane bevorzugten
Ritter Bödigheim im Zweikampf besiegt hatte, also genau so wie vor
Jahren, als er selber ihren Gatten, Herrn Zeisolf, niedergeworfen.
Aber was er nun hören mußte, war noch viel unheilvoller und drohte
alle seine Hoffnungen zu zertrümmern. Sidonie hatte in ihrem Briefe
ausdrücklich erwähnt, daß die Mädchen Frau Juliane nichts von dem
Zweikampf gesagt hätten, Elisabeth von Erlickheim aber bei ihr gewesen
wäre. Nun erriet Bligger mit der ihm eigentümlichen Spürkraft sofort
den Zusammenhang des arglistigen Gewebes, das kein anderer eingefädelt
haben konnte, als der Lehensträger des Pfalzgrafen und heimliche Gegner
der Landschaden, Graf Philipp von Lauffen.
Er überlegte, ob es nun nicht an der Zeit wäre, auch Hans endlich
in alles einzuweihen, besann sich aber eines Besseren. Hans
mußte unwissend und unschuldig bleiben; denn nun hatte sich ja
herausgestellt, daß Juliane die Landschaden nicht haßte, weil sie
Bödigheim liebte, sondern weil sie statt der ersehnten Liebe und
erwarteten Werbung Hansens einen mit kühler Berechnung gegen sie
angelegten Plan entdeckt hatte. Das war immer noch schlimm genug, aber
es ließ doch noch einen Funken von Hoffnung auf das Gelingen dieses
Planes, wenn sich Juliane von Hansens Unschuld überzeugte. Daher
beschloß er, nichts in der Sache zu tun, bevor er nicht Engelhard
gesprochen hatte.
So wurde denn der, um dessentwillen alle diese Umtriebe den ganzen
Sommer durch spielten, in vollkommener Unkenntnis davon erhalten,
und Hans ahnte nicht, daß die von ihm angebetete Frau, die ihn auch
während der Jahre völliger Entfremdung nie gehaßt hatte, die er als
seine trauteste Freundin wiedergewonnen zu haben, ja deren Herz er zu
besitzen glaubte, nun erst und so rasch, wie Tag und Nacht miteinander
wechseln, seine erbitterte Feindin geworden war.
Er war wieder hergestellt, trug zwar den Kopf noch verbunden, ging aber
umher und war auch schon zu Pferde gestiegen und ausgeritten, was ihm
vortrefflich bekommen war. Einmal frug er schüchtern seine Schwägerin
Katharina, ob denn Juliane noch nicht bei ihr gewesen wäre, und es
wurde der gradsinnigen Frau sehr schwer, darauf mit einem unbefangenen
Nein zu antworten und den, wie Bligger stets behauptete, zu seinem
eigenen Besten Getäuschten in dem Wahne zu lassen, daß zwischen der
Minneburg und Neckarsteinach nun wieder der reinste blaue Himmel des
Friedens und der Freundschaft lächelte. Der schnell Erstarkende dachte
schon daran, Juliane bald wieder einmal zu besuchen, denn in der
ihm aufgezwungenen Untätigkeit und Einsamkeit war ihm die Sehnsucht
nach ihr mächtig gewachsen, und er war überzeugt, daß sie ihn längst
erwartete. Hatte sie ihm doch, als er zuletzt bei ihr war, beim
Abschied mit liebeverheißendem Blick und lockendem Munde zugeflüstert:
»Auf baldig Wiedersehen, lieber Freund!« Ihm wollte scheinen, als wenn
das schon lange her wäre, jedenfalls viel zu lange für die Wünsche
seines Herzens.
Isaak Zachäus aber drang ihm -- auf einen Wink Bliggers -- den
ärztlichen Rat auf, von einem längeren Ritte vorläufig noch abzustehen.
Der Jude war von Burg Dauchstein zurückgekehrt, denn Bödigheim hatte
sich einen heilkundigen Pfleger aus Wimpfen kommen lassen, weil er
einem im Solde der Landschaden stehenden Arzte nicht traute. Isaak war
nicht wenig erstaunt, seine Tochter in Frauenkleidern wiederzufinden,
gab sich aber mit ihren Erklärungen darüber zufrieden, zumal er zu
bemerken glaubte, daß Josephine, nachdem sie sich als Mädchen zu
erkennen gegeben hatte, von den Bewohnern der Mittelburg mit größerer
Rücksicht und Freundlichkeit behandelt wurde, als bisher. Besonders
begegnete ihr Frau Katharina mit augenscheinlichem Wohlwollen, und da
sie wußte, daß ihres Sohnes Herz in treuer Liebe an Richilde hing, so
hatte sie auch nichts gegen dessen beständigen Umgang mit der schönen
Jüdin einzuwenden, die in ihrem Benehmen die größte Zurückhaltung und
Sittsamkeit zeigte.
Diese Zurückhaltung war freilich nichts weiter, als eine mit äußerster
Anstrengung festgehaltene Maske vor der ruhelosen Leidenschaft, die
Leib und Seele des Mädchens durchglühte, unzertrennlich verbunden mit
dem eifersüchtigen Trachten, die Vereinigung der beiden Liebenden zu
hintertreiben, und verblendet genug, um sich in dem Traume zu wiegen,
dann mit einer, wenn auch vor der Welt verheimlichten, Erwiderung
ihrer verlangenden Neigung von seiten Ernsts beglückt zu werden. Aus
seinem zerstreuten, nachdenklichen und bekümmerten Wesen hatte sie
die Vermutung geschöpft, daß irgend etwas im Wege sein müßte, was
mit seinem Wünschen und Hoffen nicht im Einklang stand; aber in den
letzten Tagen war er plötzlich wieder sehr heiter geworden, ja, sie
hatte eine gewissermaßen übermütige Erregtheit an ihm wahrgenommen,
die zweifellos eine für ihn hoch erfreuliche Ursache hatte. Weder
des einen noch des anderen wegen hatte sie ihn befragt, weil sie
ziemlich sicher sein konnte, daß er ihr über kurz oder lang beides
von selber offenbaren würde. Und als er sich aus seinen Herzensnöten
zu der Willenskraft aufgeschwungen hatte, sein Schicksal durch eine
entschiedene Tat in die rechte Bahn zu lenken, gestand er ihr alles,
was er in der letzten Zeit durchlebt und was er nun zu tun beschlossen
hatte.
Er sagte ihr das erst an dem zur Flucht festgesetzten Tage, wenige
Stunden vor seinem Aufbruch zu dem mit Richilde und Sidonie
verabredeten Stelldichein.