du. Geh' nur und hole ihn; aber du darfst nicht zusehen, sonst macht er
wieder Fehler über Fehler.«
Ernst gehorchte und war weder gekränkt noch unfroh darüber, nach alle
dem Erlebten heut' endlich sich selber überlassen zu sein und seinen
Erinnerungen und Gedanken nachhängen zu können.
Er ging zur Mittelburg und geradeswegs in Josephs Zimmer. Ehe er aber
ganz eingetreten war, prallte er fast zurück vor dem unerwarteten
Anblick, der sich ihm darbot. In dem Gemache stand ein schönes
Fräulein, eine stattliche Dame, die sich lächelnd vor ihm verneigte. Es
war Josephine in vollständig weiblicher Kleidung.
»Josephine!« rief er, brachte aber vor Überraschung nichts weiter
heraus und wußte nicht, ob er Fräulein, ob er Ihr oder du sagen sollte.
»Tretet näher, Junker Ernst!« sagte sie mit einer anmutigen
Handbewegung.
»Josephine!« sprach er noch einmal, »welche Unvorsichtigkeit!«
»Daß ich die Tür nicht verriegelte?« frug sie mit einem schelmischen
Blick. »Da habt Ihr Recht. Wäret Ihr einen Hahnenschrei früher
gekommen, hättet Ihr mich bös überrascht; in diesem Augenblick erst bin
ich mit meiner Verwandlung fertig geworden.«
Sie war ein ganz anderes Wesen, größer, reifer und vor allem
schöner, als in der bisherigen Jünglingstracht. Das ihre herrliche
Büste nicht neidisch verhüllende dunkelgelbe Kleid war von einer
veilchenblauen Sammetborte umsäumt, die den Schmelz ihrer warmblütigen
Hautfarbe glänzend hervorhob. Auf dem bloßen Halse wirkte der Kopf
und das blühende Antlitz mit den dunklen Augen weit anziehender und
bedeutender, und die ganze Gestalt war von einem jungfräulich üppigen
Liebreiz umflossen, der auf Ernst einen tieferen Eindruck machte, als
er sich selber eingestehen mochte.
»Jetzt begreif' ich es noch besser,« sprach er sie mit staunendem
Entzücken betrachtend, »warum dein Vater nicht will, daß du dich auf
euren Wanderungen in Frauenkleidern zeigst.«
Ihr glühten die Wangen, aber weniger vor Beschämung über das Lob ihrer
Schönheit, das in seinen Worten lag, als vor Freude und Genugtuung über
das Gelingen ihrer Absicht. Denn sie hatte sich nur darum weiblich
gekleidet, um ihn zu versuchen, und als sie sah, wie ihre verwandelte
Erscheinung seine Sinne befing, wallte es heiß in ihr auf, und ihre
weiße Brust wogte.
»Ich sagte Euch einmal, daß ich auch Frauengewänder bei mir hätte,«
sprach sie verführerisch lächelnd. »Ich trage sie jedoch nur, wenn ich
mit meinem Vater in stiller Zurückgezogenheit hinter Schloß und Riegel
einen Feiertag begehe. Dazu lege ich dann auch Hals- und Armbänder
an, denn schöne Kleidung und Juwelen für mich ist das einzige, womit
mein Vater nicht kargt; aber Ihr ließet mir ja nicht Zeit, mich zu
schmücken.«
»Du brauchst nicht Gold und blitzende Steine auf diesem Halse und an
diesen Armen; du bist auch ohne das zauberschön!« entfuhr es Ernst.
»Habt ihr heut' einen Feiertag?«
»Das nicht,« erwiderte sie, »aber ich habe die Mummerei satt, und so
lange ich hier auf Eures Vaters Burg bleibe, werde ich fortan stets
Frauenkleider tragen. Ich bin ja hier vor jeder Anfechtung sicher,«
fügte sie halb schalkhaft, halb bitter hinzu.
»Weißt du das so gewiß, Josephine?« sprach er mit einem vollen Blick in
ihr Gesicht.
»Bis heute glaubt' ich es, Junker Ernst,« hauchte sie und senkte das
Haupt.
»Und heute nicht mehr?« Er ergriff ihre Hand und legte seine andere
Hand auf ihre Schulter. Sie zitterte stark, und ihr Atem ging.
»Josephine,« sprach er leise, »du bist sehr schön, und du weißt es, daß
du schön bist, am schönsten in der Tracht, die dir gebührt. Hast du
sie nicht darum angelegt?«
Er fühlte einen sanften Druck ihrer Hand. Dann erhob sie die Augen zu
ihm und sah ihn eine Weile schweigend an. In dem Blicke lag eine Welt
voll Leidenschaft und hingebender Liebe.
Er stand und rührte sich nicht; ihr Blick prallte machtlos an ihm ab.
»Hast du es mir zuliebe getan, Josephine?« lächelte er.
Ein leiser Spott klang ihr aus der Frage entgegen. Sie zuckte mit den
Brauen und entzog ihm schnell ihre Hand. »Euch zuliebe? o nein, Junker
Ernst!« erwiderte sie stolz. »Ich habe noch einen anderen Grund außer
dem, den ich Euch schon sagte. Die drei Fräulein von der Minneburg
haben mich als Mädchen erkannt.«
Er erschrak. »Und du hast es ihnen eingestanden?«
»Ich konnte nicht anders. Als Ihr noch einmal zurückkamt und mir die
Bestellung an sie auftrugt, hatte ich meinen Rock abgestreift und nahm
mir nicht Zeit, ihn wieder anzuziehen, um nur die Fräulein noch schnell
einzuholen; da sahen sie's mir an, daß ich kein Mann bin.«
»Das ist mir nicht lieb,« sprach er unmutig. »Ich nannte dich Joseph
und meinen Freund.«
»Und das war den vornehmen Fräulein gegenüber der Ehre zuviel für ein
Judenmädchen, nicht wahr?«
»Josephine!« entgegnete er vorwurfsvoll, »ich denke, ich gab dir
Beweise meiner Freundschaft. Übrigens -- fast hätte ich es über deinem
Anblick vergessen -- Ohm Hans erwartet dich zum Schachspiel. Ich bitte
dich, geh zu ihm und vertreibe ihm die Zeit; überzeuge dich auch, ob
Williswinde die Umschläge richtig macht. Dein Vater ist nicht hier,
aber du sagtest mir, du hättest ihm bei der Pflege Verwundeter manches
abgesehen.«
»Kommt Ihr auch mit zu dem Schachspiel?« frug sie schnell mit einem
Augenaufblitz.
»Ich komme vielleicht später nach. Aber was sagst du den Meinigen, wenn
sie dich nun als Mädchen sehen?«
»Die Wahrheit,« erwiderte sie; »also den Willen und die Gründe meines
Vaters und was ich Euch sonst darüber gesagt habe. Ich gehe jetzt zu
Junker Hans und werde ihn pflegen, so gut ich vermag.« Sie warf ein
dunkles Tuch über die Schultern und verließ das Gemach.
Er folgte und sah ihr, wie die volle, schmiegsame Gestalt vor ihm
dahinschwebte, kopfschüttelnd nach.
Als sie bei Hans eintrat, richtete sich dieser im Bette auf und blickte
die Fremde verwundert an.
»Verzeiht, Junker Hans!« lächelte sie, »der Joseph ist nicht zu finden,
aber Schach spielen kann die Josephine auch.«
[Illustration: »Was? Du? ein Mädchen? oh! das ist über alle Maßen
lustig!« rief Hans.]
»Was? du? ein Mädchen? oh! das ist über alle Maßen lustig!« rief Hans.
»Also darum wolltest du hier den langen Rock nicht ausziehen, und darum
wolltest du nicht --, oder vielmehr wollte er nicht, der Tor, der
Ernst --, oh! oh!« und er warf sich in die Kissen zurück und lachte
unbändig.
»Ruhig! ruhig, Junker Hans!« sprach sie errötend, »so heftig dürft
Ihr Euch nicht gebärden. Haltet jetzt still und laßt mich Eure Wunde
untersuchen; ich verstehe mich ein wenig darauf.«
Mit leichten, weichen Händen nahm sie den Verband ab, kühlte ihn in dem
bereitstehenden Wasser und legte ihn wieder auf.
»Ich hoffe, es hat nicht viel zu sagen,« meinte sie; »aber Ihr müßt
Euch ruhig verhalten.«
»Gar nichts, gar nichts zu sagen!« erwiderte er in bester Laune; »es
ist ja nicht der erste Hieb, den ich in meinem Leben abgekriegt habe.
Und nun, schönste Josephine, rücke das Tischlein heran und hole das
Schachbrett! Dort hängt es an der Wand; wirst du es auch heben können?
es ist sehr schwer.«
Sie legte ihr Tuch ab und tat alles, was er ihr geheißen hatte. Er
folgte mit den Augen ihren kräftig anmutigen Bewegungen, und als sie
sich mit dem Tisch und dem Schachbrett zu ihm setzte und die Figuren
aufzustellen begann, betrachtete er sie mit neugierigen Blicken und
sagte: »Kreuzhageldonnerschlag! würde Bligger sagen, bist du schön,
Mädchen! Der Ernst ist ein Fuchs, ein ganz durchtriebener Fuchs!«
»Zieht an, Junker Hans!« lächelte sie geschmeichelt.
Bald waren sie in das Spiel vertieft und wechselten selten ein Wort
zwischen den Zügen. Einmal sagte Hans: »Die Josephine spielt noch
besser, als der Joseph.« Und ein andermal fuhr er mit der Hand sanft
über den bloßen Nacken und sprach: »Wie kann man nur so schön sein und
so gut Schach spielen!«
Sie bog sich zurück und drohte: »Junker Hans, soll ich gehen und den
Joseph schicken?«
»Den Joseph mit dem langen Klosterrocke? nein, nein! sein Schwesterlein
ist mir lieber,« lachte er.
Als sie schon eine geraume Weile gespielt hatten, begann es zu dämmern,
denn das Gemach hatte nur schmale Fenster. »Hole Licht!« bat er, »wir
können nicht mehr sehen.«
Sie ging hinaus und als sie mit zwei brennenden Kerzen zurückkam, lag
er ausgestreckt und blinzelte in das Licht.
»Wollt Ihr schlafen?« frug sie.
»Nein, nein! nur ein wenig ausruhen,« erwiderte er. »Der Kopf fängt mir
an zu brummen.«
»Dann dürfen wir nicht weiterspielen,« entschied sie.
»O doch, warte nur ein wenig, es wird vorübergehen,« sprach er müde.
Aber er schloß die Augen und schien einzuschlafen.
Bald darauf begann er im Traume zu reden: »Ist er tot? -- Der Schlag
traf!« Dann schrak er auf, starrte Josephine mit gläsernen Augen an und
sagte: »Du hier? das ist gut. Nun sage du mir, welche von beiden die
Schönste ist.«
»Welche beiden meint Ihr, Junker Hans?« frug Josephine.
»Nun, du weißt doch: Juliane oder Richilde. Aber warum nennst du mich
denn Ihr und Junker Hans? ich bin doch dein Oheim, Sidonie.«
Josephine merkte sofort, daß er Wundfieber hatte und sie für seine
Nichte Sidonie von Hirschhorn hielt.
»Du hast recht, Ohm Hans; ich versprach mich nur,« sagte sie, auf seine
Wahnvorstellung eingehend. »Juliane ist die Schönste, mein' ich.«
»Siehst du, das mein' ich auch, aber Ernst sagt -- Ach, Sidonie, du
hast so rote Lippen, dein Kuß im Walde war süß. Juliane hat mich nicht
geküßt; nur einmal, einmal, das ist lange her. Sidonie, glaubst du, daß
sie mich liebt?«
»Gewiß, Ohm Hans, sie liebt dich; glaube mir, ich weiß es,« suchte ihn
Josephine zu beruhigen.
»O Sidonie! ich will dir's nur gestehen, ich liebe sie auch, ich liebe
sie viel, viel mehr, als ich sagen kann. Aber es darf es keiner wissen.
Du bist verschwiegen, Sidonie! nicht wahr? sag' es ihr nicht, daß ich
sie liebe, sonst muß ich sie heiraten, und das will ich nicht. Alles,
alles, nur nicht heiraten.«
»Nein, Ohm Hans, du brauchst sie nicht zu heiraten,« sprach Josephine.
»Ja, aber wenn sie mich liebt, -- was soll ich denn sagen? daß ich sie
auch liebe? nein, nein! sie darf es nicht wissen. Wenn nur Bödigheim
erst tot wäre! der heiratet sie gleich, und das soll er nicht, das soll
er nicht! sonst schlag' ich ihn noch einmal tot, nur aus Liebe. O meine
Juliane! Du bist doch die Schönste!« Er sank matt in die Kissen zurück,
murmelte noch Unverständliches und schlief ein.
Nun wußte Josephine das Geheimnis seiner Liebe und saß und sann, was
sie damit anfangen sollte; aber sie kam zu keinem anderen Entschlusse,
als zu dem, es vorläufig vor jedermann zu verschweigen. Als sie sich
überzeugt hatte, daß er fest eingeschlafen war, schlich sie hinaus
und hieß Williswinde zu Bett gehen, sie selber würde die Nacht bei
dem Kranken wachen. Dann setzte sie sich wieder in Hansens bequemen
Lehnstuhl, beobachtete die Atemzüge des Schlummernden, erneuerte die
nassen Umschläge auf seiner Stirn, ohne daß er davon erwachte, und
fühlte nach seinem Puls. Das Fieber war nicht stark; die gesunde Natur
des abgehärteten Mannes schien sich selber zu helfen und die Gefahr in
einem tiefen Schlafe zu besiegen.
Draußen über Berg und Tal brütete die warme Sommernacht, matt erhellt
vom ersten Viertel des zunehmenden Mondes. Josephine öffnete ein
Fenster und lehnte sich hinaus, um die milde, würzige Luft zu genießen,
die auch ihrem Pflegebefohlenen nur gut tun konnte. In senkrechter
Steile fiel der Fels, auf dem die Burg über dem Abgrund hing, zur
Tiefe, und unten auf den Wellen des Neckars flimmerte das Mondlicht.
Josephine blickte hinab und wieder hinauf zum wolkenlosen, gestirnten
Himmel, und ein Seufzer hob ihre sehnsuchterfüllte Brust. Da blitzte im
Osten eine Sternschnuppe auf und erlöschte nach kurzem Fluge. Josephine
sah es und fuhr unwillkürlich zusammen. Sie hatte gerade etwas gedacht,
etwas gewünscht, auf dessen Erfüllung sie schon seit ein paar Stunden
wartete und das so leicht zu erfüllen gewesen wäre. Sie lauschte in die
Nacht hinaus, ob nach dem deutungsvollen Himmelszeichen die Erfüllung
nicht nahte. Jetzt schlug im Burghof ein Hund an, aber ob im Tore die
Pforte ging, konnte sie nicht hören. Sie trat in das Zimmer zurück und
warf einen prüfenden Blick auf den Schlummernden. Hans lag fest, wie
von einem Schlaftrunk betäubt, ihn hätte nichts geweckt. Sie horchte
an der Tür, ob niemand die Treppe hinaufkäme. Aber wie sehr sie auch
ihr Gehör anstrengte, alles war still in der Burg, nichts regte sich,
niemand kam; sie blieb einsam und allein.
Als Hans am Morgen gestärkt und fieberfrei erwachte, fand er sich
allein und mußte sich besinnen, was er geträumt hatte: von Sidonien
und von Joseph, der in Frauenkleidern zu ihm gekommen war und mit ihm
Schach gespielt hatte. Aber das Schachbrett hing an seinem gewohnten
Platz an der Wand, und der Kasten mit den Figuren stand, wo er immer
stand, auf dem kleinen Tische dort im Winkel.
Im Laufe des Tages erhielt er öfter Besuch von seinen Brüdern und
Ernst, und alle freuten sich, ihn seiner Genesung entgegenschreiten zu
sehen.
Als Ernst nachmittags von einem solchen Besuche zurückkehrte, begegnete
ihm ein Bauersmann, den er nicht kannte, der aber ihn kannte, denn er
redete ihn bei seinem Namen an und übergab ihm einen Brief, den er von
Laux Rapp zur Bestellung an den Junker Ernst erhalten haben wollte.
Ernst erbrach den Brief und las. Aber sein Gesicht entfärbte sich immer
mehr und mehr, je weiter er mit dem Lesen kam.
Der Brief war von Sidonien und lautete folgendermaßen:
Lieber Vetter Ernst!
Nichts Erfreuliches habe ich dir zu melden. Frau Julianens
versöhnliche Stimmung ist plötzlich in das Gegenteil
umgeschlagen. Den Gedanken an eine Verbindung zwischen dir und
Richilde weist sie als eine vollkommene Unmöglichkeit zurück,
weil du ein Landschad bist. Denn sie haßt euch allesamt jetzt
so maßlos, wie sie euch noch nie gehaßt hat, läßt euch absagen,
will keinen von euch sehen, auch dich und Ohm Hans nicht, und
will Zeit ihres Lebens eure Feindin sein. Den Grund will sie
nicht sagen, und ich mühe mich vergeblich ab, ihn zu erraten.
Sie hat die Burg nicht verlassen, und es ist auch niemand bei
ihr gewesen, als Frau Elisabeth von Erlickheim, wie ich von den
Burgleuten erfahren habe. Von Ohm Hansens Zweikampf haben wir
nichts gesagt. Sie schließt sich ganz von uns Mädchen ab; wir
haben also volle Freiheit zu gehen oder zu reiten, wohin wir
wollen. Komm übermorgen nachmittag zur Schmiedeschenke, wo wir
dich erwarten werden, um uns mit dir zu beraten. Richilde ist
dir treu und sendet dir tausend schmerzensvolle Grüße.
_Sidonie._«
Ernst war auf's tiefste erschrocken und starrte, als er längst zu
Ende gelesen hatte, noch immer in den Brief, als verstünde er weder
die Worte noch deren Sinn. Dann begab er sich wie im Traume wandelnd
nach Hause und suchte seinen Vater auf, um diesem die Unheilskunde
mitzuteilen. Dabei bedachte er in seiner Bestürzung nicht, daß er dann
auch sein Verlöbnis mit Richilde gestehen müßte, infolgedessen er ja
die Nachricht von Sidonien erhalten hatte.
Er traf seinen Vater allein im Gemach, und dieser empfing den ganz
Verstörten mit den Worten: »Wie siehst du denn aus? Hat Ohm Hans einen
Rückfall bekommen?«
»Vater,« stammelte Ernst, »Frau Rüdt von Kollenberg sagt uns ab!«
»Was? daß sie nicht kommen will?« frug Bligger.
»Nein, nein! sie sagt uns ganz ab, sie haßt uns allesamt wie nie zuvor
und will Zeit Lebens unsere Feindin sein.«
Bligger sah seinen Sohn groß an, ob er bei Sinnen wäre. Dann sprach er:
»Weißt du auch, was du eben gesagt hast?«
»Ganz genau, Vater« erwiderte Ernst, »ich wollte selber, ich hätte es
geträumt.«
»Woher hast du die Nachricht?«
»Sidonie schreibt mir's.«
»Und der Grund dieser erneuten Feindschaft?«
»Den kann sich Sidonie nicht erklären, und Frau Juliane will ihn nicht
sagen.«
»Wo ist der Brief?« frug Bligger und streckte schon die Hand danach
aus, obwohl ihn Ernst noch wohlgeborgen in der Tasche trug.
Ernst wurde sehr verlegen. »Ich will dir den Brief wohl zeigen,
Vater,« sagte er, »aber vorher muß ich dir etwas mitteilen, was du
unter anderen Umständen einen oder zwei Tage später erfahren haben
würdest. -- Ich liebe Richilde und sie mich auch, und wir haben uns
Treue gelobt, aber Frau Juliane weist mich ab, und darum schreibt mir
Sidonie.« Währenddem hatte er Sidoniens Brief hervorgeholt und reichte
ihn seinem Vater.
»Es ist gut, mein Sohn!« erwiderte Bligger, »ich segne deine Wahl und
helfe dir, die Braut zu gewinnen.«
In Ernsts Augen blitzte ein Strahl der Hoffnung auf.
Bligger aber las den Brief.
»Aha! Elisabeth von Erlickheim!« rief er aus, als er soweit gekommen
war. Dann las er schweigend zu Ende und gab das Schreiben seinem Sohne
zurück.
Im Zimmer auf und nieder schreitend sprach er in abgerissenen Sätzen
halb zu Ernst, halb zu sich selber: »Elisabeth ist Bödigheims
Schwester. Aber wie hat sie's nur so schnell erfahren? -- Halt!
Lauffen! ja, ja, das ist so ein Freundschaftsstückchen von unserem
lieben Gaugrafen. Er hat nicht, wie er vorgab, den Schwerverwundeten
nach Dauchstein begleitet, sondern ist nach Stolzeneck getrabt, hat
es Erlickheims erzählt, daß Hans den Bödigheim niedergestreckt hat;
Elisabeth, in der Wut über das Unglück ihres Bruders, hat es sofort
Julianen hinterbracht, und Engelhard kommt nun mit der Nachricht zu
spät. -- Aber Kreuzhageldonnerschlag! wenn uns Juliane darum absagt,
dann liebt sie ja nicht Hans, sondern den Dauchsteiner! -- Hm! hm! was
nun? -- Ernst!« wandte er sich, vor seinem Sohn stehenbleibend, zu
diesem, »ich muß dir auch etwas anvertrauen, was du aber vor jedermann
streng zu verschweigen hast, auch vor Ohm Hans. Kann ich mich darauf
verlassen?«
»Unbedingt, Vater!«
»Also höre! Wir hatten gehofft und hoffen es noch, daß sich Ohm Hans
mit Frau Juliane ehelich verbinden würde, und glaubten schon, daß sie
sich beide liebten.«
Ernst schüttelte den Kopf und sagte: »Das glaube ich nicht, Vater.
Als ich Ohm Hans einmal von meiner Liebe zu Richilde sprach, wurde er
fuchswild und schilderte mir das Eheleben als die Hölle auf Erden.«
»So! hm!« machte Bligger, »also immer noch die alte Litanei!« Dann
machte er wieder ein paar Schritte auf und ab, blieb wieder stehen
und sprach: »Ernst, du reitest übermorgen nachmittag nach der
Schmiedeschenke und siehst zu, was du über den Umschlag in Frau
Julianens Stimmung aus den Mädchen herauskriegen kannst. Ich hoffe
trotz allem, daß wir die Sache noch in Ordnung bringen, auch die
deinige.«
»Ich werde tun, was du begehrst, Vater,« sprach Ernst und ging halbwegs
getröstet hinaus. Aber in seinem Herzen saß neben der Sehnsucht die
Sorge und trieb ihn an, über Entschlüssen und Plänen zu brüten, wie er
sich mit eigener Kraft zu seinem Glücke verhelfen könnte.
Nach ihm verließ auch Bligger das Gemach, um Frau Katharina in alles
einzuweihen. Beim Hinausschreiten brummte er in den Bart: »Hat mich der
Jude mit Julianens Horoskop betrogen, so laß ich ihn baumeln!«
Zwanzigstes Kapitel.
Es war in der friedlichen Stille des nächsten Abends, als Frau Juliane
in einem kleinen, von einem Schifferknaben geruderten Nachen über den
Neckar fuhr. Sie hatte sich nach der Enthüllung, die ihr Elisabeth
von Erlickheim gemacht, ganz in sich selbst zurückgezogen. Die erste
Wut und der wieder auflodernde Haß gegen die Landschaden hatten sich,
ohne an nachhaltiger Kraft etwas einzubüßen und dadurch die Festigkeit
ihrer Entschlüsse abzuschwächen, allmählich in ihr ausgetobt und waren
nun auf dem Wege, durch die Bitternis eines schwer zu verwindenden
Schmerzes hindurch in die sich nach und nach abklärende Ruhe einer
vernünftigen Entsagung überzugehen. Um sich diesen Übergang zu
erleichtern, suchte Juliane nach einer ablenkenden und zerstreuenden
Beschäftigung mit der Außenwelt, mit Menschen und Dingen, deren Anblick
sie nicht an ihr Schicksal gemahnten.
So kam sie auf den Einfall, sich um die zur Burg gehörige
Landwirtschaft zu bekümmern, und um damit einen Anfang zu machen,
stattete sie ihrem großen Meierhof in Neckargerach einen Besuch ab und
ließ sich von Konz Hornschuh überall auf dem Hof, in den Ställen und
Wirtschaftsgebäuden umherführen.
Sie fand alles im besten Zustande unter der Leitung des tüchtigen
und ehrlichen Mannes, und als sie ihm nach beendetem Umgang ihre
Zufriedenheit mit dem, was sie gesehen, zu erkennen gab, bat er, daß
sie ihm und seiner Frau die Ehre erweisen möchte, einen Imbiß von
ihnen anzunehmen. Juliane willigte ein, und bald saßen die drei in
der Gartenlaube bei einem Gericht frisch gefangener und vorzüglich
gekochter Forellen mit goldgelber Butter und einem kühlen Trunk
selbstgekelterten Weines. Die gekrümmten und aufgeplatzten Fische lagen
auf einer sauberen Schüssel, von krauser Petersilie zierlich umkränzt
und obenauf mit roten Rosenblättern bestreut, daß es gar lieblich
und appetitlich aussah und etwas Festliches hatte. Das Gespräch
drehte sich um wirtschaftliche Angelegenheiten und um die häuslichen
Verhältnisse des Ehepaares, namentlich um dessen Kinder und alle die
bescheidenen Freuden und großen und kleinen Sorgen seines arbeitsamen
und einfachen Lebens. Das Paar war noch jung, und des Meiers Augen
ruhten oft mit einem behaglichen Lächeln auf seiner blühenden Gattin,
die ihrerseits liebevoll zu ihm aufblickte und seinen Worten mit einer
gewissen Andacht lauschte. Einmal war es Juliane sogar so vorgekommen,
als hätten sie sich unter dem Tische verstohlen die Hände gedrückt.
Das war auch wirklich geschehen, denn Konz und seine Frau waren von
der leutseligen Herablassung ihrer gnädigen Herrin ganz entzückt, und
Juliane selbst vergaß als Gast ihrer Untergebenen ihren Kummer und
wurde immer teilnehmender und heiterer. Von beiden zur Anlegestelle des
Nachens geleitet, schied sie von ihnen mit freundlichem Dank und nahm
beinah' fröhlich in dem kleinen Fahrzeuge Platz. Als sie aber mit dem
Schifferknaben allein war und schweigend über das Wasser fuhr, überkam
sie in der milden Abendruhe, die sie weit und breit umgab und zu
welcher der Grundton ihrer Seelenstimmung immer noch in einem scharfen
Gegensatze stand, bald wieder eine unaussprechliche Schwermut, und sie
seufzte vor sich hin: »Die beiden dort sind glücklicher, als du!«
Das Tal lag im Schatten, aber die Kuppen der Berge glänzten noch in der
Abendsonne, und die rundlichen Wipfel der Bäume standen leuchtend gegen
den blauen Himmel, an dem fast ohne Bewegung ein paar leichte, rosig
angehauchte Wolken schwebten. In dem herrlich grünen Neckar spiegelten
sich die waldigen Uferhänge, so daß seine schillernde Farbe noch
gesättigter und dunkler erschien, und er zog im Gleichmaß spielender
Wellen so breit und ruhig durch sein geschmücktes Bett, als trüge er
in der Tiefe seines Stromes an der ragenden Burg und dem freundlichen
Dorf vorüber den Frieden selber ins Land hinein. Nur leise schaukelte
der Kahn; das Gurgeln des Wassers an seinem Bug, das Knarren und
Plätschern der Ruder tönte als einziges Geräusch fast einschläfernd in
der feierlichen Stille.
Juliane atmete unbewußt die köstliche Luft, die mit sanftem, kühlem
Hauch über die Fläche strich; ihre linke Hand hing lässig über den Bord
hinab, daß die Flut ihre schlanken Finger bespülte, und traumverloren
ruhten ihre Augen auf dem smaragdgrünen Gewoge neben ihr.