wäre, so würde sich Juliane aufrichtig darüber gefreut haben; jetzt
aber, nachdem sie vor drei Tagen Elisabeths Bruder mit seiner Werbung
um ihre Hand so entschieden, fast herb und höhnisch abgewiesen hatte,
sah sie dem Eintreten der eben in den Burghof reitenden Freundin mit
beklommenem Gefühl entgegen. Sie nahm als selbstverständlich an, daß
Elisabeth bereits um das Mißgeschick ihres Bruders wüßte und nun käme,
den Antrag in seinem Namen zu wiederholen und ihrerseits durch Bitten
und Vorstellungen zu unterstützen. So fest entschlossen sie nun war,
denselben auch heute wieder abzulehnen, so peinlich war ihr dies doch
der Freundin gegenüber.
Daher hatte die gegenseitige Begrüßung der beiden Frauen, die sich
lange nicht gesehen hatten, eine etwas gedämpfte Herzlichkeit, und
während sie sich in Julianens Erker vorläufig noch über mehr oder
minder Gleichgültiges unterhielten, blickte jede der anderen fragend
und abwartend ins Antlitz, welche von ihnen zuerst den heiklen
Gegenstand mit einem Worte berühren würde.
Da Elisabeth noch immer damit zurückhielt, wurde Juliane ungeduldig,
und wünschend, den unausbleiblichen Angriff nur erst überstanden zu
haben, war sie es, die den Anfang machte.
Sie streckte der Freundin die Hand entgegen und sagte mit einem warmen
Herzenstone: »Elisabeth, du zürnst mir nicht! nicht wahr? gib mir die
Hand darauf! Sieh'! ich konnte nicht anders!«
Elisabeth ergriff die dargebotene Hand und erwiderte: »Nein, Juliane!
ich zürne dir gewiß nicht, so nahe mir auch das Schicksal meines armen
Bruders geht; aber daß du einen Landschaden heiraten willst, einen von
denen --«
»Wer hat dir gesagt, daß ich einen Landschaden heiraten will?« fiel ihr
Juliane, bis an die Stirn errötend, ins Wort.
»Wer mir das gesagt hat? O, das kannst du auf allen Burgen von
Heilbronn bis Heidelberg hören,« lachte die andere. »Nun, du bist ja
deine eigene Herrin und kannst tun und lassen, was du willst,« fuhr sie
fort, als Juliane ärgerlich und verlegen schwieg. »Welcher vernünftige
Mensch könnte dir also einen Vorwurf machen, wenn es die Liebe wäre,
die euch zusammenführt!«
»Traust du mir zu, Elisabeth, daß ich mich jemals ohne Liebe einem Mann
ergeben könnte?« frug Juliane.
»Eigentlich nicht,« erwiderte Frau von Erlickheim. »Darum tut es
mir ebenso leid, daß meine herzliebe Freundin das auserlesene Opfer
eines klug angelegten Planes, das bequeme Mittel zur Erreichung eines
habgierigen Zweckes sein soll.«
»Opfer? bequemes Mittel zu einem habgierigen Zwecke? was sind denn das
für sonderbare Reden?« sprach Juliane. »Ich bin ja nicht die Erbin der
Minneburg, sondern meine Tochter ist es.«
»Das weiß ich, das meine ich aber auch nicht.«
»Ja, was meinst du denn? ich verstehe kein Wort von allem, was du
sagst.«
»So weißt du es also nicht? weißt nicht, daß dich Hans Landschad nur
heiratet, um dem Recht der Hagestolze zu entgehen?« gab Elisabeth der
Ahnungslosen zu hören.
Juliane schüttelte unwillig ihr schönes Haupt. »Recht der Hagestolze!
was soll das nun wieder?« sagte sie, immer erstaunter, aber auch immer
unruhiger werdend.
»Wie alt ist Junker Hans?« frug Elisabeth dagegen.
»Danach habe ich ihn nie gefragt,« erwiderte Juliane; »ich weiß nur,
daß ich nicht zu jung für ihn wäre.«
»Er ist neunundvierzig Jahr,« belehrte sie die Freundin. »Wenn er
aber fünfzig Jahre, zwei Monate und drei Tage alt wird und dann als
unverheirateter Mann stirbt, so fällt sein Hab und Gut, seine Burg,
sein Teil vom Wald- und Landbesitz der Steinachs als Erbe an den
Pfalzgrafen. Das nennt man das Recht der Hagestolze, und damit seine
Hinterlassenschaft dem Geschlecht der Landschaden nicht verloren geht,
muß Junker Hans bis dahin eine Frau haben. Verstehst du nun?«
»Empörend!« rief Juliane außer sich. Zwei große Tränen quollen ihr
unter den Wimpern hervor. Sie trocknete sich die Augen und sagte nach
kurzem Besinnen: »Ach, das ist ja gar nicht denkbar! Elisabeth, du bist
die Schwester Brunos; dein Eifer für ihn --«
»Nein, nein!« unterbrach sie die andere, »nicht von meinem Bruder hab'
ich es erfahren, obwohl auch er es mir bestätigt hat.«
»So ist's ein Irrtum; solcher Schändlichkeit ist Hans nicht fähig,«
sprach Juliane entrüstet.
»Was soll er machen?« erwiderte Elisabeth kaltblütig, »er muß! Die Zeit
drängt. Den eilenden Jahren und Tagen und solchem Rechte gegenüber hält
auch der wütendste Ehehaß auf die Dauer nicht stand.« Es klang wie
absichtlicher Hohn, als sie im Hinblick einer Verheiratung Julianens
mit Hans dessen Ehehaß erwähnte.
»Jetzt versteh' ich dich,« sagte Juliane gereizt; »du willst mich daran
erinnern, welche große Überwindung es ihn kosten würde, wenn er mich
zur Frau nähme. Wie freundschaftlich von dir!«
»Nun, es ist ja nicht unmöglich, daß er dich nebenbei auch ein wenig
liebt oder vielleicht recht sehr liebt,« lenkte Elisabeth ungeschickt
ein.
»Nebenbei! ein wenig!« wiederholte Juliane bitter, und ein zürnender
Blick traf die mißgünstige Trösterin.
»Hat er schon um dich geworben?« forschte diese.
»Nein!«
»Aber wenn er es nun tut, was wirst du ihm antworten?«
»Ich werde ihn nach dem Rechte der Hagestolze fragen,« erwiderte
Juliane sehr entschieden, »und« -- schloß sie mit besonderem Nachdruck
-- »Hans Landschad lügt nicht!«
»Ich auch nicht, Juliane,« entgegnete Frau von Erlickheim empfindlich.
»Ich habe es mit meinen eigenen Ohren gehört, als es Engelhard von
Hirschhorn meinem Manne anvertraute.«
Die Nennung dieser Quelle wirkte auf Juliane wie ein betäubender
Schlag. Sie wußte, daß Engelhard von Hirschhorn, der Landschaden, zumal
Hansens bester Freund, stets in deren Pläne eingeweiht, oft selbst
daran beteiligt war, und sah sich nun jedes Zweifels, als könne hier
ein Irrtum obwalten oder eine Verleumdung im Spiele sein, plötzlich
beraubt. Mit Mühe rang sie nach Fassung, um wenigstens in Gegenwart
Elisabeths ihres Schmerzens Herr zu werden.
Als diese sah, in welchem Aufruhr sich Juliane befand, sprach sie:
»Jetzt zürnst du mir, Juliane, daß ich dir die Wahrheit gesagt habe;
verzeihe mir! ich glaubte sie dir schuldig zu sein. Mache damit, was du
willst; ich gehe jetzt und lasse dich allein, denn so etwas macht man
am besten mit sich selbst ab. Brauchst du Trost oder Hilfe, so weißt
du, wo du mich findest.«
»Elisabeth,« erwiderte Juliane mit bebender Stimme, »ich kann dir nicht
danken; du hast mir den letzten holden Traum meines Lebens zerstört.«
Die Hände der beiden Frauen berührten sich nur leicht und kühl; ihr
Freundschaftsband hatte in dieser Stunde einen Riß bekommen.
Juliane saß, nachdem die Bringerin so niederschmetternder Kunde sie
verlassen hatte, auf ihrem gewohnten Platz im Erker, wo sie schon so
manches Freudige und Traurige in ihrem Leben durchdacht und durchkämpft
hatte, und starrte in einem Gemütszustande, der nahe an Verzweiflung
grenzte, stumm und regungslos vor sich hin.
Sie hatte sich, ihres früheren Verhältnisses zu Hans gedenkend und
danach sein neuerdings gegen sie eingeschlagenes Benehmen erwägend,
schon der Hoffnung hingegeben, daß er sie liebte. Daß er ihr seine
Liebe noch nicht gestanden hatte, erklärte sie sich aus seiner etwas
schwerfälligen, den Frauen gegenüber schüchternen Art und Weise, und
aus seiner ihr nicht unbekannten Furcht vor der Ehe, deren allmähliche
Überwindung sie sowohl seiner Liebe, wie auch der eigenen klugen
Handhabung ihrer wiedergewonnenen Macht über sein Herz siegessicher
zutraute. In einsamen Stunden waren ihr aus ihrer lebhaften
Einbildungskraft schon glänzende Bilder einer glücklichen Zukunft
aufgestiegen, die ihr nach den karg bemessenen Freuden ihrer ersten
Ehe nun an der Seite eines hochherzigen und wahrhaft geliebten Mannes
doppelt lockend erschien.
All das verheißungsvolle Licht, das ihr von ferne strahlte und ihr auf
den Wegen ihrer sehnsüchtigen Wünsche näher und näher kam, und alle die
Glut, die sie selber der Erfüllung dieser Wünsche entgegentrug, war
durch die Mitteilung Elisabeths wie mit einem eiskalten Wassersturz
verlöscht. Was Hansen zu ihr führte, war nicht Liebe, sondern
Berechnung. Er brauchte eine Frau, irgendeine, gleichviel welche,
und das nicht, um eine Familie zu gründen, einem Sohne dereinst sein
Wappenschild und seine Burg zu vererben, sondern um das, was unter
allen Umständen Zeit seines Lebens sein unantastbares Eigen blieb, auch
nach seinem Tode nicht in fremde Hände kommen zu lassen. Er selber
hatte also nicht einmal einen Vorteil davon, der ihm ohne Verheiratung
entgangen wäre, sondern die Kinder seiner Brüder, falls ihm selber
keine erwuchsen. Bligger also, der herrschsüchtige, ränkevolle Bligger,
steckte dahinter. Darum hatte er ihr den Wald zurückgegeben; das war
der Köder, der sie kirren sollte, damit die wieder Versöhnte die Frau
seines Bruders würde. O, nun durchschaute sie die ihr von vornherein
verdächtige Großmut ihres habgierigen Gegners. Ganz unbegreiflich war
ihr nur, wie sich Hans zu einem so abscheulichen Spiel ihr gegenüber
hergeben und ihr vertrauendes Herz so schmählich täuschen konnte.
Dieser Gedanke war der sie am grausamsten marternde, diese Erfahrung
die bitterste ihres ganzen Lebens.
In ihren Ängsten suchte sie hin und her nach einer noch so schwachen
Hoffnung, und ob sich nicht irgendwie und wo wenigstens die Möglichkeit
eines Mißverständnisses entdecken ließe. Es war ihr kein Zweifel, daß
Bruno von Bödigheim seine Schwester mit diesen Enthüllungen gesandt
und Elisabeth ihr den Sachverhalt so gehässig wie möglich dargestellt
hatte. Um sich Gewißheit über ihr Schicksal zu verschaffen, wollte sie
zu Engelhard von Hirschhorn reiten und ihn auf sein Ritterwort fragen,
ob es wirklich ein solches Recht der Hagestolze gäbe, von dem sie
noch niemals gehört hatte, und ob wirklich sie das auserlesene Opfer
wäre, das man dem Ehehasser wider seinen Willen an die Seite schmieden
wollte. Aber bei näherer Überlegung mußte sie diesen Plan verwerfen;
denn sie würde zwar von Engelhard unbedingt die Wahrheit erfahren, ihm
aber auch ihre Liebe zu Hans mit ihren Fragen verraten haben, was sie
um alles in der Welt vermeiden wollte. Dann dachte sie daran, Sidonie
nach Zwingenberg zu schicken, damit diese ihren Vater ausforschte;
aber auch dem jungen Mädchen gegenüber schämte sie sich, ihre
leidenschaftlichen Gefühle für Hans einzugestehen. Sie wollte diesen
selber zu sich rufen und um Aufklärung angehen. Aber ihn kommen lassen
und nach seinen Absichten fragen, als könnte sie es vor Verlangen und
Ungeduld gar nicht abwarten, daß er um sie würbe? Unmöglich! Sie mußte
schweigen und harren, bis er von selber käme mit seiner Frage; dann
wollte sie ihm die Gegenfrage stellen, und wehe ihm, wenn seine Antwort
noch einen Schatten von Argwohn in ihr zurückließ!
Sie war viel zu schwer verwundet in ihrem Herzen und viel zu sehr
verwirrt in ihrem Kopfe, um sich mit einiger Ruhe sagen zu können: Was
ist denn nun? Hans muß eine Frau nehmen, um nicht als Hagestolz zu
sterben, und da er dich und keine andere liebt, so nimmt er natürlich
dich und keine andere zur Frau, und dem nützlichen Zwecke verbindet
sich ein beiderseits ersehntes Glück. Dieser Gedanke kam ihr aber
nicht; sie gab schon im Voraus alles verloren und sah sich hilflos
verlassen und verraten von dem einzigen Manne, in dessen Armen sie,
wenn er sie geliebt hätte wie sie ihn, unaussprechlich glücklich
geworden wäre.
Sie rang die Hände und aus ihren den Himmel anklagenden Augen brachen
wieder die hellen Tränen hervor. Sie verhüllte das Antlitz und weinte
bitterlich.
Als sie so, das Haupt auf den Tisch gestützt, saß und schluchzte,
schlug plötzlich ein gellendes Gelächter an ihr Ohr, und unter dem
geöffneten Fenster des Erkers hörte sie eine ihrer Mägde zu einem
Knechte sagen: »Lauf' doch hin! um dich weine ich mir die Augen nicht
aus!«
Bei Gott dem Allmächtigen! das Mädchen hatte recht. Und sollte sie,
die Herrin der Minneburg, sich an Stolz von einer Magd überbieten, von
einer Magd sich beschämen lassen? Nimmermehr! fort mit dem rinnenden
Naß! die Landschaden sind keine Tränen wert! Sie erhob sich schnell,
trocknete sich hastig die Augen, und das Tuch in den zitternden
Händen zusammenknüllend sprach sie trotzig: »Lauf' auch du hin, Hans
Landschad! stirb und verdirb als Hagestolz, laß dich vom Pfalzgrafen
beerben und geh' und suche dein Glück -- haha! dein Glück! -- in einem
Kloster, wie es dir der allwissende Jude prophezeit hat!«
Sie wollte hinaus, um das oft bewährte Mittel zu brauchen, sich im
Sattel ihres Renners die trüben Gedanken vom Winde verwehen zu lassen.
Da traf sie in der Tür auf Sidonie. »Willst du mit, Sidonie?« rief sie
in ihrer Erregung der Eintretenden zu, »einen Ritt! wir zwei allein,
aber einen, wie nur wir beide ihn fertig bringen!«
»Ja!« sprach Sidonie kurz entschlossen und mit einem verwunderten Blick
in das gerötete Antlitz der älteren Freundin, worauf diese ihrer Zofe
den Befehl gab, sogleich satteln zu lassen.
Sidonie deutete sich Julianens aufgeregte Stimmung als den Ausbruch
einer leidenschaftlichen Wallung ihrer Liebe zu Hans, an welcher die
Jüngere längst nicht mehr zweifelte. Sie hielt daher die Gelegenheit,
jener die ohnehin jetzt von ihr beabsichtigte Mitteilung von Ernsts
und Richildens Verlöbnis zu machen, für eine außerordentlich günstige,
zumal sie wußte, daß Juliane, die wie zur Amazone geboren war, zu
Pferde stets am fröhlichsten und zugänglichsten war. Darum beschloß
sie, ihr draußen unter freiem Himmel, im verschwiegenen Walde das Glück
ihrer Tochter beredt und eindringlich an das mütterliche Herz zu legen,
auf Julianens freudige Zustimmung schon mit großer Zuversicht hoffend.
Bald saßen die beiden zu Pferde und ritten den Burgweg schweigend
hinab, weil Juliane sich noch nicht ganz von dem zu lösen vermochte,
was sie eben noch so mächtig erschüttert hatte, und Sidonie über
die beste Weise nachsann, wie sie ihre Mitteilung beginnen und die
Unterredung zu dem erwünschten Ende führen sollte. Unten auf dem ebenen
Talweg sausten sie nun Seite an Seite dahin, und es schien, als ob
es Juliane darauf anlegte, so sturmschnell und so weit wie möglich
von der Minneburg fortzukommen. Immer und immer noch hemmte sie nicht
den ausdauernden Galopp ihres an starke Leistungen gewöhnten Pferdes,
so daß Sidonie sie schon durch einen Zuruf an die Mäßigung ihres
Ungestüms mahnen wollte, als sie endlich die Zügel anzog, um die Pferde
im Schritt verschnaufen zu lassen.
»Ah!« machte sie, »das tut gut! nichts köstlicher als das, Sidonie! es
kommt dem Fliegen am nächsten, und wenn ich einen Wunsch frei hätte
beim Schicksal, so wünschte ich mir Flügel, die mich trügen, wohin ich
wollte.«
Das glaub' ich, dachte Sidonie, zu ihm! zu ihm, der aller Sehnsucht
Ziel ist! Laut sagte sie jedoch: »So denkt mancher und manche, Frau
Juliane, besonders zwei, die voneinander getrennt sind und doch am
liebsten beisammen wären.«
»Hast du damit zwei Bestimmte im Sinne?« frug Juliane argwöhnisch, ob
Sidoniens Worte etwa eine versteckte Anspielung auf sie sein sollten.
»Gewiß!« erwiderte Sidonie, »zwei, die sich lieben.«
»Sidonie!« drohte Juliane.
»Nun, Euch mein' ich ja nicht,« lachte Sidonie und fuhr dann
ernsthafter fort: »Und doch will ich mit Euch von zwei Liebenden reden,
die Euch sehr nahe angehen. Seit Ihr heut empfänglichen Herzens für ein
solches Gespräch, Juliane?«
»Nicht sehr,« erwiderte diese, mit dem Ordnen ihrer Zügel beschäftigt.
»Aber sprich, wenn es sein muß, und mach' es kurz. Wer sind die zwei
Liebenden?«
»Also kurz: -- Ernst und Richilde.«
Juliane wandte rasch ihr Gesicht der neben ihr Reitenden zu und
entgegnete finster: »Du hast dich versprochen, du wolltest sagen: Ernst
und Sidonie. Doch was wollt ihr von mir? ich kann euch nicht helfen,
und -- ich will es auch nicht!«
»Ich habe mich nicht versprochen und Ihr habt ganz recht gehört.«
»Sidonie, zum Rätselraten bin ich nicht aufgelegt,« verwies sie Juliane
streng. »Du selbst, du liebst doch deinen Vetter --«
»Nein, nein! das war ein Irrtum von Euch,« fiel Sidonie schnell ein.
»Ich meinte, wie ich sagte, -- Ernst und Richilde.«
Juliane hielt mit einem Ruck ihr Pferd an, und entsetzten Blickes stieß
sie abgerissen hervor: »Meine Tochter?! und der -- der Landschad?!«
»Dieselben!« sagte Sidonie. »Sie sind sich von Herzen gut und hoffen
auf Eure Einwilligung, daß Ihr sie --«
»Niemals!« unterbrach sie Juliane mit einer heftigen Gebärde des
Unwillens, und ihr Pferd wieder in Bewegung setzend rief sie: »Ist denn
alles gegen mich mit Trug und Hinterlist im Bunde? auch du, Sidonie?
Darum also war die Rose von einer Brust zur andern gewandert; und ich
sah es und frug nicht!«
»Ernst hatte sie mir für Richilde gegeben,« sprach Sidonie.
»Schick' ihm den Stiel mit den Dornen zurück; dann weiß er meine
Antwort!«
»Juliane! Was habt Ihr gegen Ernst einzuwenden?« frug Sidonie im
höchsten Grade erstaunt.
»Daß er ein Landschad ist!«
»Aber der alte Streit ist doch glücklich beigelegt? Ihr seid doch
versöhnt und im besten Frieden mit ihnen?«
»Nein! das bin ich nicht!« schrie Juliane. »Ich hasse sie, alle
miteinander, die Männer und die Weiber, die Verheirateten und die
Ledigen!«
»Und Ohm Hans?«
»Hans! Hans Hagestolz!« höhnte Juliane, »er soll mir nur über die
Schwelle kommen!«
»Mein Gott! Was ist denn geschehen?«
»Nichts, was dich angeht oder du auch nur zu wissen brauchtest.«
»Ihr seid mir selber ein Rätsel, Frau Juliane!« sprach Sidonie, die aus
ihrem grenzenlosen Staunen gar nicht herauskam. »Sprecht Euch doch aus;
vielleicht kann ich noch einmal vermitteln.«
»O ja; du kannst, wenn du Lust hast, noch einmal nach Neckarsteinach
reiten, den Landschaden in meinem Namen absagen und ihnen bestellen,
sie wären wieder meine Feinde und sollten es bleiben, so lange sie und
ich das Leben hätten!« erwiderte Juliane heftig. Die Augen in ihrem
bleichen Gesicht funkelten in loderndem Haß, und ihr Busen hob und
senkte sich in gewaltigster Bewegung.
Sidonie war diesem ihr unbegreiflichen Wutausbruch gegenüber machtlos,
und um der Erregten Zeit zu lassen, sich zu beruhigen, ritt sie
eine Weile schweigend neben ihr her, um später das Gespräch wieder
anzuknüpfen.
Als ihr der rechte Augenblick dazu gekommen schien, begann sie von
neuem: »Frau Juliane, schenkt mir Vertrauen; es muß ein Mißverständnis
obwalten, das aufgeklärt werden muß. Sagt mir: warum seid Ihr gegen
Richildens Verbindung mit Ernst?«
»Ich kann es weder dir, noch irgendeinem anderen Menschen sagen,«
erwiderte Juliane; »denn ich müßte mich schämen, zu bekennen, wie
ich hintergangen und betrogen bin.« Wieder bebte ihr die Stimme, und
in einen immer gereizteren Ton verfallend fügte sie hinzu: »Aus der
Verbindung kann nichts werden; es ist ganz undenkbar, und Richilde soll
sich nicht unterstehen, mir davon anzufangen! Kein Wort will ich davon
hören! den Junker Landschad laß' ich gar nicht vor.«
»Aber Ernst und Richilde lieben sich, haben sich ihre Liebe gestanden
und sich ewige Treue geschworen. Sie können und wollen nicht
voneinander lassen,« stellte ihr Sidonie eindringlich vor.
»Pah! sie werden es lernen müssen! Man lernt manches im Leben, was
man vorher nie begreifen zu können glaubte,« lachte Juliane bitter.
»Sidonie, höre meinen Schwur!« Sie richtete sich im Sattel mit ihrer
ganzen Gestalt hoch und gebieterisch auf und hob die Hand mit der
Reitgerte drohend empor. »Hier schwöre ich: Juliane Rüdt von Kollenberg
wird niemals, niemals ihre Einwilligung geben, daß ihre Tochter
Richilde eines Landschaden Frau wird! Du hast es gehört, Sidonie! und
links der Neckar und rechts der Wald hier sind meine Zeugen, weil ich
keine anderen Zeugen außer dir habe.«
Sidonie schüttelte das Haupt und schwieg; auch Juliane sprach nichts
weiter. Sie wandten die Rosse und ritten heim. In beiden wirkte das
gepflogene Gespräch noch lange mächtig nach.
Neunzehntes Kapitel.
Nach einem scharfen Ritte von der Reiherbuche nach Neckarsteinach
langte Ernst auf schaumbedecktem Pferde in Burg Schadeck an und eilte
sofort die Treppe hinauf in das Gemach seines verwundeten Oheims.
Hier traf er seinen Vater und Engelhard von Hirschhorn, denen es nach
vielem Zureden gelungen war, Hans ins Bett zu bringen. Da lag er nun
mit nassen Umschlägen auf dem Kopfe, die ihm Williswinde von Zeit zu
Zeit erneuern mußte, im übrigen aber ganz vergnügt und mit nur mäßigen
Schmerzen.
Er hatte einen tüchtigen, zum Glück noch halb abgefangenen Hieb
bekommen, der ihn jedoch nicht sofort kampfunfähig gemacht, dagegen
so geärgert hatte, daß er mit dem nächsten gewaltigen Streiche seinen
Gegner zu Boden gestreckt hatte. Isaak Zachäus hatte auch ihm einen
leichten Verband angelegt, aber während des schnellen Rittes nach Hause
war ein ziemlich starker Blutverlust eingetreten.
Hans begrüßte den Neffen aufs freundlichste, versicherte ihn scherzend
der Leichtigkeit seiner Verwundung und ersuchte ihn, bei ihm zu bleiben
und ihm mit Späßen und Erzählungen die Zeit zu vertreiben, wozu Ernst
mit Freuden bereit war.
Bligger und Engelhard ließen die beiden allein und gingen nach der
Mittelburg, wohin sie Konrad beschieden, um diesen und Katharina,
die bei Engelhards Ankunft nur die nackte Tatsache und nichts weiter
erfahren hatte, von dem Vorgefallenen näher zu unterrichten.
Auf dem Wege dahin gab Engelhard seinem Freunde Bligger Auskunft über
die Veranlassung des Zweikampfes, so wie sie ihm Hans auf dem Heimritt
von der Schmiedeschenke gebeichtet hatte.
»Die Hauptsache ist: er hat sich für Juliane geschlagen!« sagte Bligger
nach Anhörung von Engelhards Bericht, »und zwar mit seinem Nebenbuhler
geschlagen. Das ist nicht nur das sicherste Zeichen, daß er sie liebt,
sondern zugleich die größte Huldigung, die er ihr beweisen konnte,
und für die sie ihm ihren Dank, ich möchte sagen ihre Hand geradezu
schuldig ist.«
»Daß er Juliane liebt, glaube ich jetzt selber,« sprach Engelhard;
»aber heiraten will er sie doch nicht. Ich habe ihn, als er bei mir war
und wir beim Weine saßen, darauf gebracht und ihm gut zugeredet; aber
er wies es entschieden zurück und wurde gleich so schrecklich grob, daß
ich kein Wort mehr sagen durfte.«
»Tut nichts,« lachte Bligger. »Wenn er sie nicht heiratet, so heiratet
sie ihn. Sie muß es nur sobald wie möglich erfahren, daß er sich für
sie geschlagen hat. Das wäre wieder so ein Auftrag für Sidonie,« fügte
er wie mit sich selbst redend hinzu; »oder auch Ernst könnte hinreiten
und es ihr wie ganz beiläufig mitteilen. Ich möchte nur dabei sein, um
zu sehen, welche Wirkung die Nachricht auf sie macht; man müßte ihr
Hansens Verwundung als recht gefährlich darstellen.«
»Das könnte ich ja besorgen,« sprach Engelhard. »Dann wissen wir
gleich, wie es wirkt.«
»Mir ist's recht,« erwiderte Bligger, »übernimm du es, und je eher,
je besser! denn wir erwarten sie jeden Tag; sie hat uns durch Hans
ihren Besuch versprochen. Wenn sie nun von dem Zweikampf und Hansens
Verwundung hört und kommt den nächsten Tag darauf angesaust, dann ist's
richtig.« Und er schlug in die Hände und strich sich den Bart, wie es
seine Gewohnheit war, wenn ihn etwas besonders erfreute.
Als die beiden Ritter nun Katharina und Konrad in das Tatsächliche
und ihre Gedanken darüber einweihten, fanden sie bei diesen volle
Übereinstimmung mit ihrer Auffassung von der Lage der Dinge, und alle
gaben sich einer hoffnungsvollen Freude darüber hin, die sie sich nicht
enthalten konnten, mit einem fröhlichen Trunk auf Hansens baldige
Genesung zu feiern.
Ernst blieb mehrere Stunden lang bei dem Verwundeten; doch über die
wahre Veranlassung des Zweikampfes wollte Hans trotz allen Fragen
und Bitten Ernsts nicht mit der Sprache heraus, was den letzteren
so verdroß, daß er dem Oheim nun auch nicht das Geständnis seiner
Verlobung mit Richilden ablegen mochte, wie sehr es ihm auch auf der
Zunge brannte.
Am Spätnachmittag sagte Hans: »Weißt du was, Ernst? Du könntest mir
den Joseph holen, daß er mit mir Schach spielt; ich langweile mich
fürchterlich.«
»Du langweilst dich mit mir?« lachte Ernst, nicht sonderlich
geschmeichelt von dieser Bemerkung. »Willst du nicht mit mir Schach
spielen?«