»So!« sagte Hans. »Nun, so will ich dir ein Gespenst heraufbeschwören,

das du mit deinen eigenen Augen am hellen, lichten Tage sehen

kannst, ein Ungeheuer in Weibesgestalt, in das sich oft genug

der leibhaftige Teufel versteckt, um die Männer bis auf das Blut

zu quälen. Die entsetzlichste Zugabe zu einer Ehe, der Würgengel

des Friedens im Hause, die schlimmste Kreatur, die Gott im Zorne

geschaffen hat, ist -- eine Schwiegermutter. Ernst, Ernst, du weißt

nicht, was eine Schwiegermutter ist! Aller Ärger, alle großen und

kleinen Verdrießlichkeiten und Unbequemlichkeiten, die dir eine Frau

unvermeidlich verursacht, sind nichts gegen die unendlichen und

unbeschreiblichen Plagen und Widerwärtigkeiten, die dir Tag für Tag

und Stunde für Stunde eine Schwiegermutter bereitet, und das mit Lust

bereitet und mit unerschöpflicher Erfindungsgabe, als wäre es ihr

Lebensberuf und der einzige Zweck ihres Daseins. Sie hetzt deine Frau

gegen dich auf und nimmt sie gegen dich in Schutz, auch wenn es gar

nicht nötig ist; sie bricht den Streit vom Zaune und läßt dich nicht zu

Worte kommen; sie greift dich an mit allen Waffen, hat Gift und Galle

oder Seufzer und Tränen gegen dich bereit und nennt dich ihren Mörder.

Sie kennt alle deine wunden Stellen, und wenn du keine hast, so bringt

sie dir welche bei, sieht und benutzt jede kleine Blöße deiner Deckung,

und wenn du mit einem noch so starken Harnisch von Geduld und Gleichmut

gepanzert wärest, der Stachel ihrer unbesiegbaren Zunge geht durch das

dickste Fell. Um sie dreht sich die ganze Wirtschaft, sie befiehlt

und verbietet, sie verlangt die unglaublichsten Rücksichten und nimmt

selber nicht die geringste, wenigstens nicht auf dich, der du nur der

gnädig Geduldete in deinen eigenen Mauern bist, der unverbesserliche,

verstockte Sünder, der das Glück, eine solche Frau und besonders eine

solche Schwiegermutter zu besitzen, nicht zu würdigen weiß und noch

viel weniger verdient.«

Ernst hatte die halb grimmige, halb launige Verdammungsrede seines

Oheims fortwährend mit einem herzlichen Lachen begleitet, und als

dieser jetzt einmal innehielt, um Atem zu schöpfen, sprach er: »Du

übertreibst, Ohm Hans. Ich habe doch schon sagen hören, daß die Mutter

der Frau, wenn sie wollte, auch die Stütze des Mannes sein könnte, die

darauf achtet und ihre Tochter dazu anhält, daß der Mann zu seinem

Rechte kommt und es ist ihm an nichts im Hause fehlt, die erfahrene

Freundin, die stets liebevoll, stets heiter und hilfreich mit Rat und

Tat alles zum Besten lenkt, die, mit einem Worte, für beide Eheleute

der gute Engel ist.«

»Es soll deren hie und da schon auf Erden gegeben haben und vielleicht

noch geben,« räumte Hans widerwillig ein. »Aber wie selten ist solch

ein Engel, solch eine Perle von Schwiegermutter! unter tausenden,

unter zehntausenden findest du nicht eine solche. Laß dich bekehren,

Ernst! und glaube mir: eine Schwiegermutter ist der böse Dämon der

Ehe. Sie verfeindet dir deine Frau, verzieht deine Kinder, beleidigt

deine Freunde, verklatscht deine Knechte und Mägde, mißhandelt deine

Hunde und verfolgt dich mit ihrem Hasse bis zu ihrem oder bis zu deinem

letzten Atemzuge; es kommt nur darauf an, wer von euch beiden es am

längsten aushält.«

Ernst sann ein Weilchen nach; dann sprach er: »Sage mal, Ohm

Hans, glaubst du, daß das alles auch für die von mir ersehnte

Schwiegermutter, Frau Juliane Rüdt von Kollenberg, zutrifft?«

Auf diese verfängliche Frage blickte Hans seinen Neffen etwas verdutzt

an und wußte nicht gleich, was er darauf erwidern sollte. »Ich will dir

etwas sagen, mein Junge!« lächelte er dann. »Frau Juliane ist meine

liebe, gute Freundin, aber -- ob ich sie zur Schwiegermutter haben

möchte ... Bedenke auch: wenn du ihre Tochter heiratest, so werdet

ihr auf der Minneburg hausen, das heißt, du wohnst dann bei deiner

Schwiegermutter. Glaubst du dann etwa den Burgherrn spielen zu können?

mit nichten! sie wird sich stets als die Herrin betrachten und wird

dich das deutlich genug fühlen lassen. Du wirst unter ihrer Hoheit

ein Leben führen, als hättest du nicht eine einfache, sondern gleich

eine doppelte Schwiegermutter mitgeheiratet, eine, die in deiner Ehe

gebietet, und eine, die in der Burg und über Land und Leute herrscht.

Dazu kommt, daß Juliane sehr schön ist, schöner als ihre Tochter jemals

werden wird --«

»Oho!«

»Oho? Willst du etwa bestreiten, daß Juliane schöner ist als Richilde?«

»Das bestreite ich ganz entschieden!«

»Dann hast du keine Augen im Kopf oder willst nicht sehen, was klar ist

wie der Tag,« sagte Hans erregt.

»Es muß Dämmerung gewesen sein, Ohm Hans, als du das gesehen haben

willst,« erwiderte Ernst spöttisch.

»Juliane ist in der Dämmerung schöner, als Richilde im hellsten

Sonnenschein,« behauptete Hans.

»Natürlich!« lachte Ernst, »im Dunkeln kann man sich's wenigstens

einbilden, daß eine die Schönste ist.«

»Was verstehst du von Weiberschönheit!« sprach Hans wegwerfend.

»Wie kannst du Frau Julianens Vollreife mit der lieblichen

Jugendfrische ihrer Tochter vergleichen!« entgegnete Ernst ärgerlich.

»Die erschlossene Rose ist mir lieber, als die noch halb grüne Knospe.«

»Die eine verblüht, die andere blüht auf.«

»Juliane ist schöner!«

»Richilde ist schöner!«

Sie waren beide aufgesprungen und standen sich mit funkelnden Augen

gegenüber. Plötzlich brach der ältere in ein ihm von Herzen kommendes,

schallendes Gelächter aus, legte schwer und wuchtig eine Hand auf die

Schulter des jüngeren und sprach: »Was sind wir doch für Narren, daß

wir uns darüber zanken, ob Mutter oder Tochter die Schönste ist! Geh

jetzt, denke darüber nach, was ich dir gesagt habe, und schlage dir das

Heiraten aus dem Sinn!«

Darauf reichten sich beide die Hände, und Ernst verließ das Gemach.

Das war der erste Streit, den Oheim und Neffe miteinander gehabt

hatten. Sie schieden zwar versöhnt, aber jeder verschwieg nun dem

andern etwas, was er ihm zu sagen sich vorgenommen hatte: Hans seinen

Zweikampf mit Bödigheim, und Ernst sein Stelldichein mit Richilde. Und

beides sollte morgen fast um dieselbe Stunde stattfinden. Verstimmt

ging Ernst seines Weges und nahm sich vor, den hagestolzen Oheim in

seiner Herzensangelegenheit nicht weiter zu Rate zu ziehen, sondern

rasch und entschlossen auf eigene Faust zu handeln. Wer so von den

Frauen, von der Liebe und Ehe dachte, von dem konnte ein Liebender

nimmermehr Hilfe und Beistand zur Förderung seines Glückes erwarten.

Siebzehntes Kapitel.

Auf dem Rasen im Schatten der mächtigen Buche, aus deren Zweigen

Richilde den Reiher geschossen und Ernst dann Sidonien befreit hatte,

und die deshalb von den vier Teilnehmern an jenem lustigen Abenteuer

fortan die Reiherbuche genannt wurde, saßen an dem zu der Zusammenkunft

vorausbestimmten Vormittage wieder dieselben vier wie damals: Junker

Ernst Landschad und die drei Fräulein von der Minneburg.

Aus den Gesichtern aller sprach helle Freude. Zwei von ihnen aber

strahlten förmlich von Glück und Seligkeit, und wenn sich ihre Blicke

begegneten, was sehr oft geschah, so flog hinüber und herüber ein

lächelnder Gruß unaussprechlicher Liebe.

Diese zwei waren Ernst und Richilde, deren junge Herzen sich hier zur

Stunde nach kurzem, heimlichem Zwiegespräch gefunden hatten mit der

hoffenden Frage und der beglückenden Antwort, die überall auf dem

bewohnten Erdenrund, solange Menschen darauf leben, in tausend Sprachen

erklingen und Mann und Weib in Liebe zueinander führen.

Nun saßen sie beide Hand in Hand hier nebeneinander, den Freundinnen

Hiltrud und Sidonie gegenüber und mit diesen in wichtiger Beratung über

das, was nun, nach dem soeben stattgehabten Verlöbnis, zunächst zu tun

sei.

Vor allem handelte es sich darum, wer Frau Juliane die erste Mitteilung

von dem Geschehenen machen sollte, und hierüber gab es in dem kleinen

Kreise so viel verschiedene Meinungen, wie die Zahl der Beratenden

betrug.

Ernst behauptete, das wäre sein Recht sowohl wie seine Pflicht, und

wollte sich stehenden Fußes nach der Minneburg begeben, um bei Frau

Juliane in aller Form um die Hand ihrer Tochter zu werben.

Hiltrud meinte, Richilde wäre es ihrer Mutter schuldig, dieser ein

offenes Geständnis ihrer Liebe und ihres mit Ernst geschlossenen Bundes

selber abzulegen, bevor es Frau Juliane aus irgendeinem anderen Munde,

selbst aus dem des hoffnungsvoll Werbenden, erführe.

Dazu hatte jedoch Richilde nicht den Mut, teils weil sie ihr Unrecht

fühlte, sich überhaupt ohne Wissen und Zustimmung ihrer Mutter verlobt

zu haben, teils weil sie, trotz der angebahnten Versöhnung, doch noch

einigen Zweifel hegte, ob Frau Juliane nun auch gleich eine eheliche

Verbindung ihrer Tochter mit einem Landschaden gestatten würde. Daher

fürchtete sie, sowohl harte Vorwürfe von ihrer Mutter zu bekommen wie

auch heftigen Widerstand bei derselben zu finden, und wünschte sich

wenigstens von dem ersten und stärksten Erguß des mütterlichen Zornes

etwas entfernt zu halten.

Sidonie tadelte Richildens Mangel an Mut und versicherte dabei, sie

würde die Gefühle und Taten ihres Herzens der ganzen Welt gegenüber

vertreten und alles dafür erdulden, wenn sie nur das Ziel ihrer

Sehnsucht erreichte. Dann aber erklärte sie sich nicht nur gern

bereit, das auf der Minneburg drohende Ungewitter über ihr ohnehin

schuldbeladenes Haupt ergehen zu lassen, sondern sie nahm auch die

Ehre, -- »und das Vergnügen«, fügte sie mit einem schelmischen

Lächeln hinzu -- Frau Juliane zuerst in die vollendete Tatsache

einzuweihen, als etwas mit Fug und Recht ihr allein Zukommendes für

sich in Anspruch. Denn, machte sie geltend, sie hätte die Liebe der

beiden zuerst entdeckt, hätte sie gestärkt und gefördert und auch die

gegenwärtige Zusammenkunft hier ins Werk gesetzt. Sie wäre also die

eigentliche Urheberin des glücklichen Ereignisses und würde das heute

hier Begonnene auch glücklich zu Ende führen, wenn sich die beiden

zunächst Beteiligten ihrem Schutz und Schirm und ihrer sicheren Leitung

anvertrauen wollten.

Ernst aber ließ sich nicht davon abbringen, daß es ihm als Mann

gezieme, mit tatkräftigem Handeln voranzugehen, seine Liebe und die

Geliebte der etwa zürnenden Mutter gegenüber selber zu verteidigen,

alle Schuld und alle Vorwürfe auf sich zu nehmen und sein und seiner

Verlobten schwankendes Lebensschifflein mit eigener, fester Hand in

den winkenden Hafen zu steuern. Er sagte daher Sidonien allen Dank für

ihre freundliche Bereitwilligkeit und bat sie, ihm und Richilde bei

etwa entstehenden Schwierigkeiten auch ferner mit gutem Rat und kluger

Vermittlung beizustehen, erklärte jedoch auf das bestimmteste, die drei

Freundinnen zur Minneburg begleiten und sich selber die Entscheidung

aus Frau Julianens Munde holen zu wollen.

Hiltrud und Richilde waren damit einverstanden; Sidonie dagegen sprach:

»Mit uns zugleich hinaufgehen, Ernst, kannst du nicht. Das sähe ja

gerade so aus, als hätten wir dich herbeigeholt, ich möchte fast sagen

eingefangen und brächten dich nun als geworbenen Werber im Triumph auf

die Burg.«

»Da hast du wirklich recht,« lachte Ernst; »so geht es nicht. Einer muß

voran, ihr oder ich.«

Nun entspann sich ein neuer Streit darüber, wer vorangehen sollte.

Sidonie wollte es tun, und Ernst wollte es auch.

»Jedenfalls,« sprach Hiltrud, »muß, wer zuerst hinaufkommt, Frau

Juliane auch sofort Mitteilung machen von dem, was sich hier ereignet

hat. Und wenn wir Mädchen es sind, so ist es -- ich bleibe dabei --

Richildens Pflicht, es ihrer Mutter, sobald sie dieselbe wiedersieht,

nicht eine Minute lang zu verheimlichen.«

»Nein, dann tue ich's,« sprach Sidonie. »Ich bin die älteste von uns

dreien, ich werde mit Frau Julianen am besten fertig und will sie auf

Ernsts Besuch schon so vorbereiten, daß er nachher nichts anderes

in ihr findet, als eine ihn mit offenen Armen willkommen heißende

Schwiegermutter.«

Bei dem Worte ›Schwiegermutter‹ zuckte ein flüchtiges Lächeln

über Ernsts Gesicht. Er mußte an Ohm Hansens Gespensterfurcht vor

Schwiegermüttern denken.

»Wenn es aber nun doch anders kommt und sie nein sagt?« frug Richilde

mit einem leisen Seufzer. »Was dann?«

»Was dann? Dann läßt du dich von Ernst entführen,« lachte Sidonie.

»Um Gottes willen!« rief Richilde erschrocken.

»Sidonie weiß immer Rat,« lächelte Ernst. »Aber erst will ich einmal

selber mein Heil bei der edlen Frau versuchen. Ich reite voraus, was

mein Brauner laufen kann, und ihr drei folgt langsam nach, und wenn mir

das Glück hold ist, so lasse ich den Türmer ein lustiges Stücklein von

der Zinne herunterschmettern, daß ihr es schon von weitem hören sollt.«

»Still! wir werden belauscht,« rief plötzlich Hiltrud und deutete mit

den Augen nach dem nahen Gebüsch hin.

Aller Blicke wandten sich der Stelle zu, wo sie eine hinter Sträuchern

halb verborgene Gestalt entdeckten. Ernst sprang auf und eilte dahin,

um der unliebsamen Störung nachzuforschen.

Da trat ihm zu seiner größten Überraschung Josephine entgegen.

»Josephine!« rief er unbedacht aus, verbesserte sich aber schnell, --

»Joseph! wie kommst du hierher?«

Das Mädchen antwortete verlegen: »Ich suchte Euch, Junker Hans.«

»Und gerade hier?« frug er mißtrauisch.

»Ich sah Euch heute früh fortreiten und dachte mir wohl, welchen Weg

Ihr einschlagen würdet.«

Als die drei Fräulein einen dunkelgekleideten Jüngling erblickten, mit

dem sich Ernst in ein friedliches Gespräch einließ, kamen sie flink

herzu, um sich den Ankömmling zu betrachten.

»Es ist mein Freund Joseph, Isaak Zachäus' Sohn,« erklärte ihnen Ernst.

»Du kennst ihn schon, Sidonie. Er hat mich aufgesucht, wie er sagt, und

scheint eine Botschaft an mich zu haben. Sprich, Joseph! was bringst

du?«

»Einen Auftrag habe ich dazu nicht, Junker Ernst,« erwiderte sie, schon

sicherer geworden, »aber ich glaubte, es würde Euch lieb sein, schnell

zu erfahren, was sich begeben hat. Bei der Schmiedeschenke, von wo ich

eben herkomme, hat ein Zweikampf zwischen Junker Hans und dem Ritter

Bödigheim stattgefunden.«

»Ein Zweikampf? ein scharfer Zweikampf?« frug Ernst, und die drei

Fräulein zeigten bestürzte Gesichter.

»Auf Leben und Tod.«

»Nun, und --?«

»Sie sind beide verwundet,« berichtete Josephine. »Junker Hans nicht

gefährlich; er kann zu Pferde sitzen und nach Hause reiten. Ritter

Bödigheim aber liegt schwer darnieder; das linke Schlüsselbein ist ihm

durchgeschlagen und wahrscheinlich noch eine oder zwei Rippen. Mein

Vater ist dort und hat ihn verbunden.«

»Ohm Hans einen Zweikampf mit Bödigheim! und davon hat er mir gestern

kein Wort gesagt,« murmelte Ernst.

»Herr Engelhard von Hirschhorn und der Graf von Lauffen waren auch

dort als Zeugen,« fuhr Josephine fort; »der Schmied nannte mir die

Namen. Sie lassen einen Bauernwagen aus Neunkirchen holen, um den

Schwerverwundeten fortzuschaffen. Mein Vater, der ja Arzt ist, soll ihn

nach Burg Dauchstein geleiten und dort pflegen.«

»Ich muß gleich hin,« sprach Ernst erregt zu den Fräulein. »Den Besuch

bei deiner Mutter mache ich morgen, spätestens übermorgen, sobald ich

kann,« flüsterte er Richilde mit zärtlichem Blick und Händedruck zu,

während sich Josephinens funkelnde Augen feindselig in deren Antlitz

bohrten. »Komm Joseph!« und den anderen beiden freundlich zunickend

schritt er mit Josephinen in den Wald hinein der Stelle zu, wo er sein

Pferd angebunden hatte.

»Weißt du etwas über die Veranlassung zu dem Zweikampf?« frug er.

»Nein, gar nichts,« erwiderte Josephine. »Junker Hans kam gestern

abend, unbemerkt von Euren Eltern, zu meinem Vater und gebot ihm, sich

heute vormittag an der Schmiedeschenke einzufinden, wo man vielleicht

seines ärztlichen Beistandes benötigt sein würde. Doch legte er ihm

strengste Verschwiegenheit darüber auf. Mein Vater nahm mich mit,

und ich durfte dem Kampfe zusehen; ach! es war schrecklich, wie sie

aufeinander losschlugen. Als alles vorüber war, ging ich Euch nach, um

Euch Botschaft zu bringen, denn mein Vater kehrte ja nicht mit mir nach

Neckarsteinach zurück. Ich glaubte Euch auf der Minneburg, und den Weg

kannte ich so ziemlich nach Eurer eigenen Beschreibung. Bald entdeckte

ich auch die frischen Hufspuren Eures Pferdes, denen ich folgte, bis

ich Euch fand.«

Das war nicht ganz der Wahrheit entsprechend. Nicht um Ernst Botschaft

zu bringen, war Josephine diesen Weg gegangen, sondern um in der Nähe

der Minneburg Ernst bei einem vermutlichen Stelldichein mit Richilde

im Walde zu belauschen und diese endlich einmal mit eigenen Augen zu

sehen, was ihr ja beides auch gelungen war.

Ernst, teils noch im Rausche seines Liebesglücks, teils in Sorge um

seinen geliebten Oheim, dachte nicht daran, Josephine zu fragen, wie

lange sie dort im Gebüsch gestanden, was sie alles gesehen und wieviel

sie von seiner Unterhaltung mit den Fräulein aufgefangen hätte. Daran

lag ihm auch nichts. Er hätte ihr rückhaltlos alles selber erzählt,

wenn er jetzt in einer mitteilsameren Stimmung gewesen wäre. Bei seinem

Pferde angekommen, schwang er sich in den Sattel und ritt schnell

davon, um Hans nach dem siegreich bestandenen Kampfe sobald wie möglich

wiederzusehen und sich von der Beschaffenheit seiner Verwundung zu

überzeugen.

Nicht drei Minuten aber war Josephine allein, als sie wieder nahenden

Hufschlag hörte. Ernst kam noch einmal zurück und rief, als er der

darob Erstaunten ansichtig wurde, ihr von weitem zu: »Geh zu den

Fräulein und sage ihnen, ich ließe sie bitten, Frau Juliane das heute

Geschehene nicht mitzuteilen!«

Josephine nickte, und Ernst wandte sein Pferd und sprengte davon.

Sie hatte ihn wohl verstanden und wußte, was er mit dem heute

Geschehenen meinte. »Aha!« dachte sie, »Frau Juliane soll's noch nicht

erfahren, wahrscheinlich weil man ihren Einspruch dagegen fürchtet,

mindestens einen Aufschub, den zu wünschen sie ja Grund genug hat, und

der auch anderen Leuten durchaus nicht unwillkommen wäre. Drehen wir

das Glücksrad einmal links herum! ich kann mich ja verhört haben.«

Mit diesem Entschluß kam ihr noch ein anderer Gedanke. Die selber

Eifersüchtige nahm sich vor, eine andere auf sich eifersüchtig zu

machen, und was sie sonst vor aller Welt zu verbergen bestrebt war,

wollte sie jetzt absichtlich enthüllen und dazu benutzen, Zweifel und

Zwietracht zwischen zwei eben erst vereinigte Herzen zu säen.

Sie entledigte sich ihres langen Rockes, hängte ihn an einen

Strauch und stand nun in der kurzen, anliegenden Tracht, die ihre

jungfräulichen Körperformen zeigte und jedem weiblichen Auge auf den

ersten Blick ihr wahres Geschlecht verraten mußte. So ging sie zu dem

Platz an der Buche zurück, wo sie die drei Fräulein noch in lebhafter

Unterhaltung antraf.

»Fräulein,« begann sie mit angenommener Schüchternheit, »Junker Ernst

läßt Euch noch sagen, Ihr möchtet das heute Geschehene Frau Juliane

mitteilen.«

Mit höchst verwunderten Augen starrten alle drei die ganz veränderte

Gestalt an, und ein halbunterdrücktes Lachen bei der einen und eine

leichte Verwirrung und ein schnelles Erröten bei den anderen sagte der

heimlich Frohlockenden, daß sie ihre Absicht erreicht hatte.

Sidonie, immer noch mit Lachen kämpfend, nahm zuerst das Wort zur

Erwiderung und sprach: »Wir danken Euch und werden dem Wunsche Junker

Ernsts treulich nachkommen.«

Dieser Wunsch erschien den drei Freundinnen durchaus gerechtfertigt,

denn was war natürlicher, als daß Ernst, selber verhindert, nun sie

ersuchte, Frau Juliane die von Kindespflicht, Sitte und Höflichkeit

gebotene Mitteilung zu machen!

»Habt Ihr sonst noch einen Auftrag an Junker Ernst?« frug Josephine,

nur um ein Gespräch anzuknüpfen, in dem sie vielleicht Gelegenheit

fände, sich ihrer Vertraulichkeit mit Ernst zu rühmen.

»Einen Auftrag an Junker Ernst nicht, aber wohl eine Frage an Euch,«

sagte Sidonie. »Wenn ich mich nicht getäuscht habe, so nannte Euch

Junker Ernst, als Ihr ihm vorhin hier aus dem Gebüsch entgegentratet,

zuerst Josephine und mich will bedünken, dieser Name käme Euch mit

größerem Rechte zu, als der Name Joseph. Ist es so, oder irre ich

mich?« frug sie, die volle schlanke Gestalt noch einmal von Kopf zu

Füßen mit scharfem Blicke musternd.

»Ihr irrt Euch nicht; ich bin ein Mädchen,« sprach Josephine mit

gesenkten Wimpern. Eine unwillkürliche Bewegung und ein leiser Ausruf

des Erschreckens seitens der Fräulein war die nächste Folge dieses

Geständnisses.

»Und Junker Ernst weiß das?« fuhr Hiltrud heraus.

»Er weiß es längst, aber sonst niemand außer ihm,« erwiderte Josephine.

»Ihm allein habe ich mich rückhaltlos anvertraut, und ich bitte

Euch inständig, edle Fräulein, es ihm nicht zu sagen, daß Ihr mich

durchschaut habt.«

Da verging Sidonie die Lust zum Lachen. Es fiel ihr ein, daß Ernst, als

sie ihm mit diesem sogenannten Joseph bei Neckarsteinach begegnet war,

ihr erzählt hatte, er streifte mit ihm tagelang allein im Walde umher.

»Und er nannte sie seinen Freund!« flüsterte Hiltrud der neben ihr

stehenden Freundin zu.

Richilde sprach kein Wort. Nicht daß schon irgendein Verdacht gegen den

Geliebten in ihrer kindlich reinen Seele aufgestiegen wäre; aber ihr

war doch beim Anblick dieses hübschen verkleideten Mädchens fast bang

und traurig zumut, sie wußte selbst nicht warum.

Josephinens Erscheinung hatte allerdings in der jugendlich männlichen

Tracht etwas unendlich Reizendes und Verführerisches, das selbst auf

die jungen Mädchen seine Wirkung nicht verfehlte, zumal diese scheinbar

nicht von einer ihres Geschlechts, sondern von einer blühenden

Jünglingsgestalt ausging.

Und mit diesem verkleideten Mädchen schien Ernst, als alleiniger

Mitwisser ihres Geheimnisses, auf sehr vertrautem Fuße zu stehen. Hatte

er der berückenden Kraft des Zaubers widerstanden, der im Wesen dieses

Mädchens lag? und würde er ihr auch auf die Dauer widerstehen, wenn er

noch länger dem Einfluß desselben ausgesetzt bliebe?

So dachte die kluge Sidonie und sann darauf, diesen gefährlichen Zauber

zu brechen.

»Warum tragt Ihr männliche Kleidung, Jungfer Josephine?« frug sie.

»Mein Vater verlangt es, und auf unseren beständigen Wanderfahrten geht

es auch nicht anders,« erwiderte Josephine. »Aber da mir der lange

Rock beim Gehen hinderlich ist, streife ich ihn ab, wenn ich mich vor

Entdeckung sicher glaube. Als mir nun Junker Ernst jetzt die Bestellung

an Euch auftrug, mit der ich eilen mußte, wenn ich Euch hier noch

treffen wollte, nahm ich mir nicht die Zeit, mich wieder zu verhüllen,

nicht bedenkend, daß ich mich Euch dadurch verraten könnte.«

»Hat Euch Junker Ernst schon so gesehen?«

»O ja!« lächelte sie, »er sieht mich so am liebsten, und sobald ich mit

ihm allein bin, muß ich mich stets von dem Rocke befreien.«

Dabei warf sie einen beobachtenden Blick auf Richilde, in deren Zügen

sie schadenfroh den Ausdruck von Unruhe und Unbehagen bemerkte.

Richilde kehrte sich ab, um ihren Verdruß vor den Augen der sie

unverschämt Dünkenden zu verbergen.

»Wie lange bleibt Ihr noch auf der Mittelburg?« frug Sidonie wieder.

»Wahrscheinlich noch lange Zeit,« erwiderte Josephine; »Herr Bligger

will meinen Vater nicht aus seinen Diensten entlassen.«

»Dann tätet Ihr besser, Euch züchtig in weibliche Kleidung zu hüllen;

auf der Mittelburg droht Eurer Tugend, wenn sie sonst echt ist, keine

Gefahr,« sprach Hiltrud mit scharfer Betonung.

»O macht Euch um mich keine Sorge, Fräulein!« gab ihr Josephine

spöttisch zur Antwort. »Ich stehe unter dem ritterlichen Schutze

dessen, der mich seinen Freund nennt.«

Schnell wandte sich Richilde und warf ihr zornrot ins Gesicht: »Vergeßt

nicht, daß Ihr eine Jüdin seid!«

Josephine biß zuckend die Lippen zusammen. Sie mußte dabei wieder

an die Worte denken, die Ernst seinem Ohm Hans nach dem Schachspiel

zugeflüstert hatte, und aus ihren dunklen Augen schoß ein Blick wie ein

vergifteter Pfeil auf die Beleidigerin.

»Richilde! wozu das?!« tadelte Sidonie die Aufgeregte. »Kommt! Frau

Juliane erwartet uns,« fuhr sie dann fort, und zu Josephine: »Lebt

wohl! und sagt Junker Ernst, es würde geschehen, was er wünschte.«

»Ich danke Euch, Fräulein Sidonie!« sprach Josephine.

Hiltrud nickte ihr stumm, kaum merklich mit dem Kopfe zu; Richilde

würdigte sie keines Abschiedsgrußes. So gingen die drei der Minneburg

zu.

Josephine stand und blickte voll gärenden Hasses der Blonden nach.

»Hochmütige, hüte dich vor mir!« murmelte sie zwischen den Zähnen. Dann

schlug sie die entgegengesetzte Richtung ein, um auf dem kürzesten

Wege nach Neckarsteinach zu kommen. Als sie ihren Rock wieder vom

Strauche nahm, lachte sie: »Das war ein guter Gedanke, und er hat seine

Schuldigkeit getan.«

Achtzehntes Kapitel.

Zu derselben Stunde, da bei der Reiherbuche Ernst und Richilde

sich ihre Liebe gestanden und sich Treue gelobten und bei der

Schmiedeschenke Hans Landschad und Bruno von Bödigheim sich Julianens

wegen schlugen, erhielt die letztere den unerwarteten Besuch ihrer

trautesten Freundin, Frau Elisabeth von Erlickheim.

Das Recht der Hagestolze: Eine Heiratsgeschichte aus dem Neckartal · 第 16 / 24 段