sprechen! das soll ein Glück für den einen sein, wenn der andere
leidend und elend ist? aber das sieht Euch ähnlich, Euch, der Ihr kein
Mitgefühl kennt! -- O Gott! es fängt schon wieder an,« unterbrach sie
sich plötzlich mit kläglicher Stimme und hielt sich den Kopf. »Wie mich
ein solcher Wortwechsel aufregt! und ich lebe doch so gern in Frieden
mit aller Welt. Aber diese ewigen Streitigkeiten machen mich immer
mürber, immer kränker und siecher, bis es einmal ganz mit mir vorbei
ist.«
»Na ja, da haben wir's!« sagte Engelhard. »Siehst du, Hans, so weit
hast du's nun mit deiner Zänkerei und Rechthaberei gebracht! Wenn
meiner lieben Schwiegermutter nun etwas zustößt, so bist du schuld!«
»Wird wohl so schlimm nicht werden,« brummte Hans.
»Was? so schlimm nicht werden?« eiferte Margarethe. »Man sieht's,
Junker Landschad, daß Ihr keine Frau und besonders keine
Schwiegermutter habt --«
»Gott in allen Himmeln sei gedankt! nein!!« rief Hans mit einem Blick
nach oben die Hände faltend und wie zu einem Dankgebet erhebend.
»-- darum habt Ihr auch keine Ahnung von der feinfühligen,
zartbesaiteten, empfindsamen und erregbaren Natur eines edlen
weiblichen Wesens, --«
»-- wie eine Schwiegermutter ist,« schaltete Engelhard lachend ein.
»-- das ihr Männer auf Rosen betten und auf den Händen tragen, dem ihr
jeden Wunsch von dem Augen ablesen, unter dessen kluge Leitung ihr euch
fügen und schmiegen solltet, statt es unter einem unwürdigen Drucke zu
halten, mit Widerspruch zu reizen und mit euren herrischen Launen zu
quälen und zu martern. O mein Kopf! mein Kopf!«
Hans und Engelhard sahen einander an.
»Ja, ja!« sagte Engelhard, »nun hast du's auch einmal gehört; ich
kann's auswendig.«
»Und ich vergeß' es in meinem Leben nicht wieder,« sprach Hans.
Frau Anna, die in der tödlichsten Verlegenheit gesessen und stumm auf
ihren Teller geblickt hatte, gab jetzt ihrer Mutter einen leisen Wink.
»Was willst du?« frug diese laut. »Meinst wohl, ich soll klein beigeben
und das Feld räumen? fällt mir nicht ein! Schenkt mir ein, Herr
Sohn! Der Wein ist gut und stärkt und hebt mir die Kräfte und alle
Lebensgeister --«
Und dann geht es wieder los mit noch verstärkten Kräften, dachte Hans.
»-- und wir können uns ja auch wieder versöhnen, wie wir es schon so
manches Mal getan haben, lieber Herr Sohn.«
»Jawohl, liebe Frau Schwieger!« rief Engelhard lustig, füllte ihren
Becher und stieß mit ihr an, und die anderen folgten dem Beispiel der
beiden.
Als Margarethe dem Junker Hans ihren Becher entgegenhielt, sagte sie:
»Jetzt trinke ich auf das Wohl der schönen Frau Juliane Rüdt von
Kollenberg, und wer es gut mit ihr meint, der trinkt mit.«
»Da bin ich allemal dabei,« sprach Hans und stürzte seinen Becher voll
Wein in einem Zuge hinunter.
»Aha!« machte Engelhard, »Hans, das war gründlich!«
Hans nickte ihm mit einem flammenden Blicke zu, und es kam ihm vom
Herzen, als er sprach: »Ja, das sollt' es auch!«
Allmählich, während eines harmloseren Gesprächs, an dem sich nun auch
Frau Anna beteiligte, wurde Frau Margarethe von Handschuchsheim immer
stiller und stiller; die Augenlider wurden ihr schwer, und sie fing
an, mit dem Kopfe zu nicken. Als sie sich ihrer Schläfrigkeit bewußt
wurde, stand sie auf und sagte: »Ich muß ein wenig der Ruhe pflegen;
die Notwehr gegen euch zänkische Männer hat mich etwas angegriffen;
kein Wunder, wenn man mit einem Landschaden streiten muß, einem Meister
im Schachspiel, bei welchem der Ritter auch die Dame auf jedem Felde
schlagen darf wider alle Sitte und Höflichkeit im Leben.« Diesen
kleinen Hieb mußte sie dem Gaste doch noch versetzen. Dann aber bot sie
ihm die Hand und fuhr fort: »Lebt wohl, Junker Hans: Werden wir uns
bald einmal wiedersehen?«
Wenn's auf mich ankäme, in diesem Leben nicht mehr! dachte Hans, sagte
jedoch: »Gewiß, gnädige Frau! sobald wie irgend möglich werde ich mir
diese große Freude wieder zu verschaffen suchen.«
Darauf verließ Margarethe das Gemach, begleitet von ihrer Tochter und
deren Kindern. Die Männer blieben allein und tranken weiter.
Kaum hatte sich die Tür hinter jenen geschlossen, als Hans seinen
vollen Becher wiederum auf einen Zug leerte und dem Trunke ein
langgedehntes, befreiendes Ah! folgen ließ.
»Ist sie runter?« lächelte Engelhard; er meinte die Schwiegermutter.
»Noch nicht ganz,« lachte Hans, »aber sie rutscht schon.«
»Sie hat nur eine böse Zunge, nicht eigentlich ein böses Herz,«
erklärte nun Engelhard. »Wenn man sich an ihre Art gewöhnt hat und auch
gegen sie kein Blatt vor den Mund nimmt, so ist zur Not schon mit ihr
auszukommen.«
»Der Teufel mag sich an eine Schwiegermutter gewöhnen!« fuhr Hans
heraus, »ich käme mit der Frau nicht aus.«
»Weg damit!« sprach Engelhard, »trink! und laß uns von etwas anderem
reden. Erzähle mir von der Minneburg.«
»Da ist nichts zu erzählen,« gab Hans kurz zur Antwort.
»Höre, Hans,« begann nun Engelhard, »wir waren immer treue Kumpane,
haben manchen Ritt zusammen gemacht und manchen Trunk miteinander
getan; jetzt sage mir einmal offen und ehrlich: wie stehst du mit
Juliane?«
Hans wurde wieder rot wie ein Schulknabe, rückte auf seinem Stuhle
hin und her, und es wurde ihm sichtlich schwer, dem Freunde darauf
eine Antwort zu geben. Endlich sagte er: »Wie soll ich mit ihr stehen?
erst waren wir gute Freunde, dann haben wir uns drei Jahre lang nicht
gesehen, und jetzt sind wir auf dem besten Wege, wieder gute Freunde zu
werden.«
»Du solltest sie heiraten, Hans,« sprach Engelhard nun rund heraus.
»Fängst du schon wieder damit an?!« brauste Hans auf. »Das tue ich
nicht!«
»Von der Freundschaft zur Liebe ist zwischen Leuten, wie ihr seid, nur
ein Schritt.«
»Den zu tun ich mich wohl hüten werde!« knurrte Hans.
»Aber du kriegst ja doch bei ihr keine Schwiegermutter mit.«
»Wenn auch. Ich will nicht heiraten, niemals, niemals, will keine
Ketten tragen, will mich nicht ducken und bücken, nicht leiten und
lenken lassen, will bleiben, was ich bin, einsam und allein, frei und
ungebunden! Nun weißt du's, hättest es schon längst wissen können, und
wenn du mich damit nicht in Ruhe läßt, so reiße ich das Fenster auf und
schreie in den Hof hinab, daß sie mir meinen Rappen satteln, weil ich
hier oben zu schlecht behandelt würde. Sela!«
Engelhard schüttelte den Kopf und schwieg; er dachte an Bliggers
Heiratsplan und an das Recht der Hagestolze.
Sie leerten noch gemächlich und in guter Freundschaft den erst vor
kurzem gefüllten Krug; dann verabschiedete sich Hans, wobei ihm
Engelhard noch einmal versprach, übermorgen pünktlich zur Stelle zu
sein. --
Zu derselben Zeit, da Hans auf der Burg Zwingenberg saß, ritt sein
Gegner von der Minneburg aus nach dem Dilsberge zum Grafen Philipp von
Lauffen mit der Absicht, diesen um den gleichen Dienst zu ersuchen wie
Hans Landschad seinen Freund Engelhard von Hirschhorn.
»Etwas Gutes weissagt dies Gesicht nicht,« sprach Graf Philipp, als
Bödigheim bei ihm eintrat.
»Wie man's nimmt,« erwiderte der so Begrüßte. »Schlagt Ihr nicht auch
gern Euren besten Feind tot?«
»Bödigheim! wen habt Ihr erschlagen?« frug der Graf erschrocken.
»Noch ist's nicht soweit, aber übermorgen hoffe ich so glücklich zu
sein,« gab Bödigheim bissig zur Antwort.
»Wen?« frug Lauffen noch einmal, »doch nicht Hans Landschad?«
»Keinen anderen!«
»Das wäre ein recht dummer Streich,« versetzte der Graf. »Wenn Ihr ihm
jetzt den Hals brecht,« fuhr er fort, als Bödigheim ihn finster und
verwundert anblickte, »so beerben ihn seine Brüder. Wartet, bis er
fünfzig Jahr, drei Monat und zwei Tage alt ist, dann beerben wir ihn,
das heißt der Pfalzgraf, und Ihr bekommt das Lehen.«
»Bis dahin hat er Weib und Kind,« knirschte der andere.
»Was sagt Ihr?« fuhr Graf Philipp auf.
»Ich komme von der Minneburg,« ließ sich Bödigheim erregt aus, »habe
in aller ritterlicher Form und Höflichkeit um die Rüdt geworben und
bin abgewiesen, abgewiesen wie ein Bettler oder wie ein Feind vor
aufgezogener Brücke.«
»Weil sie den Landschaden nimmt?«
»Mir ist's kein Zweifel,« erwiderte der Verschmähte. »Als ich in der
Bitterkeit meines Mißgeschicks seiner erwähnte, fuhr sie auf mich los,
als hätte ich ihr an die Krone gestoßen, als wäre sie schon seine
Verlobte und in Liebe zu ihm entbrannt.«
»Und da habt Ihr ihn gefordert?«
»Das hatte ich schon vorher getan.«
»Schon vorher? sehr fürsorglich, Bödigheim!« lachte der Graf.
»Als ich zur Minneburg hinaufritt, kam der Landschad gerade herunter
und prahlte mit seinem Glück und höhnte mich.«
»Und übermorgen wollt Ihr Euch mit ihm raufen?«
»Ja, übermorgen vormittag bei der Schmiedeschenke, und ich bitte Euch,
Lauffen, daß Ihr dabei mein Zeuge seid. Ihr habt mir's versprochen, mir
zu Diensten zu sein, wenn ich Eurer bedürfte.«
»Hm!« machte der Graf, »ich will mich Euch nicht versagen, Bödigheim;
aber lieb ist mir's nicht, meinen Nachbarn, den Landschaden gegenüber.
Tut mir wenigstens den Gefallen und schlagt ihn nicht ganz tot, wischt
ihm eins aus, daß er auf ein paar Wochen genug hat, damit wir Zeit
gewinnen. Kommt Zeit, kommt Rat.«
»Doch! ganz tot, mausetot schlage ich ihn, den Tölpel, den Bären!«
schnob der Ergrimmte.
Der Graf schwieg ein Weilchen; dann sagte er: »Bödigheim, weiß Frau
Rüdt etwas vom Hagestolzenrecht?«
Der Ritter zuckte die Achseln. »Ich war drauf und dran, sie danach zu
fragen und sie darüber aufzuklären; aber Ihr hattet mir ja die Zunge
gebunden.«
»Ich weiß, ich weiß,« erwiderte der Graf. »Aber unter diesen Umständen
wäre es doch gut, wenn sie erführe, warum Hans Landschad sie eigentlich
heiraten will oder heiraten soll.«
»Ich kann es ihr jetzt nicht mehr sagen.«
»Ihr nicht; aber ist nicht Eure Schwester, Frau von Erlickheim, mit der
Rüdt befreundet?«
»Ich glaube wohl,« sprach Bödigheim; »ich überschreite die Schwelle
meines Schwagers nicht.«
»Das wäre ja auch nicht nötig; Ihr könnt ja Eurer Schwester schreiben.«
»Meint Ihr?« erwiderte der andere. »Übrigens habe ich Grund zu
vermuten, daß Elisabeth von der Sache weiß. Sie sandte mir kürzlich
einen Wink, ich sollte mich sputen, mit Julianen ins reine zu kommen;
ein anderer würbe um sie.«
»Und doch habt Ihr, von Eurer Schwester und mir zur Eile getrieben, so
lange gezögert und gezaudert, bis Euch nun der andere zuvorgekommen
ist? Unbegreiflich, unverantwortlich, Bödigheim!«
»Ich sehe es ein und bereue es, aber jetzt ist es zu spät.«
»Vielleicht noch nicht. Gleich setzt Euch und schreibt! Dort ist alles,
was Ihr braucht; ich bestelle inzwischen einen Boten.«
So geschah es. Bödigheim schrieb einen Brief an seine Schwester,
sie möchte Frau Rüdt von Kollenberg über das Recht der Hagestolze
aufklären, und daß Hans Landschad sie nur darum heiraten wollte. Auch
daß er mit seiner Werbung von Juliane rund abgewiesen war, teilte er
der Schwester mit. Graf Philipp aber befahl einem Knechte, sich zu
einem Botenritt nach Burg Stolzeneck bereitzumachen. --
Als Hans gegen Abend heimkehrte und seinem Bruder Bligger meldete,
daß Juliane den Wald mit allem Dank angenommen hätte und bald selber
zur Versöhnungsfeier nach Neckarsteinach kommen wollte, war Bligger
hocherfreut, nahm jedoch den arglosen Friedensvermittler noch in ein
scharfes Verhör über seine heutige Unterhaltung mit Juliane und der
letzteren Benehmen gegen ihn. Er erfuhr zwar nicht alles, doch immerhin
genug von dem, was er zu hören wünschte.
Hans erzählte ihm dann auch, daß er bei Engelhard von Hirschhorn
gewesen wäre, damit Bligger nicht denken sollte, er hätte den ganzen
Tag bei Juliane auf der Minneburg gesessen.
Den Anlaß aber seines Besuches auf Zwingenberg, die Begegnung mit Bruno
von Bödigheim und die Herausforderung zum Zweikampf, verschwieg er dem
Bruder.
Nachdem ihn Hans verlassen hatte, suchte Bligger gleich seine Gattin
auf, traf sie jedoch nicht allein und raunte ihr deshalb nur vergnügt
und voller Hoffnung zu: »Käthe! Hans ist zurück; es geht alles nach
Wunsch!«
Sechzehntes Kapitel.
Ernst verbrachte den Tag, an welchen Hans mit Sidonie nach der
Minneburg geritten war, in großer Unruhe. Er wäre so gerne mitgeritten
und grollte seinem Vater, der es ihm verboten hatte. Mit seiner ganzen
Sehnsucht begleitete er die beiden auf ihrem Ritte, berechnete die
Zeit, wann sie dort ankommen mußten, und beneidete Hans, daß dieser,
dem wenig daran gelegen sein konnte, Richilde heute wiedersah,
während er selber, den es heiß danach verlangte, dieses Glückes nicht
teilhaftig wurde. Jetzt sind sie da, sagte er sich, setzt sieht Ohm
Hans das holde Mädchen, drückt ihr die Hand und blickt ihr in die
lieben süßen Augen; sie spricht mit ihm und lächelt ihn an und wundert
sich im stillen, daß du nicht mitgekommen bist. Was wird sie davon
denken, wenn es ihr Sidonie nicht sagt, warum du zurückgeblieben bist!
aber sie wird es ihr sagen; Sidonie ist klug und euch wohlgesinnt.
Diese und ähnliche Gedanken beschäftigten ihn den ganzen Vormittag und
wurden dann von der Ungeduld abgelöst, mit der er Hans zurückerwartete,
um ihn über Richilde ausfragen zu können.
In dem Drange, sein übervolles Herz durch offenes Aussprechen zu
erleichtern, vertraute er sein Hoffen und Sehnen der ihn auf
stillen Waldwegen wieder begleitenden Josephine an, die auch seinem
ausführlichen Gespräch über die von ihm einzig Geliebte mit großer
Aufmerksamkeit folgte. Aber seit jenem Abend auf Burg Schadeck, der ihr
in einer tief demütigenden Erinnerung stand, war mit ihr eine Wandlung
vorgegangen. In dem heißblütigem leidenschaftlichen Mädchen war das
Weib erwacht, das seine Liebe nicht zurückgewiesen, seine Hingebung
nicht um einer anderen willen verschmäht wissen wollte, und das voll
Eifersucht und Haß auf die Bevorzugte den Wunsch hatte, sich an dieser
rächen zu können. Darum lauschte sie seinen Plänen und vorhabenden
Schritten nur mit der Absicht, sie zu hemmen und zu durchkreuzen, und
gab die Hoffnung, Ernsts Liebe zu gewinnen, noch immer nicht auf,
welcher Mittel auch sie sich dazu bedienen müßte.
Um über alles zu ihren Zwecken Brauchbare genau unterrichtet zu sein,
ging sie ihren Vater an, ihr nicht nur Richildens, sondern auch
Julianens Horoskop vollständig mitzuteilen, und es gelang ihr auch, ihm
Wort für Wort zu entlocken, was er der Herrin der Minneburg damals in
dem Erker ihres Palasgemaches gesagt hatte. --
Der Abend kam heran, ehe Hans zurückkehrte; doch Ernst konnte den
Oheim nicht mehr sprechen und erfuhr nur von seinem Vater, daß die
Angelegenheit mit dem Walde zu allseitiger Zufriedenheit erledigt und
die völlige Versöhnung mit Frau Rüdt von Kollenberg auf dem besten Wege
wäre; er könnte nun nach der Minneburg reiten, so oft es ihm beliebte.
Die Worte waren seinen Ohren eine Musik, die ihm bis ins Herz hinein
klang und sein Verlangen aufs äußerste steigerte, sich von Ohm Hans
erzählen zu lassen, wie sich alles zugetragen hatte.
Am andern Morgen früh genug, um sicher zu sein, daß Hans nicht etwa
schon wieder Gott weiß wohin entschlüpft war, begab sich Ernst zu ihm
auf Burg Schadeck.
»Kommst du, mein Bursch?« tief ihm Hans fröhlich entgegen, »meinst
wohl, ich hätte es nicht ohne dich fertig gebracht auf der Minneburg?
Oh! was du dir denkst! Oder willst du mich nun auch ausholen wie
gestern abend dein Vater schon getan hat? Was ich gesagt hätte, und
was sie gesagt hätte, was ich darauf entgegnet, und was sie dann
wieder geredet hätte; das ging in einem so fort, als ob ich auf der
Streckleiter läge, und er zog immer schärfer an und frug und frug, daß
ich gar nicht mehr wußte, was ich antworten sollte.«
»Die Hauptsache weiß ich, Ohm Hans,« erwiderte Ernst; »aber du mußt mir
nun ausführlich erzählen, was du auf der Minneburg alles erlebt hast.«
Dazu ließ sich denn der gutmütige Hans auch herbei; aber er machte
es seinem Neffen gegenüber ebenso, wie er es gestern seinem Bruder
gegenüber gemacht hatte: er sagte ihm soviel, wie er mitzuteilen für
gut fand, und behielt das Beste für sich.
»Waren die drei Fräulein bei eurer Verhandlung zugegen?« frug Ernst.
»Nein; Sidonie nahm ihre beiden Freundinnen gleich mit sich aus dem
Zimmer; ich habe sie nur flüchtig gesehen,« erwiderte Hans.
»Aber doch auch gesprochen?«
»Nur kurz bei meiner Ankunft und beim Abschied,« sagte Hans; »sie waren
munter wie Eichkätzchen.«
»Fräulein Richilde auch?«
»Gewiß!«
»Wird sie mitkommen, wenn ihre Mutter uns nächstens hier besucht?«
»Weiß ich nicht, ist aber wohl möglich.«
»Hat sie nach mir gefragt?«
»Nach dir gefragt? nein! wie sollte sie denn dazu kommen?« entgegnete
Hans, immer verwunderter über die seltsamen Fragen seines Neffen.
»Nun, ich dachte, weil ich dich diesmal nicht begleitete.«
»Und da meinst du wohl, sie hätte dich vermißt?«
»Das hoff' ich,« sprach Ernst.
»So? das hoffst du? sieh mal an! Was hast du denn für Gründe zu solcher
Hoffnung?« Ernst schlug die Augen nieder und schwieg. Hans aber sah
ihn mit einem langen, aufmerksam prüfenden Blick an, denn es stieg ihm
der Verdacht auf, den er nicht aussprechen mochte, weil er ihm selber
zu unsinnig erschien. Doch frug er: »Wann hast du sie denn zuletzt
gesehen?«
»Mit dir, Ohm, bei unserem Besuch auf der Minneburg; seitdem leider
nicht.«
»Und die Rinke da an deinem Gürtel, die du jetzt immer trägst, die hast
du von ihr?«
»Jawohl; sie gab sie mir, als sie den Reiher geschossen hatte. Das
habe ich dir ja erzählt, und solch ein Andenken muß man doch in Ehren
halten.«
»Freilich, freilich!« sagte Hans nachdenklich. Er wurde immer
mißtrauischer. Sollte es denn wirklich menschenmöglich sein? Er mußte
Gewißheit haben. »Ernst!« sprach er beide Fäuste in die Hüften stemmend
mit lauter Stimme, »nicht wahr, verliebt bist du doch in Fräulein
Richilde nicht?!«
»Ohm Hans, statt der Antwort eine Frage!« erwiderte Ernst errötend.
»Hast du die Versöhnung mit Frau Rüdt von Kollenberg so gut, so
vollständig zuwege gebracht, daß sie mir, wenn ich sie darum bäte, ihre
Tochter zur Frau geben würde?«
Hans setzte sich, er sank förmlich in seinen Elensgeweihsessel und
starrte den vor ihm Stehenden mit offenem Munde sprachlos an. »Junge!«
rief er endlich, »du willst -- heiraten?!« Er brachte das Wort kaum
über die Lippen.
»Warum denn nicht?« lachte Ernst, »groß genug bin ich doch dazu.«
»Verrückt bist du!« schrie Hans.
»Schilt, soviel du willst, Ohm Hans!« sprach Ernst, »aber hilf mir!«
»Daß ich ein Narr wäre!«
»Willst du denn nicht mein Glück?«
»Eine Heirat ist ein Unglück!«
»Dafür hast du keine Beweise.«
»Genug, in Hülle und Fülle« rief Hans. »Glücklich ist nur der ledige
Mann. Sieh mich doch an! was fehlt mir denn?«
»Vor allem eine Frau,« lachte Ernst.
»Junge! Gelbschnabel! da setze dich hin und höre mich an!«
Ernst setzte sich dem Oheim gegenüber, und dieser begann: »Sage mir,
liebst du die Freiheit, die Ungebundenheit, das wohlige, sichere
Bewußtsein, tun und lassen zu können, was du willst, gehen, wohin,
wiederkommen zu können, wann es dir gefällt, keinen Menschen etwas
fragen, keinem Menschen über etwas Rede stehen zu müssen, kurzum ganz
nach deinen Wünschen, nach deinem Belieben und Geschmack leben zu
können? He? antworte!«
»Gewiß, Ohm Hans! wer möchte das nicht?« erwiderte Ernst.
»Damit ist es aber aus, ein für allemal rein aus, wenn man eine Frau
am Halse hat,« eiferte Hans. »Ich bin hier Herr in meiner Burg, und
niemand hat hier zu befehlen, als ich allein. Ich kann aufstehen, wann
ich will, und kann so lange schlafen, wie es mir behagt, kann zu Mittag
essen, wann ich Lust habe, niemand wartet auf mich; ich komme nie zu
spät; ich muß nicht reden, wenn ich lieber schweigen möchte, ich muß
nicht mitgehen, wo ich lieber wegbliebe. Ich kann trinken, so lange
ich Durst habe, kann mir zu Gaste laden, wen ich bewirten will, kann
die Nacht zum Tage machen und kann hier alles zu unterst und zu oberst
kehren, wenn es mir Spaß macht. Das alles können die unglücklichen
Ehemänner nicht, denn sie sind nichts, als die Vasallen ihrer Weiber.«
»Ohm Hans, so sprichst du, weil du das Glück der Liebe nicht kennst,«
hielt ihm Ernst entgegen.
»Ich spreche nicht vom Glück der Liebe, ich spreche vom Unglück, von
der unerträglichen Pein und den tausend Schrecken der Ehe,« sagte Hans.
»Ernst, laß dich warnen, ehe es zu spät ist! Steckst du erst einmal
darin in dem Elend, so ziehen dich keine zehn Pferde wieder heraus. Du
darfst nicht mehr nach deinem Willen leben, sondern nach dem Willen
deiner Frau und nach Zeit und Stunde, die sie dir bestimmt. Sie sagt es
dir, wann du Hunger und Durst haben und wann du schlafen sollst, aber
schnarchen darfst du auch nicht, mußt dich überhaupt fügen und in allen
Stücken nach ihr richten, wie sie es von dir zu verlangen gerade die
Laune hat; und wer kann Weiberlaunen zählen? wer sie berechnen? wer sie
befriedigen? Du mußt sinnen, womit du deine Frau freundlich stimmst und
versöhnst, wenn sie schmollt, und sie schmollt immer. Glaubst du, daß
du ihr jemals etwas recht machst? niemals! sie ist viel klüger als du,
tut wenigstens so, weiß alles besser als du, widerspricht dir, tadelt
und schilt dich; du wirst deines Lebens nicht froh und hast keine
ruhige Stunde mehr. Und dann das Kleinkindergeschrei und was da alles
noch so drum und dran hängt! O du mein Saitenspiel! Weiber und kleine
Kinder! Ernst, das ist über alle Maßen schauderhaft!«
Ernst mußte ihm ins Gesicht lachen: »Als wenn du jemals mit kleinen
Kindern etwas zu tun gehabt hättest!«
»Das fehlte auch noch!« rief Hans entrüstet, »ich habe schon an dem
genug, was ich bei anderen Leuten davon gesehen habe, und kann's
bezeugen, was du deinen Eltern für Not gemacht hast. Du glaubst nicht,
was für ein widerliches kleines Scheusal du warst, gräßlich, ganz
gräßlich, sag' ich dir! Und so bin ich natürlich auch einmal gewesen,
das bestreite ich gar nicht. Aber das selber durchmachen zu sollen,
mich mit solchen Jammerwürmern befassen zu müssen, in meinen vier
Wänden kleine Kinder quäken zu hören -- grauenerregend! bei dem bloßen
Gedanken daran überläuft mich eine Gänsehaut. Siehst du, das ist
Eheglück, Ernst! Das steht dir bevor, wenn du die Torheit begehst, dir
eine Frau anzuschaffen.«
»Ihre treue Liebe würde mich auch für größeres Ungemach reichlich
entschädigen,« erwiderte Ernst, begeistert von den Gefühlen seines
jungen Herzens.
»Aha! ihre treue Liebe!« spottete Hans. »Ja, ja, ein paar Jahre geht's
vielleicht ganz gut; da wollt ihr euch vor Liebe auffressen. Dann kommt
einmal einer, der ihr besser gefällt als du und schwub! ist es aus mit
der lieben Treue. Sie betrügt dich, sie betrügt dich, Ernst!«
»Ohm Hans!« fuhr Ernst zornig auf, »wie kannst du so schlecht von den
Frauen denken!«
»Nun, nun, es tun's vielleicht nicht alle,« erwiderte Hans; »es gibt
Ausnahmen. Aber sicher bist du nicht, durchaus nicht. Es gibt nur ein
Mittel, sich davor zu schützen: wenn man's so macht wie ich; mich
betrügt keine!« fügte er lachend hinzu und rieb sich vergnügt die
Hände.
Ernst schüttelte den Kopf und sprach: »Ohm Hans, du überzeugst mich
nicht, und -- nichts für ungut! -- deine gräulichen Schilderungen, die
mich abschrecken sollen, sind nichts, als Zerrbilder und Gespenster,
die nur in deinem schnurrigen Junggesellenkopfe spuken.«