Er sah sie mit seinem strahlendsten Lächeln an, während ihm das Herz in

Erwartung des nun Kommenden heftig klopfte. Aber das Lächeln schwand

mehr und mehr aus seinem Gesicht, als nichts weiter erfolgte. Sie fiel

ihm nicht um den Hals, wie es doch Sidonie für das Nächstliegende und

einzig richtige in diesem feierlichen Augenblick halten mußte. Statt

dessen erhob sie sich, zog einen Schlüssel aus ihrem Kleide und sprach:

»Laßt uns nun auch gleich alles in Ordnung bringen, damit die Sache

gänzlich abgetan und vergessen ist.« Sie hatte den Pfandbrief auf den

Tisch gelegt, der neben ihrem Sessel stand, und ging nun zu einem

Schrein und erschloß ihn.

»Was meint Ihr, Frau Juliane?« frug er.

Sie lächelte verlegen und sagte: »Nun, -- Ihr habt wohl die Güte, es

mitzunehmen, -- es liegt schon bereit, -- die zweihundert Gulden --«

Schnell sprang er auf. »Ihr habt mich mißverstanden,« sprach er

freundlich; »von dem Lösegeld ist keine Rede mehr.«

Sie sah ihn erstaunt an, als begriffe sie noch immer nicht. »Wie sagt

Ihr?«

»Der Wald ist Euer und bleibt Euer, und nicht einen Pfennig nehmen wir

dafür von Euch an,« erwiderte er bestimmt.

Sie wurde sehr bleich und starrte vor sich hin ohne eine Antwort zu

geben.

Jetzt aufgepaßt! dachte Hans; es glückt doch noch, und dann festhalten,

ganz festhalten! hatte Sidonie gesagt.

Aber kalt und hart kam es von Julianens Lippen: »Ich nehme nichts

geschenkt von euch!«

Da wallte es heiß in ihm auf. Die Stirnader schwoll ihm; hastig ergriff

er den Brief, und ihn mit beiden Fäusten vor sich haltend rief er,

dunkelrot im Gesicht, mit lauter Stimme: »Frau Juliane! in tausend

Fetzen zerreiße ich den Brief und werfe sie Euch vor die Füße, wenn Ihr

noch ein Wort von Zahlen oder Schenken sprecht! Ich bin hergekommen

in der Freude meines Herzens, Euch den Wald wiederzubringen, wonach

ich lange getrachtet habe, und mein Arm, mein Schwert und mein Blut

stehen Euch zu Diensten in jedem Augenblick, da Ihr sie fordert, aber

verflucht der Pfennig, der aus Eurer Hand in meine geht! Da!« -- er

donnerte den Brief auf den Tisch -- »da liegt das Gekritzel! ich nehme

nichts mit; schickt's, wenn Ihr's nicht lassen könnt, aber einen

Landschaden seht Ihr auf Eurer Burg dann niemals wieder!« Er bebte

am ganzen Leibe und stand wie ein gereizter Löwe, die blonde Mähne

schüttelnd und mit zornsprühenden Augen.

So hatte ihn Juliane nie gesehen. Während es in ihr wogte und stürmte,

schaute sie ihn gedankenvoll prüfend an, als wollte sie bis auf den

Grund seiner Seele blicken. Dann sprach sie: »Junker Hans, vor einiger

Zeit war ein Jude hier, der mir aus den Sternen wahrsagte, daß mir

binnen kurzem ein lange gehegter Wunsch in Erfüllung gehen würde. Die

Prophezeiung trifft nun ein. Ihr bringt mir den Wald zurück, und --«

»Und Ihr nehmt ihn, wie ich ihn biete?« frug er freudig bewegt, ihr

beide Hände entgegenstreckend.

»Ja!« sagte sie fest.

Sie hielten sich an beiden Händen erfaßt und sahen einander tief in die

Augen. Auf seiner wie auf ihrer Lippe schwebte ein Wort, vielleicht

ein Schrei, der sich aus ihren Herzen emporrang, aber -- die Lippen

blieben stumm. Hätte einer von ihnen einen Laut nur von sich gegeben,

sie wären sich Brust an Brust gesunken. Jeder erwartete vom andern

etwas, das nicht geschah, und der entscheidende Augenblick ging ohne

Schicksalsspruch vorüber.

Die Hände lösten sich. Juliane wandte sich mit einem unterdrückten

Seufzer ab und verschloß den Schrein wieder. Ihr war, als schlösse sie

ihr Herz zu.

»Lebt wohl!« sprach er dumpf und ging zur Tür.

Sie nickte stumm aber rührte sich nicht.

An der Tür kehrte er sich noch einmal nach ihr um, sah sie mit einem

hoffnungslos traurigen Blick an, und wie ein Scheidegruß auf ewig kam

es ihm aus eingeschnürter Kehle: »Lebt wohl, Juliane!«

Da hielt sie sich nicht länger; sie lief fast auf ihn zu, packte ihn an

der Hand und rief: »Bleibt! -- ich habe mit Euch zu reden.«

Sie führte ihn zum Erker, deutete auf die eine Bank darin und setzte

sich selber auf die andere ihm gegenüber. Als sie beide so saßen und

sich anblickten, zeichnete sich in Hansens Gesicht die gespannteste

Erwartung, während Juliane vor innerer Erregung kaum Worte fand, um das

auszusprechen, was ihr endlich einmal von der Seele herunter mußte.

»Hans Landschad,« begann sie endlich, »wißt Ihr noch, was vor drei

Jahren einmal hier im Gemache -- dort an dem Kredenztische war es

-- zwischen zwei Menschen geschah, die, wie es damals schien, einander

lieb hatten?«

»Ich weiß es noch, Juliane,« erwiderte er höchst betroffen von dieser

Einleitung des Gespräches. »In den Armen lagen sich zwei, die in dem

Augenblick vergessen hatten, was sie einem Dritten schuldig waren.«

»Ja, so war es,« sagte sie; »doch sie besannen sich noch zur rechten

Zeit darauf und trennten sich. Ihr stürmtet hinaus, und als ich zur

Besinnung kam, dankte ich es Euch im stillen. Aber jetzt frage ich

Euch: warum kamt Ihr niemals wieder?«

»Ich wollte nicht zum Verräter werden an jenem Dritten.«

»Ihr beschämt mich mit dieser Antwort,« sprach sie errötend. »Aber

warum kamt Ihr auch dann nicht wieder, als Ihr jenen Dritten nicht mehr

verraten konntet?«

»Weil ich glaubte, Ihr haßtet mich wie uns alle.«

»Euch hab' ich nie gehaßt!« erwiderte sie mit bewegter Stimme und einem

innigen Blick.

»Juliane!!« rief er aufspringend.

»Bleibt sitzen!« sagte sie schnell und streckte wie abwehrend die Hand

gegen ihn vor, »ich habe noch eine dritte Frage. Warum kommt Ihr jetzt

wieder? warum bringt Ihr mir meinen Wald ohne Lösegeld zurück? warum

sucht Ihr jetzt Frieden und Freundschaft mit mir, die Ihr doch drei

Jahre lang entbehren konntet?«

»Wenn ich es ehrlich sagen soll,« erwiderte er zögernd, »auf Antrieb

meines Bruders Bligger.«

»Auf Antrieb Eures Bruders!« wiederholte sie bitter enttäuscht; »also

nicht aus eigenem. Ich danke Euch für Eure Ehrlichkeit, Junker Hans!«

Er wurde sehr verlegen und sah ein, welche ungeschickte, fast kränkende

Antwort er ihr gegeben hatte. »Ich wollte nur sagen,« stotterte er,

»daß von Bligger der Vorschlag ausging wegen des Waldes, aber ich bin

gern gekommen, freilich das erstemal nicht, weil ich mich vor Euch

fürchtete, aber heute, heute bin ich gern gekommen, weil ich dachte,

Euch eine Freude zu machen mit dem Walde. Seht doch! mein bestes

Zaumzeug hab' ich aufgelegt, das beste Wams meinem Rosse -- nein, nein!

umgekehrt!«

»Euer bestes Zaumzeug! wie gut Ihr seid!« lächelte sie. »Aber wenn Ihr

es nicht sagtet,« fuhr sie fort, »so glaubt' ich es nicht, daß Eurem

Bruder Bligger an dem Frieden mit mir etwas gelegen wäre; oder hat er

seine besonderen Gründe, sich der Feindschaft gegen mich zu begeben?

sagt mir auch das noch!«

»Ich wüßte keinen,« erwiderte Hans. »Ihr verkennt Bligger; er ist Euch

nicht feindlich gesinnt und wünscht aufrichtig wie wir alle, mit Euch

in Frieden zu leben.«

Sie dachte ein paar Sekunden lang nach und sah ihn prüfend an, ob er

wohl in diesem Augenblick die volle Wahrheit spräche.

Dann sagte sie: »Gut! so werde ich kommen und den Frauen, Euren

Schwägerinnen Katharina und Agnes, die Hand zur Versöhnung bieten.«

»Ihr werdet hochwillkommen sein,« erwiderte er. »Aber, Juliane, -- wie

stehen fortan wir beide miteinander? ist auch zwischen uns nun wieder

Friede und Freundschaft?«

»Friede? Freundschaft?« sprach sie ihm langsam nach. »War denn Unfriede

zwischen uns? wart Ihr mein Feind?«

»Niemals! niemals, Juliane!« beteuerte er. »Aber als ich neulich nach

langer Zeit zum ersten Male wieder hier war, da schien es mir, als

wären wir uns sehr -- sehr fremd geworden.«

»Ist's meine Schuld?«

»Nein, nein! ich weiß, ich hab's verdient, was Ihr mich fühlen ließet.

Aber nun, -- wollt Ihr mir verzeihen, Juliane? wollt Ihr mich wieder

aufnehmen in Huld und Gnaden?« frug er, sich vom Sitze erhebend mit

bittendem Blick und ihr die Hand entgegenhaltend.

»Von Herzen gern, lieber Freund!« gab sie ihm mit vollem, warmem Tone

zur Antwort und reichte ihm ihre Hand, die er nicht wieder losließ.

»Ihr macht mich sehr glücklich, Juliane! sehr glücklich!« flüsterte er.

Sie schritten langsam Hand in Hand durch das große Gemach, aber nicht

nach dem Ausgange, sondern er führte sie auf den Kredenztisch zu.

Sie erriet seine Absicht, blieb auf halbem Wege stehen und sah ihn

schalkhaft listig an. Da begegnete sie einem heißen, ihre ganze Gestalt

umlohenden Blick und sah, wie seine breite Brust sich hob und senkte.

Wie schön, wie heldenkühn erschien er ihr in diesem Augenblick! sie

erglühte und zitterte vor dem starken Manne und wollte unwillkürlich

einen Schritt vor ihm zurückweichen. Er aber umfaßte nun mit beiden

Händen ihre Hand, drückte sie erst an seine Brust und dann an die

Lippen und preßte sie so gewaltig, daß sie Juliane fast schmerzte.

»Darf ich wiederkommen, Juliane?« frug er leise.

»So oft Ihr wollt!« hauchte sie mit schimmernden Augen zu ihm

aufblickend.

»Dank! Dank! lebt wohl! auf Wiedersehen!«

»Auf baldig Wiedersehen, lieber Freund!«

Aber während des Scheidens noch hielten sie sich mit weit

ausgestreckten Armen bei den Händen, als könnten sich diese so wenig

voneinander trennen wie die strahlenden Augen, mit denen sie sich

fröhlich zunickten. Dann riß er sich los und eilte schnell hinaus,

beinahe so schnell wie damals vor drei Jahren.

Ein Atemzug, bis in die Seele hinein und heraus voll Glück und

Wonnegefühl, weitete Julianens Brust, als sie allein war. Ihr wankten

die Knie, sie mußte sich stützen und schritt nun zu dem Kredenztisch,

um sich daran zu lehnen. »Aus alter Liebe und jungem Haß wird neues

Glück erblühen,« sprach sie vor sich hin. »Wenn es wahr würde, was

die Sterne prophezeiten! -- Kann er denn wirklich lieben, der Ritter

Hagestolz, der Ehehasser?« Regungslos, gedankenvoll stand die schöne,

tief erregte Frau, wie in Träumen lächelnd, in Hoffnungen sich wiegend.

Da hörte sie draußen auf der Treppe wohlbekannte Stimmen, und schnell

gefaßt sprang sie zu ihrem Erker und machte sich dort zu schaffen.

Die drei jungen Mädchen kamen herein, und siehe da! -- die Rose, die

vorher an Sidoniens Mieder gesteckt hatte, schmückte jetzt Richildens

Brust. Juliane bemerkte das sofort, war aber zu sehr mit anderen Dingen

beschäftigt, um dem Grunde, warum die mitgebrachte Rose von einer

Mädchenbrust zur anderen gewandert war, jetzt nachzuforschen. Auf ihrem

Antlitz lag noch der Abglanz der Freude, die ihr die eben vergangene

Stunde gebracht hatte, und sie war in der glücklichsten Stimmung.

Sidonie erkannte das auf den ersten Blick. Ohm Hans hat seine Sache gut

gemacht; sie sind einig, dachte die Schlaue.

»Nun wie ist's abgelaufen, Mutter?« frug Richilde.

»Gut! wir haben unsern Wald wieder, und ihr könnt nun darin jagen und

pirschen, so viel ihr wollt,« gab Juliane fröhlich zur Antwort.

»O wie herrlich! o wie freue ich mich, daß dir dieser Wunsch endlich

erfüllt ist!« rief Richilde.

»Ich auch,« sagte Juliane, »und nun will ich euch auch gestehen, daß

mir der Sterndeuter dies schon aus meinem Horoskop prophezeit hatte.

Von dem Walde wußte er nichts, aber er sagte, es würde mir bald ein

lange gehegter Wunsch in Erfüllung gehen.«

»Siehst du, Sidonie!« frohlockte nun Hiltrud, »du wolltest den

Prophezeiungen des weisen Juden keinen Glauben schenken, und nun ist es

doch richtig eingetroffen, was er Frau Juliane vorausgesagt hat. Junker

Hans hat es wahr gemacht.«

»Drum war er auch so lustig, als er abritt,« sagte Richilde.

»Hm!« machte Sidonie nachdenklich und mit einem aufmerksamen Blick auf

Juliane, »dann soll mich doch wundern, ob auch das in Erfüllung gehen

wird, was Isaak Zachäus dem Ohm Hans aus seinem Horoskop prophezeit

hat.«

»Zachäus hat Junker Hans das Horoskop gestellt?« frug Juliane schnell.

»Freilich,« lachte Sidonie, »aber ich glaube doch nicht daran! Denkt

euch! er hat prophezeit, Ohm Hans würde sein Glück einmal in einem

Kloster finden! Ist das nicht zum Lachen?«

Aber Juliane lachte nicht; ihr stockte das Blut vor Schreck über diese

Kunde, und alle Farbe wich aus ihrem Antlitz. Sie sprach kein Wort.

Richilde dagegen lachte sorglos: »Junker Hans ein Mönch werden? das ist

ja nicht möglich.«

»Nein, nein! das wird wohl ganz anders gemeint sein,« sprach Hiltrud.

Sidonie merkte, welchen niederschlagenden Eindruck auf Julianen ihre

Mitteilung gemacht hatte. Das war die kleine Bosheit, die sie sich

mittlerweile ausgesonnen hatte, um sich für Julianens Heuchelei ihr

gegenüber zu rächen.

Julianen aber kam es in diesem Augenblick zum erschütternden

Bewußtsein, daß sie den ritterlichen Junker Hans Landschad liebte.

Fünfzehntes Kapitel.

Hans war seelenfroh, als er den Weg von der Minneburg hinabritt. War

auch nicht alles so gekommen, wie er es sich gewünscht und gedacht

hatte, so konnte er doch mit diesem ersten Erfolge seiner Bemühungen

um die Wiedergewinnung von Julianens Gunst vollauf zufrieden sein und

glaubte sich zu den schönsten Hoffnungen berechtigt. Wäre er kühner

gewesen, so wäre er vielleicht weiter gekommen, sagte er sich. Allein

er hatte wohl gemerkt, wie Juliane vor der erinnerungsvollen Stelle am

Kredenztische zurückwich. Sie wollte also nicht im Sturm genommen sein,

sie wollte geworben werden, und er durfte ja wiederkommen, so oft er

wollte. Das sollte sie ihm nicht zweimal sagen; das nächste Mal würde

sie schon zutraulicher, schon hingebender sein. Damit tröstete er sich

und freute sich darauf, seinem Bruder Bligger die völlige Versöhnung

mit Juliane verkünden und ihren baldigen Besuch in Neckarsteinach

anmelden zu können.

In seiner Herzensfreude stimmte er, sein Pferd bergab scharf im Zügel

haltend, ein Lied an, daß es unter den Buchenwipfeln schallte und

hallte. Als er aber unten im Tale angekommen und in die Landstraße

einlenkend um die Ecke bog, brach er mit dem Singen jäh ab, denn er

stieß fast Roß gegen Roß auf einen andern daherkommenden Reiter, in

welchem er den Ritter Bruno von Bödigheim erkannte.

Beider Blicke verfinsterten sich bei der unvermuteten Begegnung, und

jeder hielt sein Pferd an, ohne dem andern auch nur eine Spanne breit

Platz zu machen.

»Also Ihr seid der seltene Vogel, der von der Minneburg

heruntergezwitschert kommt, Herr Landschad von Steinach!« begann der

Ritter höhnisch. »Das Lied hat wohl Frau Rüdt von Kollenberg ihrem

Papegan so lange vorgepfiffen, bis er es endlich begriffen hat?«

»Ganz recht, Herr Bruno von Bödigheim,« entgegnete Hans; »habt Ihr auch

die Worte verstanden? Sie erzählen von dem Ritter mit der stumpfen

Lanze, der in die Schranken kam, als das Stechen vorüber und der

Turnierdank von der schönsten Hand grade vergeben war.«

»Wen meint Ihr mit dem Ritter mit der stumpfen Lanze?« frug Bödigheim,

fast berstend vor Grimm und Eifersucht.

»Den kennt Ihr nicht?« lachte Hans. »Dann reitet nur schnell hinauf und

laßt Euch von Frau Rüdt einen Spiegel geben, wenn Ihr ihn sehen wollt!

Den Dank freilich seht Ihr nicht mehr, den hat sich schon ein anderer

geholt.«

»Rühmt Ihr Euch des Minnedankes von Frau Rüdt von Kollenberg?«

»Gegen Euch gewiß nicht!« gab ihm Hans zurück. »Aber spart die Mühe!

für Euch hängt ihr Kranz viel zu hoch, und wer danach greift, dem

schlag' ich den Schädel ein!«

»Landschad, wollt Ihr meine Lanze zwischen den Rippen fühlen?«

knirschte Bödigheim.

»Warum nicht?« erwiderte Hans; »wenn Ihr sie glücklich hinein bekommt.«

»Wann wollt Ihr, daß ich Euch aufspieße?«

»Übermorgen, drei Stunden vor Mittag, wenn's Euch recht ist.«

»Wo?«

»An der Schmiedeschenke. Laux Rapp kann Euch dann gleich wieder

zusammenflicken, wenn's noch der Mühe wert ist.«

»Bei Euch wird er das gar nicht mehr nötig haben.«

»Gewiß nicht, Bödigheim! Ihr macht keinem ein Loch ins Fell.«

Die letzten Reden und Gegenreden schrien sie sich, im Sattel rückwärts

gewandt, schon aus einiger Entfernung zu, denn sie hatten sich mit

Gewalt aneinander vorbeigedrängt, und jeder ritt seines Weges fürbaß.

Bödigheim ritt zur Minneburg hinauf, Hans aber trabte nach Zwingenberg

zu Engelhard von Hirschhorn.

»Engelhard,« sprach er, dort angekommen, gleich nach der Begrüßung zu

dem Freunde, »du mußt mir einen Gefallen tun, mußt zusehen, wie ich

Bödigheim den Schädel einschlage.«

»Mit Vergnügen, Hans!« erwiderte der Ritter. »Was hat es denn gegeben

zwischen euch?«

»O nicht viel, aber --,« er stockte.

»Aber, willst du sagen, es ist das einfachste Mittel, einen Nebenbuhler

los zu werden. Da hast du recht,« lachte Engelhard. »Ihr traft beide

auf der Minneburg zusammen?«

»Wenigstens unterhalb der Burg,« erwiderte Hans; »aber woher weißt du

denn --?«

Engelhard zeigte auf des Freundes kostbare Kleidung und sagte: »Ich

brauche dich ja nur anzusehen, um zu wissen, wo du herkommst. So geht

man nur zum Kaiser oder zur Königin seines Herzens.«

Hans runzelte die Stirn und antwortete nicht.

»Nun, ich will doch nicht hoffen, daß du es bist, der bei Frau Juliane

durch den Korb gefallen ist?« fuhr Engelhard fort.

»Nein,« lachte Hans, »wie sollte ich wohl dazu kommen?!«

»Also seid ihr einig?« frug Engelhard wieder. »Wann ist Hochzeit?«

»Mach mich nicht wild!« brauste Hans. »Wer spricht von Hochzeit?«

»Nun, nun, ich dachte nur so; ich kann's abwarten. Wann soll's denn

losgehen? ich meine mit Bödigheim.«

»Übermorgen, drei Stunden vor Mittag, bei der Schmiedeschenke.«

»Donnerwetter! mit leerem Magen? aber ich komme!« sprach Engelhard.

»Mit leerem Magen,« wiederholte Hans und strich sich den seinigen.

»Sage mal: habt ihr schon gegessen?«

»Er hat Hunger!« lachte Engelhard laut auf; »also sehr verliebt bist du

nicht, Hans! Übrigens kommst du zur rechten Zeit; wir gehen gleich zu

Tische. Meine Frau Schwiegermutter wird eine unbändige Freude haben,

dich zu sehen.«

»Ach du lieber Gott!« stöhnte Hans, »an die hab' ich nicht gedacht; nun

hab' ich keinen Hunger mehr.«

»Ja, das hilft nichts, Freund! die Schwiegermutter mußt du als Zukost

mit hinunterwürgen; aber sei ruhig, wir spülen nachher mit ein paar

guten Tropfen nach,« tröstete ihn Engelhard.

Als die beiden in das Hauptgemach zur Familie gingen, wurde Hans von

der Burgfrau freundlich willkommen geheißen, und der Tisch stand

gedeckt. Frau Margarethe von Handschuchsheim war nicht zugegen, und

es hieß: wir müssen warten bis sie kommt; ohne sie dürfen wir nicht

anfangen. Engelhard wechselte mit Hans einen verzweifelten Blick, den

Frau Anna, des Ritters Gemahlin, bemerkte. »Sie ist spät aufgestanden

und hat wieder ihr leidiges Kopfweh,« entschuldigte sie ihre Mutter.

»Ach ja, heut ist ja Mittwoch, da hat sie Kopfweh,« spottete Engelhard

rücksichtslos. »Morgen ist sie gesund, und am Freitag kommt dann der

Gliederschmerz an die Reihe.«

Frau Anna schlug die Augen nieder und seufzte leise. Hans mußte seinem

knurrenden Magen Gewalt antun, während er sich mit der Schloßherrin

unterhielt. Engelhard schritt, die Hände auf dem Rücken, ungeduldig auf

und ab und knipste beständig mit den Fingern.

Nach geraumer Weile erschien Frau Margarethe, ein weißes Tuch um den

Kopf gebunden, daß sie wie eine Nonne aussah. »Ich habe schon erfahren,

welche Überraschung mir hier bevorstand,« sprach sie mit matter Stimme.

»Was führt Euch denn her, Junker Hans?«

Statt des Gastes, der auf diesen seltsamen Willkomm nicht gleich eine

Antwort fand, entgegnete Engelhard kurz: »Ein Geschäft, Frau Schwieger!

nicht die Sehnsucht --« nach Euch, schluckte er noch glücklich

herunter, aber ein Blick Margarethens sagte ihm, daß sie es verstanden

hatte, was er meinte.

»Ich höre zu meinem Bedauern, daß Ihr leidend seid, Frau von

Handschuchsheim,« bemerkte Hans, um doch auch etwas zu sagen; aber es

klang viel mehr ärgerlich, als bedauerlich.

»Entsetzliches Kopfweh, lieber Freund!« hauchte sie, »unerträglich,

ganz unerträglich, sag' ich Euch!«

Hans ließ als versuchten Ausdruck des Beileids ein sanftes,

unverständliches Gebrumm vernehmen. Darauf setzte man sich, und das

Mahl begann. Doch es ging sehr schweigsam her; nur dann und wann

zitterte ein Seufzer Margarethens durch die Stille. Des Ritters

ältester Sohn, Friedrich, war nicht daheim; zwei andere Söhne und eine

Tochter, alle jünger als Sidonie, saßen mäuschenstill, blickten scheu

bald auf den Gast, bald auf ihre Großmutter und warteten bescheiden,

daß ihnen die Mutter etwas von den Speisen auf die Teller legte. Frau

Anna richtete zuweilen ein halblautes Wort an Hans, das dieser jedesmal

freundlich, aber auch nur mit gedämpfter Stimme erwiderte.

Mit einem Male, wie um sich Luft zu machen, schrie Engelhard überlaut

seinem Freund und Tischnachbar an: »Mensch! du ißt ja nicht!«

Margarethe fuhr zusammen, legte das Messer hin und griff mit der

Hand nach dem Kopfe. »Aber Herr Sohn! ich bitte Euch!« sagte sie mit

scharfem Tone, »nehmt doch wenigstens heut etwas Rücksicht auf meinen

Zustand! sonst verlang' ich's ja nicht.«

Engelhard schwebte eine heftige Entgegnung auf der Zunge; aber er

bezwang sich, leerte seinen Becher auf einen Ruck und stieß ihn auf den

Tisch, daß es knallte.

Wieder zuckte Frau Margarethe zusammen; aber das Zucken kam etwas spät

nach dem Knall, als hätte sie es beinahe vergessen. Dann aß sie hastig,

und ihr Appetit war nicht der einer Leidenden.

Hans dachte bei sich: lieber mit einem Nebenbuhler sich schlagen, als

mit einer Schwiegermutter zu Mittag essen!

Plötzlich frug Margarethe den Gast sehr lebhaft: »Junker Hans, wo habt

Ihr denn den wunderschönen roten Brokat zu Eurem Wams her?«

»Von einem Speyerschen Kaufmann,« sagte Hans.

»Gekauft!?« frug sie nun mit starker Betonung.

»Und bezahlt, gnädige Frau!« erwiderte Hans ebenso nachdrücklich.

»Es ist nur gut, Hans, daß du nicht gesagt hast: genommen!« lachte der

Burgherr. »Sonst wäre es mir wieder übel ergangen, denn meine Frau

Schwieger ist auch darüber sehr unzufrieden mit mir, daß ich ihr so

lange keinen kostbaren Kleiderstoff heimgebracht habe, der -- nicht

gekauft wäre.«

»Ihr müßt nicht alles für Ernst nehmen, Junker Hans, was mein Herr

Schwiegersohn sagt,« lachte sie nun selber, ihres Kopfwehs gänzlich

vergessen, und fuhr dann fort. »Wollt Ihr zu einem Feste, daß Ihr so

prächtig gekleidet seid?«

Hans schwankte einen Augenblick, ob er die Wahrheit gestehen sollte,

warum er so geschmückt war. Aber statt seiner war wieder Engelhard

rasch mit einer Antwort bereit und sprach: »Nein, Frau Schwieger, er

kommt von einem Feste. Die Landschaden haben sich endlich mit Frau Rüdt

von Kollenberg versöhnt, und Hans kommt jetzt eben von der Minneburg,

wo er Frau Juliane den verpfändeten Wald zurückgegeben hat und --, nun,

wie geht es weiter, Hans?«

»Was weiter!« sagte Hans ärgerlich, »sie hat den Wald, und der Zwist

ist aus.«

»Wart Ihr allein dort?« frug Margarethe lauernd. »War wohl eine recht

zärtliche Versöhnung mit der schönen Juliane?«

»Schade, daß Ihr nicht dabei gewesen seid, Frau von Handschuchsheim!«

erwiderte Hans gereizt. »Sonst wüßtet Ihr's und wäret nicht in Unruhe

darüber.«

»Warum in Unruhe?« lachte Margarethe. »Ich gönne Euch alles, was Euer

Herz begehrt, und Frau Juliane ist eine freigebige Seele; sie wird Euch

den verschwenderischsten Dank nicht schuldig geblieben sein.«

»Frau Juliane ist eine Dame, der ich in meiner Gegenwart nichts Übles

nachsagen lasse, gnädige Frau!« versetzte Hans mit einiger Heftigkeit.

»O davon bin ich weit entfernt, Junker Hans! Und wenn das geschähe, so

hättet Ihr gewiß das beste Recht, die einsame junge Witwe in Schutz zu

nehmen,« erwiderte Margarethe spöttisch.

»Unter allen Umständen würde ich das tun, gnädige Frau!« sagte Hans mit

zornbebender Stimme und hochrot im Gesicht.

»Wenn sie es doch hören könnte, wie warm und liebevoll Ihr Euch ihrer

annehmt!«

»Sie weiß es, auch ohne daß sie es hört!«

»Bin ich fest überzeugt, Junker Hans!«

Hansens Augen schossen Blitze auf seine streitsüchtige Gegnerin; doch

er tat, was vorher Engelhard in dem gleichen Falle getan hatte. Er

schwieg, leerte schnell seinen Becher und stieß ihn, ebenso wie jener,

hart auf den Tisch, gleichsam als wollte er damit einen Punkt hinter

diese ihm sehr peinliche Unterhaltung setzen.

Diesmal zuckte Frau Margarethe nicht, aber sie machte eine sehr

höhnische Miene.

Engelhard saß und hielt sich die Hand vor den Mund, um sich so das

Lachen besser verbeißen zu können, denn Hansens Zank mit seiner

Schwiegermutter belustigte ihn aufs höchste. Aber er mußte noch ein

bißchen hetzen. »Nimm dich in acht, Hans!« sagte er, »mit meiner Frau

Schwieger ziehst du den kürzeren. Und du kannst noch von Glück sagen,

daß sie heut ihr entsetzliches Gliederreißen hat, -- nein, Kopfweh,

wollt' ich sagen, ihr unerträgliches Kopfweh hat; sonst würdest du noch

ganz anders zugedeckt. Nicht wahr, Frau Schwieger?«

Das Recht der Hagestolze: Eine Heiratsgeschichte aus dem Neckartal · 第 14 / 24 段