seinem ersten Besuch so hochmütig behandelt hatte, sah er nun wieder
das schöne, verführerische Weib, das sie ihm ehemals gewesen war. Darum
war er auch durchaus nicht abgeneigt, allen Minnedank von Julianen
freudig hinzunehmen, den sie, ohne daß er ihn forderte, ihm zu spenden
etwa gewillt wäre, wenn sie ihm nur seine Freiheit ließ und nicht von
ihm verlangte, sich untrennbar an sie zu binden. Aber wenn er nicht um
sie würbe, -- und dessen war er sicher -- sie konnte ihn doch nicht,
wie er und seine Brüder einst ihren befehdeten Gatten, mit Gewalt
gefangennehmen und so lange einsperren, bis er sich, nicht mit einem
meilenweiten Walde, sondern mit einem kleinen goldenen Fingerring aus
einer Gefangenschaft löste, nur um in eine andere, lebenslange und in
seinen Augen weit schlimmere zu verfallen. Ihm war die Aussicht eine
höchst verlockende, wenn er sich ausmalte, daß ihm die schöne Frau die
Erlaubnis erteilte oder gar das Recht einräumte, öfter wiederzukommen
als verschwiegener Freund zur vertrauten Freundin, und sie beide in
dem äußerlich fessellosen Bunde eines süßen Geheimnisses ein Glück
genössen, das keinen Beobachter, keinen Neider und keinen Rächer hätte.
Daß Julianens siebzehnjährige Tochter Augen und Ohren hatte und nicht
mehr wie ein Kind aus dem Zimmer hinaus auf den Spielplatz oder zu Bett
geschickt werden konnte, wenn der ersehnte Besuch kam, das bedachte der
brave Hans nicht, als er im Sattel so schwärmerisch träumte.
Sidonie störte ihn nicht in seinen Betrachtungen, sondern ritt
schweigend neben ihm, denn es ging ihr selber mancherlei durch den
Kopf. Schon im Burghof war ihr Hansens ausgesucht prächtige Kleidung
und das kostbare Sattel- und Zaumzeug seines Pferdes aufgefallen. Wenn
er das schlichte Jagdgewand, das er beständig trug, für den Besuch
bei einer Dame mit einem etwas gewählteren Anzuge vertauscht hätte,
so würde sie das nur in der Ordnung gefunden haben, aber daß er sich
Julianens wegen heute noch weit mehr, als das vorige Mal, und in einer
Weise ausstaffiert hatte, als wollte er an den Hof des Kaisers, das
gab zu denken. Vor allem jedoch lag ihr Bliggers geheimnisvolles Wesen
am gestrigen Abend im Sinn und die Entscheidung, die nur ein Landschad
selber und gerade Hans und nur unter vier Augen Julianen mitteilen
könnte, und die auf eine Überraschung hinauslaufen sollte. Hm, hm! Hans
und Juliane unter vier Augen! Wenn die beiden wollten, wie sie könnten,
dann gäbe das ein Paar, so stattlich, so herrlich, so für einander
geschaffen wie Adam und Eva im Paradiese. Am Ende war es Ohm Bliggers
eigene Meinung, den Frieden auf die allerdings sehr überraschende
Weise zu schließen, daß sich die beiden aus ewig miteinander verbinden
sollten; denn daß er mit ihnen noch etwas Besonderes im Schilde führte,
hatte sie aus seinen Reden wohl gemerkt. »Hans und Juliane, Ernst und
Richilde, -- zwei Paare für eines!« lachte sie in sich hinein. Freilich
war ihr Hansens fast sprichwörtlich gewordener Abscheu vor der Ehe wohl
bekannt, aber Juliane war eine Frau, die mit ihrem lebhaften Geist,
ihrer jugendlichen Anmut und ihren hohen körperlichen Reizen auch den
nüchternsten Mann bezaubern und fesseln mußte. Und der kraftstrotzende,
auch noch in ungewöhnlicher Frische blühende Junker Hans sollte, trotz
seines Ehehasses, hübschen Frauen und Mädchen gegenüber durchaus
kein Herz von Stein in der Brust haben, wie Sidonie schon öfter
gehört hatte. Für Ernst und Richilde war sie bereits der erwählte
Liebesbote; wie, wenn sie nun auch noch Hans und Juliane zu ihrem Glück
verhülfe! Sie würde stolz darauf sein, wenn sie auch diesen beiden die
Brautkammer bekränzen könnte. Hätte doch Ohm Bligger ihr nur ein Wort
gesagt, ihr nur einen Wink gegeben, wo sie anfassen sollte, um mit ihm
an einem Strange zu ziehen! Und welchen Freundschaftsdienst würde sie
damit Ernst und Richilde leisten! Denn wenn Juliane selber den einen
Landschaden heiratete, konnte sie ihre Tochter unmöglich dem anderen
versagen. Jedenfalls wollte Sidonie herauszubringen suchen, wie jene
zwei miteinander stünden, und zu diesem Behufe jetzt Ohm Hans ein wenig
auf den Zahn fühlen.
»Nicht wahr, Ohm Hans,« begann sie, »du standest früher auf ganz
freundschaftlichem Fuße mit Juliane?«
»Gewiß!« erwiderte er, »wie kommst du zu der Frage?«
»O ich wünschte sehr, daß sich das alte, gute Verhältnis zwischen euch
wieder herstellen ließe.«
»Das hängt nur von ihr ab,« sprach er, »und heute wird es sich zeigen,
ob sie dazu geneigt ist.«
»So, heute! -- Hast du gute Hoffnung darauf?«
»Wer kann das wissen, Sidonie! Du kennst sie ja; sie läßt sich nicht
ins Herz blicken.«
»Wenigstens selten; manchmal gelingt mir's doch. Sie schenkt mir viel
Vertrauen. Du wünschest es doch auch, daß ihr wieder gute Freunde
werdet?«
»Ja freilich!« sprach er lebhaft. »Was ich dazu tun kann, soll
geschehen; aber wenn es das hier nicht zu Wege bringt, so wird es
schwer halten.« Dabei schlug er mit der Hand auf die Tasche, worin der
Pfandbrief steckte.
Sidonie wartete, ob er ihr nicht verraten würde, was für ein Talisman
es wäre, der die erloschene Flamme der Freundschaft wieder anfachen
sollte. Da er es aber nicht sagte, so mochte sie auch nicht danach
fragen; er konnte ja denken, sie wüßte es. Nach einer kleinen Weile hub
sie wieder an: »Juliane lebt auf ihrer Burg gerade so einsam wie du auf
der deinigen, Ohm Hans. Ich hielte das auf die Dauer nicht aus.«
»Nun, wozu hat man denn seine Rosse im Stalle?« lachte er.
»Ja, wenn nachher das Trennen nicht wäre, das sich wieder Losreißen
voneinander!«
»Das erhöht die Lust des Wiedersehens und feuert die Sehnsucht an.«
»Also hast du doch zuweilen Sehnsucht nach ihr,« lächelte Sidonie.
»Nach wem?« frug er betroffen.
»Nun, von wem sprechen wir denn? ich denke, von Juliane.«
»An sie dachte ich nicht, als ich von Wiedersehen und Sehnsucht
sprach,« erwiderte er etwas verlegen. »Ich dachte -- zum Beispiel an
deinen Vater und andere gute Freunde.«
»Aha!« machte Sidonie. »Aber heute freust du dich doch gewiß auf das
Wiedersehen mit Juliane.«
»Wenn sie's mir nur nicht wieder mit demselben Salze würzt wie das
vorige Mal!« seufzte er.
»Nun mit dem, was du da in der Tasche hast, wirst du ihr schon
willkommen sein,« sagte Sidonie.
»Du meinst den Pfandbrief?« sprach er ohne Bedenken, »ja, das hoff' ich
auch.«
Also der Pfandbrief war es. -- Bligger hatte nachgegeben; Juliane bekam
ihren Wald zurück; dem Frieden, der Eintracht, dem Herzensbunde stand
nichts mehr im Wege, und das alles sollte nun im Handumdrehen unter
vier Augen Zug um Zug abgemacht werden. Trug Ohm Hans vielleicht auch
die goldenen Eheringe gleich mit in der Tasche, plötzlich entschlossen,
dem so lange festgehaltenen Junggesellenleben Valet zu sagen? Auch das
mußte ihm Sidonie noch entlocken.
»Einen schöneren Frieden konntet ihr anders gar nicht schließen,« sagte
sie. »Ich freue mich schon darauf, Ohm Hans, wenn ich euch erst Hand in
Hand miteinander stehen sehe. Das soll einmal ein Fest werden!«
»Nicht wahr? und alles, was im Neckartale wohnt, muß dabei sein,«
sprach er vergnügt, ahnungslos, was für ein Fest Sidonie dabei im Sinn
hatte.
»Schiebt es nur nicht noch zu lange auf,« mahnte sie. »Juliane wird
sich gewiß nicht dagegen sträuben, daß ihr so bald wie möglich an das
Ziel eurer Wünsche gelangt.«
»Nun, _mein_ Verlangen brauchst du nicht noch zu stacheln, Sidonie!«
erwiderte er. »Wenn es nach meinem Willen gegangen wäre, so wären wir
längst dahin gekommen.«
»Das glaub' ich dir, Ohm Hans!« lächelte sie.
Nun wußte sie genug, war jedoch über den schnellen Entschluß des als
eingefleischter Hagestolz Verschrienen aufs höchste verwundert. Ja
freilich, da hatte Bligger recht: das gab eine Überraschung, über
die man auf allen Burgen so leicht nicht fertig werden würde. Und
Hans schien der Einwilligung Julianens schon so zweifellos sicher zu
sein, daß es ihrer, Sidoniens, eingreifender Vermittelung gar nicht
mehr bedurfte; sie war nur noch die erstaunte Zuschauerin bei einem
ganz unberechenbar gewesenen Ereignis, dessen Eintreffen höchstens
die Sterne vorausgesehen haben konnten. Darum also mußte Hans sie zur
Minneburg begleiten, darum hatte er sich so prächtig geschmückt; sie
führte der Harrenden den heimlich Geliebten, den sehnsüchtig erwarteten
Freier zu. Und wie hatte Juliane sich zu verstellen gewußt, wenn sie
von ihrem Hasse gegen die Landschaden sprach, vor denen sie die Brücke
aufziehen lassen wollte! Vorgestern noch hatte sie so getan, als müßte
sie sich von Sidonien erst groß bitten und bereden lassen, Botschaft
nach der Mittelburg zu senden, und als geschähe das nur Sidonien
zuliebe, um ihr ein Wiedersehen mit Ernst zu ermöglichen. Dieses
Nasführen wollte sie der tugendsamen Burgfrau anstreichen; wie, das
sollte ihr der Augenblick eingeben, aber sie fing während des Rittes
schon an, über eine hübsche kleine Bosheit nachzudenken, mit der sie
sich an der Heuchlerin rächen wollte.
Nachdem beide eine Strecke schweigend nebeneinander hergeritten waren,
begann Sidonie: »Wie willst du denn das machen, Ohm Hans, wenn du
Julianen den Pfandbrief überreichst?«
»Das überlege ich mir auch eben,« erwiderte er. »Du mußt nämlich
wissen, Sidonie, daß wir ihr den Wald zurückgeben ohne einen Pfennig
dafür zu verlangen; die ganze Schuld ist gestrichen.«
»Ah, das ist brav!« rief Sidonie. Natürlich! dachte sie, die
zweihundert Gulden sind Ohm Bliggers Brautgeschenk. »Das mußt du aber
schlau anfangen, mußt erst ganz allmählich damit herausrücken, sonst
verfehlt es seine rechte Wirkung,« fügte sie dann laut hinzu.
»Meinst du? ja, wie denkst du dir das?« frug er.
»Ich will dir etwas sagen, Ohm Hans,« sprach Sidonie. »Hier im Walde
sieht und hört uns niemand; da könnten wir das einmal probieren. Ich
stelle Juliane vor, du bringst mir die wichtige Nachricht, und aus Rede
und Gegenrede sehen wir dann, wie sich das entwickeln wird, damit du
nachher auf alles vorbereitet bist.«
»Ein guter Vorschlag, Sidonie! das wollen wir machen,« sagte Hans.
»Dann komm hier vom Wege fort in das Gebüsch und hilf mir vom Pferde.«
Sie ritten etwas tiefer in den Wald unter die Bäume; Hans stieg ab, hob
in seinen starken Armen Sidonien wie ein Kind aus dem Sattel und band
die Pferde an eine halbwüchsige Birke.
»So!« sagte sie, »dieser bemooste Stein hier ist Julianens Sessel;
darauf sitze ich als die Herrin der Minneburg und höre dich gnädig an.«
Sie setzte sich auf den Stein und nahm, so gut sie konnte, Haltung und
Miene derjenigen an, deren Rolle sie spielen wollte, während Hans ihr
gegenüber stand und sich auf eine Anrede besann.
»Nun steh' nur nicht wie ein armer Sünder da!« lachte Sidonie, »du
bringst mir doch etwas Gutes; fange an!«
Hans räusperte sich, machte eine tiefe Verbeugung vor der Sitzenden und
begann: »Hochedle Frau! wir haben Euren Vorschlag, den uns gestern die
schöne und liebenswürdige Sidonie --«
»Erlaube!« unterbrach sie ihn, »keine Frau hört es gern, wenn ein Mann
eine andere schön und liebenswürdig findet, und wenn er noch so sehr
recht hätte. Also fange noch einmal an und laß das weg.«
Er wiederholte nun: »Hochedle Frau! wir haben Euren Vorschlag, den
uns Sidonie in Eurem Namen überbracht hat, reiflich erwogen, aber zu
meinem großen Bedauern muß ich Euch mitteilen, daß wir drei Brüder
übereingekommen sind, denselben rund abzulehnen.«
»Sehr gut! sehr gut!« sagte Sidonie halblaut. Dann aber, Julianens
Stimme und Sprechweise vortrefflich nachahmend, sprach sie scharf und
hochmütig: »Das bedaure ich gleicherweise, Junker Hans, und wundere
mich nur, daß Ihr den gehässigen Auftrag übernommen und Euch zu der
Kühnheit verstiegen habt, mir eine so unangenehme Nachricht selber zu
bringen. Ich muß Euch sagen, Herr, daß es mir lieber gewesen wäre, wenn
Ihr das Sidonien allein überlassen hättet.«
»Alle Wetter!« sprach Hans, »das ist stark!«
»Ja, darauf mußt du dich gefaßt machen.«
»O weh! o weh! was soll ich darauf antworten?« seufzte er.
»Du mußt lächeln. Lächle mal, Ohm Hans! -- mehr! -- spöttischer! den
Kopf höher! -- so! Nun sagst du: Wollt mich geduldig anhören, gnädige
Frau!«
»Wollt mich geduldig anhören, gnädige Frau!«
»Was könnt Ihr mir danach noch zu sagen haben, das anzuhören der Mühe
wert wäre?« sprach Sidonie mit Julianens wegwerfendstem Tone.
»O gnädige Frau,« erwiderte Hans, »wenn Ihr wüßtet, was ich hier in der
Tasche habe --«
»Pst! noch nicht! erst noch ein bißchen zappeln lassen!« unterbrach ihn
Sidonie.
»Nun, dann so: O gnädige Frau, Sidonie hat uns gesagt, daß es Euch im
Grunde Eures Herzens mehr um die Freundschaft mit uns, als --«
»Halt! ums Himmelswillen, kein Wort davon!« rief Sidonie. »Damit
würdest du mir einen schönen Stein in den Weg rollen!«
»Ja, was soll ich denn sagen?« frug er kleinlaut.
»Warte mal! -- Sage, du hättest ihr einen andern Vorschlag zu machen,
der vielleicht ihre Billigung fände.«
»Also noch einmal: O gnädige Frau, es könnte doch sein, daß ich Euch
einen anderen Vorschlag zu machen hätte, -- von dem wir hoffen könnten,
-- so glücklich zu sein, -- uns Eurer Billigung desselben -- erfreuen
zu dürfen.«
»Gut! aber das muß glatter gehen,« sagte Sidonie, und dann mit
verändertem Tone: »Gegen die einzige Bedingung, die ich gestellt habe,
nehme ich keine anderen Vorschläge an.«
»Aber wenn wir nun mit einem geringeren, mit einem weit geringeren
Lösegeld zufrieden wären, als Ihr uns selber angeboten habt?«
»Ich feilsche mit Euch nicht um Geld!«
»Und wenn wir auch auf den Wildbann verzichteten?«
»Seht gut! sehr gut, Ohm Hans!« lobte ihn Sidonie. »Nun gib acht! jetzt
horcht Juliane auf und wird schon etwas freundlicher. Auf den Wildbann
wollt Ihr verzichten? wirklich? ist das ernst gemeint, Junker Hans?«
»Gewiß, gnädige Frau! Keiner von uns soll künftig den Wald betreten
ohne Eure Erlaubnis.«
»Vortrefflich! jetzt sieht sie dich mit solchen Augen an, -- sieh mal,
so!«
»Ei!« sagte Hans, »das ist hübsch!«
»O Junker Hans, Euch würde ich die Erlaubnis zu jeder Zeit sehr gern
erteilen. Und -- was sagtet Ihr doch von dem Lösegelde?«
»Von einem Lösegelde, gnädige Frau, ist keine Rede mehr.«
»Wie das, Junker Hans? -- Jetzt ziehst du den Pfandbrief aus der
Tasche,« flüsterte Sidonie.
Hans tat das, und ihr das Schriftstück darreichend sprach er: »Hier,
Frau Juliane, geb' ich Euch Euren Wald zurück, ohne -- ohne --«
»Ohne etwas anderes dafür von Euch zu verlangen, als Eure
Freundschaft,« half ihm Sidonie ein.
»Als Eure Freundschaft, Frau Juliane!« sprach Hans aufatmend nach.
»Junker Hans! Hans! mein Hans! wie dank ich Euch!« rief Sidonie, sprang
auf, umhalste den ganz Verblüfften und küßte ihn herzhaft auf den Mund.
Dann brach sie in ein tolles Gelächter aus. »Siehst du, so kommt's! so
kommt's!« jubelte sie. »Und was machst du nun? nun hältst du sie fest,
ganz fest.«
»Ja, ja, das tue ich schon.«
»Nun, mich kannst du jetzt loslassen,« sagte sie immer noch lachend und
sich seinen Armen entwindend.
»Nicht übel!« schmunzelte Hans, »das gefällt mir; wenn die Probe nur
Stich hält!«
»Kann gar nicht fehlen,« erwiderte sie, »wenn du nur alles richtig
machst.«
»Weißt du, Sidonie,« sprach er, »das letzte, von da an, wo ich den
Brief aus der Tasche ziehen muß, das sollten wir, der Sicherheit wegen,
lieber noch einmal machen; ich glaube, das ging noch nicht glatt genug.«
»O doch, Ohm Hans! fürs erstemal ging es schon außerordentlich glatt,«
lachte sie; »das behältst du gewiß und wirst es schon recht machen.
Jetzt komm! in kaum einer Stunde sind wir an Ort und Stelle, wo du
zeigen mußt, was du hier im Walde von mir gelernt hast.«
Da nahm er sie wieder auf die Arme, um sie in den Sattel zu heben.
»Einen Kuß noch, Mädchen! als Lehrgeld,« bat er, sie vor sich tragend.
Sie zierte sich nicht und bot ihm die frischen, roten Lippen dar.
Dann setzte er sie aufs Pferd, schwang sich selber in die Bügel, und
fröhlich ritten sie ihres Weges weiter.
Lange Zeit wurde kein Wort zwischen ihnen gewechselt. Er überhört es
sich noch einmal, dachte Sidonie.
So war es auch. Hans wiederholte sich im stillen Wort für Wort, was
er sagen wollte. Er zweifelte gar nicht daran, daß alles so käme, wie
es sich hier im Walde so leicht, so ganz von selber wie am Schnürchen
abgespielt hatte, und malte sich schon in Gedanken aus, wie ihm zumute
sein würde, wenn ihm Juliane so in die Arme flöge, wie es Sidonie getan
hatte. Dann aber wollte er auch nicht wieder so töricht sein wie damals
und davonlaufen, sondern sein Glück festhalten und nicht wieder fahren
lassen. Wenn sie dann nur nicht von Heiraten spräche! doch das wollte
er ihr schon auf gute Weise ausreden; sie könnten auch ohne das sich
lieb haben und glücklich sein.
Weiter und weiter spann er den glänzenden Faden und konnte es kaum
erwarten, bis er Julianen gegenüber stünde und sich alles erfüllte, was
er wünschte und hoffte. Endlich sprach er: »Ist dir's recht, Sidonie,
wenn wir jetzt einen schlanken Trab machen?«
»O du liebe Ungeduld!« lachte sie, »meinetwegen, vorwärts!«
Die Rosse sprangen an; aber statt in schlankem Trabe jagten Reiter und
Reiterin in einem sausenden Galopp durch den Wald.
Vierzehntes Kapitel.
Juliane war im Zweifel, was sie von Sidoniens Meldung, die ihr der
allein heimkehrende Knecht am Abend überbracht hatte, denken sollte.
Zunächst glaubte sie allerdings, daß Sidonie nur durch ihre Liebe zu
Ernst bewogen sei, bis zum anderen Tage auf der Mittelburg zu bleiben.
Dann aber sagte sie sich, daß jene trotzdem doch wohl zurückgekommen
wäre, wenn sie ihr eine so wichtige Nachricht wie die unbemängelte,
unverzügliche Annahme ihres Vorschlages seitens der Landschaden hätte
mitbringen können. Man besann sich also noch, suchte Ausflüchte,
machte neue Schwierigkeiten, wagte vielleicht gar, den Vorschlag ohne
weiteres abzulehnen. Diese Vermutung schon erweckte Julianen ein
solches Gefühl der Empörung über die Handlungsweise ihrer Gegner, daß
sie bitter bereute, Sidonien nach der Mittelburg entsendet und sich
dadurch einer kränkenden Zurückweisung ausgesetzt zu haben. Dabei
zürnte sie Sidonien, daß diese nicht stolz genug gewesen war, auf der
Stelle umzukehren, sobald sie das geringste Zögern und Schwanken bei
den Landschaden wahrgenommen hatte. Mindestens hätte sie ihr durch
Eberle doch eine Andeutung über die Lage der Sache zukommen lassen
sollen statt der trockenen, nichtssagenden Anzeige, daß sie die
Nacht über dort bleiben würde, die sie dem Knecht nicht einmal selber
aufgetragen, sondern durch einen der Landschaden hatte befehlen lassen.
Einen Augenblick brach, wie ein flüchtiger Sonnenstrahl aus dunklem
Gewölk, in ihren Grimm der Gedanke hinein, daß Hans am Ende mitkommen
könnte, um ihr die große Friedensbotschaft selber zu bringen. Wenn das
geschähe, ja dann -- dann sollte er ihr doppelt hochwillkommen sein;
aber das wagte sie nicht zu hoffen. Auf alle Fälle wollte sie sich
nicht überraschen lassen und ließ dem Türmer sagen: wenn er Fräulein
Sidonie mit einem oder zwei ritterlichen Begleitern kommen sähe, so
sollte er ins Horn stoßen. Auf dieses Zeichen wartete sie nun in einer
für ihre Umgebung unnahbaren Stimmung.
Der halbe Vormittag verging auf der Minneburg in ununterbrochener
Ruhe. Am Brunnenteuchel plätscherte das Wasser, das vom Berge her
aus ziemlicher Entfernung der Burg in hölzernen Röhren zugeführt
wurde. Dann und wann ging eine Magd dahin, um zu schöpfen. Weiprecht
Kleesattel hinkte über den Burghof, und die reisigen Knechte lungerten
am Tor und in den Ställen umher und gähnten. In den Bäumen des Zwingers
zankten sich die Spatzen, und auf den Dachfirsten sonnten sich die
Tauben.
Hiltrud und Richilde saßen verschüchtert im großen Palasgemach bei
Juliane, die ihren gewohnten Platz im Erker innehatte. Doch keine
sprach; auf allen lag eine beklemmende Schwüle.
Da plötzlich schmetterte das Horn des Türmers in die tiefe Stille
hinein. Die beiden Mädchen sprangen geschwind zu Julianen in den Erker,
und alle drei -- Mutter und Tochter mit klopfenden Herzen -- lugten
erwartungsvoll zum Burgweg hinab, wo sie bald Sidonien mit Hans auf
ihren Pferden erscheinen sahen.
Richildens Gesicht ward ein wenig bleich; Julianens Wangen röteten
sich. Aber mein Gott! wie langsam ritten die beiden! So steil war der
Weg doch nicht, daß man ihn so schneckenartig hinaufkriechen mußte.
Endlich erreichten sie die Zugbrücke und ritten darüber und kamen
ans Burgtor, und endlich waren auch die Schweife der Rosse darin
verschwunden. Doch es dauerte noch entsetzlich lange Minuten, bis die
Tür des Gemaches sich auftat und die beiden erschienen.
Hans blieb in seiner ganzen Pracht und Herrlichkeit wie eine
heraufbeschworene Erscheinung auf der Schwelle stehen, um bei Sidoniens
Begrüßung nicht hinderlich zu sein. Sidonie aber flog auf Juliane
zu und rief: »Da sind wir, Frau Juliane! verzeiht, daß ich gestern
ausblieb! Dafür sind wir auch heute geritten, daß die Funken stoben.«
Juliane konnte vor Erregung nichts erwidern, aber die Rose bemerkte sie
an Sidoniens Brust und warf einen schnellen Blick von dieser in des
Mädchens Gesicht. Dann ging sie Hans entgegen und sagte, ihm die Hand
bietend: »Seid mir willkommen, Junker Hans!«
[Illustration: Er trat freudestrahlend auf sie zu und drückte ihr warm
die Hand.]
Er trat so freudestrahlend auf sie zu, er drückte ihr so warm die Hand,
daß ihr ein ganzer Strom von Hoffnung durch das Herz flutete. Noch ehe
er ein Wort gesprochen, saßen sie sich Auge in Auge gegenüber.
Sidonie hatte Hiltrud und Richilde schnell zugeflüstert: »Kommt!
Botschaft von Ernst!« und wie gescheuchte Kobolde huschten sie alle
drei zur Tür hinaus. Hans und Juliane waren allein.
»Ich sehe es Euch an, Junker Hans; Ihr bringt mir den Frieden,« nahm
Juliane das Wort.
Hans stutzte. Das war außer der Reihe der abgehaltenen Probe; er mußte
ja anfangen, nicht sie. »Wollt mich geduldig anhören, gnädige Frau!«
begann er nun seine eingeübte Rede, um doch noch ins rechte Gleis
damit zu kommen. »Zu meinem Bedauern muß ich Euch mitteilen --«
Jetzt war es Juliane, die bei diesem nichts Gutes verheißenden Anfang
erschrak; aber in den Augen des Sprechers flimmerte und flunkerte
etwas so Lustiges und Listiges, daß sie ihn lachend unterbrach: »Ach,
Junker Hans, spart Euch die Mühe, mich irreführen zu wollen! Ihr seht
wahrhaftig nicht aus wie einer, der etwas Bedauernswertes mitzuteilen
hat. Da in der Tasche, auf die Ihr so breit behütend und beschützend
Eure ritterliche Hand haltet, da steckt der Pfandbrief über den Wald;
rückt nur heraus damit, verleugnen könnt Ihr ihn doch nicht!«
Hans war vollkommen sprachlos, und es war nicht das klügste Gesicht,
das er bei diesem unvermuteten Angriff machte, denn es wirbelte ihm
wie närrisch im Kopfe herum, und wie von einer Wespe gestochen,
fuhr seine Hand unwillkürlich von der Tasche zurück. Wo blieb
nun die ganze schöne Einleitung und Überraschung, die sich nach
der sorgfältigen Vorbereitung im Walde von Wort zu Wort steigern
sollte, um in dem glänzendsten Erfolge zu gipfeln? Damit war es nun
nichts. Auf das, wie es nun gekommen, war er nicht im mindesten
vorbereitet; jetzt war er selber der Überzuckte und hatte weder den
Mut noch die Geistesgegenwart, Julianens merkwürdigen Treffer durch
einen geschickten Gegenstoß zu überbieten und sie mit erkünstelten
Hindernissen und Schwierigkeiten zu necken und hinzuhalten, um
zuletzt mit einem desto stolzeren und glücklicheren Siege über sie zu
triumphieren.
»Frau Juliane,« sagte er, nachdem er sich einigermaßen gesammelt
hatte, »ich bin schier fassungslos vor Staunen über Euren wunderbaren
Scharfblick. Ihr habt es erraten: hier in der Tasche steckt der
Pfandbrief, und ich freue mich ganz ungemein darüber, daß Ihr nicht
einen Augenblick angenommen habt, ich hätte wieder herkommen können,
ohne Euch die Erfüllung Eures Wunsches zu überbringen.« Und in die
Tasche greifend und ihr die Urkunde darbietend, fuhr er fort: »Hier,
edle Frau, nehmt Euren Wald von uns zurück!«
Mit einem rührend innigen Blick und in einer überaus holdseligen
Verwirrung, die ihr Antlitz mädchenhaft verjüngte und noch verschönte,
nahm sie das Schriftstück hin und reichte dem wiedergewonnenen Freunde
die Hand mit den wenigen, aber herzlich warm gesprochenen Worten: »Ich
danke Euch, Junker Hans!«