»Sie denkt, ich bin in dich verliebt, Ernst, und kann mich hier nicht

von dir losreißen.«

Der ganze Kreis brach in ein herzliches Lachen aus, und damit war die

feierliche Sitzung heiter geschlossen und aufgehoben.

»Komm, Sidonie, daß ich dir dein Losament zeige!« sprach Katharina,

»und nachher setzen wir uns in die Laube.«

Sidonie folgte ihr, und die Männer blieben allein im Gemach, was

Katharinas Absicht bei dem ihrer Nichte gemachten Vorschlage gewesen

war, denn sie glaubte, daß jene unter sich, ohne Sidoniens Gegenwart,

die weiteren Schritte in der Angelegenheit zu beraten wünschten.

Bligger war auf seinem Stuhle sitzengeblieben und starrte, die Arme

über der Brust verschränkt, in tiefen Gedanken vor sich hin. Konrad

stand am Fenster und schaute in das Tal hinab, während Hans und Ernst

sich stets begegnend im Zimmer auf und ab gingen, beide, wie es schien,

in erregter und verdrossener Stimmung. Niemand sprach ein Wort.

Endlich fing Hans an: »Ich verstehe nicht, Bligger, warum du noch

zauderst. Du brauchst nur ja! zu sagen, und die Sache wäre abgemacht.

Sidonie hat recht; wir können von Juliane wahrhaftig nicht mehr

verlangen als sie uns bietet.«

Bligger schüttelte den Kopf und antwortete nicht.

Hans murrte: »Könnt' ich nur diesen unglücklichen Wald aus der Welt

schaffen! ich wollte, er läge am Ebro statt am Neckar!«

»Dann hättest du nur einen um so weiteren Weg,« sagte Bligger ruhig,

»denn hin mußt du doch wieder, und zwar morgen!«

Über Ernsts Gesicht glitt ein Strahl der Freude. Hans aber fuhr

ärgerlich auf: »Was? ich? wozu ist denn Sidonie da?«

»Dazu, daß du sie begleitest, lieber Bruder,« erwiderte Bligger. »Sie

kann nicht in unserem Namen mit Juliane verhandeln. Ich wünsche auch,

daß du diesmal allein reitest, das heißt ohne Ernst.«

»Auch das noch!« rief Hans erschrocken.

»Ich soll nicht mitreiten, Vater?« frug Ernst.

»Nein! und Sidonie soll auch durch niemand anders, als durch mich

erfahren, daß Hans sie begleiten wird,« sagte Bligger mit entschiedenem

Tone. »Verstanden, Ernst?«

»Ja!« versetzte dieser mürrisch und verließ das Gemach mit einer

getäuschten Hoffnung.

Auch Hans war unangenehm berührt von dieser Maßregel seines Bruders,

deren Zweck er nicht einsah. »Was soll die Geheimnistuerei gegen

Ernst?« sprach er unwirsch. »Er ist Manns genug, sich auch in solchen

Dingen die Sporen zu verdienen.«

»Ich aber bin nicht sicher, ob er durch sein rasches Wesen nicht mehr

verderben würde als gutmachen. Schon um dich trag' ich Sorge, daß du

ganz in meinem Sinne handelst,« sagte Bligger.

»So reite doch selber nach der Minneburg oder Konrad, und verschont

mich mit solchem Botendienst!« entgegnete Hans erregt.

»Hans!« lächelte Bligger verschmitzt, »wer ritte nicht gern zu einer

schönen Frau! wenn man nur wüßte, wie man aufgenommen wird.«

»Nun, ich weiß es, wie ich aufgenommen bin, und habe an dem einen Male

gerade genug,« erwiderte Hans.

»Das wird mit jedem Male besser werden,« meinte Bligger, »und früher,

als Zeisolf noch lebte, machtest du sehr gern diesen Weg.«

»Das war auch --«

»Doch nicht etwa Zeisolfs wegen?« lachte Bligger.

Hans wandte sich ab und schwieg. Bligger aber fuhr fort: »Du hast es

einmal angefangen, Hans, nun mußt du es auch durchführen und die Sache

zu Ende bringen.«

»Angefangen!« knurrte Hans, »ich habe nichts angefangen. Ihr habt mir

das hinter meinem Rücken eingebrockt und mich hineingehetzt, als hinge

Leben und Seligkeit an diesem verdammten Walde! Er hat uns Geld genug

eingebracht, und wenn es auf mich ankäme, so gäbe ich ihn Julianen

zurück ohne dafür noch einen Pfennig von ihr anzunehmen.«

Bligger sah seinen Bruder groß an, und sein Blick wurde immer klarer

und heiterer. Dann stand er auf, schlug Hans derb auf die Schulter und

sagte: »Hans, das war ein verständiges Wort! morgen bringst du Julianen

den Pfandbrief zurück.«

»Und wirfst ihn ihr zerrissen vor die Füße! nicht wahr? das wäre so

deine Art, Frieden zu schließen,« höhnte Hans.

»Oder bietest ihn ihr kniend auf einem Samtkissen dar. Wie du willst,

ganz wie du willst, Hans!« lächelte Bligger.

»Ist das Ernst oder Spott?« frug Hans stirnrunzelnd.

»Mein voller Ernst!« erwiderte Bligger.

Konrad wandte sich überrascht seinem älteren Bruder zu. Auch er hatte

geglaubt, Bligger triebe nur seinen Spott mit Hans, und dieses etwas

weitgehende Spiel dem Gutmütigen gegenüber im Herzen gemißbilligt. Um

so erstaunter war er nun über Bliggers unzweideutige Versicherung, der

das folgende mehr an ihn, als an Hans richtete, als er sprach: »Hans

hat das richtige getroffen. Mit einer Frau streiten ist nicht rühmlich

und führt zu keinem guten Ende. Wenn wir Juliane gegenüber großmütig

sind und ihr den Wunsch über ihre Erwartung hinaus erfüllen, so ist

sie entwaffnet, und ich hoffe, ihr Groll wird sich in Freundschaft

verwandeln.«

»Wenn sie nicht zu stolz ist, diese Großmut von uns anzunehmen,« wandte

Hans dagegen ein.

»Siehst du, Hans,« versetzte Bligger, »darum mußt du hin! Weder von

mir noch von Konrad würde sie sich's gefallen lassen; und wenn wir

ihr den Brief durch Sidonien schickten, so sähe das einer Beleidigung

ähnlicher als einem Entgegenkommen. Du bist der einzige, von dem sie

es annimmt, wenn du es auf die richtige Weise anfängst. Du kannst ihr

damit eine Freude machen, überschüttest sie, überzuckst sie damit, bist

der Vermittler, der Freund und Versöhner, mußt ihr nur sagen, daß der

Vorschlag von dir ausgeht, und kannst dann von ihr verlangen, was du

willst.«

Einen Augenblick noch bedachte sich Hans und sah seine Brüder

zweifelhaft an, ob sie dabei nicht noch mit etwas anderem hinter dem

Berge hielten. Da sie aber beide durchaus ernsthaft blieben, wurde er

plötzlich sehr vergnügt und sagte: »Nun, dann reite ich mit Freuden

nach der Minneburg! also morgen früh! suche den Pfandbrief hervor! der

Krieg ist aus. Sela, lieben Brüder! Alles hat ein Ende, sagt Trotto,

der Kellermeister.« Und ein lustiges Halali pfeifend schritt er zur

Tür hinaus, als wollte er gleich aufsitzen und schnurstracks nach der

Minneburg traben.

»Was wettest du?« sprach Bligger zu seinem jüngsten Bruder, indem er

lächelnd nach der Tür wies, durch welche Hans verschwunden war. »Jetzt

läuft er nach Hause, kramt in seiner Kleidertruhe und läßt sich von

Drutmann sein bestes Zaumzeug für morgen instand setzen. Das ist ein

guter Schritt vorwärts, Konrad!«

»Wenn aber Juliane nun doch unsere Großmut kühl zurückweist?« gab ihm

Konrad zu bedenken.

»Nun, was ist dann verdorben?« entgegnete der ältere. »Dann gehen

die Verhandlungen, immer durch Hans geführt, munter weiter. Aber sie

wird sich hüten. Hätte sie sonst Sidonien zu uns geschickt? Das ist

mir das sicherste Zeichen, daß Juliane selber die Anknüpfung mit uns

sucht, und vor allem, daß sie Hans wieder bei sich sehen will. Hast

du denn nicht gehört, wie Sidonie sagte, Juliane wünschte im Grunde

ihres Herzens den Frieden mehr als den Wald? Den Frieden, das heißt:

sie wünscht sich Hans, und ich bin überzeugt, die schlaue Sidonie weiß

mehr, als sie sagen will. Jetzt muß Juliane kommen und sich bedanken,

muß unsere Frauen besuchen, und Hans muß dabei sein. Dann reiten wir

wieder nach der Minneburg, Hans natürlich mit, und wenn wir Juliane

zu uns einladen, muß Hans ihr die Einladung überbringen. Engelhard

und Albrecht müssen uns helfen, daß wir auch bei ihnen mit ihr

zusammentreffen, und Hans alldazu. Dann sind wir stets dabei und lassen

die beiden nicht aus den Augen und nicht aus den Scheren; und was

die Hauptsache ist, die uns alles erleichtert: Juliane verlangt nach

Hans, meinen Kopf zum Pfande, daß ich mich nicht irre! Sie ist aber

kein gewöhnliches Weib; wen sie gewinnen will, den bannt sie wie mit

Zaubergewalt, und ich bin fast neugierig, wie lange es Hans gelingen

wird, ihr zu widerstehen.«

»Bligger, du bist ein geschwinder Rechner,« lächelte Konrad, »und ich

will nur wünschen, daß dich dein Einmaleins dabei nicht im Stiche läßt.«

»O in dem Exempel sind noch hohe Zahlen, die ich noch gar nicht

aufgeführt habe,« erwiderte Bligger. »Da haben wir noch Ernst und

Richilde als Hilfstruppen, und was meinst du, wie schwer Julianens

Horoskop nach ihrer eigenen Schätzung wiegt? Nein, nein, glaube mir!

unser schwierigster Gegner ist Hans, unser Hagestolz selber, zwar

mächtig verschanzt hinter dem Bollwerk seines Ehehasses, das aber

Julianens Leidenschaft und Liebreiz stürmen wird, wenn wir im Bunde,

in Frieden und Freundschaft mit ihr sind, und die Brücke dazu ist der

Pfandbrief über den Wald. Ich werde ihn gleich hervorsuchen.«

»Und ich werde Sidoniens Knecht jetzt nach der Minneburg zurückschicken

mit der Meldung, daß sie die Nacht hierbleibt,« sagte Konrad. --

Ernst hatte sich, als er das Gemach, in welchem der Familienrat

stattfand, voll Unmut verlassen hatte, zu Katharina und Sidonie in die

Laube begeben, und dort hatten sie zu dreien gesessen und geplaudert.

Als dann nach einer Weile die Burgfrau sich entfernte, um einen Blick

in die Küche zu werfen, wie sie sagte, und Ernst mit Sidonie allein

ließ, sprach diese: »Ich habe dir auch Grüße von der Minneburg zu

bestellen, Ernst! einen von Hiltrud und tausend --«

»Von Richilde?!« rief er freudig erregt.

»Ja von Richilde,« bestätigte Sidonie.

Von diesen tausend Grüßen waren freilich mindestens

neunhundertundneunundneunzig gelogen. Als Sidonie gestern abend ihren

beiden Freundinnen mitgeteilt hatte, daß sie im Auftrage Julianens

nach Neckarsteinach reiten würde, hatte sie sich Richilden zu jeder

Liebesbotschaft an Ernst bereit erklärt; diese hatte es jedoch in

jungfräulichem Zartgefühl abgelehnt, ihm irgendein Wort oder Zeichen

der Liebe zu senden, ehe er ihr nicht selber seine Neigung gestanden

hätte. Als aber Sidonie heute früh in Gegenwart Julianens, Hiltruds

und Richildens zu Pferde gestiegen war, hatte Hiltrud ihr zugerufen:

»Bestelle Ernst einen Gruß von mir!« Darauf hatte Sidonie Richilden mit

einem nicht mißzuverstehenden, fragenden Blick angesehen, und diese

hatte zustimmend ein ganz klein wenig mit dem Kopfe genickt. Aus diesem

stummen Kopfnicken hatte Sidonie die tausend Grüße gemacht, die Ernst

nun glücklich einheimste.

»Wie dank' ich dir und ihr!« rief er, »und wenn du morgen

zurückreitest, so wollt' ich, ich könnte mit.«

»Komm doch mit!« sagte sie, »ich bürge dir für einen guten Empfang,

besonders bei Richilde; sie wäre glücklich.«

Ernst schüttelte traurig den Kopf. »Der Vater will es nicht. Aber

morgen früh breche ich die schönste Rosenknospe, die sich über Nacht

erschließt, daß du sie Richilden überbringst. Könnt' ich sie nur bald

einmal wiedersehen!«

»Hast du sie denn wirklich lieb, Ernst?«

»Ach, Sidonie! mehr als mein Leben!«

»Darf ich ihr das sagen?«

»Ja, ja! sag' es ihr! ich vergehe vor Sehnsucht, es ihr selber zu

sagen.«

»Nun, dazu kann ja wohl Rat werden.«

»Wie? wie meinst du das?«

»Würdest du wohl die Buche wiederfinden, aus der du mich damals so

ritterlich heruntergeholt hast?« frug Sidonie.

»In stockfinsterer Nacht finde ich sie wieder,« beteuerte Ernst.

»Bei Nacht würdest du uns dort vergeblich suchen,« erwiderte sie; »aber

eines Nachmittags, wollen sagen: in drei Tagen von heute. Wirst du

kommen?«

»Wie kannst du fragen!« jubelte er. »Aber wenn Frau Juliane etwas davon

merkte --«

»Sie soll schon nichts merken; dafür laß mich sorgen!« lachte

Sidonie. »Verrät es ihr ein Zufall, so bin ich es, die sich mit dir

ein Stelldichein gibt. Das ist ja das bequeme für euch, daß Juliane

wirklich glaubt, wir beide, du und ich, wären verliebt ineinander, und

in dem Glauben müssen wir sie auch vorläufig lassen. Das ist auch nicht

schwer, denn daß ein Landschad ihre Tochter lieben, um ihre Tochter

werben könnte, ist ihr undenkbar.«

Ernst seufzte: »Einmal muß sie es doch erfahren, und was dann?«

»Nur immer den Kopf oben, Ernst! Kommt Zeit, kommt Rat,« tröstete ihn

Sidonie.

Jetzt kehrte Frau Katharina zu den beiden zurück, und sie mußten das

Gespräch abbrechen. Bald erschien auch Bligger in der Laube und setzte

sich zu ihnen. Sidonie erzählte nun von dem Leben auf der Minneburg,

hatte manche Frage Bliggers und Katharinas zu beantworten und war stets

bemüht, Julianens Wesen und Tun und Treiben in das hellste Licht zu

stellen, und die Landschaden für sie einzunehmen und immer günstiger zu

stimmen. Sie gab ihnen zu verstehen, Juliane sehnte sich förmlich nach

ihnen und dem freundschaftlichen Umgang, wie sie ihn in früheren Jahren

miteinander gepflogen hatten, und wenn sie nicht gefürchtet hätte,

abgewiesen zu werden, wie sie es nach ihrem unverzeihlichen Benehmen

freilich nicht besser verdiente, so hätte sie sicher schon selber

Schritte getan, das alte, gute Verhältnis wiederherzustellen.

Das ging nun wieder weit über das hinaus, was Sidonie zu sagen einen

Auftrag und was sie zu behaupten ein Recht oder auch nur einen

stichhaltigen Grund hatte; doch es war gut gemeint und verfehlte auch

seine von ihr beabsichtigte Wirkung nicht. Katharinas Augen blickten

sehr freundlich dabei, und Bligger strich sich in seiner Genugtuung

darüber schmeichelnd den Bart.

Der Tag verging allen schnell mit kurzweiliger Unterhaltung, zu der

Sidoniens sprudelnde Laune das meiste beitrug. Der eigentliche Zweck

ihres Besuches wurde mit keinem Worte mehr erwähnt.

Später kam Hans und ebenso Konrad mit seiner Gattin, Frau Agnes, zur

Mittelburg hinüber, und die ganze Familie saß nun vereint in der

hohen Gartenlaube bei Imbiß und Wein. Sidonie, die schöne und kluge

Gesandtin der Minneburg, war der gefeierte Mittelpunkt des fröhlichen

Kreises. Alle huldigten ihr, als hätten sie nur ihrer Freundschaft und

ihrer Gewandtheit und Staatskunst im kleinen den glücklichen Erfolg

oder wenigstens die gesicherte Aussicht darauf zu verdanken. Sie ließ

sich das wohl gefallen, hatte aber auch ihrerseits für jeden ein

verbindliches Wort oder einen neckischen Scherz auf den beredten Lippen.

Es war ein köstlicher Juniabend. Die Rosen blühten, und die Drossel

schlug. Die Gebäude und Türme der Burg mit ihren Vorsprüngen, Dächern

und Zinnen hoben sich scharf von dem klaren Himmel ab, und oben im

Blauen hing die schmale Mondsichel und fing an, sich mehr und mehr zu

vergolden. Unten im Tal, aus dem die Wellen des Neckars im Abendlicht

heraufblinkten, und drüben auf den Bergen, zu denen der Blick von der

Laube frei hinüber schweifte, lag ein wonnesamer Friede, der wie Duft

und Tau der herandämmernden Nacht nicht nur die Blumen und Bäume,

sondern auch die Menschen umwob und ihnen erquickliche Ruhe in die

Seele goß.

Alle, die hier saßen, gaben sich der süßen Labung empfänglich hin. Nur

zwei waren mit ihren Gedanken anderswo, als hier in der Laube; das

waren Vater und Sohn. Ernsts Sehnsucht strebte über die dunkelnden

Berge hinweg gen Osten der Minneburg zu, und die nie rastende

Geschäftigkeit Bliggers, der als gebietender Häuptling seiner Sippe

für alle denken und für alle handeln zu müssen glaubte, wob unablässig

an dem Netze, mit dem er das arglose Herz seines vergnügt neben ihm

sitzenden Bruders zu umgarnen gedachte.

Jetzt winkte er Sidonien, wandelte mit ihr einen Gartenweg entlang und

begann in einiger Entfernung von der Laube zu ihr: »Sidonie, wenn du

morgen früh heimreitest, wird dich Hans nach der Minneburg begleiten,

um Frau Julianen meinen Bescheid zu überbringen.«

»Die Begleitung ist mir angenehm, lieber Ohm,« sprach Sidonie, »aber

der Beschluß, statt meiner den Ohm Hans zum Überbringer deiner

Willensmeinung zu wählen, zeugt von geringem Vertrauen zu meiner

Vermittelungsgabe.«

»Du brauchst dich dadurch nicht zurückgesetzt zu fühlen,« erwiderte

Bligger. »Wenn es darauf ankäme, Frau Juliane mit fein abgewogenen

Worten zu bereden und zu gewinnen, so wäre dazu niemand geeigneter, als

du mit deinem erfinderischen Kopf und deiner geläufigen Zunge. Aber

darum handelt es sich eben nicht. Unsere Antwort ist der Art, daß aus

Rücksichten der Höflichkeit sie einer von uns Brüdern überbringen muß.

Selbst aus deiner geschickten Hand empfangen, könnte sie leicht einer

unerwünschten Mißdeutung bei Juliane begegnen. Daß aber von uns dreien

nur Hans der Überbringer sein kann, wirst du einsehen.«

»Das kommt darauf an, wie die Antwort lautet,« versetzte Sidonie.

»Das heißt: du möchtest sie gern wissen,« sagte Bligger. »Du wirst sie

erfahren, nachdem sie Hans bestellt hat; früher nicht. Und es liegt mir

daran, daß er sie Frau Juliane unter vier Augen mitteilt, also suche es

einzurichten, daß die beiden ungestört allein bleiben. Kannst du das

machen, ohne daß jemand von diesem meinem eben ausgesprochenen Wunsch

etwas erfährt?«

»Auch Ohm Hans und Juliane selber nicht?«

»Die am wenigsten!«

»Hm! machen kann ich das wohl; aber das wird ja immer geheimnisvoller,«

lächelte Sidonie. »Schade, daß es hier zu dunkel ist, um dein Gesicht

sehen zu können, Ohm Bligger! Hinter dieser Bestellung unter vier

Augen scheint mir etwas ganz abgefeimt Pfiffiges zu stecken; ist es

nicht so?«

»Ja, ja! es läuft auf eine Überraschung hinaus,« erwiderte er möglichst

unbefangen der gefährlichen Fragerin, die auf dem besten Wege war,

seine geheimsten Pläne auszukundschaften.

»Es ist gerade so wie bei dem Horoskop, das Juliane auch nur unter vier

Augen von deinem sternkundigen Schutzjuden entgegennehmen wollte,«

bemerkte Sidonie.

»Von meinem Schutzjuden?«

»Nun, er erfreut sich doch deines besonderen Schutzes hier auf der

Burg.«

»Er ordnet mir meine Urkunden und Briefe und dient mir als Schreiber,«

sagte Bligger. »Kennst du Julianens Horoskop?« frug er dann.

»Nein, sie wollte es uns nicht offenbaren,« erwiderte Sidonie. »Aber

du, Ohm Bligger! Du wirst es wohl kennen, nicht wahr?«

»Ich? wie soll ich dazu kommen? ich weiß ja kaum --«

»Daß Zachäus auf der Minneburg war? -- aber Ohm Bligger!«

Er mußte schweigen. Das kluge Mädchen trieb ihn dermaßen in die Enge,

daß es ihn die höchste Zeit dünkte, das Gespräch zu beenden, wenn er

nicht noch ganz von ihr durchschaut sein wollte. Einen Augenblick

überlegte er, ob er Sidonien nicht in seinen Plan mit Hans und

Juliane rückhaltlos einweihen sollte. Denn wenn sie darauf einginge

und ihm ihren Beistand zusagte, so hätte er an ihr eine unschätzbare

Bundesgenossin gehabt. Aber es schien ihm doch zu bedenklich, der

Verschwiegenheit eines jungen Mädchens unbedingt zu trauen und der

Freundin Julianens ein diese betreffendes, so wichtiges Geheimnis

preiszugeben. Plauderte sie, machte sie auch nur die leiseste

Anspielung Julianen gegenüber, so war das Gelingen seines Vorhabens

ebenso schwer gefährdet, als wenn Ernst in der Lage gewesen wäre,

seinem Ohm Hans einen bedeutsamen Wink zu geben. Daher unterdrückte

er die flüchtige Regung und wollte sich mit Sidonie wieder der Laube

zuwenden.

Aber sie hielt ihn zurück und sagte: »Noch eins, Ohm! warum soll Ernst

morgen nicht mitreiten?«

»Zwei sind zuviel für die kurze Botschaft,« erwiderte Bligger

ausweichend. »Er kann euch ein andermal besuchen, meinetwegen so oft er

Lust hat und euch willkommen ist.«

»Je öfter, je lieber!«

»Nun, das mache mit ihm aus. Aber jetzt komm wieder zu den andern;

sie werden sich wundern, was wir hier im Dunkeln so lange zu tuscheln

haben.«

»Herzensgeheimnisse, Ohm Bligger!« lachte Sidonie, »Dinge, denen man im

Dunkeln oft besser auf die Spur kommt, als am hellen, lichten Tage. Ich

habe in dieser Beziehung eine Fledermausnatur und wittere manches, was

man mir verbergen will.«

Hatte sie schon etwas gemerkt? Dann wäre es besser, ihr alles zu sagen

und Verschwiegenheit dafür zu verlangen, anstatt sie raten zu lassen,

was sie durch kein Gelöbnis des Schweigens gebunden, jedem sagen

konnte, wem sie wollte. Noch einmal schwankte Bligger; aber in diesem

Augenblick rief Hans: »Ein frischer Krug, Bligger! kühl aus dem Keller!

macht ein Ende mit euren Geheimnissen und kommt wieder her!«

Das nahm Bligger als einen Wink des Schicksals, Sidonien nichts zu

sagen, kam herzu und setzte sich mit ihr wieder in den Kreis der

Seinigen.

Sie hatten in den Ring an einem Pfosten der Laube eine Fackel

gesteckt, deren rötliche Flamme die Gesellschaft und den Tisch mit

allem, was darauf stand, hell beleuchtete, während durch eine Öffnung

im Blättergerank des Laubendaches der Rauch bei der herrschenden

Windstille nach oben abzog.

Da saß die Ritterfamilie mit dem gefürchteten Namen einmütig und

behaglich zusammen mit ihrem jungfräulichen Gaste. Sie plauderten und

lachten; die Frauen hielten die tagsüber fleißigen Hände müßig im

Schoß, und die Männer ließen ihre Becher nie lange voll und nie lange

leer stehen.

Dort oben aber auf einem kleinen, aus dem Giebel eines Burggebäudes

vorspringenden Altan stand, unbemerkt im Dunkel der Nacht, eine

schlanke Gestalt und blickte mit brennenden Augen in die helle Laube

hinein, aus welcher dann und wann ein lustiges Wort oder ein von Herzen

kommender Ausbruch des Frohsinns zu der Lauscherin herüber drang.

Sehnsuchtsvoll, schmerzvoll hob und senkte sich ihre Brust; niemand

gedachte der Einsamem, niemand begehrte ihrer; was Glück und Freude

war, konnte sie nur nach dem ermessen, wie sie es bei anderen Menschen

sich äußern sah; ihr selber hatten in der Stunde der Geburt die Sterne

nicht günstig, nicht glückverheißend gestanden.

Dreizehntes Kapitel.

Bligger kannte seinen Bruder Hans. Als dieser am andern Morgen im

Hofe der Mittelburg erschien, um Sidonien abzuholen, hatte er richtig

seinem Rappen das kostbarste Zaumzeug auflegen lassen, als ob er zu

einem festlichen Turnier zöge. Der Sattel aus Hagebuchenholz war mit

Blumen und Ranken bemalt. Die darunter liegende Satteldecke, deren

Zipfel fast bis zur Erde hinab hingen, war aus schwarzem Seidenstoff,

goldumsäumt, mit goldenen Harfen bestickt und unterhalb gelb gefüttert.

Der Bauchgurt, die Zügel und die Riemen der silbernen, reich verzierten

Steigbügel waren bunt gesteppt und mit breiten Borten prächtig

geschmückt, und der hirschlederne Brustriemen des Pferdes war dicht

mit silbernen Schellen behangen, die bei jeder Bewegung des Tieres

lustig klingelten. Der Ritter selber trug ein purpurrotes Brokatwams,

ebenfalls mit den goldenen Harfen bestickt, und einen schönen Pfauenhut

auf dem langgelockten Haupte.

Bligger übergab ihm den zusammengefalteten Pfandbrief über Julianens

Wald, und Hans steckte das wichtige Schriftstück sorglich in die

Tasche, die ihm an dem edelsteinbesetzten Gürtel hing. Sidonie nahm

freundlichen Abschied von ihren Wirten, wobei sie Bligger und Ernst

noch einmal bedeutungsvoll zunickte zum Zeichen, daß sie sich der ihr

von beiden gewordenen Aufträge sehr wohl erinnerte und sie pünktlich

ausführen würde. Dann hob Ernst sie mit Kraft und Geschicklichkeit in

den Sattel ihres Schweißfuchses, und sie und Hans ritten frohgemut zum

Burgtor hinaus. An Sidoniens schöngewölbter Brust prangte eine frisch

gepflückte, eben aufbrechende Rosenknospe.

Hans ritt diesmal mit ganz anderen Empfindungen nach der Minneburg

als das vorige Mal. Er trug Julianens Wald, sozusagen, bei sich in

der Tasche, freute sich fast kindlich darauf, ihn ihr mit ein paar

ritterlichen Worten zurückgeben zu können, und weidete sich in Gedanken

schon an dem Anblick ihrer grenzenlosen Überraschung. In welcher

Weise sie ihm ihren Dank bezeigen, und was weiter alles darauf folgen

würde, darüber wollte er eigentlich nicht nachdenken, tat es aber

unwillkürlich doch.

Das Recht der Hagestolze: Eine Heiratsgeschichte aus dem Neckartal · 第 12 / 24 段