»Es wird, sage ich dir; nur verlange ich, daß du dich allen meinen

Anstalten fügst und mir blind gehorchend tust, was ich dir befehle, es

sei, was es sei. Versprichst du mir das, Richilde?«

»Alles, was du willst!«

»Schön! so verhilf mir heut oder morgen zu einer Gelegenheit, deine

Mutter unter vier Augen allein sprechen zu können. Sieh zu, wie du

Hiltrud entfernst, nimm sie mit dir, sinne auf eine Ausrede --«

»Ist gar nicht nötig,« kam es von dem Platze her, wo Hiltrud lag.

»Himmel! sie ist wach!« rief Richilde.

»Hast du alles gehört?« frug Sidonie.

»Natürlich!« lachte Hiltrud. »Wenn ihr so schreit, soll man wohl wach

werden und die Ohren spitzen.«

»Willst du uns helfen?«

»Mit allem, was ich kann und vermag!«

»So komm her!«

Hiltrud kroch auf allen Vieren heran. »Etwas Neues war es mir auch

nicht, Richilde, daß du Ernst gern hast,« sagte sie, »und er dich auch,

und daß ihr beiden --«

»Still jetzt!« unterbrach sie Sidonie. »Wir sind also drei geschworene

Verbündete in der großen Sache, nicht wahr?«

»Ja!« sagte Hiltrud. Richilde lächelte und schwieg.

»Hände her!«

Die Hände der drei Mädchen legten sich mit festem Druck zusammen. »Wir

schwören also,« sprach Sidonie feierlich: »Frieden mit den Landschaden!«

»Frieden mit den Landschaden!« wiederholten die anderen beiden.

»Heil und Hilfe der hoffenden Liebe!«

»Heil und Hilfe der hoffenden Liebe!«

»Und unverbrüchliches Schweigen!«

»Und unverbrüchliches Schweigen!«

Noch ein den Bund besiegelndes, herzliches Schütteln, dann sprang

Sidonie auf, streckte erst Richilden, dann Hiltrud die Hand hin, riß

sie mit einem kräftigen Ruck empor und rief: »Kommt! und jede tue, was

sie kann, daß wir Frau Juliane wieder lächeln sehen!«

Die drei schönen Verschworenen verließen ihren Waldversteck und

gingen den Burgweg viel vergnügter hinauf, als sie ihn heute morgen

hinabgegangen waren. --

»Habt ihr es wirklich der Mühe wert gehalten, euch wieder einzufinden?«

empfing Juliane die Heimkehrenden unsanft. »Der Tisch ist gedeckt,

und ihr laßt mich warten und warten. Wo habt ihr euch wieder so lange

umhergetrieben?«

»Wir waren in Neckargerach, Mutter! bei Konz Hornschuh,« sagte Richilde.

»Von da konntet ihr längst zurück sein,« hielt ihr die Mutter entgegen.

»Verzeiht, Frau Juliane! wir ruhten uns ein wenig im Walde, und da war

ich unversehens eingeschlafen,« entschuldigte Hiltrud sich und ihre

Freundinnen.

»Und dein Tüchlein im Rahmen lauert unterdessen vergeblich auf die

Nadel der fleißigen Stickerin. Das gnädige Fräulein zieht es vor, im

Walde zu liegen und zu schlafen,« versetzte Juliane mit scharfem

Tadel. »Übrigens, was sagte Konz?« wandte sie sich wieder zu ihrer

Tochter. »Wird er die Eier schicken?«

»Ja, morgen wird er sie schicken,« erwiderte Richilde.

»Morgen! ich habe sie heute verlangt!«

»Morgen, hattest du gesagt, Mutter!« versicherte Richilde.

»Du hast in deiner beliebten Zerstreutheit wie gewöhnlich wieder nur

mit halbem Ohre gehört, was ich dir aufgetragen hatte; bist zu nichts

zu gebrauchen!« schalt Juliane.

»Wenn wir Nachmittag reiten, können wir noch einmal hinüber und die

Eier zu heute bestellen,« meinte Sidonie.

»Heute wird nicht geritten!« entschied die Zürnende kurz und bündig.

»Das ist mir lieb! Ich wollte Euch schon bitten, mich heute damit

zu verschonen,« sprach Sidonie, von allen die leidenschaftlichste,

unermüdlichste Reiterin.

»Warum?« frug Juliane.

»Um bei Euch zu bleiben und mich ein paar Stunden lang tüchtig

auszanken zu lassen,« lächelte Sidonie. »Ihr versteht das wunderbar

schön, Frau Juliane! Dann gehe ich zerknirscht in mich und tue Buße und

bessere mich, und dann fühl' ich mich frei und froh, als wär' ich zur

Beichte gewesen und aller meiner Sünden ledig.«

»Um wieder neue zu begehen,« mußte nun auch Juliane lachen. »O du

nichtsnutziger Schalk von einem Mädchen! wenn du nicht hier wärst, wäre

die Minneburg von oben bis unten mit aschgrauen Spinnweben überzogen.«

»Ich fege sie nicht aus, Frau Juliane!« rief Sidonie frohlockend.

»Die in den Mauerecken nicht; aber die einem in Kopf und Herzen

nisten, die bläst dein loses Spottmäulchen hinaus wie der Morgenwind

die Nebel aus dem Tale.« Sie reichte der Besiegerin ihres Unmuts mit

einem fröhlichen Blicke die Hand, und im Palas war wieder einmal heller

Sonnenschein. --

Am Nachmittage saß Juliane mit der nur langsam fortschreitenden

Stickerei wieder einsam in ihrem Erker, weil es innerhalb der dicken

Steinwände kühler war als draußen im Freien.

Da trat Sidonie zu ihr ins Gemach und sagte: »Darf ich Euch

Gesellschaft leisten, Frau Juliane? ich bin so allein wie Ihr.«

»Wo sind die beiden andern?« frug Juliane.

»Sie sind wieder zu Konz Hornschuh gegangen und wollen die Eier selber

holen,« erwiderte Sidonie.

»Und warum bist du nicht mitgegangen?«

»Mir war es zu heiß, darum ließ ich sie ohne mich gehen.«

»Du hast etwas auf dem Herzen, Sidonie!« sagte Juliane mit einem

forschenden Blick, »komm her, sprich dich aus! und was es auch sei,

dein Vertrauen soll dich nicht gereuen.«

»Das weiß ich im Voraus,« erwiderte Sidonie, indem sie die Stufen zum

Erker hinaufstieg und sich auf dieselbe Bank neben der etwas zur Seite

Rückenden niederließ. »Ja, ich habe etwas auf dem Herzen und bitte

Euch, mich geduldig anzuhören.«

»Ich bin ganz Ohr, liebe Sidonie; fange nur an,« sprach Juliane, ihre

Nadel emsig weiterführend.

»So will ich es auch ohne Umschweife tun,« setzte Sidonie mutig ein.

»Juliane, macht Euren Frieden mit den Landschaden!«

Juliane fuhr unwillig auf. »Sidonie! worein mischest du dich?« sprach

sie, ihre Arbeit schnell in den Schoß sinken lassend, mit gefurchten

Brauen.

»Ruhig, liebe Freundin!« suchte Sidonie sie zu besänftigen, ihre Hand

auf die Hand Julianens legend. »Es ist zu Eurem Besten, was ich Euch

rate. Ich sehe es mit offenen Augen, wie Euch diese Zwietracht erregt

und das Leben verbittert. Ihr sitzt hier abgeschlossen und einsam auf

Eurer Burg und wagt nicht einmal, Eure Nachbarn und guten Freunde zu

besuchen, aus Furcht, Ihr könntet bei ihnen einem der Landschaden

begegnen. Das muß anders werden, und jetzt habt Ihr die beste

Gelegenheit, dem alten Streit ein Ende zu machen, ohne daß Ihr Euch das

geringste dabei vergebt.«

»Ich vergebe mir schon etwas, wenn ich auch nur die kleinste

Gefälligkeit von den Landschaden annehme und mich ihnen dadurch zu Dank

verpflichte,« entgegnete Juliane.

»So müßt Ihr es nicht ansehen,« sprach Sidonie. »Sie sind es doch, die

Euch die Hand zur Versöhnung bieten. Ihr braucht nur einzuschlagen,

braucht ihnen nur einen Finger zu reichen, und alles wird sich leicht

und glücklich lösen.«

»Wenn es ihnen Ernst damit wäre, so wären sie wiedergekommen und hätten

mir andere Bedingungen gestellt,« antwortete Juliane.

»Sie warten auf eine Botschaft von Euch.«

»Da können sie lange warten!«

»Laßt Euch erweichen, Juliane!« redete ihr Sidonie zu. »Ihr habt ein

Recht auf die Entpfändung des Waldes; bietet ihnen die volle Summe der

Schuld und verlangt den Wald zurück, ohne Einschränkung, mitsamt dem

Wildbann.«

»Damit wäre ich einverstanden, aber das wollen sie ja nicht.«

»Ihr habt das noch nicht versucht,« sagte Sidonie.

»Du kannst dich nicht in meine Lage hineindenken,« erwiderte Juliane.

»Sie würden glauben, es wäre mir wundergroß um ihre Freundschaft zu

tun.«

»Nach dem Empfange, den die beiden Junker neulich hier gefunden haben,

werden sie schwerlich auf den Gedanken kommen,« versetzte Sidonie.

»Habe ich sie denn etwa unfreundlich behandelt?«

»Man sollt' es meinen!« lachte Sidonie. »Mir lief es manchmal heiß und

kalt über bei dem, was Ihr ihnen anzuhören gabt. Wie herb und abstoßend

wart Ihr auch gegen Ernst, der doch an dem Zerwürfnis so unschuldig ist

wie ich!«

»Er ist auch ein Landschad!«

»Aber ein echt ritterlicher, höfisch erzogener Junker von gar feinem

Benehmen und adligem Sinn, immer heiter, immer liebenswürdig und

gefällig.«

»Du sprichst ja sehr warm für deinen Vetter Ernst!«

»Und das mit allem Fug!« bekräftigte Sidonie. »Jeder Mensch kann

verlangen, daß man seine Vorzüge anerkennt und seine Tugenden rühmt,

und an Ernst Landschad ist vieles zu rühmen.«

»Sidonie!« rief Juliane, und ihr Gesicht klärte sich plötzlich hell

auf, »jetzt weiß ich, warum ich mit den Landschaden Frieden machen

soll.«

»Wirklich? hab' ich Euch überzeugt?« frohlockte Sidonie.

»Ja, du hast mich überzeugt,« lachte Juliane. »Sidonie, du liebst

Ernst! Ich soll ihnen Botschaft senden, damit sie wiederkommen und du

ihn wiedersiehst. Und während ich mit Junker Hans um den Wildbann im

Walde handle und feilsche, willst du Ernst in den Bann deines Herzens

locken, falls er nicht schon darin ist, wie du in dem seinen.«

Sidonie war starr und zugleich innerlich auf's höchste belustigt

über diesen köstlichen Mißgriff der älteren Freundin, den sie sofort

zugunsten ihres Zweckes auszubeuten beschloß. Sie suchte deshalb ihre

Antwort so einzurichten, daß sie nichts leugnete und nichts eingestand.

Wer doch jetzt ein wenig erröten könnte! dachte sie, hatte aber den

Farbenwechsel leider nicht in ihrer Gewalt.

»Nicht an mich habe ich dabei gedacht, sondern nur an Euch,« erwiderte

sie ausweichend und mit einem gut gespielten verschämten Lächeln die

Augen niederschlagend. »Wenn ich Euch aber zu einer Einigung mit den

Landschaden von Nutzen sein kann, so bin ich gern bereit, meinen

Einfluß, soweit er reicht, dabei geltend zu machen.«

»Du tätest wohl gar eine Fürbitte für mich bei Junker Ernst, daß er

seinen Ohm Hans für mich gütig stimmt?« spöttelte Juliane.

»Wenn's nötig wäre, warum nicht?« lachte Sidonie; »aber dessen bedarf

es nicht; Euer Wort wiegt schwerer als meines.«

Juliane sann einen Augenblick nach. Die Entdeckung, die sie soeben

gemacht zu haben glaubte, und noch mehr Sidoniens Angriff auf ihre

bisher den Landschaden gegenüber angenommene Haltung waren ihr durchaus

nicht unwillkommen. Wenn sie jetzt nachgab und den sich um ihre Gunst

Bemühenden die Wege glättete, so tat sie es nicht aus eigenem Antrieb

und in einer sie bloßstellenden Weise, als bereute sie ihre frühere

Ablehnung und strebte nun selber nach einer Aussöhnung, sondern dann

geschah es aus Mitleid mit einem verliebten Mädchen, und weil sie zu

einem Schritte überredet worden war, welchen zu tun ihr im Grunde

willfähriges Herz nur auf einen Anstoß von außen gewartet hatte.

»Sidonie,« sagte sie, »ich möchte dir alles zuliebe tun, was ich

vermag; aber daß ich die Verhandlung, die Junker Hans so kurzer

Hand abbrach, nun meinerseits wieder anknüpfen soll, das ist ein

Verlangen --«

»Er ersuchte Euch ja so freundlich darum, ihm Eure Entscheidung

mitteilen zu lassen,« fiel ihr Sidonie schnell ins Wort, »und Ernst

erbot sich so zuvorkommend, sie hier von Euch selber in Empfang

nehmen zu wollen, daß Ihr schon aus Rücksichten der Höflichkeit gar

nicht anders könnt, als die Junker zu einem zweiten Besuche hierher

einzuladen.«

»Ich wüßte noch ein anderes Mittel, wie du dich mit Ernst bald

wiedersehen könntest,« lächelte Juliane.

»Und das wäre?« frug Sidonie.

»Wenn du die Botschaft übernähmest, nach Neckarsteinach zu Herrn

Bligger rittest und ihm meine Bedingungen überbrächtest. Willst du das

tun?«

»Mit tausend Freuden!« jubelte Sidonie. »Morgen früh reite ich, und

Richilde darf mich begleiten, nicht wahr?«

»Unter keinen Umständen!« erwiderte Juliane, »wo denkst du hin?! meine

Tochter ungeladen in die Burg unserer Feinde? nimmermehr!«

»Es machte doch gleich einen viel besseren Eindruck,« sagte Sidonie,

»und zeigte von einer besonderen Freundlichkeit gegen die beiden

Frauen, wenn Richilde mitkäme als holde Vermittlerin im Ausgleich eines

Zwistes, an dem sie selber keine Schuld und keinen Anteil hat. Sie

würde dort sicher mit offenen Armen aufgenommen werden, und damit wäre

die Versöhnung von euch allen samt und sonders so gut wie besiegelt.«

»Nein, das geschieht nicht,« erklärte Juliane. »Das wäre des

Entgegenkommens doch zuviel; es ist schon alles mögliche, daß du als

Botin von der Minneburg hinüberreitest, was ich auch mehr dir zuliebe

vorschlug, als -- als aus irgendeinem anderen Grunde.«

»Nun, ich hoffe, das überlegt Ihr Euch noch bis morgen,« sprach Sidonie.

»Nein, darin machst du mich nicht wankend,« erwiderte Juliane.

»Richilde mitten unter den Landschaden --«

»-- wäre ihres Lebens keinen Augenblick sicher,« lachte Sidonie. »Nun,

ich hafte für sie mit meinem Kopfe!«

»Siehe du zu, wie du den eigenen oben behältst; das Herz ist dir schon

entwendet,« sagte Juliane.

»Seid ohne Sorge,« sprach Sidonie; »mit klarem Kopf und festem

Herzen werde ich Ohm Bligger Eure Bedingungen kundgeben, das heißt,

daß Ihr ihm das volle Lösegeld bietet und dafür den Wald von ihm

zurückverlangt, ohne ihm auch nur einen Reiherschwanz, geschweige den

ganzen Wildbann darin zu lassen. Ist's recht so?«

»Ja! Du mußt aber deinen Verwandten auch nicht verhehlen, daß ich mich

nur auf dein dringendes, unablässiges Zureden entschlossen habe, ihnen

Botschaft zu senden.«

»Nur auf mein kniefälliges Bitten und Flehen, das versteht sich!«

lächelte Sidonie. »Aber wenn sie nun erklären, daß sie das mit Euch

selber in Rück und Schick bringen und darum doch wieder herkommen

müßten -- ich meine die Junker Hans und Ernst, -- dann darf ich sie

doch in Eurem Namen willkommen heißen?«

»Willkommen heißen ist nicht gerade nötig,« erwiderte Juliane nicht

ohne sichtliche Verlegenheit; »aber das Tor sollen sie offen finden, --

deinetwegen, Sidonie! nur deinetwegen.«

»O ich kann Euch nicht sagen, wie dankbar ich Euch bin, liebste, beste

Juliane!« frohlockte die Schelmin. »Morgen fliege ich als Friedensengel

in die Burg Eurer Feinde, und wenn ich wiederkomme, lege ich Euch ein

halbes Dutzend eroberter, in Liebe zu Euch brennender Herzen zu Füßen.«

Übermütig umschlang und küßte sie Julianen und war wie der Wind zur Tür

hinaus, um den Freundinnen entgegenzueilen und diesen ihren glänzenden

Sieg zu verkünden.

Zwölftes Kapitel.

Sidonie ritt heiter und wohlgemut durch den Wald nach Neckarsteinach.

Als sie ungefähr noch eine Viertelstunde davon entfernt war, winkte

sie den hinter ihr reitenden Knecht zu sich heran und befahl ihm:

»Eberle, trabe voraus nach Burg Schadeck zu Junker Hans Landschad,

melde ihm meine Ankunft und ersuche ihn in meinem Namen, sofort nach

der Mittelburg zu Herrn Bligger zu kommen; ich brächte den Herren eine

wichtige Botschaft.« Der Knecht trabte voraus, und Sidonie folgte

ihm im Schritt, mit dem breitkrämpigen, federgeschmückten Reisehut,

der ihr Gesicht vor der Sonne schützte, und in dem eng anliegenden

Reitkleid, das ihre schönen Formen reizvoll hervorhob, eine anmutige

und stattliche Reiterin. Unterwegs hatte sie sich überlegt, wie sie

nicht allein das ihr Aufgetragene gut ausführen, sondern auch noch

ein wenig darüber hinaus durch eigenes Dazutun alles in die rechten

Gleise bringen wollte, und hatte nur noch die eine Sorge, ob sie auch

wohl ihre Verwandten alle zu Hause antreffen würde. Aber das fröhliche

Sonntagskind baute auf sein Glück und lächelte hoffnungsvoll den vier

stolzen Burgen der Landschaden zu, deren sie auf den jenseitigen Höhen

nun ansichtig wurde.

Als sie mit der Fähre über den Neckar gesetzt war, kam ihr, eben um die

Ecke biegend, wo der Weg von der Mittelburg herunter in die Landstraße

mündete, Ernst mit einem jungen Menschen in einem langen Rock entgegen.

Sobald er die Reiterin erkannte, rief er ihr ein freudiges »Willkommen,

Sidonie!« zu und war schnell an ihrer Seite.

»Alle zu Hause?« frug sie, ihm die Hand vom Pferde herab reichend.

»Jawohl!« erwiderte er. »Bringst du Botschaft von Frau Juliane?«

»Ja!« nickte sie, »gute Botschaft!«

Er schritt neben ihr her, und als sie zu der Stelle kamen, wo Ernsts

Begleiter stehengeblieben war, grüßte dieser höflich, Sidonien ebenso

aufmerksam betrachtend wie diese ihn, und ging dann allein weiter,

während Ernst die Freundin zur Mittelburg hinaufbegleitete.

»War der dunkeläugige Jüngling mit dem Mädchengesicht ein

Klosterschüler?« frug Sidonie, als sie außer Hörweite von jenem waren.

»Nein,« erwiderte Ernst; »es ist der Sohn eines Juden, der seit einiger

Zeit in Diensten meines Vaters bei uns wohnt. Ich habe Freundschaft mit

ihm geschlossen und streife Tag für Tag mit ihm im Walde umher.«

»Isaak Zachäus', des Sterndeuters Sohn?«

»Woher weißt du --? ach, freilich!« verbesserte sich Ernst, »er war

ja auf der Minneburg, wie mir Joseph zufällig verraten hat, und was

übrigens niemand wissen soll.«

»Sieh mal an!« sprach Sidonie, »und uns sagte der alte Geheimniskrämer,

er wollte von der Minneburg ohne Aufenthalt zurück nach Heilbronn. Hat

er euch auch das Horoskop gestellt?«

»Hat er, gewiß!«

»Nun? wie lautet's?«

»Wir haben nichts erfahren,« erwiderte Ernst.

»Dann geht es euch gerade so wie uns,« lachte Sidonie.

»Ohm Hans soll einmal sein Glück in einem Kloster finden. Das ist

alles, was ich von den Prophezeiungen des Juden weiß,« berichtete

Ernst, ebenfalls lachend.

»Narretei!«

»Nicht wahr? Niemand glaubt daran, Ohm Hans am wenigsten.«

Auf der Mittelburg fand Sidonie den herzlichsten Empfang. Sie war

Bliggers Nichte im dritten Grade, und alle hatten ihre Freude an

dem schönen Mädchen, das mit seinem lustigen Wesen überall, wo es

erschien, Licht und Leben um sich her verbreitete. Bligger brannte vor

Begier, Sidoniens Botschaft zu vernehmen, aber diese wollte mit ihrer

Bestellung warten, bis Hans und Konrad kämen, damit sie dieselbe nicht

zwei-, dreimal auszurichten hätte.

»Wie geht es meiner vielwerten Feindin auf der Minneburg?« frug er

jedoch.

»Sie ist wohlauf,« erwiderte Sidonie, »und wird jeden Tag einen Tag

jünger.«

»Und haßt mich immer noch wie die leibhaftige Sünde, nicht wahr?

während ich doch nur ihr Bestes will,« lachte Bligger.

»Ersteres glaube ich nicht, und letzteres glaubt sie nicht,« gab

Sidonie zur Antwort.

»Glaubst du letzteres auch nicht?«

»Je nun, Ohm,« lächelte Sidonie, »du kannst es heute beweisen, wenn du

die Bedingungen annimmst, die ich dir zu stellen habe.«

»Du sprichst ja, als wärst du ihr ~advocatus~.«

»Bin ich auch.«

»So laß hören!«

»Wenn Ohm Hans kommt. -- Ah, da ist er! Grüß Gott, Ohm Hans!« rief sie

und sprang dem Eintretenden freudig entgegen. »Da bin ich als weißes

Täubchen mit dem Ölblatt im Schnabel.«

»Und in was für einem Schnäbelchen!« lächelte Hans mit einem

schmunzelnden Blick auf die vollen, roten Lippen des Mädchens. Er

hielt ihre Hand fest und streichelte und klopfte sie, sehr vergnügt

über Sidoniens Ankunft. »Kommst du allein?« frug er noch, »hast du die

anderen beiden nicht mitgebracht als Zeugen und Eideshelfer?«

»Nein, Ohm Hans, ich komme allein als vollmächtiger Sendbote; in meiner

Hand ruht Krieg und Frieden,« versetzte sie mit wichtiger Miene.

»In so holder Gestalt kann nur der Frieden kommen,« sprach eine Stimme

hinter ihr. Es war Konrad, der unbemerkt eingetreten war, und mit dem

sie sich nun auch aufs freundlichste begrüßte.

Darauf nahmen sie alle Platz und saßen im Kreise wie bei einem echten

Ding der heiligen Fehme, bei dem Bligger der Freigraf, Sidonie der

worthabende Freischöffe und die übrigen die Wissenden waren.

»Daß ich hier bin,« begann Sidonie, »verdankt ihr nur meiner

Überredungskunst, denn ohne mich rühmen zu wollen, kann ich euch

versichern, daß es mich viel Mühe gekostet hat, Frau Juliane zur

Verhandlung mit euch zu bewegen.«

»Die Einleitung klingt nicht sehr friedlich,« warf Bligger dazwischen.

»Doch, Ohm Bligger! Juliane wünscht im Grunde ihres Herzens den Frieden

mit euch mehr, als den Wald.«

»So denken wir auch,« sagte Hans, und Konrad nickte dazu.

»Darum liegt es jetzt nur an euch, eine vollkommene Versöhnung mit

ihr herbeizuführen,« fuhr Sidonie fort. »Und wenn ihr auf meinen

bescheidenen Rat nur ein klein wenig geben wollt, so bitte ich euch,

ihr dabei freundlich entgegenzukommen und ihr den Schritt, den wir

alle aufs innigste herbeisehnen, nicht durch lästige und demütigende

Bedingungen zu erschweren. Bedenkt, sie ist eine zartbesaitete Frau

und Witwe, die in Geschäften nicht erfahren ist und sich gegen euch

hochmutgepanzerte, ränkevolle, trotzige Männer nur schlecht verteidigen

kann.«

»Hoho!« lachte Bligger, »allen dank für die gute Meinung!« und

verbeugte sich gegen Sidonie.

»Dafür hat sie an dir einen Fürsprecher, der ein ganzes Fähnlein

gepanzerter Männer aufwiegt,« bemerkte Konrad mit dem Tone

schmeichelhafter Anerkennung.

»Und ich stehe dir bei, Sidonie!« sagte Hans.

Frau Katharina, die mehr zuhören als mitreden wollte, warf ihrem

ältesten Schwager einen dankbaren und aufmunternden Blick zu, und

Ernst fühlte sich in seiner Beklemmung schon etwas erleichtert, denn

er sah in Hansens Ausspruch den ersten Hoffnungsschimmer für das

Zustandekommen eines friedlichen Vergleiches.

Aber Bligger frug ungeduldig: »Was verlangt Frau Juliane?«

»Nichts, als ihr gutes Recht,« erwiderte Sidonie. »Sie bietet euch die

volle Pfandsumme, zweihundert Gulden, und verlangt dafür ihren Wald

zurück ohne jede Einschränkung.«

»Hm!« machte Bligger, »das ist alles?«

»Ja, könnt ihr denn mehr verlangen, als daß sie euch die volle Schuld

bezahlt?« frug Sidonie lebhaft. »Obenein ist es nicht etwa ein ihr

geleistetes Darlehen, sondern das Lösegeld für einen Fang, der eurer

Übermacht damals wohl nicht allzu schwer geworden ist.«

»Es war in ehrlicher Fehde, und Zeisolf hatte uns abgesagt, nicht wir

ihm,« erwiderte Bligger mit einem strafenden Blick, den Sidonie ruhig

aushielt. »Frau Juliane stößt sich an dem Wildbann,« fuhr er fort. »Den

begehren wir als Entschädigung dafür, daß wir in den drei Jahren keine

Zinsen von der Schuld empfangen haben.«

»Keine Zinsen!« wiederholte Sidonie, »Ohm Bligger, für wieviel Gulden

habt ihr Holz in den drei Jahren aus dem Walde geschlagen? Ich glaube,

ihr habt für dieses Holz allein mehr Neckarzoll unter dem Dilsberge

bezahlt, als die Zinsen für die Pfandsumme betragen.«

»Kreuzhagel --«, doch er mußte lachen und sagte: »Mädchen, du könntest

Magister in Heidelberg werden! Wenn ich einmal einen Rechtshandel

bekomme, werde ich dich zu meinem Sachwalter bestellen.«

»Dann werde ich deine Sache so warm führen, lieber Ohm, wie ich

jetzt für Julianen eintrete,« erwiderte Sidonie. »Du kannst ihr doch

nicht verdenken, daß sie die freie Herrin auf ihrem Eigen sein will.

Wie würde es dir gefallen, wenn du in deinen Forsten nicht pirschen

und jagen dürftest, sondern ein anderer hätte das Recht und könnte

dich fahen und pfänden, wenn du dich mit der Armbrust darin betreten

ließest! Laß diese harte Bedingung fallen, und alles ist klipp und

klar; ich selber stifte Frieden und Freundschaft zwischen euch und

Juliane. Hier meine Hand! schlag' ein, Ohm Bligger!«

Sie streckte ihm die Hand entgegen und sah ihn mit bittenden Augen an.

»Schlag' ein, Bligger!« sagte Hans.

Konrad und Katharina schwiegen, so sehr sie auch des lieben Friedens

wegen wünschten, daß Bligger nachgeben möchte. Aber sie sahen ebensogut

wie dieser ein, daß, wenn er zustimmte, der Vergleich geschlossen war,

und Hans dann keine Gelegenheit mehr hatte, mit Julianen noch länger zu

unterhandeln. Das war es aber gerade, worauf es dem Zögernden ankam.

Ernst, der von Bliggers versteckten Zielen so wenig etwas ahnte wie

Hans, hielt den Atem an vor Erwartung, was sein Vater jetzt tun würde.

Und Bligger schlug nicht in Sidoniens Hand. »Nein!« sprach er, »so

Knall und Fall kann ich mich nicht entscheiden; ich muß mir's eine

Nacht beschlafen.«

»Dann bleibe ich die Nacht hier und frage dich morgen früh, wenn du

ausgeschlafen hast, noch einmal,« erklärte Sidonie kurz entschlossen.

»Willst du mich hausen und herbergen, Base Käthe?«

»Gern, liebe Niftel!« sagte die Burgfrau, »aber Juliane wird sich um

dich sorgen, wenn du nicht heimkehrst«

»Ich schicke ihr den Eberle zurück mit der Nachricht, daß ich erst

morgen wiederkomme, und Ohm Bligger gibt mir morgen einen Knecht als

Geleit mit,« erwiderte sie.

»Recht so! das soll geschehen,« sagte Bligger.

»Und ich weiß auch, was Juliane denkt, wenn ich ausbleibe,« sprach

Sidonie mit einem geheimnisvollen Lächeln.

»Nun?« frugen mehrere zugleich.

Das Recht der Hagestolze: Eine Heiratsgeschichte aus dem Neckartal · 第 11 / 24 段