Die Tage vergingen, ohne daß eine Botschaft von Julianen eintraf,

worüber Bligger sehr ungeduldig wurde. Um über alle Abmachungen wohl

unterrichtet und auf jeden Anschlag der pfalzgräflichen Hofkammer oder

des Gaugrafen in Angelegenheit des Hagestolzenrechtes vorbereitet und

dagegen gewappnet zu sein, ließ er sämtliche Verschreibungen und

Briefe der Mittelburg von Isaak Zachäus genau durchsehen und sich von

ihm Auszüge daraus anfertigen. Der Vertrag über die Verpfändung des zur

Minneburg gehörigen Waldes war einfach und bestimmt in seinem Wortlaut

und konnte zu einer verschiedenartigen Auslegung keinen Anlaß geben.

Aber Bligger wollte sich auch endlich einmal darüber klar werden,

was von dem Grund und Boden unter dem Banne der Steinachs eigentlich

Wormsisches und Speierisches Lehen und was ihr freies Erbgut wäre. Das

Geschlecht der Landschaden saß schon so lange im ungestörten Besitz,

und eine Erledigung der Lehen durch Aussterben des Mannesstammes war

in Ansehung der in der Familie aufwachsenden Nachkommenschaft so

wenig zu befürchten, daß sich keiner von ihnen um diese Rechts- und

Lehensverhältnisse gekümmert hatte und die Grenzen der einzelnen, zu

einem großen Ganzen vereinigten Gebietsteile recht kannte. Ferner

wollte Bligger über die Einsetzung des Neckarzolles am Dilsberge, wo

die Kette über den Fluß gespannt war, und über seine Verpflichtungen

gegenüber den pfalzgräflichen Ansprüchen Genaueres wissen. Das alles

sollte ihm Isaak Zachäus aus den Urkunden ausziehen und übersichtlich

zusammenstellen.

Ernst wußte, daß der dienstbeflissene Gast seines Vaters mit dieser

langwierigen Arbeit beschäftigt war und leistete ihm eines Tages dabei

Gesellschaft, um sich von ihm über den Inhalt und Wert der vorhandenen

Urkunden unterrichten zu lassen. Mit anerkennenswerter Ausdauer hielt

der künftige Erbe dieser zahlreichen Besitztitel bei der trockenen

Erklärung derselben aus; aber endlich ward er dessen überdrüssig. Er

ging daher gegen Abend nach Burg Schadeck hinauf, um sich mit Ohm Hans

die Zeit auf angenehmere Weise zu vertreiben. Wie groß war aber sein

Erstaunen, als er beim Eintritt in das Zimmer des Oheims diesen mit

Josephinen am Schachbrett sitzen sah.

»Kommst eben recht!« rief ihm Hans entgegen, »hier kannst du einen

Schachspieler sehen, der seinen Meister sucht.«

»Ich wußte nicht, daß Joseph sich darauf versteht,« erwiderte Ernst.

»Laß dir von Williswinde einen Becher bringen und setze dich zu uns,«

sagte Hans. »Kannst mir auch ein wenig helfen, denn allein werde ich

mit diesem jungen Hebräer kaum fertig. Sieh nur, wie er mich schon in

die Enge getrieben hat!«

Die sehr hübsche junge Zofe, die sich Hans zu seiner Aufwartung erkoren

hatte, brachte einen Becher, und Ernst nahm als Dritter Platz an dem

Tische, auf welchem schon ein Krug und zwei Becher standen. Um die

Spielenden nicht zu stören, unterdrückte er die Frage, wie sich die

beiden zusammengefunden hatten, und betrachtete sich das Spiel. Dieses

stand nicht gut für Hans, denn er hatte schon mehr Figuren eingebüßt,

als sein Gegner. Tiefe Stille herrschte im Gemach, niemand sprach. Als

sich aber Josephine einmal sehr lange besann, ehe sie zog, sagte Hans,

der sein Wams abgestreift hatte: »Uff! mir wird es immer heißer, und

diesem Jüngling da scheint es noch so kühl zu sein, daß er nicht einmal

seinen langen Rock ausziehen will, hier unter uns Männern.«

Josephine wagte nicht, Ernst anzusehen, der allein den Grund ihrer

Weigerung kannte. Er erwiderte dem Oheim: »Es ist ein Gewitter im

Anzuge, daher die Schwüle, aber Joseph geht immer in dieser Tracht.«

Jetzt tat Josephine ihren Zug mit einem Läufer; doch es war kein

glücklicher.

Mit seinem Springer schlug Hans den Läufer und sprach dabei:

»Der Bischof komme nie dem Ritter ins Gehege,

Weltliches Schwert weist geistlichem die Wege.

Das war während des ganzen Spiels der erste falsche Zug, den du getan

hast,« setzte er hinzu.

Es schien in der Tat, als ob Josephine dem Spiele nicht mehr ihre

ganze, ungeteilte Aufmerksamkeit zuwendete, seit Ernst hinzugekommen

war. Sie sah öfter zu ihm auf, statt das Brett im Auge zu behalten.

Ernst ermahnte sie: »Gib acht, Joseph! merkst du nicht, wie Junker Hans

deiner Königin immer schärfer zu Leibe geht?«

»Laßt ihn nur!« sagte Hans, »er spielt besser als du.«

Josephine nahm sich nun wieder mehr zusammen, und Zug um Zug wurde von

den beiden mit der bedächtigsten Vorsicht ausgeführt. So wie das Spiel

stand und sich unter den geübten Händen wenig veränderte, war ihm kein

Ende abzusehen, und es wurde schon dämmerig im Gemache.

»Wollt ihr das Spiel nicht heut abbrechen und morgen fortsetzen?« frug

Ernst.

»Nein!« rief Hans, die Hand am Rochen, den er bewegen wollte, »ehe

nicht einer von uns matt ist, hören wir nicht auf.«

»Aber es dunkelt schon, und wenn das Gewitter losbricht, so wird es ein

übel Ding um den Heimweg für Joseph und mich,« bemerkte Ernst.

»Dann bleibt ihr die Nacht hier.«

»Das geht nicht, Ohm!«

»Warum nicht?« erwiderte Hans, immer noch in die Berechnung seines

beabsichtigten Zuges vertieft, »das Bett in meinem Gastzimmer ist groß

genug für euch beide, werdet euch hoffentlich darin vertragen.«

Ernst sah, wie Josephine erbebte, und konnte auch noch ihr tiefes

Erröten bemerken. Dann traf ihn ein Blick aus ihren Augen, aus dem

Schreck und Angst und doch auch volle, hingebende Liebe sprachen.

Es durchschauerte ihn, aber nach kurzem Besinnen sagte er: »Wir können

nicht hierbleiben, Ohm. Isaak Zachäus würde um Joseph in große Sorge

geraten; ich muß ihm seinen Sohn heimbringen.«

»Ei, bist du ein so verzärtelt Muttersöhnchen, daß dich der Alte nicht

von sich lassen darf?« lachte Hans.

»Junker Ernst hat recht, Herr,« erwiderte Josephine schüchtern; »laßt

uns das Spiel aufgeben.«

»Nichts da!« sprach Hans, »hier paß auf! -- Schach!« Dann rief er mit

dröhnender Stimme: »Williswinde! Wein her! aber anderen, besseren, der

den jungen Herren ein wenig ins Blut geht, damit sie gut schlafen! Sie

bleiben die Nacht hier; rüste das Gastzimmer für sie!«

Williswinde gehorchte flink dem Befehle ihres Herrn und brachte

Wein und brennende Kerzen nebst einem Imbiß von Brod und kaltem

Fleisch, was sie alles schon in Bereitschaft gehalten hatte. Ernst

prüfte mit Sorge den schwereren Wein, denn er wußte von dem Tage bei

der Schmiedeschenke, welche Herzenswallungen der Wein in Josephine

hervorbrachte. Diese zitterte am ganzen Körper; ihr Antlitz glühte,

schon ehe sie an dem neuen Tranke genippt hatte, und fortan spielte sie

in großer Zerstreutheit.

Lange Zeit wurde kein Wort gesprochen, und aller Augen waren auf das

Schachbrett gerichtet. Josephine trank öfter und ward immer unruhiger

und erregter. Ihre Gedanken waren ganz wo anders, als hier bei dem

langsamen Spiel, das sie doch mit wenigen Zügen sei es auch zu ihren

Ungunsten, beenden konnte, wenn sie gewollt hätte.

Ernst war in einer Lage von der abenteuerlichsten Art. Es trat da mit

sinnberückendem Locken eine Versuchung an ihn heran, der zu widerstehen

dem Dreiundzwanzigjährigen nicht leicht wurde. Er ahnte, nein, er

wußte, was in Josephine vorging. Sollte er in herber Entsagung das

schöne Mädchen von sich stoßen? Wer konnte soviel Tugend von ihm

verlangen? -- Richilde! antwortete ihm die Stimme seines Herzens, und

entschlossen war er, der Versuchung, so weit er es vermochte, aus dem

Wege, zu gehen. Hans verlangte, daß seine beiden Gäste die Nacht in

seinem Gastzimmer bleiben sollten, was Ernst schon unzählige Male getan

hatte und wogegen er dem Oheim keinen stichhaltigen Hinderungsgrund

anführen konnte, wenn er ihm nicht Josephinens wahres Geschlecht

verraten wollte. Das wollte er jedoch nur im äußersten Notfall, und

der leichtlebige Junker würde ihn mit seiner Gewissensstrenge einem

hübschen Judenmädchen gegenüber wahrscheinlich gründlich ausgelacht

haben. Er mußte auf andere Mittel sinnen, wie er sich und die mit ihm

darin Verstrickte aus dieser verführerischen Gefangenschaft befreien

könnte.

Nach einem Zuge Josephinens mit ihrer Königin sagte Hans fast unwillig

zu seinem Partner: »Du scheinst nur unter vier Augen gut Schach spielen

zu können. Wenn ein Dritter zusieht, so ist es mit deiner Kunst zu

Ende. Oder willst du mich mit Absicht das Spiel gewinnen lassen? Das

wäre kein ehrlicher Kampf. Nimm den Zug zurück, oder deine Königin ist

verloren.«

Josephine hatte nur in ihrer großen Erregung und Zerstreutheit den

fehlerhaften Zug getan, den sie nun schnell verbesserte. Aber sie war

so überwältigt von dem, was ihr den Busen durchstürmte, daß sie alle

Ruhe und Besonnenheit verloren hatte, und nach einiger Zeit bot ihr

Hans Schach und wieder Schach und setzte sie endlich matt.

Darüber war es beinahe Nacht geworden. Das Gewitter entlud sich nicht

über dem Tale, sondern in einiger Entfernung, aber die Donner hallten

über die Berge herüber, und die Blitze durchleuchteten die Dunkelheit.

»Nun wollen wir noch einen Krug alten Roten trinken und dann zur Ruhe

gehen,« sagte Hans. »Euer Schlafgemach wird bereit sein.«

»Nein, Ohm! wir müssen aufbrechen,« sprach Ernst entschieden, »wir

können nicht hierbleiben. Joseph, bist du nicht auch der Meinung?«

Josephine bewegte die Lippen, aber die Stimme versagte ihr. Nur ein

heißer Blick aus ihren Augen gab dem Frager eine stumme Antwort, über

deren Sinn ihm kein Zweifel blieb.

»Was soll denn das heißen?« frug Hans, über Ernsts hartnäckige

Weigerung aufgebracht. »Du bist ja um diesen kraftvollen Jüngling

ungemein besorgt. Ist er denn nicht sicher genug in meiner Burg, zumal

unter deiner Obhut? was kann ihm denn hier geschehen?«

Da trat Ernst dicht an seinen Oheim heran und flüsterte ihm ins Ohr:

»Dränge mich nicht weiter; ich schlafe mit einem Juden nicht in einem

Bette!«

Josephine fuhr zusammen; ihr scharfes Gehör hatte Ernsts Worte

vernommen und verstanden.

»Ja so!« sagte Hans. »Das ist etwas anderes; daran hatte ich freilich

nicht gedacht,« fügte er mit einem mißbilligenden Blick hinzu. »Seit

wann bist du denn so bedenklich?«

Ernst schwieg. Er hatte in einem harten Kampfe sich selbst besiegt und

war doch seines Sieges wenig froh.

Josephine stand tief atmend mit niedergeschlagenen Wimpern. In ihrem

bleich gewordenen Gesicht zuckte es wie von einem schwer verbissenen

Schmerz.

»So macht, daß ihr fortkommt!« sprach Hans verstimmt. »Den Weg wirst du

ja finden, oder willst du eine Fackel, daß sich dein Schützling, den du

so zärtlich bemutterst, mit dem Fuß an kein Steinchen stößt?«

»Ich kenne den Weg gut genug,« entgegnete Ernst. »Gute Nacht, Ohm!«

»Gute Nacht! -- Gute Nacht auch du, mein Junge!« sagte Hans, »komm

wieder, wann du willst; sollst mir stets willkommen sein.«

Die beiden gingen heim. Als sie über die Zugbrücke hinaus waren, legte

Ernst Josephinens Arm in den seinen und führte sie behutsam durch

die finstere Nacht den Burgweg hinab. Mit Mühe nur bekam er aus der

Schweigsamen heraus, wie sie zu seinem Oheim auf die Burg gelangt war.

Hans war ihr im Tale begegnet; sie hatte ihm auf seine Frage gesagt,

daß sie der Sohn Isaak Zachäus' wäre, der jetzt in Herrn Bliggers

Diensten auf der Mittelburg wohnte. Hans hatte sie weit gefragt, ob

sie auch das Horoskop stellen könnte, was sie verneint, ob sie Schach

spielen könne, was sie bejaht hatte. Darüber erfreut, hatte er sie

aufgefordert, ihn auf seine Burg zu begleiten, um mit ihm zu spielen,

und sie war ihm gefolgt.

Als Ernst und Josephine sich oben in der Mittelburg trennten, blickte

sie ihn nicht an und erwiderte nicht den Druck seiner Hand.

Still suchte sie ihr Lager auf, doch es dauerte lange, ehe die mächtig

Erregte den ruhigen Schlummer fand. Ihr Blut wallte, und weit heftiger,

als die Erbitterung über die ihr durch Ernsts geflüsterte Worte

zugefügte Kränkung, gärte in ihrem Herzen das tief empörte Gefühl

verschmähter Liebe.

Elftes Kapitel.

Auf der Minneburg war schon seit einer Reihe von Tagen kein gutes

Wetter. Zwar die Sonne schien, die Blumen blühten, und die Vögel sangen

hier wie überall im schönen Neckartal; aber die Menschen schienen ihre

frühere Munterkeit verloren zu haben, und wenn einmal ein fröhliches

Lachen im Zwinger oder im Palas erschallte, so kam es nur von Sidoniens

übermütigen Lippen, denn auch die empfindsame Hiltrud war mehr oder

weniger von den Wolken beschattet, die jetzt auf Julianens und

Richildens sonst so heiteren Stirnen lagerten.

Juliane nahm weniger als bisher an den Vergnügungen der jungen Mädchen

teil, hielt sich meist abgeschlossen von ihnen und war bei Tisch, oder

wenn sie abends mit ihnen auf der großen Terrasse saß, von der man in

den Zwinger hinabsah, mißmutig, wortkarg und von einer auffallenden

Gereiztheit, die selbst beim unschuldigsten Anlaß hervorbrach, und

unter der die Mädchen, besonders Richilde, viel zu leiden hatten.

Die in Ungnade Gefallenen suchten den Grund von Julianens verändertem

Wesen in einem nachhaltigen Verdruß über das plötzliche Erscheinen der

beiden Junker Landschad auf der Minneburg. Der ungebetene Besuch von

zwei Mitgliedern der ihr verfeindeten Familie mußte ihr im höchsten

Grade lästig gewesen sein, und sie mußte sich darüber geärgert

haben, daß jenen ihr Wunsch, den verpfändeten Wald einzulösen, durch

Richildens Schwatzhaftigkeit verraten und der Vergleich infolge des

unbilligen Verlangens der Landschaden, den Wildbann behalten zu wollen,

dann doch nicht zustande gekommen war.

Mit dieser Auslegung trafen die jungen Sibyllen nur in dem einen

Punkte das Richtige, daß Julianen das Bekanntwerden ihres Wunsches

den Landschaden gegenüber allerdings sehr unangenehm war. Ja, hätten

diese die erste Anregung dazu gegeben und ihr durch einen unbeteiligten

Dritten übermitteln lassen, so nähme sie eine ganz andere Stellung

dabei ein und könnte die Bedingungen ihres Gewährens vorschreiben.

Diesen Vorteil hatten jetzt ihre Gegner, die nun die Großmütigen

spielten und so taten, als wenn sie ihr mit dem Anerbieten eines für

Juliane so ungünstigen Vergleichs noch eine besondere Gefälligkeit

erwiesen, die sie überhaupt, auch bei lockenderen Vorschlägen, von

jenen anzunehmen nicht gewillt war. Das verdankte sie der unberufenen

Einmischung Richildens, und damit erklärte sich ihr Groll auf diese.

Richilde selbst glaubte für die Unfreundlichkeit ihrer Mutter gegen

sie noch einen anderen Grund zu wissen, den sie aber ihren Freundinnen

vorläufig noch nicht zu offenbaren gedachte.

Als Isaak Zachäus gekommen war, um den Damen das Horoskop zu stellen,

hatte Juliane den Mädchen gesagt, daß der Sterndeuter dabei auch die

verborgensten Gedanken und Wünsche eines Menschen erführe. Er hatte

also auch Richildens Herzensgeheimnis in den Sternen gelesen, es

zugleich mit dem Befunde des Horoskops ihrer Mutter enthüllt, und

diese wußte nun, daß sie den Junker Ernst -- einen Landschaden -- im

stillen liebte. Das war es, was ihr die Mutter nicht verzieh. Wie

das Bewußtsein einer schweren Schuld lag diese Erkenntnis auf ihrer

jungfräulichen Seele und erfüllte sie mit banger Sorge, denn sie mußte

sich sagen, daß Juliane nun und nimmer ihre Einwilligung zu einer

Verbindung ihrer Tochter mit dem Sohne ihres verhaßtesten Feindes geben

würde, falls nicht vorher eine vollständige Aussöhnung zwischen ihr und

den Landschaden stattgefunden hatte. Auf eine solche war aber bei dem

unbeugsamen Sinne Julianens nicht die geringste Aussicht.

So dachte Richilde und ahnte nicht, in welch großem Irrtum sie durch

die Angst ihres Herzens befangen war. Ihre Mutter wußte nichts von

ihrer Liebe zu Ernst, und Julianens übellaunige Stimmung hatte ganz

andere Gründe.

Die sehr selbständige Frau war keineswegs unzufrieden mit sich, daß sie

den ihr von gegnerischer Seite gemachten Vorschlag zunächst abgelehnt

hatte; aber sie hatte gehofft, daß man in Neckarsteinach größeren Wert

auf eine Versöhnung mit ihr legen, ihr neue Vorschläge machen und vor

allem, daß Hans damit wiederkommen würde. In dieser Hoffnung sah sie

sich getäuscht. Schon zehn Tage waren seit dem Besuch des ehemaligen

Freundes vergangen, und noch immer nicht warf die Sonne seinen Schatten

wieder auf den Weg zur Minneburg. Hatte sie ihn wirklich so schnöde

behandelt, daß er nicht zu ihr zurückzukehren wagte, mindestens die

Lust dazu verloren hatte? Sie rief sich jeden Augenblick des kurzen

Zusammenseins mit ihm in das Gedächtnis zurück, sein Auftreten und

Benehmen ihr gegenüber, seine Worte und den Ton, mit dem er sie

gesprochen, jeden Blick, mit dem er sie angesehen hatte, und endlich

seinen raschen, fast ungestümen Aufbruch.

Es war ihr so vorgekommen, als wenn er nur auf einen schicklichen Anlaß

gewartet hätte, sich so schnell wie möglich wieder aus dem Staube

machen zu können, froh, des widerwillig übernommenen Auftrages, mit

oder ohne Erfolg, entledigt zu sein. Wozu aber war er dann überhaupt

gekommen? Allerdings, war es den Landschaden wirklich um eine

Versöhnung mit ihr zu tun, so war Hans der erste von ihnen, in dessen

ausgestreckte Hand auch sie wieder die ihrige legen konnte, und der

einzige, der imstande war, eine Anknüpfung zwischen ihr und den anderen

einzuleiten, nachdem sie selber das freundliche Entgegenkommen der

beiden Frauen so entschieden zurückgewiesen hatte, daß sie von diesen

keinen weiteren Schritt zur Annäherung erwarten durfte. Diesen groben

Verstoß gegen die Formen der Höflichkeit hatte sie bald danach bereut,

war aber zu stolz gewesen, ihn einzugestehen und gutzumachen. Bligger

hatte die Beleidigung seiner Frau der Hochmütigen tief ins Kerbholz

geschnitten und sich dafür mit höhnischen Bemerkungen und mancherlei

kleinen Feindseligkeiten an ihr gerächt, so daß die gegenseitige

Erbitterung eine immer schärfere, die Kluft zwischen ihnen eine immer

weitere geworden war und man den ersten, so geringfügigen Anstoß,

wie im Leben der Ritter eine rasch ausgekämpfte Fehde und eine kurze

Gefangenschaft war, darüber längst vergessen hatte.

Wer war es nun, der den Frieden mit ihr suchte? frug sich Juliane.

Wenn der Gedanke, ihr den Wunsch nach Wiedererlangung des Waldes

zu erfüllen, von Hans ausgegangen wäre, so hätte dieser ihr wohl

bessere Bedingungen gestellt oder wenigstens die Verhandlungen darüber

bereitwillig mit ihr weitergeführt und womöglich zum Abschluß

gebracht. Und Bligger? der tat ihr nichts zuliebe. Wenn er es war,

der sich durch Hansens Vermittelung scheinbar um ihre Gunst bemühte,

so hatte der verschlagene Mann auch irgendeinen Hintergedanken dabei,

eine Nebenabsicht, die ihm die Hauptsache war, und mit der er sicher

nichts Gutes für sie im Sinn hatte. Ein vorteilhaftes Geschäft war

die Entpfändung des Waldes für die Landschaden nicht; Juliane wußte

sehr wohl, daß derselbe weit mehr wert war, als die darauf lastende

Schuld betrug. Sollte sich aber Hans von seinem Bruder zu irgendeiner

Tücke gegen sie gebrauchen lassen? Das konnte sie dem alten Freunde

nimmermehr zutrauen.

Was hatte ihn aber so lange von ihr ferngehalten? Wäre er nach Zeisolfs

Tode zu ihr gekommen, -- vor ihm hätte sie die Brücke nicht aufziehen

lassen, er hätte keine Tür in ihrer Burg verriegelt gefunden. Und

warum kam er auch jetzt nicht wieder? War in ihm alles erkaltet und

erstorben, was einst heiß und stark genug gewesen war, sie beide

wider Pflicht und Gewissen zueinander zu treiben? War die ganze,

erinnerungsvolle Zeit, in der sie, jeder der eigenen und der Liebe

des andern bewußt werdend, sich sehnsüchtig gesucht, sich langsam

genähert und endlich in einem Augenblick des Hingerissenseins sich

glückberauscht gefunden hatten, aus seinem und ihrem Lebensbuche wie

eine falsche Rechnung gestrichen? Oder -- sollte es möglich sein? --

wie ein Blitz durchfuhr sie der Gedanke -- war die schlummernde Liebe

doch wieder erwacht in ihm und er, die Verhandlungen über den Wald

zum Vorwand nehmend, nur gekommen, um zu sehen und zu hören, wie sie

jetzt gegen ihn gesonnen, ob sie, wie damals, noch heute bereit wäre,

sein eigen zu werden? War er darum gekommen, dann mußte er mit der

Überzeugung wieder gegangen sein: es ist alles vorbei! Sie selber

hatte ihn zurückgewiesen und mit der Antwort heimgeschickt, daß sie

keinen Frieden mit ihm wolle. Damit wußte er, was er wissen wollte,

und kam nicht zum zweiten Male wieder. Sie aber konnte ihn nicht

zurückrufen und ihm sagen: Behaltet den Wald und nimm mein Herz noch

dazu, Hans Landschad!

Sie hatte im Erker gesessen, bald mit ihrer Stickerei beschäftigt,

bald die Hände müßig im Schoße haltend und ihren quälenden Gedanken

hingegeben. Jetzt erhob sie sich und sah auf den Burgweg hinab, auf

dem sich nichts Lebendes blicken ließ. »Armes, einsames Weib!« seufzte

sie, »Herrin der Minneburg, auf der kein Minneglück blüht!« Die Wangen

brannten ihr, sie drückte die Hand auf den wallenden Busen. »O wenn

du wiederkämst, Hans Landschad!« flüsterte sie, »du solltest nicht

unerhört von dannen gehen!«

Dann eilte sie hinaus und wußte nicht wohin; das Gemach, die Burg, die

Welt war ihr zu eng. --

Die drei jungen Mädchen waren auf dem jenseitigen Ufer des Flusses

in Neckargerach gewesen, wo Juliane einen Hof besaß, dessen Meier

die Minneburg mit landwirtschaftlichen Erzeugnissen versorgte. Von

dort zurückgekehrt, hatten sie sich unterhalb der Burg ein einsames

Waldplätzchen aufgesucht, um an dem heißen Tage hier im Schatten

ein wenig zu ruhen. Es war eine Stunde vor Mittag und tiefe Stille

ringsumher. Die jungen Schönen hatten sich auf das weiche Moos

gestreckt und sich einem süßbehaglichen Nichtstun und Nichtsdenken

hingegeben. Hiltrud lag etwas abseits von den beiden anderen, und bald

verrieten ihre regelmäßigen Atemzüge, daß sie eingeschlafen war. Da

hörte Sidonie von Richildens Seite her einen langgedehnten Seufzer, und

das Haupt zur neben ihr ruhenden Freundin wendend, frug sie: »Wohin

ging denn der schwere Seufzer?«

Richilde gab keine Antwort, und Sidonie fuhr fort: »Nun gesteh' es nur!

ich glaube, er hat sein Ziel nicht weit von Neckarsteinach.«

»Wenn du es weißt, warum fragst du noch?« sagte Richilde traurig.

»Das klingt ja so hoffnungslos, als wenn du an Ernst Landschads Liebe

noch zweifeln müßtest.«

»Sprich den Namen nicht aus! sonst fallen hier die Blätter von den

Bäumen,« erwiderte Richilde, schnell sich halb aufrichtend und auf den

Ellenbogen stützend.

»So ist's recht!« lachte Sidonie, ihrem Körper dieselbe Lage gebend wie

Richilde, »so ein bißchen Spott und ein bißchen Trotz hab' ich gern;

daran sehe ich, daß du Mut hast, und das ist die Hauptsache. Nun laß

uns einmal vernünftig miteinander reden; es wird darum kein Blatt vom

Baume fallen. Daß du Ernst liebst, hab' ich schon lange gemerkt; nun

sage mir: glaubst du, daß er dich wieder liebt?«

»Ich weiß es nicht,« flüsterte Richilde leicht errötend.

»Weißt du nicht. Nun, dann will ich's dir sagen: ja! er liebt dich

wieder; hier meine Hand darauf! Glaubst du's nun?«

»Ach Sidonie! wie glücklich wär' ich, wenn du recht hättest!« sprach

Richilde leuchtenden Blickes die Hand der Freundin drückend. »Aber --,«

sie stockte, schlug die Augen nieder und seufzte.

»Richtig! Aber!« fiel Sidonie ein. »Aber deine Mutter meinst du. Ja

freilich, das ist kein Spaß. Wenn sie es erfährt, wird es einen harten

Kampf geben.«

»Es erfährt? Sie weiß es längst,« meinte Richilde.

»Wieso? Hast du es ihr gesagt?«

»Ich nicht; aber der abscheuliche Sterngucker, der mit seiner krummen

Habichtsnase in allen Geheimnissen herumschnüffelt, der, der wird es

ihr verraten haben,« eiferte Richilde.

Sidonie mußte über den drolligen Zornerguß ihrer blonden Freundin

lachen, suchte sie aber dann zu beruhigen und sagte: »Mache dir zu den

unabweislichen Sorgen nicht noch überflüssige. Deine Mutter weiß noch

nichts, sonst hätte sie dich schon darüber zur Rede gestellt. Oder hat

sie das getan?«

»Nein; aber siehst du denn nicht, wie unleidlich sie mich seitdem

behandelt? Nichts kann ich ihr mehr recht machen, immer hat sie etwas

an mir auszusetzen; es ist zum Davonlaufen!«

»Lieber Gott!« erwiderte Sidonie, »sie ist manchmal etwas verstimmt,

und dann kriegen wir alle etwas ab von ihr, du nicht allein. Aber zum

Davonlaufen ist es noch lange nicht und wird sich noch ganz anders

zeigen, wenn sie erst einmal dahinterkommt, daß du einen Landschaden

liebst und ein Landschaden dich zur Frau begehrt. So leicht gibt sie

das nicht zu.«

»O niemals! niemals!« jammerte Richilde und seufzte zum Steinerweichen.

»Das nächste, nötigste, einzigste ist, daß deine Mutter ihren Frieden

mit den Landschaden macht,« erklärte Sidonie nun. »Ist das geschehen,

so ist alles andere Kinderspiel, und es gibt eine Hochzeit im

Neckartale, wie wir so lustig noch keine gehabt haben. Hie Landschad!

hie Kollenberg! und alles ein Herz und eine Seele!« jubelte sie.

Richilde schlug die Hände vor's Gesicht und schüttelte sich.

»Leuchtet dir das ein?« frug Sidonie.

»Ach Gott, ja! aber das wird nie geschehen,« klang es schüchtern hinter

den Händen hervor.

»Es wird wohl geschehen,« behauptete Sidonie, »und das müssen _wir_

machen! wir, das heißt -- ich.«

Im Nu waren die Händchen von dem Antlitz fort, und Sidonie mit groß und

froh erstaunten Augen ansehend rief Richilde: »Du?!«

»Wer sonst? etwa du und Ernst? Ihr wäret mir die Rechten dazu!« lachte

Sidonie.

»Was Junker Hans bei meiner Mutter nicht erreicht, das wird dir auch

nicht gelingen,« sprach Richilde wieder mit verzagterem Tone.

Das Recht der Hagestolze: Eine Heiratsgeschichte aus dem Neckartal · 第 10 / 24 段