Abgrund hängende Burg Schadeck zurück, setzte sich dort in seinen
Sessel, dessen Rücken- und Armlehnen aus starken Elensgeweihen gebildet
waren, und versank, den Kopf in die Hand gestützt, in tiefes Nachdenken.
Er war ein echter Landschad. An Kraft und Höhe des Wuchses gab er
seinen Brüdern nichts nach, aber sein blühendes Antlitz mit den
heiter blickenden blauen Augen ließ ihn viel jünger erscheinen, als
er war, und auch seine Bewegungen und die Art zu sprechen waren noch
jugendlich rasch und sorglos sich gehen lassend. Sein ganzes Wesen
hatte etwas Treuherziges, Derbes und keine Spur von der hinterhaltigen
Überlegenheit und dem gemessenen Auftreten seines älteren Bruders.
Auch Hans war Ritter; aber da er sich nicht verheiratet hatte, war ihm
der Name ›Junker Hans‹, unter dem er von Jugend auf bekannt und bei
alt und jung, bei reich und arm beliebt war, bis auf den heutigen Tag
geblieben, und niemand fiel es ein, ihm seine Jahre nachzurechnen.
Als er nun so saß und sann, wie er sich des Auftrages entledigen
sollte, der ihm da wider seinen Willen aufgehalst war, stieg ihm
Julianens Bild vor der Seele auf. Sie war seine Jugendliebe gewesen,
sofern man die erste Liebe eines dreißigjährigen Mannes zu einem
sechzehnjährigen Mädchen noch Jugendliebe nennen kann. Zu einem
Verlöbnis zwischen beiden war es indessen nicht gekommen, denn er
hatte ihr weder seine Liebe je bekannt, noch um ihre Hand zu werben
gewagt, zurückgehalten von seiner sonderbaren Furcht vor einer
Schwiegermutter. Diese Furcht war angesichts manches abschreckenden
Beispiels schon frühzeitig in ihm entstanden und hatte sich im Laufe
der Jahre verstärkt, bis sie so tief in ihm festgewurzelt war, daß
sie einen gewichtigen Grund mehr für seine Abneigung gegen die Ehe
im allgemeinen abgab. Viel dazu beigetragen hatte das abstoßende
Benehmen, das ganze Schalten und Walten der Frau Margarethe von
Handschuchsheim, der Schwiegermutter Engelhards von Hirschhorn, deren
Gegenwart schon, wenn er den Freund besuchte, ihm ein beständiges
Gruseln verursachte. Julianens Mutter, Gräfin Konstanze von Ehrenberg,
war nun Zeit ihres Lebens auch eine sehr willensstarke Dame, der
Hans ein ebenso herrschsüchtiges sich einmischen in die häuslichen
Angelegenheiten zutraute, und die einmal bei sich auf seiner Burg
wohnen haben zu müssen, ihm ein schaudererregender Gedanke war. Herr
Zeisolf Rüdt von Kollenberg mußte wohl diese Furcht nicht teilen,
denn er führte die Braut heim. Aber Gräfin Konstanze war nie anders
auf der Minneburg, als zu kurz vorübergehendem Aufenthalt, und einige
Jahre nach der Verheiratung ihrer Tochter starb sie, so daß auch an
Hans das drohende Ungewitter einer bei ihm hausenden Schwiegermutter
gnädig vorübergegangen wäre. Nachdem Juliane nun eines anderen Mannes
Frau geworden war, entschlug er sich jedes wärmeren Gefühles für sie,
faßte den unabänderlichen Entschluß, niemals zu heiraten, weder mit
noch ohne Schwiegermutter, und fand sich immer vergnüglicher in sein
Junggesellenleben hinein, von dessen ungebundener Freiheit er sich um
keinen Preis der Erde trennen wollte. Später aber, viel später war
es bei dem freundnachbarlichen Verkehr der Bewohner der Neckarburgen
geschehen, daß ihm Juliane doch wieder eine stärkere Teilnahme
eingeflößt und eine Zeitlang in ihm lebendig erhalten hatte.
Dieser Zeit gedachte Hans jetzt und durfte sich gestehen, daß
es ihm damals nicht schwer geworden wäre, die lebenslustige,
leidenschaftliche Frau rückhaltlos zu gewinnen und innig an sich
zu fesseln. Die Ehe mit ihrem verstorbenen Gemahl war sie mehr auf
den Wunsch ihrer Eltern, die mit der Verheiratung ihrer noch sehr
jungen Tochter große Eile zu haben schienen, als aus wahrer Liebe zu
ihm eingegangen, denn Herr Zeisolf, zwar ein ganz ehrenwerter und
tapferer Ritter, war gewiß nicht ein Mann nach ihrem Geschmack gewesen.
Unansehnlich in seiner äußeren Erscheinung, geizig und grämlich von
Gemütsart, zuweilen sogar etwas roh von Sitten und den heiteren
Genüssen des Lebens, wie Juliane sie liebte, durchaus abhold, war er
nicht imstande gewesen, seiner Gattin das volle Glück zu bereiten,
das sie auf der Minneburg zu finden erwartet hatte. Sie lebten in
leidlicher Eintracht miteinander, und daß ihm Juliane eine gewisse
Anhänglichkeit bewahrte, hatte sie durch ihre Unversöhnlichkeit gegen
die Landschaden noch nach seinem Tode bewiesen. War ihr aber schon der
Verzicht auf manche äußeren Freuden und auf die Erfüllung dieses oder
jenes Wunsches schwerer geworden, als sich bei ihrem begehrlichen Sinn
mit ihrer Zufriedenheit vertrug, so war sie für die Entsagung auch
auf inneres Glück erst recht eine seelisch zu reich beanlagte Natur.
Daher war es nicht zu verwundern, daß schon bei Lebzeiten ihres Gatten
ihr Herz für die Erscheinung und Art und besonders für die Huldigung
anderer Männer nicht unzugänglich blieb und sich ihrer eine Sehnsucht
bemächtigte, die bald eine bestimmte Richtung nahm.
Hans Landschad war in seiner stolzen Kraft, mit seinem frohmutigen
und liebenswürdigen Wesen ein Rittersmann, ganz dazu geschaffen, vor
Frauenaugen und in Frauenherzen Gnade zu finden, wie sie ihm von
Juliane zuteil wurde. Es dauerte indessen lange, ehe sich die beiden
über ihre gegenseitigen Empfindungen klar wurden. Nur mit kleinen
Schritten von einer Vertraulichkeit zur anderen kamen sie sich näher,
bis jeder von der Zuneigung des andern überzeugt war, nun auch mit
der seinigen kühner hervortrat und endlich beide ihres beglückenden
Geheimnisses froh wurden. Nicht mit Worten hatten sie sich verständigt,
aber die Augen und die Hände und vor allem die Herzen wußten genug und
legten sich fürder nicht mehr Zwang auf, als die Gegenwart dritter
erforderte. Einmal aber, als Hans die ihn sehnsüchtig Erwartende eines
Tages allein zu Hause traf, waren sie sich in die Arme gesunken, hatten
sich geherzt, und geküßt, und Juliane hatte lange selbstvergessen an
Hansens Brust geruht. Dann plötzlich waren sie, wie aus einem Traum
geweckt, auseinander gefahren: ein einziger Blick von Augen zu Augen
hatte ihnen beiden zugleich die Gefahr gezeigt, in der sich die
Unbelauschten befanden, und Hans war zur Tür hinausgestürmt, hatte
sich aufs Pferd geschwungen und war spornstreichs davon geritten. Bald
darauf war die Fehde zwischen Zeisolf und den Landschaden ausgebrochen,
die Julianens Gatten zum Gefangenen machte.
Solcher Gestalt waren die Erinnerungen, die dem in seinem Sessel
grüblerisch vor sich Hinstarrenden aus einer noch gar nicht so
fernen Vergangenheit auftauchten, und ihn in wechselvollen Bildern
umschwebten. Drei Jahre nur waren seit jenem Augenblick vergangen,
da er sich von Juliane losgerissen und, noch die Glut ihrer Küsse
auf seinen Lippen fühlend, vor den heißen Wünschen seines und ihres
Herzens eilig die Flucht ergriffen hatte, um nicht zum Schelm an einem
ritterlichen Genossen zu werden, mit dem er damals noch befreundet
war. Nun sollte er sie zum ersten Male wiedersehen. Wie soll er ihr
entgegentreten? wie wird sie ihn empfangen? Hat das Blut, das in der
Fehde geflossen, alles Geschehene ausgelöscht bis auf die Erinnerung
daran? Oder wird bei dem Wiedersehen wie bei dem grell leuchtenden
Schein eines Blitzes in der Nacht alles wieder lebendig werden, was
eingeschlafen war? Sollte Juliane glauben können, er käme unter dem
Vorwande einer geschäftlichen Unterhandlung mit der eigentlichen
Absicht, das jäh zerrissene Band nun endlich wieder anzuknüpfen und
nun zu unlösbarem Halt? Das wäre ein unseliger, verhängnisvoller
Irrtum und von allem das Schlimmste, was ihm dabei widerfahrenkönnte.
Doch nein; das war schwerlich zu fürchten. Viel näher lag, daß sie
ihm grollte und ihn der Treulosigkeit zieh, denn -- könnte sie zu ihm
sagen -- wenn du mich noch liebtest, so wärest du, als ich frei war,
gekommen und hättest mich hingenommen; was hinderte uns denn noch, vor
Gott und Menschen den Bund für's Leben zu schließen? Damit wäre sie
in ihrem Recht, und er hatte alle Ursache, sich um ihre Verzeihung
dafür zu bemühen, daß er durch sein früheres Verhalten Hoffnungen in
ihr erweckt, an deren Erfüllung er niemals gedacht hatte. Um sie in
solchen Hoffnungen nicht noch zu bestärken, hatte er sie seitdem völlig
gemieden und auch, nachdem sie Witwe geworden war, nicht ein einziges
Mal den Versuch gemacht, sich ihr wieder zu nähern, wie sie es doch
gewiß erwartet hatte. Jetzt sträubte er sich gegen eine Begegnung mit
ihr, wenn es auch auf der anderen Seite einen großen Reiz für ihn
hatte, die wieder zu sehen, die einst, aufgelöst in Glück und Wonnen,
an seiner Brust geruht hatte, und die vielleicht heute noch im tiefsten
Grunde ihres Herzens sehnsuchtsvoll nach ihm verlangte. Gern wüßte
er sie versöhnt, gern hätte er sie wieder zur lieben Freundin; aber
beiden mußte jetzt aus ihrem Wiedersehen die peinlichste Verlegenheit
erwachsen, und es konnte dabei zwischen ihnen zu Auseinandersetzungen
kommen, vor denen ihm wie einem Kinde vor einer harten Züchtigung
bangte. Einer leidenschaftlichen Aussprache war allerdings dadurch
einigermaßen vorgebeugt, daß Ernst ihn begleiten sollte. Wie aber, wenn
die drei Fräulein seinen Neffen, der nicht wußte, wozu er mitgenommen
war, aus dem Gemach entführten, ihn selbst mit der einstigen Vertrauten
allein ließen und diese nun, nicht dem Wortlaut, wohl aber dem Sinne
nach, die Frage an ihn stellte: Wollen wir uns nicht heiraten, Junker
Hans?
Ein verdammter Auftrag war es und blieb es, den ihm Brüder und Freunde
hier aufgezwungen hatten, weil sie, wie er annahm, seine früheren
innigen Beziehungen zur Herrin der Minneburg nicht im entferntesten
ahnten. Allein er hatte Bligger sein Wort gegeben, zur Friedensstiftung
das Seinige zu tun, und mehr hatte jener nicht von ihm verlangt, was
Hans sehr lieb war, denn es mochte nun kommen, wie es wollte, eines
stand unerschütterlich fest in ihm: heiraten wollte er Juliane nicht,
sie nicht und kein Weib unter der Sonne. Mit dem längst um sein Herz
gelegten Panzer unbesieglichen Widerstandes gegen die Ehe wußte er sich
gegen jede Versuchung stahlhart gewappnet und war endlich auf jede
Gefahr hin mutig entschlossen, der schönen Frau morgen in die Augen zu
sehen, mochte ihm nun Liebe oder Haß daraus entgegenblitzen.
Achtes Kapitel.
Die Mittelburg zu Neckarsteinach war mit der Vorderburg durch Gärten
verbunden, aber ein tiefer Graben, über den eine Zugbrücke führte,
durchschnitt sie der Quere nach und trennte so den einen von dem
andern. In einer Gaisblattlaube des zur Mittelburg gehörigen Gartens
befand sich am Nachmittage des für Hansens Besuch bei Juliane
bestimmten Tages Frau Katharina und winkte von der Höhe herab mit einem
Tuche ihrem aus dem Tal heraufreitenden Gatten zu. Dieser bemerkte das
Zeichen und erwiderte es vom Sattel aus durch einen lebhaften Handgruß
zu ihr empor.
Als Herr Bligger bald darauf im Burghof vom Pferde gestiegen war und
nun zu seiner Gemahlin in die Laube trat, sagte er: »So! bis zu Laux
Rapp habe ich sie gebracht und ihnen da noch einmal Mut zugetrunken.«
»Sie hatten's wohl nötig?« lächelte die Burgfrau.
»O, sie waren beide guter Dinge,« erwiderte Bligger. »Besonders Ernst
war sehr aufgeräumt, und ich habe ihm wacker beigestanden, auch Hans in
die rechte Stimmung zu versetzen.«
»Ich bin doch froh, daß ich den Weg nicht zu machen habe,« sagte
Katharina.
»Ich auch!« lachte der Ritter, »und ich gäbe etwas darum, wenn ich
heimlich Zeuge sein könnte, wie sich dieses Wiedersehen abspielen wird.«
»Nun, Juliane braucht sich der Gäste nicht zu schämen.«
»Nein, wahrhaftig nicht! Wie zwei Freier auf der Brautfahrt sahen
sie aus, so hatten sie sich herausgeputzt,« versicherte Bligger
wohlgelaunt. »Hans trug sein rehbraunes Seidenwams mit den
silbergewebten Blumen, und Ernst das blaue, mit Grauwerk verbrämt, und
am Gürtel die silberne Rinke, die er von Richilde bekommen hat. Laux
Rapp frug mich, als die beiden weggeritten waren: ›Ei, ei, Herr Ritter,
nach der Minneburg wollen die Herren in ihren Prachtgewändern? Also
darum sorgte Junker Ernst, daß der Ohm zu lange bei den Sinsheimern
bliebe! Ist wohl höchlich Gefahr, daß der Dauchsteiner Herr dem Junker
Hans bei der schönen Witwe zuvorkommt und das Schlößlein ersteigt? Wäre
schade drum; Euer Bruder und Frau Rüdt passen besser zusammen.‹ Welcher
Wind hat das dem alten Fuchs nun wieder in die Ohren geblasen?«
»Er hört das Gras wachsen, sagen die Leute,« sprach Katharina. »Aber
was hast du ihm geantwortet?«
»Das, Klügste, was ich wußte,« erwiderte Bligger. »Ich habe ihm die
halbe Wahrheit gesagt, damit er die ganze nicht ausplaudert; Frau
Juliane wollte ihren Wald einlösen, und dabei müßte es etwas feierlich
zugehen, und wenn der Friede zustande käme, so schenkte ich seiner
Susanne einen Goldgulden in den Mahlschatz. Übrigens hat mir Hans
unterwegs noch fünfzig Gulden von dem Lösegelde zugunsten Julianens
abgehandelt, und ich habe nachgegeben.«
»Und hast wohl daran getan.«
»Käthe!« sagte Bligger, indem er sich vor seine Frau hinstellte und die
Hand sanft auf ihre Schulter legte, »wenn Hans und Ernst Juliane und
Richilde von der Minneburg heiraten, so heiraten sie auch den Wald mit
samt allen Hirschen, die darin schreien, und wir stecken das Lösegeld
nur aus einer Tasche in die andere. Hab' ich nicht recht?«
»Bis auf das Wenn, lieber Alter!« lächelte die Burgfrau und folgte
ihrem Gemahl in den Palas. --
Auf der Minneburg ging es heute, wie alle Tage, fröhlich her. Die
drei Mädchen hatten im Zwinger lange Kränze gewunden und waren nun
damit beschäftigt, sie in leicht geschwungenen Bögen an Julianens
Erker aufzuhängen. Es war kein festlich zu begehender Tag, keine
besondere Veranlassung zu diesem Tun, aber Frau Juliane liebte den
grünen Waldschmuck zu Häupten ihres Platzes und saß gern unter solchem
Baldachin, dessen Gewinde während des Sommers öfter erneuert wurden,
wenn die alten verwelkt waren. Sidonie stand auf einer Leiter, um die
Gehänge oben an der Wand zu befestigen, Richilde hielt ihr nachreichend
dieselben hoch entgegen, und Hiltrud gab ihr nach dem Augenmaße Wink
und Weisung, daß ein Bogen dem andern gleich wurde, während Juliane, in
einen Faltestuhl bequem zurückgelehnt, dem lustigen Treiben behaglich
zuschaute.
»Höher hinauf, Sidonie!« rief Hiltrud der Freundin zu; »wenn du das so
tief herunterhängen läßt, so reichen wir mit unserem Gewinde nicht; das
mußt du dir doch berechnen.«
»Ja, wenn ich etwas von Geometrie verstünde, wie Meister Isaak
Zachäus,« gab ihr Sidonie zur Antwort.
»Zachäus! ja das ist wahr; der könnte uns helfen,« sagte Richilde.
»Soll ich ihn holen?«
»Du würdest ihn vergebens suchen,« sprach Juliane. »Er ist heute morgen
von dannen gezogen.«
»Gut, daß er fort ist, der unheimliche Sterngucker! ich traue dem Juden
nicht,« sagte Sidonie.
»Geht er nun auch nach den anderen Burgen, um Horoskope zu stellen?«
erkundigte sich Richilde.
»Das hab' ich ihn auch gefragt,« erwiderte Juliane, »aber er verneinte
es. Er hätte nur ein Geldgeschäft bei den Chorherren in der Abtei
zu Mosbach zu besorgen gehabt und wollte nun wieder nach Heilbronn
zurück, sagte er mir und fügte hinzu, die Burgherren behandelten ihn zu
schlecht, er hätte sich nur auf die Minneburg gewagt, weil hier eine
Frau die Gebieterin wäre.«
»Als Beschützerin der chaldäischen Wissenschaft!« lachte Hiltrud.
»Bei der aber nichts Vernünftiges herauskommt, als daß man einmal einen
Mann kriegen soll, was sich doch ganz von selbst versteht,« kicherte
Sidonie oben auf der Leiter.
»Heute spottet ihr,« sagte Juliane, »und neulich wart ihr Feuer und
Flamme vor Begierde, euer Schicksal zu erfahren.«
»Aber wir haben so gut wie nichts erfahren, Mutter!« bemerkte Richilde.
»Glaubt Ihr denn wirklich an die Weissagungen des Juden, Frau Juliane?«
frug Sidonie.
»Da ihm die Sterne über Vergangenes das Richtige gesagt haben, was er
anders nicht wissen konnte, so muß ich auch das glauben, was er von der
Zukunft enthüllte,« erwiderte Juliane.
Hiltrud sprach: »Schade, daß wir ihn nicht auf die Probe gestellt und
gefragt haben, ob er wüßte, wann jede von uns ihren Weisheitszahn
bekommen hat.«
»Sage nur: bekommen würde!« verbesserte Sidonie.
Helltöniges, schmetterndes Gelächter belohnte den Ausspruch einer
launigen Selbsterkenntnis. Da erschien Weiprecht Kleesattel in der Tür
mit einem so grimmigen Gesicht, daß bei seinem Einblick das fröhliche
Lachen jäh verstummte.
»Gnädige Herrin,« meldete der Alte, »die Junker Hans und Ernst
Landschad sind gekommen«
Wie eine Feder schnellte Juliane aus dem Sessel empor. »Weiprecht! --
noch einmal! -- wer ist gekommen?«
»Die Landschaden von Steinach.«
Alles Blut war aus ihrem Antlitz gewichen, sie stand und zitterte,
sich mit der Hand am Stuhle haltend. Eine lautlose Stille war in dem
großen Gemach; auch keines der Mädchen wagte, sich zu rühren. Dann rief
Juliane mit gebieterisch erhobenem Arm: »Tor zu! Brücke hoch! kein
Landschad kommt mir in die Burg!«
»Sie sind schon drin, im Burghof, von den Rossen gestiegen,« stotterte
Weiprecht.
»Unglaublich! -- Was wollen sie hier?«
»Euch sprechen, gnädigste Frau!«
»Ich will sie nicht sehen!«
In einem Nu war Sidonie von der Leiter herunter und zu Juliane
gesprungen. Deren Hand in ihre beiden nehmend sagte sie: »Doch,
doch, Frau Juliane! als Feinde kommen sie nicht. Ihr dürft sie nicht
abweisen; hört sie an, was sie wollen; wir bleiben bei Euch, und wenn
Euch das Wort versagt und Ihr mir's erlaubt, so habe _ich_ auch noch
eine Zunge im Munde.«
Auch Hiltrud und Richilde machten sich an Juliane heran und redeten
ihr gleich Sidonie freundlich zu. Allen dreien war das Zerwürfnis mit
den Landschaden sehr wohl bekannt, aber den Hauptgrund von Julianens
Bestürzung ahnte keine von ihnen.
Juliane schob die Mädchen beiseite und sagte heftig: »Laßt mich in
Ruhe!« Dann durchmaß sie mit raschen Schritten mehrmals die ganze
Länge des Raumes auf und ab, und die anderen, die sich erwartungsvoll
und scheu beiseite hielten, sahen es ihr deutlich an, daß sie einen
schweren Kampf mit sich kämpfte. Endlich blieb sie vor dem eines
Bescheides harrenden Burgvogt stehen und frug: »Junker Hans und Junker
Ernst? sonst niemand?«
»Sonst niemand.«
»Führe die Herren herauf!«
Weiprecht ging, und Juliane, jetzt vollkommen gefaßt, gebot den
Mädchen: »Ihr macht euch mit euren Kränzen zu schaffen und tut ebenso
heiter und unbefangen, wie ihr es von mir sehen werdet.«
Sidonie lächelte und sprach leise für sich: »Da bin ich doch
neugierig!« Zu Juliane sagte sie dann: »Seht nur zu, wie Ihr mit Ohm
Hans fertig werdet! Ernst nehme ich auf mich! wir kennen uns!«
»Rasch, kommt her!« flüsterte Hiltrud. »Wir setzen uns hier auf die
Stufen und binden dies Ende hier auf und dann wieder zu.«
»Ja, ja!« sprach ebenso Sidonie, »aber ich muß die beiden sehen können.
Richilde hierher, zu mir!«
Richilde gehorchte, war aber ganz verwirrt und wußte nicht, was sie tat.
Jetzt traten die beiden Junker zur Tür herein und verbeugten sich vor
den Damen. Juliane ging ihnen keinen Schritt entgegen und bot ihnen
nicht die Hand zum Willkommen. Sie hatte sich mit dem Rücken gegen das
Fenster gestellt, so daß Hans, vom Lichte geblendet, nicht bemerken
konnte, wie ihr das Blut ins Gesicht stieg, als sie den ritterlichen
Mann wiedersah, der einst ihr trauter Freund gewesen war.
»Verzeiht, edle Frau,« begann Hans etwas unsicher, »daß wir ohne Ansage
bei Euch eingeritten sind, und ich gestehe, daß ich gezögert habe,
weil ich nicht wußte, ob ich wohl kommen dürfte.«
»Ich hätte allerdings eher geglaubt, daß Burg Schadeck das Neckartal
heraufgewandelt käme, als daß Junker Hans Landschad jemals wieder über
die Zugbrücke der Minneburg reiten würde,« gab ihm Juliane scharf zur
Antwort, doch ihre Stimme bebte dabei.
»Hätten wir die Wünsche, die man auf der Minneburg hegt, früher
gekannt, so hätte längst einer von uns den Weg hierher gefunden,«
erwiderte Hans, um aus der Verlegenheit heraus so schnell wie möglich
zur Sache zu kommen.
»Von was für Wünschen sprecht Ihr, Junker Hans? Aber nehmt Platz, ich
bitte Euch!« sagte sie in unmittelbarem Anschluß an die Frage, indem
sie auf die Bank zeigte, die an der Wand entlang lief, und ihren Sessel
herumdrehte, um sich selber wieder darin niederzulassen.
Jetzt konnte Hans ihre reizende Gestalt und den feinen Kopf mit dem
aschblonden Haar und den anmutigen Zügen in voller Beleuchtung sehen,
und seine Augen weideten sich an der blühenden Erscheinung, an welcher
er keine Veränderung gegen früher wahrnahm.
»Also, was meint ihr für Wünsche?« wiederholte sie, da er noch schwieg.
»Euren verpfändeten Wald von uns einzulösen,« antwortete Hans.
»Wer hat Euch gesagt, daß ich diesen Wunsch hätte?« fuhr Juliane
betroffen heraus.
»Das habe ich meinem Vater gesagt, gnädige Frau!« mischte sich Ernst
ins Gespräch.
»Und -- erlaubt mir die Frage, Junker Ernst! -- woher wollt Ihr
dergleichen wissen?« wandte sie sich an diesen.
»Von mir!« kam es vom Erker her, wo die drei Fräulein mit einer
geflissentlichen Emsigkeit an ihren Kränzen herum banden und wanden.
Richilde war es, die gesprochen hatte, und deren Wangen nun glühten.
»Von dir?« sagte Juliane mit starker Betonung des zweiten Wortes
sich zu ihrer Tochter wendend. »Hattest du Auftrag, mit Junker Ernst
Landschad von Wünschen zu reden, die ich habe oder nicht habe.«
»Auftrag nicht, aber -- aber du hast ihn doch, Mutter, den Wunsch --«
»Ach, was weißt du davon!« unterbrach Juliane sie streng.
»Mutter! Du hast es mir oft gesagt!« widersprach Richilde sehr erregt.
»Heiter! unbefangen, Richilde!« raunte ihr Sidonie halblaut zu mit
einem schalkhaften Blick zu Juliane hinüber, die den Spott wohl
verstand. Dann rief sie munter: »Ernst, bitte, komm hierher! sei so
gut, steige die Leiter hinauf und binde dieses Gehänge an den Haken da
oben.«
»Schon wieder --?« lachte Ernst, -- wo hinaufklettern! hatte er auf der
Zunge.
Aber Sidonie ahnte, was er sagen wollte, und fiel schnell ein:
»Beruhige dich! diese Zweige sind nicht von den Bäumen Eures Waldes;
wir haben nicht ›schon wieder‹ einen Frevel verübt.«
Ernst stieg gehorsam die Leiter hinauf, das Laubgewinde zu befestigen,
was nicht so rasch vonstatten ging, denn Hiltrud und Sidonie hatten
bald dies, bald jenes daran auszusetzen, bis er es ihnen recht machte.
Auch Hans und Juliane warfen ein paar überflüssige Bemerkungen
dazwischen, um nicht in verlegenem Schweigen dabeizusitzen. Er hatte
sich den Empfang, der seiner hier wartete, doch noch schlimmer, noch
unfreundlicher vorgestellt, als er in Wirklichkeit ausgefallen war.
Nun er über das Peinliche desselben hinaus war, fühlte er sich fast
so heimisch wieder in diesen altbekannten Räumen, als hätte er sie
gestern erst verlassen, und gab sich widerstandslos dem Zauber hin,
den Juliane, trotz ihres abweisenden Benehmens, doch wieder auf ihn
ausübte. Auch sie konnte sich der Erinnerung nicht erwehren, was der
ihr gegenüber Sitzende ihr einst gewesen war; aber um so mehr auch
erbitterte sie der Gedanke, was er ihr jetzt sein könnte, wenn er ihr
treu geblieben wäre.
Als Ernst von der Leiter wieder herabstieg, fing er einen freundlichen
Blick Richildens auf, die ihre Schnalle schon bei seinem Eintritt an
seinem Gürtel entdeckt hatte.
Sidonien aber war es mit dem kleinen Zwischenspiel glücklich gelungen,
einen Sturmausbruch Julianens gegen ihre Tochter in Gegenwart der Gäste
zu verhüten.
»Ihr hattet keine Kunde von unserem Kommen, gnädige Frau?« nahm Hans
das Gespräch mit Juliane wieder auf.
»Ihr meint, weil Ihr das Tor nicht geschlossen und die Brücke nicht
aufgezogen fandet,« entgegnete sie schlagfertig.
»Nein,« sprach er gelassen, aber mit einem lustigen Augenzwinkern, »ich
dachte, diese festliche Bekränzung geschähe uns zu Ehren und gehörte
zu den Vorbereitungen eines huldreichen Empfanges, bei denen wir Euch
leider zu früh überrascht haben.«