In Juliane wallte es zornig auf. Wollte er sie in ihren eigenen

Ringmauern zum besten haben? Sie kräuselte die Lippen und sagte

hochmütig: »Zu früh seid Ihr nicht gekommen, Junker Hans, und noch viel

weniger zu spät. Für die Herren Landschaden werden auf der Minneburg

keine Kränze gewunden.«

»Und ich bin doch mit den besten Absichten zu Euch gekommen,« erwiderte

er gutmütig und im Ton eines leisen Vorwurfs.

»Mit den besten Absichten!« sprach sie ihm bitter nach. »Sieh da, fast

hätt' ich's vergessen; ein Handel führt Euch her. Nun, was verlangt

Euer Bruder Bligger für den verpfändeten Wald?«

»Nicht die volle Pfandsumme; -- hundertundfünfzig Gulden, wenn Ihr uns

den Wildbann darin belassen wollt.«

»Mit anderen Worten: Ihr wollt für fünfzig Gulden, die Ihr von der

Schuld abstreicht, in meinem Walde, schier unter meinen Augen pirschen

und jagen können. Nein, Junker Hans! das wäre von meinen Wünschen sehr

weit entfernt,« erklärte sie mit hohnlachender Gereiztheit.

»Was soll Euch das Waidrecht? Ihr übt es ja doch nicht aus,« stellte

ihr Hans begütigend vor.

»Das weiß Junker Ernst besser,« erwiderte sie.

»Was Fräulein Richilde mit der Armbrust schießt, soll künftig ungebüßt

bleiben,« sprach Ernst.

»Also für Reiherfedern wäre gesorgt,« lachte Sidonie.

»Wir wollen sie aber nicht geschenkt haben,« sagte Juliane.

»Ich wäre glücklich, wenn ich Euch so viel liefern dürfte, wie Ihr

gebraucht,« erbot sich Ernst.

»Bemüht Euch nicht, Junker Ernst!« wies ihn Juliane herb zurück. »Wir

erbeuten sie uns lieber selbst, und drüben im Reiherwald, wo niemand

uns pfänden kann, haben wir deren genug.«

»Ist die Zurückbehaltung des Wildbannes das einzige, was Euch an

unserem Vorschlage mißfällt, gnädige Frau?« frug Hans.

»Euer ganzer Vorschlag kommt mir so unerwartet, daß ich über Einzelnes

dabei noch gar nicht nachgedacht habe,« erwiderte Juliane.

»Unerwartet vielleicht, aber doch nicht ungelegen.«

»Es war nicht mein Wille, daß ein leicht hingeworfenes Wort von mir zu

Euren Ohren dringen sollte.«

»Aber da es nun doch einmal geschehen ist, so hoffe ich, daß Ihr

Euch auch die Wirkung desselben gefallen laßt,« sprach er in

zuversichtlichem Tone.

»Ich fürchte, Ihr täuscht Euch in dieser Hoffnung,« entgegnete sie

wegwerfend.

»Nennt Eure Bedingungen, edle Frau!« bat er, »wir möchten Euch gern

zufriedenstellen.«

»Wir einigen uns doch nicht,« gab sie ihm kurz zur Antwort.

»Warum nicht? Uns liegt weniger an dem Walde, als --«, er stockte.

»Nun als?« frug sie gespannt. »Woran liegt Euch sonst?«

»An dem guten Frieden mit Euch,« erwiderte er, etwas leiser sprechend

und ein wenig zu ihr geneigt.

In ihren Augen blitzte es kampflustig auf. Sie warf einen raschen

Seitenblick nach dem jugendlichen Kreise am Erker, und Hans glaubte

schon, daß die gefürchteten Auseinandersetzungen nun ihren Anfang

nehmen würden. Allein die Gegenwart Ernsts und der Mädchen mochte sie

wohl davon zurückhalten, und ihn fest anblickend sprach sie erregt:

»Wenn ich nun aber keinen Frieden mit euch will?!«

»Dann ist mein Geschäft hier zu Ende,« erwiderte Hans entschieden und

erhob sich.

Juliane war überrascht und augenblicks reute sie das vorschnelle

Wort. So hatte sie es nicht gemeint. Nur mit Bligger wollte sie nicht

Frieden machen, den sie haßte, weil sie glaubte, daß er seinen Bruder

bestimmt hatte, sich von ihr abzuwenden. Zum Friedensschlusse mit

Hans und auch wohl nach zu einem Schritt weiter wäre sie gern bereit

gewesen, wenn er die Neigung dazu verraten hätte. Sie hatte ihn nicht

wiedersehen wollen, und als sie ihn jetzt dennoch wiedersah, fühlte

sie sich ihm gegenüber so schwach in ihrem Herzen, daß sie sich vor

sich selber schämte, ihm nicht so feindlich begegnen zu können, wie es

ihr Groll auf ihn verlangte. Daher die Heftigkeit und die schneidende

Kälte, zu der sie sich zwingen mußte, mit der sie sich schützen und

verschanzen wollte, damit er nicht entdeckte, wie hinfällig die

Wehrkraft in ihrem Innern gegen ihn war. Doch an das, was sie einst

im Geheimen miteinander verbunden hatte, schien der Treulose nicht

mehr zu denken und noch weniger daran, das Vergangene zurückzurufen

und in der Gegenwart neu zu beleben; denn er hatte immer nur von dem

Walde und im Namen der drei Brüder Landschad, nicht von sich selber zu

ihr gesprochen. Ob ihre Unterredung wohl eine andere Wendung genommen

hätte, wenn sie beide ohne Zeugen gewesen wären? Aber das Alleinsein

mit ihr hatte er offenbar vermeiden wollen, sonst hätte er Ernst nicht

mitgebracht. Und wenn er ihre soeben hingeworfene Bemerkung auch auf

sich beziehen und überhaupt als ihr ernst gemeintes, letztes Wort

betrachten konnte, so hatte sie sich, mehr von ihm erwartend, in ihm

geirrt. Dann mochte er gehen; sie hatte ihn nicht gerufen, sie wollte

ihn auch nicht halten.

Fast zugleich mit ihm stand sie auf und sagte mit beißendem Spott: »Ich

bedanke, daß Ihr den Weg, auf den Ihr Euch so lange besonnen und gewiß

unsäglich gefreut habt, nun leider vergeblich machen mußtet!«

Bekümmert sah Ernst, daß sein Oheim im Begriff war, sich zu

verabschieden. Doch er konnte es nicht hindern und gesellte sich zu

ihm, während die drei jungen Mädchen Julianen umringten.

»Ihr wollt es so, und der Wald bleibt unser,« sprach Hans ruhig und

bestimmt. Und ohne sich durch Julianens scharfe Herausforderung zu

einem ähnlichen Ausfall gegen sie hinreißen zu lassen, fügte er

freundlich hinzu: »Oder wollt Ihr unseren Vorschlag doch noch einmal

in Erwägung ziehen und uns Botschaft senden, falls Ihr eine andere

Entscheidung treffen solltet?«

»Wir könnten auch wiederkommen und sie uns holen,« beeilte sich Ernst

hinzuzufügen.

Darauf antwortete Juliane nicht gleich, denn sie war in einer haltlosen

Verfassung. Aber Sidonie, die hinter ihr stand, nickte ihrem Vetter

lebhaft zu, und wie er Richilden ansah, begegnete ihm ein strahlender

Blick aus ihren Augen, und mit Freuden gewahrte er ihr holdes Erröten.

»Auf die Bedingungen Eures Bruders gehe ich nicht ein,« brachte Juliane

endlich mühsam hervor.

»So bitte ich nochmals, daß Ihr die Eurigen stellt und uns wissen

laßt,« erwiderte Hans. Und als sie schwieg, hielt er ihr die Hand hin

und sprach: »Lebt wohl, Frau Juliane Rüdt von Kollenberg!«

»Lebt wohl!« kam es fast tonlos von ihren Lippen. Sie war marmorbleich.

Ihre Hand berührte leicht die seine; aber er merkte nicht, wie sehr

diese Hand zitterte, die früher oftmals warm und lange in der seinen

gelegen hatte.

Auch Ernst reichte jeder der Damen die Hand, und wonnig durchschauerte

es ihn, als er Richildens sanften Gegendruck fühlte.

Die Landschaden gingen hinaus. Juliane trat an das Fenster ihres Erkers

und blickte in das Tal hinab. Die Mädchen sollten nicht merken, wie es

in ihr wogte und wühlte.

Neuntes Kapitel.

Während sich die Junker Hans und Ernst bei Frau Juliane auf der

Minneburg befanden, war Isaak Zachäus von dort nach der Mittelburg

bei Neckarsteinach zurückgekehrt, ohne den beiden unterwegs begegnet

zu sein. In einer langen, geheimen Unterredung gab er Herrn Bligger

ausführlichen Bericht über alles, was er auf der Minneburg gesehen und

gehört, besonders aber was er dort getan und gesagt und in welcher

Weise er den Damen das Horoskop gestellt hatte.

Bligger war mit der erhaltenen Auskunft hoch zufrieden und belohnte

den Juden mit einem ansehnlichen Geldgeschenk. Zugleich ließ er sich

folgendermaßen vernehmen: »Nun habe ich einen neuen Auftrag für Euch,

Zachäus. Ihr begebt Euch morgen nach Heidelberg zu dem ~Doctor juris~

Christoph Wiederholt und fragt ihn, ob er wüßte, wer der Fremde im

Mönchsgewand gewesen wäre, der ihn vor zehn Tagen spät abends besucht

und sich nach dem Recht der Hagestolze bei ihm erkundigt hätte. Weiß es

der Doktor nicht, so sagt Ihr es ihm auch nicht. Weiß er aber jetzt,

daß ich es war, so ersucht Ihr ihn in meinem Namen, über den Besuch und

namentlich über die Veranlassung zu demselben das strengste Geheimnis

zu bewahren. Ich habe leider versäumt, ihm Stillschweigen aufzuerlegen,

werde es ihm aber reichlich danken, wenn er reinen Mund hält. Das sagt

ihm und dann bringt mir Bescheid, was er darauf antwortet.«

Isaak versprach, auch den neuen Auftrag zur vollen Zufriedenheit des

Ritters auszuführen.

Wenig erfreut dagegen war Bligger über den mangelhaften Erfolg, den

Junker Hans von seiner Sendung nach der Minneburg aufzuweisen hatte,

und tadelte besonders das schnelle Abbrechen der Unterhandlung, die

wieder anzuknüpfen durchaus notwendig, nun aber, nach Julianens

entschiedener Abweisung dieses ersten Ausgleichsversuches, um so

schwieriger wäre. Er forschte seinen Bruder über Julianens Verhalten

gegen ihn gründlich aus, das ihm dieser als ein sehr kühles, zum Teil

sogar recht schroffes darstellte. Das überraschte Bligger indessen

nicht und machte ihm auch keine Sorge, zumal als er hörte, wie warm,

fast begeistert Hans das blühende Aussehen Julianens und die Anmut

ihrer ganzen Erscheinung rühmte, die also doch wohl so tiefen Eindruck

auf ihn gemacht haben mußte, daß sich Bligger von wiederholten

Begegnungen der beiden das beste für das Gelingen seines Planes

versprechen durfte.

Es wurde beschlossen, mit einem zweiten Annäherungsversuch einige Zeit

zu warten, ob sich Juliane vielleicht inzwischen eines anderen besinnen

und ihrerseits Bedingungen bezüglich der Auslösung des verpfändeten

Waldes stellen würde. Dann aber, mochte sie nun Botschaft schicken oder

nicht, sollte Hans mit neuen Vermittlungsvorschlägen nach der Minneburg

reiten. Er sträubte sich zwar wiederum dagegen, allein Bligger irrte

sich nicht, als er wahrzunehmen glaubte, daß die Weigerung seines

Bruders diesmal lange nicht so hartnäckig war wie das erstemal.

Seinen Sohn Ernst durchschaute der welterfahrene Mann nach wenigen

Fragen, die er ihm stellte, und aus deren Beantwortung er die

Überzeugung gewann, daß sich die Liebe zu Richilden in Ernst

festgeankert hatte und dieser der frohen Hoffnung lebte, Herz und Hand

der Erbin der Minneburg zu gewinnen, was ja Bliggers Plänen mit Hans

nur förderlich sein könnte.

Ernst war völlig der Laune der Verliebten unterworfen. Hochfliegende

Hoffnung und nagender Zweifel, ausgelassene Lustigkeit und

brütende Schwermut wechselten in seiner Stimmung einander ab, aber

schwärmerische Zuversicht zu einem guten Ausgang seiner Herzenssache

war doch das vorherrschende Gefühl dabei. Denn die kleinen Zeichen

erwiderter Neigung, die ihm Richilde, vielleicht unwillkürlich und

absichtslos, gegeben hatte, waren von ihm nicht unbemerkt geblieben und

mußten ihm, in ihren Einzelheiten wie in ihrer Zusammenstellung aufs

günstigste gedeutet, zur tröstlichen Beweisführung der Erfüllbarkeit

seiner Wünsche und zum Unterpfande künftigen Glückes dienen.

Bei seinem fast beständigen Zusammensein mit Ohm Hans sprachen die

beiden weniger als sonst, hingen vielmehr jeder seinen eigenen Gedanken

nach. Ergriff aber nach längerem Schweigen einer von ihnen das Wort

zum Meinungsaustausch über einen Gegenstand, der von den eben erst im

stillen verarbeiteten Gedanken noch so weit ablag, so dauerte es gar

nicht lange, und beide waren mit ihrer Unterhaltung glücklich wieder

auf der Minneburg angekommen, sich an diesen und jenen Augenblick, an

dieses und jenes kleine Begebnis bei ihrem Besuche daselbst erinnernd,

es sich wieder versinnlichend und nach Wunsch und Gefallen auslegend.

Und das Merkwürdigste dabei war, daß keinem von beiden dieses

sonderbare Spiel des Zufalles, so oft es sich auch innerhalb weniger

Stunden wiederholte, zum Bewußtsein kam und daher auch keiner desselben

überdrüssig wurde.

Josephine wurde jetzt von Ernst sehr vernachlässigt; nur selten traf er

mit ihr zusammen und war dann zurückhaltender gegen sie, als er es vor

dem Ritt zur Minneburg gewesen war. Sie brachte die meiste Zeit einsam

in dem wenig besuchten Garten der Vorderburg zu, und dort suchte er sie

eines Tages auf, um doch einmal wieder ein freundliches Wort mit ihr zu

reden. Er sah sie regungslos an der niedrigen inneren Ringmauer stehen

und, den Kopf auf die Hand gestützt, träumerisch über das Tal hinweg

in die Ferne schauen. Sie hörte seine nahenden Schritte nicht, bis er,

dicht hinter ihr, sie anrief. Da fuhr sie erschrocken herum und war in

einer unsäglichen Verwirrung.

»Verzeihe den Schrecken,« sprach er, ihr die Hand bietend, »und erzähle

mir den süßen Traum, aus dem ich dich geweckt habe.«

Sie lächelte wehmütig. »Ich sah einen edlen Falken fliegen, der stieß

auf ein Rebhuhn und hielt es in seinen Fängen. Aber es war ihm zu

gering; er ließ es wieder fahren, schwang sich in stolzem Fluge über

Tal und Berg und umkreiste ein ragendes Schloß, nach einer köstlicheren

Beute spähend. Das arme Rebhuhn aber verblutet sich an den Wunden, die

ihm der Falke geschlagen, und kann nicht leben und nicht sterben.« Sie

sprach es leise wie im Traum und blickte ihn mit verschleierten Augen

sehnsüchtig an.

»Josephine!« sagte er nur, bestürzt und ergriffen von des Mädchens kaum

verhüllten Liebesgeständnis.

Sie wandelte mit ihm einen schattigen Laubgang, und da er schwieg, weil

er ihr auf das eben Vernommene nichts zu erwidern wußte, so wollte er,

ihrer Unbedachtsamkeit inne werdend, die Bedeutung des ihm Kundgetanen

nach Möglichkeit abschwächen, indem sie unvermittelt in einem heiteren

Tone begann: »Gebt Ihr etwas auf Träume, Junker Ernst?«

»Nicht viel,« entgegnete er.

»Desto besser!« sprach sie und versuchte zu lachen. »Ich tue es auch

nicht, denn mir ist noch nie ein Traum in Erfüllung gegangen. Man sagt,

die Hasen schliefen mit offenen Augen. So habe ich es wahrscheinlich

eben auch gemacht; ich habe mit offenen Augen geträumt und ein

vorüberschwirrendes Mücklein für einen Falken angesehen, oder ich war

im Stehen eingeschlafen, weil mir die Augenlider vor den blendenden

Sonnenstrahlen zufielen. Darum vergeßt, was ich geträumt und gesagt

habe; es ist nicht der Mühe wert, darüber nachzudenken.«

»Wenn du es nur vergessen kannst, Josephine!« erwiderte er

teilnahmsvoll.

»Ich? o darum macht Euch keine Sorgen!« lachte sie nun freier heraus,

obschon es ihr wahrlich nicht zum Lachen ums Herz war. »Was ich nicht

in mir dulden will, das werfe ich weit von mir weg, so weit, wie ich

diesen Stein hier werfe.« Sie griff einen Stein vom Boden auf und

schleuderte ihn in weitem Bogen vom Berg ins Tal hinab. »Seht Ihr? fort

ist er, und nie finden wir ihn wieder. So macht man's mit närrischen

Träumen. Und nun gehabt Euch wohl für heute! mein Vater wartet auf

mich; wir wollen Heilkräuter suchen.«

Damit enteilte sie, und es war die höchste Zeit; denn die Kraft ihrer

Selbstbeherrschung und Verstellung, mit der sie den ihr erstaunt

Zuhörenden durch eine langatmige Gesprächigkeit über ihre wahren

Empfindungen zu täuschen suchte, ging zu Ende.

Ernst wandte sich noch einmal nach ihr um und murmelte: »Armes Mädchen!

ob sie wohl so rasch wie den Stein aus der Hand den Traum aus ihrem

Herzen los wird?« --

Isaak Zachäus und seine verkleidete Tochter, deren Geheimnis vor allen

anderen außer Ernst vollständig gewahrt blieb, wurden schon als zur

Burg gehörig betrachtet, und von einem Aufbruch des vielgewandten, zu

mancherlei Diensten brauchbaren Mannes war keine Rede, auch als er

längst von Heidelberg wieder zurück war.

Von dort hatte er dem Ritter schlimme Kunde heimgebracht.

Bligger war, wie er selber wußte, in jener Nacht vom Torwart erkannt

worden, und wenn man auch von seiner augenblicklichen Verfolgung

Abstand genommen, so hatte doch der Wächter von der vorübergehenden

Anwesenheit des als Mönch Vermummten in der Stadt dem Rate Anzeige

gemacht, der das Verdacht erregende Begebnis auch dem pfalzgräflichen

Hofe mitteilte. Man hatte weiter nachgeforscht und durch die Frau,

die der fremde Mönch auf der Gasse angeredet hatte, von seinem

Besuche beim Doktor Christoph Wiederhold erfahren. Zu diesem war

nun der kurfürstliche Rat Doktor Uffsteiner gekommen, hatte den

Rechtsgelehrten über den Anlaß des Besuches ins Verhör genommen und ihm

mit peinlicher Befragung gedroht, falls er sich nicht zu erschöpfender

Aussage herbeiließe. Infolgedessen hatte Wiederhold eingestanden, daß

der Unbekannte seinen Rat wegen des Rechtes der Hagestolze begehrt

habe, und hatte die ganze Unterredung mit ihm dem Doktor Uffsteiner

zu schriftlicher Aufzeichnung überantwortet mit dem Hinzufügen, daß

derjenige, um dessen dereinstige Hinterlassenschaft es sich dabei

handelte, durchaus keine Kenntnis von dem Bestehen des genannten

Rechtes hätte.

So war denn also dem Pfalzgrafen, dem Erbschleicher der Hagestolze,

wie Bligger seinen gnädigen Landesherrn nunmehr nannte, die gute

Gelegenheit, sich zu bereichern, verraten worden, und der Ritter mußte

sich darauf gefaßt machen, daß jener alles aufbieten würde, das ~jus

misogamorum~ zu seinen Gunsten auszunutzen.

Bligger geriet darüber in eine grenzenlose Wut, und wenn er nach

Anhörung von Isaaks Bericht den Wächter des Brückentores zu Heidelberg,

den eigentlichen Anstifter des Verrates, gleich zur Stelle gehabt

hätte, so wäre dieser kaum mit dem Leben davongekommen.

Das Eingreifen des pfalzgräflichen Hofes in die Angelegenheit ließ

auch nicht im mindesten auf sich warten, wenngleich die Schritte, die

den Zweck hatten, die Verheiratung des hagestolzen Junker Hans zu

hintertreiben, Herrn Bligger nur teilweise bekannt wurden.

Die Handhabung des heimlichen Widerspiels gegen die Landschaden wurde

unter genauer Darlegung des Tatsächlichen dem kurfürstlichen Gaugrafen

auf dem Dilsberge, Grafen Philipp von Lauffen, anvertraut, und dieser

wußte zunächst nichts Besseres zu tun, als einen Kundschafterritt

nach der Schmiedeschenke zu unternehmen, um den ihm wohlbekannten und

ergebenen Laux Rapp, der alles und noch ein wenig mehr wußte, über Wege

und Stege der Landschaden auszuhorchen.

Es hätte so viel einschmeichelnder Herablassung, wie Graf Philipp ihm

angedeihen ließ, gar nicht bedurft, um Laux zum Reden zu bringen.

Bald wußte der Graf von dem Ritt der festlich gekleideten Junker

Hans und Ernst nach der Minneburg und war ganz der Meinung des

klugen Schmiedes, daß es sich dabei wohl noch um ganz andere Dinge

handeln müßte, als um die plötzliche, mit einem Male nötig gewordene

Versöhnung zweier schon so lange getrennter Familien und um die

Auslösung eines verpfändeten Waldes. Auf der Minneburg saß eine noch

immer jugendliche, schöne und reiche Witwe und wartete auf ihren

zweiten Mann, und Junker Hans Landschad war neunundvierzig Jahre alt

und konnte sich auch noch als Freier sehen lassen. Hier also war das

Ende eines Fadens, an das ein anderer angeknüpft werden mußte. Dieser

andere leitete den Suchenden nach der Burg Dauchstein, wo ein ebenfalls

noch heiratsfähiger und heiratslustiger Witwer saß, Ritter Bruno von

Bödigheim, der, wie der Schmied erzählte, und der Graf auch bereits

gehört zu haben sich nun erinnerte, sich um die Hand der Herrin der

Minneburg schon bemüht haben sollte.

Mit diesen Nachrichten war der Graf vorläufig zufrieden und ritt heim.

Nun aber belohnte sich die Gastfreundschaft, die Bligger dem alles

beobachtenden Juden erwies.

Als Isaak Zachäus mit seinem Sohn im Walde gewesen war, um Heilkräuter

zu suchen, hatten sie einen Reiter in ritterlicher Tracht gesehen

und von ein paar Kindern, die Beeren sammelten, auf ihre Frage

herausgebracht, daß es der Graf vom Dilsberge war, der den Weg von der

Schmiedeschenke dahergeritten kam.

Am Abend erfuhr Bligger, daß Graf Philipp von Lauffen bei Laux Rapp

gewesen war, und der selber in allen Satteln Gewiegte kannte den

doppelzüngigen Schmied gut genug, um sich sagen zu können, daß der

Graf nun auch von Hansens und Ernsts Ritt nach der Minneburg wußte. Er

sann darüber nach, wie er es anfangen sollte, den Gaugrafen von der

richtigen Fährte ab und zu der Überzeugung zu bringen, daß es sich

dabei nicht um Hans und Juliane, sondern lediglich um die Einleitung

einer Verbindung Ernsts und Richildens gehandelt hätte. Das war nicht

leicht, denn sie trauten sich beide nicht recht, und Graf Philipp war

daher nicht wenig erstaunt, als er eines Tages seinen Burgnachbarn

im Tale, Herrn Bligger Landschad, oben auf der Veste Dilsberg bei

sich einreiten sah. Der Ritter fiel jedoch keineswegs mit der Tür ins

Haus, sondern bediente sich eines glaubwürdigen Vorwandes für seinen

unvermuteten Besuch.

Unterhalb des Dilsberges war eine Kette über den Neckar gespannt, und

der Gaugraf erhob an dieser Stelle im Namen seines Landesherrn von

jedem vorüberkommenden Schiff einen Zoll, nach dessen Erlegung erst

die Kette auf den Grund des Flusses hinabgelassen und dem Schiffe die

Durchfahrt gestattet wurde. Diese Kette machte den Landschaden großen

Verdruß, denn auch sie waren genötigt, für das Holz, das sie aus ihren

Waldungen in Schiffen und Flößen den Neckar hinab über Heidelberg und

Mannheim dem Rhein zuführen ließen, den Zoll zu entrichten, wodurch die

trotzigen kleinen Selbstherrscher des Neckartales stets in unbequemer

und ihrer Meinung nach demütigender Weise an die Oberhoheit des

Landesherrn erinnert wurden.

Diesen Umstand griff Bligger als die Veranlassung seines Kommens auf

und trug dem Grafen den Wunsch vor, den Wasserzoll ein für allemal

abzulösen, damit die Landschaden und demnächst auch die übrigen

benachbarten Burgherren gegen eine zu vereinbarende Geldsumme

künftig und für alle Zeiten das Recht der freien Durchfahrt für ihre

Holzfrachten erwürben.

Graf Philipp tat so, als wenn er dem Ritter glaubte, daß er nur

deswegen den hohen Dilsberg erritten hätte, und versprach ihm, bei

der kurfürstlichen Hofkammer dieserhalb vorstellig werden und ihm den

Bescheid ehestens mitteilen zu wollen.

Bligger dankte dem Grafen für seine Bereitwilligkeit, das Anliegen

befürworten zu wollen und verabschiedete sich gleich darauf. Fast in

der Tür schon warf er leichthin: »Übrigens würdet Ihr auch künftig

weniger Zoll von uns zu erheben haben, als in den letzten drei Jahren.«

»So? wollt Ihr Eure Forsten schonen und weniger schlagen lassen?« frug

der Graf.

»Das nicht, aber Frau Rüdt von Kollenberg löst ihren großen

verpfändeten Wald wieder von uns ein, der uns eine bedeutende Nutzung

abwarf,« erwiderte Bligger.

Aha! dachte der Graf, jetzt kommt der Fuchs aus dem Loche heraus.

»Nun,« sprach er, »da werdet Ihr Euch ein namhaftes Lösegeld zahlen

lassen.«

»Nein,« sagte Bligger, »nicht auf das Lösegeld kommt es uns an --«

»Sondern?« -- der Graf spitzte die Ohren wie ein Spürhund.

»Auf Frieden und Freundschaft mit Frau Juliane.«

»Mit einem Male?«

»Ja, mit einem Male,« sagte Bligger so unbefangen wie möglich.

»Allerdings,« fuhr er absichtlich zögernd und mit einem bedächtigen

Lächeln fort, »allerdings ist dabei noch etwas anderes im Spiele.«

»Eine Heirat?« fuhr der Graf heraus.

»Wie gut Ihr doch raten könnt, Lauffen!« rief Bligger. »Ja, eine

Heirat! Euch kann man's ja wohl anvertrauen: Fräulein Richilde

Rüdt von Kollenberg ist siebzehn Jahre alt und mein Sohn Ernst

dreiundzwanzig --«

»Macht sechs Jahr Unterschied, -- verstehe, verstehe, Bligger

Landschad!« lachte der Graf, »und für die Erbin der Minneburg könnt Ihr

den Wald auch ohne Lösegeld hingeben.«

»Zumal ihn Julianens Tochtermann dereinstens wiederbekommt mit

ihrem Erbe,« fügte Bligger hinzu, in das Lachen des anderen kräftig

einstimmend.

»Freilich, freilich! eine fürtreffliche Heirat! Aber sagt einmal:

glaubt Ihr nicht, daß Frau Juliane selber -- ganz gern wieder --«

»Einen Mann hätte, meint Ihr? Ah! -- nein! -- das glaube ich nicht, daß

sie daran noch denkt,« wiederholte Bligger treuherzig. »Über die Jahre

ist sie doch wohl hinaus, kann ja bald Großmutter sein!«

»Da habt Ihr recht; wer wird denn eine Großmutter heiraten?!« lächelte

der Graf wieder.

»Nicht wahr? Darauf kommt kein vernünftiger Mensch,« fiel Bligger

frohlockend ein.

»Nein, nein! bewahre! aber die Tochter! das nenn' ich einen guten Fang!

wünsch' Euch Glück zu dem Handel, Bligger Landschad!«

»Danke! danke, lieber Lauffen! lebt wohl!«

»Behüt' Euch Gott, Bligger!«

Und die beiden schüttelten sich so bieder die Hände, als hätten sie

sich Blutsbrüderschaft geschworen.

Das Recht der Hagestolze: Eine Heiratsgeschichte aus dem Neckartal · 第 8 / 24 段