später gebotene Söhne sind Euch jung wieder gestorben, --«
»Auch das haben Euch die Sterne gesagt?« unterbrach ihn Juliane
erstaunt.
Der Jude nickte würdevoll und sprach weiter: »Eurer Tochter droht
außerhalb dieser Burg eine Gefahr, die ihr zwar nicht ans Leben geht,
die aber nur ihr Stiefvater von ihr abwenden kann.«
»Sagt mir noch mehr von meiner Tochter,« verlangte Juliane nach einigem
Besinnen.
»Wohl, so hört! Fräulein Richilde liebt und wird wieder geliebt --«
»Das ist nicht wahr, das ist unmöglich!« fuhr Juliane heftig auf.
»Gnädige Frau, in der Schrift der Sterne kann ich mich nicht täuschen,«
erwiderte Zachäus mit einem überlegenen Lächeln. »Eure Tochter liebt
einen ritterlichen Mann, der sie auch heimführen und für ihr langes
Leben glücklich machen wird, wenn Ihr selber vorher eines zweiten
Mannes Frau geworden seid.«
Juliane erhob sich und ging mit raschen Schritten auf und ab im
Gemache. »Richilde liebt, und ich weiß nichts davon?« sprach sie
erregt, »wen? wen, Zachäus?«
Der Jude zuckte die Achseln und schwieg.
»Und wird das alles so bald geschehen? ich meine, daß er sie heimführt,
und ich vorher --«
»Bald ja! doch _wie_ bald, haben mir die Sterne nicht gesagt,«
erwiderte Zachäus.
In Julianens Hirn wogten die Gedanken wild durcheinander, sie wurde
abwechselnd bald bleich, bald rot und schien während des Auf- und
Abschreitens die Gegenwart des Sterndeuters ganz vergessen zu haben,
bis dieser von selber anhub: »Wollt Ihr nun auch die Horoskope der
beiden anderen jungen Fräulein wissen, gnädige Frau?«
»Ja so! freilich! sprecht, aber macht es kurz!« erwiderte sie hastig.
»Fräulein Sidonie von Hirschhorn ist ein Sonntagskind,« sagte Zachäus;
»die Konstellation bei ihrer Geburt war höchst günstig. Alles, was
sie beginnt, wird ihr geraten, denn sie hat eine glückliche Hand. Ihr
Übermut und ihr leichter Sinn werden sie zuweilen in wunderliche Lagen
bringen, aber das Schicksal oder ein unverhoffter Zufall werden alles
stets zum besten lenken. Sie wird manchen Freier abweisen, mit dem
Manne ihrer Wahl aber einst glücklich werden.«
»Wohl ihr!« sprach Juliane zerstreut, »weiter!«
»Fräulein Hiltruds Gestirne weisen in die Ferne,« fuhr Zachäus fort;
»sie wird mit ihrem einstigen Gatten fern von ihrer Heimat hausen, ihm
Kinder schenken und lange Jahre mit ihm in Glück und Freuden leben.«
Geraume Zeit erfolgte keine Antwort von Juliane, kein Zeichen, daß
sie verstanden, was Zachäus gesagt hatte, bis dieser sie erinnerte:
»Gnädige Frau, ich bin fertig.«
»Ich danke Euch!« sprach Juliane wie weit abwesend mit ihren Gedanken,
»Ihr seid entlassen; das heißt,« verbesserte sie sich, »Ihr bleibt
hier auf der Burg; vielleicht bedarf ich Eurer noch; dann werde ich
Euch rufen lassen. Noch eins, Zachäus --!« und sie legte mit einer
entschiedenen Bewegung und einem durchdringenden Blick den Finger auf
die geschlossenen Lippen.
Der Jude machte das Zeichen des Schweigens nach, verbeugte sich und
verließ das Gemach.
Juliane war allein. Sie setzte sich wieder auf die Bank im Erker,
stützte den Kopf in die Hand und wiederholte sich die Aussagen des
Schicksalskündigers. »Wieder eines Mannes Weib werden soll ich? und
bald?« sprach sie zu sich selbst. »Aus alter Liebe und jungem Haß
soll mir neues Glück erblühen. Ach! wenn es wahr würde! wenn ich noch
glücklich werden sollte! -- Aber ohne Wahl und Willen wär' ich dabei?
Die Sterne bestimmen mir einen Mann, dem ich meine Freiheit und Leib
und Seele geben soll, und nach meiner Liebe wird nicht gefragt? Wen
liebe ich denn? Keinen, keinen! und wenn ihr winzigen, glimmenden
Funken dort oben in eurer unermeßlichen Ferne mein Herz nicht zu
lodernder Liebe in Flammen setzen könnt, so spart euch eure Sprüche von
der Liebe Verkündigung, der ich mich nicht beugen werde gegen meinen
Wunsch und Willen! -- Könnt' ich nur raten, wen die dunklen Mächte mir
schicken, wen sie mir aufdrängen wollen! Keinen Witwer, hieß es. Also
fahre wohl, Bruno von Bödigheim! Du gewinnst mich nie. Aber wer sonst?
-- Aus alter Liebe und jungem Haß, -- das träfe nur auf einen zu; doch
das ist vorbei, der ist es nicht, der kann es nicht sein! Er liebt mich
nicht, und ich -- ich will ihn niemals wiedersehen!«
Sie erhob sich, um selber zu den ungeduldig Wartenden in den Zwinger zu
gehen, denn sie brauchte frische Luft. Ihr klopfte das Herz im Busen
mit stürmender Gewalt, und wie froh war sie, die Prophezeiungen des
Sterndeuters allein, ohne Zeugen vernommen zu haben!
Im Zwinger sprangen ihr die Mädchen entgegen, suchten mit forschenden
Blicken in ihren Zügen zu lesen und überschütteten sie mit einer Flut
von Fragen.
»Beruhigt euch,« lachte Juliane, »es war kaum der Mühe wert, die
verschwiegenen Sterne unsertwegen auf die Probe zu stellen, denn
sie haben uns wenig verraten. Ihr bekommt jede dereinst einen Mann
und werdet ein langes und glückliches Leben genießen. Du, Sidonie,
bist ein Sonntagskind; darum wird dir vieles gelingen von dem, was
du beginnst; wirst aber auch manchen Freier abweisen, ehe der rechte
kommt. Du, Hiltrud, wirst mit deinem Zukünftigen in die Ferne ziehen,
und Richilde, du sollst dich vor Gefahren hüten, die dich außerhalb der
Burg bedrohen könnten. Das ist alles, was mir der weise Mann zu sagen
wußte.«
»Wenig genug!« sprach Sidonie, »aber ich wußt' es im Voraus.«
»Aber du selber, Mutter! was verkündigte er dir?« fragte Richilde.
»Auch nichts Besonderes, aber nur Gutes,« erwiderte Juliane mit
abgewandtem Gesicht.
»Und darum die Aufregung und Angst!« sprach Hiltrud.
»Wir wollen zufrieden sein, wenn alles eintrifft,« sagte Richilde.
»Vor den Gefahren außerhalb der Burg fürchte ich mich nicht. Was kann
mir begegnen? vielleicht, daß mich beim Blumenpflücken einmal ein Dorn
sticht oder eine Nessel brennt.«
Das Ansehen des Mannes, der sich für einen Sternkundigen ausgab und nur
mit einer so dürftigen Auskunft dienen konnte, war in den Augen der
Fräulein nicht gerade gestiegen. Nur Sidonie, die Julianen mehrmals
verstohlen beobachtete und deren mühsam verhehlte Erregung sehr
wohl bemerkte, hatte über die Geringfügigkeit der ihnen gewordenen
Mitteilungen ihre eigenen Gedanken, behielt dieselben jedoch für sich.
»Kommt, Mädchen!« sagte Juliane, »wir wollen satteln lassen zu einem
wild fröhlichen Ritt in den Wald; mich verlangt nach Bewegung!«
Hiltrud und Sidonie hatten von den väterlichen Burgen ihre Reitpferde
mitgebracht, die im Stalle der Minneburg Platz genug fanden, und
bald waren vier Rosse gesattelt und am Palas vorgeführt. Die Damen
schwangen sich mit Hilfe des Burgvogts in die Sättel und ritten über
die Zugbrücke des breiten Grabens und den Burgweg hinab. Unten auf der
Landstraße am Neckar sprengten sie freudig dahin, allen voran Juliane,
als wollte sie den in den Ringmauern ihrer Burg sie umspinnenden
Gedanken entfliehen und noch einmal in vollen Zügen die mit den Fesseln
der Liebe bedrohte Freiheit ihres Herzens genießen.
Siebentes Kapitel.
Als Junker Hans auch während der zwei nächsten Tage von seinem Ausfluge
nach Sinsheim nicht zurückkehrte, stieg in Ernst die Sorge auf, das
von Zachäus dem Oheim gestellte Horoskop möchte sich jetzt schon
bewahrheiten und dieser aus irgendeinem, Ernst unbekannten Grunde den
Entschluß gefaßt haben, Mönch zu werden und fortan Zeit seines Lebens
im Kloster zu bleiben. Seinen geliebten Ohm, den besten und einzigen
Vertrauten seines Herzens von Kindheit an, für immer verlieren zu
sollen, war ihm ein unerträglicher Gedanke. Und nie hatte ihm der
ältere Freund und Berater so gefehlt wie eben jetzt, wo es sich für
ihn darum handelte, sich den Zugang zur Minneburg und zu Richilde von
Kollenberg zu bahnen, eine Schwierigkeit, zu deren Überwindung ihm
der Beistand des Oheims von der größten Wichtigkeit war. Vormittags
und nachmittags ging er in den Wald und hielt sich stets in der Nähe
des Weges, den Hans mutmaßlich zurückkommen mußte. Doch umsonst; kein
Hufschlag durchschallte den stillen Forst, nicht Roß noch Reiter ließ
sich blicken. Hans war wie verschwunden und verschollen.
Ernst frug Josephine, die sich wie von ungefähr zu ihm gesellte, ob ihr
Vater, der auch noch nicht wieder von Mosbach zurück war, ihr nichts
Bestimmteres über das Horoskop des Oheims mitgeteilt hätte, namentlich
in wie naher oder ferner Zeit dieser das ihm prophezeite Glück im
Kloster finden sollte. Aber Josephine konnte ihm darüber keine Auskunft
geben und bemühte sich, ihn über das Ausbleiben des von ihm so schwer
Vermißten zu trösten und aufzuheitern. Daß der Blick des Mädchens
oft mit einem wehmütig schwärmerischen Ausdruck an seinem Angesicht
hing und sich zuweilen ein leiser Seufzer ihren Lippen entwand, blieb
unbemerkt von ihm. Endlich fragte sie: »Ist es weit von hier zu den
Benediktinern in Sinsheim? Wenn Ihr mir den Weg beschreiben könnt, so
will ich hingehen und nach Eurem Oheim fragen.«
»Allen Dank für dein freundliches Erbieten!« erwiderte Ernst, »aber
das ist zu weit für dich. Wenn er bis morgen früh nicht zurück ist, so
reite ich selber hin, und es müßte mit Kräutern zugehen, wenn ich ihn
dann nicht mit heimbrächte.«
Dieser Entschluß schien ihn froh zu stimmen, und lachend sprach er:
»Was sie wohl im Kloster zu dem Boten sagen würden, den ich ihnen da
als Befreier ihres biderben Zechbruders ins Gehege schickte! Siehst
freilich in deinem langen Talar fast wie ein Klosterschüler aus. Tu'
mir den Gefallen, streife das entstellende Puppengehäuse ab und laß den
Schmetterling auskriechen! Wir sind allein hier, und ich seh dich viel
lieber in deiner unverhüllten Gestalt, als in der Vermummung, in der du
weder Mann noch Mädchen bist.«
Ein freudiger Glanz und ein schnelles Erröten glitt über ihr Antlitz;
sofort kam sie seinem Wunsche nach und stand nun wieder in der kurzen,
enganschließenden Jünglingstracht vor seinen zufriedenen Blicken.
Sie gingen immer tiefer in den Wald und streckten sich, wie neulich
auf ihrem Rückweg von der Schmiedeschenke, wieder in den Schatten
auf das Moos, miteinander plaudernd und scherzend. Josephine wußte
sich vollkommen sicher an der Seite des ritterlichen Junkers, denn --
sagte sie sich selbst -- du bist eine Jüdin, und er liebt eine andere.
Ein bitteres Gefühl beschlich sie dabei; sie beklagte im stillen ihr
Schicksal, das sie in einem verachteten Stande geboren werden ließ und
ihr damit schon, nach dem Vorurteil der Mitlebenden, jede Hoffnung auf
ein Glück verriegelt hatte, nach welchem die Sehnsucht in ihrem Herzen
erwacht war und sich stärker und stärker zu regen begann. Fast schien
es ihr jedoch, als wenn Ernst von jenem Vorurteil frei wäre, weil er
sie mit so großer Freundlichkeit behandelte, wie sie ihr noch nie von
einem anderen Menschen zuteil geworden war.
Auf der Mittelburg wunderte sich mancher über das häufige Beisammensein
des Junkers mit dem schüchternen Judensohn; aber Ernst antwortete auf
eine gelegentliche Frage nach dem Grunde dieser auffälligen Zuneigung
ausweichend: »Er lehrt mich im Walde Kräuter und Schmetterlinge kennen
und weiß von seinem Vater allerlei Heimlichkeiten von natürlichen
Dingen.« --
Am anderen Morgen ritt Ernst fort, um Hans aus dem Kloster zu holen;
und weil er wußte, wie gern sein Oheim bei Laux Rapp einkehrte, so nahm
er den Weg über die Schmiedeschenke, obwohl es nicht der nächste war.
Seine Hoffnung, Hans vielleicht schon dort zu finden, trog ihn auch
nicht. Von weitem schon, sobald die Biegung des Weges dem Blicke freie
Aussicht gewährte, sah er ihn an dem Tische unter der Eiche sitzen,
und neben ihm saß Laux Rapp, ein kleiner, derbknochiger Gesell mit
einem verwegen dreinschauenden Gesicht und einer gegen die andere
etwas erhöhten Schulter. Beiden Männern gegenüber am Tische, auf dem
selbstverständlich Krug und Becher nicht fehlten, stand Susanne, und
alle drei schienen in einem heiteren Gespräch begriffen zu sein. Einen
Augenblick durchfuhr Ernst der Gedanke: ob sie ihm wohl von Josephinen
erzählt hat? Doch wenn sie es getan hatte, so war jetzt nichts mehr
daran zu ändern, und er mußte sehen, ob und wie sich das Geheimnis
des Mädchens dem Oheim gegenüber noch retten ließ. Mit einem lauten,
freudig jauchzenden: »Hallo! Ohm Hans!« sprengte er dem Platz unter der
Eiche zu, war schnell aus den Bügeln und drückte erst dem Junker und
dann auch Laux und Susanne die Hand. Das Mädchen schüttelte auf seinen
fragenden Blick leise mit dem Kopf, um ihm zu bedeuten: ich habe nichts
gesagt! worüber Ernst sehr erfreut war.
»Hast auch wohl Durst auf Laux seinen abgelagerten Rothen?« begrüßte
Hans den Neffen, während Susanne ins Haus sprang, einen Becher zu holen.
»Nein, Ohm,« erwiderte Ernst, »ich wollte nach Sinsheim, einen
Weltflüchtigen der Klause zu entreißen.«
»Hoho!« lachte Hans, »meinst wohl, sie hätten mich schon unter der
Schere? Weit gefehlt, mein Junge! so lange ich einen Harnisch tragen
kann, schlüpfe ich in keine Kutte.«
»Ist's wahr, Ohm Hans? kann man sich darauf verlassen?« frug Ernst, dem
Wiedergefundenen scharf prüfend in sein offenes Gesicht schauend.
»Dumme Frage!« sagte Hans, »als ob ich von Kopf zu Fuß ein Lot
Pfaffenfleisch an mir hätte!«
»Nein, nein, Ohm!« erwiderte Ernst, »aber du bliebst gar zu lange aus,
und da -- bekam ich Sehnsucht nach dir.«
»Unterm Krummstab lebt sich's lustig,« lachte Hans, »und was habe ich
denn zu Hause versäumt?«
»Nicht viel, aber ich bin heilfroh, daß du den Sinsheimern entronnen
bist und wiederkommst,« sprach Ernst sich neben seinen Oheim
niederlassend, und frei aufatmend stieß er mit dem vollen Becher an den
ihm von Hans entgegengehaltenen.
Laux Rapp, der sich wie einer auf die Gesichter und die Herzen der
Menschen verstand, hatte dem Gespräch mit beiden Ohren gelauscht und
hinter dem Frageton und dem ängstlich prüfenden Blick des Jüngeren eine
geheime Sorge gewittert, der auf den Grund zu kommen ihn seine Neugier
unwiderstehlich reizte.
»Junker Ernst,« hub er an, »ich kann nicht glauben, daß Euer Ohm ein
so böses Stücklein auf der Seele hat, um sich hinter Klostermauern in
Gewahrsam zu bringen.«
»Das hatt' ich auch nicht im Sinn,« erwiderte Ernst; »keinem Hühnlein
kann er etwas zu Leide tun.«
»Nun, ich habe schon manchen Biedermann vom Gaule gestochen,« sagte
Hans.
»Ja, in ehrlicher Fehde,« sprach Ernst, »da ist's weiter nichts, als
ein gutes Ritterstück.«
»Gewiß! das macht der Katze keinen Buckel,« nahm der Schmied wieder das
Wort. »Also aus gedrungener Not braucht Ihr nicht ins Kloster zu gehen;
solltet Ihr es nun aus eigener Bewegnis tun? Ich meine, Gott hat Euch
nicht mit so viel Kreuz und Beschwerung heimgesucht, daß Ihr mit Eurem
Leben nicht begnügig und zufrieden sein könntet, Junker Hans. Oder seid
Ihr im Glauben etwas baufällig geworden, daß Euch der hochwürdige Abt
von Sinsheim die Bände angetrieben hat?«
»Du wirfst das Beil zu weit, Laux!« entgegnete Hans. »Der hochwürdige
Abt von Sinsheim ist mein trauter Freund; der tut mir alles zuliebe.«
»Alles?« frug Ernst.
»Alles, was ein christgläubig Gemüt sonder Arglist und Gefährde von ihm
verlangen kann; ich glaube, noch viel mehr.«
»Merkt Euch das, Junker Ernst!« lächelte jetzt Susanne. »Er spricht
Euch von großen und kleinen Sünden los, Ihr mögt sie an Christen oder
Juden begangen haben.«
»So du noch ein Wort sagst!« drohte ihr Ernst.
Aber der Schmied ließ in seiner stachelnden Neugier, welcher besondere
Vorfall den weltfrohen Junker in ein Kloster treiben könnte, nicht nach
und sagte: »Ihr wäret nicht der erste Ritter, Junker Hans, der das Tor
der Welt hinter sich zuschlug und die Brücke abwarf, um sein Leben im
Kloster seliglich zu vollenden. Also heraus damit, sonst gibt's 'nen
Kropf! Warum wollt Ihr ins Kloster, Junker Hans?«
»Bei allen Heiligen und Verdammten, laßt mich endlich mit Eurem Kloster
in Ruhe!« fuhr Hans auf. »Ich will ja gar nicht ins Kloster, als mit
den lobesamen Brüdern unter beiwohnender Weinfeuchte einen fröhlichen
Kantus zu singen, in ihren Forsten zu pirschen und in ihren Teichen zu
fischen. Wenn du das nächstemal mit willst, Ernst, so sag' es!«
»Soll ein Wort sein, Ohm!« sprach Ernst.
»Frage nicht, so lüg' ich nicht,« brummte der Schmied.
Nach einer guten halben Stunde, die bei fleißiger Handhabung des
Bechers unter anderweitem Gespräch vergangen war, nahm Hans den
dickbäuchigen Weinkrug, schaute hinein und verkündete: »Sela, lieben
Brüder! Alles hat ein Ende, sagt Trotto, der Kellermeister, wenn er die
Treppe nicht mehr hinunter will.«
»Ei so verreck! bei Laux Rapp heißt es nicht so. Noch einen!« rief
der Schmied, Susannen den Krug reichend und in der Hoffnung, durch
mehreren Wein die Zungen seiner Gäste besser zu lösen.
Aber Hans schüttelte: »Nein! ihr sollt jetzt von unseren Rossen die
Schweife sehen. Komm, Ernst! in den Sattel!«
Sie saßen auf und ritten nach freundlichem Abschied davon.
Der Schmied hatte nichts herausbekommen von dem, was ihn zu wissen
verlangte. Er blickte den Reitern, so lange sie in Sicht blieben,
gedankenvoll nach; dann ging er verdrießlich mit dem Kopfe schüttelnd
in die Schmiede, trat an den Herd und zog den Blasebalg, um das
eingesunkene Feuer wieder anzumachen.
Unterwegs frug Hans seinen Neffen: »Was waren denn das für sonderbare
Reden von dir und Laux über das Kloster?«
»Dir will ich es nicht verschweigen, Ohm,« erwiderte Ernst. »Es war ein
Jude bei uns, der uns allen das Horoskop gestellt hat, und das deine
lautete, du würdest dein Glück einmal in einem Kloster finden.«
Hans lachte laut auf. »Aber der Mann hat recht,« sagte er dann.
»Nirgends bin ich vergnügter, als bei den Benediktinern in Sinsheim,
und so finde ich jetzt schon oft mein Glück in einem Kloster. Dazu
brauchte kein Jude zu kommen, Euch das zu sagen.«
»Ja dann, wenn du es so deutest!« sprach Ernst in Freuden.
»Was dachtest denn du?«
»Ich dachte, ich würde dich verlieren, lieber Ohm, wenn du dich
entschlössest, für immer dort zu bleiben.«
»Nein, mein braver Junge! wir zwei bleiben zusammen bis an mein
selig Ende,« sagte Hans, seinem jugendlichen Genossen die Hand
hinüberreichend. »Nimm dich nur vor den Weibern in acht, daß ich dich
nicht verliere!«
Ernst beugte sich auf den Hals seines Pferdes und blickte zur Seite ins
Gebüsch, als ob er dort ein Wild suchte.
»Was hat es sonst noch gegeben daheim?« frug Hans.
»Die Hirschhorns und Schenk von Erbach sind beim Vater zu einer
geheimen Beratung gewesen,« erwiderte Ernst. »Mich haben sie
weggeschickt; ich sollte nichts davon erfahren,« setzte er unmutig
hinzu.
»Dich haben sie weggeschickt? ja, was geht denn da vor?«
Ernst zuckte die Achseln. »Ich weiß nur, daß Frau Rüdt von Kollenberg
ihren verpfändeten Wald einzulösen gedenkt.«
»Also doch endlich!« sagte Hans.
»Bist du's zufrieden, Ohm?«
»Von ganzem Herzen!« erwiderte Hans.
»Das freut mich, Ohm! das freut mich ausnehmend,« rief Ernst vergnügt.
»Sorge nur, daß der Friede bald zustande kommt!«
»Den Wunsch hab' ich lange,« sprach Hans; »aber woher wißt Ihr denn,
daß Frau Juliane den Wald wieder haben will?«
Darauf erzählte ihm Ernst seine Begegnung mit den drei Fräulein und von
dem geschossenen Reiher.
Hans lachte über den Jagdfrevel im verpfändeten Wald und gönnte den
jungen Damen ihre Freude am edlen Waidwerk, wenn sie es zur rechten
Zeit ausüben wollten. Er wenigstens würde sie nicht darin stören und
hoffte auch nicht, der Minneburg so nahe zu kommen, um der Gebieterin
derselben oder ihrer Tochter und deren Freundinnen in die Arme zu
laufen.
»Aber wenn wir nun mit ihr Frieden machen?« bemerkte ihm Ernst.
»Das ist deines Vaters Sache, des ältesten von uns,« erwiderte Hans;
»ich bin dazu nicht nötig und will auch nichts damit zu tun haben.«
Da hatte Ernst nicht den Mut, dem Oheim jetzt die stillen Hoffnungen
und Wünsche seines Herzens zu entdecken, sondern verschob dies auf eine
günstigere Gelegenheit, wenn der Weg zur Versöhnung auf beiden Seiten
angetreten wäre.
Bald nach seiner Heimkehr begab sich Hans zu seinem Bruder Bligger, der
ihn freudig willkommen hieß, und seine erste Frage war: »Was ist hier
vorgegangen, daß ihr eine, wie es scheint, wichtige Beratung gepflogen
habt, an welcher Ernst nicht teilnehmen durfte?«
»Also hat er schon alles ausgeplaudert?« sagte Bligger.
»Alles,« erwiderte Hans, »nur das nicht, was er selber nicht wußte.«
»So höre denn!« begann der ältere. »Ich habe sichere Kundschaft,
daß der Pfalzgraf etwas gegen uns im Schilde führt. Um seinen
Anschlägen mit Nachdruck zu begegnen, ist es nötig, daß wir alle
fest zusammenhalten gegen ihn, auch der Dauchsteiner und die von der
Minneburg.«
»Der Dauchsteiner?« sagte Hans mit Stirnrunzeln, »den laß nur aus dem
Spiel, auf den ist kein Verlaß, und er ist uns so wenig Freund wie wir
ihm.«
»Magst recht haben,« gab ihm Bligger zu, »aber die Minneburg. Wir
müssen mit Julianen unseren Frieden machen, damit sie uns mit ihrem
Gesinde zu Roß und zu Fuß Beistand leistet.«
»Hab' ich ja schon immer gewollt,« schaltete Hans ein.
»Und da sie den Wunsch geäußert hat,« fuhr Bligger fort, --
»-- ihren verpfändeten Wald einzulösen, -- weiß ich, weiß ich!«
unterbrach ihn Hans.
»-- so ist das die beste Gelegenheit, ihr die Hand zur Versöhnung zu
bieten. Und das mußt du machen!« sagte Bligger, seinen Bruder fest
ansehend.
»Ich? ich?« frug Hans höchst verwundert.
»Ja, du! Du mußt nach der Minneburg reiten und mit Julianen alles in
Ordnung bringen,« erwiderte Bligger.
»Gott soll mich in Gnaden bewahren! warum just ich?«
»Wir haben es samt und sonders so beschlossen.«
»Ihr habt gut beschließen über mich, wenn ich nicht dabei bin,« sprach
Hans.
»Wärst du dabei gewesen, so hättest du es gewiß freiwillig übernommen.«
»Niemals! Wählt einen anderen Boten; ich kann es nicht.«
»Du mußt, Hans! es geht nicht anders, und es hängt zuviel davon ab.«
»Aber warum ich gerade? warum nicht du selbst oder Engelhard?« frug
Hans in wachsender Erregung.
»Du wirst einsehen, daß du der einzige bist, der es vermag,« redete
Bligger auf seinen Bruder ein. »Engelhard wollte es nicht übernehmen
und kann es auch füglich nicht. Einer von uns Brüdern muß es tun. Mich
läßt Juliane gar nicht ein, weil sie mich für ihren schlimmsten Feind
hält. Konrad würde es auch nicht besser ergehen, und er taugt auch
nicht recht dazu. Also mußt du dich wohl oder übel dazu bequemen, Hans,
denn du hast dich mit den Rüdts immer am besten von uns gestanden.«
»Gib mir Bedenkzeit, ich will es mir überlegen,« erklärte Hans nach
einigem Kampfe; »ich kann sie ja doch nicht ohne vorherige Ansage in
ihrer Burg überzucken.«
»Was ist da noch zu überlegen?« sagte Bligger. »Freilich mußt du
sie überzucken; das ist das Rechte. Du forderst zweihundert Gulden
Lösegeld, und sie erhält Dorf und Wald zurück mit allem, was dazu
gehört; aber den Wildbann behalten wir.«
»Unbilliges Verlangen!« versetzte Hans.
»Höre, was sie sagt,« erwiderte Bligger. »Danach reden wir weiter.«
Hans schüttelte den Kopf. »Darauf kann sie nicht eingehen.«
»Mir ist es auch weniger um den Wald zu tun, als um Frieden und
Freundschaft mit Frau Juliane.«
»Und die glaubst du mit so schweren Bedingungen zu gewinnen?«
»Wir lassen allmählich mehr und mehr davon nach und kommen endlich
allen ihren Wünschen entgegen,« versetzte Bligger. »Du mußt nur dafür
sorgen, daß sich die Verhandlungen etwas in die Länge ziehen, damit wir
Zeit und Gelegenheit haben, mit Juliane wieder auf guten Fuß zu kommen.
Rücke und räume dich nur erst selbst wieder warm bei ihr ein, und dann
vermittelst du die Versöhnung deiner wiedergewonnenen Freundin mit uns.«
»Kann ich Ernst dazu mitnehmen?« frug Hans.
»Ist das sein eigener Wunsch?« war Bliggers rasche Gegenfrage.
»Schwerlich! wir haben nicht darüber gesprochen,« erwiderte Hans. »Wie
konnt' ich denn ahnen, was ihr hinter meinem Rücken über mich verhängt
habt?«
»Mir deucht, es soll keinem von uns gereuen,« sprach Bligger. »Nimm
Ernst mit, und -- wann reitest du?«
»Wenn's denn sein muß, -- morgen.«
»Morgen! recht so! und alles Glück auf den Weg!« sagte Bligger.