Ernst versank für den Rest des Weges in ein nachdenkliches Schweigen.

Ohne sein Dazutun hatte ihm Josephine ihr Geheimnis enthüllt, und es

hatte für ihn einen sinnbestrickenden Reiz, allein zu wissen, daß sich

in dieser kleidsamen Jünglingstracht ein vollreifes Mädchen versteckte,

dessen blühender Leib sich an den seinen geschmiegt und dessen

glutatmende Seele sich ihm rückhaltlos offenbart hatte. Aber mehr als

dies beschäftigte ihn die Weissagung über seinen Ohm Hans und nahm

ihn so in Anspruch, daß er auf Josephinens Reden nur einsilbige und

zerstreute Antworten gab, bis auch sie schwieg in dem schmeichelnden

Wahn, daß sich Ernst; Gedanken nur in dem Kreise der Erinnerungen an

das heute mit ihr Erlebte bewegten.

Die Schatten der Bäume waren lang geworden, und die Wanderer standen

jetzt an einem sanften Abhange, zu ihren Füßen das hier breit

ausgedehnte Tal, in das sie nun, die vier Burgen der Landschaden auf

dem gegenüberliegenden Höhenzuge vor Augen, hinabschritten. Josephine

schlüpfte wieder in ihren langen, die Glieder verhüllenden Rock, dann

fuhren sie über den Fluß und stiegen zur Mittelburg empor. Oben unter

dem Torbogen sprach Ernst: »Morgen wollen wir wieder in den Wald

gehen, und dann nehme ich die Armbrust mit,« und der Jungfrau die Hand

reichend, fügte er in einem warmen Ton und mit einem innigen Blick in

ihre dank strahlenden Augen hinzu: »Und vergiß nicht, Joseph, daß ich

dein verschwiegener Freund bin!«

Sechstes Kapitel.

Im Palas der Minneburg, in dem tief eingebuchteten, um einige Stufen

erhöhten Erker, saß auf der kissenbelegten Holzbank die Herrin der Burg

und stickte an einer prächtigen Borte für ein Festgewand.

Frau Juliane war eine Erscheinung, die schon auf den ersten Blick anzog

und bei jedem neuen Begegnen immer stärker fesselte, weil je nach

Stimmung und Gelegenheit der Ausdruck ihres Gesichts, ihre Haltung und

ihr Benehmen näher wie ferner Stehenden gegenüber so rasch wechselten,

daß sie manch einem über ihr wahres Wesen etwas zu raten aufgab.

Sie war schlank von Gestalt, jedoch einer anmutigen Fülle durchaus

nicht ermangelnd, hatte gewelltes, aschblondes Haar und eine zarte

Gesichtsfarbe, die an den Schläfen das blaue Geäder durchschimmern

ließ und auf den Wangen von einem feinen Rot überhaucht war. Die Augen

unter den schmalen, aber dichten Brauen waren von einer unbestimmbaren

Farbe und blickten meist etwas träumerisch neben der nicht kleinen,

gradlinigen Nase. Das Schönste in dem Antlitz war jedoch der Mund, er

mochte sprechen oder schweigen; wenn aber diese sinnlich geschweiften

Lippen lächelten und dann aus den Augen Leben, Gefühl und Frohsinn

blitzte, so war das ganze Gesicht von einem Liebreiz erfüllt, der jung

und alt bezauberte. Aber Frau Juliane konnte zuzeiten auch heftig

und leidenschaftlich sein; dann wurde sie ganz bleich und ihre Züge

waren dann nicht unähnlich denen der Medusa. Niemand sah den Ausbruch

eines Sturmes bei ihr voraus, niemand wußte, ob sie ein von Natur

gleichmütiges oder ein heiß begehrliches, mühsam gezügeltes Herz in der

Brust trug.

Ihre schöngeformte Hand wob emsig an dem zierlichen Blättergerank der

Borte, und nur selten warf sie einen zerstreuten Blick durch das offene

Fenster ins Tal hinab und auf die grünen Wipfel, die sich leise im

Winde bewegten.

Bald trat eine Gürtelmagd ein, um den Mittagstisch für die Herrschaft

herzurichten. Ohne von ihrer Arbeit aufzusehen frug Juliane: »Wo sind

die Fräulein, Petrissa?«

»Sie sind im Zwinger, gnädige Frau, und spielen Ball,« gab das Mädchen

zur Antwort. »Soll ich sie rufen?«

»Nein, laß sie nur; sie werden schon kommen, wenn sie die Mittagsglocke

hören.«

Aber kaum war das gesagt, so flog die Tür auf, und mit hochroten

Gesichtern vom Ballspiel kamen die jungen Mädchen, Richilde, Sidonie

und Hiltrud, hereingestürmt und riefen und plapperten erregt alle

drei durcheinander: »Mutter -- Frau Juliane, -- auf dem Burghof ist

ein Mann, ein Arzt, -- ein Artist und Sterndeuter, -- der will uns

das Horoskop stellen, -- bitte, laß ihn herein! -- ach ja! bitte,

bitte! laßt ihn herein, daß er uns wahrsagt und uns unser Schicksal

verkündet!«

»Ihr seid nicht klug, Mädchen,« lachte Juliane, »wer wird sein

Schicksal voraus wissen wollen! ich nicht, und ihr sollt es auch nicht.«

Da standen die drei sehr enttäuscht und blickten sich untereinander

traurig und ratlos an.

Ehe sie noch zu erneuter Bitte Mut faßten, erschien der Burgvogt,

Weiprecht Kleesattel, in der Tür, um seiner Herrin die gleiche Meldung

zu machen. Er hatte den leichtfüßigen Fräulein vom Burghof die

steinerne Wendeltreppe herauf nicht so schnell folgen können, denn er

hinkte infolge eines schlecht geheilten Lanzenstiches, den ihm die

Fehde seines seligen Herrn mit den Landschaden von Steinach eingetragen

hatte. Beim Reiten war ihm das Gebrechen nicht hinderlich, aber beim

Gehen kam er nicht mehr rasch vorwärts damit.

Auch dem Burgvogt verbot Juliane den Einlaß des Fremden; aber der

rüstige Alte redete ihr bescheiden zu, die Kunst des Sterndeuters doch

einmal zu erproben.

Juliane schüttelte das Haupt und sagte: »Es taugt nichts, sich durch

Prophezeiungen, die man Tag und Nacht nicht wieder aus dem Kopfe los

wird, in seiner Ruhe stören zu lassen. Mich verlangt nicht nach meines

Schicksals Kunde.«

»Aber uns desto mehr, Mutter! bitte, laß den Mann kommen!« sprach

Richilde mit flehendem Blick.

»Er wird uns ja nicht gleich unsere Todesstunde bestimmen,« fügte

Sidonie hinzu.

»Und überhaupt,« schloß Hiltrud, »wenn er etwas Schlimmes und

Schreckliches für uns in den Sternen liest, so sagt er es uns gewiß

nicht!«

»Weist den Fahrenden nicht ab, gnädige Frau,« ließ sich nun auch der

Burgvogt wieder vernehmen, »vielleicht entdeckt er Euch etwas, was zu

wissen Euch sehr angenehm und nützlich wäre.«

Da siegte auch in Frau Juliane die weibliche Neugier, und nach einem

kurzen Besinnen gab sie den vereinten Bitten ihrer Burggenossen nach

und sagte mit einem halb schmollenden Lächeln: »Nun, so laß ihn in

Gottes Namen herein, Weiprecht!«

»Aber es ist ein Jude, gnädige Frau!«

»Meinetwegen, und wenn's ein Türke wäre!« lachte sie jetzt.

»Isaak Zachäus von Ingolstadt nennt er sich und kommt von Heilbronn

über Wimpfen.«

»Bringe ihn uns her!«

Der Burgvogt ging und die drei Mädchen jauchzten und hüpften und

klatschten vor Freuden in die Hände.

»Jubelt nicht zu früh!« warnte Juliane, »ihr wißt nicht, was ihr aus

dem Munde des Sternsehers zu hören bekommt. Wird es euch lieb sein,

wenn er eure geheimsten Wünsche und Gedanken enthüllt?«

»Kann er das denn?« frug Richilde rasch und betroffen von der Tür her,

wo sie stand und horchte.

»Freilich kann er das,« erwiderte Juliane mit einem aufmerksam

prüfenden Blick auf ihre Tochter. »Wenn er euch nun wahrsagte,« fuhr

sie fort, »daß keine von euch dreien jemals einen Mann kriegt?«

»Ach, Frau Juliane!« lachte Hiltrud, »so schlecht meinen es die Sterne

nicht mit uns.«

»Es könnte auch anders kommen, Frau Juliane,« sagte Sidonie;

»vielleicht prophezeit er Euch ein nahe wieder bevorstehendes Glück.«

»O du Schelm, du!« rief Juliane lachend und drohte der Kecken, wurde

aber doch rot dabei.

»Pst!« machte Richilde, »sie kommen!« und sprang von der Tür zurück.

Als nun Isaak Zachäus, sich vor den Damen tief verneigend, mit dem

Burgvogt in das große Gemach trat, standen die drei Fräulein dicht

beisammen und hielten sich verstohlen bei den Händen erfaßt, indem sie

den Fremden mit Blicken betrachteten, als hätten sie in ihm nicht nur

den Offenbarer ihrer Herzensgeheimnisse und nicht nur den Verkündiger,

sondern selbst den Lenker ihrer Schicksale zu verehren und zu fürchten.

[Illustration: »Ihr wollt uns das Horoskop stellen, Herr Magister?«

redete die Burgfrau den Juden an.]

»Ihr wollt uns das Horoskop stellen, Herr Magister?« redete die

Burgfrau den Juden an.

»Wenn Ihr es gnädigst verstattet, hochedle Frau,« erwiderte Zachäus,

der sich durch den ihm nicht gebührenden Titel sehr geschmeichelt

fühlte, mit einer neuen Verbeugung, »so bin ich auf Euren Wink bereit,

Euch mit meiner Kunst und Erfahrung in der chaldäischen Wissenschaft

untertänigst zu dienen.«

»Wessen bedürft Ihr dazu an Mitteln und Zutat?« fragte die Herrin.

»Um Tag und Stunde eurer Geburt zu wissen, gnädigste Frau! weiter

nichts,« versetzte Zachäus mit einem merklichen Selbstbewußtsein.

»Wir werden's Euch aufschreiben,« sagte Juliane, und die drei Mädchen

tummelten sich, Schreibzeug herbeizuschaffen.

»Erlaubt!« sprach Zachäus, »dazu hab' ich alles bei mir.« Er holte

ein hürnenes Tintenfaß, eine Feder und ein Stück Pergament aus seiner

Tasche und schrieb auf einen Wink Julianens, sich zu setzen, Tag und

Stunde der Geburt der vier Damen nach den Angaben derselben auf. Dann

erhob er sich wieder und sagte: »Morgen früh, gnädige Burgfrau, könnt

Ihr erfahren, was ich für Euch und diese edlen Fräulein in den Sternen

gelesen habe.«

»Gut,« erwiderte Juliane, »aber ich verlange, daß Ihr mir allein, unter

vier Augen, und sonst niemand mitteilt, was Ihr für uns alle gefunden

habt. Verstanden, Herr Zachäus von Ingolstadt?«

»Seht wohl, gnädige Frau!« erwiderte Zachäus, »nur Euch allein verkünde

ich den Befund der Horoskope.«

»Da werden wir nicht viel erfahren,« flüsterte Richilde ihren

Freundinnen zu, »das Beste sagt sie uns nicht.«

Juliane gab dem Burgvogt die Weisung, das oberste Gemach in dem

viereckigen Turme zum bequemen Aufenthalt für den Gast herrichten und

ihm an Speise und Trank nichts abgehen zu lassen, worauf sich die

beiden Männer miteinander entfernten.

»Du mußt uns aber alles sagen, Mutter, was der Sternkundige dir morgen

unter vier Augen mitteilt,« sprach Richilde, als die vier wieder allein

waren, ihre Mutter umhalsend, »versprich uns das!«

»Nichts versprech' ich euch!« erwiderte Juliane.

»O ja! o ja!« fielen Sidonie und Hiltrud gleichzeitig ein, Julianen

ebenfalls mit den Armen umschlingend, »alles müßt Ihr uns sagen,

Frau Juliane, alles! wenigstens alles, was uns angeht. Schwört, Frau

Juliane, uns nichts verheimlichen zu wollen! schwört uns bei -- ja,

wobei nun gleich? wobei schwört Ihr am liebsten und am höchsten?«

»Schwört uns bei Eurem aschblonden Haar!« sprach Hiltrud.

»Beim minnigsten Munde der Minneburg!« rief Sidonie.

»Schwöre bei den ewigen Sternen, die uns allen Glück verheißen mögen!«

bat Richilde.

»Laßt mich los! ihr erdrosselt mich ja!« rief Juliane, sich mit Mühe

aus dem Schlangengewinde der sie umstrickenden sechs Mädchenarme

befreiend. »Ich schwöre nichts und verspreche nichts,« sagte sie

dann, fast noch atemlos von der stürmischen Zärtlichkeit der sie

Überfallenden; »ich bin hier Mutter für euch alle, und was euch jungem

Volk zu wissen taugt oder nicht taugt, darüber habe ich als alte Frau

allein zu entscheiden.«

»Alte Frau! alte Frau!« ein dreistimmiges, silberhelles Gelächter

schallte ihr bei der Wiederholung dieser Worte so lustig entgegen, daß

sie selber mit einstimmen mußte.

»Nicht drei Jahre seht Ihr älter aus, als wir!« rief die eine.

»Vier Schwestern sind wir, wird jeder denken, der uns sieht und es

nicht besser weiß, und keiner wird raten, welche von uns die älteste

ist,« sprach die andere.

»Und daß Ihr die schönste seid,« jubelte die dritte, »das sagt Euch der

Spiegel und jeder Mann, Ritter oder Knappe, wenn er Augen im Kopfe hat

und --«

»-- und so schmeicheln will wie ihr drei Törinnen,« fiel Juliane

lachend ein. »Ihr denkt wohl, damit verlockt ihr mich, euch alles zu

sagen? Weit gefehlt! eure Herzensgeheimnisse erfahre ich nun von dem

Wahrsager, das habt ihr euch selber eingerührt, aber ob ihr etwas

erfahrt, das steht bei mir. Punktum!«

Da umfaßte Sidonie, die übermütigste von allen, Julianen aufs neue,

schwenkte sie mit starken Armen wiegend um sich herum und sagte: »Und

Euer Herz, Frau Juliane, Euer Herz ist auch viel jünger und heißer, als

Ihr uns manchmal Glauben machen wollt, und wird auch seine Geheimnisse

haben, bei deren Enthüllung wir nicht zugegen sein sollen; damit wir

nur ja nicht erfahren --«

»Wirst du gleich schweigen?!« lachte Juliane und schloß der Fürwitzigen

den Mund.

Petrissa kam herein und trug die Speisen auf. Die vier Damen setzten

sich an den gedeckten Tisch zum Mittagsmahl, das auf der Minneburg zu

ungewöhnlich später Stunde eingenommen wurde, und ließen sich's wohl

sein in fortdauernder Heiterkeit und inniger Eintracht. --

Als der Burgvogt Weiprecht Kleesattel den Gast in das oberste

Turmgemach geführt hatte, sprach er zu ihm: »Hört, Meister Zachäus

von Ingolstadt, ich werde Euch hier gut verpflegen lassen, aber Ihr

müßt mir auch einen Gefallen tun; wollt Ihr?« Und als ihn der Jude mit

fragenden Augen listig anblickte, fuhr er fort: »Ihr müßt auch mir das

Horoskop stellen! Ich bin am vierzehnten Tage des Brachmonds im Jahre

dreizehnhundertfünfunddreißig geboren um Sonnenuntergang.«

Zachäus schrieb sich das auf und lächelte dabei ein wenig. Weiprecht

bemerkte das und fügte nun hinzu: »Ihr müßt nicht denken, daß ich in

meinem Alter noch etwas Besonderes vom Leben erwarte; aber ich möchte

doch gern wissen, wie es hier auf der Burg in Zukunft mit mir bestellt

sein wird.«

»Schon recht,« erwiderte Zachäus; »morgen sollt Ihr es erfahren, Herr

Burgvogt.«

»Ich danke Euch,« sagte Weiprecht, »und nun will ich Euch etwas Gutes

zu essen und zu trinken heraufschicken.« Darauf ließ er den Juden

allein, und dieser packte nun seine sieben Sachen aus der Tasche auf

den Tisch, der an einer nur mit einem hölzernen Laden verschließbaren

Fensterluke stand. --

Richilde schlief mit ihrer Mutter in einem Zimmer, und in einem anderen

schliefen ihre beiden Freundinnen. Als sich letztere spät entkleidet

hatten, um ins Bett zu gehen, trat Hiltrud im Schlafgewande noch einmal

an das Fenster und blickte in die warme Frühlingsnacht hinaus und zum

gestirnten Himmel empor. Sidonie gesellte sich zu ihr, schlang den Arm

um den weichen Körper der Freundin und sagte sich innig anschmiegend:

»Meinst wohl, du könntest auch in den Sternen lesen?«

»O, wenn ich das könnte, Sidonie!« erwiderte die andere begeistert.

»Sieh mal den einzelnen hellen Stern dort uns gerade gegenüber! kennst

du ihn? es ist Jupiter, und er soll viel, viel größer sein als unsere

Erde. Wie wohl die Menschen dort oben leben, und was sie dort tun und

treiben mögen?«

»Die Menschen auf dem Jupiter?« lachte Sidonie, »o du Schwärmerin!«

»Du wirst doch nicht glauben,« sprach Hiltrud, »daß unter den Millionen

Sternen, die im grenzenlosen Weltall schweben, unsere Erde der einzige

ist, der von lebenden Wesen bewohnt ist.«

»Darüber habe ich noch nie nachgedacht, denn es nützt nichts, wir

ergründen es doch nicht,« antwortete Sidonie.

»Und ich muß immer daran denken, wenn ich die Sterne so leuchten und

blinken sehe, wie jetzt,« sagte Hiltrud, »und dann ergreift mich

jedesmal eine tiefe Sehnsucht, die Geheimnisse der Sternenwelt zu

erforschen und zu wissen, ob die Menschen dort oben auch wie wir lieben

und leiden, hoffen und kämpfen, und was dort oben für schöne, fremde

Blumen blühen mögen, vielleicht auch viel größer, als hier auf der

Erde.«

»Und ob dort oben vielleicht auch zwei närrische Mädchen im weißen

Nachtkleid am dunklen Fenster stehen und zu uns herunterschauen --«

»Herunter? die müssen ebenso zu uns heraufschauen wie wir zu ihnen.«

»Nun also zu uns heraufschauen und flüstern und schwärmen und sich

sehnen, ohne zu wissen, wonach,« neckte Sidonie die Freundin, sie

fester an sich drückend.

»Das ist schon möglich,« versetzte Hiltrud; »ich möchte nur wissen, wie

sie aussehen, wie sie sprechen, und was sie denken und fühlen.«

»Vielleicht sind es wahre Ungeheuer von Riesinnen, soviel größer als

wir, wie der Jupiter größer als die Erde ist, und nun denke dir die

Händchen und das Mündchen! und wenn sie sprechen und lachen, ist's auch

soviele Male lauter und klingt wie Donnergetöse von den Riesenlippen.

Und dazu die Männer! hu! mir graust es vor deinen Jupitermenschen.«

»Du bist eine unverbesserliche Spötterin,« sagte Hiltrud, »kannst du

denn gar nicht ein bißchen schwärmen und mit sehenden Augen selig

träumen? Das ist doch so süß im Schleier der Nacht unter den goldenen

Sternen, die einem ins Herz hineinglühen und die ewige Sehnsucht

wecken.«

»Weißt du was, Liebchen? ich fühle jetzt etwas von der ewigen

Sehnsucht, zu schlafen. Komm ins Bett und überlaß es dem Sterngucker

auf seinem Turme, sich mit dem goldenen Gekribbel und Gekrabbel dort

oben zu unterhalten, ob es ihm auf seine Fragen Rede stehen will.«

Damit zog Sidonie die sich ungern Trennende vom Fenster fort, schloß

es, schob und hob Hiltrud, die sich alles gefallen ließ, in das große,

gemeinsame Bett und war dann mit einem Sprunge neben ihr.

»Was werden wir morgen zu hören bekommen vom Ausspruch der Sterne über

unser Schicksal!« sagte Hiltrud im Liegen.

»Wahrscheinlich sehr wenig,« erwiderte Sidonie und streckte sich,

daß das Bettgestell knarrte. Dann ward es still im Gemach. Zwei

blühende Mädchen schliefen Seite an Seite so sanft, wie nur Jugend und

Gesundheit auf Erden schlafen können. --

Frau Juliane erwachte am anderen Morgen sehr früh. Richilde lag mit

geröteten Wangen in dem Bett neben dem ihrigen noch in tiefem Schlafe.

Sie betrachtete mit mütterlichem Wohlgefallen die Schlummernde, wie

sich ihre jungfräuliche Brust in ruhigen Atemzügen hob und senkte, wie

die langen, dichten Wimpern die geschlossenen Augenlider umsäumten und

um die roten Lippen ein leises Lächeln spielte. Welch ein Traumbild

mochte die unschuldige Seele der Ruhenden jetzt umschweben? In wenigen

Stunden sollte sie die Zukunft dieses lieblichen Mädchens, ihres

einzigen Kindes, erfahren. Ihr bangte vor dem Ausspruch des fremden,

sternkundigen Mannes, und sie bereute fast, den Bitten der Ihrigen

nachgegeben und die Vorsehung durch ihr Eindringen in das Wissen

der Zukunft herausgefordert zu haben, eine Vermessenheit, für die

sie mit der beständigen, ruhelosen Furcht vor dem Eintreffen eines

vorausgesagten Unglücks schwer bestraft werden konnte. Aber diese Sorge

den jungen Mädchen zu gestehen und ihre Zusage zurückzunehmen, schämte

sie sich und wies endlich den Mangel an Mut, dem Künftigen fest ins

Auge zu sehen, als eine ihr nicht anstehende Schwäche von sich. Wie

sehr die erwachte Begierde nach der Kunde ihres eigenen Schicksals

sie in ihrer Beharrlichkeit bestärkte, darüber gab sie sich keine

Rechenschaft.

Diese Begierde wuchs mit der vorrückenden Zeit, und als Juliane,

nachdem sie sich mit Richilde vom Lager erhoben und angekleidet

hatte, ihr Wohngemach betrat, in dessen vier Wänden sie den Befund

der Horoskope erfahren sollte, geriet sie allmählich in eine solche

Erregung, daß sie den Augenblick der Enthüllung kaum erwarten konnte,

die sie schon im Voraus als etwas Untrügliches und Unumstößliches

hinzunehmen bereit war.

Beim Frühstück bemühte sie sich, den drei jungen Mädchen gegenüber

unbefangen zu erscheinen, aber diese merkten sehr bald, daß Frau

Juliane ebenso voll Unruhe war wie sie selber. Gleichwohl vermieden

es alle vier, den Gegenstand, der allen im Sinne lag, mit einem Worte

zu berühren, um durch dies Versteckenspielen eine Selbstbeherrschung

zu heucheln, die jeder Einzelnen von ihnen sehr schwer wurde. Die

Unterhaltung während des Mahles, bei dem man nur so tat, als genösse

man etwas, drehte sich um die gleichgültigsten Dinge, war aber eine

erzwungen heitere und lebhafte, damit keine Pause entstehen sollte,

die den in allen aufgespeicherten Zündstoff zum hellen Auflodern

gebracht hätte. Während ihnen das Herz bis an den Hals hinauf schlug,

beobachteten sie sich gegenseitig mit lauernden Blicken, ob nicht

einer von ihnen das Wort entschlüpfte, das jeder auf der vordersten

Zungenspitze saß.

Endlich brach Sidonie den ihr unerträglichen Bann, schlug mit der

Hand auf den Tisch und rief: »Das ist nicht auszuhalten! Sprecht doch

endlich einmal ein vernünftiges Wort von dem, was uns allen auf der

Seele brennt! Unsere Gedanken sind oben auf dem viereckigen Turm bei

dem bleichen Gaste, der jetzt unser Schicksal weiß. Binnen kurzem soll

sich für uns der Schleier der Zukunft lüften, und wir sitzen hier und

machen uns etwas vor, als wenn uns der Mann mit seinen Geheimnissen

nichts anginge. Mir stockt der Bissen im Munde vor Ungeduld und welcher

von euch anders zumute ist, die sage es, und dann glaube ich es ihr

nicht!«

Alle atmeten wie von einem Drucke befreit, erleichtert auf, und ein

helles, zustimmendes Lachen belohnte Sidoniens Entschlossenheit

und Aufrichtigkeit. Nun waren die Schleusen geöffnet; neckische

Andeutungen und gewagte Vermutungen über die künftigen Schicksale jeder

Einzelnen schwirrten am Tische kreuz und quer hinüber und herüber. Noch

einmal versuchten die Mädchen einen gemeinsamen Ansturm auf Julianens

Entschluß, den Bericht des Sterndeuters allein entgegennehmen zu

wollen; aber vergeblich. Juliane blieb unerbittlich. Sie erhob sich und

sagte: »Geht in den Zwinger und vertreibt euch die Zeit, so gut ihr

könnt, bis ich euch rufen lasse.«

Gegen diesen bestimmten Befehl war nichts zu machen. Seufzend fügten

sich die Mädchen und taten, wie ihnen geheißen war.

Petrissa kam und räumte ihnen den Tisch ab, und die Burgfrau gebot ihr,

zu dem Fremden im Turme zu gehen und ihm zu melden, daß sie ihn hier im

Palas erwarte.

Als Juliane allein war, schritt sie im Gemach auf und nieder, um sich

zu sammeln und ihrer Erregung Herr zu werden, und als Zachäus bald

darauf eintrat und ihr nun in kühl gemessener Ruhe gegenüberstand, da

fühlte sie sich selber durch den Anblick des ernsten, verschlossenen

Mannes wunderbar beruhigt; die Spannung ließ nach, und es kam etwas

wie Gleichmut über sie, als hätte sie nichts zu hoffen und nichts zu

fürchten.

Sie setzte sich in den Erker und sagte: »Nun erzählt mir, lieber

Meister Zachäus, was Ihr in den Sternen gelesen habt, und ich bitte

Euch, verschweigt mir nichts!«

»Ich habe Euch auch nichts zu verschweigen, hochedle Herrin,« erwiderte

der so freundlich Angeredete mit einem teilnehmenden Blick in das

Antlitz der schönen Frau; »die Sterne haben mir über Euch und die drei

jungen Fräulein nur Gutes und Günstiges anvertraut.«

»Nun also?«

»Gnädigste Frau, die Aspekten für Euch selbst sind derartig, daß ich

Euch eines langen und glücklichen Lebens versichern darf. Der Genius

Eurer Geburt ist Venus. In naher Zeit steht Euch die Erfüllung eines

lange gehegten Wunsches bevor. Weiterhin aber habt Ihr ein noch

größeres Glück zu gewärtigen; -- ich darf alles sagen? --«

»Alles! ich ersuchte Euch bereits darum.«

»Nun denn! -- Ihr werdet Euch bald wieder vermählen.«

»Herr Magister!« rief Juliane, dunkelrot im Gesicht, die Hand auf ihr

erschrockenes Herz drückend. »Ihr sagt das so bestimmt, -- und ich --

ich sehe nicht ab, -- ich bin aufs höchste überrascht. -- Ist das kein

Irrtum?«

»Nein, gnädige Frau! es ist kein Irrtum,« erwiderte Zachäus mit ruhiger

Sicherheit. »Aus alter Liebe und jungem Haß wird Euch neues Glück

erblühen.«

»Aus alter Liebe und jungem Haß, -- rätselhaft!« murmelte Juliane in

tiefen Gedanken vor sich hinstarrend. Dann schüttelte sie das Haupt und

sagte: »Sprecht deutlicher! Wer ist mir zum Gatten bestimmt?«

»Das eine kann ich nicht, das andere weiß ich nicht,« entgegnete

Zachäus. »Die Gestirne haben Herrschaft über unser Schicksal, aber sie

lassen sich nicht ausfragen. Von den großen Himmelshäusern steht für

Euch das Haus der Ehe obenan, aber in den Häusern der Freundschaft und

Feindschaft las ich für Euch die Warnung, daß Ihr, selber Witwe, Euch

vor Witwern hüten solltet.«

Juliane flüsterte etwas in sich hinein, was Zachäus nicht verstand.

Dieser fuhr daher fort: »Euer erster Gemahl starb eines jähen Todes,

doch nicht in einem Kampf und auch nicht in seinem Bett. So wurdet Ihr

unvermutet zur Witwe, und vielleicht hängt es damit zusammen, daß ein

Witwer Euch Unheil bringen würde.«

Juliane schwieg, und ihr Blick hing mit steigender Verwunderung an den

Lippen des Sprechenden, der wieder fortfuhr: »Das wäre alles, gnädige

Frau, was ich Euch zu sagen habe, wenn nicht noch ein bedeutsamer Wink,

der mit dem Schicksal Eurer Tochter in unmittelbarer Verbindung steht,

die größte Beachtung verdiente.«

»Und dieser Wink lautet?«

»Gebt Eurer Tochter Richilde zunächst einen Stiefvater und dann erst

einen Gatten!«

Die Schloßherrin lächelte: »Nun, Richilde ist noch jung; sie wird es so

eilig nicht haben.«

Das Recht der Hagestolze: Eine Heiratsgeschichte aus dem Neckartal · 第 5 / 24 段