sie oft zusammengekommen, und Ernst hatte sich schon früh zu Richilde,
Herrn Zeisolfs und Frau Julianens blondlockigem Töchterlein, lebhaft
hingezogen gefühlt, hatte mit ihr gespielt und gescherzt, ihr dann,
als sie den Kinderschuhen entwachsen war, in jugendlich feuriger Weise
den Hof gemacht und sie vor allen anderen Burgfräulein mit tausend
kleinen Aufmerksamkeiten, die sie sich gern von ihm gefallen ließ, so
augenscheinlich bevorzugt, daß man die beiden schon öfter miteinander
geneckt hatte. Dann war die Fehde ausgebrochen, und sie hatten sich
nicht wieder gesehen; aber Ernst hatte noch oft an seine junge Freundin
gedacht und sich manchmal nach ihrem lieblichen Anblick gesehnt.
Mit der Erinnerung an jene glückliche Zeit war er immer tiefer in
den Wald hineingekommen, als plötzlich aus der Ferne ein heller Laut
an sein Ohr schlug, der wie eine Menschenstimme klang. Er hielt und
lauschte; da hörte er es wieder und deutlicher als zuvor; es schienen
mehrere Stimmen zu sein, und wie ein fröhliches Gelächter durchschallte
es den schweigenden Forst. Er ritt langsam weiter, dem Klange nach, und
als er so nahe heran war, daß er die Stimmen, die ihm von Mädchenlippen
zu kommen schienen, zu unterscheiden vermochte und schon einzelne
Worte zu verstehen glaubte, stieg er ab, band sein Pferd an einen
jungen Baum und schlich vorsichtig zu Fuß dem Schauplatz der den Wald
durchdringenden Fröhlichkeit zu.
Im Gebüsch versteckt, genoß er nun eines Anblickes, der ihn mit so
großer Verwunderung erfüllte, daß er das Entdeckte für einen holden
Spuk zu halten geneigt war.
Mitten in der Krone einer mächtigen Buche sah er ein Mädchen, das sich,
wie er aus den gegenseitigen Zurufen von oben und unten schließen
mußte, vergeblich bemühte, von dem Baume wieder herunter zu kommen. Zu
seinem Ergötzen bemerkte er, wie die kräftige junge Schöne, die in
ziemlicher Höhe auf einem starken Zweige bald stand, bald kniete, öfter
den einen Fuß nach dem zunächst tieferen Zweige ausstreckte, um eine
Stütze daran zu finden, ohne daß ihr dies gelingen wollte.
Ernst hatte in seiner Kindheit viel von Feen erzählen hören. Allein
Feen waren doch zauberkundige Wesen, die schweben, fliegen und mit
mancherlei Gespannen durch die Lüfte fahren konnten; einer Fee konnte
es niemals begegnen, daß sie sich wie ein Junge, der Vogelnester
ausnehmen will, in einem Baume verstieg und nun in größter Verlegenheit
um das Herunterkommen war. Und der Feenglauben hatte bei Junker Ernst
schon längst keinen Grund und Boden mehr; darum zweifelte er auch nicht
daran, daß er hier rein menschliche Fräulein vor sich hatte, die zu
ihrem Vergnügen in den Bäumen herumkletterten. Zudem kam ihm die Stimme
in der Buchenkrone und eine von den beiden unten auf ebener Erde sehr
bekannt vor. Er schlich sich in gebückter Stellung noch näher heran,
und die drei jungen Baumnymphen waren von der heiterernsten Lage, in
der sie sich befanden, so vollkommen in Anspruch genommen, daß sie
nichts anderes um sich her sahen und hörten. Da erkannte der Junker in
der einen unten am Boden Fräulein Hiltrud von Erbach und in der oben
zwischen den Buchenzweigen Fräulein Sidonie von Hirschhorn. »Nun dann
wird ja wohl die dritte niemand anders sein als Fräulein Richilde von
der Minneburg,« sagte er sich; »o welch ein köstliches Abenteuer!«
Er mußte an sich halten, um nicht laut zu lachen und vor Freude hell
aufzujauchzen. Aber sofort sah er auch ein, daß er hier etwas Besseres
zu tun hatte, als zu lachen: er mußte zu Sidonie hinaufklettern und sie
herunterholen.
Auch mit ihr und Hiltrud war er von Kindheit an befreundet, mit
Sidonie sogar verwandt und traf mit beiden auf den väterlichen Burgen
öfter zusammen. Die erstere war drei, die andere vier Jahr älter als
Richilde, die ihm so prächtig aufgeblüht erschien, daß er sie kaum
wieder erkannte.
Er trat aus dem Gebüsch heraus und schritt auf die Buche zu, die
inmitten einer kleinen Lichtung stand. Als die beiden Mädchen hier ihn
erblickten, stießen sie einen Schrei aus und machten eine Bewegung,
als wollten sie davonlaufen. Aber Hiltrud hemmte den Schritt und rief:
»Ernst! Ernst Landschad! -- mein Gott, wie hast du mich erschreckt!«
Ernst grüßte höflich und sprach: »Verzeiht! ich hörte Stimmen im Walde
und ging dem Klange nach und -- was ist denn das?« unterbrach er sich
jäh und zeigte auf etwas am Boden Liegendes, die beiden Mädchen eines
nach dem andern mit fragenden, vorwurfsvollen Blicken ansehend.
Da auf dem Boden lag ein toter Reiher und daneben eine Armbrust.
»Ich habe ihn geschossen,« sagte Richilde selbstbewußt.
»Jetzt, in der Brutzeit?« frug Ernst.
Die beiden Mädchen schwiegen. Als er aber Richilden ins Gesicht
schaute, die in holder Verwirrung über den nicht verstandenen Sinn der
Frage errötete, da fühlte er sich von ihrer jungfräulichen Anmut und
Schönheit im tiefsten Herzen ergriffen, und in diesem Augenblick war es
ihm nicht möglich, ihr eine Strafpredigt über den zur Unzeit erlegten
Reiher zu halten.
In der Buchenkrone war es mäuschenstill, und als Ernst emporblickte,
sah er, wie Sidonie auf ihrem Zweige sich an den Stamm schmiegte und
im Laube zu verbergen suchte. Er lächelte und sagte: »Und was macht
Sidonie da oben auf dem Baume?«
»Der geschossene Reiher blieb beim Fallen in den Zweigen der Buche
hängen,« erwiderte Hiltrud, »und da ist Sidonie hinaufgestiegen, um ihn
herunter zu holen. Sie hat uns den Vogel herabgeworfen, aber nun --«
Sie stockte, als fehlten ihr die rechten Worte.
»Nun gefällt es ihr da oben in dem grünen Laubversteck so gut, daß sie
gar nicht wieder herunter will,« half ihr Ernst lachend ein. Die beiden
Mädchen blickten sich ängstlich an, er aber rief zum Wipfel hinauf:
»Komm nur herunter, Sidonie! ich habe dich schon gesehen.«
Oben blieb alles still, aber es war, als wenn ein Seufzer wie ein
leiser Lufthauch durch die Blätter ging. Ernst betrachtete sich die
Buche genauer und sann darüber nach, auf welche Weise Sidonie wohl
da oben hinauf gekommen sein mochte. Für einen Knaben wäre es ein
Leichtes, von einem Mädchen aber bezeugte das Kunststück nicht nur
kecken Wagemut, sondern auch Kraft und Geschicklichkeit. Die Zweige
des gewaltigen Baumes fingen schon tief unten am Stamme an; trotzdem
mußten die beiden Freundinnen Sidonien erst emporgehoben haben, damit
es ihr möglich wurde, den untersten Zweig zu erfassen und sich auf ihn
zu schwingen. Von dort höher hinauf zu klimmen, war verhältnismäßig
leicht, denn die Zweige waren so zahlreich und wuchsen so dicht
übereinander, daß man fast wie auf Leitersprossen weiter kommen konnte.
Nur dort, wo Sidonie sich jetzt befand, gab es weitere Abstände, die
wohl zu überwinden waren, wenn man sie vor sich hatte, die aber für den
Rückweg Schwierigkeiten boten. So saß denn die kühne Baumsteigerin dort
oben gefangen, wenn ihr von unten nicht Hilfe und Rettung kam.
»Ja, sitzen lassen können wir sie doch da oben nicht,« sagte Ernst. »Da
wird wohl nichts anderes übrig bleiben, als daß ich hinauf steige und
ihr herab helfe. Sidonie!« rief er hinauf, »soll ich kommen und dich
herunter holen?«
»Was frägst du denn noch? Könntest schon längst oben sein!« klang es
ungeduldig aus den Zweigen herab.
»Ei, ei, du fürwitzig Vöglein! singst ja ein trutzig Lied da oben
im Grünen,« gab er lachend zur Antwort. »Nun müßt ihr mich aber auf
euren Armen bis zu dem untersten Zweige hier emporheben, wie ihr es
jedenfalls auch mit Sidonie gemacht habt,« wandte er sich zutraulich an
die beiden Mädchen neben ihm.
Die blickten erst gegenseitig sich an und dann auf den hochgewachsenen,
stämmigen Jugendfreund, als überschlügen sie im stillen, ob ihre Kraft
wohl dazu ausreichen würde. Er erriet ihre Gedanken und sagte: »Nun,
viel schwerer als Sidonie bin ich auch nicht.«
Aber Hiltrud sprach: »Kannst du denn da nicht allein hinauf? wirst doch
springen können?«
»Springen? hm! ich weiß nicht,« entgegnete er, die Entfernung mit
den Augen messend, »aber ich denke es mir so lustig, sich einmal von
schönen Armen tragen zu lassen. Wollt ihr denn nicht?«
»Ich hätte dir mehr Gelenkigkeit zugetraut,« sagte Hiltrud.
Um ihr zu beweisen, daß sie sich nicht in ihm irrte, erfaßte er mit
einem mächtigen Satze den Zweig und schwang sich hinauf. »Sidonie!«
rief er dann, »der Befreier naht, die verwunschene Prinzessin zu
erlösen, aber ohne ein kräftiges Zaubermittel geht's dabei nicht ab!«
Flink kletterte er durch das Astwerk empor und hatte die Verstrickte
bald erreicht, während unten die beiden den Verlauf des Rettungswerkes
in herzklopfender Erregtheit abwarteten.
»Guten Morgen, liebe Sidonie!« sagte Ernst zu der Freundin und bot
ihr die Hand, in welche sie mit einem halb lustigen, halb verlegenen
Lächeln die ihrige legte, sich mit der anderen am Baume haltend.
»Schau, schau,« fuhr er gleich fort, sich auf den Ast setzend, auf
welchem sie stand, »wie hübsch sich's hier oben wohnt! Was meinst du,
wollen wir uns hier ein großes weiches Nest bauen? ich trage alles
Nötige herbei, und du hast es bloß zu flechten und auszufüttern.«
»Laß jetzt die Späße,« erwiderte sie, »und hilf mir so schnell wie
möglich herab.«
»Nur Geduld! so rasch geht das nicht,« lachte er. »Setze dich mal hier
neben mich auf den Ast; du siehst, er trägt uns beide.«
Das war nun freilich leichter gesagt als getan, und sie blickte ihn
ängstlich an.
»Nur Mut! stütze Dich auf meine Schulter; ich umfasse dich und lasse
dich ganz gewiß nicht herunter fallen, wenigstens nicht allein,« sprach
der durchtriebene Schelm.
Mit der einen Hand sich auf seine Schulter stützen, mit der andern
sich am Baume festhalten; wie nun die Kleider züchtig zusammenfassen?
dazu hatte sie keine dritte Hand verfügbar. Aber was half's? sie mußte
es eben machen, wie sie nicht anders konnte, und endlich saß sie,
purpurrot im Antlitz, neben ihm und suchte ihre verschobenen Kleider so
gut wie möglich zu ordnen.
»So! das ging ja; aber still sitzen mußt du!« rief er, »das Rutschen
und Hüpfen und Lüpfen kann der Ast doch am Ende nicht vertragen; ich
glaube, er knackt schon.«
»Um Gott!« schrie sie auf, »er wird doch nicht brechen?«
»Ich hoffe nicht,« sprach er ruhig, sie fester an sich drückend, als
eigentlich nötig war. »Jetzt wollen wir überlegen, wie wir glücklich
auf den nächsten Zweig unter uns kommen.«
»Du bleibst hier sitzen,« meinte sie, »und läßt mich langsam hinab, bis
ich Fuß fassen kann.«
»Nein, so geht es nicht,« erwiderte er. »Du bist viel zu schwer, als
daß ich dich im Sitzen hinablassen könnte; wie soll ich denn uns beide
halten im freien Schweben? Ich muß vorangehen, und du gleitest in
meinem Arme langsam an mir herunter.«
»Wirst du mich auch nicht fallen lassen?«
»Unbesorgt! ich halte dich sehr fest!«
So geschah es denn. Er stellte sich auf den niedrigeren Zweig; sie ließ
sich von oben in seinen umfangenden Arm hinein und glitt nun, fest an
ihren Retter geschmiegt und ihn umklammernd, langsam an ihm hinab, bis
sie, immer noch von ihm umschlungen, auf demselben Zweige mit ihm stand.
»Ach!« machte sie Atem holend, »laß uns ein wenig ausruhen, mir ist die
Luft vergangen.«
Bald kletterten sie weiter hinab, und von nun an war es ohne Gefahr.
Er breitete nur, vor ihr hinabsteigend, die Arme schützend um sie
aus, ohne sie noch festzuhalten, und lenkte mit der Hand ihren
Fuß auf die rechte Stelle, daß sie nicht fehltrat oder ausglitt,
denn die Buchenäste waren rund und glatt. Als sie endlich auf den
untersten Zweige saß, stand er schon auf dem Boden. Für sie war es zum
Hinabspringen zu hoch; er hielt ihr die Arme entgegen, und sie besann
sich nicht lange und sprang lachend hinein. Er fing sie auf und drehte
tanzend sich ein paarmal mit ihr rund um, ehe er sie auf ihre eigenen
Füße stellte.
»So! gerettet wärst du! was krieg' ich nun?« sprach er.
»Tausend Dank, mein tapferer Befreier!« sagte sie mit hochwallender
Brust und glühendem Antlitz. Mehr konnte sie nicht sprechen; sie
zitterte an allen Gliedern und mußte sich auf den Rasen setzen. Die
beiden Freundinnen setzten sich zu ihr.
»Nun, so will ich die Erinnerung an das lustige Abenteuer als meinen
Lohn betrachten,« erwiderte er, sich den drei Huldinnen gegenüber
gleichfalls niederlassend.
Da reichte ihm Sidonie die Hand und sprach: »Aber eine Bitte habe ich
noch, Ernst! Das Abenteuer bleibt unter uns! nicht wahr? Versprich es
mir!«
»Das versteht sich!« erwiderte er mit sanftem Händedruck,
»unverbrüchlich gelob' ich's! Das heißt,« fügte er schnell hinzu, »das
Abenteuer auf dem Baume! denn über den da habe ich noch ein Wörtlein
mit euch dreien zu reden.« Dabei wies er nach dem erlegten Reiher.
Sie blickten ihn fragend an. Er aber fuhr fort: »Ihr habt hier
doppelten Jagdfrevel verübt, meine edlen Fräulein! Daß ihr wider alles
Waidrecht den Reiher während der Brutzeit geschossen habt, mag euch
ungestraft hingehen, weil ihr's vermutlich nicht gewußt habt, daß man
die Vögel dann schont.«
»Das haben wir freilich nicht gewußt,« sagte Hiltrud von Erbach, »und
mir tut es jetzt leid um das schöne Tier.«
»Mir auch,« stimmte Richilde leise zu.
»Gut, das will ich gern annehmen,« sprach er. »Aber weiter! Ihr habt
hier in einem fremden Forste gejagt, in welchem euch der Wildbann nicht
zusteht. Dieser Wald gehört meinem Vater und dessen Brüdern. Wußtet ihr
das vielleicht auch nicht?« Er richtete die Frage zumeist an Richilde,
die er dabei streng anzublicken versuchte. Allein in seinen Augen
funkelte etwas Schalkhaftes, und seinen Ton durchzitterte ein ganz
anderes Gefühl, als Unmut und richterliche Strenge.
»Darin irrt Ihr Euch, Junker Ernst!« fuhr Richilde nun auf. »Dieser
Wald gehört zur Minneburg und ist den Herren von Steinach nur
verpfändet, und vom Wildbann wissen wir nichts. Wir kamen her, um
Eichhörnchen zu schießen, die den Singvögeln die Nester zerstören. Da
sahen wir in der Buche hier einen Reiher sitzen, und ich schoß den
Vogel, weil ich seine schönen, weißen Federn liebe.«
»Das glaub' ich Euch, Fräulein! ich liebe sie auch,« entgegnete er.
»Aber wer sich mit der Armbrust auf fremdem Jagdgebiet betreten läßt,
ist schwerer Buße verfallen.«
»Ei so gebt uns doch den Wald wieder heraus!« rief sie. »Wir hätten ihn
schon längst gern wieder eingelöst; das ist ein Lieblingswunsch meiner
Mutter, den sie schon oft gegen mich geäußert hat.«
»So? hat sie das wirklich?« sprach er nachdenklich. »Nun, dazu kann ja
wohl Rat werden; aber so lange dieser Wunsch Eurer edlen Mutter nicht
erfüllt ist, so lange ist es Jagdfrevel, wenn Ihr hier etwas schießt,
und ich muß Euch dafür in Pfand nehmen.«
»Aber Ernst!« sagte Sidonie, »ein Reiher ist doch kein Hirsch von
zwanzig Enden.«
»Freilich nicht,« erwiderte er, »ein Reiher ist aber auch ein jagdbar
Tier, und ich will ja Fräulein Richilde nicht gleich die Hand abhauen,
mit der sie die Armbrust spannte, aber ein Pfand muß sie mir geben zum
Zeugnis des Ertapptseins oder auch nur zum freundlichen Gedächtnis an
diese Stunde.«
»Und wenn ich mich dessen weigere?« frug Richilde neckisch.
»Dann nehme ich Euch die Armbrust fort,« lächelte er; aber er merkte
schon, daß sie gar nicht abgeneigt war, sein Begehr zu erfüllen. Der
mannhafte Junker mit dem freimütigen Ausdruck in den wohlgeformten
Zügen, der ihre Freundin Sidonie auf so ritterliche Weise aus einer
peinlichen Lage befreit hatte, gefiel ihr noch weit mehr als der
halbwüchsige Jüngling früherer Jahre, der mit ihr getändelt und
ihr gehuldigt hatte, und dem ihr junges Herz schon damals heimlich
entgegenschlug. Aber seit dem Ausbruch des Streites zwischen ihren
und seinen Eltern war er ihr aus den Augen gekommen, wie sie ihm, und
nun wagten sie beide nicht, sich noch Du zu nennen, wie sie es früher
getan hatten. Dies bedauerte Richilde im stillen und beneidete ihre
Freundinnen, die mit dem Gespielen auf so vertraulichem Fuße geblieben
waren.
Sie griff in die Tasche, die ihr am Kleide hing, und holte einen
blinkenden Gegenstand daraus hervor. »Wollt Ihr diese Rinke haben?«
lächelte sie, »für meinen Gürtel ist sie etwas zu breit; für den
Eurigen wird sie gerade passen.« Es war eine kostbare Schnalle von
Silber, mit Rubinen besetzt.
Dankend nahm er das Kleinod aus ihrer Hand. »Zu Eurem Angedenken werde
ich sie tragen und stets in Ehren halten, Fräulein Richilde!« sprach er
hocherfreut.
Jetzt erhob sich Sidonie, schritt zu dem toten Reiher, zog ihm drei
seiner langen, glänzend weißen Rückenfedern aus und sagte: »Gib mir
einmal deinen Hut, Ernst!« Er gab ihn ihr, und sie befestigte den
stolzen Federschmuck daran. »So! da hast du auch ein Andenken an mich!
Richilde hat den Reiher zwar geschossen, aber ich habe ihn doch aus dem
Baume heruntergeholt, und nachher hast du mich wieder heruntergeholt;
das sei dir unvergessen!«
Auch ihr dankte er für die prunkende Zier an seinem Hute. »Aber nun ist
es hohe Zeit, daß ich Urlaub nehme,« sprach er dann; »ich muß noch zu
deinem Vater, Sidonie. Soll ich deine Frau Großmutter von dir grüßen?
-- Sidonie, wenn die dich vorhin in der Buche gesehen hätte!«
»Entsetzlicher Gedanke!« lachte sie. »Spare den Gruß lieber und sage
ihr nichts von unserer Begegnung.«
»Wollt Ihr zu Fuß nach Zwingenberg?« frug Richilde.
»Nein, Fräulein,« erwiderte er. »Nicht weit von hier band ich mein
Rößlein an einen Baum, als ich eure Stimmen hörte und mich überzeugen
wollte, was hier in unserem -- in Eurem,« verbesserte er sich lächelnd
-- »Walde spukte.«
»Mußtet Ihr denn dazu vom Pferde steigen?« bemerkte sie schelmisch.
»Ich wollte die munteren, jauchzenden Wesen in ihren versteckten
Freuden beschleichen und beobachten,« erwiderte er, »denn ich dachte,
es wären Waldnymphen, die sich heimlich hier -- tummelten!«
»Die Waldnymphen werden dich jetzt zu deinem Rosse geleiten; kommt!«
rief Hiltrud.
Sie machten sich, von ihm geführt, auf den Weg und gingen fröhlich
plaudernd im Walde dahin. Hiltrud bückte sich öfter nach einer Blume,
band ein Sträußchen und steckte es dem Jugendfreunde eigenhändig vorn
an das Wams. »Damit du auch von mir nicht leer ausgehst!« sagte sie;
»wenn sie verwelkt sind, wirf sie weg!«
»Werde mich hüten! -- da steht ja mein Brauner!« rief er, als er seines
Pferdes ansichtig wurde.
Sie schritten darauf zu, und während er den Zügel vom Baume löste,
umstanden es die Mädchen, betrachteten es wie mit Kenneraugen und
lobten und streichelten das mutige Tier. Richilde klopfte ihm zärtlich
den Hals und wandte fortan den Blick nicht mehr von Ernst, als er
sich aufgeschwungen hatte und mit ritterlichem Anstand im Sattel saß.
Er reichte mit freundlichen Abschiedsworten jeder die Hand, zuletzt
Richilden, die er dafür desto länger festhielt. Dann ritt er grüßend
ab und war bald hinter Busch und Baum den Blicken der Nachschauenden
entschwunden.
Die Mädchen begaben sich zu der Buche zurück, und sich die Armbrust am
Riemen über den Rücken hängend sagte Richilde: »Laßt uns nach Hause
gehen, daß wir die Mittagszeit nicht versäumen.«
Hiltrud nahm den Reiher, und so gingen sie in der Richtung, wo die
Minneburg lag.
Richilde war unterwegs wortkarg und in sich gekehrt, aber schwerlich
fühlte sie Reue über den verübten Jagdfrevel, denn sie lächelte
zuweilen still und verstohlen.
Auch Ernst kam während seines einsamen Rittes das ergötzliche Abenteuer
mit den drei schönen Burgfräulein nicht aus dem Sinn, und er pries den
Einfall, Frau Julianens verpfändeten Wald zu besuchen, als einen sehr
glücklichen. Auch er gedachte noch einmal der lustigen Einzelheiten
bei seinem Rettungswerke in der großen Buche, das mit der schlank
gewachsenen, aber voll und kräftig gebauten Sidonie wahrlich kein
leichtes Stück gewesen war. Am lebendigsten aber stand ihm Richildens
holdselige Erscheinung vor Augen; wiederholt rief er sich die wenigen
Worte, die sie zu ihm gesprochen, in das Gedächtnis zurück und beklagte
das Zerwürfnis ihrer Mutter mit seiner Familie, das allen Verkehr
unter ihnen abgeschnitten hatte, und dem er, wenn er könnte, gern ein
versöhnendes Ende machte.
Kurz vor Mittag traf er auf Burg Zwingenberg ein und richtete seine
Botschaft an Herrn Engelhard von Hirschhorn aus, konnte ihm aber über
den Zweck der gemeinsamen Beratung keine Auskunft geben.
»Ja, was geht denn bei euch vor?« frug Herr Engelhard, »sollen wir in
Wehr und Waffen kommen, gerüstet und schlagfertig?«
»Weiß ich auch nicht!« gab Ernst, verdrossen über seinen
unverschuldeten Mangel an Kenntnis der Sachlage, dem Ritter zur Antwort.
Bei dem Mittagsmahle der Familie an welchem Ernst auf die Einladung
seiner Wirte teilnahm, kam das Gespräch auch auf Sidonie. Ihre
Großmutter, Frau Margarete von Handschuchsheim, frug Herrn Engelhard
mit spitzem Tone, wobei sich die Falten ihres bleichen, scharf
geschnittenen Gesichts zwischen den Augenbrauen und an den Nasenflügeln
merklich vertieften, wie lange er seine Tochter noch auf der Minneburg
zu lassen gedächte.
»So lange es ihr dort gefällt,« gab Engelhard seiner Schwiegermutter
kurz und bestimmt zur Antwort.
»Da werden wir sie wohl etwas verwildert wiederbekommen,« bemerkte die
Dame mit herausfordernder Miene.
»Wieso, Frau Schwieger?«
»Nun, man weiß ja, wie es auf der Burg der Minne bei den lustigen
Damen, die dort hausen, zugeht.«
»Was wißt Ihr davon?« frug Engelhard gereizt.
»Gesehen hab' ich's nicht, aber desto mehr davon gehört, mit welch
übermütigen Ergötzungen sie sich die Zeit vertreiben,« erwiderte sie.
»Wollt Ihr denn niemals der Jugend ihr Recht gönnen?« fuhr er barsch
heraus.
»Ihr Recht!« wiederholte sie mit einem stechenden Blick, »Ihr wißt
wohl, Herr Sohn, daß unsere Meinungen über Recht und Unrecht weit
auseinander gehen.«
»Gott sei gelobt, ja, das tun sie!« lachte der Ritter, »und meine
Tochter ist nicht dazu angelegt, eine Nonne zu werden.«
»Aber Zucht und Sitte muß sie lernen,« eiferte Frau Margarete mit
steigender Heftigkeit, »und die werde ich ihr beibringen, wenn es kein
anderer tut und sie just nicht das beste Beispiel vor Augen hat.«
»Meint Ihr damit mich oder Julianen?« frug er mit behaglichem Spott.
»Nehmt's nach Belieben, Herr Sohn!« entgegnete sie wegwerfend.
»So will ich Euch sagen, Frau Schwieger,« brauste der Ritter auf,
»daß ich meine Kinder auch nach meinem Belieben erziehe und nicht
nach dem Euren. Und wenn die Mädchen auf der Minneburg den ganzen Tag
von früh bis spät singen und springen, reiten, schießen und fechten
und meinetwegen auf die Bäume klettern und sich die Kirschen selber
pflücken, -- mir soll's recht sein. Was sagst du, Ernst?« wandte er
sich zu diesem, »möchtest du einmal eine Frau haben, die besser spinnen
als reiten kann? Dazu rate ich dir nicht; lieber zu toll, als zu fromm!«
»Tugendhafte Grundsätze!« bemerkte Margarete mit einem höhnischen Zug
um den Mund.
Ernst hätte fast laut aufgelacht, als der Ritter von ›auf die Bäume
klettern‹ sprach; aber er faßte sich und erwiderte höflich: »Lieber
Oheim, du bist mir in allen ritterlichen Dingen ein so treffliches
Vorbild, daß ich mich stets bemühen werde, deinem guten Rate zu folgen.«
Ein böser Blick Margaretens strafte ihn für diese Kühnheit. Aber
Engelhard klopfte ihn auf die Schulter und fügte: »Recht so, mein
Flaumbart! dabei wirst du allezeit gut fahren!«
Frau Anna, des Ritters Gemahlin, der das Wortgefecht zwischen diesem
und ihrer herrschsüchtigen Mutter in Ernsts Gegenwart außerordentlich
peinlich gewesen war, benutzte den Abschluß desselben, die
Unterhaltung auf einen anderen Gegenstand zu lenken, was ihr auch
unschwer gelang. Bald darauf erhob man sich vom Tische, und nach einem
kurzen Verweilen noch empfahl sich Ernst.
Er ritt nach der Burg Stolzeneck, traf aber hier Herrn Albrecht von
Erlickheim nicht zu Hause und erfuhr, daß dieser auch morgen noch nicht
zurück sein würde und daher an der Zusammenkunft auf der Mittelburg
nicht teilnehmen könnte. Ernst machte sich ohne Verzug auf den Heimweg
und war gegen Abend wieder auf der väterlichen Burg, sehr befriedigt
von dem Verlauf dieses Tages.