Anmerkungen zur Transkription
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_AUSGABE FÜR DIE_
DEUTSCHE BUCH-GEMEINSCHAFT G.M.B.H. BERLIN
Julius Wolff
Sämtliche Werke
Vierter Band
Das Recht der Hagestolze
1. Abteilung: Romane (Band 1--3)
Das Recht der Hagestolze
Eine Heiratsgeschichte aus dem
Neckartal
von
Julius Wolff
*
Mit Bildern
von
K. Storch
[Illustration]
Paul List Verlag Leipzig
Alle Rechte vorbehalten
~Copyright 1912 by Paul List, Leipzig~
Druck von Dr. Trenkler & Co. in Leipzig
Das Recht der Hagestolze
Erstes Kapitel.
Es war in der bereits stark vorgeschrittenen Dämmerung eines warmen
Frühlingsabends im Jahre 1397, als ein einsam daherkommender Mönch über
die Neckarbrücke zu Heidelberg auf das Stadttor zuschritt. Seine hohe
Gestalt war von der braunen Kutte verhüllt und die Kapuze so tief über
das gebeugte Haupt gezogen, daß auch von seinem Gesichte nichts zu
sehen war. Er hielt die Arme dicht an den Leib geschmiegt und die Hände
davor gefalten, und sein Gang hatte etwas Unsicheres, Schwankendes, als
wenn er, dessen ungewohnt auf den Zehen schliche. Ob er auf Sandalen
oder in Schuhen ging, war nicht zu erkennen, denn auch die Füße waren
vom Gewande bedeckt.
Das Tor war noch offen, aber der Torwart trat just aus der Wachtstube,
um es zu schließen, als der Mönch hindurchschritt. Der Wächter maß
den Ankömmling mit einem mißtrauischen Blick und schien eben eine
Frage an ihn richten zu wollen, als der Mönch die Rechte erhob und das
Zeichen des Kreuzes über den andern machte. Aber die Bewegung fiel
etwas ungeschickt, fast ungeschlacht aus; die Hand holte in den sich
schneidenden Richtungen von oben nach unten und von rechts nach links
so hoch und weit aus, als wollte sie den sündigen Laien statt mit dem
heiligen Segenszeichen mit ein paar derben Schlägen bedenken, die
glücklicherweise nicht dessen Scheitel und Wange trafen, sondern ohne
Widerstand zu finden durch die Luft fuhren. Der Wächter unterdrückte
seine Frage, und auch der Mönch blieb stumm und schritt eilig die Gasse
entlang zur Stadt hinein. Ihm nachblickend schüttelte der Torwart das
Haupt und brummte: »Der ehrwürdige Bruder scheint beim Segenerteilen
eine recht kräftige Faust zu führen. Was mag er bei Nacht hier in
der Stadt zu suchen haben? Denn ein Heidelberger Franziskaner war es
nicht; hätte ihn doch fragen sollen!« Damit hatte der Mann die schweren
Torflügel geschlossen und schob nun die eisernen Riegel vor. Dann warf
er noch einen Blick zum Himmel empor auf die grauen, schnellziehenden
Wolken und begab sich wieder in das Wachthäuschen.
In der engen, schon ziemlich dunklen Gasse war die Haltung und Bewegung
des Mönches eine ganz andere als vorher beim Durchschreiten des Tores.
Seine Gestalt reckte sich, er trug das Haupt hoch und gerade, bewegte
die Arme frei an der Seite, und seine Schritte waren fest und weit.
Nur wenige Menschen begegneten ihm, vor denen er es, zumal bei dem
spärlichen Lichte, vielleicht nicht der Mühe wert hielt, klösterliche
Demut zur Schau zu tragen.
Jetzt kam ihm mit lautem Scherzen und Lachen ein Trupp Studenten
entgegen, die paarweise in kleinen Abständen voneinander gingen. Als
der Mönch an dem ersten Paar vorüber kam, blieb einer der beiden
Studenten stehen, wandte sich um und sagte zu dem andern: »Hast du's
gehört, Mutz? der Glatzkopf hatte einen Schritt, als trüge er Sporen an
den Sandalen.«
»Dummes Zeug! Sporen!« erwiderte sein Genosse, »wird wohl der Teufel
gewesen sein, und du hast seinen Pferdehuf trappen hören.«
Lachend gingen sie weiter. Von den zuletzt kommenden Studenten, die zu
vieren in einer Reihe schritten, stieß einer, ein großer, stämmiger
Gesell, hart gegen den Franziskaner und lachte: »Holla, ~mi frater~!
hast du Schultern aus Eichenholz?«
Ein anderer aber fuhr den Mönch heftig an: »Aus dem Wege, Fledermaus!
sonst klatsche ich dich an die Wand, daß du kleben bleibst!«
Mit fester, rauher Stimme, fast drohend entgegnete der Gestellte: »~Pax
vobiscum!~« und setzte Raum gebend und weiterschreitend halblaut hinzu:
»Oder ein Kreuzhageldonnerschlag soll euch in die Kniekehlen fahren!«
»Was will das Murmeltier?« riefen die Studenten; »kommt, laßt uns ihm
die Kutte ausklopfen!«
Einen Augenblick schien es, als wollte der Mönch stehen bleiben und
sich zu den Angreifern umwenden; doch er besann sich und machte
sich eilends davon. Auch die Studenten gingen auf die besänftigende
Aufforderung eines der Ihrigen lachend und spottend ihres Weges.
»Hätt' ich euch Grünschnäbel nur gleich draußen vor dem Tore!«
knirschte der Verhüllte und ballte die Faust. An dem Kreuzungspunkt
zweier Straßen blieb er unschlüssig stehen, bis eine Frau daher kam,
die er mit seinem mildesten Tone frug: »Könnt Ihr mir nicht sagen,
liebe Frau, wo der ehrsame, hochgelahrte Magister Doktor Christoph
Wiederhold wohnt?«
»Recht gern, ehrwürdiger Vater!« erwiderte die Frau, »Ihr müßt hier
fremd sein, denn den Doktor Wiederhold kennt jedes Kind in Heidelberg.
Geht nur hier rechts die Gasse hinauf, da ist's das fünfte, sechste,
nein, das siebente Haus. Der eiserne Türklopfer ist ein Hund mit drei
Köpfen; Ihr könnt's mit der Hand fühlen, wenn Ihr's nicht mehr sehen
könnt.«
»Dank Euch, liebe Frau!« sprach der Kuttenträger und schritt in die
Gasse hinein, während die Frau noch eine Weile stehen blieb und ihm
verwundert nachschaute, bis er im Dunkel verschwand. Das Zeichen des
Kreuzes über der Dienstwilligen zu machen, hatte der ehrwürdige Bruder
Franziskaner diesmal vergessen.
Bald fand er das gesuchte Haus und setzte den ihm bezeichneten
Türklopfer in laut schallende Bewegung. Eine Magd öffnete und führte
den friedlichen Gottesmann ohne Zögern und Bedenken die Treppe hinauf
zu dem Hausherrn.
Der Herr Magister ~Doctor juris~ Christoph Wiederhold saß in seiner
Studierstube an einem Tische, auf dem eine Öllampe brannte, über
Schriften und Pergamente gebeugt und blickte ob des seltsamen Besuches
in so später Stunde verwundert auf. Da mitten in dem niedrigen
Gemache stand, beim matten Dämmerschein der Lampe fast gespenstisch
anzuschauen, eine hohe, ganz vermummte Gestalt, die ohne ein Wort zu
sprechen, zwei funkelnde Augen unter der Kapuze hervor fest auf ihn
gerichtet hielt. Dem kleinen, schmächtigen Manne ward unheimlich zumut,
und zaghaft klang seine Frage: »Womit kann ich Euch dienen, ehrwürdiger
Bruder?«
»Wer Rat und Vertrauen heischt, soll auch Vertrauen entgegenbringen.
Ich bin kein Mönch, wenn ich auch Grund und Ursach zu dem Wunsche
habe, in den Straßen dieser Stadt für nichts anderes, als einen
Mönch gehalten zu werden.« So sprach der Fremde mit tieftönender
Stimme, schlug die Kapuze zurück und enthüllte dem nun noch mehr
erstaunten Gelehrten ein ernstes, stolzblickendes Antlitz und ein
hochgetragenes, bart- und haarumwalltes Haupt, das mit einer blinkenden
Stahlhaube bedeckt war. »Ich komme, hochachtbarer Herr Magister,«
fuhr er dann fort, »Euch um Euren gelehrten Rat in einer wichtigen
Familienangelegenheit zu ersuchen.«
»Nehmt Platz, edler Herr!« erwiderte der Doktor und deutete auf einen
zweiten Stuhl, der seinem eigenen Sitze gegenüber stand.
»Meinen Namen möcht' ich Euch verschweigen, denn er tut nichts zur
Sache, und es ist fast nur eine Frage, die ich Euch vorzulegen habe,
und um die sich alles dreht, was mir zu wissen not tut,« sagte der
Unbekannte.
Der Doktor nickte und schaute, bequem in seinem hohen Stuhle sitzend,
den Ellenbogen auf der Armlehne und das Kinn zwischen Daumen und
Zeigefinger, mit gespannter Aufmerksamkeit dem Sprechenden ins Antlitz,
der sogleich fortfuhr: »Meine Frage ist diese: Gibt es ein Recht, ein
Gesetz, wonach der Landesfürst einen Anspruch auf das Erbe, auf die
Hinterlassenschaft an Hab und Gut eines losledigen, unverheirateten
Mannes hat?«
[Illustration: »Hier steht es,« sagte er dann, mit dem Finger auf das
Blatt zeigend.]
»Ihr meint das ~jus misogamorum~, das Recht der Hagestolze, das man
eigentlich das Recht des Fürsten auf das Erbe der Hagestolze nennen
sollte,« erwiderte ohne langes Besinnen der Gelehrte. »Allerdings,
Herr, solch ein Recht gibt es, und ich kann Euch darüber alle Auskunft
erteilen, die Ihr wünschen möget.« Darauf erhob er sich, kramte in
einem Schranke unter seinen Schriften und fand bald ein Heft heraus,
das er vor sich auf den Tisch legte, darin blätternd und suchend.
»Hier steht es,« sagte er dann, mit dem Finger auf das Blatt zeigend:
»~misogamus amittit jus et potestatem testandi~, ein Hagestolz verliert
sein Erblassungsrecht und muß sein Gut der Obrigkeit des Ortes, wo
er sein ~domicilium~ hat, überlassen, vermag also nicht durch ein
~testamentum~ oder anderen letzten Willen seine Güter weder an seine
Blutsfreunde noch an andere Leute zu verordnen und zu vermachen.«
»Hm! hm!« stieß der Fremde hervor; »läßt sich daran nichts drehen und
wenden?«
Der Doktor schüttelte den Kopf und sprach bald frei aus dem Gedächtnis,
bald ablesend: »Was der ~defunctus~ verläßt, nimmt der ~fiscus~ hin,
auch wenn ersterer sein Hab und Gut ganz oder teilweise bei Lebzeiten
verkauft und das Geld an sich genommen hat. Denn so man erfahren kann,
daß der bald sterbende Hagestolz ~in fraudem fisci~ von seinen Gütern
oder Barschaften anderswohin verschafft, muß solches hinwiederum ~ad
locum domicilii~ und wo er gehauset und verstorben, angeschafft werden.
Indessen hat solche ~confiscatio~ gemeiniglich nicht statt in allen
Gütern des Hagestolzen, sondern nur in seinen wohlgewonnenen Gütern,
die er selber in seinem Stande, Nahrung, Getrieb und Arbeit erworben,
ersparet und erübrigt hat, nicht aber in seinen Erb- oder Stammgütern,
wie auch nicht in seinen Lehngütern.«
»Aha! das klingt schon besser!« sagte der Gast.
»Ja, so steht es geschrieben,« erwiderte der Doktor, »aber, edler
Herr, das Recht wird verschieden ausgelegt und gehandhabt, und es ist
hierzulande schon vorgekommen, daß auch das Erbgut eines verstorbenen
Hagestolzen eingezogen worden ist. Sollte es Euch nebenbei ganz
unbekannt sein, daß unser gnädigster Kurfürst, Pfalzgraf Ruprecht der
Zweite, ein sehr starkes Begehren nach Landbesitz hat und deshalb ~per
fas et nefas~ --«
»Das weiß ich vielleicht besser, als Ihr, achtbarer Herr Doktor!«
unterbrach ihn der andere mit einem eigentümlichen Lächeln. »Was
ist aber nun Euer Rat, um solche schmähliche ~confiscatio~ zu
verhindern?«
»Wenn Euer Freund -- oder seid Ihr es selbst?«
»Nein, mein Bruder ist es.«
»Wenn also Euer Bruder das Zeitliche segnet, will sagen, mit Tode
abgeht, so beerbt ihn der ~fiscus~; daran ist nichts zu ändern, edler
Herr. Ist er schwer krank?«
»O bewahre! er steht, Gott sei Dank! auf zwei sehr gesunden Füßen.«
»Wie alt ist er denn schon?«
»Neunundvierzig Jahr.«
»Neunundvierzig erst? noch nicht fünfzig?« rief der Doktor lebhaft,
»nun, dann ist ja noch nichts verloren und verdorben! Denn wisset,
edler Herr, das Hagestolzenrecht gewinnt erst Kraft und Gültigkeit,
wenn der Erblasser fünfzig Jahr drei Monat und zwei Tage alt ist.«
»Das ist mir auch gesagt worden, aber was hilft's?«
»Euer Bruder muß heiraten!«
»Heiraten!« lachte der Gast, »der und heiraten!«
»Ja, wenn er nach Überschreitung vorgemeldeter Altersgrenze als lediger
Mann stirbt, so ist sein Hab und Gut rettungslos für Euch verloren. Er
kann sich aber auch noch später beweiben, und wenn er sich dann auch
keiner Nachkommenschaft mehr erfreuen sollte, so beerben ihn doch seine
nächsten Blutsverwandten und nicht der Pfalzgraf.«
»Seid Ihr dessen sicher und gewiß?«
»Ohne allen Zweifel und Irrung!«
Der Fremde stand auf, machte nachdenklich in dem kleinen Gemach ein
paar klirrende Schritte auf und ab, zog dann ein Ledersäckchen unter
der Kutte hervor und legte zwei blanke Goldgulden auf den Tisch: »Ich
sage Euch allen schuldigen Dank, Herr Doktor Christoph Wiederhold!«
sprach er dann, »gehabt Euch wohl!« Und die Kapuze wieder über den Kopf
ziehend, schritt er zur Tür hinaus, es gern zulassend, daß ihm der
Magister mit der Lampe zur Treppe hinunter leuchtete und selber die
Haustür aufschloß.
Mißmutig und so schnell es die fast völlige Dunkelheit erlaubte,
eilte der Vermummte dem Tore zu und klopfte den Wächter heraus.
Dieser kam mit den Schlüsseln aus seinem Stübchen und beleuchtete den
Auslaßfordernden mit einer mattbrennenden Hornlaterne. »Ach, Ihr seid
es, ehrwürdiger Bruder! Nun, habt Ihr Euer Geschäft in unserer guten
Stadt zu Eurer Zufriedenheit zu Ende gebracht?« frug er in Erwartung
eines guten Schließpfennigs mit unterwürfigem Tone, während er das
Schlüsselloch der kleinen Nachtpforte suchte, die sich für Fußgänger in
dem großen Torflügel öffnen ließ.
»Was schiert dich meine Zufriedenheit?« fuhr ihn der Mönch an, »ich bin
nicht in der Laune, dir Rede zu stehen. Vorwärts! Tür auf! oder ein
Kreuzhageldonnerschlag soll dir --«
»-- in die Kniekehlen fahren!« fiel ihm der Wächter lachend ins Wort,
indem er das Pförtchen aufsperrte. »Das Sprüchlein kenn' ich, Herr
Bligger Landschad von Steinach!«
»Woher, du Schuft?«
»Von manchem Fuhrmann hab' ich's gelernt, dem Ihr die Fracht unterwegs
ohne seinen Dank erleichtert habt, Herr Ritter!« entgegnete der Wächter
trotzig.
»Dir geb' ich noch was zu!« sprach der also Gehöhnte, und der Wächter
fühlte einen Faustschlag im Nacken, daß er taumelte, während der andere
durch die Pforte ins Freie entwich.
Kaum aber war der Ritter auf der Brücke, auf die aus den zerreißenden
Wolken etwas helleres Licht fiel, als er hinter sich den lauten
Notruf des Wächters vernahm, den dieser auf seinem Horne blies. Er
beschleunigte seine Schritte und streifte im Gehen die Mönchskutte
ab, sie über den Arm hängend. Im Panzerhemd, das er trug, konnte er
nun freier und rascher ausschreiten und tat dies auch, die linke Hand
am Schwertgriff. Jetzt ließ er einen gellenden Pfiff auf dem Finger
erschallen, worauf aus nicht zu großer Entfernung derselbe Ton als
Antwort klang. Dann näherte sich schnell doppelter Hufschlag, und bald
hielt ein gleichfalls gepanzerter und bewehrter Reiter vor ihm, der
noch ein leeres Pferd am Zügel führte.
»Nun, wie steht's?« frug der Reiter.
»Er muß heiraten, anders kein Ausweg!« erwiderte Herr Bligger, während
er sich in den Sattel schwang. »Aber jetzt vorwärts! Der Torwart hat
mich erkannt und schlägt Lärm; wir werden sie bald hinter uns haben,
und da kommt schon der Mond hervor.«
Die Reiter gaben ihren Rossen die Sporen und preschten die Straße
stromaufwärts am Neckarufer dahin. --
Der Torwart hatte sich nicht geirrt und den scheinbaren Mönch bei
seinem rechten Namen genannt, der in Heidelberg sehr wohl bekannt war,
aber nicht sonderlich gut angeschrieben stand, was der Träger dieses
Namens auch ganz genau wußte.
Die Herren von Steinach waren ein ritterliches Geschlecht, dessen
Ursprung zwar, wie der so vieler Adelsgeschlechter, in Dunkel gehüllt
war, von dem aber schon Urkunden aus der ersten Hälfte des zwölften
Jahrhunderts reden. Sie genossen eines weit verbreiteten Ansehens,
erfreuten sich eines großen Besitzes und hatten vielfach Hofämter und
hohe Kirchenwürden inne gehabt. Einer der ihrigen, auch ein Bligger
von Steinach, war ein berühmter Minnesänger gewesen, der im ersten
Viertel des dreizehnten Jahrhunderts blühte. Wahrscheinlich ihm zu
Ehren führten die Nachkommen eine schwarze Harfe in goldenem Felde
im Wappenschilde. Der Ruhm aber, den sich die Enkel erworben hatten,
war etwas zweifelhafter und anrüchiger Natur, denn sie lebten zumeist
aus dem Stegreif, und manches Schiff, das auf dem Neckar, mancher
Frachtwagen, der auf der Landstraße von Heilbronn nach Heidelberg oder
in umgekehrter Richtung fuhr, hatte ihre dreist zugreifende Hand fühlen
müssen. Einer von ihnen, namens Ulrich, hatte das Räuberhandwerk so
arg getrieben, daß ihm das Volk, weil er dem Lande so großen Schaden
zufügte, den Schimpfnamen »Landschaden« beilegte und der Kaiser die
Reichsacht über ihn verhängte. Vogelfrei, wie er nun war, nahm er an
einem Kriegszuge gegen die Ungläubigen teil, schlug einem gefürchteten
Anführer der Sarazenen das Haupt ab und brachte es dem Kaiser zur
Sühne, so daß dieser ihn wieder zu Gnaden aufnahm und ihm erlaubte,
einen gekrönten Sarazenenkopf als Helmzierde im Wappen zu führen.
Den Namen Landschaden aber behielt er und sein Folgegeschlecht für
alle Zeiten bei, und die tapferen Degen sorgten auch ferner durch
ihr Tun und Treiben dafür, daß die Bedeutung dieses Namens nicht in
Vergessenheit geriet.
Zurzeit lebten drei Brüder des Geschlechtes, Bligger, der älteste,
Konrad, der jüngste, beide verheiratet und mit Kindern gesegnet,
und, dem Alter nach in der Mitte zwischen diesen beiden, Hans, jener
Hagestolz, um dessentwillen Bligger sich in die ihm feindlich gesinnte
Stadt hinein gewagt hatte. Diese drei Brüder besaßen vier Burgen, die
nahe beieinander über dem Städtchen Neckarsteinach auf den Bergen
des rechten Flußufers standen. Bligger wohnte in der größten, der
Mittelburg, die mit der kleinen Vorderburg durch eine Zugbrücke
verbunden war; Konrad hauste auf der Hinterburg und Hans endlich auf
Burg Schadeck, vom Volke auch das Schwalbennest genannt, weil sie hoch,
frei und keck über dem Tale wie ein angeklebtes Nest an einem schroffen
Felsen hing.
Dort lebten sie keineswegs einsam und abgeschieden, ohne ebenbürtige
und gleichgesinnte Nachbarn; vielmehr waren innerhalb der nächsten
vier oder fünf Meilen von Neckarsteinach stromaufwärts die bewaldeten
Höhen zu beiden Seiten des vielgewundenen Tales mit stattlichen und
von ritterlichen Geschlechtern bewohnten Burgen besetzt, wie sie in
solcher Zahl auf so kleinem Raume nirgend anders, auch nicht am Rheine,
zu finden waren. Neckarsteinach gegenüber lag auf hohem Kegel die Veste
Dilsberg, der Sitz des kurpfälzischen Gaugrafen über den Kraich-, Enz-
und Elsenzgau; dann folgten stromauf die Burgen Hirschhorn, Eberbach,
Stolzeneck, Zwingenberg, Minneburg, Dauchstein, Hornberg, Horneck,
Guttenberg und Ehrenberg, eine immer gewaltiger, als die andere, und
jede mit Dörfern und Höfen und weiten Waldungen als Eigentum versehen
oder als erbliches Lehen bedacht.
Die mächtigsten, reichsten, aber auch gefürchtetsten aller Burgherren
des Neckartales waren die Landschaden von Steinach, und wenn sich
Herr Bligger auch nur bei Nacht und als Mönch verkleidet in die Stadt
Heidelberg hineinschlich, so war das immerhin schon ein sehr gewagtes
Spiel für ihn, denn er hatte eine böse Rechnung bei ihr auf dem
Kerbholz. Darum suchten jetzt die beiden Brüder möglichst rasch von
dannen zu kommen und ritten in schlankem Trabe durch die vom Monde mehr
und mehr erhellte Nacht heimwärts, ohne miteinander zu reden, ein jeder
mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt.
Des verwegenen Ritters heimlicher Besuch in Heidelberg hatte
aber folgende Veranlassung. Am gestrigen Tage hatte in Bliggers
Abwesenheit ein Jude, der sich Isaak Zachäus von Ingolstadt nannte,
in Begleitung seines Sohnes, eines hübschen, dunkeläugigen Jünglings,
auf der Mittelburg vorgesprochen, sich als Arzt für Menschen und
Vieh ausgegeben, gefragt, ob hier etwa die einen oder das andere
seiner Kunst und seines vielerprobten Rates bedürftig seien, und
sich schließlich erboten, den Burgbewohnern das Horoskop zu stellen,
denn er sei auch in Astrologie und höherer Geometrie wohl bewandert
und erfahren. Darauf war die Burgfrau mit Freuden eingegangen, und
der Sterndeuter hatte sie nach Tag und Stunde der Geburt sämtlicher
Familienglieder gefragt, um danach seine Berechnungen zu machen. Nun
besaß Frau Katharina ein altes Gebetbuch der Mutter ihres Gemahls, in
welche diese alle wichtigen Familienereignisse, also auch die Geburten
ihrer Kinder, eigenhändig verzeichnet hatte. Das holte sie hervor und
ging dem landfahrenden Weisen aus dem Morgenlande mit den nötigen
Zeitangaben zur Hand. Dieser hatte darauf in einsamem Gemache bei
guter Verpflegung den ganzen Tag geschrieben, gerechnet und allerlei
seltsame Figuren gezeichnet, bis er der Burgfrau die Ergebnisse
seiner Nachforschungen mitteilen konnte. Es war aber nicht viel dabei
herausgekommen; lauter günstige oder nichtssagende Prophezeiungen für
die Zukunft aller ihrer Angehörigen hatte der Hebräer der Burgfrau
verkündigt, Prophezeiungen, nach denen sich weder ein ungewöhnliches
Glück erhoffen, noch ein besonderes Unheil befürchten ließ. Nur
über ihren Schwager Hans hatte er einen seltsam lautenden Ausspruch
getan, denn er behauptete: »Junker Hans wird einmal sein Glück in
einem Kloster finden.« Daraufhin hatte Frau Katharina den Wahrsager
gründlich ausgelacht. Hans, der ritterlichste, lebenslustigste der drei
Brüder, der am liebsten im Sattel oder beim Becher saß oder im Forste
pirschte und von seinem Freunde, dem Abt des Benediktinerklosters
Sinsheim und dessen Konventualen, die er oft tagelang besuchte, die
erbaulichsten und abenteuerlichsten Geschichten erzählte, der, der
gerade sollte selber einmal in ein Kloster gehen? unmöglich! ganz
undenkbar! Aber Isaak Zachäus war ihren launigen Einwendungen gegenüber
kühl und ernst bei seinem Ausspruch geblieben und hatte hinzugefügt:
»Junker Hans ist neunundvierzig Jahr alt, und wenn er nicht binnen Jahr
und Tag heiratet, so verfällt nach dem Recht der Hagestolze all sein
Hab und Gut als Erbe Eurem gnädigsten Pfalzgrafen.«
Das hatte die Burgfrau stutzig gemacht; sie hatte von einem solchen
Rechte noch niemals gehört, forschte näher danach und ließ es sich
von dem Juden genau erklären. Kurz darauf war Herr Bligger nach Hause
gekommen und war ebenso erstaunt über die unerhörte Neuigkeit wie seine
treffliche Hausfrau.
Was wußten diese unerschrockenen, allezeit derb zufahrenden Ritter,
Junker und Knappen vom Recht und von Rechtsgewohnheiten. Allenfalls
kümmerten sie sich ein wenig um das Lehnsrecht, im übrigen aber ließen
sie nur das Faustrecht gelten und schlichteten alle Händel mit dem
Schwerte. Der Fall, daß einer ihrer Genossen als Junggeselle gestorben
wäre, war im ganzen Bereiche ihrer Bekanntschaft seit Menschengedenken
nicht vorgekommen, und so hatten sie keine Ahnung von einem sogenannten
Recht der Hagestolze.
Herr Bligger beschloß indessen sofort, der Sache auf den Grund zu
gehen und gleich am nächsten Tage einen Rechtsgelehrten der jungen
Universität zu Heidelberg darüber zu befragen, den Sterndeuter aber
samt dessen Knaben bis zu seiner Rückkehr auf der Burg festzuhalten.
Seiner Hausfrau legte er strenges Stillschweigen, besonders Bruder Hans
gegenüber, auf und weihte anderen Morgens nur seinen Bruder Konrad
ein, in dessen Begleitung er den Ritt zur feindlichen Stadt unternahm.
Nachdem ihm nun der Magister die Auslassungen des Juden in allen
Punkten bestätigt hatte, ging ihm die Angelegenheit schwer im Kopfe
herum. Er grübelte darüber während des ganzen Rittes, und Konrad wollte
ihn darin jetzt nicht mit unzeitigen Fragen unterbrechen. Erst dicht
vor dem Scheidewege zu ihren Burgen frug Bligger endlich den Bruder:
»Woran hast du unterwegs gedacht, Konrad?«
»Natürlich an nichts anderes,« erwiderte Konrad, »als wie wir das
fertig bringen sollen, Hans zu verheiraten.«
»Das war auch mein einziger Gedanke,« sagte Bligger, »aber ich komme
damit zu keinem Ende. Meine Meinung ist, wir rufen unsere Freunde
zusammen und beratschlagen, ob wir nicht gemeinschaftlich gegen dieses
vermaledeite Hagestolzenrecht etwas ausrichten können.«
»Und Hans?«
»Hans ist bei seinen Freunden in Sinsheim und wird hoffentlich noch ein
paar Tage ausbleiben; darum leidet die Sache keinen Aufschub, denn er
darf nichts davon merken. Reite du morgen nach Hirschhorn und Eberbach
und lade Otto und Schenk von Erbach zu einer Zusammenkunft übermorgen
bei mir ein; ich werde Ernst mit demselben Auftrag nach Zwingenberg zu
Engelhard und nach Stolzeneck zu Albrecht von Erlickheim schicken.«
»Gut! ich werde reiten,« sprach Konrad, »aber die Beratung wird
auch zu keinem anderen Schlusse führen, als zu dem, den du von dem
Heidelberger Doktor mitbrachtest: Hans muß heiraten!«
»Ja, aber sage nur wen?!« erwiderte Bligger. »Ich hielt in Gedanken
schon Brautschau für ihn, aber vergeblich. Für unsere jungen
Burgfräulein ringsum ist er zu alt; in Heilbronn oder Heidelberg darf
er sich nicht blicken lassen, und dazu, daß er auf Werbung im Reiche
herumtraben sollte, bringen wir ihn erst recht nicht. Nur Eine wüßte
ich, die er sich nehmen könnte, wenn er wollte und wenn sie wollte; das
wäre --«
»Juliane Rüdt von Kollenberg, die stolze Burgfrau der Minneburg,« fiel
Konrad ein und brach in ein schallendes Gelächter aus, in das Bligger
herzhaft einstimmte.
Sie schüttelten beide den Kopf und schwiegen wieder, bis sie sich
trennen mußten und einander gute Nacht wünschten. Als Bligger schon
ein kleines Stück bergauf seiner Burg zugeritten war, hörte er von
fern noch einmal das laute Lachen seines Bruders Konrad, das durch die
Stille der Nacht zu ihm herüber tönte, und da mußte er auch wieder
lachen, daß es der Bruder hören konnte, und siehe da, zu gleicher Zeit
wieherte sein Roß, weil es sich auf den Stall freute; aber es klang,
als wenn auch der Hengst des Ritters lachen müßte über den Gedanken,
daß Junker Hans einmal Frau Juliane Rüdt von Kollenberg auf der
Minneburg heimführen sollte.
Zweites Kapitel.
Noch in der Nacht nach seiner Rückkehr von Heidelberg machte Herr
Bligger seiner edlen Hausfrau Katharina kurze Mitteilung von der
Unterredung mit dem Rechtsgelehrten und seiner Absicht, einige
befreundete Burgherren aus dem Neckartal zu einer Beratung über
gemeinschaftliche Schritte in der Angelegenheit einzuladen; sie möchte
sich auf eine gute Bewirtung der ritterlichen Gäste für übermorgen
einrichten, im übrigen sich mit ihrer Wißbegierde bis zum nächsten Tage
gedulden und ihn jetzt nichts mehr fragen, sondern ihn schlafen lassen.
Am anderen Morgen gleich nach dem Frühmahl ritt Konrad und bald darauf
auch Ernst, Bliggers und Katharinas ältester, dreiundzwanzigjähriger
Sohn, nach den benachbarten Burgen ab, um dort die Einladungen des
Familienoberhauptes auszurichten. Bligger hatte den Sohn nicht
eingeweiht, denn in Anbetracht des sehr innigen und vertrauten
Verhältnisses, das zwischen diesem und Junker Hans bestand, fürchtete
er, Ernst möchte seinem schwärmerisch geliebten Oheim einen Wink geben,
infolgedessen Hans bei seinem eigenwilligen Wesen durch irgendein
unberechenbares Widerspiel Bliggers Pläne kreuzen, vielleicht ganz
vereiteln könnte. Ernst mußte nach dem ihm gewordenen Auftrage
glauben, daß es sich um die Verabredung einer größeren, gemeinsamen
Fehde handelte, die vorläufig noch in tiefes Geheimnis gehüllt bleiben
müßte.
Als die beiden Ehegatten allein waren, nahmen sie das in der Nacht
abgebrochene Gespräch wieder auf, und Frau Katharina begann: »Also hat
uns der wackere Jude mit seinen Mitteilungen über jenes unerhörte Recht
oder Widerrecht doch nicht getäuscht, und wir können ihn wohl heute
seines Weges ziehen lassen mit seinem Knaben.«
»Nein, noch nicht!« entgegnete Bligger. »Ich habe schon mit ihm
gesprochen, daß er noch hier bleiben soll; denn ich habe so eine dunkle
Ahnung, als könnte er uns in unserer Fürsorge für Hans noch gute
Dienste leisten, wenn ich auch noch nicht weiß, in welcher Weise.«
»Was sollten das wohl für Dienste sein?« sprach Katharina. »Wenn dir
der Heidelberger Doktor nicht raten und helfen konnte, wird es der
Sterndeuter erst recht nicht können.«
»Wer weiß, Käthe!« antwortete der Ritter. »So ein alter Schlaufuchs von
Hebräer ist mit allen Hunden gehetzt.«
»Gegen den Pfalzgrafen vermag er doch nichts. Oder soll er vielleicht
unserem Bruder Hagestolz sagen, was er bei seinem Horoskop
herausgerechnet hat?«
»Das Horoskop! ich hab's!« rief Bligger, »der Jude muß Julianen das
Horoskop stellen und uns sagen, was er findet!«
»Wem? Julianen? Julianen auf der Minneburg?« frug Katharina höchst
erstaunt.
»Freilich! welcher sonst?« erwiderte Bligger. »Das einfachste und
sicherste Mittel, diesem nichtsnutzigen Hagestolzenrecht zu entgehen,
ist und bleibt, daß Hans heiratet, und nun strenge deinen Witz an, ob
du eine andere findest, die er heiraten könnte, als Juliane Rüdt von
Kollenberg!«
»Ein tollkühner Gedanke, Bligger!« sagte Katharina lachend, »die
Gebieterin der Minneburg sollte sich je dazu verstehen, einem
Landschaden von Steinach, einem ihrer bittersten Feinde, die Hand zum
Ehebunde zu reichen!«
»Aus bitteren Feinden sind schon manchmal die besten Freunde geworden,«
versetzte Bligger. »Und denke doch den Spaß, Käthe, wenn Hans seine
alte Liebe, die er damals nur aus Furcht vor der Schwiegermutter nicht
geheiratet hat, nun doch noch zur Frau bekäme!«
»O du brauchst gar nicht so weit zurückzugreifen. Es ist vielleicht
drei, höchstens vier Jahre her, daß es mir manchmal scheinen wollte,
als stünde Hans mit der schönen Juliane auf einem viel vertrauteren
Fuße, als ihr seliger, damals noch in gutem Frieden mit euch lebender
Zeisolf wissen und ahnen durfte,« bemerkte die Hausfrau.
»Desto besser!« sagte Bligger, »diese Tatsache, wenn es eine ist, und
von der ich heute zum ersten Male höre, kann mich in meiner Hoffnung
nur bestärken.«
»Was ich andeutete, fiel -- ich wiederhole es -- in die Zeit vor eurem
Streit,« erwiderte Katharina. »Vergiß nicht, was unterdessen geschehen
ist, und wie unversöhnlich sich Juliane auch nach Zeisolfs Tode noch
uns gegenüber gezeigt hat. Seitdem ist zwischen ihr und Hans alles
vorbei, und sie weiß vielleicht gar nicht, daß er schon vor ihrer
Verheiratung ein Auge auf sie geworfen hatte.«
»Ist auch nicht nötig. Wenn sich die beiden nur jetzt ein wenig
ineinander verlieben oder nach deinen Beobachtungen wieder ineinander
verlieben, so bringen wir sie auch noch glücklich unter eine Decke und
drehen dem Pfalzgrafen eine so lange Nase,« lachte der Ritter mit einer
entsprechenden Handbewegung.
»Wie willst du das anstellen?« frug Katharina. »Hans, der abgesagte
Feind der Ehe, und die kluge, stolze Juliane, -- lieber Alter, du
träumst.«
»Pah! sie ist ein Weib, und ich denke, eines mit recht warmem Blut,«
antwortete Bligger. »Glaubst du nicht, daß sie ihr Witwentum sehr gern
wieder mit einem freudenreicheren Dasein vertauschte?«
»Lieber heute, als morgen würde sie das tun, das ist kein Zweifel,«
mußte Katharina zugestehen, »aber eine Frau Landschad von Steinach wird
sie doch nicht, einen so ritterlichen und höchst annehmbaren Gemahl du
ihr auch in Bruder Hans an die Seite geben könntest.«
»Das will ich meinen!« sagte Bligger, »Hans ist noch ein Mann wie ein
Jüngling trotz seiner neunundvierzig Jahre. Er darf nur nichts merken;
ahnungslos muß er in die Falle gehen, in die wir ihn zu seinem eigenen
Glücke locken, und den Köder, mit dem wir sie beide fangen, den soll
mir der Jude zurecht brauen; er sieht mir ganz danach aus, als wenn er
hexen könnte.«
»Ein Liebestrank?«
»Nein, nein, kein Liebestrank! laß mich nur machen!« sagte Bligger,
rasch im Zimmer auf- und niederschreitend und seiner Frau wie zur
Beschwichtigung mit der Hand winkend, als stiegen ihm allerlei pfiffige
Gedanken auf, in denen sie ihn nicht stören sollte. »Wo steckt der
Jude?« frug er dann; »ich werde mal ein Wort unter vier Augen mit ihm
reden.«
»Ich habe ihm und seinem scheuen Knaben ein behagliches Zimmer gegeben;
in der Giebelstube hausen sie,« erwiderte Katharina.
»Hast du recht gemacht,« sagte der Ritter, »verpflege sie gut! Ich
wünsche überhaupt, daß ihnen jedermann hier mit mehr Milde und
Freundlichkeit begegnet, als man sonst Juden zu erzeigen gewöhnt ist.
Und nun denke an morgen, daß du mit deiner Küche Ehre einlegst; du
weißt, der Engelhard schlägt auch bei Tische eine scharfe Klinge.«
»Keine Sorge, mein Alter! sollst zufrieden sein,« rief die Frau ihrem
hinauseilenden Gatten nach. Als sie aber allein war, sprach sie zu
sich: »Also Hans, der Ehehasser, soll heiraten! Es ist eigentlich
recht so und nur zu wünschen, daß es gelingt. Ich kann als Frau das
Hagestolzenrecht nicht ganz verdammen. Des tüchtigen Mannes Kraft soll
das Glück der Liebe schaffen und genießen, statt mit seinem Herzen mehr
und mehr in der Welt zu vereinsamen. Wie sagt Bliggers Ahnherr, der
Minnesänger?
Des Mannes Stärke wäre gut,
Ließ er zu rechten Dingen sie erscheinen,
Allein es ist manch Einem so zu Mut,
Daß er mit Haß sich kränket und die Seinen.«
Katharina war eine stattliche Erscheinung, kräftig und gesund, mit
lebhaften Bewegungen und einem immer noch hübschen, klugen Gesicht,
dessen frische Farben durch das früh sich zeigende Silbergrau des
Haares an Stirn und Schläfen noch mehr hervorgehoben wurden.
Sie setzte sich an das geöffnete Fenster und blickte sinnend in das
sonnenüberglänzte Tal hinab. Der Wald ringsum an den sanften Geländen,
auf den Hügeln und Bergen trug sein hellgrünes Frühlingsgewand. Die
flinken Wellen des Neckars, dessen Lauf hier einen großen Bogen
beschrieb, blinkten und blitzten im Morgenlichte; die Schwalben
umkreisten die Burg, Finken und Drosseln schlugen im Gebüsch des
steilen Abhanges, und von unten herauf tönte das sehnsuchtsvolle Lied
der Nachtigall. Es war ein köstlicher Tag, wie zum Ruhen und Träumen
und zum wonnigen Genießen geschaffen. War auch müßiges Träumen Frau
Katharinas Sache sonst nicht, konnte sie sich doch dem Zauber dieses
seligen Friedens, der über dem ganzen, lieblich schönen Talgebilde
ausgebreitet lag, nicht entziehen. Sie atmete mit Entzücken die würzige
Luft und blieb noch lange sitzen, den Blick wie verloren in die Ferne
gerichtet, die Gedanken in vergangene Zeiten versenkt.
Die Herren auf den Burgen des Neckartals hielten im allgemeinen
in guter Eintracht zusammen, besuchten sich gegenseitig mit ihren
Frauen und Kindern, gaben sich fröhliche Feste, Tanzreigen und
Trinkgelage, Ringelrennen und Speerstechen, störten sich auch nicht
in ihrem ritterlichen Gewerbe, halfen sich vielmehr dabei, und war
einmal eine besonders reiche Beute gewonnen, so teilten sie auch wohl
brüderlich untereinander. Kamen auch hin und wieder zwischen zweien
kleine Streitigkeiten vor, bei denen dann leicht recht derbe Worte
fielen, sich wohl gar ein paar Klingen kreuzten, so dauerte solch ein
Zwist in der Regel nicht lange. Die Unbeteiligten bemühten sich, den
Frieden zu vermitteln, und aller Groll wurde mit einem gründlichen
Versöhnungstrunk, bei dem auch die einer Versöhnung gar nicht
Bedürftigen tapfer mithielten, spurlos hinweggespült. Drohte vollends
einem eine Gefahr von einem Gegner außerhalb dieses Kreises, so traten
sofort alle für den einen männiglich ein, und wie in einem geschworenen
Bunde ließ dann keiner den anderen im Stich. So hatten es die Großväter
und Väter gehalten, und so hielten es die jetzt Lebenden miteinander,
so daß selbst der Pfalzgraf vor dem kecken Treiben dieser kleinen, aber
mächtigen und trotzigen Tafelrunde des Neckartales manchmal ein Auge
zudrücken mußte, zumal ihre Mitglieder auch ihm zuweilen in seinen
kriegerischen Unternehmungen mit Mann und Roß zu Hilfe kamen und er es
schon deshalb nicht gern mit ihnen verderben wollte. Der kurpfälzische
Gaugraf, der als Obervogt und Richter des Gaues auf dem Dilsberge saß,
hatte nur dem Namen nach, aber nicht in Wirklichkeit etwelche Gewalt
über seine Standesgenossen und hielt sich deshalb meist fern von ihnen,
womit diese ganz zufrieden waren; denn sie liebten ihn nicht, weil sie
wußten, daß er in allen streitigen Fragen ihr Widerpart war und auf der
Seite des Fürsten stand.
Leider hatte diese Einmütigkeit unter den Burgherren vor wenig
Jahren einen Riß bekommen, der allen Sühneversuchen zum Trotz nicht
zu heilen gewesen war. Einem großen Frachtzuge von Kaufmannsgütern,
der von Heilbronn nach Heidelberg bestimmt war, hatte Zeisolf Rüdt
von Kollenberg auf Zureden seines nächsten Nachbars stromauf, des
Ritters Bruno von Bödigheim auf Dauchstein, der den Zug bis Binau
gedeckt hatte, sicheres Geleit auf der Landstraße bis Neckargemünd
zugesagt und auch tatsächlich mit seinen Knechten übernommen. Das
war nichts Ungewöhnliches, wenn es mit Wissen und Willen der übrigen
Burgherren geschah und diese von dem sehr hohen Geleitsgelde einen
Teil abbekamen. Diesmal aber hatte es Herr Zeisolf versäumt oder nicht
der Mühe wert gehalten, seine Nachbarn von dem übernommenen Geleit
vorher in Kenntnis zu setzen, und als der Zug trotzdem unangefochten
bis in die Gegend zwischen Hirschhorn und Neckarsteinach gelangte,
bekamen die Landschaden Wind davon, überfielen ihn mit bewehrter
Hand und wollten nun von Deckung und Geleit nichts mehr wissen, wie
sie bisher nichts davon gewußt hatten. Sie nannten Rüdts Verfahren
unritterlich und bundsbrüchig und warfen ihm vor, er hätte ihnen
nur ihren Anteil am Geleitsgelde unterschlagen wollen. Von den immer
heftigeren und drohenderen Worten kam es bald zu Schwertstreichen und
einem ernsthaften Scharmützel, in welchem der Sieg lange hin und her
schwankte, bis Rüdt mit den Seinen von den Landschaden in die Flucht
geschlagen und eine gute Strecke lang verfolgt wurde. Der Warenzug war
dabei am besten weggekommen. Während sich Angreifer und Beschützer
um ihn rauften, fuhr er so schnell wie möglich davon und erreichte
ungeplündert Neckargemünd, wo ein starkes Geleit aus Heidelberg seiner
wartete.
Einige Tage nach diesem Vorfall erhielten die Landschaden von Steinach
Rüdts Absagebrief, den auch Bruno von Bödigheim mit gesiegelt hatte,
und aller Mühen ungeachtet, die sich die zwischen den verfeindeten
Burgen wohnenden Ritter um die Erhaltung des Friedens gaben, war
der Ausbruch der Fehde nicht zu verhindern. Diese ging ihren rauhen
Gang und wurde von beiden Seiten mit gleicher Erbitterung geführt.
Man lauerte sich gegenseitig im Tale und im Walde auf und lieferte
sich kleine Treffen, bei denen oft genug Blut floß; man fiel in die
feindlichen Dörfer, steckte sie in Brand und nahm den Bauern Vieh
weg; kurz, man suchte sich auf jede Weise mit List und Gewalt Abbruch
und Schaden zu tun. Eines Tages aber stießen die beiden gegnerischen
Streitkräfte unvermutet in größeren Scharen aufeinander, und es
entspann sich ein hitziges Gefecht, aus dem die Landschaden von
Steinach wieder als Sieger hervorgingen und den verwundeten Rüdt selber
als ihren Gefangenen mit sich führten. Sie sperrten ihn in den festen
Turm der Vorderburg und verlangten zweihundert schwere Goldgulden
Lösegeld. Als aber Rüdt diese Summe nicht sofort zahlen konnte, mußte
er sich nach langwierigen Verhandlungen dazu verstehen, den Gegnern
sein Dorf Neunkirchen samt einem großen Walde, der an das Gebiet der
Landschaden grenzte, zu verpfänden. Dann erst ließen sie den Besiegten
frei, machten Frieden mit ihm und schwuren Urfehde.
Über diesen Verhandlungen während Rüdts Gefangenschaft waren mehrere
Monate vergangen, und wenn nun auch die beschworene Urfehde auf beiden
Seiten ehrlich gehalten wurde, so mieden sich doch die nur äußerlich
Versöhnten fortan und kamen nie wieder in ein freundschaftliches
Verhältnis zueinander. Mehr noch als ihr Gatte, faßte Frau Juliane
einen bitteren Haß auf die gesamte Familie der Steinachs, und als ein
halbes Jahr nach seiner Befreiung Herr Zeisolf das Unglück hatte, bei
einem jähen Sturz mit dem Pferde den Hals zu brechen und nun, über dem
Grabe des einstigen Genossen, die Steinachs, namentlich die beiden
Frauen, den Versuch machten, sich der Witwe wieder in Frieden und
Freundschaft zu nähern, wies Juliane diesen Versuch schnöde zurück, und
sie und die Familie der Landschaden blieben geschiedene Leute.
Die Herrin der Minneburg war viel jünger als Herrn Bliggers Gattin;
höchstens in der Mitte der Dreißiger konnte sie sein, aber Katharina
hatte sie seit Jahren nicht gesehen. Vermutlich war sie noch, was sie
früher gewesen war: eine schlanke, blühende, überaus lebenslustige
Blondine, die gut zu Pferde saß, verführerisch lächeln konnte und sich
überhaupt der Macht ihrer Reize allen Männern gegenüber sehr wohl
bewußt war, ohne daß man ihr nachsagen konnte, sie hätte diese Macht
zum Nachteil ihres guten Rufes gemißbraucht. Sie war ihres Geschlechtes
eine Gräfin von Ehrenberg von der Burg gleichen Namens bei Heinsheim
oberhalb Gundelsheims am Neckar und hatte ihrem Gatten im Laufe der
Zeit drei Kinder geschenkt, von denen aber die beiden jüngsten wieder
gestorben waren, so daß ihr nur eine Tochter blieb, die jetzt siebzehn
Jahre zählen mußte.
Jetzt war sie schon über zwei Jahre Witwe und hatte sich über ihren
Zeisolf längst getröstet. Sie fühlte sich noch jugendlich und hatte,
dank einer ihr zugefallenen Erbschaft, über bedeutende Einkünfte zu
verfügen, was sie, um jede Anknüpfung eines Verkehrs mit den Steinachs
zu vermeiden, dennoch nicht veranlaßte, den immer noch verpfändeten
Wald von jenen einzulösen. Wie verlautete, sollte sie mit ihrer Tochter
Richilde und deren Freundinnen, von denen stets mehrere bei ihr zum
Besuch waren, ein sehr vergnügliches Leben führen, von dem manche
kleinen abenteuerlichen Züge zu den Ohren der Nachbarn drangen, so daß
die Minneburg ein geheimnisvoller Zauberreiz umgab, der die Neugier
herausforderte und den die darüber umlaufenden Gerüchte zu deuten und
zu vermehren strebten. Ihren verlockenden Namen verdankte die Burg,
die auf dem linken Ufer des Flusses, Neckargerach gegenüber lag,
einer halb verklungenen Sage, laut welcher vor Jahrhunderten schon
ein ritterlicher Kreuzfahrer in treuer, aber trostloser Minne nach
der Rückkehr aus dem gelobten Lande seinem verlorenen Glück an dieser
Stelle durch Erbauung der Burg ein bleibendes Denkmal gesetzt haben
sollte.
Die Minneburg war ein sehr umfangreicher und sehr fester Bau mit
einem äußeren und einem inneren baumbewachsenen Zwinger und von
doppelten, gewaltig hohen und dicken Ringmauern umschlossen, deren
vorderste von vier runden, in gleichmäßigen Abständen voneinander
befindlichen, riesigen Türmen noch verstärkt wurde. Der Hauptturm
aber, der mächtigste von allen, war viereckig und erhob sich, an die
innere Ringmauer gelehnt, aus dem kühlen, schattigen Burghof hoch
und stolz empor. Der Palas war mit einer in die Augen fallenden
Pracht aufgeführt. Die Einfassungen der Türen und Fenster waren aus
schönem roten Sandstein, vom Steinmetzen kunstvoll gemeißelt und mit
wohlgeformtem Stab- und Laubwerk geschmückt. In einem besonderen, an
den Palas gefügten Turm befand sich eine schlanke, ebenfalls aus rotem
Sandstein meisterhaft gearbeitete Wendeltreppe, die bis zum obersten
Geschoß hinaufführte. Am südöstlichen Giebel war ein bis unter das
Dach reichender Vorbau, welcher Erker enthielt mit einem sehr großen,
durch Säulen geteilten Mittelfenster und zwei kleinen Seitenfenstern.
Von diesen Fenstern aus, die in dem Erker des großen Hauptgemaches im
ersten Stock besonders reich verziert waren, genoß man eine entzückende
Aussicht in das Tal hinab und auf die bewaldeten Berge. Unten floß,
langhin übersehbar, der tiefgrüne Neckar, und an sein rechtes Ufer
geschmiegt lag das Dorf Neckargerach, auf dessen Dächer man von oben
hinabschaute, ein friedevolles, liebliches Bild.
Überaus herrlich war die Lage der Burg, auf der Kuppe eines Bergkegels,
von hohen Buchenwipfeln umgeben, ganz im Walde versteckt, so daß man
von unten nur die Türme und einige Dächer erblickte. Kam man hinauf,
so stand man wie vor einem verwunschenen Schloß, in das eine Zugbrücke
und ein spitzbogiges Tor führte. Mauern und Türen waren efeuumsponnen;
tiefe Stille und Einsamkeit ringsum, in der die Burg wie eine
prächtige steinerne Krone des Berges ragte, märchenhaft, feenhaft, von
unbeschreiblicher Poesie und Romantik.
Wenig Fremde gelangten hinein und sehr selten ein Freier um die
Hand der schönen Gebieterin, und zumeist wohl deshalb so selten,
weil es weit und breit umher keinen ebenbürtigen und im richtigen
Altersverhältnis zu ihr stehenden, unverheirateten Mann gab, mit
Ausnahme des edlen Junkers Hans Landschad von Steinach, der aber
vom Heiraten nichts wissen wollte. Nur einer, Ritter Bruno von
Bödigheim auf Dauchstein, auch ein Witwer und Herrn Zeisolfs einstiger
Bundesgenosse in der Fehde mit den Landschaden, klopfte zuweilen auf
der Minneburg und am Herzen ihrer Herrin schüchtern an, hatte aber
bislang noch keine Gnade vor ihren Augen gefunden.
So standen die Dinge, als Herr Bligger den kühnen, unter den
obwaltenden Verhältnissen schier aussichtslosen Plan faßte, dieser
Frau, die sich seiner ganzen Familie so entschieden abhold und unnahbar
zeigte, eine Neigung zu seinem Bruder Hans einzuflößen und außerdem
auch noch diesen selbst zur Werbung um die Hand der Dame zu bestimmen.
Und dies alles nicht etwa in dem einzigen Wunsche, aus jenen beiden,
die ja vortrefflich zueinander passen mochten, ein glückliches Paar zu
machen, sondern in erster Reihe, um mit diesem wahren Hexenkunststück
dem für den Familienbesitz verderblichen Inkrafttreten des Rechtes der
Hagestolze vorzubeugen.
Drittes Kapitel.
Ernst war mit der Fähre über den Neckar gesetzt und ritt den
Waldpfad über Schwanheim auf Neunkirchen zu, um sich von hier nach
Burg Zwingenberg zu wenden. Er ließ sein Roß im Schritt durch den
frühlingsduftigen, taublinkenden Wald gehen, achtete aber nicht auf
das fröhliche Blühen und Sprießen rings um ihn her und hörte nicht
das Singen und Zwitschern in allen Zweigen. Er war unmutig und fühlte
sich verletzt, daß ihm sein gestrenger Herr Vater nicht mehr Vertrauen
geschenkt und ihn in den Zweck des erteilten Auftrages nicht eingeweiht
hatte, worüber er im Sattel nun nachsann und grübelte. Ihm war gesagt
worden, und er sollte es auf Zwingenberg und Stolzeneck mitteilen, daß
sein Oheim Konrad heute früh nach Hirschhorn und Eberbach geritten war,
um auch dort die Herren zur Beratung nach der Mittelburg einzuladen.
Er wußte auch von dem gestrigen Ritt der beiden Brüder, jedoch ohne
das Ziel desselben erfahren zu haben. Was bereitete sich denn da vor,
das man ihm so geflissentlich zu verheimlichen suchte? er war doch
wahrlich alt genug, alles wissen und alles verschweigen zu können! Nun,
dessen getröstete er sich, wenn es wirklich zum Schlagen kam, so ließen
sie ihn auch mitreiten, wie er schon öfter bei solchen Gelegenheiten
mitgeritten war. Diese Hoffnung stimmte ihn wieder heiter, und im
Vollgefühl seiner gelenkigen Jugendkraft gab er dem Roß die Sporen und
galoppierte den schmalen Waldweg dahin.
Bald hatte er das Dorf Neunkirchen erreicht, und da er, nach dem Stande
der Sonne zu schließen, noch viel Zeit übrig hatte, so gelüstete es
ihn, ein Stück in den zur Minneburg gehörigen, aber noch immer den
Steinachs verpfändeten Wald hineinzureiten. Als wär's der Zauberwald
von Brezilian, in welchem Parcival die schöne Herzogin Jeschute fand
und mit seinen Küssen aus dem Schlummer weckte, so trieb ihn eine
ahnungsvolle Neugier hinein mit dem lebhaften Wunsche, daß auch ihm
hier irgendein liebliches Abenteuer begegnen möchte. In gemächlichem
Schritt reitend betrachtete er aufmerksam die Buchen und Eichen, als
trügen sie hier andere Rinde und andere Blätter und reckten die Äste in
anderer Weise zum Nachbar hinüber als in den Waldungen seines Vaters.
Auch diese Waldblumen, die hier unter den Büschen blühten, diese bunten
Schmetterlinge, die sich auf ihnen wiegten und in den schrägen, das
Laub durchbrechenden Sonnenstrahlen hin und wider flatterten, glaubte
er noch nirgends sonst gesehen zu haben. Manchmal hielt er sein Pferd
an und horchte auf das Lied eines Vogels, der sich in einem Wipfel barg
und ganz anders pfiff, als sein Stammverwandter, der bei Neckarsteinach
sein Nest hatte. Alles deuchte ihm hier neu und geheimnisvoll wie die
Minneburg selber, die sein Fuß seit Jahren nicht betreten hatte.