machte, sah Frau Katharina die Reiherfedern am Hute des Sohnes und
frug nach deren Herkunft. Da erzählte er seine Begegnung mit den
drei Fräulein in Frau Julianens verpfändetem Walde; doch von seiner
Befreiung Sidoniens aus der Buchenkrone sagte er natürlich kein Wort.
»Einen Reiher in der Brutzeit geschossen und noch dazu in unserem
Wildbann!?« äußerte sich Bligger sehr erstaunt, »das ist ja wider alles
Waidrecht!«
»Das hielt ich ihnen auch vor,« sprach Ernst.
»Nun, und was sagten sie dagegen zu ihrer Entschuldigung?«
»Fräulein Richilde sagte, wir sollten ihnen doch den Wald wieder
herausgeben, sie wollten ihn gern einlösen, denn das wäre schon längst
ein Lieblingswunsch ihrer Mutter,« erwiderte Ernst.
»So, so! den Wald wieder einlösen -- ein Lieblingswunsch Julianens,«
wiederholte Bligger und warf seiner Frau einen bedeutungsvollen Blick
zu.
»Ließe sich denn das nicht ins Werk richten, Vater, damit der Zwist
endlich in Frieden beigelegt wird?« brachte Ernst bescheiden hervor.
»Meinst du?« sagte Bligger. »Hast du dem Mädchen vielleicht schon
Hoffnung darauf gemacht?«
»Wie sollt' ich wohl! weiß ich doch, wie ihr mit Frau Juliane steht,«
gab Ernst schwermütig zur Antwort.
»Wie sieht denn Richilde jetzt aus?« frug Katharina, »hat sich das
Knösplein in den Jahren hübsch entfaltet?«
»O Mutter! wie eine Rose ist sie aufgeblüht, schön und herrlich; es ist
eine wahre Lust, sie nur anzusehen,« sprach Ernst begeistert und mit
blitzenden Augen.
»Was du sagst!« lächelte die hochaufhorchende Mutter, und wieder
wechselten die beiden Gatten einen Blick des Verständnisses
untereinander.
»Und sie war es, die den Reiher geschossen hat?« forschte Bligger noch
einmal.
»Sie selbst! und gut getroffen! mitten in der Brust stak der Pfeil,«
erwiderte Ernst so stolz, als hätte er den guten Schuß getan. »Ich habe
auch ein Handmal von ihr; hier diese Rinke habe ich ihr abgepfändet zum
Zeichen, daß ich sie auf handhafter Tat erwischte.« Und er zeigte den
Eltern die silberne Gürtelschnalle, die beide wohlgefällig betrachteten.
»Ist der Waldblumenstrauß auch von ihr?« frug die Mutter.
»Nein, der ist von Hiltrud, und die Federn steckte mir Sidonie an den
Hut.«
»Hast dich ja gut vorgesehen mit allerlei Beweisstücken und zärtlichen
Andenken,« neckte der Vater.
Ernst wurde verlegen und wußte nichts zu antworten, was den Eltern
nicht entging. Bald nahm er eine Gelegenheit wahr, sich aus dem Gemach
zu entfernen.
»Was sagst du nun, Käthe?« frohlockte der Ritter, als die beiden allein
waren. »Der Junge scheint bis über die Ohren verliebt in Richilde; das
ist eine Brücke für Hans. Und Juliane will den Wald wieder haben; da
schlagen wir unsern Haken ein, besser kann's gar nicht anfangen. Wasser
auf unsere Mühle, Käthe!«
»Das Hans bald genug abdämmen wird,« erwiderte die Burgfrau.
Jetzt traten ihre zwei jungen Töchter in das Gemach und verhinderten
durch ihre Anwesenheit die Fortsetzung des Gesprächs. --
Der Empfang, den die drei Fräulein nach ihrer Rückkehr auf die
Minneburg bei Frau Juliane fanden, war kein freundlicher, als Richilde
ihrer Mutter von dem Zusammentreffen mit dem Junker Ernst Landschad
erzählte und ihr auch nicht verschwieg, daß sie ihm zur Buße für den
von ihm behaupteten Jagdfrevel eine edelsteinbesetzte Gürtelschnalle
gegeben habe.
Juliane machte ihrer Tochter Vorwürfe, daß sie sich in eine
Unterhaltung mit Ernst eingelassen hatte, und war über die Forderung
und die Überantwortung eines Pfandes, was die Mädchen als einen
beiderseits harmlosen Scherz darzustellen suchten, sehr ungehalten.
»Auf die paar edlen Steine kommt es nicht an, aber unedel war das
Verfahren des Junkers, euch für einen armseligen Reiher zu strafen,«
sprach sie entrüstet. »Freilich,« fügte sie bitter hinzu, »was läßt
sich von einem Landschaden Besseres erwarten!«
»Mutter, er war höflich und ritterlich,« wagte die Tochter schüchtern
einzuwenden.
»Ritterlich! die Ritterlichkeit kenne ich, wenn er sie von seinem Vater
gelernt hat!« höhnte Juliane. »Laß mich nie wieder erfahren, daß du ein
Wort mit einem Landschaden gesprochen hast!«
Das Mittagsmahl auf der Minneburg verlief heute, gegen die sonst
herrschende Gewohnheit, in ziemlich gedrückter Stimmung; besonders
Richilde ließ das Köpfchen hängen wie eine Blume nach einer frostigen
Maiennacht.
Viertes Kapitel.
Als in der Morgenfrühe des nächsten Tages Frau Katharina merkte, daß
auch der neben ihr ruhende Gatte aus dem Schlummer erwacht war, sagte
sie zu ihm: »Bligger, wie soll das heute mit Ernst werden, wenn deine
Freunde zur Beratung kommen? Ich billige die Vorsicht, ihn in deine
Pläne nicht einzuweihen, aber du kannst ihn aus eurem Kreise nicht
ausschließen, ohne ihn aufs neue zu kränken, wie du es gestern schon
damit getan hast, daß du ihn über den Zweck der Einladung, die er zu
überbringen hatte, nicht aufklärtest.«
»Hab' ich alles schon bedacht,« erwiderte Bligger, »Ernst wird den
ganzen Tag von Hause abwesend sein. Isaak Zachäus, unser Sterngucker,
begibt sich heute nach der Minneburg, um Juliane das Horoskop zu
stellen; sein Sohn aber bleibt hier, bis der Alte wiederkommt und
uns über den Ausfall des Horoskops« -- hier lächelte der Ritter
verschmitzt, was aber seine Frau nicht bemerkte, weil sie das Gesicht
des Sprechenden nicht sah -- »und über den Eindruck desselben auf
Juliane Bescheid sagt, die natürlich nicht ahnen darf, daß Zachäus von
uns kommt oder auch nur bei uns gewesen ist. Ernst wird den Juden
samt seinem Sohne begleiten, ihm bis Neunkirchen den Weg zeigen, dort
aber mit dem Jüngling umkehren und erst am Abend hier wieder mit ihm
eintreffen. Der Jude, heißt es für Ernst, hat ein Geschäft in Mosbach.
Bist du nun zufrieden, Käthe?«
»Alles ganz gut,« entgegnete die Frau, »aber wird der Jude schweigen?
gegen Ernst sowohl wie gegen Juliane?«
»Dafür ist gesorgt! ich habe ihn gestern abend noch einmal ins Gebet
genommen, und er weiß nun alles, was er zu wissen nötig hat. Macht
er seine Sache gut, so lohn' ich's ihm reichlich; verrät er mich,
und ich komme dahinter, so wird es ihm übel ergehen. Darum behalte
ich zu meiner Sicherheit seinen Knaben als Geißel, und ich habe aus
der Bedeutung dieser Maßregel dem Alten gegenüber durchaus kein Hehl
gemacht.«
»Nun, Gott gebe seinen Segen, daß das alles zu einem guten Ende führt!«
sagte die Burgfrau.
»Amen!« lachte Bligger, »wollen's hoffen, Käthe!«
Als der Ritter bald nach diesem Bettgespräch seinem Sohne den Auftrag
erteilte, dem Juden Isaak Zachäus als Wegweiser nach Neunkirchen zu
dienen, erhielt er von Ernst die Antwort: »Du willst mich hier los
sein, Vater! womit habe ich solches Mißtrauen verdient?«
»Es ist kein Mißtrauen, mein Sohn, weshalb ich dich von unserer
Beratung fern halte,« erwiderte Bligger, »aber es handelt sich dabei
um Dinge, an denen deiner Jugend noch kein Anteil zukommt. Jetzt frage
nicht weiter, sondern macht, daß ihr fortkommt! und ohne Groll, Ernst!
ohne Groll! es ging diesmal nicht anders.« Damit bot er dem Sohne
die Hand, die dieser, getröstet durch des Vaters freundliche Worte,
herzlich drückte. »Am Abend erwarte ich dich mit Joseph zurück,«
sprach Herr Bligger weiter; »du bringst den Jungen unter allen
Umständen wieder mit!«
»Verlaß dich darauf, Vater!«
»Ich gedenke die Juden noch längere Zeit hier zu behalten, was du
übrigens keinem von beiden zu sagen brauchst,« ergänzte Bligger die
Unterweisung seines Sohnes.
Darauf schieden sie im besten Einvernehmen, und Ernst machte sich bald
darauf heiter und wohlgemut mit Isaak und Joseph zu Fuß auf denselben
Weg, den er gestern zu Pferde zurückgelegt hatte. --
Im Laufe des Vormittags trafen die befreundeten Ritter von ihren
Burgen, einer nach dem anderen, auf der Mittelburg ein, wo sich
inzwischen auch Bliggers Bruder Konrad eingefunden hatte. Den älteren
der beiden Brüder Hirschhorn, Otto, auf der Burg gleichen Namens, und
den Schenk von Erbach auf Eberbach hatte Konrad bei seinem gestrigen
Besuche schon über den Gegenstand der Beratung unterrichtet, dabei
jedoch von der Absicht einer Verbindung Hansens mit Juliane nichts
erwähnt. Engelhard von Hirschhorn, der von Burg Zwingenberg her den
weitesten Weg hatte und daher als letzter kam, wußte dagegen noch
nichts und wurde nun erst von Bligger in die Sachlage eingeweiht. Gegen
die ihm zuteil werdende Aufklärung über ein ihm bisher unbekanntes
Gesetz, genannt »das Recht der Hagestolze«, verhielt er sich zunächst
ungläubig und ablehnend. Als ihm der Freund aber jeden Zweifel
dadurch benahm, daß er ihm seine Unterredung mit dem Magister und
~Doctor juris~ in Heidelberg mitteilte und nun die Nutzanwendung auf
seinen Bruder Hans hinzufügte, war Engelhards erste, allerdings sehr
naheliegende Erwiderung, daß er lachend ausrief: »Nun, so muß Hans
heiraten! Das ist doch einfach genug!«
»So klug sind wir auch,« versetzte Bligger; »nur daß die Sache doch
nicht so einfach ist, wie sie dir im Augenblick scheint. Hans _will_
nicht heiraten.«
»Hat er das jetzt noch erklärt, nachdem er von dem Recht der Hagestolze
Kenntnis erhalten hat?« frug Engelhard.
»Nein, davon weiß er überhaupt noch nichts,« erwiderte Bligger, »denn
er sitzt wieder bei seinen lieben Mönchen in Sinsheim, und erst nach
seinem Fortreiten habe ich selber von jenem Rechte gehört.«
»Aber wenn er wiederkommt und ihr ihm den Handel vorstellt, wird er
doch ein billiges Einsehen haben, daß er muß, es sei ihm lieb oder
leid,« sprach Engelhard.
»Schwerlich wird er das haben, ich möchte wohl sagen: ganz gewiß
nicht!« erwiderte Bligger. »Er hat eine unglaubliche Scheu vor der Ehe,
und -- es ist fast lächerlich zu sagen -- eine noch größere vor einer
Schwiegermutter als Mitgift dabei.«
»Ach, und wie recht hat er da!« seufzte Engelhard, daß alle lachen
mußten.
»Ja, nichts für ungut, Engelhard!« sagte Bligger, »aber so oft er
einmal bei dir gewesen ist, tritt sein Widerwille dagegen noch stärker
hervor. Er behauptet dann wohl, so eine Schwiegermutter stünde vor dem
ehelichen Paradiese wie --«
»Nicht wie ein Engel!« unterbrach ihn der Freund, »sage nur: wie eine
Vogelscheuche oder wie ein Drache, der den Zugang zum Schatze bewacht.«
»Nun ja, so lautet's ungefähr,« bekannte Bligger unter einem erneuten
Gelächter auf Engelhards Kosten. »Aber laßt das jetzt beiseite,« fuhr
er dann fort. »Wenn wir Hans dazu bewegen können, zu heiraten, so
ist alles in Rück und Schick, und wir brauchen uns die Köpfe nicht
weiter zu zerbrechen. Wir müssen aber darauf gefaßt sein, daß er nicht
heiratet, und unter dieser Voraussetzung müssen wir jetzt beraten
und beschließen, was wir tun wollen, das Hagestolzenrecht zu brechen
oder zu biegen und seine für uns alle verderblichen Folgen von uns
abzuwenden.«
»Für uns alle?« frug Otto von Hirschhorn.
»Freilich für uns alle!« wiederholte Bligger. »Denn was geschieht, wenn
der Pfalzgraf unsern Bruder beerbt? Dann schneidet er sich ein Drittel
aus unserm Gesamtbesitz heraus, das sich möglichenfalls wie ein Keil
in das uns übrigbleibende Gebiet hineinschiebt. Das wäre ein Nachteil,
der allerdings zunächst nur uns Landschaden träfe, deren Familiengut
dadurch eine erhebliche Einbuße erlitte. Aber weiter. Er gibt das
erschlichene Gebiet einem Vasallen zu Lehen oder setzt einen Obervogt
auf Burg Schadeck, und der eine wie der andere könnte uns allen hier
sehr unbequem werden, denn er könnte uns in unserem ritterlichen
Gewerbe stören, daß wir uns jahraus, jahrein mit ihm in den Haaren
liegen müßten, und mit dem freien, frohen Stegreifleben in unserem
schönen Neckartale wäre es dann bald vorbei.«
»Das wolle Gott nicht!« sprach Schenk von Erbach, und die anderen
stimmten ihm zu.
Bligger aber fuhr fort: »Wenn wir es auch nicht mehr erleben, denn
unser Hans ist kerngesund und rüstig, und wir wünschen ihm sein seliges
Ende so weit wie möglich hinausgerückt, -- so müssen wir doch an unsere
Nachkommen denken, daß wir ihnen nicht durch unsere Fahrlässigkeit
künftig einmal Ungelegenheiten bereiten und ihnen unwillkommene
Nachbarn sich hier einnisten lassen. Unsere Söhne und Enkel sollen
einmal in unseren Burgen hausen, aber nicht fremde Eindringlinge,
fürstliche Vögte und Lehnsleute, die ihnen das Leben verbittern.
Darum, liebe Gesellen, müssen wir, die wir allweg Messer und Braten
miteinander teilen, auch hierin fest zusammenhalten und uns tapfer
wehren und auflehnen gegen dieses gottverdammte Hagestolzenrecht.«
»Tod und Teufel, du hast recht, Bligger!« rief Engelhard von
Hirschhorn und schlug mit der Faust auf den Tisch. »Das dürfen wir
uns nicht gefallen lassen, dagegen müssen wir uns aufsetzen wie ein
angeschossener Keiler bei der Sauhatz!«
»Jawohl!« sprach sein Bruder Otto ruhig, »aber sagt mir nur, wie wir
das anfangen.«
»Darüber eure Meinung und Rat zu hören, lud ich euch zu mir ein,« sagte
Bligger.
Hierauf trat ein kurzes Schweigen ein, als wartete jeder auf den
Vorschlag des anderen; aber keiner hatte gleich einen bei der Hand.
»Auf dreierlei Weise könnten wir versuchen, dem Dinge beizukommen,«
nahm endlich Otto von Hirschhorn wieder das Wort, »mit Güte, mit List,
mit Gewalt. Daß wir beim Kurfürst-Pfalzgrafen mit guter Vernunft etwas
ausrichten könnten, daran ist nicht zu denken. Ruprecht wird sich durch
nichts in der Welt bewegen lassen, freiwillig auf sein Erbrecht zu
verzichten; und wer will ihn dazu zwingen? das kann nicht einmal der
Kaiser.«
»Aber der Reichstag,« sagte Schenk von Erbach.
»Der Reichstag!« lächelte Otto. »Du meinst, wir sollten uns mit dem
Gesuch um Aufhebung des Hagestolzenrechts an den Reichstag wenden. Ja,
Schenk, wie alt denkst du denn zu werden, um es zu erleben, daß der
Reichstag darüber schlüssig wird? Und wie würde der Beschluß ausfallen?
Alle Fürsten würden das Gesetz beibehalten wollen und dabei sämtliche
Prälaten auf ihrer Seite haben, denn die liebe Klerisei versteht
es ausnehmend, im Trüben zu fischen, und bei der Beerbung eines
Hagestolzen fällt immer auch etwas für Klöster und Stifter ab.«
»Vielleicht wissen sie's am kurfürstlichen Hofe gar nicht und brauchen
es auch nie zu erfahren, daß Hans nicht verheiratet ist,« sprach
Engelhard. »Und wenn er seine blauen Augen später einmal zutut, so
bleibt hier alles beim Alten, und in Heidelberg kräht kein Hahn danach.«
»Ja, wenn unser Freund Lauffen nicht da oben auf dem Dilsberg säße
und uns Landschaden in die Schornsteine hineinguckte!« entgegnete
Bligger. »Aber der weiß alles, erfährt alles und berichtet alles, was
hier vorgeht, und ich glaube, er tut es nicht umsonst; für den würde
wahrscheinlich auch ein guter Bissen mit abfallen.«
»Wenn ihr dem aber zuvorkämet und Lauffen mit einem noch fetteren
Bissen den Mund stopftet?« warf Engelhard ein. »Um so viel zu retten,
dürft ihr ein verhältnismäßig geringes Opfer nicht scheuen.«
»Gewiß nicht!« sagte Konrad, »aber damit ist es nichts. Lauffen ist
dem Pfalzgrafen sehr ergeben und dient ihm ehrlich, wenn er auch in
Kleinigkeiten uns gegenüber oft genug fünf gerade sein läßt.«
»Also mit der Güte wären wir nun fertig,« knüpfte Otto von Hirschhorn
an seine früheren Bemerkungen wieder an. »Wie steht es nun mit der
Gewalt? Den Lehnsmann oder Vogt, den der Pfalzgraf auf Burg Schadeck
setzen würde, mit bewehrter Hand zu vertreiben oder vielmehr ihn
gar nicht erst hereinzulassen, wäre ein leichtes; das könntet ihr
Landschaden allein besorgen. Aber schwerlich wird sich Ruprecht das
bieten lassen, und gegen seine Macht sind wir allesamt auf die Dauer zu
schwach; das seht ihr doch wohl ein.«
»Nun, wir fänden doch wohl noch Bundesgenossen,« meinte Schenk von
Erbach.
»Wo denn? welche denn? Glaubst du, daß sich die Ritter im Odenwald
und an der Bergstraße unsertwegen in eine Fehde mit dem Pfalzgrafen
einließen? nimmermehr! Dazu liegt ihnen unser Wohl und Wehe nicht nahe
genug am Herzen.«
»Wenn man ihnen bedeutet,« hielt ihm Schenk von Erbach entgegen, »daß
das Recht der Hagestolze auch einmal bei ihnen im Odenwald zur Geltung
kommen könnte, so lassen sie sich doch vielleicht bereit finden, es bei
dieser Gelegenheit Hand in Hand mit uns zu beseitigen, ehe sie selber
einmal daran glauben müssen. Und dann ist es doch noch sehr die Frage,
ob die Sache dem Pfalzgrafen wichtig genug ist, um sich deshalb in eine
blutige Fehde mit der gesamten Ritterschaft des Landes zu verwickeln.
Wenn er von allen Seiten drohenden Ernst sieht, gibt er vielleicht
nach, und wir haben gewonnen Spiel.«
Otto schüttelte den Kopf. »Sollen wir Heidelberg überziehen und
belagern, um dem Fürsten ein Recht abzutrotzen, von dem wir bisher
selber nichts gewußt haben? Außerdem würden Mainz, Speier, Worms dem
Pfalzgrafen sofort zu Hilfe kommen. Nein, Freunde, mit der Gewalt ist
es auch nichts; bliebe also nur noch die List. Nun, Bligger,« wandte er
sich an diesen, »du wirst darüber schon mehr nachgedacht haben als wir.
Sage uns, auf welcherlei Anschläge bist du dabei verfallen?«
Bligger lächelte still vor sich hin und zögerte mit der Antwort,
während ihn die anderen erwartungsvoll anblickten. Dann sprach er
langsam: »Ich weiß nur eine List, aber die ist untrüglich, wenn sie
gelingt, und ich hoffe, sie wird gelingen.«
»Hans muß heiraten!« rief Engelhard schnell. »Hab' ich's geraten oder
nicht?«
Die anderen lachten, nickten und gaben durch verschiedene Ausrufe ihre
Zustimmung mit diesem einfachsten und sichersten Auswege kund.
»Du hast es geraten, Engelhard,« sagte Bligger; »aber nun rate auch
weiter: wen soll Hans heiraten?« Und als alle schwiegen, spielte er
siegessicher den großen Trumpf aus: »Juliane Rüdt von Kollenberg!«
Teils sprachloses Staunen, teils schallendes Gelächter ward ihm darauf
zur Antwort.
»Aber Bligger! -- Bligger, bist du toll geworden?« riefen Engelhard und
Schenk von Erbach gleichzeitig.
»Ja, ich habe selber gelacht und Konrad auch, als uns der Gedanke
zuerst aufstieg,« erwiderte Bligger.
»Soll sich denn Hund und Katze miteinander vermählen?« spottete
Engelhard.
»Du nimm dich in acht, so wegwerfend von meiner künftigen Frau
Schwägerin zu sprechen!« scherzte Bligger.
»O sie ist meine gute Freundin,« entgegnete Engelhard; »aber ehe ich
sie als deine Schwägerin sehe --«
»Sie wird es werden,« versetzte Bligger gelassen. »Ich habe sichere
Kunde, daß Frau Juliane den uns verpfändeten Wald mit Dorf Neunkirchen
wieder einzulösen wünscht. Darüber werden wir nun Verhandlungen
anknüpfen, die Hans selber mit der schönen Wirtin führen soll und die
wir möglichst in die Länge zu ziehen suchen, damit die beiden öfter
Gelegenheit haben, zusammenzukommen und sich schließlich ineinander zu
verlieben. Schon früher haben sie sich gern gemocht, und nun bedenkt,
Freunde: bei Juliane kriegt er keine Schwiegermutter mit!«
»Keine Schwiegermutter! das ist schon etwas,« lächelte Otto.
»Das ist viel, sehr viel! eine Ehe ohne Schwiegermutter, -- das ist
beneidenswert!« rief Engelhard aus vollster Überzeugung.
»Nicht wahr?« lachte Bligger, »in Hansens Augen ein unschätzbarer
Vorzug Julianens.«
»Hieß es nicht kürzlich, der Dauchsteiner bewürbe sich um sie?«
bemerkte Schenk von Erbach.
»Ja, so hieß es,« erwiderte Konrad, »und wenn es wahr wäre, so hätte
Hans in dem einnehmenden Witwer einen nicht zu verachtenden Mitbewerber
um ihre Gunst.«
»Schade, daß Albrecht von Erlickheim nicht hier ist!« sagte Schenk,
»der könnte es wissen, denn er ist Bödigheims Schwager.«
»Steht sich aber ebenso schlecht mit ihm wie wir alle,« fügte Engelhard
hinzu, »sie sehen sich fast nie. Aber nun weiter, Bligger!«
»Weiter hoffe ich nun,« nahm Bligger aufs neue das Wort, »daß ihr
uns alle bei diesem Handel behilflich seid. Ihr könnt wohl Julianen
gegenüber ab und an ein lobend Wörtlein zu Hansens Ehr und Glimpf
fallen lassen, könntet vermitteln und Gutes in den Unfrieden reden,
damit vor allen Dingen erst die alte Zweiung zwischen ihr und uns ein
Ende nimmt.«
»Das wollen wir, wollen euch dabei Hilf und Handhabung tun, wie wir
wissen und können,« sprach Engelhard, und Schenk von Erbach gelobte
dasselbe.
Bligger drückte den beiden die Hand und sagte: »Dessen habe ich mich
auch wohl zu euch versehen. Euer Rat und Beistand ebnet uns am besten
die Wege zur Minneburg.« Seine heimliche Sendung des horoskopstellenden
Juden und seine Hoffnungen, die er für den guten Fortgang des
Unternehmens auf die gestern entdeckte Neigung seines Sohnes zu
Julianens Tochter setzte, verschwieg er den Freunden.
Otto von Hirschhorn aber lächelte und sprach: »Mit der einen Hälfte des
großen Kunststücks seid ihr ja nun, eurer Meinung nach, glücklich im
reinen und habt beschlossen: Juliane hat sich sofort in Hans Landschad
sterblich zu verlieben! Wie steht es denn aber nun mit der anderen
Hälfte? Welche Praktiken wollt ihr anwenden, um Hans in euer Netz zu
locken, wenn er sich seiner Verheiratung hartnäckig widersetzt?«
»Das ist allerdings der schwierigste Punkt in der Rechnung,« mußte
Bligger zugeben.
»Wenn sich die beiden, wie du sagst, schon früher gern gemocht haben,
so ist doch anzunehmen, daß sich ihre Herzen auch jetzt wieder
zusammenfinden, und jetzt erst recht,« meinte Schenk von Erbach.
»Das ist lange her und muß ganz eingeschlafen sein; sonst hätte er
schon längst wieder eine Anknüpfung mit ihr gesucht,« erwiderte
Bligger. »Wir müssen also äußerst behutsam zu Werke gehen und ihm mit
aller List die Schlinge zu seinem Glück legen.«
»Höre, Bligger,« fuhr Engelhard heraus, »unserem braven Hans gegenüber
wollen mir die Schliche und Winkelzüge nicht gefallen. Ich schlage
vor, wir sagen ihm die Wahrheit über das Recht der Hagestolze grad ins
Gesicht und erklären ihm kurz und bündig: Du heiratest so schnell wie
möglich Juliane Rüdt von Kollenberg, oder dich soll der leibhaftige --«
»Ums Himmels willen nicht!« fiel ihm Bligger in die Rede, »damit wäre
alles verdorben. Hans wäre imstande, flugs zu satteln und spornstreichs
in die weite Welt hinauszureiten, wenn er das geringste von unserem
Vorhaben mit ihm merkte. Nein, er muß von selber darauf kommen, sein
Herz muß erst anfangen, sich zu regen und sich für Juliane zu erwärmen;
von uns kann er nur heimlich und leise, ohne daß er es ahnt, darauf
hingelenkt werden. Vorerst werde ich Mühe haben, ihn zur Führung der
Verhandlungen mit ihr zu bewegen; geht er aber darauf ein, so können
wir das übrige getrost Frau Julianen überlassen; die wird ihn schon zu
fangen wissen, sobald sie selber nur erst angebissen hat.«
»Nun gut,« sprach Engelhard, »so wollen wir tun, was du verlangst. Du
mußt es am besten wissen, und Euch Landschaden geht es am nächsten
an. Ich werde gelegentlich nach Stolzeneck reiten und Albrecht von
Erlickheim in alles einweihen.«
Nach so verlaufener Abrede schüttelten alle sich die Hände zur
Bekräftigung ihres Einverständnisses. Beschlossen hatten sie eigentlich
wenig, aber in dem Wenigen waren sie vollkommen einig. Sie betrachteten
es als eine Grundbedingung ihrer ritterlich ungebundenen Freiheit,
daß der Kurfürst-Pfalzgraf hier nicht zu Besitz, zu Macht und Einfluß
gelangte. Um dies zu verhindern, verbanden sie sich einmütig, als gälte
es einen Kampf auf Leben und Tod, einem der ihrigen, mochte er sich
noch so sehr dagegen sträuben, den Ehering an den Finger zu zwängen. Es
war kein Zweifel und kein Schwanken mehr; die Unterredung endete mit
dem Wunsche und dem Willen aller: Hans Landschad muß Juliane Rüdt von
Kollenberg zur Frau nehmen!
»Und jetzt kommt, Freunde!« sagte der Burgherr, »laßt uns sehen, was
die Hausfrau gekocht hat. Aber bei Tische kein Wort von der Geschichte!
der Mädchen wegen.«
Er führte sie in ein anderes Gemach, wo der Mittagstisch gedeckt stand
und sowohl Katharina mit ihren beiden Töchtern, wie auch Agnes, Konrads
schlanke Gemahlin, der Herren bereits warteten. Nach gegenseitiger
Begrüßung nahm die Gesellschaft Platz und ließ sich das reichliche
Mahl unter heiteren Gesprächen und manchem fröhlichen Zutrunk trefflich
munden. Nachdem es beendet, zogen sich die Frauen und Mädchen zurück,
aber die Männer blieben noch sitzen und begannen ein scharfes Zechen.