Burkhard stand auf und fragte: »Was verlangt Graf Thierstein?«

»Daß Du ihm Urfehde schwörst, weiter nichts. Willst Du das thun?«

Burkhard zuckte, und seine Brust arbeitete heftig. Noch einmal bäumte

der alte Trotz sich widerspenstig auf, und die Zunge sträubte sich, das

bindende Wort auszusprechen. Dann aber kam es ihm kurz und bündig von

den Lippen: »Ja, ich will es thun.«

Schmasman reichte ihm die Hand und sprach: »Nun wird die weiße Frau

nicht wiederkommen, Burkhard.«

Burkhard aber seufzte: »Jetzt erst, Schmasman, bin ich überwunden und

besiegt. Bis zu diesem Augenblicke war ich es nicht.«

»Und von diesem Augenblick an bist Du frei.«

»Gehe hin zum Grafen Oswald und sage ihm, daß ich den Schwur leisten

will.«

»Noch nicht,« erwiederte Schmasman. »Erst noch eine Frage, und gieb

mir ehrlich Antwort darauf! Sind wir beide wieder Freunde, wie wir es

waren?«

»Wir sind's und wollen's bleiben, Schmasman, komm her!« Er öffnete die

Arme, so weit er es mit dem einen, noch ungelenken, konnte, und sie

drückten, beide tief bewegt, einander an die Brust.

»Jetzt geh' ich,« sagte Schmasman, »und hole Dir die Freiheit.«

Burkhard war allein und stand am Fenster. Sinnend schaute er hinab auf

Berg und Thal, auf Wald und Flur. Dann reckte und streckte er sich wie

ein aus langem, erquickendem Schlummer Erwachender, mit neuer Kraft

Gestärkter und sprach tief aufathmend zu sich selber: »Frei! frei! aber

es brauchte einen starken Ruck, diese Fesseln abzuschütteln.«

Bald kehrte Schmasman zurück, und Oswald kam mit ihm. Ein Zittern ging

durch Burkhards Körper, als er den Grafen erblickte.

»Herr von Rathsamhausen,« begann Oswald, »Graf Maximin hat mir eine

erfreuliche Botschaft gebracht --«

»Laßt es uns kurz machen, Herr Graf!« unterbrach ihn Burkhard

ungeduldig, »ich weiß, was Ihr fordert, und gehe den Pakt ein. Hier

stehe ich vor Euch und schwöre bei Gott dem Allwissenden ewige Urfehde.

Ich gelobe, Euch niemals wieder anzufeinden, mich niemals an Euch zu

rächen, mit Euch Frieden zu halten bis an meines Lebens Ende.«

Oswald erwiederte: »Mit diesem Handschlag nehme ich den Frieden an,

den Ihr mir bietet, und auch ich will ihn treulich halten. Ich will

vergessen, was Ihr gegen mich im Schilde führtet, als hätt' ich nie

davon gewußt. Ihr habt es gebüßt, und mit dem Blute, das Ihr vergossen,

ist es gesühnt und ausgelöscht. Herr Burkhard von Rathsamhausen, Ihr

seid frei. Ziehet mit Gott, wohin es Euch beliebt. Aber,« fügte er

hinzu, Burkhards Rechte auch mit seiner anderen Hand umfassend, »wie

ich hier Eure Hand mit meinen Händen umspanne, so möchte ich auch Euch

selber noch halten. Gewährt mir eine Bitte! Bleibt noch zwei Tage mein

Gast, laßt Eure Gemahlin und Euren Sohn kommen und Ihr, Schmasman, alle

die Eurigen, auf daß wir den Frieden hier in Gegenwart der uns liebsten

Zeugen mit einem festlichen Trunke besiegeln.«

Burkhard, der Oswalds Worte von dem Vergessenwollen mit finsterer Miene

angehört hatte, schaute bei dem Schlusse der Rede betroffen auf, als

traute er seinen Ohren nicht. Statt hochmüthiger Herablassung kam ihm

aus dem Munde des Grafen ein freundlicher Antrag entgegen, der ihn aufs

Höchste überraschte, fast verwirrte. Oswalds Gast sollte er sein, bei

seinem bis vor Kurzem noch bitter gehaßten Gegner mit den Seinigen und

den Rappoltsteinern fröhlich tafeln und bechern. Wie ein Fest wollte

der Graf seine Erlösung feiern. In diesen plötzlichen Wechsel seiner

Lage konnte er sich so schnell nicht finden. Er stand wie bestürzt,

dachte nach und schüttelte leise das Haupt. »Das ist zuviel verlangt,

-- das kann ich nicht,« sprach er halblaut.

»Warum nicht, Burkhard? bleibe hier!« redete ihm Schmasman zu. »Auch

wir ertränken dann den Drachen der Zwietracht, der den Weg von

Rathsamhausen nach Rappoltstein versperrte.«

Burkhard schwankte noch immer, und es ward ihm sehr schwer, sich zu

entschließen. Aber Oswalds versöhnliche Ansprache war ihm doch zu

Herzen gedrungen und hatte dort mit ihrem warmen, zutraulichen Ton

einen lebendigen Widerhall erweckt. Die großen Aufregungen der letzten

Tage und Nächte, die wie Stürme über ihn dahingebraust waren, hatten

ein Wunder an ihm gethan und eine entschiedene Wandlung seines Sinnes

bewirkt. Nun reichte er dem Thiersteiner wieder die Hand, die er ihm

schon entzogen hatte, und sagte mit einer nicht zu verbergenden inneren

Bewegung: »Es geschehe nach Eurem Wunsch und Willen, Herr Graf! Ihr

habt mich in wahrhaft ritterlicher Haft gehalten, werdet es mir aber

nachfühlen, daß ich glücklich bin, frei zu werden, und in meiner Freude

darüber gelingt es mir auch vielleicht, an Eurem Tische mit den Frohen

froh zu sein. Schickt hin nach Ottrott und laßt sie kommen.«

»Das war wohlgesprochen, Herr Burkhard!« erwiederte Oswald, »Herni soll

reiten, daß die Funken stieben. Morgen Mittag müssen sie hier sein.«

»Von den Meinigen soll keiner fehlen, ich bringe sie alle mit,« rief

Schmasman in Freuden.

»Und nun kommt zu meiner Frau!« sprach Oswald, nahm Burkhards Arm und

führte selber seinen Gefangenen hinaus in die Freiheit.

Die Hohkönigsburg: Eine Fehdegeschichte aus dem Wasgau · 第 46 / 49 题