Das Wiedersehen Burkhards mit Denen, die sich heute zum Friedensmahl
auf der Hohkönigsburg versammelten, hatte anfänglich etwas Bedrückendes
für ihn. Waren sie doch Alle, mit Ausnahme von Gattin und Sohn, seine
Gegner gewesen und wußten, daß er dem Grafen Oswald hatte Urfehde
schwören müssen. Er schämte sich seiner Demüthigung, wie er bei sich
selber sein Nachgeben nannte, das doch nach fehderechtlicher Auffassung
durchaus nichts Ehrenrühriges hatte. Daher waren Alle bestrebt, ihm
über seine Befangenheit möglichst schnell hinwegzuhelfen, am meisten
Graf Oswald, der in seiner Freude, ihn los zu werden und fortan Ruh und
Frieden vor ihm zu haben, all seine Liebenswürdigkeit und ritterliche
Gastfreundschaft aufbot, ihn in eine behagliche Stimmung zu versetzen.
Stephania umfing ihren Gemahl mit gerührter Zärtlichkeit, seelensfroh,
ihn frei und genesen wiederzuhaben, hoffentlich auch geheilt von der
ehrgeizigen Eroberungssucht, die ihm Feinde auf den Hals gezogen und
ihn in Gefahr und Noth gestürzt hatte. Sie hoffte das nur, sprach es
aber nicht aus. Dann ging sie auf Herzelande zu und schloß auch diese
in die Arme, ihr zuraunend, wie glücklich sie wäre, daß nun Alles
wieder in Rück und Schick zwischen ihnen sei, worin ihr Herzelande
aufrichtig beistimmte.
Allmählich ward es Burkhard freier und sicherer zu Muthe, und als ihm
Wilhelm von Rappoltstein die Hand reichte, sagte er schon ganz heiter:
»Schlägst eine wackere Klinge, Wilhelm! das war ein Meisterhieb, schwer
abzufangen; ich werde ihn mir merken und nächstens einmal anwenden.«
»Was? nächstens anwenden? Er denkt schon wieder an kämpfen und
fechten,« lachte Imagina, die daneben stand. »Jetzt sitzt Ihr erst
einmal ein paar Wochen still, Herr Burkhard, ehe Ihr wieder eine neue
Fehde anfangt!«
Das war, außer Burkhards eigenem Bekenntniß gegenüber Wilhelm, die
einzige Anspielung auf das jüngst Vergangene, die heute fiel. Aber er
nahm sie gut auf und antwortete: »Ihr seid auch Eine, die nicht Frieden
halten kann, immer kampflustig zum Angriff mit der stichelnden Zunge.«
»Das ist die Lanze der Frauen,« sprach Imagina, »und es muß ein sehr
dickes Fell sein, durch das sie nicht eindränge.«
»Ach Gott ja! mich habt Ihr schon viel zu tief ins Herz getroffen.«
»Aber sie kann auch die Wunden heilen, die sie schlägt,« lächelte
Imagina. »Heute gefallt ihr mir, Herr Burkhard. Ihr steigt in meiner
Gunst und Gnade.«
»Verwöhnt mich nur nicht!« erwiederte er lachend.
Auch mit allen Anderen wechselte er freundliche Worte und fand sich
dadurch bald in den angeschlagenen Ton einer fröhlichen Eintracht
zwanglos hinein. Er schien heut ein ganz anderer Mensch zu sein, in
welchem man den widerhaarigen, streitlustigen Muckebold gar nicht
wiedererkannte, als hätten die reinigenden Gewitter der gemachten
Erfahrungen eine rauhe, stachlichte Schale von ihm abgestreift, so daß
der von einem schweren Drucke befreite gute Kern, der darin steckte, zu
Tage kam.
Im Speisesaal waren die Plätze klug und geschickt vertheilt, indem,
was feindlich gegen einander gewesen war, jetzt in bunter Reihe
friedlich bei einander saß. Sicherlich war es Leontinens Praktik, daß
sich Bruno und Isabella Seite an Seite und dem Brautpaar gegenüber
fanden. Gräfin Margarethe hatte von jedem Prunk und Pomp auf der Tafel
Abstand genommen, um der Gasterei unter Vermeidung aller feierlichen
Äußerlichkeiten und Förmlichkeiten mehr die Gestalt und das Wesen eines
traulichen Freundschafts- und Familienmahles zu geben. Nur die größten
und schönsten Pokale aus dem Thierstein'schen Silberschatz hatte sie
für den besten der Weine und für den herzenseinigenden, treuegelobenden
Friedenstrunk aufsetzen lassen.
Beim dritten Gange erhob sich Graf Oswald und hieß -- noch nicht den
vor ihm stehenden Prachtpokal, sondern einen bescheideneren Becher in
der Hand -- seine Gäste mit beredten und warmen Worten willkommen,
ohne jedoch die Veranlassung zu ihrem Hiersein zu berühren oder
auch nur anzudeuten, und schloß mit dem Wunsche, daß sie ihm recht
oft Gelegenheit geben möchten, sie als liebe Gäste an seinem Tische
begrüßen zu können.
Graf Wilhelm von Rappoltstein dankte in Aller Namen ihm und der Gräfin
Margarethe für ihre Gastfreundschaft und machte in launiger Weise
darauf aufmerksam, daß sie beide, er und Oswald, so nahe Nachbarn
wären, daß sie sich gegenseitig in die Fenster sehen könnten, was von
den anderen Rappoltstein'schen und den Ottrotter Schlössern nicht
möglich wäre. Und sintemal es von Hohrappoltstein nach Hohkönigsburg
genau so weit wäre wie von Hohkönigsburg nach Hohrappoltstein, so
hoffte er, daß die verehrte Familie Thierstein auch recht bald einmal
über seine Brücke reiten würde, was ihm Oswald gern versprach.
Nicht lange darauf schien dem Grafen Oswald der rechte Augenblick
gekommen, seinem bevorzugten Gaste hier eine überaus freudige
Überraschung zu bereiten, deren sich dieser wahrlich heute nicht versah.
Er ging aus dem Saale hinaus und kam wieder zurück, in den hoch
erhobenen Händen Burkhards Eule tragend.
Burkhard war sprachlos, als er sie erblickte. Sein Gesicht verklärte
sich in einen Freudenschimmer, und seine Augen strahlten und glänzten,
als wollten Thränen daraus hervorquellen.
Oswald schritt um den Tisch herum auf ihn zu und sprach: »Ich habe Euch
die Eule vom Haupte gestoßen, Herr Burkhard, ich setze sie Euch jetzt
wieder auf. Seid gekrönt mit Eurem ehrwürdigen Erbkleinod und tragt es
noch recht oft bei frohen Gelagen im Kreise Eurer Freunde!«
Burkhard, die Eule auf dem Kopfe, erhob sich und schüttelte, vergeblich
nach Worten des Dankes suchend, dem Grafen beide Hände.
Der ergötzliche und unter den obwaltenden Umständen bedeutsame Vorgang
rief lauten Jubel hervor, denn Alle wußten, eine größere Freude als die
Wiedererlangung seiner Eule hätte dem über ihren Verlust Untröstlichen
nicht widerfahren können.
Burkhard stand noch immer aufrecht, und als sich der Tumult am Tische
gelegt hatte, hub er an zu sprechen: »Ich weiß nicht, Graf Oswald, wie
ich Euch danken soll, daß Ihr mir wiedergebt, was ich so schmerzlich
vermißt habe. Erinnert Euch, was ich sagte, als ich mit der Eule auf
dem Kopfe im Rathskeller zu Rappoltsweiler erschien. Ich sagte, daß sie
ihrem Träger die Macht und das Recht verliehe, die Wahrheit zu erkunden
und zu verkünden und frank und frei auszusprechen, was er denkt und
fühlt. Laßt mich das auch heute thun. Aber nicht wieder drohen will ich
Euch, nicht mit Euch streiten, denn ich habe Euch Burgfrieden gelobt
und bin Euch Dank schuldig. Euer Gefangener war ich, Euer Gast bin
ich, und werden möchte ich noch etwas Anderes. Wundert Euch nicht über
den raschen Wandel meiner Gesinnung; das kommt Einem an in der Nacht,
man weiß nicht wie. Ich will Euch die Wahrheit sagen, denn mit der
Eule auf dem Kopfe kann ich nicht heucheln und lügen. Nichts hält mich
ab, in diesen Mauern und in dieser Gesellschaft offen und ehrlich zu
bekennen, daß ich von einem bösen Wahn befallen war. Er ist für immer
entschwunden, wie vom Winde verweht, der um diese Höhe braust und Nebel
und Wolken verscheucht. Ihr wünschtet mir vorhin, daß ich diesen alten
Hut noch recht oft im Kreise meiner Freunde tragen möchte. In einem
solchen Kreise befinde ich mich hier und will Euch künden, was in
diesem Augenblicke mein Herz bewegt. Es ist der Wunsch, Euer Freund zu
werden, wenn Ihr mich dessen werth haltet und auch der meinige werden
wollt. Hier meine Hand! nehmt Ihr sie an, Graf Oswald?«
»Und hier die meine!« rief Oswald aufstehend und in Burkhards Rechte
schlagend.
»Darf ich als Dritter auch die meinige dazu legen?« fragte, sich
erhebend, Wilhelm von Thierstein.
»Sie ist mir willkommen, Graf Wilhelm!« erwiederte Burkhard und reichte
auch ihm die Hand über den Tisch hinüber.
Es war ein fast feierliches Ereigniß, das Allen ans Herz griff, die
seine Zeugen waren, und ringsum an der Tafel ward eine Stille, die aber
nichts Beklemmendes hatte, sondern sich wie eine segensvolle Weihe der
Stunde auf die Gemüther legte.
Burkhard nahm nun die Eule vom Haupte und blickte sich suchend um, wo
er sie lassen sollte.
Da sprach die ihm zur Rechten sitzende Gräfin Margarethe: »Wollt Ihr
mir erlauben, Herr von Rathsamhausen, Euren zaubermächtigen Federhut
einmal näher zu betrachten?«
»Sehr gern, Frau Gräfin!« erwiederte Burkhard verbindlich und reichte
ihr die Eule.
»Gebt sie dann weiter! wir kennen sie auch noch nicht,« bat eine der
Frauen.
So ging denn die Eule bei den Damen am Tische herum, und die eine und
andere machte ihre Bemerkungen über die wunderliche Kopfbedeckung.
»Die Eule ist der Vogel der Weisheit,« sagte Gräfin Katharina, »aber ob
es wohl immer weise Worte sind, die von den Herren gesprochen werden,
wenn sie beim Weine von Haupt zu Haupte schwebt?«
»Im Wein ist Wahrheit,« rief ihr Gräfin Elisabeth zu, »und wenn unter
dem Schutz und Schirm dieses Eulenhutes sich Weisheit und Wahrheit
vereint offenbaren, so ist er mehr werth als eine Königskrone.«
Als der Hut an Imagina kam, setzte sie ihn sich auf ihr blondes
Köpfchen und sah mit ihrem blühenden, lachenden Antlitz unter dem
großäugigen Kauz entzückend aus.
»So!« sprach sie, »jetzt habe _ich_ die Eule auf dem Kopfe, und nun
will ich euch Wahrheit und Weisheit zugleich verkünden. Höret mich an!
Hier an diesem Tische befinden sich zwei Herzen, die heimlich in Liebe
und Sehnsucht für einander schlagen. Das ist die Wahrheit. Weisheit
aber wäre es, wenn wir die Sehnsucht der Beiden stillten und sie zu
ihres Lebens höchstem Glück zusammengäben.« Sie stand auf und fuhr mit
lauter Stimme fort: »Lieber Schwager Maximin von Rappoltstein, ich
werbe bei Dir für den Jungherrn Bruno von Rathsamhausen um die Hand
Deiner Tochter Isabella.«
Die allgemeine Freude der Gesellschaft war weit größer als ihr
Erstaunen über diese Erklärung aus dem Munde Imagina's, die man
als eine Vielwissende in Herzensangelegenheiten kannte. Überrascht
davon waren nur Burkhard und Stephania, die nun einen hellen Blick
zufriedenen Einverständnisses mit einander wechselten.
Schmasman aber erhob sich und sprach: »Bruno und Isabella, ich frage
euch: hat Imagina die Wahrheit gesprochen?«
»Ja!« kam es laut von Bruno's und leise von Isabella's Lippen.
Schmasman sprach weiter: »Herzelande, ich frage Dich: hast Du gegen
Imagina's Weisheit etwas einzuwenden?«
»Nein, lieber Mann!«
Nun ging Schmasman zu den zwei Liebenden, legte ihre Hände in
einander und sagte: »Hier hast Du sie, und hier hast Du ihn! Glückauf
Rathsamhausen und Rappoltstein!«
Jauchzende Glückwünsche ergossen sich von allen Seiten auf die unsagbar
Beseligten. Egenolf und Leontine stürzten sich förmlich auf das neue
Brautpaar, es in die Arme zu schließen.
Auf einmal ertönten feierliche Klänge, und Alles lauschte.
Oben an der Wand des Saales war ein kleiner Altan mit einer Thür, die
in die nebenliegende Kapelle und zu den Sitzen führte, auf denen die
Familie des Schloßherren dem Gottesdienste beizuwohnen pflegte. Zu
diesem Gestühl gelangte man von der Kapelle aus auf einer Wendeltreppe,
und aus der offenen Thür dort kamen die Töne, ein liebliches
Saitenspiel, von einem sanften Blasen begleitet.
Als die noch Unsichtbaren ihr Stück beendet hatten, rief Graf Oswald
hinauf: »Wer seid ihr Spielleute? zeigt euch!«
Da erschienen oben auf dem Altan Hans Loder und Seppele von Ottrott,
die Günstlinge der Rappoltstein'schen und Rathsamhausen'schen Familien,
und hinter ihnen als Dritter der Thierstein'sche Vertrauensmann,
Ottfried Isinger, der die beiden Anderen da hinaufgeführt hatte.
Isinger, der von Herni erfahren hatte, was im Werke war, hatte
schnell Hans Loder eingeladen, das oben im Palas stattfindende
Versöhnungsfest bei ihm in der Schmiede mitzufeiern. Loder aber hatte
durch einen äußerst glücklichen Zufall seinen Freund Seppele mit der
Laute getroffen und ihn beredet, mitzukommen, mitzutrinken und den
Herrschaften bei der Tafel ein Stücklein aufzuspielen, zu welchem
Zwecke er auch seine Trumpete mitgenommen hatte.
Die Gesellschaft unten im Saale rief und winkte den Spielleuten da oben
Beifall zu und forderte sie auf, noch eins zum Besten zu geben, was
sie, auf dem Altan stehen bleibend, auch thaten.
Nun endlich sollten die großen, schönen Pokale zur Geltung kommen und
wurden mit dem edelsten Rappoltsweiler Zahnacker gefüllt.
Da erhob sich Schmasman von seinem Sitz und sprach: »Liebe Freunde
allzumal! ich bin der Älteste hier, darum ergreife ich das Wort,
um bei diesem duftigen Wasgenwein der Ursach zu gedenken, die uns
hier so fröhlich zusammengeführt hat. Es ist der zwischen uns aus
Herzensgrund geschlossene Friede, den wir nach altem deutschen Brauch
mit einem festlichen Trunke beglaubigen und besiegeln wollen. Fortan
wird Eintracht unter uns walten, durch alte Bande der Freundschaft
gestützt, durch neue Gelübde der Liebe gestärkt und durch Wort und
Handschlag gefestet. Kommt ein Sturm über den Wasgau daher, so werden
wir ihn Schulter an Schulter bestehen, und Jeder von uns wird wissen,
daß er Bundsbrüder und Freunde hat, die ihn in Gefahr und Noth nimmer
verlassen. Mögen wir und unsre Lehnsleute, unsere Burgen, unsere
Wälder und Felder und Rebengelände vor allem Unheil gnädig bewahrt
bleiben! Und diesem alten, so glänzend wieder auferbauten Schlosse
Hohkönigsburg das von zwei mächtigen deutschen Kaisergeschlechtern,
den Hohenstaufen und den Habsburgern, nach einander beherrscht und
behütet ist, dem wünsche ich eine lang dauernde, ruhmreiche Zukunft
und seinen Lehnsträgern ein kräftiges, fröhliches Blühen und Gedeihen
bis in die spätesten kommenden Zeiten. Fest wie die Mauern und Thürme
der Hohkönigsburg stehe das Glück der Thiersteiner, weit sichtbar
im Lande wie das flatternde Banner auf dem Bergfried mit den sieben
rothen Rauten im goldenen Felde, und unantastbar wie ihr ehrenblanker
Wappenschild beschirme sie der dreimal gesegnete Friede! Der stolzen,
herrlichen Hohkönigsburg weihe ich diesen Trunk!«
An der ganzen Tafelrunde klangen die Pokale zusammen, Hände schüttelten
sich, Heil- und Segensrufe ertönten, und oben auf dem Altan schmetterte
der Pfeiferkönig Hans Loder mit seiner Trumpete darein, und Seppele
von Ottrott ließ dazu die Saiten seiner Laute schwirren und rauschen,
während Isinger, seine Kappe schwenkend, wie besessen schrie:
»Thierstein, Rappoltstein, Rathsamhausen! Rathsamhausen, Thierstein,
Rappoltstein!«
Die Strahlen der Abendsonne vergoldeten die ragenden Zinnen der
Hohkönigsburg und bis zum Rheine hin leuchtend thronte sie auf ihrem
mächtigen Berge über dem friedlich ruhenden Wasgau.
[Illustration]