XXXI.

Das Wiedersehen Burkhards mit Denen, die sich heute zum Friedensmahl

auf der Hohkönigsburg versammelten, hatte anfänglich etwas Bedrückendes

für ihn. Waren sie doch Alle, mit Ausnahme von Gattin und Sohn, seine

Gegner gewesen und wußten, daß er dem Grafen Oswald hatte Urfehde

schwören müssen. Er schämte sich seiner Demüthigung, wie er bei sich

selber sein Nachgeben nannte, das doch nach fehderechtlicher Auffassung

durchaus nichts Ehrenrühriges hatte. Daher waren Alle bestrebt, ihm

über seine Befangenheit möglichst schnell hinwegzuhelfen, am meisten

Graf Oswald, der in seiner Freude, ihn los zu werden und fortan Ruh und

Frieden vor ihm zu haben, all seine Liebenswürdigkeit und ritterliche

Gastfreundschaft aufbot, ihn in eine behagliche Stimmung zu versetzen.

Stephania umfing ihren Gemahl mit gerührter Zärtlichkeit, seelensfroh,

ihn frei und genesen wiederzuhaben, hoffentlich auch geheilt von der

ehrgeizigen Eroberungssucht, die ihm Feinde auf den Hals gezogen und

ihn in Gefahr und Noth gestürzt hatte. Sie hoffte das nur, sprach es

aber nicht aus. Dann ging sie auf Herzelande zu und schloß auch diese

in die Arme, ihr zuraunend, wie glücklich sie wäre, daß nun Alles

wieder in Rück und Schick zwischen ihnen sei, worin ihr Herzelande

aufrichtig beistimmte.

Allmählich ward es Burkhard freier und sicherer zu Muthe, und als ihm

Wilhelm von Rappoltstein die Hand reichte, sagte er schon ganz heiter:

»Schlägst eine wackere Klinge, Wilhelm! das war ein Meisterhieb, schwer

abzufangen; ich werde ihn mir merken und nächstens einmal anwenden.«

»Was? nächstens anwenden? Er denkt schon wieder an kämpfen und

fechten,« lachte Imagina, die daneben stand. »Jetzt sitzt Ihr erst

einmal ein paar Wochen still, Herr Burkhard, ehe Ihr wieder eine neue

Fehde anfangt!«

Das war, außer Burkhards eigenem Bekenntniß gegenüber Wilhelm, die

einzige Anspielung auf das jüngst Vergangene, die heute fiel. Aber er

nahm sie gut auf und antwortete: »Ihr seid auch Eine, die nicht Frieden

halten kann, immer kampflustig zum Angriff mit der stichelnden Zunge.«

»Das ist die Lanze der Frauen,« sprach Imagina, »und es muß ein sehr

dickes Fell sein, durch das sie nicht eindränge.«

»Ach Gott ja! mich habt Ihr schon viel zu tief ins Herz getroffen.«

»Aber sie kann auch die Wunden heilen, die sie schlägt,« lächelte

Imagina. »Heute gefallt ihr mir, Herr Burkhard. Ihr steigt in meiner

Gunst und Gnade.«

»Verwöhnt mich nur nicht!« erwiederte er lachend.

Auch mit allen Anderen wechselte er freundliche Worte und fand sich

dadurch bald in den angeschlagenen Ton einer fröhlichen Eintracht

zwanglos hinein. Er schien heut ein ganz anderer Mensch zu sein, in

welchem man den widerhaarigen, streitlustigen Muckebold gar nicht

wiedererkannte, als hätten die reinigenden Gewitter der gemachten

Erfahrungen eine rauhe, stachlichte Schale von ihm abgestreift, so daß

der von einem schweren Drucke befreite gute Kern, der darin steckte, zu

Tage kam.

Im Speisesaal waren die Plätze klug und geschickt vertheilt, indem,

was feindlich gegen einander gewesen war, jetzt in bunter Reihe

friedlich bei einander saß. Sicherlich war es Leontinens Praktik, daß

sich Bruno und Isabella Seite an Seite und dem Brautpaar gegenüber

fanden. Gräfin Margarethe hatte von jedem Prunk und Pomp auf der Tafel

Abstand genommen, um der Gasterei unter Vermeidung aller feierlichen

Äußerlichkeiten und Förmlichkeiten mehr die Gestalt und das Wesen eines

traulichen Freundschafts- und Familienmahles zu geben. Nur die größten

und schönsten Pokale aus dem Thierstein'schen Silberschatz hatte sie

für den besten der Weine und für den herzenseinigenden, treuegelobenden

Friedenstrunk aufsetzen lassen.

Beim dritten Gange erhob sich Graf Oswald und hieß -- noch nicht den

vor ihm stehenden Prachtpokal, sondern einen bescheideneren Becher in

der Hand -- seine Gäste mit beredten und warmen Worten willkommen,

ohne jedoch die Veranlassung zu ihrem Hiersein zu berühren oder

auch nur anzudeuten, und schloß mit dem Wunsche, daß sie ihm recht

oft Gelegenheit geben möchten, sie als liebe Gäste an seinem Tische

begrüßen zu können.

Graf Wilhelm von Rappoltstein dankte in Aller Namen ihm und der Gräfin

Margarethe für ihre Gastfreundschaft und machte in launiger Weise

darauf aufmerksam, daß sie beide, er und Oswald, so nahe Nachbarn

wären, daß sie sich gegenseitig in die Fenster sehen könnten, was von

den anderen Rappoltstein'schen und den Ottrotter Schlössern nicht

möglich wäre. Und sintemal es von Hohrappoltstein nach Hohkönigsburg

genau so weit wäre wie von Hohkönigsburg nach Hohrappoltstein, so

hoffte er, daß die verehrte Familie Thierstein auch recht bald einmal

über seine Brücke reiten würde, was ihm Oswald gern versprach.

Nicht lange darauf schien dem Grafen Oswald der rechte Augenblick

gekommen, seinem bevorzugten Gaste hier eine überaus freudige

Überraschung zu bereiten, deren sich dieser wahrlich heute nicht versah.

Er ging aus dem Saale hinaus und kam wieder zurück, in den hoch

erhobenen Händen Burkhards Eule tragend.

Burkhard war sprachlos, als er sie erblickte. Sein Gesicht verklärte

sich in einen Freudenschimmer, und seine Augen strahlten und glänzten,

als wollten Thränen daraus hervorquellen.

Oswald schritt um den Tisch herum auf ihn zu und sprach: »Ich habe Euch

die Eule vom Haupte gestoßen, Herr Burkhard, ich setze sie Euch jetzt

wieder auf. Seid gekrönt mit Eurem ehrwürdigen Erbkleinod und tragt es

noch recht oft bei frohen Gelagen im Kreise Eurer Freunde!«

Burkhard, die Eule auf dem Kopfe, erhob sich und schüttelte, vergeblich

nach Worten des Dankes suchend, dem Grafen beide Hände.

Der ergötzliche und unter den obwaltenden Umständen bedeutsame Vorgang

rief lauten Jubel hervor, denn Alle wußten, eine größere Freude als die

Wiedererlangung seiner Eule hätte dem über ihren Verlust Untröstlichen

nicht widerfahren können.

Burkhard stand noch immer aufrecht, und als sich der Tumult am Tische

gelegt hatte, hub er an zu sprechen: »Ich weiß nicht, Graf Oswald, wie

ich Euch danken soll, daß Ihr mir wiedergebt, was ich so schmerzlich

vermißt habe. Erinnert Euch, was ich sagte, als ich mit der Eule auf

dem Kopfe im Rathskeller zu Rappoltsweiler erschien. Ich sagte, daß sie

ihrem Träger die Macht und das Recht verliehe, die Wahrheit zu erkunden

und zu verkünden und frank und frei auszusprechen, was er denkt und

fühlt. Laßt mich das auch heute thun. Aber nicht wieder drohen will ich

Euch, nicht mit Euch streiten, denn ich habe Euch Burgfrieden gelobt

und bin Euch Dank schuldig. Euer Gefangener war ich, Euer Gast bin

ich, und werden möchte ich noch etwas Anderes. Wundert Euch nicht über

den raschen Wandel meiner Gesinnung; das kommt Einem an in der Nacht,

man weiß nicht wie. Ich will Euch die Wahrheit sagen, denn mit der

Eule auf dem Kopfe kann ich nicht heucheln und lügen. Nichts hält mich

ab, in diesen Mauern und in dieser Gesellschaft offen und ehrlich zu

bekennen, daß ich von einem bösen Wahn befallen war. Er ist für immer

entschwunden, wie vom Winde verweht, der um diese Höhe braust und Nebel

und Wolken verscheucht. Ihr wünschtet mir vorhin, daß ich diesen alten

Hut noch recht oft im Kreise meiner Freunde tragen möchte. In einem

solchen Kreise befinde ich mich hier und will Euch künden, was in

diesem Augenblicke mein Herz bewegt. Es ist der Wunsch, Euer Freund zu

werden, wenn Ihr mich dessen werth haltet und auch der meinige werden

wollt. Hier meine Hand! nehmt Ihr sie an, Graf Oswald?«

»Und hier die meine!« rief Oswald aufstehend und in Burkhards Rechte

schlagend.

»Darf ich als Dritter auch die meinige dazu legen?« fragte, sich

erhebend, Wilhelm von Thierstein.

»Sie ist mir willkommen, Graf Wilhelm!« erwiederte Burkhard und reichte

auch ihm die Hand über den Tisch hinüber.

Es war ein fast feierliches Ereigniß, das Allen ans Herz griff, die

seine Zeugen waren, und ringsum an der Tafel ward eine Stille, die aber

nichts Beklemmendes hatte, sondern sich wie eine segensvolle Weihe der

Stunde auf die Gemüther legte.

Burkhard nahm nun die Eule vom Haupte und blickte sich suchend um, wo

er sie lassen sollte.

Da sprach die ihm zur Rechten sitzende Gräfin Margarethe: »Wollt Ihr

mir erlauben, Herr von Rathsamhausen, Euren zaubermächtigen Federhut

einmal näher zu betrachten?«

»Sehr gern, Frau Gräfin!« erwiederte Burkhard verbindlich und reichte

ihr die Eule.

»Gebt sie dann weiter! wir kennen sie auch noch nicht,« bat eine der

Frauen.

So ging denn die Eule bei den Damen am Tische herum, und die eine und

andere machte ihre Bemerkungen über die wunderliche Kopfbedeckung.

»Die Eule ist der Vogel der Weisheit,« sagte Gräfin Katharina, »aber ob

es wohl immer weise Worte sind, die von den Herren gesprochen werden,

wenn sie beim Weine von Haupt zu Haupte schwebt?«

»Im Wein ist Wahrheit,« rief ihr Gräfin Elisabeth zu, »und wenn unter

dem Schutz und Schirm dieses Eulenhutes sich Weisheit und Wahrheit

vereint offenbaren, so ist er mehr werth als eine Königskrone.«

Als der Hut an Imagina kam, setzte sie ihn sich auf ihr blondes

Köpfchen und sah mit ihrem blühenden, lachenden Antlitz unter dem

großäugigen Kauz entzückend aus.

»So!« sprach sie, »jetzt habe _ich_ die Eule auf dem Kopfe, und nun

will ich euch Wahrheit und Weisheit zugleich verkünden. Höret mich an!

Hier an diesem Tische befinden sich zwei Herzen, die heimlich in Liebe

und Sehnsucht für einander schlagen. Das ist die Wahrheit. Weisheit

aber wäre es, wenn wir die Sehnsucht der Beiden stillten und sie zu

ihres Lebens höchstem Glück zusammengäben.« Sie stand auf und fuhr mit

lauter Stimme fort: »Lieber Schwager Maximin von Rappoltstein, ich

werbe bei Dir für den Jungherrn Bruno von Rathsamhausen um die Hand

Deiner Tochter Isabella.«

Die allgemeine Freude der Gesellschaft war weit größer als ihr

Erstaunen über diese Erklärung aus dem Munde Imagina's, die man

als eine Vielwissende in Herzensangelegenheiten kannte. Überrascht

davon waren nur Burkhard und Stephania, die nun einen hellen Blick

zufriedenen Einverständnisses mit einander wechselten.

Schmasman aber erhob sich und sprach: »Bruno und Isabella, ich frage

euch: hat Imagina die Wahrheit gesprochen?«

»Ja!« kam es laut von Bruno's und leise von Isabella's Lippen.

Schmasman sprach weiter: »Herzelande, ich frage Dich: hast Du gegen

Imagina's Weisheit etwas einzuwenden?«

»Nein, lieber Mann!«

Nun ging Schmasman zu den zwei Liebenden, legte ihre Hände in

einander und sagte: »Hier hast Du sie, und hier hast Du ihn! Glückauf

Rathsamhausen und Rappoltstein!«

Jauchzende Glückwünsche ergossen sich von allen Seiten auf die unsagbar

Beseligten. Egenolf und Leontine stürzten sich förmlich auf das neue

Brautpaar, es in die Arme zu schließen.

Auf einmal ertönten feierliche Klänge, und Alles lauschte.

Oben an der Wand des Saales war ein kleiner Altan mit einer Thür, die

in die nebenliegende Kapelle und zu den Sitzen führte, auf denen die

Familie des Schloßherren dem Gottesdienste beizuwohnen pflegte. Zu

diesem Gestühl gelangte man von der Kapelle aus auf einer Wendeltreppe,

und aus der offenen Thür dort kamen die Töne, ein liebliches

Saitenspiel, von einem sanften Blasen begleitet.

Als die noch Unsichtbaren ihr Stück beendet hatten, rief Graf Oswald

hinauf: »Wer seid ihr Spielleute? zeigt euch!«

Da erschienen oben auf dem Altan Hans Loder und Seppele von Ottrott,

die Günstlinge der Rappoltstein'schen und Rathsamhausen'schen Familien,

und hinter ihnen als Dritter der Thierstein'sche Vertrauensmann,

Ottfried Isinger, der die beiden Anderen da hinaufgeführt hatte.

Isinger, der von Herni erfahren hatte, was im Werke war, hatte

schnell Hans Loder eingeladen, das oben im Palas stattfindende

Versöhnungsfest bei ihm in der Schmiede mitzufeiern. Loder aber hatte

durch einen äußerst glücklichen Zufall seinen Freund Seppele mit der

Laute getroffen und ihn beredet, mitzukommen, mitzutrinken und den

Herrschaften bei der Tafel ein Stücklein aufzuspielen, zu welchem

Zwecke er auch seine Trumpete mitgenommen hatte.

Die Gesellschaft unten im Saale rief und winkte den Spielleuten da oben

Beifall zu und forderte sie auf, noch eins zum Besten zu geben, was

sie, auf dem Altan stehen bleibend, auch thaten.

Nun endlich sollten die großen, schönen Pokale zur Geltung kommen und

wurden mit dem edelsten Rappoltsweiler Zahnacker gefüllt.

Da erhob sich Schmasman von seinem Sitz und sprach: »Liebe Freunde

allzumal! ich bin der Älteste hier, darum ergreife ich das Wort,

um bei diesem duftigen Wasgenwein der Ursach zu gedenken, die uns

hier so fröhlich zusammengeführt hat. Es ist der zwischen uns aus

Herzensgrund geschlossene Friede, den wir nach altem deutschen Brauch

mit einem festlichen Trunke beglaubigen und besiegeln wollen. Fortan

wird Eintracht unter uns walten, durch alte Bande der Freundschaft

gestützt, durch neue Gelübde der Liebe gestärkt und durch Wort und

Handschlag gefestet. Kommt ein Sturm über den Wasgau daher, so werden

wir ihn Schulter an Schulter bestehen, und Jeder von uns wird wissen,

daß er Bundsbrüder und Freunde hat, die ihn in Gefahr und Noth nimmer

verlassen. Mögen wir und unsre Lehnsleute, unsere Burgen, unsere

Wälder und Felder und Rebengelände vor allem Unheil gnädig bewahrt

bleiben! Und diesem alten, so glänzend wieder auferbauten Schlosse

Hohkönigsburg das von zwei mächtigen deutschen Kaisergeschlechtern,

den Hohenstaufen und den Habsburgern, nach einander beherrscht und

behütet ist, dem wünsche ich eine lang dauernde, ruhmreiche Zukunft

und seinen Lehnsträgern ein kräftiges, fröhliches Blühen und Gedeihen

bis in die spätesten kommenden Zeiten. Fest wie die Mauern und Thürme

der Hohkönigsburg stehe das Glück der Thiersteiner, weit sichtbar

im Lande wie das flatternde Banner auf dem Bergfried mit den sieben

rothen Rauten im goldenen Felde, und unantastbar wie ihr ehrenblanker

Wappenschild beschirme sie der dreimal gesegnete Friede! Der stolzen,

herrlichen Hohkönigsburg weihe ich diesen Trunk!«

An der ganzen Tafelrunde klangen die Pokale zusammen, Hände schüttelten

sich, Heil- und Segensrufe ertönten, und oben auf dem Altan schmetterte

der Pfeiferkönig Hans Loder mit seiner Trumpete darein, und Seppele

von Ottrott ließ dazu die Saiten seiner Laute schwirren und rauschen,

während Isinger, seine Kappe schwenkend, wie besessen schrie:

»Thierstein, Rappoltstein, Rathsamhausen! Rathsamhausen, Thierstein,

Rappoltstein!«

Die Strahlen der Abendsonne vergoldeten die ragenden Zinnen der

Hohkönigsburg und bis zum Rheine hin leuchtend thronte sie auf ihrem

mächtigen Berge über dem friedlich ruhenden Wasgau.

[Illustration]

Die Hohkönigsburg: Eine Fehdegeschichte aus dem Wasgau · 第 47 / 49 题