Um die Morgendämmerung erwachte Burkhard aus einem kurzen Schlummer,
athemkeuchend, schweißgebadet. Ihm hatte von der weißen Frau geträumt,
die auf Schloß Rathsamhausen ihr gespenstisches, Unglück voraussagendes
Wesen trieb. Es ward ihm bald klar bewußt, daß es nur ein Traum gewesen
war, nichts weiter; aber er nahm, was er im Schlafe gesehen, für eine
Botschaft aus der anderen Welt, für eine Ankündigung des Besuches jener
unheimlichen Nachtwandlerin, deren Erscheinen unfehlbar seinen nahen
Tod bedeuten würde.
Ihm grauste. Mit bebenden Lippen flüsterte er: »Sie kommt, und nun zum
dritten Male. Ihrem Willen soll ich gehorchen, nicht dem meinigen, und
ich weiß, was sie von mir verlangt. Zweimal habe ich mich ihrem Befehle
widersetzt, das dritte Mal wär' es umsonst, dagegen giebt es keinen
Einspruch mehr.«
Doch lag er noch eine Zeit lang in unstetem Schwanken zwischen
Widerstand und Ergebung. Endlich aber, entschlossen, zu thun, was er
bis heute für unmöglich gehalten hatte, erhob er sich, kleidete sich
an und konnte kaum abwarten, daß sein Wärter kam, ihm das Frühmahl zu
bringen, obschon ihn wahrlich nicht nach Speis' und Trank gelüstete.
Dem aufmerksamen Diener fiel sogleich bei seinem Eintritt das
verstörte, fieberhafte Aussehen des im Zimmer unruhvoll Umherirrenden
auf, und er fragte: »Was fehlt Euch, Herr? seid Ihr krank? habt Ihr
eine schlechte Nacht gehabt?«
Burkhard schüttelte und gebot ihm: »Geh zu Deinem Herrn, Drotmund, und
sag' ihm, ich ließe ihn inständig bitten, einen reitenden Boten zum
Grafen Maximin von Rappoltstein zu schicken mit dem Ersuchen an ihn,
heute noch zu mir herauf zu kommen.«
»Nun ist's entschieden,« sprach er, als der Diener hinaus war. »Wäre
nur erst Alles überstanden! dies ist der schwerste Tag meines Lebens.
Als ein Gedemüthigter werde ich von der Hohkönigsburg abziehen, auf
der ich zu herrschen gedachte. Wär' ich nur erst aus ihren Mauern
heraus! nie sollen sie mich wiedersehen. Was wird Schmasman sagen? wird
er nicht spotten und lachen über mich? mir ins Gesicht wohl nicht,
aber hinter meinem Rücken. Und wie protzig wird sich der Thiersteiner
gehaben, wenn er mich in Gnaden entläßt! Auch das muß ich tragen, -- o
Freiheit, du wirst theuer bezahlt!«
Ohne Verzug geschah, was der Gefangene so dringlich erbeten, und
als der entsandte Knecht seinen Auftrag auf der St. Ulrichsburg
ausgerichtet hatte, erklärte sich Schmasman auf der Stelle bereit,
Burkhards Wunsch zu erfüllen. Er ließ satteln und ritt eilig ab.
Was war vorgefallen, daß Burkhard seiner begehrte, seiner bedurfte
und ihn, den er in so verletzender Weise seiner Wege zu gehen
geheißen hatte, jetzt selber zu sich rufen ließ? Es mußte etwas
Außerordentliches, Wichtiges sein, was den Halsstarrigen zu diesem
ihm gewiß nicht leicht gewordenen Schritte getrieben hatte. Ein Zwist
mit Oswald, in welchem er den Schiedsrichter machen sollte? oder --
Schmasman wagte kaum, es zu hoffen -- ein plötzlicher Umschlag seines
Willens, weil er des Eingesperrtseins überdrüssig und von einem nicht
mehr zu bändigenden Freiheitsdrange bewältigt war? Von einem Beweggrund
auf den andern rathend ritt Schmasman zur Hohkönigsburg hinauf, wo er
im Laufe des Vormittages eintraf.
Nach einer kurzen Zwiesprach mit dem Grafen Oswald, der ihm zwar
keine Auskunft über Burkhards Verlangen ertheilen konnte, ihn jedoch
unter der einen, ihm bekannten Bedingung zu jedem Abkommen mit diesem
bevollmächtigte, begab er sich zu dem, der seiner harrte.
Burkhard empfing ihn in einer Erregung, die er vergeblich zu bemeistern
suchte. Er ging ihm entgegen, bot ihm die Hand und sagte: »Sei mir
willkommen, Schmasman, und habe Dank! Du findest heut einen Andern
hier, als der war, der sich vor Wochen im Zorne von Dir abwandte.
Verzeihe mir die bösen Worte, die ich Dir zu hören gab, sie thun mir
jetzt bitter leid.« Nur ein noch festerer Handdruck war Schmasmans
Antwort darauf. »Du hattest mir versprochen, wiederzukommen, wenn ich
Dich riefe, und wirst Dir wohl denken können, warum ich Dich heute zu
mir bitten ließ.«
Schmasman blickte den vor ihm Stehenden forschend an und sagte dann:
»Du willst frei werden, Burkhard, nicht wahr?«
»Ja, Schmasman, ich will frei werden, mag es kosten, was es will!«
klang es fest und bestimmt wie ein unwiderruflicher Spruch aus
Burkhards Innerstem heraus. »Ich werde irrsinnig im Käfig; lieber todt
in der Gruft als lebendig in der Gefangenschaft.«
»Ich wußt' es wohl, mein armer Freund, daß Du es auf die Dauer nicht
aushalten würdest,« erwiederte Schmasman, selber ergriffen von dem Ton,
in dem der Andere sprach. »Nur die Freiheit ist das Element, worin Du
athmen kannst.«
Burkhard nickte: »Setze Dich und höre mich an! ich habe Dir viel zu
sagen.«
Als sich beide gegenüber saßen, ward es Burkhard schwer, den Anfang
zu machen. Es schien ein Druck auf ihm zu liegen, der ihm die Brust
beengte, und aus seinem Blicke sprach eine gewisse Scheu, als zögerte
er mit einem geheimnißvollen Geständniß, das er sich erst von der
Seele losringen müßte. Endlich begann er, noch immer mit seiner
tiefen Erregung kämpfend: »Jost von Müllenheim war bei mir und hat
mir gesagt, daß die Fehde aus ist, weil meine Verbündeten nicht mehr
gegen euch kämpfen wollen. Damit ist mir, von Allen verlassen, jede
Hoffnung genommen, auf andere Weise frei zu werden, als -- als wenn
ich mich unterwerfe. So unsagbar schwer es mir auch wird, bin ich doch
entschlossen dazu, weil ich muß, denn ich thue es nicht freiwillig.
Ich würde meinen Stolz bis zum letzten Athemzuge bewahren und lieber
als Besiegter mit Ehren zu Grunde gehen als, vom Tode gezeichnet wie
ein Baum im Forste von der Axt des Fällers, um Gnade bitten. Aber
etwas Furchtbares, schauerlich Ahnungsvolles drückt mich zu Boden.
Nicht ihr, Schmasman, habt mich im Kampf überwunden und bezwungen, das
haben dunkle Mächte gethan, gegen die ein Sterblicher nicht aufkommt.
Vergeblich haben sie mich gewarnt, vergeblich habe ich ihnen getrotzt,
sie blieben die stärkeren und haben meine Kraft gebrochen. Noch keinem
Menschen hab' ich es gesagt, Du allein sollst es wissen. -- Schmasman,
mir ist in Rathsamhausen die weiße Frau erschienen.«
Schmasman fuhr bei dem zuletzt Vernommenen unwillkürlich auf seinem
Stuhle zusammen, unterbrach den Mittheilsamen aber mit keinem Worte,
und Burkhard sprach weiter: »In zwei Nächten ist sie zu mir gekommen;
kein Traum war es, kein Blendwerk, keine Einbildung; ich lag wach
und war klar bei Sinnen. Deutlich hab ich sie beim Dämmerlicht des
Mondes im Zimmer aus dem Dunkel hervorkommen sehen. In langem, weißem
Gewande, mit marmorbleichem Gesicht und aufgelöstem Haar schwebte
sie lautlos, als berührten ihre Füße den Boden nicht, auf mich zu,
blieb vor meinem Bette stehen, und mich mit ihren weit geöffneten
Todtenaugen starr anblickend erhob sie drohend die Rechte gegen mich,
bewegte wie verneinend das Haupt und glitt dann langsam wieder in den
Schatten zurück, aus dem sie gekommen war. Sprechen, sie anrufen konnte
ich nicht, mir war die Zunge wie gelähmt, und ich rührte mich nicht.
Das geschah in der Nacht vor dem Tage, da ich meinen Brief an Dich
abschickte. Wohl war ich erschrocken, wohl schwankte ich am Morgen, was
ich thun oder lassen sollte, aber mein Grimm und -- ich gesteh's --
meine Gier waren zu groß und gewannen die Oberhand über das Grauen. Ich
schlug die mitternächtige Warnung in den Wind und sandte den Boten mit
dem Brief an Dich ab.«
Hier machte Burkhard eine Pause, als müßte er Athem schöpfen, und fuhr
dann fort: »Zum zweiten Male kam sie in der Nacht vor dem Ausrücken zum
Kampfe. Diesmal erschien mir die Gestalt größer, ihr Arm höher gereckt,
ihr Blick drohender, sonst war ihr Nahen und Verschwinden genau so wie
beim ersten Male. Du kannst Dir wohl denken, Schmasman, daß mich dieser
zweite Besuch noch mehr erschütterte als der erste. Allein was sollte
ich thun? Die Befehle zum Aufbruch waren ertheilt und Alles bereit.
Ich schämte mich vor meinen Bundesgenossen, Alles wieder rückgängig zu
machen und damit Furcht und Feigheit zu verrathen, die mir sehr fern
lagen, zumal das erste Erscheinen der Grabentstiegenen kein Unglück im
Gefolge gehabt hatte. So achtete ich denn auch dieser zweiten Warnung
nicht und zog mit unseren gewaffneten Schaaren aus. Aber da ereilte
mich das Unheil nun doch, Du weißt ja wie. Und seit ich hier oben
gefangen sitze, werde ich die Erinnerung an die beiden Schreckensnächte
nicht aus den Gedanken los. Ich habe mit zähem Muth und mannhafter
Beherztheit dagegen angekämpft, aber vergeblich; eine innere Stimme
flüstert mir beständig zu: hüte dich vor dem dritten Kommen der weißen
Frau! sie wird dich suchen, dich bis hierher verfolgen und dich auch
hier zu finden wissen; erscheint sie dir zum dritten Male, so bringt
sie dir unrettbar Tod und Verderben. Und diese Nacht, Schmasman,
diese Nacht hab' ich sie im Traume gesehen, nicht wirklich wie in
Rathsamhausen, sondern nur als ein Traumbild. Ich weiß es genau, daß
es nur ein Traum war, aber er ist mir ein Wink von oben, daß sie bald
selber auch zum dritten Male kommen wird, und dann -- dann ist's um
mich geschehn. Denk an den doppelten, tödtlichen Pfeilschuß der zwei
Brüder Rathsamhausen, denen sie unmittelbar vorher drei Nächte hinter
einander erschienen war. So bin ich ihrem Bann verfallen, mit meiner
Kraft am Rande und zu keinem Widerstande mehr fähig. Macht mit mir, was
ihr wollt, ich bin zu Allem bereit.«
Er schwieg, lehnte sich erschöpft in seinen Stuhl zurück und trocknete
sich die perlende Stirn.
Schmasman erhob sich und sprach, seine Hand auf des alten Freundes
Schulter legend: »Dein Schicksal ist es, Burkhard, das Dich mit
Geisterhauch und Grausen wach rüttelt, damit Du seinen Willen thust,
ehe es Dich nach seinen unwandelbaren Gesetzen verderben und
vernichten muß. Ich lobe Deinen Entschluß, nachzugeben, denn er ist
Deine einzige Rettung. Heute hat mir Graf Oswald Vollmacht ertheilt,
in seinem Namen mit Dir Frieden zu schließen, wenn Du die einzige
Bedingung erfüllst, die er Dir auferlegt.«