XXX.

Um die Morgendämmerung erwachte Burkhard aus einem kurzen Schlummer,

athemkeuchend, schweißgebadet. Ihm hatte von der weißen Frau geträumt,

die auf Schloß Rathsamhausen ihr gespenstisches, Unglück voraussagendes

Wesen trieb. Es ward ihm bald klar bewußt, daß es nur ein Traum gewesen

war, nichts weiter; aber er nahm, was er im Schlafe gesehen, für eine

Botschaft aus der anderen Welt, für eine Ankündigung des Besuches jener

unheimlichen Nachtwandlerin, deren Erscheinen unfehlbar seinen nahen

Tod bedeuten würde.

Ihm grauste. Mit bebenden Lippen flüsterte er: »Sie kommt, und nun zum

dritten Male. Ihrem Willen soll ich gehorchen, nicht dem meinigen, und

ich weiß, was sie von mir verlangt. Zweimal habe ich mich ihrem Befehle

widersetzt, das dritte Mal wär' es umsonst, dagegen giebt es keinen

Einspruch mehr.«

Doch lag er noch eine Zeit lang in unstetem Schwanken zwischen

Widerstand und Ergebung. Endlich aber, entschlossen, zu thun, was er

bis heute für unmöglich gehalten hatte, erhob er sich, kleidete sich

an und konnte kaum abwarten, daß sein Wärter kam, ihm das Frühmahl zu

bringen, obschon ihn wahrlich nicht nach Speis' und Trank gelüstete.

Dem aufmerksamen Diener fiel sogleich bei seinem Eintritt das

verstörte, fieberhafte Aussehen des im Zimmer unruhvoll Umherirrenden

auf, und er fragte: »Was fehlt Euch, Herr? seid Ihr krank? habt Ihr

eine schlechte Nacht gehabt?«

Burkhard schüttelte und gebot ihm: »Geh zu Deinem Herrn, Drotmund, und

sag' ihm, ich ließe ihn inständig bitten, einen reitenden Boten zum

Grafen Maximin von Rappoltstein zu schicken mit dem Ersuchen an ihn,

heute noch zu mir herauf zu kommen.«

»Nun ist's entschieden,« sprach er, als der Diener hinaus war. »Wäre

nur erst Alles überstanden! dies ist der schwerste Tag meines Lebens.

Als ein Gedemüthigter werde ich von der Hohkönigsburg abziehen, auf

der ich zu herrschen gedachte. Wär' ich nur erst aus ihren Mauern

heraus! nie sollen sie mich wiedersehen. Was wird Schmasman sagen? wird

er nicht spotten und lachen über mich? mir ins Gesicht wohl nicht,

aber hinter meinem Rücken. Und wie protzig wird sich der Thiersteiner

gehaben, wenn er mich in Gnaden entläßt! Auch das muß ich tragen, -- o

Freiheit, du wirst theuer bezahlt!«

Ohne Verzug geschah, was der Gefangene so dringlich erbeten, und

als der entsandte Knecht seinen Auftrag auf der St. Ulrichsburg

ausgerichtet hatte, erklärte sich Schmasman auf der Stelle bereit,

Burkhards Wunsch zu erfüllen. Er ließ satteln und ritt eilig ab.

Was war vorgefallen, daß Burkhard seiner begehrte, seiner bedurfte

und ihn, den er in so verletzender Weise seiner Wege zu gehen

geheißen hatte, jetzt selber zu sich rufen ließ? Es mußte etwas

Außerordentliches, Wichtiges sein, was den Halsstarrigen zu diesem

ihm gewiß nicht leicht gewordenen Schritte getrieben hatte. Ein Zwist

mit Oswald, in welchem er den Schiedsrichter machen sollte? oder --

Schmasman wagte kaum, es zu hoffen -- ein plötzlicher Umschlag seines

Willens, weil er des Eingesperrtseins überdrüssig und von einem nicht

mehr zu bändigenden Freiheitsdrange bewältigt war? Von einem Beweggrund

auf den andern rathend ritt Schmasman zur Hohkönigsburg hinauf, wo er

im Laufe des Vormittages eintraf.

Nach einer kurzen Zwiesprach mit dem Grafen Oswald, der ihm zwar

keine Auskunft über Burkhards Verlangen ertheilen konnte, ihn jedoch

unter der einen, ihm bekannten Bedingung zu jedem Abkommen mit diesem

bevollmächtigte, begab er sich zu dem, der seiner harrte.

Burkhard empfing ihn in einer Erregung, die er vergeblich zu bemeistern

suchte. Er ging ihm entgegen, bot ihm die Hand und sagte: »Sei mir

willkommen, Schmasman, und habe Dank! Du findest heut einen Andern

hier, als der war, der sich vor Wochen im Zorne von Dir abwandte.

Verzeihe mir die bösen Worte, die ich Dir zu hören gab, sie thun mir

jetzt bitter leid.« Nur ein noch festerer Handdruck war Schmasmans

Antwort darauf. »Du hattest mir versprochen, wiederzukommen, wenn ich

Dich riefe, und wirst Dir wohl denken können, warum ich Dich heute zu

mir bitten ließ.«

Schmasman blickte den vor ihm Stehenden forschend an und sagte dann:

»Du willst frei werden, Burkhard, nicht wahr?«

»Ja, Schmasman, ich will frei werden, mag es kosten, was es will!«

klang es fest und bestimmt wie ein unwiderruflicher Spruch aus

Burkhards Innerstem heraus. »Ich werde irrsinnig im Käfig; lieber todt

in der Gruft als lebendig in der Gefangenschaft.«

»Ich wußt' es wohl, mein armer Freund, daß Du es auf die Dauer nicht

aushalten würdest,« erwiederte Schmasman, selber ergriffen von dem Ton,

in dem der Andere sprach. »Nur die Freiheit ist das Element, worin Du

athmen kannst.«

Burkhard nickte: »Setze Dich und höre mich an! ich habe Dir viel zu

sagen.«

Als sich beide gegenüber saßen, ward es Burkhard schwer, den Anfang

zu machen. Es schien ein Druck auf ihm zu liegen, der ihm die Brust

beengte, und aus seinem Blicke sprach eine gewisse Scheu, als zögerte

er mit einem geheimnißvollen Geständniß, das er sich erst von der

Seele losringen müßte. Endlich begann er, noch immer mit seiner

tiefen Erregung kämpfend: »Jost von Müllenheim war bei mir und hat

mir gesagt, daß die Fehde aus ist, weil meine Verbündeten nicht mehr

gegen euch kämpfen wollen. Damit ist mir, von Allen verlassen, jede

Hoffnung genommen, auf andere Weise frei zu werden, als -- als wenn

ich mich unterwerfe. So unsagbar schwer es mir auch wird, bin ich doch

entschlossen dazu, weil ich muß, denn ich thue es nicht freiwillig.

Ich würde meinen Stolz bis zum letzten Athemzuge bewahren und lieber

als Besiegter mit Ehren zu Grunde gehen als, vom Tode gezeichnet wie

ein Baum im Forste von der Axt des Fällers, um Gnade bitten. Aber

etwas Furchtbares, schauerlich Ahnungsvolles drückt mich zu Boden.

Nicht ihr, Schmasman, habt mich im Kampf überwunden und bezwungen, das

haben dunkle Mächte gethan, gegen die ein Sterblicher nicht aufkommt.

Vergeblich haben sie mich gewarnt, vergeblich habe ich ihnen getrotzt,

sie blieben die stärkeren und haben meine Kraft gebrochen. Noch keinem

Menschen hab' ich es gesagt, Du allein sollst es wissen. -- Schmasman,

mir ist in Rathsamhausen die weiße Frau erschienen.«

Schmasman fuhr bei dem zuletzt Vernommenen unwillkürlich auf seinem

Stuhle zusammen, unterbrach den Mittheilsamen aber mit keinem Worte,

und Burkhard sprach weiter: »In zwei Nächten ist sie zu mir gekommen;

kein Traum war es, kein Blendwerk, keine Einbildung; ich lag wach

und war klar bei Sinnen. Deutlich hab ich sie beim Dämmerlicht des

Mondes im Zimmer aus dem Dunkel hervorkommen sehen. In langem, weißem

Gewande, mit marmorbleichem Gesicht und aufgelöstem Haar schwebte

sie lautlos, als berührten ihre Füße den Boden nicht, auf mich zu,

blieb vor meinem Bette stehen, und mich mit ihren weit geöffneten

Todtenaugen starr anblickend erhob sie drohend die Rechte gegen mich,

bewegte wie verneinend das Haupt und glitt dann langsam wieder in den

Schatten zurück, aus dem sie gekommen war. Sprechen, sie anrufen konnte

ich nicht, mir war die Zunge wie gelähmt, und ich rührte mich nicht.

Das geschah in der Nacht vor dem Tage, da ich meinen Brief an Dich

abschickte. Wohl war ich erschrocken, wohl schwankte ich am Morgen, was

ich thun oder lassen sollte, aber mein Grimm und -- ich gesteh's --

meine Gier waren zu groß und gewannen die Oberhand über das Grauen. Ich

schlug die mitternächtige Warnung in den Wind und sandte den Boten mit

dem Brief an Dich ab.«

Hier machte Burkhard eine Pause, als müßte er Athem schöpfen, und fuhr

dann fort: »Zum zweiten Male kam sie in der Nacht vor dem Ausrücken zum

Kampfe. Diesmal erschien mir die Gestalt größer, ihr Arm höher gereckt,

ihr Blick drohender, sonst war ihr Nahen und Verschwinden genau so wie

beim ersten Male. Du kannst Dir wohl denken, Schmasman, daß mich dieser

zweite Besuch noch mehr erschütterte als der erste. Allein was sollte

ich thun? Die Befehle zum Aufbruch waren ertheilt und Alles bereit.

Ich schämte mich vor meinen Bundesgenossen, Alles wieder rückgängig zu

machen und damit Furcht und Feigheit zu verrathen, die mir sehr fern

lagen, zumal das erste Erscheinen der Grabentstiegenen kein Unglück im

Gefolge gehabt hatte. So achtete ich denn auch dieser zweiten Warnung

nicht und zog mit unseren gewaffneten Schaaren aus. Aber da ereilte

mich das Unheil nun doch, Du weißt ja wie. Und seit ich hier oben

gefangen sitze, werde ich die Erinnerung an die beiden Schreckensnächte

nicht aus den Gedanken los. Ich habe mit zähem Muth und mannhafter

Beherztheit dagegen angekämpft, aber vergeblich; eine innere Stimme

flüstert mir beständig zu: hüte dich vor dem dritten Kommen der weißen

Frau! sie wird dich suchen, dich bis hierher verfolgen und dich auch

hier zu finden wissen; erscheint sie dir zum dritten Male, so bringt

sie dir unrettbar Tod und Verderben. Und diese Nacht, Schmasman,

diese Nacht hab' ich sie im Traume gesehen, nicht wirklich wie in

Rathsamhausen, sondern nur als ein Traumbild. Ich weiß es genau, daß

es nur ein Traum war, aber er ist mir ein Wink von oben, daß sie bald

selber auch zum dritten Male kommen wird, und dann -- dann ist's um

mich geschehn. Denk an den doppelten, tödtlichen Pfeilschuß der zwei

Brüder Rathsamhausen, denen sie unmittelbar vorher drei Nächte hinter

einander erschienen war. So bin ich ihrem Bann verfallen, mit meiner

Kraft am Rande und zu keinem Widerstande mehr fähig. Macht mit mir, was

ihr wollt, ich bin zu Allem bereit.«

Er schwieg, lehnte sich erschöpft in seinen Stuhl zurück und trocknete

sich die perlende Stirn.

Schmasman erhob sich und sprach, seine Hand auf des alten Freundes

Schulter legend: »Dein Schicksal ist es, Burkhard, das Dich mit

Geisterhauch und Grausen wach rüttelt, damit Du seinen Willen thust,

ehe es Dich nach seinen unwandelbaren Gesetzen verderben und

vernichten muß. Ich lobe Deinen Entschluß, nachzugeben, denn er ist

Deine einzige Rettung. Heute hat mir Graf Oswald Vollmacht ertheilt,

in seinem Namen mit Dir Frieden zu schließen, wenn Du die einzige

Bedingung erfüllst, die er Dir auferlegt.«

Die Hohkönigsburg: Eine Fehdegeschichte aus dem Wasgau · 第 45 / 49 题