Graf Oswald besann sich nicht lange, was er antworten sollte, als
ihm einige Tage später die unerwartete Ankunft Josts von Müllenheim
gemeldet wurde, der durch Isinger anfragen ließ, ob ihm der Herr Graf
eine Besprechung unter vier Augen mit Burkhard verstatten wolle.
»Führe Herrn von Müllenheim zu mir herauf,« befahl er dem Stallmeister.
»Soll ich das Löwenthor hinter ihm schließen lassen?« frug Isinger.
»Nein, ich gewähre dem Ritter freies Geleit ein und aus. Sag' ihm das!«
erwiederte der Graf.
Müllenheim hatte sich in seinem Vertrauen zu Oswalds ritterlicher
Gesinnung nicht getäuscht, als er sich davor sicher glaubte, daß dieser
ihn als noch unbefriedeten Gegner festhalten und einlegen könnte.
Oswald empfing ihn höflich wie einen Gast mit der zuvorkommenden
Anrede: »Die Erfüllung Eures Wunsches ist selbstverständlich, Herr von
Müllenheim, in der Voraussetzung, daß Ihr mit Herrn von Rathsamhausen
nicht neue feindliche Pläne gegen mich schmieden wollt.«
»Keineswegs will ich das, Herr Graf!« versicherte Müllenheim. »Das
Gegentheil davon ist die Veranlassung meines Erscheinens hier.«
»Desto angenehmer ist mir Euer Besuch,« sprach Oswald. »Darf ich Euch
zu meinem wenig umgänglichen Gefangenen führen? ich werde Euch mit ihm
allein lassen.«
Müllenheim verbeugte sich dankend und sagte: »Vorher nur noch ein Wort
zur Aufklärung! Wisset, Herr Graf: erst nach dem Gefecht haben wir von
Eurem Vergleich mit Maximin von Rappoltstein Kunde erhalten.«
»Graf Maximin hat ihn Euch verschwiegen?« frug Oswald verwundert.
»Nicht Maximin; er hat ihn Burkhard brieflich mitgetheilt. Dieser aber
hat ihn uns, seinen Bundesgenossen, verheimlicht.«
»Das ist -- verzeiht! eine ganz unverantwortliche Handlungsweise,«
konnte Graf Oswald nicht umhin zu bemerken.
»Der Meinung bin auch ich,« stimmte Müllenheim zu. »Alles wäre anders
gekommen, wenn wir das gewußt hätten. Aber Burkhard verfolgte seine
eigenen Zwecke, die er uns verbarg.«
»Und hofft Ihr ihn bekehren zu können, daß er nun einen anderen Weg
einschlägt?«
Müllenheim zuckte die Achseln. »Meine Neuigkeiten werden ihm wenig
gefallen.«
»Was Ihr auch mit ihm zu reden haben möget, ich wünsche Euch einen
besseren Empfang bei ihm, als sich Schmasman dessen zu rühmen hatte,«
sprach Oswald.
»War Schmasman hier?«
»Ja, und Herr Burkhard hat ihm die Thür gewiesen.«
»Die Thür gewiesen? Na, das sollte der Grobsack mal bei mir versuchen!«
lachte Müllenheim mit drohender Geberde. In verbindlichem Tone fügte er
dann hinzu: »Darf ich nun bitten, Herr Graf?«
Oswald führte den Unerschrockenen bis vor Burkhards Gemach und
verabschiedete sich dort von ihm. --
»Sei mir gegrüßt, Burkhard!« sprach Müllenheim, als er eintrat.
»Jost! Gottwillkommen!« rief Burkhard, dem Freunde entgegeneilend
und ihm die Hand reichend. »Als wir uns zuletzt sahen, warst Du ein
Gefangener wie ich; bist Du es noch? etwa bei den Rappoltsteinern? und
haben sie Dir auf Ehrenwort Urlaub gegeben, mich zu besuchen? viel
Gunst und Gnade von den hochedlen Herren!«
»Ich bin frei und komme gerades Weges von Girbaden, um Dir zu sagen --«
»Daß die Fehde guten Fortgang nimmt?« unterbrach ihn Burkhard freudig.
»Das hör' ich gern.«
»Hast's aber noch nicht gehört und wirst's auch nicht zu hören
bekommen,« sagte Müllenheim. »Die Fehde ist aus, Burkhard.«
»Jost! -- Die Fehde ist aus? was soll das heißen?« fragte Burkhard, wie
durch einen kalten Wassersturz ernüchtert und den Überbringer dieser
Hiobspost steif und starr anblickend.
»Wir waren nach dem Gefecht im Weilerthal Alle bei Dietrich von
Lützelstein auf der Frankenburg versammelt und haben uns dort nach
gründlicher Berathung dahin geeinigt, mit Rappoltstein und Thierstein
Frieden zu schließen, weil eine Fortsetzung des Kampfes nicht möglich
ist,« erwiederte Müllenheim ernst und bestimmt. »Ich komme nun, um Dich
zu bewegen, ebenfalls Deinen Frieden mit ihnen zu machen, damit Du frei
wirst.«
»Da hättest Du ruhig zu Hause bleiben können; denn das thu ich nicht,«
entgegnete Burkhard hochmüthig. »O ihr Treulosen! ihr -- was sag' ich?
ihr --«
»Nimm kein Blatt vor den Mund! ich bin etwas gewöhnt von Dir,« sprach
Müllenheim gelassen.
»Also zu Kreuze kriechen wollt ihr, euch ducken und demüthigen vor Dem
hier, feig und erbärmlich!«
»Jetzt sag' ich: hüte Deine Zunge, Burkhard! feig sind wir nicht,« gab
ihm Müllenheim in rasch aufwallender Erregung zur Antwort.
»Feig seid ihr!« schrie Burkhard borstig und schlug derb mit der Faust
auf den Tisch, an dem sie beide saßen.
Aber Müllenheim hieb noch fester auf und schrie noch lauter: »Sind wir
nicht! Du hast falsches Spiel mit uns getrieben --«
Burkhard wollte wüthend auffahren.
»-- hast falsches Spiel mit uns getrieben,« wiederholte Müllenheim
zornsprühend, »hast uns hinterlistig verhohlen, welchen vernünftigen
und guten Vergleich Schmasman mit dem Thiersteiner abgeschlossen hat,
obwohl Du es wußtest, denn Schmasman hat es Dir geschrieben. Selbst
mir hast Du diese wichtige Nachricht vorenthalten, als ich noch vor
Beginn der Fehde bei Dir war. Ist das freundschaftlich, ist das ehrlich
gehandelt? nein! tausendmal nein!«
»Ich habe Schmasmans Brief in meinem Ärger gleich nach dem Lesen
verbrannt, weiß gar nicht mehr recht, was darin gestanden hat,«
erwiederte Burkhard verlegen.
»O so etwas vergißt man nicht, und Du hattest bisher kein so
durchlässiges Gedächtniß,« höhnte Müllenheim. »Meinst Du, wir wüßten
nicht, warum Du es uns Allen verheimlicht hast? Weil Du uns mißbrauchen
wolltest für Deinen ehrgeizigen Plan. Wir sollten uns für Dich an der
Schildmauer der Hohkönigsburg die Schädel einrennen, damit Du über uns
hinweg hier einziehen könntest als siegreicher Feldherr und Eroberer.«
»Du hast meinen Plan gekannt und gebilligt.«
»Gebilligt? niemals! gewarnt hab' ich Dich, und nie wäre es zu
dieser Fehde gekommen, wenn Du uns reinen Wein eingeschenkt hättest
statt uns so schmählich zu hintergehen. Du hattest, was Du mir
ebenfalls verschwiegen hast, Schmasman versichert und gelobt, keine
Sonderabsichten auf die Hohkönigsburg zu haben und hattest sie doch
damals schon. Wie nennst Du das? ich habe nur ein Wort dafür, -- willst
Du es hören?«
»Sollte Thiersteins Beleidigung gegen mich ungerächt bleiben?«
erwiederte Burkhard ausweichend, weil er das Wort doch lieber nicht
hören wollte.
»Steigt ihr Zwei doch auf die Gäule, legt die Lanzen auf einander
ein und zerschrotet euch mit den Klingen Helm und Harnisch,« rief
Müllenheim. »Ich will mit Vergnügen zusehen, wenn es zwischen euch
splittert und kracht.«
Burkhard stand auf und durchmaß das geräumige Zimmer kreuz und quer
mit unruhigen, hastigen Schritten. Er wußte gegen Müllenheims ihm
schonungslos ins Gesicht geschleuderte Vorwürfe nichts Stichhaltiges zu
seiner Entschuldigung vorzubringen und würgte an den bitteren Pillen
zum Ersticken.
Als er minutenlang geschwiegen hatte, fing Müllenheim wieder an:
»Ich frage Dich, Burkhard, was soll aus Dir werden? Willst Du in
Deinem überspannten Trotz hier verschimmeln und verfaulen statt
Dir die Freiheit mit einem billigen Nachgeben zu erkaufen? Deinem
alten Waffenbruder Schmasman hast Du schnöde die Thür gewiesen, die
er Dir durch seine Vermittelung öffnen wollte. Wir Anderen rühren
keine Hand und zäumen kein Roß mehr Deinetwegen, der Du in Deiner
heillosen Verblendung und Verstocktheit dickköpfig beharrst, taub für
Freundesrath und Vernunftgründe. Du bist in Thiersteins Gewalt; ich
an seiner Stelle ließe Dich nicht in diesem behaglichen Gastgemach,
sondern würfe Dich in das dunkelste Loch und machte Dich mit Hunger und
Durst kirre, bis Du das Knie vor mir bögest und um Gnade flehtest.«
»Das thätest Du! aber Gott sei Dank weiß ich mich hier in
ritterlicheren Händen als in den Deinigen,« brauste Burkhard grimmig
auf.
»Ah! in ritterlichen Händen! also zu der Einsicht bist Du doch schon
gekommen, daß Du hier in der Gewalt eines ritterlichen Mannes bist.
Das wäre ja ein sehr erfreulicher Fortschritt Deiner mangelhaften
Erkenntniß.«
»Man kann sich in seinen Feinden wie in seinen sogenannten Freunden
irren,« gab ihm Burkhard bissig zum Bescheid. »Du überschüttest mich
mit kränkenden Worten, willst aber keine Hand für mich rühren und läßt
mich elend im Stiche.«
»Tod und Teufel! was soll ich denn machen?« wetterte Müllenheim. »Es
ist doch Deine Schuld, daß Du hier festsitzest. Kann ich Dich aus dem
Fenster auf meinem Rücken durch die Luft tragen? Du bist ein verlorener
Mensch und kommst im Leben nicht wieder los, wenn Du nicht das Wörtlein
Frieden über die Lippen bringst.«
»Eh ich das thue, will ich verrecken!« schrie Burkhard, die Fäuste
ballend und nach seiner Gewohnheit mit dem Fuß auf den Boden stampfend.
»Nun, dann bin ich fertig mit Dir und gebe Dich auf,« sprach Müllenheim
und erhob sich. »Ich wünsche Dir eine dauerhafte Geduld. Sollte jedoch
dieser bei Dir ohnehin sehr schwache Faden einmal reißen und Dich die
Laune anwandeln, Dich frei zu machen, so weißt Du, wo Du mich zu
suchen hast. Auf Schloß Girbaden sehen wir uns wieder, sonst nie und
nirgend mehr.«
Damit schritt er, ohne dem Zurückbleibenden die Hand zu reichen, zur
Thür hinaus, die er dröhnend hinter sich zuwarf. --
»Von den Einen bestürmt, von den Anderen verlassen!« sprach Burkhard,
als er wieder allein war. »Meinen Stolz soll ich verleugnen, meine
Schuld soll ich bekennen. Worin besteht denn meine Schuld? eine
Beleidigung rächen, meinen Nacken nicht unter das Joch beugen
zu wollen, ist das ein Verbrechen, das ich zu büßen hätte? Die
Hohkönigsburg! -- wenn wir sie im Kampfe bezwungen hätten, warum sollte
dann ich sie mir nicht nehmen eher als ein Anderer? Wir Rathsamhausen
sind die Ältesten im Wasgau, mir käme sie zu. Nun wird sie niemals
mein werden. Daß ich den Genossen verschwiegen habe, was ich wußte,
das ist das Recht eines Jeden, der als Feldoberster allein zu gebieten
und zu entscheiden hat. Und ich war der Führer der Anderen, die sich
mir gesellt, sich mir untergeben hatten; ich hatte für sie zu denken,
für sie zu handeln und brauchte sie in meine Maßnahmen und Pläne nicht
einzuweihen. Erkaufen und erbetteln soll ich mir die Freiheit, sie wie
ein Gnadengeschenk aus der Hand des Übermüthigen hinnehmen und mich
auch noch dafür bedanken. Nichts in der Welt kann mich dazu bewegen,
wenn es das Eine nicht thut, das Furchtbare, Grausige. Das hält mich
umstrickt und läßt mich nicht los und raubt mir den Schlaf, immer und
immer umschwebt es mich.« Stöhnend warf er sich in einen Sessel und
verhüllte das Gesicht, als könnte er sich so vor dem Anblick von etwas
Schrecklichem schützen.
In der nächsten Nacht schlief er fast gar nicht. Er hatte gegen Abend
von seiner Gemahlin einen Brief erhalten, worin ihn Frau Stephania
mit den innigsten Worten und Vorstellungen anflehte, doch nachzugeben
und Frieden zu schließen, damit er frei würde und wieder zu ihr käme.
Sie verginge in Ängsten um ihn; auch Bruno und die in der Lützelburg
sorgten sich seinetwegen, selbst das Burggesinde, vom Ersten bis zum
Letzten, früge in treuer Anhänglichkeit fast täglich, wie es mit ihm
stünde, wann er denn zurückkehrte.
»Auch das noch!« seufzte Burkhard, als er den Brief gelesen hatte.
»Armes Weib! sie jammert mich. Unter heißen Thränen hat sie das
geschrieben, da sind die Tropfen. Und ich kann nicht, ich kann nicht!
ich bringe es nicht über mich, den einzigen Schritt zu thun, der mir
die Freiheit wiedergiebt, die Freiheit, nach der ich mich sehne, nach
der mein Herz dürstet und schreit wie der Hirsch im Walde.«
So blieb denn Alles beim Alten, und Schmasman hatte Recht, als er zu
Oswald gesagt hatte: »Nicht Freund, nicht Bruder, nicht Weib und Kind
können den Trotz dieses Unbeugsamen brechen.« --
Pater Eusebius kam jetzt nur noch jeden dritten Tag. Heute war der
zweite nach seinem letzten Besuch, morgen also mußte er wieder kommen.
Er erschien auch zur gewohnten Zeit, prüfte die verharschende Wunde nur
flüchtig und sagte dann: »Herr von Rathsamhausen, ich brauche nun nicht
mehr zu kommen, denn ich kann Euch nichts mehr nützen. Eure völlige
Heilung wird die allgütige Mutter Natur besorgen auch ohne meine jetzt
überflüssige Hilfe. Nur Schonung ist noch nöthig, die ich Euch dringend
empfehle.«
»So nehmet meinen Dank, ehrwürdiger Pater,« sprach Burkhard, »nur den
aufrichtigen, mündlichen Dank eines armen Gefangenen, der nichts hat
als Worte. Ihr habt mich sorglich gepflegt, und ich will es Eurem
Kloster entgelten, sobald ich frei werde, oder auch schon früher durch
die Meinigen daheim.«
Aber Eusebius ging noch nicht, und Burkhard merkte ihm an, daß er noch
etwas auf dem Herzen hatte. »Herr von Rathsamhausen,« begann er in
seiner sanften Weise, »ehe ich von Euch scheide, habe ich Euch noch
etwas zu sagen, etwas, womit ich Euch, so lange Ihr zu leiden hattet,
nicht beschweren wollte. Ich bin nicht bloß Arzt, ich bin auch ein
Diener der heiligen Kirche, des Glaubens und der christlichen Liebe.
Ich bitt' Euch, höret mich ruhig an, edler Herr,« fuhr er fort, als
Burkhard bei dieser Einleitung die Stirne krauste. »Ich will hier nicht
als Euer Beichtiger auftreten, der ich nicht bin, will nicht rechten
mit Euch, nicht mit Strafen des Himmels und der Hölle drohen. Denket,
ein alter Freund spräche zu Euch, dem Eurer Seele Heil am Herzen liegt.
Macht Frieden, Herr! Frieden mit Euch, mein' ich, gebt Euch selber
den Frieden zurück, den Ihr -- ich weiß es -- schwer entbehrt. Ich
frage nicht nach Eurem Streite mit anderen ritterlichen Herren, alles
Weltliche liegt mir fern. Ist Euch Unrecht geschehen, so suchet Euer
Recht auf gütlichen Wegen, und könnt Ihr es nicht finden, so laßt Den
da oben richten und schlichten.«
»Ihr meint es gut, Eusebius,« erwiederte Burkhard, »aber sparet die
Mühe, Ihr könnt mir auch hierbei nicht nützen und helfen. Nicht das
Kreuz, nur das Schwert kann mich erlösen und mir den Weg in die
Freiheit bahnen.«
Der Alte schüttelte langsam das geschorene Haupt und den wallenden
Bart. »Weiset mich nicht ab, lieber Herr!« hub er von Neuem an. »Ich
möchte Euch den Stachel aus der Brust ziehen und alle Feindschaft,
die Ihr dort heget, mit der Wurzel ausreuten. Liebet eure Feinde,
segnet, die euch fluchen, bittet für die, so euch beleidigen und
verfolgen, hat ein weiser, ein göttlicher Mund gesprochen, und Der
uns diese Lehre hinterlassen, hat sie mit seinem Blute besiegelt.
Thut nach seinem Gebote, Herr, eh es zu spät ist, damit Ihr es in
Eurem letzten Stündlein nicht zu bereuen habet, damit Eure Seele nicht
schuldbeladen von hinnen scheidet und Ihr nicht unversöhnt mit Euren
Widersachern hinüber fahret ins Jenseits, wo man nichts weiß von Kampf
und Zwietracht, wo ein ewiger, seliger Friede waltet. Wer aber hier
nicht Frieden hält und Frieden stiftet, der findet auch da drüben
keinen, und die Ewigkeit ist lang, ach! endlos lang. Bedenket, Herr,
jeden Tag könnt Ihr abberufen werden aus diesem Erdenleben, und Eure
Rechnung hienieden muß beglichen, Euer Gewissen muß rein sein, wenn der
Tod kommt und Euch seine kühle Hand aufs Herz legt, daß es still steht
und aufhört zu schlagen, zu hoffen, zu fürchten und zu hassen. Macht
Euch den Abschied vom Irdischen einmal leicht, Herr! ich sage Euch, ein
unbußfertiger Tod ist ein schrecklicher Tod; graut Euch davor nicht?
Und dann, -- was soll werden mit Euch, wenn dereinst die Posaunen
erschallen und die Todten auferstehen zum jüngsten Gericht?«
»Mach' ein Ende, Mönch!« rief Burkhard angstvoll aus, »Du marterst mich
mit Deinen Litaneien, und ich will noch nicht sterben.«
»Ich gehe, Herr,« sprach Eusebius. »Der allmächtige Gott erleuchte
Euren Sinn und lenke Euer Herz, er sei Euch gnädig in Zeit und
Ewigkeit!« Und nach dem Zeichen des Segens verließ er den Zerknirschten.
Burkhard saß, den Arm auf den Tisch gestützt und die Stirn in die
Hand gelegt. »Liebet eure Feinde!« murmelte er, »unser Heiland hat es
gesagt, aber noch hab' ich Keinen gekannt, der das vermocht hätte.
Wie soll ich es anfangen, der sein Leben lang auf einen Schlag immer
zwei zurückgegeben hat? Ich kann für meine Feinde nicht flehen: Herr
vergieb ihnen! weil ich ihnen selber nicht vergebe und auch von ihnen
keine Vergebung verlange. Wenn der Tod kommt, -- ja, der läßt sich
nicht die Thüre weisen, der packt und schüttelt die Armesünderseele
mit seinen Schauern und Schrecken, daß sie zittert und bebt. Sollte das
Scheiden leichter sein, wenn man mit aller Welt in Frieden dahingeht?
Wer giebt mir Antwort darauf? Ich habe dem Tode oft genug ins Auge
gesehen, draußen im Feld, hab' ihn nie gefürchtet, bin ihm hoch zu
Rosse, das Schwert in der Faust, entgegengestürmt im fröhlichen
Reitergefecht. Aber im Bette, wenn man machtlos liegt wie gefesselt
und fühlt, daß er kommt, daß er jeden Tag, jede Stunde einen Schritt
näher heranschleicht, Einen abzuholen ins Dunkle, Unbekannte, in ein
unverbürgtes Jenseits, von dem kein Mensch weiß, was seiner dort
wartet, -- davor hab' ich Angst, Angst wie das Kind vor der Ruthe.
Wenn ich mir die von der Seele herunterbeten, mich von ihr loshandeln
könnte, kein Preis wäre mir zu hoch dafür.«
Immer einsamer ward es um den Gefangenen. Seine Freunde Jost und
Schmasman, die er hart vor den Kopf gestoßen hatte, kamen nicht wieder.
Der gute Pater Eusebius, der sich stets eine Weile freundlich mit ihm
unterhalten hatte, blieb von jetzt an auch weg. Nun sah er Niemand
mehr außer dem Thierstein'schen Burgmann, der ihn bediente. Tag und
Nacht war er allein in den geschlossenen vier Wänden, allein mit dem
bohrenden Groll über sein Schicksal, der nagenden Sorge um seine
Zukunft und der brennenden Sehnsucht nach der Freiheit. Diese Drei
sogen an seinem Lebensmark wie eine zehrende Krankheit und brachten den
an rastlose Bewegung und unbeschränkte Bethätigung seiner Kraft und
seiner leidenschaftlichen Gemüthsart Gewöhnten, nun aber zum trost-
und hoffnungslosen Ausharren Verdammten an den Rand der Verzweiflung.
Legte er sich Abends zur Ruhe nieder, so fand er sie doch nicht. Die
Augen konnte er wohl schließen, aber die Gedanken aus seinem zerwühlten
Gehirn nicht aussperren. Immer klangen ihm die mahnenden Worte des
Paters Eusebius vom letzten Stündlein und vom jüngsten Gericht in
den Ohren. Kein Anderer hatte ihm so ans Herz gegriffen wie dieser
frommgläubige Mönch.