Beinahe Mittag war es geworden, als die Entscheidung in dem heißen
Kampfe gefallen war, und nach einer kurzen Ruhe verabschiedeten sich,
ihres Sieges froh, die ritterlichen Streiter herzlich von einander,
um mit ihren Schaaren abzurücken, jeder heim nach seiner Burg. Doch
wurden, auch von den Besiegten, Mannschaften auf dem Schlachtfelde
zurückgelassen, die gegen die zahlreichen Verwundeten und Todten,
zu welchen letzteren auf Thierstein'scher Seite ein jüngerer Bruder
Hermanns von Hattstadt und auf Rathsamhausen'scher ein Zorn von Bulach
gehörte, die Pflichten der Menschlichkeit erfüllen sollten.
Die das traurige Geschäft zu besorgen hatten, stießen dabei auch auf
einen Gefallenen, der in Ansehung seiner mangelhaften Ausrüstung und
Bewaffnung wie seiner Jugend nicht zu den Kämpfenden gehört haben
konnte. Er trug keinen Panzer über dem Wams, aber eine rostige, zu
große Blechhaube auf dem Kopfe, und ein kleines, altes Schwert hing
ihm am Gürtel. Er lag auf dem Rücken in einer Lache Blut, das sich
aus einer klaffenden Halswunde ergossen hatte. Sie standen vor dem
Entseelten, betrachteten seine schlanke Gestalt und sein hübsches,
noch ganz bartloses Gesicht, und es jammerte sie des armen Gesellen,
den hier ein früher Tod ereilt hatte.
Die ihn gefunden hatten, waren zwei reisige Knechte aus Rappoltsweiler,
und der eine sprach zum anderen: »Weißt Du, Merten, wie der aussieht?
-- wie ein Zwillingsbruder von Haschop, unserer Zigeunerin.«
»Genau so!« fuhr Merten aus seinen Gedanken auf, »ich wollt' es eben
auch schon sagen. Aber Haschop hat keinen Bruder, und jetzt bin ich
meiner Sache sicher, daß sie es selber ist.«
»Ich glaub's wahrhaftig auch,« sagte der Erste wieder, »mein Gott! wie
kommt die hierher?«
Sie nahmen die Blechhaube von dem etwas zur Seite geneigten Kopfe,
und da quoll üppiges, schwarzes Frauenhaar hervor, so daß ihnen kein
Zweifel mehr blieb, wen sie vor sich hatten.
Es war in der That Haschop, deren einst so liebreizend lachender Mund
nun für immer verstummt war. Sie hatte sich, wieder in der männlichen
Kleidung, die sie als Kesselflicker getragen, dem Fuhrwesen der
Müllenheim'schen angeschlossen, von denen Niemand sie kannte und
die sie, ihr wahres Geschlecht nicht ahnend und sie für einen gut
gewachsenen, eigentlich schon waffenfähigen Troßbuben haltend, gern
bei sich aufgenommen hatten. Sie wollte Zeuge des Kampfes sein, um
zu sehen, was dabei das Schicksal Egenolfs sein würde, ob nicht eine
feindliche Lanze das vollbrächte, was ihrem Messer mißlungen war.
In ihrer Rachsucht und ihrer Unerfahrenheit hatte sie sich sogar
der kindischen Hoffnung hingegeben, möglichenfalls mit ihrem kurzen
Schwerte zu seinem Verderben beitragen, vielleicht durch Verwundung
seines Pferdes Roß und Reiter zum Sturze bringen zu können. Darum hatte
sie sich tollkühn in das Gefecht hinein gewagt und war auf der Flucht
von den Reitern eingeholt und niedergehauen worden.
Voll Mitleid beschlossen die beiden Knechte, sie in einem Grab allein
zu bestatten, hoben sie auf und trugen sie zum nahen Walde. Dort
bereiteten sie ihr die letzte Ruhestätte und pflanzten auf den Hügel
statt eines Kreuzes einen abgehauenen Baumzweig, dessen Blätter schon
welk und braun waren.
Nachdem sie am Grabe knieend ein kurzes Gebet verrichtet hatten, sagte
Merten: »Dem Pfeiferkönig müssen wir es melden, wenn wir heimkommen,
wen wir hier zum langen Schlaf gebettet haben. Wie wird sie ihn dauern!
er hatte die hübsche Schwarzäugige gern.«
»Und der arme Farkas!« sprach der Andere. »Vor zehn Jahren hat er sein
Weib begraben, und heute hat er hier sein einziges Kind verloren; nun
ist er ganz verlassen und allein.«
»Nicht viel über zwanzig Jahr kann sie geworden sein,« fing Merten
wieder an. »Hast Du sie mal tanzen sehen? Die konnte Sprünge machen,
sag' ich Dir! Schade, Schade um das schöne, junge Leben! Gott nehme sie
in Gnaden zur ewigen Seligkeit auf!«
Das war Haschops Grabrede aus einem einfältigen, treuherzigen Gemüth,
das von ihrem Lieben und Leiden, ihren Listen und Tücken nichts wußte.
Egenolf, der die Zigeunerin im Gefecht nicht bemerkt, wenigstens nicht
erkannt hatte, erhielt heute keine Kunde mehr von ihrem Tode. Die
Grafen von Rappoltstein waren schon weit weg vom Kampfplatze, weil
sie vorläufig keinen erneuten Angriff zu befürchten hatten und von
einer Verfolgung des geschlagenen Feindes absahen. Sie zogen mit den
Ihrigen über Kinzheim, Orschweiler und Bergheim nach Rappoltsweiler und
ihren Schlössern, wohin Schmasman einen Reiter mit der Siegesbotschaft
vorausgeschickt hatte.
In Rappoltsweiler wurden sie von der gesammten Bevölkerung freudig
empfangen und unter glückwünschenden Zurufen durch die Stadt geleitet.
Auf der Zugbrücke der St. Ulrichsburg erwartete sie Hans Loder mit
seiner Trumpete und blies bei ihrem Nahen eine schmetternde Weise,
in die der Thürmer auf dem Bergfried mit seinem Wächterhorn jubelnd
einstimmte.
Die Gräfinnen Elisabeth und Imagina waren schon eingetroffen und hatten
dafür gesorgt, daß auch ihre Gatten sich der bestaubten Rüstungen
entledigen und umkleiden konnten. Als die vier Herren dann erfrischt
in den Saal zurückkehrten, setzte Imagina ihrem Schwager Wilhelm einen
schnell für ihn gewundenen Eichenkranz aufs Haupt, den Alle, auch
Schmasman, dem kriegserfahrenen Bruder, dessen vortrefflichem Plan und
Oberbefehl der Sieg zu danken war, von Herzen gönnten.
Bald saß die ganze Familie an der Tafel beim fröhlichen Mahl, an dem
auch Hans Loder heute theilnehmen mußte. Die Männer schilderten den
aufmerksam zuhörenden Frauen den Gang des Gefechtes, und Graf Wilhelm
äußerte ein Wort des Bedauerns, Burkhard mit eigener Hand so schwer
verwundet zu haben. »Aber der über unseren Rückenangriff Erboßte,«
sprach er, »rannte mich ungestüm an und ließ nicht ab von mir, so daß
sich zwischen uns ein Zweikampf auf Leben und Tod entspann, in dem
Einer von uns fallen mußte, und da hat das Glück zu meinen Gunsten
entschieden.«
»Sagen wir Dein gutes Schwert und Deine überlegene Fechtkunst,
Wilhelm,« fiel Schmasman ein. »Übrigens scheint mir seine Wunde nicht
lebensgefährlich und wird in der Kur des Pater Eusebius gewiß bald
heilen.«
»Auch Bruno und ich haben unsere Fechtkunst gegen einander erprobt,«
erzählte nun Egenolf. »Wir trafen uns im Scharmützel und haben eine
Jägermesse lang unsere Klingen Schlag auf Schlag regelrecht gekreuzt.
Bruno ist im heutigen Kampfe völlig unversehrt geblieben,« schloß
er mit einem Blick auf Isabella, für die allein seine Mittheilungen
bestimmt waren und die ihrem Bruder dafür mit den Augen dankte.
»Glaubst Du, Schmasman,« begann Gräfin Herzelande, »daß mit dem
heutigen Gefecht nun die ganze Fehde, die uns so lange beunruhigt und
bedroht hat, abgethan und aus ist?«
»Fast möcht' ich es glauben, weil Burkhard außer Kampf gesetzt ist,«
erwiederte Schmasman. »Ohne ihn werden die Übrigen nichts weiter gegen
uns oder die Thiersteiner zu unternehmen wagen.«
»Und wenn Burkhard von seiner Verwundung genesen ist?«
»So wird ihn Oswald doch nicht eher aus den Mauern der Hohkönigsburg
herauslassen, als bis er ihm Urfehde geschworen hat.«
»Welch ein Hohn des Schicksals!« sagte Gräfin Elisabeth. »Nun sitzt er
auf der Hohkönigsburg, aber nicht als ihr Herr und Gebieter, wie er es
wollte, sondern als ihr erster Gefangener seit ihrem Wiederaufbau.«
»Willst Du nicht versuchen, zwischen ihm und Oswald Frieden zu
stiften und auch zwischen euch beiden die alte Freundschaft wieder
herzustellen?« fragte Herzelande.
»Gewiß werde ich das,« erwiederte Schmasman. »Aber ich muß ihm erst
Zeit lassen, sich zu besinnen, damit der bittere Groll, den er jetzt
noch auf mich hat, anderen, besseren Gefühlen Platz macht; früher
ist eine Verständigung mit ihm nicht möglich. Schwieriger wird seine
Befriedung mit dem Thiersteiner werden. Wie ich von dessen Bruder
Wilhelm gehört habe, verlangt Oswald nichts Geringeres als die Übergabe
der beiden Ottrotter Schlösser, wenigstens des Schlosses Rathsamhausen.
Ich werde das Meinige thun, ihn zu milderen Bedingungen zu bewegen; ob
ich aber damit durchdringe, ist mir noch sehr zweifelhaft. Zunächst
werde ich versuchen, mich selber mit ihm auszusöhnen.«
»Herr Graf, ich wüßte wohl ein Mittel, ihn zur Versöhnlichkeit zu
stimmen,« sagte Loder.
»Und das wäre?« fragte Schmasman.
»Wenn Ihr ihm seine Eule wiederschaffen könntet, die ihm im Rathskeller
abhanden gekommen ist.«
»Da hast Du Recht, Hans!« rief ihm lachend Graf Wilhelm zu. »Wenn Du
Burkhards Eule hättest, Schmasman, und sie ihm wiedergäbest, würde er
vor Freuden springen und tanzen und wieder Dein dickster Freund sein.«
»Gern wollt' ich ihm dazu verhelfen,« lächelte Schmasman, »aber leider
habe ich sie nicht und weiß auch nicht, wo das Unglücksding an dem
Abend geblieben ist.«
»Laßt uns ihm doch eine neue, der verloren gegangenen täuschend
ähnliche machen,« schlug Gräfin Elisabeth vor. »Einen Waldkauz muß uns
Egenolf dazu liefern.«
»Mit dem größten Vergnügen!« erklärte der ritterliche junge Waidmann.
»Nein, das geht nicht, das würde Burkhard sofort merken, und eine noch
so geschickt nachgemachte würde ihm die echte, an der so viel fröhliche
Erinnerungen haften, nicht ersetzen,« bedeutete Wilhelm seine Gemahlin.
»Er würde sie von uns Rappoltsteinern auch gar nicht annehmen,« fügte
Kaspar hinzu. »Ja, wenn es die alte wäre! wer ihm die wiederbringt,
erobert sich im Sturme sein Herz damit.«
»Ich möchte ihn wohl einmal sehen mit dem schnurrigen Eulengestell
auf seinem weinrothen Rappelkopfe,« lachte Imagina. Doch schnell
bereute sie die Worte, als sie einem vorwurfsvollen Blick Isabella's
begegnete. War es doch Bruno's Vater, den sie hier vorhatten.
Auch Herzelanden ging der Spaß zu weit. »Ihr spottet hier und macht
euch über den Ärmsten in seinem Unglück lustig,« hub sie an. »Ich will
es eurer frohen Siegesstimmung zu Gute halten, aber denkt einmal daran,
wie traurig es in der nächsten Zeit bei Frau Stephania auf Schloß
Rathsamhausen aussehen wird.«
»Unsere Schuld ist es nicht, Herzelande, und der Spott war nicht bös
gemeint,« sprach Wilhelm begütigend.
»Na, die Ohren werden ihm wohl auf der Hohkönigsburg geklungen haben,«
meinte Schmasman.
Aber Herzelande's Mahnung war bei den Ihrigen doch auf guten Boden
gefallen. Sie lenkten das Gespräch auf andere Dinge, bis sie sich
zu vorgerückter Stunde trennten, um nach dem schweren Tage, der den
Männern Kampf und den Frauen Sorge gebracht hatte, dem sich fühlbar
machenden Ruhebedürfniß nachzugeben.