Die Nachricht vom Aufbruch der Rathsamhausen'schen Streitmacht war nach
den nächsten Burgen und überallhin, wo reisiges Volk lagerte, am Abend
noch verbreitet worden, und in der Nacht brachte ein anderer Fahrender
noch die Kunde, daß der Feind von Eichhofen auf Thannweiler zöge. Graf
Wilhelm von Rappoltstein behielt also Recht mit seiner Vermuthung, daß
der Zusammenstoß im Weilerthal stattfinden würde.
Zur Ausführung seines im Kriegsrath entworfenen Schlachtplanes thaten
die Verbündeten nun das, was jedem als besondere Aufgabe zugewiesen
war. In der Morgenfrühe rückten die Thiersteiner über Kinzheim nach
Kestenholz, wo Fleckenstein, von Schlettstadt kommend, sich ihnen
anschloß und sich über Scherweiler auch Kageneck und Hattstadt mit
ihnen vereinigten. Diese vier stattlichen Haufen besetzten unter
Fleckensteins Befehl den Ausgang des Weilerthales, gingen aber nicht
weiter vor, um den Rappoltsteinern Zeit zu lassen, die Mündung des
Leberthales in das Weilerthal zu erreichen, kurz nachdem der Feind
diesen Punkt überschritten hatte.
Fleckenstein mußte hier, sehr gegen seinen und seiner Gefährten Wunsch,
wohl eine Stunde lang unthätig halten, ehe ihm die zum Kundschaften
ausgesandten Reiter das Vorrücken des Feindes meldeten, aber mit seiner
Ungeduld wuchs auch seine Hoffnung, daß die Rappoltsteiner, durch diese
Verzögerung begünstigt, rechtzeitig auf dem Kampfplatz erscheinen
würden.
Das Thal war, sich seinem Ausgang ins Flachland nähernd, sehr breit und
bot mit seinen ebenen Feldern und Wiesen Raum genug zur Entwickelung
eines größeren Gefechts, dessen Beginn, nachdem sich die beiden
Heerhaufen erblickt hatten, nun endlich zu gewärtigen war.
Schon von fern erkannte Fleckenstein, daß der Feind seine Reiterei
als erstes Treffen vor dem Fußvolk führte, während er selber seine
Mannschaft in einem einzigen Treffen aufgestellt hatte, das Fußvolk in
der Mitte und die Reiterei auf beiden Flügeln, eine Anordnung, die ihm
bei seinem nun erfolgenden Angriff sehr zu Statten kommen sollte.
Als sie sich nahe genug waren, stürmten die beiderseitigen
Reiterschaaren gegen einander an, und die Rathsamhausen'schen wurden
von den Fleckenstein'schen wie von zwei Armen umfaßt, so daß sie sich
nach rechts und links wehren mußten.
Es war ein harter Anprall, den sie zu bestehen hatten, aber sie hielten
ihn aus und waren nicht zum Weichen zu bringen. Die Ritter suchten
die Ritter in diesem Reiterkampfe, der sich immer hitziger entspann
und das Thal mit lautem Getöse von Eisenklirren, Rufen, Schnauben und
Stampfen erfüllte. Nun kam auch das Fußvolk heran, und es entstand ein
heftiges Scharmützel zwischen ihm und den Berittenen; alle regelrechte
Schlachtordnung war aufgelöst, man schlug und stach wild auf einander
los, und Blut floß auf beiden Seiten reichlich.
Burkhard spähte rachgierig nach Oswald von Thierstein aus, um sich
tödtlich mit ihm zu messen, konnte ihn aber nicht entdecken, weil er
sich an anderer Stelle mit Jost von Müllenheim herumschlug, bis ihm
Johann von Kageneck zu Hilfe kam, so daß Müllenheim weichen mußte.
Isinger hielt sich soviel wie möglich an seines Herren Seite, ward aber
mehrmals von ihm abgedrängt und gerieth zuweilen in mißliche Lage, aus
der er sich jedoch stets tapfer wieder heraushieb.
Das hin und her wogende Gefecht kam allmählich zum Stehen, begann sogar
für die Fleckenstein'schen eine üble Wendung zu nehmen, weil diese,
ohne die Rappoltsteiner, der Rathsamhausen'schen Macht nicht gewachsen
waren. Plötzlich aber lichteten sich deren Reihen. Hinter ihnen erhob
sich ein verworrenes Geschrei, und gleich darauf drang deutlich
vernehmbar Waffenlärm daher, ein Zeichen, daß jetzt auch dort gekämpft
wurde. Die Rappoltsteiner waren dem Feinde in den Rücken gefallen und
griffen mit frischen Kräften in das Gefecht ein, das nun eine ganz
andere Gestalt annahm und sich an zwei Stellen des Thales zugleich
entfaltete. Burkhard erkannte sofort, wessen Werk diese wohlberechnete
Taktik war, und jagte, eine Schaar der Seinigen mit sich fortreißend,
auf die Rappoltsteiner zu.
In dem nun entstehenden, sich über einen weiten Raum ausdehnenden
Getümmel begegneten sich Egenolf und Bruno und wechselten, Jeder den
Anderen erkennend, eine Anzahl mustergültiger Fechterhiebe, die alle
mit geschickter Deckung aufgefangen wurden. Dann nickten sie sich
lachend zu und stoben auf Gegner los, die sie nicht schonen wollten.
Nun konnten sie doch sagen, daß sie heldenhaft mit einander gekämpft
hätten.
Burkhard bemühte sich, Alle, die ihm gefolgt waren, zu einem
entschiedenen Angriff oder geschlossenen Widerstande zu sammeln, was
ihm aber in dem wirren Durcheinander nicht glückte. Er konnte nur
mit einer verhältnißmäßig geringen Zahl beherzter Draufgänger ein
paar verzweifelte Vorstöße unternehmen, die aber stets zurückgewiesen
wurden, so daß er sich nun auf verstreute Einzelgefechte beschränkte,
wo er die Gelegenheit dazu ersah. Schmasman wollte er vermeiden wie
dieser ihn, weil keiner von beiden sein Schwert mit dem Blute des alten
Freundes färben wollte. Aber auf Wilhelm von Rappoltstein hatte er es
in seinem Grimm über dessen gelungene Umgehung und verderbenbringenden
Überfall desto böswilliger abgesehen. Wüthend rannte er ihn an, als
er ihn erblickte, und zwischen beiden entspann sich ein erbitterter
Zweikampf, aus dem Graf Wilhelm endlich als Sieger hervorging. Ein
gewaltiger Schwerthieb des Letzteren durchschlug das Riemenzeug an
Burkhards Panzer und drang, das Schlüsselbein brechend, ihm tief in die
linke Schulter, sodaß Burkhard im Sattel wankte und kampfunfähig vom
Pferde zu Boden sank.
Die Rathsamhausen'schen, von vorn und von hinten zugleich bedrängt,
wurden überwältigt, zersprengt, in die Flucht getrieben, Verwundete und
Todte auf dem Schlachtfelde zurücklassend. Der Kampf war zu Ende, und
der ihn heraufbeschworen hatte, blieb als Gefangener in den Händen der
Sieger.
Man nahm ihm den Harnisch ab und öffnete das Wams, um seine stark
blutende Wunde nothdürftig zu verbinden, was Isinger mit Geschick
vollbrachte. Weit mehr aber als diese Wunde schmerzte den Trotzigen
die erlittene Niederlage. Er warf einen langen Blick auf Schmasman,
wie wenn er sagen wollte: Hättest Du mir Wort gehalten, was Du gelobt
hattest! Dann lag er, von Bruno gestützt, ganz still und gab auf
keine Frage mehr Antwort. Wie innerlich gebrochen stierte er halb
finster, halb träumerisch ins Leere, als wäre sein Geist mit etwas
weit Abliegendem, Geheimnißvollem beschäftigt, das ihn der Gegenwart
entrückte.
Für ihn selbst und seine Freunde war die Gefangennahme Burkhards ein
geradezu vernichtender Schlag, für die Thierstein'schen Verbündeten
dagegen ein Gewinn von so großer Bedeutung, daß er ihnen die herben
Verluste, die auch sie erlitten hatten, vollständig aufwog.
Unter den wenigen Gefangenen ritterlichen Standes befand sich auch
Jost von Müllenheim, der statt zu fliehen so lange bis aufs Äußerste
gekämpft hatte, bis er, unentrinnbar umzingelt und leicht verwundet,
sich ergeben mußte. Schmasman berieth nun mit den beiden siegreichen
Feldhauptleuten, was mit den Gefangenen geschehen sollte. Sie waren
alle drei abgesessen und standen etwas entfernt von der Gruppe, die den
am Boden liegenden Burkhard umringte.
Graf Wilhelm von Rappoltstein drang darauf, Müllenheim nach
Hohrappoltstein zu bringen und dort so lange einzusperren, bis mit
sämmtlichen Besiegten Abrechnung gehalten und Friede geschlossen war.
Diesem Vorschlage trat auch Friedrich von Fleckenstein bei, indem er
seine Zustimmung damit begründete, daß man schneller zum Friedensschluß
gelangen würde, wenn man die beiden bedeutendsten und gefährlichsten
Gegner in Haft nähme, denn daß Burkhard, der Anstifter und unablässige
Hetzer der Fehde, festgesetzt werden mußte, war außer Frage.
Schmasman aber widersprach der Einlegung des mächtigen Schloßherren
von Girbaden, darauf hinweisend, daß Müllenheim der Einzige wäre, der
bei Burkhard zuweilen Gehör fände und deßhalb bei den Verhandlungen
mit dem Störrigen als Vermittler wirken könnte. Nur sein ritterliches
Selbstgefühl, das sich gegen die Ansprüche des Grafen Thierstein
kräftig auflehnte, und seine Anhänglichkeit an Burkhard hätten ihn
vermocht, sich an der Fehde zu betheiligen und des Freundes ehrgeizigen
Plänen Vorschub und Beistand zu leisten. Daß er nun auch gegen die
Rappoltsteiner kämpfen mußte, wäre nicht sein Wunsch und Wille, sondern
die natürliche Folge der inzwischen eingetretenen Ereignisse gewesen,
welche die Rappoltsteiner zu Verbündeten Thiersteins gemacht hatten.
Das Alles hielt Schmasman den beiden Anderen in nachdrücklicher
Weise vor und setzte es durch, daß wie die übrigen Gefangenen, sammt
Burkhards Sohn Bruno, auch Müllenheim freigelassen und ihm nicht einmal
Rüstung, Waffen und Pferd abgenommen wurde.
Bis auf Bruno, der seinen schwer verwundeten Vater noch nicht verlassen
wollte, verabschiedeten sie sich alle von Burkhard, dem sie Worte des
Trostes, einige von ihnen auch solche der Hoffnung auf einen günstigen
Fortgang der Fehde zuflüsterten, und folgten dann ihren geschlagenen
Genossen das Weilerthal hinauf nach.
Bevor Müllenheim abritt, zog ihn Schmasman, der den äußerlich Derben
und Rauhen als einen rechtschaffenen, klugen und besonnenen Mann
schätzte, noch in ein längeres Gespräch ohne Zeugen. Er verständigte
ihn, da jener zu seinem größten Erstaunen noch gar nichts davon wußte,
über seinen mit Oswald von Thierstein geschlossenen Vertrag, den er
Burkhard brieflich und seinen Verbündeten mündlich mitgetheilt hätte
und der von den letzteren allseitig gutgeheißen worden wäre. Müllenheim
billigte die getroffenen Vereinbarungen durchweg als die auch ihm
willkommene, beste Schlichtung des leidigen Streites. »Hätt' ich das
nur früher gewußt!« rief er aus, »Burkhard hat mir kein Wort davon
gesagt, aber jetzt weiß ich auch, was ich zu thun habe.«
Dann schüttelten sie sich die Hände und schieden von einander, nun
nicht mehr Feinde. Müllenheim schwang sich in den Sattel und trabte den
Seinigen nach.
Für Burkhard wurde auf dem Untergestell eines eroberten Wurfgeschützes,
auf dem er gefahren werden konnte, ein Lager hergerichtet, und Niemand
erhob Widerspruch gegen das Verlangen des Grafen Oswald von Thierstein,
ihn unter Isingers Obhut auf die Hohkönigsburg zu bringen. Als Burkhard
dies hörte, flog ein unwilliges Zucken über sein Gesicht. Auf die
Hohkönigsburg sollte er! Das war von Allem das Schwerste, was er bei
seinem tiefen Falle zu tragen hatte, doch er schwieg.
Bruno richtete an den Grafen Oswald die Frage: »Wollt Ihr mir
gestatten, Herr Graf, meinen Vater bis auf die Hohkönigsburg zu
begleiten?«
»Sehr gern, Jungherr Bruno!« erwiederte Graf Oswald, »und ein Reitender
soll sogleich den Klosterarzt von St. Pilt aufs Schloß bestellen.«
»Ich danke Euch, Herr Graf!« sagte Bruno. »Nachdem ich meinen Vater
hinaufgebracht, werde ich heimreiten, um meine Mutter zu beruhigen.«
Als sich der Zug mit dem Verwundeten unter Bedeckung von Reisigen in
Bewegung setzte, trat Egenolf noch an Bruno heran und sprach leise zu
ihm: »Ich werde thun, was ich kann, Bruno, daß die alte Freundschaft
unserer Väter wieder lebendig werde.« Ein stummer Handdruck Bruno's
dankte ihm.