XII.

Graf Oswald von Thierstein war zu der Erkenntniß gekommen, daß er sich

mit seinen auf Umgestaltung bestehender Verhältnisse gerichteten Plänen

zu rasch und zu weit vorgewagt hatte und damit auf einen Widerstand

gestoßen war, den zu überwinden er geringe Aussicht hatte.

Sein Vorhaben war gewesen, den Wildbann im Wasgau anders zu regeln,

Reichsbannforste abzugrenzen, andere Brücken- und Wegezölle

einzurichten, die Märkte mit höheren Abgaben zu belegen und kleineren

Städten, die sie noch nicht besaßen, Marktfreiheit gegen Zahlung von

Gilten und Beden zu gewähren. Die Einkünfte der Klöster wollte er

heben durch Vermehrung der Frohnen und Verlängerung der Fristen für

den alleinigen Verkauf von Wein, dem sogenannten Bannwein. Er wollte

die Dinghöfe, eine althergebrachte, volksthümliche Gerichtsbarkeit,

abschaffen und die dabei den Vorsitz führenden Hochhuber und

Dinghofsmeier durch von ihm berufene Richter ersetzen, die im Namen des

Kaisers Recht sprechen sollten.

Er plante das Alles jedoch nicht, um selber Vortheil und Gewinn davon

zu haben, sondern dieser sollte in die Kassen des Kaisers und der

Bischöfe von Basel und Straßburg fließen, welche beiden Prälaten

ihm ihre Wünsche, in welcher Weise er sein ihm durch ihren Einfluß

übertragenes landvogteiliches Amt zu ihren Gunsten ausnutzen sollte,

sehr deutlich zu verstehen gegeben hatten. Den Dank des Kaisers

erhoffte er in der Verleihung einer hohen Stellung bei Hofe.

Mit diesen Plänen, die durch vorzeitiges Aussprechen bekannt geworden

waren, griff er nicht nur in die Sitten und Gewohnheiten des gemeinen

Volkes, sondern auch in die Machtbefugnisse und Vorrechte der adligen

Standesherren ein, und das war unter allen Umständen ein für ihn

sehr gefährliches Unternehmen. Mit zweien dieser stolzen Barone, die

sich unabhängig wie Reichsfürsten fühlten und gebärdeten, hatte er

bereits üble Erfahrungen gemacht und sah nun ein, daß er andere Saiten

aufziehen mußte, wenn er mit seinen ritterlichen Genossen in Frieden

leben und sich eine geachtete und einigermaßen angenehme Stellung unter

ihnen wahren wollte statt von ihnen gemieden und angefeindet zu werden.

Mit dem Mächtigsten von ihnen, dem Grafen Maximin von Rappoltstein,

hatte er sich zwar nach dem zu seinen Ungunsten geendeten Rangstreit

wieder vertragen, mit dem Trotzigsten aber, Herrn Burkhard von

Rathsamhausen, schien ihm eine Versöhnung kaum denkbar, und er

wunderte sich, daß dieser noch nicht Genugthuung für die gegen ihn

verübte Thätlichkeit von ihm gefordert hatte. Bei dem Wortgefecht mit

Burkhard im Rathskeller hatte er die anwesenden Herren, mit Ausnahme

seines Freundes Fleckenstein und seines Bruders Wilhelm, sämmtlich auf

der Seite seines Gegners gefunden und hatte sich in seiner zornigen

Erregung noch obenein dazu hinreißen lassen, den Grafen Schmasman, als

dieser in wohlwollendster Absicht eine Beilegung des Streites versucht

hatte, scharf anzufahren und zurückzuweisen, was er seitdem schwer

bereute.

Wie groß war nun Oswalds Überraschung und Freude, als er, gegen Abend

in das Wohngemach seiner Gemahlin tretend, dort die soeben zum Besuch

eingetroffene Rappoltstein'sche Tochter Gräfin Isabella erblickte! Also

Graf Schmasman grollte ihm nicht, trug ihm sein schroffes Benehmen

nicht nach, sonst hätte er seine Tochter nicht hier heraufreiten

lassen. Er begrüßte Isabella auf das Zuvorkommendste, erkundigte sich

nach ihren Eltern und Verwandten und erging sich in den zartesten

Aufmerksamkeiten gegen sie. Dem Geschenk der Gräfin Herzelande für

seine Gemahlin, dem kostbaren Gürtel, zollte er seine volle Bewunderung

und gedachte mit dankbaren Worten des genußreichen Spielmannsfestes,

mit keinem Wimperzucken die weniger angenehmen Erinnerungen verrathend,

die ihn dabei überkamen.

Von Leontine war Isabella mit offenen Armen empfangen und mit hellem

Jubel ans Herz gedrückt, und Gräfin Margarethe that, was sie konnte,

der Freundin ihrer Tochter den Aufenthalt hier so behaglich wie möglich

zu machen, so daß Isabella von ihrer Aufnahme auf der Hohkönigsburg im

höchsten Maße erfreut und entzückt war.

Der Abend, wo sich auch Graf Wilhelm mit seiner Gemahlin Katharina zu

ihnen gesellte, verging ihnen Allen im Fluge, und sie wußten nicht,

wo die Zeit geblieben war, als der Wächter vom Bergfried herab auf

seinem Horne den Gute Nacht-Gruß blies, für alle Burgbewohner die

stimmungsvolle Mahnung, sich zur Ruhe zu begeben.

Da erzählte Isabella noch, auf den nahe bei einander liegenden

Rappoltstein'schen Schlössern hätten vor langen, langen Jahren einmal

drei Brüder Rappoltstein drei Schwestern zu Gattinnen gehabt, und die

drei Frauen hätten sich täglich von Burg zu Burg einen Morgen- und

Abendgruß zugeblasen. Dieser Brauch bestünde in ähnlicher Weise auch

heute noch. Wenn man auf einer Burg Besuch von einer anderen wünschte

oder dort seinen Besuch ansagen oder sich sonst eine kurze Mittheilung

machen wollte, so geschähe dies durch Hornrufe, deren jeder nach Takt

und Ton eine seit langer Zeit feststehende, verabredete Bedeutung hätte.

Dann trennte man sich, um das Haupt zum Schlummer zu betten. Leontine

geleitete Isabella in das für sie bereite Gastzimmer, und die lächelnde

Dimot bot ihre gefälligen Zofendienste an, die jedoch von Isabella

dankend abgelehnt wurden.

Den nächsten Vormittag benutzten die beiden jungen Mädchen zu

gemächlichem Lustwandeln unter traulichen Gesprächen. Sie gingen in den

Baumgarten, besuchten den Marstall und seine vierfüßigen Bewohner und

wanderten auch ein Stück bergab in den Wald. Darauf führte Leontine

ihre Freundin auf deren Wunsch durch alle Räume des Schlosses, wo

Isabella nicht müde wurde, sich an der prächtigen Ausstattung und dem

kunstvoll gearbeiteten Hausrath zu weiden.

Zuletzt kamen sie in Leontinens Schlafgemach, das so schmuck und üppig

eingerichtet war wie für eine Märchenprinzessin.

Nachdem sich Isabella eine Weile darin umgesehen hatte, fragte

Leontine, auf das Wolfsfell zeigend, mit einem eigenthümlichen Lächeln:

»Wie gefällt Dir das?«

»Gut,« erwiederte Isabella, »muß ein gewaltiger Isegrim gewesen sein.«

»Weißt Du, wer ihn geschossen hat?«

»Dein Vater?«

»Nein, Dein Bruder.«

»Mein Bruder?«

»Ja, er hat mir das Fell geschenkt, mich damit überrascht; ich fand es

eines Abends hier vor dem Bett. Dimot hat es heimlich für meinen alten

Luchsbalg untergeschoben, bestochen durch eine Einladung zum Tanz am

Pfeifertag!«

»Davon hat mir Egenolf garnichts gesagt,« sprach Isabella. »Ach!« fuhr

sie fast erschrocken fort, »ich habe Dir ja seinen Gruß noch nicht

bestellt.«

»Läßt er mich grüßen?« fragte Leontine schnell mit leuchtenden Augen.

»Ja, recht herzlich soll ich Dich von ihm grüßen, und er dächte sehr

viel an Dich.« Bei dieser eigenmächtigen Überschreitung von ihres

Bruders Auftrag ward auch Isabella ein wenig roth.

»Grüß ihn wieder!« sagte Leontine kurz und machte sich an dem Wolfsfell

zu schaffen, einen der Läufe, der etwas schief lag, gerade streckend.

»Denkst Du auch zuweilen an ihn?« fragte Isabella.

»Weiß nicht. Frag' nicht so dumm!« erwiederte Leontine mit abgewandtem

Gesicht. »Komm weiter!«

Isabella lächelte still vor sich hin, und sie verließen das Gemach.

Draußen sagte Leontine: »Hier rechts geht es zu meines Vaters Zimmer,

aber da dürfen wir Frauen nicht hinein, wenn er uns nicht rufen läßt.«

Die Hohkönigsburg: Eine Fehdegeschichte aus dem Wasgau · 第 23 / 49 题