Graf Oswald von Thierstein war zu der Erkenntniß gekommen, daß er sich
mit seinen auf Umgestaltung bestehender Verhältnisse gerichteten Plänen
zu rasch und zu weit vorgewagt hatte und damit auf einen Widerstand
gestoßen war, den zu überwinden er geringe Aussicht hatte.
Sein Vorhaben war gewesen, den Wildbann im Wasgau anders zu regeln,
Reichsbannforste abzugrenzen, andere Brücken- und Wegezölle
einzurichten, die Märkte mit höheren Abgaben zu belegen und kleineren
Städten, die sie noch nicht besaßen, Marktfreiheit gegen Zahlung von
Gilten und Beden zu gewähren. Die Einkünfte der Klöster wollte er
heben durch Vermehrung der Frohnen und Verlängerung der Fristen für
den alleinigen Verkauf von Wein, dem sogenannten Bannwein. Er wollte
die Dinghöfe, eine althergebrachte, volksthümliche Gerichtsbarkeit,
abschaffen und die dabei den Vorsitz führenden Hochhuber und
Dinghofsmeier durch von ihm berufene Richter ersetzen, die im Namen des
Kaisers Recht sprechen sollten.
Er plante das Alles jedoch nicht, um selber Vortheil und Gewinn davon
zu haben, sondern dieser sollte in die Kassen des Kaisers und der
Bischöfe von Basel und Straßburg fließen, welche beiden Prälaten
ihm ihre Wünsche, in welcher Weise er sein ihm durch ihren Einfluß
übertragenes landvogteiliches Amt zu ihren Gunsten ausnutzen sollte,
sehr deutlich zu verstehen gegeben hatten. Den Dank des Kaisers
erhoffte er in der Verleihung einer hohen Stellung bei Hofe.
Mit diesen Plänen, die durch vorzeitiges Aussprechen bekannt geworden
waren, griff er nicht nur in die Sitten und Gewohnheiten des gemeinen
Volkes, sondern auch in die Machtbefugnisse und Vorrechte der adligen
Standesherren ein, und das war unter allen Umständen ein für ihn
sehr gefährliches Unternehmen. Mit zweien dieser stolzen Barone, die
sich unabhängig wie Reichsfürsten fühlten und gebärdeten, hatte er
bereits üble Erfahrungen gemacht und sah nun ein, daß er andere Saiten
aufziehen mußte, wenn er mit seinen ritterlichen Genossen in Frieden
leben und sich eine geachtete und einigermaßen angenehme Stellung unter
ihnen wahren wollte statt von ihnen gemieden und angefeindet zu werden.
Mit dem Mächtigsten von ihnen, dem Grafen Maximin von Rappoltstein,
hatte er sich zwar nach dem zu seinen Ungunsten geendeten Rangstreit
wieder vertragen, mit dem Trotzigsten aber, Herrn Burkhard von
Rathsamhausen, schien ihm eine Versöhnung kaum denkbar, und er
wunderte sich, daß dieser noch nicht Genugthuung für die gegen ihn
verübte Thätlichkeit von ihm gefordert hatte. Bei dem Wortgefecht mit
Burkhard im Rathskeller hatte er die anwesenden Herren, mit Ausnahme
seines Freundes Fleckenstein und seines Bruders Wilhelm, sämmtlich auf
der Seite seines Gegners gefunden und hatte sich in seiner zornigen
Erregung noch obenein dazu hinreißen lassen, den Grafen Schmasman, als
dieser in wohlwollendster Absicht eine Beilegung des Streites versucht
hatte, scharf anzufahren und zurückzuweisen, was er seitdem schwer
bereute.
Wie groß war nun Oswalds Überraschung und Freude, als er, gegen Abend
in das Wohngemach seiner Gemahlin tretend, dort die soeben zum Besuch
eingetroffene Rappoltstein'sche Tochter Gräfin Isabella erblickte! Also
Graf Schmasman grollte ihm nicht, trug ihm sein schroffes Benehmen
nicht nach, sonst hätte er seine Tochter nicht hier heraufreiten
lassen. Er begrüßte Isabella auf das Zuvorkommendste, erkundigte sich
nach ihren Eltern und Verwandten und erging sich in den zartesten
Aufmerksamkeiten gegen sie. Dem Geschenk der Gräfin Herzelande für
seine Gemahlin, dem kostbaren Gürtel, zollte er seine volle Bewunderung
und gedachte mit dankbaren Worten des genußreichen Spielmannsfestes,
mit keinem Wimperzucken die weniger angenehmen Erinnerungen verrathend,
die ihn dabei überkamen.
Von Leontine war Isabella mit offenen Armen empfangen und mit hellem
Jubel ans Herz gedrückt, und Gräfin Margarethe that, was sie konnte,
der Freundin ihrer Tochter den Aufenthalt hier so behaglich wie möglich
zu machen, so daß Isabella von ihrer Aufnahme auf der Hohkönigsburg im
höchsten Maße erfreut und entzückt war.
Der Abend, wo sich auch Graf Wilhelm mit seiner Gemahlin Katharina zu
ihnen gesellte, verging ihnen Allen im Fluge, und sie wußten nicht,
wo die Zeit geblieben war, als der Wächter vom Bergfried herab auf
seinem Horne den Gute Nacht-Gruß blies, für alle Burgbewohner die
stimmungsvolle Mahnung, sich zur Ruhe zu begeben.
Da erzählte Isabella noch, auf den nahe bei einander liegenden
Rappoltstein'schen Schlössern hätten vor langen, langen Jahren einmal
drei Brüder Rappoltstein drei Schwestern zu Gattinnen gehabt, und die
drei Frauen hätten sich täglich von Burg zu Burg einen Morgen- und
Abendgruß zugeblasen. Dieser Brauch bestünde in ähnlicher Weise auch
heute noch. Wenn man auf einer Burg Besuch von einer anderen wünschte
oder dort seinen Besuch ansagen oder sich sonst eine kurze Mittheilung
machen wollte, so geschähe dies durch Hornrufe, deren jeder nach Takt
und Ton eine seit langer Zeit feststehende, verabredete Bedeutung hätte.
Dann trennte man sich, um das Haupt zum Schlummer zu betten. Leontine
geleitete Isabella in das für sie bereite Gastzimmer, und die lächelnde
Dimot bot ihre gefälligen Zofendienste an, die jedoch von Isabella
dankend abgelehnt wurden.
Den nächsten Vormittag benutzten die beiden jungen Mädchen zu
gemächlichem Lustwandeln unter traulichen Gesprächen. Sie gingen in den
Baumgarten, besuchten den Marstall und seine vierfüßigen Bewohner und
wanderten auch ein Stück bergab in den Wald. Darauf führte Leontine
ihre Freundin auf deren Wunsch durch alle Räume des Schlosses, wo
Isabella nicht müde wurde, sich an der prächtigen Ausstattung und dem
kunstvoll gearbeiteten Hausrath zu weiden.
Zuletzt kamen sie in Leontinens Schlafgemach, das so schmuck und üppig
eingerichtet war wie für eine Märchenprinzessin.
Nachdem sich Isabella eine Weile darin umgesehen hatte, fragte
Leontine, auf das Wolfsfell zeigend, mit einem eigenthümlichen Lächeln:
»Wie gefällt Dir das?«
»Gut,« erwiederte Isabella, »muß ein gewaltiger Isegrim gewesen sein.«
»Weißt Du, wer ihn geschossen hat?«
»Dein Vater?«
»Nein, Dein Bruder.«
»Mein Bruder?«
»Ja, er hat mir das Fell geschenkt, mich damit überrascht; ich fand es
eines Abends hier vor dem Bett. Dimot hat es heimlich für meinen alten
Luchsbalg untergeschoben, bestochen durch eine Einladung zum Tanz am
Pfeifertag!«
»Davon hat mir Egenolf garnichts gesagt,« sprach Isabella. »Ach!« fuhr
sie fast erschrocken fort, »ich habe Dir ja seinen Gruß noch nicht
bestellt.«
»Läßt er mich grüßen?« fragte Leontine schnell mit leuchtenden Augen.
»Ja, recht herzlich soll ich Dich von ihm grüßen, und er dächte sehr
viel an Dich.« Bei dieser eigenmächtigen Überschreitung von ihres
Bruders Auftrag ward auch Isabella ein wenig roth.
»Grüß ihn wieder!« sagte Leontine kurz und machte sich an dem Wolfsfell
zu schaffen, einen der Läufe, der etwas schief lag, gerade streckend.
»Denkst Du auch zuweilen an ihn?« fragte Isabella.
»Weiß nicht. Frag' nicht so dumm!« erwiederte Leontine mit abgewandtem
Gesicht. »Komm weiter!«
Isabella lächelte still vor sich hin, und sie verließen das Gemach.
Draußen sagte Leontine: »Hier rechts geht es zu meines Vaters Zimmer,
aber da dürfen wir Frauen nicht hinein, wenn er uns nicht rufen läßt.«