Als am anderen Morgen Graf Schmasman mit den Seinigen das Frühmahl
eingenommen und sich in sein Zimmer hinauf begeben hatte, folgte ihm
ein wenig später seine Gemahlin dahin nach. Das war sonst nicht ihre
Gewohnheit, aber Schmasman wunderte sich über ihr Kommen nicht, denn er
konnte sich schon denken, was sie zu ihm führte.
»Dich drückt die Neugier, mein Alterchen,« sprach er lächelnd zu ihr,
ehe sie selber ein Wort gesagt hatte.
»Dich drückt etwas viel Schwereres, Schmasman,« erwiederte sie mit
einem forschenden Blick in sein Angesicht. »Hinter Deinem grübelnden
Schweigen, das mir in diesen letzten Tagen an Dir sehr aufgefallen ist,
steckt ein Geheimniß, von dem ich meinen Antheil verlange; deßhalb
komme ich.«
»Gern verschwiege ich es Dir,« gab er ihr zur Antwort, »aber Du wirst
die Harnische bald genug rasseln hören, und dann läßt sich's doch nicht
mehr verbergen. Wir Männer müssen auf die Gäule.«
»Eine Fehde?«
»Ja, eine Fehde, und was meinst Du, gegen wen?«
»Doch nicht gegen die Thiersteiner?«
»Gegen die Thiersteiner.«
»O mein Gott!« rief sie, »was ist denn geschehen?«
»Geschehen ist bis jetzt noch wenig,« erwiederte er, »aber es droht
etwas, das nicht geschehen soll und nur mit Gewalt zu verhindern ist.«
»Gieb mir keine Räthsel auf, Schmasman!« sprach sie ungeduldig und
ängstlich zugleich. »Was hat Dir Graf Oswald angethan? Ich denke, euer
Wortwechsel an der Kapelle ist ausgeglichen.«
»Vollkommen, aber das war nur das Vorspiel.«
»Das Vorspiel wovon? wozu? ich verstehe von alledem kein Sterbenswort.«
»Am ersten Pfeifertage ist es Abends im Rathskeller zum Klappen
gekommen.«
»Ach so! bei den großen Pokalen,« lachte sie spöttisch. »Der Graf hat
wohl den schönsten für sich begehrt bei eurem Gelage? schrecklich!«
»Den hätten wir ihm wohl überlassen, aber die Sache ist für uns Alle
sehr ernsthaft geworden. Da setze Dich hin und höre zu!«
Nun erzählte Schmasman der aufmerksam Hörenden ausführlich den Verlauf
und schlimmen Ausgang der Abendzeche und schloß: »Du wirst einsehen,
daß man so gefährlichen Drohungen gegenüber die Hände nicht im Schoß
halten kann.«
»Das sind Worte, in der Weinlaune gesprochen,« sagte die Gräfin, »ein
Becherstreit mit heißen Köpfen, der in der nächsten Morgenkühle wie
ein Rausch aus dem Hirn verflogen und vergessen ist.«
»So dachte ich Anfangs auch, habe mich aber überzeugen müssen, daß
unsere Freiheiten und Rechte gefährdet sind; zu spät geschützt heißt in
diesem Falle unwiderbringlich verloren.«
»Du hast Dich von Burkhard davon überzeugen _lassen_, willst Du sagen.«
»Nun ja, man kann nicht Alles mit eigenen Augen sehen.«
»Schmasman, traue dem Ottrotter nicht zuviel! er ist hinterhaltig und
stets auf seinen Vortheil bedacht.«
»Herzelande! er ist mein alter Waffenbruder!« sprach Schmasman im Tone
des Vorwurfs.
Die Gräfin schürzte die Lippen und sagte: »Ja, Du hältst ihm die Treue,
aber ob er Dir --?«
»Aber Herzelande!« sprach Schmasman noch einmal, »wie kannst Du --«
»Was habt ihr denn mit dem Thiersteiner vor?« unterbrach sie ihn.
»Mit einem Worte: ihn von der Hohkönigsburg zu vertreiben und ihn
wieder dahin zu schicken, wo er hergekommen ist,« erwiederte Schmasman.
»Schmasman!« rief Herzelande und schlug die Hände zusammen, »das wird
ja keine Fehde, das giebt einen Krieg.«
»Wenn Graf Oswald nicht einlenkt, -- wohl möglich.«
»Die armen, armen Frauen!« jammerte Herzelande.
»Die thun mir auch leid,« gestand Schmasman, »aber ich kann ihnen nicht
helfen.«
In diesem Augenblick trat Egenolf ein und ahnte sogleich, was die
Anwesenheit seiner Mutter zu dieser Stunde hier zu bedeuten hatte. »Ich
wollte nur fragen, Vater,« sprach er, »ob sich Loder schon bei Euch
gemeldet hat; ich habe ihn auf heute Morgen herbestellen lassen.«
»Noch war er nicht hier,« sagte Schmasman.
Herzelande trat an ihren Gemahl heran und fragte leise: »Weiß Egenolf
von der Sache?«
»Ja,« entgegnete Schmasman, »aber die Gründe kennt er nicht.«
»Egenolf,« wandte sie sich nun zu dem Sohn, »der Vater will gegen den
Grafen Thierstein zu Felde ziehen.«
»Könnt' ich's nur hindern, Mutter!« kam es bedrückt von Egenolfs
Lippen. »Aber ich soll heute noch mit Loder reiten und die Lehnsleute
aufbieten.«
»Also so weit ist es schon.«
»Ich bin ja noch nicht im Sattel, Mutter!« tröstete er sie in der
stillen Hoffnung, daß es ihr am Ende gelänge, den Vater von dem
grausamen Plane noch abzubringen. »Darf ich jetzt vielleicht wissen,
Vater,« fuhr er fort, »was euch Herren mit dem Grafen Oswald verfeindet
hat?«
»Wir haben im Rathskeller einen hitzigen Streit mit ihm gehabt,«
erwiederte Schmasman. »Dabei kam es heraus, daß er es auf die
Verkürzung und Verkümmerung unserer Freiheiten und Standesrechte
abgesehen hat. Ein böses Wort gab das andere, und zuletzt schlug Graf
Oswald unserem Freunde Burkhard die Eule vom Kopfe. Burkhard griff zum
Dolche, und wir konnten ihn in seiner Wuth kaum bändigen.«
»Und darum sollen die Thiersteiner von der Hohkönigsburg herunter?«
»Ja.«
Egenolf und Herzelande schwiegen.
Jetzt wurde Loder gemeldet.
Als er hereinkam, reichte ihm Schmasman die Hand und sprach: »Hans,
Du mußt den alten, dicken Schimmel besteigen und mit Graf Egenolf zu
unsern Lehnsleuten traben. Sie sollen sich bereit halten, mit ihrem
reisigen Zeug zu uns zu stoßen, sobald ich sie rufen werde. Du kennst
sie am besten und sollst sie dazu aufmahnen. Und damit Du Bescheid
weißt, um was es sich handelt, theile ich Dir im Vertrauen auf Deine
Verschwiegenheit mit, daß wir dem Grafen Thierstein absagen, die
Hohkönigsburg stürmen und ihn daraus vertreiben wollen.«
»Das weiß ich schon, Herr Graf,« sagte Loder ruhig.
Schmasman warf einen strengen Blick auf seinen Sohn.
»Von mir nicht, Vater,« sprach Egenolf.
»Von wem dann?« fragte Schmasman unwillig.
»Von Herrn Burkhard von Rathsamhausen, für den ja die Hohkönigsburg
gestürmt werden soll, damit er mit seinen Gästen dort fröhliche
Weihnachten feiern kann,« kam es von Loder heraus.
»Was ist das? bist Du toll geworden, Alter?« brauste Schmasman auf.
»Ich habe es aus Herrn Burkhards eigenem Munde, daß er Euch dazu
herumgekriegt hat, Herr Graf,« erwiederte Loder mit derselben Ruhe wie
vorher. »Hättet Ihr mich nicht herbefohlen, so wäre ich von selber
gekommen, um Euch zu melden, was mir von Ungefähr wie ein Mücklein in
die Ohren geflogen ist und wovon mein Herz mir nichts Gutes weissagte.
Ich dachte mir dabei: das heißt doch, Einem den Münsterthurm von
Straßburg zum Angebinde versprechen.«
Der Graf war starr; sein fragender Blick begegnete dem seiner Gemahlin,
der ihm die stumme Antwort gab: da hörst Du's! Noch begriff er nicht,
was es mit Loders verblüffender Meldung auf sich hatte, und stellte
diesen nun mit dem Zornausbruch: »Heraus mit der Sprache! was soll das
unsinnige Gerede?«
Loder berichtete nun wortgetreu das Gespräch Burkhards mit Jost
von Müllenheim, das er mit angehört hatte, als er nach Schluß des
Pfeifergerichts dem Abreitenden den Steigbügel hielt. Von seinem
Wortwechsel mit Burkhard wegen Seppele's Verurtheilung und von des
Ersteren Drohung gegen ihn sagte er aber nichts.
Schmasman fragte in tiefster Erregung: »Und das Alles willst Du
wörtlich so gehört haben? kann da kein Irrthum, kein Mißverständniß
sein?«
»Nein, Herr Graf!« erwiederte Loder, »ich bürge mit Ehr und Gewissen
für jedes Wort.«
Durch des Grafen hohe Gestalt ging ein Zittern. Um seine mächtige,
innere Bewegung zu verbergen, trat er an ein Fenster, den Anderen den
Rücken zukehrend. Ein dumpfes Schweigen herrschte im Gemache, Niemand
rührte sich von der Stelle.
Endlich wandte sich Schmasman um und sagte, auf Loder zuschreitend,
mit einer eisigen Ruhe: »Ich danke Dir, Hans! Du hast mir einen großen
Dienst erwiesen.« Dann setzte er sich in einen Sessel und stützte den
Ellenbogen auf die Lehne und das Haupt auf die Hand.
Loder wollte abtreten, aber die Gräfin winkte ihm zu, noch zu bleiben.
Dann ging sie zu ihrem Gemahl und sprach, ihm leise die Schulter
berührend: »Nimm es auch nicht allzuschwer, Liebster! Burkhard wird auf
die eine oder die andere Weise zur Vernunft zu bringen sein.«
»Wie ist es nur möglich?« fuhr Schmasman aus seinem Brüten auf. »Er
hat mich getäuscht und schmählich hintergangen, hat mich mißbrauchen
wollen als gefügiges Werkzeug seiner ehrgeizigen, habgierigen Pläne.
Ich bin blind und taub gewesen in meinem festen Glauben an ihn. Jetzt
begreife ich seine vorgefaßte Meinung und seine Feindschaft gegen
die Thiersteiner. Jetzt verstehe ich manches Wort, das ihm unbedacht
entschlüpfte und das ich ihm stets zum Guten auslegte als nicht so bös
und ernst gemeint. Ich habe ihn gefragt, was mit der Hohkönigsburg
werden sollte, wenn wir sie erstiegen hätten. Da ist er mir ausgewichen
mit seiner Antwort, hat mir nicht ehrlich gesagt, daß er sie selber
haben möchte.«
»Aber warum hat er sie denn nicht genommen, so lange sie ihm herrenlos
und unvertheidigt offen stand?« fragte Herzelande.
»Weil er sie dann selber mit seinem Gelde aus den Trümmern hätte wieder
aufrichten müssen,« entgegnete Schmasman. »Jetzt findet er sie fertig
vor, so stark und schön, wie sie vorher niemals war, und würde sich
dagegen sträuben, wenn wir sie nach ihrer Erstürmung wieder ausbrennen
wollten. Nicht in das zerstörte, nein, in das sicher und fest gebaute
Nest will er sich setzen.«
»Was beschließest Du nun zu thun?« fragte Herzelande.
»Darüber kann ich mich unmöglich heute schon entscheiden, denn das
bedarf sehr reiflicher Erwägung,« sagte Schmasman. »Burkhard hat mein
Wort, zur Fehde zu rüsten, dem Thiersteiner abzusagen und an dem Kampfe
gegen ihn theilzunehmen.«
»Das Wort hast Du unter ganz anderen Voraussetzungen und Bedingungen
gegeben und würdest es nicht gethan haben, wenn Du Burkhards
Hintergedanken durchschaut hättest,« wandte die Gräfin ein. »Er hat
den Thiersteiner unablässig gereizt, hat ihn nach Deiner eigenen
Darstellung zu unüberlegten Drohungen verlockt und herausgefordert,
deren Anfang zur Ausführung doch wenigstens abgewartet werden
sollte. Dann ist es immer noch Zeit, den Versuch dazu durch
einmüthigen, entschiedenen Widerstand und, wenn's sein muß, mit
Gewalt zurückzuweisen. Burkhard hat es, nur in der Absicht, die
Hohkönigsburg für sich selber zu gewinnen, darauf abgelegt, einen
Streit heraufzubeschwören und euch Alle mit hineinzuziehen, hat ihn
willentlich immer weiter und weiter mit Sticheln und Hetzen getrieben,
bis ein blutiger Waffengang unvermeidlich schien. Soll er seinen
eigennützigen, mit so verwerflichen Mitteln verfolgten Zweck nun
wirklich erreichen?«
»Ein Wort ist ein Wort und bleibt ein Wort,« erwiederte Schmasman, »ich
kann damit nicht umspringen, wie der Wind die Wetterfahne dreht. Die
Lage der Sache ist nur insofern verändert, daß die Fehde nun noch ein
Nebenziel hat, das nicht von vornherein klar ausgesprochen ist, das ich
nicht billige und zu dessen Erreichung ich dann am wenigsten helfen
werde, wenn ich dazu überlistet und übertölpelt werden soll.«
»Und ohne Dich, gegen Deinen Willen werden die Anderen den Kampf nicht
wagen,« meinte Herzelande.
»Der eigentliche Grund zum Kampfe bleibt bestehen,« sagte Schmasman,
»so lange Graf Oswald uns nicht bündige Zusicherung und annehmbare
Bürgschaft giebt, seinen herrschsüchtigen Gelüsten gegen den ansässigen
Adel völlig zu entsagen. Thut er dies, so fällt jede Veranlassung zu
einer Fehde weg. Die persönlichen Beleidigungen, die sich Burkhard
und Oswald gegenseitig zugefügt haben, mögen die Zwei unter sich
allein ausfechten; das wird weder den Einen noch den Anderen eine Burg
kosten. Ich glaube, eine offene, ruhige Aussprache mit dem Grafen
Oswald unter vier Augen würde sehr dazu beitragen, einen allgemeinen
Kampf zu verhüten, und ich bin der Anbahnung einer Verständigung mit
ihm durchaus nicht abgeneigt, damit er sieht, daß ich unter gewissen,
unerläßlichen Bedingungen bereit bin, die Hand zum Frieden zu bieten.
Jedenfalls,« schloß der Graf, zu Egenolf und Loder gewandt, »reitet ihr
vorläufig nicht zu den Lehnsleuten.«
»Aber soll ich nicht auf die Hohkönigsburg reiten, Vater,« frug
Egenolf, »und dem Grafen eine Wink geben, daß Ihr nichts Feindliches
gegen ihn im Schilde führt?«
Schmasman schien zu überlegen.
»Wäre nicht so übel, Herr Graf,« mischte sich Loder in das Gespräch,
der Egenolfs sehnlichen Wunsch nach Frieden und Eintracht unter den
beiden Familien wohl verstand und ihm gern zu einem Wiedersehen mit der
jungen Gräfin behilflich sein wollte. »Graf Egenolf ist bei dem Streite
nicht unmittelbar betheiligt und könnte mit seinem freundnachbarlichen
Besuche dem Grafen Oswald zeigen, daß zwischen Euch und ihm kein Stein
im Wege liegt.«
»Nein, das wäre verfrüht und geht auch aus anderen Gründen nicht,«
entschied der Graf. »Nach dem Zank im Rathskeller sähe das aus wie
ein schleuniger Rückzug, wie eine Abbitte, möchte ich sagen, ein
Zukreuzkriechen.«
»Ich muß Dir vollkommen beipflichten, Schmasman,« sagte Herzelande,
»aber ich habe einen anderen Vorschlag. Die junge Gräfin Leontine hat
unsere Tochter um ihren Besuch gebeten, und diese hat ihn ihr auch
zugesagt. Isabella weiß von der ganzen Fehdesache nichts, und sie
darf auch nichts davon erfahren, um völlig harmlos und unbefangen
mit ihrer neuen Freundin und deren Eltern verkehren zu können. Also
rathe ich, daß wir Isabella hinauf schicken. Laß mich nur machen; es
soll weder für Isabella noch für die Thiersteiner nach irgend einer
Absicht aussehen. Aber Graf Oswald wird sich sagen, daß wir unsere
Tochter nicht auf die Hohkönigsburg hinauf lassen würden, wenn ein
unabwendbarer Kampf zwischen Dir und ihm nahe bevorstünde.«
»Das läßt sich hören, damit bin ich einverstanden,« erklärte Schmasman.
»Das verpflichtet mich nach keiner Seite hin, und die beiden Mädchen
geht der Streit der Männer nichts an.«
»Isabella kann heute Nachmittag hinaufreiten und zwei Nächte oben
bleiben,« bestimmte Herzelande.
»Und wir machen gegen Abend einen Pirschgang, Vater; ich weiß, wo ein
starker Bock wechselt,« fügte Egenolf hinzu.
»Auch das soll mir recht sein,« erwiederte der Graf, »und ich errathe,
welches Waidmannsheil Du mir mit dem Bock da im grünen Walde zutreiben
willst. Ich bin zwar, weiß Gott! nicht in Jagdstimmung, aber ich muß
Luft haben, muß mein Blut beruhigen, und es wäre mir noch lieber,
wenn Du statt des Bockes einen groben Keiler mit der Schweinsfeder
abzufangen hättest.« Sich zu Loder wendend fuhr er fort: »Du bist in
Gnaden entlassen, Hans! Gott erhalte Dir Deine feinhörigen Lauscher!«
»Ich wäre ja kein Spielmann,« lachte Loder, »wenn ich im Zusammenklange
nicht sofort die Falschheit eines Tones merkte, mag er herkommen, von
wo er will.«
Nun schieden die Drei aus dem Gemach und ließen den Grafen allein.
Herzelande kramte sogleich in einer geschnitzten Eichentruhe und
entnahm ihr einen kostbar gestickten Frauengürtel, mit dem sie sich zu
ihrer Tochter begab.
»Isabella,« begann sie zu dieser, »hast Du Lust, heute Nachmittag auf
die Hohkönigsburg zu reiten?«
»Mit Freuden, liebe Mutter!« erwiederte Isabella, »ich habe ja
Leontinen meinen Besuch versprochen.«
»Eben darum!« sprach Herzelande, »aber ich habe noch einen anderen
Zweck dabei. Neulich beim Pfeiferfest lobte mir Gräfin Margarethe den
Gürtel, den ich Abends in der Halle trug; er schien ihr ausnehmend
zu gefallen. Da ich nun noch einen ähnlichen habe, beschloß ich, den
anderen der Gräfin zum Geschenk anzubieten. Aber ich möchte das nicht
auf die lange Bank schieben; ich habe von Deinem Vater einmal ein
lateinisches Sprichwort gehört, das er mir übersetzte: Doppelt giebt,
wer schnell giebt. Darum wünsche ich, daß Du ihn der Gräfin heute
bringst. Sieh mal! dieser ist es, ein Erbkleinod meiner lieben Mutter,
alte Burgunder Arbeit, wie man sie heut zu Tage nur noch sehr selten
findet; ist er nicht schön?« fragte sie, den Gürtel von dunkelrothem
Sammet mit reicher Goldstickerei vor den bewundernden Augen der Tochter
entrollend.
»Herrlich! wie wird sich Gräfin Margarethe darüber freuen!«
»Das hoffe ich; sage ihr, ich bäte sie, den Gürtel als eine kleine
Liebesgabe von mir anzunehmen und ihn recht oft zur freundlichen
Erinnerung an mich zu tragen. Wenn Du willst und sie Dich dazu
auffordern, kannst Du bis übermorgen bei Leontinen bleiben.«
»Ich danke Dir, liebe Mutter, daß Du mich zur Überbringerin des
werthvollen Geschenkes machst,« sprach Isabella. »Gleich nach dem
Mittagsmahl werde ich mich zu dem Ritt bereit halten. Einer von den
Knechten geleitet mich wohl, oder vielleicht Egenolf --?«
»Nein, Egenolf will mit dem Vater pirschen, Du nimmst Dir einen Knecht
mit.«
Als etwas später Isabella zum Burghof hinabstieg, um sich Pferd und
Geleitsmann zu sichern, traf sie dort ihren Bruder.
»Egenolf,« redete sie ihn an, »hast Du vielleicht auf der Hohkönigsburg
etwas auszurichten? ich reite heute Nachmittag hinauf.«
»Du reitest zur Hohkönigsburg hinauf? soso! sieh mal an!« sagte
Egenolf, den Erstaunten spielend. »Nun dann bestelle nur dort oben
einen recht herzlichen Gruß von mir.«
»Gern, aber an wen denn?« fragte sie mit einem schalkhaften Lächeln.
»Nun, an -- an den Stallmeister Isinger; an wen denn sonst?«
»Natürlich! an wen denn sonst?«
»Und wann kehrst Du zurück?«
»Übermorgen gegen Mittag.«
»Ich werde Dir entgegenkommen, um von Dir zu hören, wie -- ob mich der
Stallmeister auch wiedergrüßen läßt.«