X.

Das Pfeifergericht. Das Wort hatte einen sehr verschiedenen Klang

in den Ohren der fahrenden Leute. Den Einen graute davor, weil sie,

irgend eines Vergehens angeklagt, ihrer Verurtheilung und Bestrafung

entgegensahen und das fröhliche Spielmannsfest für Manchen ein

trauriges Ende hinter Schloß und Riegel finden sollte. Die Anderen

aber freuten sich darauf, weil dabei allerhand lustige Dinge zu Tage

kamen und die Verhandlungen oft einen für die Zuhörer sehr ergötzlichen

Verlauf nahmen. In den Satzungen der Bruderschaft waren bestimmte

Vergehungen auch mit bestimmten Strafen bedroht, aber die tausend

Thorheiten, Seitensprünge und Schelmenstreiche, in denen sich das

leichtlebige Völklein so sehr gefiel, konnten unmöglich alle voraus

bedacht und verboten werden. So war es denn meist ein ungeschriebenes,

althergebrachtes Gewohnheitsrecht, das im mündlichen Verfahren

durchaus unparteiisch gehandhabt wurde, und die Entscheidungen waren

lediglich dem Ermessen des erkennenden Richters anheimgegeben, der

seine Beisitzer gelegentlich dabei zu Rathe zog. Dieser Richter, zu

dessen Gerechtigkeit die Fahrenden ein unbegrenztes Vertrauen hatten

und gegen dessen Urtheil es keinen Widerspruch und keine Berufung gab,

war Hans Loder, der Pfeiferkönig. Er, selber ein Spielmann und einer

alten Spielmannsfamilie entsprossen, war in der Lebensauffassung und

Denkweise von seines Gleichen aufgewachsen und alt geworden, fühlte mit

ihnen Lust und Leid und redete mit ihnen in ihrer Sprache, derb und

grobkörnig, frank und frei, so wie sie es liebten. Heute, nur heute,

trug er auf dem Haupte eine vergoldete Krone und um die Schultern

einen vorn zurückgeschlagenen hellblauen Mantel. So sah er in seiner

ehrwürdigen Stattlichkeit mit dem langen, grauen Barte fast aus wie

einer der heiligen drei Könige aus dem Morgenlande.

Die Gerichtsstelle war unter freiem Himmel auf dem Markte, damit

möglichst viel Volk zuhören konnte. An einem Tische, vor dem genügender

Raum für Kläger, Beklagte und Zeugen bleiben mußte, hatte Loder seinen

für ihn allein etwas erhöhten Sitz, und rechts und links neben ihm

saßen die vier Weibel.

Die Verhandlungen fingen früh Morgens an und mußten bis Sonnenuntergang

beendet sein. Die Aussagen wurden meist auf Treu und Glauben

hingenommen, oft aber auch durch Zeugen erhärtet. Versuchtes Leugnen

wurde schnell als haltlose Ausreden durchschaut, und sehr selten kam

es vor, daß einer Partei oder einem Zeugen ein feierlicher Eid gestabt

wurde, wozu der Pfeiferkönig die Befugniß hatte.

Bis Mittag, wo eine kurze Pause gemacht wurde, war bereits eine

erkleckliche Zahl mehr oder minder verzwickter Fälle erledigt.

Freigesprochen war Niemand, denn alle Vorgeladenen hatten irgend

etwas auf dem Kerbholz mit Ausnahme der wenigen, die selber als Kläger

auftraten.

Zu diesen Letzteren gehörte ein Fahrender, der nicht grade den Eindruck

hochkünstlerischer Begabung machte und doch wegen schwerer Kränkung

seiner Spielmannsehre den Schutz des Gerichtes anrief. Der Stättmeister

von Molsheim hatte ihn öffentlich einen elenden Geigenbuckler

geschimpft und behauptet, daß bei dem Kratzen und Schaben auf seiner

kreischenden Fiedel die Hunde heulten, die Menschen davonliefen und

das Bier in den Krügen sauer würde. Drei Ohrenzeugen bestätigten die

boshafte Schmährede, und der Beleidigte verlangte Genugthuung.

»Sollst Du haben, Gumpenberger!« tröstete ihn Loder, »das brauchst

Du Dir, auch wenn es mit dem Gekratz seine Richtigkeit hätte, nicht

gefallen zu lassen. Brich Dir einen handfesten Knüppel vom Zaune

und prügele damit den Schatten des Stättmeisters aus Leibeskräften

durch, wenn Du ihn erwischen kannst und er stillhält. Aber nimm Dich

in Acht, daß Du nicht statt seines Schattens den wohlgeborenen Herrn

Stättmeister selber triffst, denn das könnte Dir übel bekommen. Fertig!

weiter!«

Dem Nächsten wurde nachgewiesen, daß er es in der Gewohnheit hätte,

um nichts und wieder nichts so gottsjämmerlich zu fluchen, daß es

Einem kalt über den Rücken liefe. Kürzlich hätte er das sogar gethan,

als zufällig ein ehrwürdiger Pater vorübergegangen wäre, der sich vor

Schreck gleich dreimal hinter einander bekreuzt hätte.

»Schäme Dich, Wilwolt!« sprach Loder streng. »Gleich bittest Du's

unserer Mutter Erde ab, daß sie einen so wüsten Gesellen tragen und

nähren muß! Da knie nieder, schreib mit dem Finger ein Kreuz in den

Staub und küsse es reu- und demüthig mit Deinem gottlosen Munde.«

Wilwolt that, wie ihm geheißen war, und machte sich dann schnell davon,

froh, mit so leichter Buße losgekommen zu sein.

Jetzt traten auf den Wink eines der Weibel Kläger und Verklagter

zugleich vor. Der Ellernmüller aus dem Groß-Rumbachthale beschuldigte

den augenscheinlich mit einem schlechten Gewissen neben ihm Stehenden,

ihm aus seinem Kolk einen Fisch gestohlen zu haben.

»Boppel, was hast Du darauf zu erwiedern?« fragte Loder.

»Is nit wahr.«

»Was? Du alter Heckenkriecher, Du hängemäßiger Dieb Du, nit wahr

wär's?« rief der Müller entrüstet. »Ich hab ihn ja damit weglaufen

sehen. Des Morgens ganz früh war's, als ich aus der Mühle kam und das

Schütz ziehen wollte, ganz deutlich hab ich ihn kennt, ich schwör's so

hoch wie der Knopf auf dem Kirchthurm ist.«

»Nu, reiß nur's Maul nit so weit auf mit Dei'm Geschrei um so e klei's

Fischle wege.«

»Klei's Fischle?« fuhr der Müller auf ihn los, »ein fünfpfündiger Hecht

war's! er hatt' ihn unterm Mantel, aber dem Fisch sein Schwanz hing

eine Spanne lang drunter vor; ich hab's gesehn, mit diesen meinen Augen

hab ich's gesehn, Du Galgenstrick!«

»Boppel, was sagst nu?« fragte Loder wieder.

»Is scho recht, das Mäntle war e bissel zu kurz,« gab Boppel klein bei.

»Du zahlst dem Ellernmüller den doppelten Werth vom Hecht und liegst

fünf Tage lang im Thurm bei Wasser und Brod,« verfügte Loder. »Damit

hast Du für diesmal Deinen Bescheid; ein andermal häng einen längeren

Mantel um oder stiehl einen kürzeren Fisch.«

Darauf kamen zwei Frauenzimmer, ein altes, verschrumpeltes Weiblein und

ein Mädchen mit jugendlich offenen Zügen und sicherem Auftreten.

»Wer ist denn das?« fragte Loder.

»Das ist Ammarei, genannt Schellenfünf,« belehrte ihn einer der Weibel,

Syfritz war es.

»Meiner Seel, die Schellenfünf!« lachte Loder. »Und Du altes,

gebrechliches Bettelmenschel lebst auch noch und quinkelierst immer

noch auf Deiner Quinterne herum?«

»Ja, das thu ich, und besser als manche Junge,« erwiederte die Alte mit

einem giftigen Seitenblick nach ihrer Gegnerin.

»Was willst Du denn hier?«

»Das unverschämte Ding, das Kätherlin, hat mir einen Maienbaum mit

Zipollen und Knoblauch auf meinen Acker gestellt und mir damit Schimpf

und Schande angehenkt,« klagte Ammarei.

»Die alte, hämische Neidliese hat mir aus lauter Niederträchtigkeit

meine Harfe verhext, daß die Saiten nicht mehr stimmen wollen, hat mich

beschrieen, ich sänge falsch, und mir auch sonst noch allerlei üble

Nachrede gemacht mit ihrem garstigen Klatschmaul,« behauptete Kätherlin

mit großer Zungenfertigkeit.

»Sie hat mich Hexe gescholten, mit dem Finger auf mich gezeigt und die

Dorfbuben auf mich gehetzt, daß sie mit Steinen nach mir geschmissen

haben,« keifte die Alte.

»Was bist Du denn sonst als eine gräulige, schwarzgallige Wetterhexe,

die keiner Anderen einen ehrlich verdienten Batzen gönnt?«

»Und Du flattriges Geschöpf, das alle vier Wochen einen anderen

Liebsten hat, --«

»Nicht einmal einen Liebsten gönnt es mir, das alte, verlumpte

Scheusal,« lachte Kätherlin.

»-- Du verdientest soviel Hiebe wie Du Haare auf dem Kopfe hast, Du

Grasaffe, Du Zierpuppe, Du Satanskind, Du --«

»Ruhe!« donnerte der Pfeiferkönig und schlug mit der Hand auf den

Tisch. »Ihr scheint euch nicht gut vertragen zu können; das müßt ihr

lernen. Ihr kommt drei Mittage eine Stunde lang auf den Kak in den

Beißkasten, da könnt ihr euch zanken und schimpfen, bis ihr heiser

werdet. Fort mit euch!«

Die Meister nahmen die alte Lautnerin und die junge Harfenistin wie

Alle, die zu einer Strafe verurtheilt wurden, in Empfang und führten

sie ab.

Nun erschienen ihrer Drei vor dem Richterstuhle, ein alter

heruntergekommener Mensch mit allen Kennzeichen eines Trunkenboldes,

seine blühende Tochter, eine Zitherspielerin, und ein junger,

kräftiger Mann, der Luftspringer war. Dieser beklagte sich, daß der

Alte seiner Tochter verwehrte, sich mit ihm zu verehelichen, alltags

auf der Bärenhaut läge, wenn er nicht in der Schenke säße, und das

Mädchen allein für seinen Unterhalt sorgen ließe.

»Dich kenn' ich, Schuddebuddel!« sagte Loder, »kannst Du Dich denn mit

Deinem Dudelsack nicht selber ernähren?«

»Nein,« stöhnte der Alte und tupfte sich mit der Hand auf seine

eingefallene Brust, »es geht nicht mehr, hier -- hier -- keinen Athem

mehr.«

»Weil Du Dir den Hals abgesoffen hast, Du alter Weinschlauch!«

fuhr ihn Loder an. »Natürlich, wenn man den lieben langen Tag in

der Lumpardei sitzt, ein Schöpple nach dem andern hintergießt und

dann bei nachtschlafender Zeit in voller Unsinnigkeit an den Wänden

heimschleicht, wo soll denn da die Puste zum Blasen herkommen? Das ist

eines ehrbaren Spielmannes gänzlich unwürdig.«

»Hm!« machte Schuddebuddel, »hab all mein Lebtag gehört, von hundert

Spielleuten süffen neunundneunzig gern.«

»Will's nicht in Abrede stellen,« erwiederte Loder, »aber Alles mit

Maßen. Einem paar Gutgesellen die Becherlein leeren helfen oder auch

mit einem alten Kumpan an einem hohen Festtag einmal einen starken

Trunk thun, dagegen hab ich nichts, aber Du treibst das Tag für Tag

über allen menschlichen Verstand und Glauben.«

Schuddebuddel nickte blöde vor sich hin und seufzte: »Ja, es ist ein

schweres Leiden, das ich mir aus dem Dudelsack durch das fleißige

Blasen zugezogen habe. Von der grausamen innewohnenden Lebertröckne

kann mich nun kein Baucharzt und kein Schneidarzt mehr kuriren.«

»Ich würd's schon fertig bringen,« lachte Loder. »Du solltest zwischen

dem Blasen des Hirten, wenn er austreibt und wenn er wieder eintreibt,

keinen Tropfen mehr in Deine rostige Kehle kriegen und auf der

Wirthsbank die Nachtglock nicht mehr läuten hören. Jetzt sage mir,

warum Du Deine Tochter nicht heirathen lassen willst.«

Der Alte schwieg.

»Christinel, sprich Du!« gebot Loder.

»Der Vater sagt, er könnte mich nicht entbehren und müßte elend

verhungern, wenn ich nicht für ihn sorgte. Er schickt mich aus, daß

ich mit meiner Zither Geld verdienen soll, und wenn ich nicht genug

nach Hause bringe, schilt er mich aus und schlägt mich,« erwiederte das

Mädchen traurig und verschämt.

»Ich hab auch schon beigesteuert von meinem Verdienst,« fiel der

Luftspringer ein, »aber das will Christinel nicht mehr annehmen, weil

der Alte doch Alles versäuft, was er in die Hände kriegt. Nach lang

gehabter Geduld klagen wir nun, ob Ihr uns helfen könnt, daß wir zu

einander kommen.«

»Landolin, kannst Du eine Frau ernähren?« fragte Loder.

»Ei, das will ich meinen!« lachte Landolin mit dem ganzen Gesicht, »sie

soll's gut bei mir haben.«

»Schuddebuddel, hast Du gegen den Landolin als Eidam etwas einzuwenden?«

»Das grad nit.«

»Hast gar kein Grund und Ursach, den Beiden die Ehe zu hindern?«

»Sonst keinen, aber wovon soll ich denn in meiner großen Armuth leben,

wenn sie heirathen? Als junges Ehevolk werden sie mir nichts mehr

gunnen und geben.«

Da erhob sich Loder von seinem Sitz und sprach: »Euch beiden, die ihr

euch lieb habt, will ich helfen. Kraft der in meiner Hand ruhenden

Ambacht des Königreiches fahrender Leute ertheile ich hiermit im Namen

der ganzen Bruderschaft meine Einwilligung, daß Du, Landolin, und Du,

Christinel, mit einander in die Ehe tretet, heut oder morgen, wann

es euch gefällt. Führt sie euer Leben lang in Ehren und Freuden, und

der allmächtige Gott gesegne sie euch! Allen Brüder Spielleuten aber

verbiete ich hiermit auf das Eindringlichste unter Androhung schwerer

Buße, fürderhin bei einem Wirthe aufzuspielen, der diesem alten

Suferle, dem Schuddebuddel, sei es bezahlt, sei es geschenkt, mehr als

ein Becherlein zur nothdürftigen Löschung des Durstes verzapft oder

verzapfen läßt. -- So!« schloß er, sich wieder setzend, »das nimm in

Dein Ohr, wisch' Dir's Maul und scher' Dich weg, Du Rabenvater! Was

giebt es weiter?« wandte er sich dann zu den Weibeln.

Schuddebuddel zog, tonlos die Lippen bewegend, verdrießlich ab.

Landolin und Christinel aber blickten sich glückselig in die Augen und

verschwanden Hand in Hand in der ihnen zujubelnden Menge.

»Halberdrein und Dürrschnabel wegen der Strohpuppe,« kam von den

Beisitzern die Antwort auf Loders Frage.

»Gut! tretet mal vor, ihr beiden Missethäter!« befahl Loder.

Zwei Spielleute, zwei ganz verwegene Gesellen ihrem Äußeren nach, kamen

heran.

»Ihr habt,« begann Loder, »laut Beschwerde der Patres von der Abtei

Murbach im Klostergarten dort eine lebensgroße Strohpuppe aufgestellt,

mit einer Mönchskutte angethan und mit einem Eselskopfe versehen,

dessen Ohren lang durch zwei Löcher aus der Kapuze herauslugten. Wie

seid ihr in den Garten gekommen?«

»Über die Mauer,« sagte Halberdrein.

»Wo habt ihr die Kutte her?«

»Gefunden,« erwiederte Dürrschnabel.

»Und den Eselskopf?«

»Vom Schinder gekauft.«

»So! gefunden und gekauft; ihr irrt euch doch nicht?« fragte Loder.

»Wer oder was hat euch denn zu dem Malefiz aufgewiegelt?«

»Das fügte sich dergestalt,« nahm Dürrschnabel das Wort. »Ich zog mit

meinem geheimen und guten Gesellen auf Murbach zu, wo wir das Abendmahl

nehmen wollten, und blieben zu Herberg in einem Dorf, weil da grade

die Kirchweih im Schwange war. Anderen Tages kamen wir in Murbach an,

aber die Mönche wollten uns auf all unser standhaft fleißig Bitten

nicht zum Abendmahl zulassen, weil wir als Spielleute ehrlos, echtlos

und rechtlos wären, und das sind wir doch nicht mehr.«

»Nein, das sind wir nicht mehr,« erklärte Loder. »Kaiser Karl IV. hat

uns ein Wappen verliehen und uns damit ehrlich gemacht, und der heilige

Vater Sixtus -- Gott segne ihn dafür! -- hat uns vom Kirchenbann

gelöst und verordnet, daß man fortan auch den fahrenden Leuten das

Sakrament reichen soll wie andern Christenmenschen. Ihr waret also in

eurem guten Rechte, und es ist ja sehr erfreulich, daß euch nach der

Gnadenspende so sehnlich verlangt hat; eure Sünden müssen euch nicht

schlecht auf eurer armen Seele gebrannt haben. Aber der Zaunpfahlwink

mit dem Eselskopf nach der frommen Weisheit der Gesalbten ist derb und

deutlich, und ihr habt euch fahrenden Fußes nach der Abtei Murbach

zu begeben und das Kapitel kniefällig mit Entdeckung des Hauptes und

mit lauten Worten um Verzeihung zu bitten. Hoffentlich wird man euch

dort bei euren eigenen Eselsohren nehmen und euch eine namhafte Buße

auflegen. Da freßt es aus, was ihr euch eingebrockt habt. Dann aber

verlangt ihr die Darreichung des heiligen Abendmahles, und wird sie

euch nochmals verweigert, so bestellt ihr dem hochwürdigsten Abte: ich,

Hans Loder, der König aller fahrenden Leute im Wasigen, forderte für

euch das Sakrament, und wenn er euch das abschlüge, so würde ich ihn

bei Seiner Gnaden dem Bischof von Basel und, wenn's sein müßte, bei

Seiner Heiligkeit dem Papste in Rom verklagen. Gehabt euch wohl, und

Glück auf die Reise!«

Als Nächste kamen vier Spielleute an die Reihe, von denen drei gegen

einen klagten und der Eine sich über die Drei beschwerte. Sie waren

sämmtlich Bläser und hatten ihre Instrumente umgehängt bei sich,

Clarete, Zinke, Krummhorn und Flöte. Die abenteuerlichen, überaus

drolligen Gestalten, in denen sich die denkbar stärksten Gegensätze

menschlicher Erscheinungen ausprägten, erweckten schon bei ihrem

Vortreten Gespött und Gelächter.

»Ihr habt Schelt- und Schlaghändel unter euch gehabt,« redete sie Loder

an, »ihr Drei habt dem Muffel eine fließende Wunde geschlagen. Wie

kommt ihr dazu?«

»Es war auf dem Sebaldusmarkt in Thann,« gab Werlin, der Zinkenist,

zur Antwort. »Da wurde groß Wunder von Wein geschenkt, und Abends in

der Zech, als das Becherlein umging, sind wir einander in die Haare

gefallen.«

»Warum?«

»Wir hatten zum Tanz aufgespielt, und der Muffel hatte mit seiner

Clarete immer falsch dazwischen geblasen, mit Willen falsch, uns

zum Tort falsch geblasen. Es war zum Steinerbarmen, er hat uns beim

Zusammenspiel ganz aus der Wiege geworfen.«

»Muffel, hast Du mit Willen falsch geblasen?« fragte Loder.

»Nein! ganz und gar nicht; die Drei haben falsch geblasen, daß

unser Spiel nicht mehr stimmte und in Verwirrung kam. Da wollte ich

ihnen recht laut den richtigen Ton angeben, damit sie sich wieder

hineinfänden.«

»Mach' uns hier keine Schneckentänze vor!« sagte Werlin. »Warum hast

Du uns denn bei Deinem mißtönigen Getute jedesmal so boshaft und

schadenfroh über Deine Clarete weg angegrinst?«

»Weil ich euch ärgern wollte und euch nicht mehr traute, denn ihr

hattet mich Abends vorher beim Theilen schmählich übers Ohr gehauen,

ich hab's wohl gemerkt.«

»Das ist nicht wahr,« rief Rulin, der mit dem Krummhorn. »Er hat _uns_

betrogen; wir haben's gesehen, daß er beim Einsammeln eine Handvoll

Rappen über Seite gebracht und heimlich eingesackt hat. Dafür haben wir

ihn denn mit Pfirter Münz ausgezahlt.«

»Das heißt, ihr habt ihn durchgeprügelt.«

»Ja! nur noch nicht genug, er hätte mehr verdient.«

»Falsch geblasen hab ich, und mit Willen, daß ihr's nur wißt! aber beim

Einsammeln hab ich nichts eingesackt.«

»Wir haben's Alle gesehen,« riefen die drei Anderen wie aus einem Munde.

»Nein! ihr habt mich beim Theilen zu kurz kommen lassen.«

»Das kannst Du nicht beweisen,« hielt ihm Wurant, der Flötist, entgegen.

»Mir könnt ihr auch nichts beweisen.«

»Was fangen wir nun mit den vier Herzensbrüdern an?« wandte sich Loder

an die Beisitzer.

»Erwiesen ist nichts bis auf das Falschblasen und die Prügel,«

antwortete einer der Weibel.

»Nein, aber es scheint, sie sind sich gegenseitig nichts schuldig

geblieben,« meinte der zweite.

»Ja, das ist Gurr wie Gaul,« lachte Syfritz, der dritte, »ein Barbier

schneid't dem andern die Haar.«

»Die Prügel müssen wir ihnen ankreiden,« schloß der vierte.

Loder entschied: »Muffel, ein Spielmann, der mit Willen falsch

bläst, ist in meinen Augen ein erbärmlicher Wicht. Die Prügel

hast Du verdient, und ich will sie Dir als Strafe anrechnen. Aber

als abscheuliches Beispiel und zur offenbaren Warnung vor Deiner

gefährlichen Clarete sollst Du zwei Wochen lang mit verkehrt

angezogenem Wamse laufen, das Futter nach außen, damit man den

Vogel gleich an seinen Federn erkennt. Ihr andern Drei büßt für den

Schlagfrevel jeder zwei Pfund Wachs an die Kapelle unserer lieben Frau

vom Dusenbach; damit werdet ihr wohl begnügig und zufrieden sein. --

Nun?«

Der älteste Weibel erhob sich und rief: »Seppele von Ottrott! -- --

Seppele von Ottrott zum zweiten! -- -- Seppele --«

»Komme schon!« tönte es aus der Menge, und Seppele trat mit seiner

Laute vor.

»Seppele,« begann Loder, »Du bist wieder desselben Schabernacks wegen

angeklagt wie voriges Jahr, wo Du drei Tage dafür im Loch gesessen

hast. Es ist männiglich kund, daß Du als vielbeliebter Sänger und

Spielmann in allen Schenken freien Trunk hast, nur nicht beim

Falkenwirth in Grendelbruch; um welch einfältiger Ursach willen' weiß

ich nicht. Um Dich dafür, daß Du Deine Zeche bei ihm bezahlen mußt,

an ihm zu rächen, hast Du ihn in bösen Leumund gebracht und hast, ihn

in seinem Gewerbe zu schaden, überall das Geschrei herumgetragen, der

Falkenwirth fälschte und verwässerte seinen Wein und müßte dieser

unmenschlichen Sünde wegen dermaleins ewig in der Hölle brennen. Das

wirst Du wohl nicht leugnen wollen.«

»Bei Leibe nicht!« erwiederte Seppele, »das ist die reine Wahrheit. Wie

soll denn ein Wirth in den Himmel kommen, der unserm Herrgott die Kunst

abgeluchst hat, aus Wasser Wein zu machen?«

»Hast Du ihn schon einmal beim Manschen und Panschen ertappt?«

»Das nicht, aber geschmeckt hab ich's; Bauchgrimmen kriegt man von

dem Gesöff, aber ein ehrliches Räuschlein kann man sich davon nicht

antrinken.«

»Und das ist ein Jammer, meinst Du?«

»Jammer und Schade um den schönen Durst! Weißt doch, Hans, 'ne

Spielmannskehle --«

»Ja, ja, aber nun hast Du kürzlich ein trutziges Spott- und

Schelmenlied auf den Falkenwirth gemacht und auf allen Bänken sechs

Meilen in der Runde gesungen; das hat Anstoß und Ärgerniß gegeben.«

»Anstoß und Ärgerniß? gelacht haben sie, daß ihnen die Thränen über die

Backen gelaufen sind. Soll ich's euch vorsingen?« sagte Seppele und zog

schon die Laute vom Rücken hervor.

»Hier vor Gericht?«

»Warum denn nicht?«

Loder warf rechts und links einen fragenden Blick auf die Beisitzer.

Diese nickten ihm zu, und aus der Menge rief man: »singen! singen!«

Seppele hatte schon angefangen, eine lustige Weise zu klimpern und bat:

»Laß mich's doch singen, Hans!«

»Du neundrähtiger Erzschalk denkst uns damit milder gegen Dich zu

stimmen; wir sollen auch lachen und Dich dann ungerupft laufen lassen,«

sagte Loder. »Weit gefehlt! schrei' nicht juh, ehe Du über den Graben

bist! Aber meinetwegen laß Dein nichtsnutziges Schelmenstück hören.«

Da griff Seppele kräftig in die Saiten und sang.

Der Falkenwirth zu Grendelbruch

Verscheucht sich selbst die Zecher,

Auf seinem Weine ruht ein Fluch

Im Fasse wie im Becher.

Wer von dem Krätzer trinkt, den packt

Er an mit Weh'n und Leide,

Der kriegt, daß sie ihn zwickt und zwackt,

Die Kränk ins Eingeweide.

Zu Grendelbruch beim Falkenwirth

Da hat sich in den Keller

Vom Berge her ein Quell verirrt,

Ein kühler, sprudelheller.

Der fließt in aller Fässer Spund,

Mischt Wasser zu dem Weine,

Daß für des Trinkers Dürstemund

Sich Halb und Halb vereine.

Der Falkenwirth zu Grendelbruch

Thut nicht allein verwässern,

Er lernt' aus einem Kräuterbuch

Den Wein auch bös verbessern.

Mit Bittersalz und Honigseim

Und starken Wurzelsäften

Bringt er den Froschtrank ins Geheim

Zu wunderbaren Kräften.

Zu Grendelbruch den Falkenwirth,

Den holt einmal beim Sterben

Der Teufel, der ihn schlau gekirrt,

Ins höllische Verderben.

Dem Falkenwirth zu Grendelbruch

Will ich den Grabstein stiften:

Hier ruht, der einst stand im Geruch,

Die Gäste zu vergiften.

Das Lied wurde mit einem Ausbruch allgemeiner Heiterkeit belohnt,

deren sich auch Loder nicht erwehren konnte. Er sprach: »Wenn ich Dich

auch mit lachendem Munde abfertige, Seppele, so muß ich doch nach

Deinem Verschulden mit Dir handeln und kann Dir das freche Lied nicht

ungeschenkt und ungestraft hingehen lassen, mein allerliebster Gesell!

Du bist im Rückfall; voriges Jahr hast Du drei Tage krumm gelegen, heut

wanderst Du dreimal drei Tage in den Thurm.«

»Ich biete für jeden Tag ein Pfund Wachs, wenn Ihr ihn freilaßt,« rief

laut eine Stimme aus dem Hintergrunde.

»Wer spricht da?« fragte Loder streng. »Wart Ihr es, Herr von

Rathsamhausen?«

»Jawohl, ich war es, Herr Pfeiferkönig,« erwiederte Burkhard, der sich

unbemerkt dem Hörerkreise angeschlossen hatte, »die Strafe ist zu hart

und darum ungerecht. Ich wiederhole meinen Sühnevorschlag: neun Pfund

Wachs für eure Kapelle.«

»Das Urtheil ist gefällt,« sprach Loder. »Ich entscheide hier als

Richter weder um Liebe noch um Leid und um keines der Dinge, die Sonne

oder Mond bescheint. Niemand hat mir dreinzureden, weder Bischof noch

Bader.«

»Oho! Ihr vergeßt, mit wem Ihr sprecht.«

»Durchaus nicht, ich weiß, daß ich es mit dem Herrn von Rathsamhausen

zu thun habe. Man kennt den Herrn am Gesind wie das Wetter am Wind.«

»Ich frage noch einmal: nehmt Ihr mein Angebot an? besinnt Euch wohl!«

kam es drohend von Burkhards Lippen.

»Da ist nichts zu besinnen, ich nehme es _nicht_ an, und damit hat die

Sach ein Ende, ich stehe Euch nicht mehr Rede.«

Burkhard wandte sich, in blitzblauem Ärger einen Fluch murmelnd, ab und

schritt der Herberge zu, das Satteln seines Pferdes zu bestellen.

Jetzt trat der älteste Beisitzer vor den Tisch des Richters und

meldete: »Pfeiferkönig, die Sonne ist untergegangen.«

Loder erhob sich und sprach, allem Volk vernehmlich: »Liebe Gesellen,

die Sonne ist untergegangen, Jedem ist Recht und Keinem ist Unrecht

geschehen, ich schließe das Pfeifergericht. Friede sei mit euch

Allen, hier und dort, unter Dach und unter freiem Himmel, allzeit und

allwege!« Dann nahm er die Krone vom Haupte und legte den Mantel ab,

beides dem Weibel in Verwahrung gebend.

Die Menge blieb noch auf dem Platze, in froher Unterhaltung durch

einander wogend. Loder wurde von manchem Fahrenden angesprochen, und

mancher warme Händedruck ward ihm zu Theil. Dann ging auch er zur

Herberge, wo soeben Burkhards Pferd gesattelt vorgeführt wurde. Er nahm

es dem Knecht ab und sagte: »Geh nur, Schackebel, ich werde dem Herrn

von Rathsamhausen den Bügel halten.«

Bald trat Burkhard aus der Thür des Gasthauses und blickte sich auf der

noch immer sehr belebten Gerichtsstelle davor suchend um. Da er nicht

fand, was er suchte, wollte er sich in den Sattel schwingen ohne Loder,

der auf der anderen Seite des Pferdes stand, zu bemerken. Da hörte er

sich bei Namen rufen, drehte sich schnell um und antwortete: »Jost!

kommst Du endlich? mir lieb, daß ich Dich noch sehe.«

Müllenheim trat an Burkhard, der schon den Zügel gefaßt hatte,

heran, und Burkhard sagte frohlockend: »Gute Botschaft, Jost! die

Rappoltsteiner hab ich glücklich herumgekriegt. Mit Schmasman hielt es

schwer, aber endlich hat er zugesagt, fest zugesagt, mit seiner ganzen

Macht aufzuziehen. Und dabei hat er keine Ahnung, für _wen_ er die

Hohkönigsburg stürmen soll.«

»Hat er keinen Verdacht auf Dich?«

»Nicht den geringsten; der wird sich wundern, wenn wir ihm da oben die

Binde von den Augen nehmen. Ich denke, wir feiern heuer hinter dem

Löwenthor fröhliche Weihnachten, und dann seid ihr _meine_ Gäste.«

»Hilf Gott!« sagte Müllenheim und lachte.

Dann schüttelten sie sich die Hände, Müllenheim ging fort, und Burkhard

saß auf. Jetzt erst sah er, wer ihm den Bügel hielt. »Was? Du?« rief er

verwundert, halb erschrocken.

»Ja, das ist Euch wohl noch nicht begegnet, Herr von Rathsamhausen, daß

ein König Euch den Bügel hielt,« sagte Loder. »Ich wollte Euch damit

nur zeigen, daß ich Euch nichts nachtrage wegen Eures Widerspruchs

gegen mein Urtheil.«

»Du mir was nachtragen? das wäre noch schöner!« höhnte Burkhard. »Ich

aber werde es Dir schwarz anstreichen, daß Du mir meinen Seppele

eingesperrt hast. Nimm Dich vor mir in Acht, Schnurrpfeiferkönig!« und

mit einem grimmigen Blick ritt er ab.

Loder stand und schaute ihm wie vor den Kopf geschlagen nach. Nicht

der ausgestoßenen Drohung wegen, die kümmerte ihn wenig. Aber er hatte

die von Burkhard unvorsichtig laut geführte Unterhaltung mit Jost von

Müllenheim Wort für Wort verstanden. »Schmasman hat keine Ahnung, für

_wen_ er die Hohkönigsburg stürmen soll,« und »Weihnachten seid ihr da

oben _meine_ Gäste.« So hatte er's mit seinen scharfen Spielmannsohren

aus Burkhards Munde gehört. Was hatte das zu bedeuten? er konnte sich

keinen Vers daraus machen, und kopfschüttelnd wandte er sich und

schritt des Weges dahin, wo ihm ein erquickender Abendtrunk im Kreise

trauter Gesellen winkte.

Die Hohkönigsburg: Eine Fehdegeschichte aus dem Wasgau · 第 21 / 49 题