VII.

In der wieder freigewordenen Mitte der Halle standen mit einem Male

ohne daß man wußte, wie sie so schnell dahin gekommen waren, ein

Zigeuner und ein junges Mädchen, seine Tochter.

Sie waren die Mitglieder einer Bande gewesen, die vor etwa zehn

Jahren auf ihren Wanderfahrten auch Rappoltsweiler heimgesucht hatte,

waren durch die schwere Krankheit der Gattin des Mannes hier lange

festgehalten und nach deren Tode hängen geblieben. Man hatte Mitleid

mit dem armen Menschen und seinem halbwüchsigen Mädchen gehabt, sie

hier geduldet, und da er ein stiller und geschickter Mann war, der sich

mit allerlei Flickarbeit an zerbrochenem Geschirr ehrlich zu ernähren

suchte, hatte man ihn, nachdem er sich mit seiner Tochter in der Kirche

des heiligen Gregorius hatte taufen lassen, zu der Bruderschaft der

Kessler, d. h. der Kupferschmiede und Kesselflicker zugelassen, welche

der Herr von Rathsamhausen beschirmte wie der Graf von Rappoltstein

die Pfeiferbruderschaft. Und da er ferner ein Meister im Geigenspiel

war, fand er auch willige Aufnahme in dem großen Spielmannsbunde. Sie

bewohnten eine außerhalb der Stadt einsam im Walde gelegene Hütte. Der

Mann war in Ausübung seines Handwerkes viel unterwegs, wobei er wohl

seine Geige, aber nicht seine Tochter mitnahm. Diese schweifte wie ein

scheues Wild im Walde umher, und man wußte nicht recht, wovon sie in

Abwesenheit ihres Vaters lebte, munkelte deßhalb von einem heimlichen

Beschützer, der liebevoll für sie sorgen sollte, obwohl man sie außer

in der ihres Vaters nie in Begleitung eines Mannes sah und ihr nichts

Übeles nachsagen konnte.

Der Mann, Namens Farkas, war mit Haut und Haaren ein echter Zigeuner,

und auch seiner Tochter Haschop sah man ihre Abstammung auf den ersten

Blick an. Sie war von Antlitz nicht eigentlich schön zu nennen, aber

auf der schlanken, geschmeidigen Gestalt, dem braunen Gesicht mit dem

üppigen, schwarzen Haar, das sie heute ganz mit Blumen besteckt hatte,

den blitzenden Augen und den weißen Zähnen zwischen den rothen Lippen

lag ein unsagbarer sinnlicher Reiz und Zauber ausgegossen.

Da standen die Beiden nun. Farkas in seiner Zigeunertracht, hoch

aufgereckt, die Geige unter dem Kinn, den Bogen in der Hand, und

Haschop in kurzem Kleid und eng anschließendem Mieder über dem

blühenden Wuchs, den Oberkörper etwas zurückgebogen, die Arme in die

Seiten gestemmt, den linken Fuß vorgestreckt, daß nur die Spitze den

Boden berührte, wie ein bronzenes Gebild, von Künstlerhand geformt.

Beim ersten Geigenstrich sprang sie an zu einem bacchantischen Tanz.

Anfangs hielten sich Melodie und Bewegungen in gemessenem Takt. Die

Tänzerin schritt gleichsam zaudernd vor und zurück, verharrte eine

Sekunde lang in malerischer Stellung, drehte sich, wand sich mit

ruhiger Anmuth und wiegte sich mit leisem Schwanken in den Hüften.

Allmählich aber wurden Spiel und Tanz lebhafter und immer lebhafter.

Das Mädchen fing an, die Töne der Geige mit dem Tambourin zu begleiten,

das sie mit vollendeter Geschicklichkeit handhabte. Da war es, als ob

die beiden Instrumente einander anriefen und antworteten, sich mit

ihren Klängen verflochten und verschmolzen, zu immer schnellerem,

kühnerem Reigen einander hinrissen. Die Geige jubelte und jauchzte in

raschen Läufen und Sprüngen, das Tambourin rollte und summte, klingelte

und rasselte mit seinen Schellen. Mit gefälliger Rundung in der Haltung

der Arme schwang und schlug es Haschop bald in der Rechten, bald in

der Linken, bald über dem Haupte, warf es hoch und fing es wieder auf.

Dabei ward ihr Tanz immer noch flinker, ausgelassener, wilder. Sie

schwebte, flog und flatterte hinüber und herüber, neigte sich, beugte

sich, schnellte empor und schüttelte die Locken; auf ihrem Angesicht

flackerte ein dämonisches Feuer, aus ihren Augen sprühte eine schwer

gezügelte Leidenschaft. Mit allen ihren in weichen Linien ausgeführten

Schwenkungen aber überschritt sie niemals die Grenzen der Schönheit und

natürlichen Anmuth.

Und seltsam! es war, als ließe die nicht Ermüdende all ihre Künste nur

vor Einem spielen unter den Vielen hier, die mit starrer Bewunderung

dem sinnberauschenden Tanze der selber tief Erregten folgten. Und

dieser Eine war Egenolf, der neben Leontine in der vordersten Reihe

stand. Als wäre er der einzig zu Feiernde hier, dem allein zu Ehren und

zu Liebe sie sich in ihren verführerischen Bewegungen und Stellungen

zeigte, wandte sie sich damit immer nur ihm zu, was ihn in sichtliche

Verlegenheit setzte. Wenn ihr Blick dann zufällig Leontinen streifte,

so glitt ein spöttischer Ausdruck über ihre Züge, und sie umgaukelte

die stolze Gräfin in einer halb neckischen, halb herausfordernden

Weise. Sie zog eine Blume aus ihrem Haar, bot sie im Vorüberschwirren

Leontinen an, und als diese danach griff, zuckte Haschop schnell zurück

und warf sie Egenolf zu. Eine Blume nach der anderen löste sie sich,

sie bald Egenolf, bald Schmasman, bald dem Pfeiferkönig zuschleudernd,

vom Haupte, wodurch ihr Haar den Halt verlor und nun frei und lang

ihr über Schultern und Rücken wallte, daß es sie im Wirbel des Tanzes

umflog und umwogte.

Endlich gab sie ihrem Vater einen Wink; er schloß sein gluthvolles

Spiel mit einem kräftigen Ausklang, und wieder stand die Tänzerin

einen Augenblick regungslos gebannt wie ein Bild von Erz. Dann mit

heißem Blick eine grüßende Beugung vor Egenolf, -- und weg war sie, wie

untergetaucht, in der Menge verschwunden.

Die Versammlung war erst wie betäubt von dem genossenen Schauspiel, dem

Glanzstück des ganzen Abends. Dann aber brach der Jubel los und brauste

wie eine mächtige Welle durch den Saal. Farkas ward umdrängt und

beglückwünscht, selbst Schmasman und Loder kamen zu ihm und drückten

dem damit hoch Geehrten die Hand. Nach Haschop suchte man vergebens;

Niemand wußte, wo sie geblieben war.

Egenolf aber war verstimmt; ihn hatte die ihm von der Zigeunerin so

auffällig dargebrachte Huldigung beunruhigt, weil er befürchtete,

daß man daraus Schlüsse auf geheime Beziehungen zwischen ihm und dem

heißblütigen Mädchen ziehen würde. Und daß dies wirklich geschah,

merkte er bald an den neugierig fragenden Blicken, mit denen er

angesehen wurde. Das mußte er als Folge von Haschops unbesonnenem

Gebaren über sich ergehen lassen, aber mit tiefem Gram erfüllte ihn

die Wahrnehmung, daß auch Leontine einen derartigen Verdacht gegen ihn

gefaßt zu haben schien. Auch aus ihren Augen traf ihn ein mißtrauischer

Blick, und sie war einsilbig und nachdenklich geworden. Was sollte, was

konnte er thun, sie von dem Argwohn, daß er mit Haschop näher bekannt

sei, abzubringen? er konnte ihr doch nicht sagen: das ist vorbei, seit

ich Dich erblickt, Dein Bild im Herzen trage. Rathlos stand er neben

ihr und las in ihrem ernsten Gesicht seine Verurtheilung.

In dieser Bedrängniß kam ihm die kluge Imagina zu Hilfe, die seine

mißliche Lage Leontinen gegenüber begriff und entschlossen war,

ihn daraus zu befreien, indem sie ihm Gelegenheit gab, sich zu

rechtfertigen.

Sie trat an die Beiden heran, erging sich in Lobeserhebungen über den

berückenden Tanz der Zigeunerin und fügte, mit dem Finger drohend,

neckisch hinzu: »Und Dich, Egenolf, scheint sie ganz besonders in ihr

Herz geschlossen zu haben; es war ja wahrhaftig, als wenn sie nur für

Dich hier tanzte. Hab' ich nicht Recht, Gräfin Leontine?«

»Es hatte allerdings fast den Anschein,« gab Leontine beklommen zur

Antwort.

»Siehst Du!« fuhr Imagina fort, »nimm Dich nur in Acht, daß Du ihr

nicht ins Netz gehst!«

Egenolf verstand sofort, lächelte und sagte: »Ja, mir ist es beinahe

selber so vorgekommen, als hätte ich eine unbewußte Eroberung an ihr

gemacht; nur weiß ich nicht, wie das zugegangen sein sollte. Ich bin

ihr ein paarmal im Walde begegnet, da hat sie mich angebettelt, und ich

habe ihr stets etwas reichlich gegeben, und --«

»Und nun hat sie Dir heut ihren Dank getanzt und gesprungen« fiel

Imagina lachend ein, »natürlich! Damit ist Alles erklärt, aber Du

siehst daraus, daß man auch mit seinen Wohlthaten vorsichtig sein muß,

denn sie können Einem von boshaften Menschen falsch ausgelegt werden.«

»Ich will nicht hoffen, daß es in diesem Falle geschieht,« sprach er

unverfroren.

»Von unser Einem gewiß nicht, lieber Egenolf!« versicherte ihn Imagina

mit treuherzigem Tone und einem schelmischen Seitenblick, »aber --,

kurz und gut, schreibe Dir diese mütterliche Vermahnung hübsch hinters

Ohr!«

»Soll pflichtschuldigst geschehen, verehrungswürdige Frau Muhme!«

lachte er, und Imagina und Leontine lachten mit.

Damit war die Sache abgethan und Egenolf überzeugt, daß er jetzt wieder

in Engelsunschuld vor Leontine dastand. O wie dankbar war er seiner

holden Retterin Imagina! --

Farkas' Geigenspiel und Haschops Tanz konnten von keiner anderen

Leistung mehr übertroffen werden, und die älteren Herren waren der

Meinung, daß es nun wohl Zeit wäre, sich zu ihrem Abendtrunk in den

Rathskeller zu begeben, wo gewiß schon Alles zu ihrem Empfange bereit

war. Sie entfernten sich allmählich, die Einen mit, die Anderen ohne

Verabschiedung von der verständigen Gattin, die zur Überwachung der

Jugend in der Halle verblieb. Denn nun sollte hier der allgemeine

Tanz beginnen, an dem sich alle Anwesenden, die Jungherren und

Geschlechterfräulein, Bürgersleute und Spielmannsvolk, betheiligten und

bei dem nun auch Dimot zu ihrem Rechte kommen sollte.

Der leichtherzigen Zofe gefiel das ausgelassene, bunte Treiben aus der

Maßen, und da es ihr noch an Bekanntschaften hier fehlte, war es ihr

sehr angenehm, daß Haschop, die sich jetzt wieder eingefunden hatte,

sich ihr zuthulich anschloß und, wenn nicht eine von beiden tanzte,

nicht von ihrer Seite wich. Die schmiegsame Zigeunerin wußte sich so

schnell bei Dimot einzuschmeicheln, daß sie in den wenigen Stunden

die besten Freundinnen wurden. Sie ließ sich viel vom Leben auf der

Hohkönigsburg erzählen und fragte die Schwatzhafte dabei geflissentlich

nach ihrer jungen Herrin aus, über die sie alles Mögliche zu wissen

verlangte.

Dieses beständige Zusammensein mit Dimot hinderte Haschop indessen

nicht, fortwährend Leontinen scharf zu beobachten und am schärfsten,

wenn Graf Egenolf mit der schönen Gräfin sprach.

Beim Abschied fragte Haschop ihre neue Freundin: »Darf ich Dich oben

auf der Burg einmal besuchen?«

»O gewiß! damit würdest Du mich sehr erfreuen,« erwiederte Dimot. »Ich

werde der Thorhut Bescheid sagen, daß sie Dich einläßt.«

Da blitzten Haschops Augen gelüstig auf, und rasch sagte sie: »Hab

Dank! ich komme.«

Die Hohkönigsburg: Eine Fehdegeschichte aus dem Wasgau · 第 18 / 49 题