In der wieder freigewordenen Mitte der Halle standen mit einem Male
ohne daß man wußte, wie sie so schnell dahin gekommen waren, ein
Zigeuner und ein junges Mädchen, seine Tochter.
Sie waren die Mitglieder einer Bande gewesen, die vor etwa zehn
Jahren auf ihren Wanderfahrten auch Rappoltsweiler heimgesucht hatte,
waren durch die schwere Krankheit der Gattin des Mannes hier lange
festgehalten und nach deren Tode hängen geblieben. Man hatte Mitleid
mit dem armen Menschen und seinem halbwüchsigen Mädchen gehabt, sie
hier geduldet, und da er ein stiller und geschickter Mann war, der sich
mit allerlei Flickarbeit an zerbrochenem Geschirr ehrlich zu ernähren
suchte, hatte man ihn, nachdem er sich mit seiner Tochter in der Kirche
des heiligen Gregorius hatte taufen lassen, zu der Bruderschaft der
Kessler, d. h. der Kupferschmiede und Kesselflicker zugelassen, welche
der Herr von Rathsamhausen beschirmte wie der Graf von Rappoltstein
die Pfeiferbruderschaft. Und da er ferner ein Meister im Geigenspiel
war, fand er auch willige Aufnahme in dem großen Spielmannsbunde. Sie
bewohnten eine außerhalb der Stadt einsam im Walde gelegene Hütte. Der
Mann war in Ausübung seines Handwerkes viel unterwegs, wobei er wohl
seine Geige, aber nicht seine Tochter mitnahm. Diese schweifte wie ein
scheues Wild im Walde umher, und man wußte nicht recht, wovon sie in
Abwesenheit ihres Vaters lebte, munkelte deßhalb von einem heimlichen
Beschützer, der liebevoll für sie sorgen sollte, obwohl man sie außer
in der ihres Vaters nie in Begleitung eines Mannes sah und ihr nichts
Übeles nachsagen konnte.
Der Mann, Namens Farkas, war mit Haut und Haaren ein echter Zigeuner,
und auch seiner Tochter Haschop sah man ihre Abstammung auf den ersten
Blick an. Sie war von Antlitz nicht eigentlich schön zu nennen, aber
auf der schlanken, geschmeidigen Gestalt, dem braunen Gesicht mit dem
üppigen, schwarzen Haar, das sie heute ganz mit Blumen besteckt hatte,
den blitzenden Augen und den weißen Zähnen zwischen den rothen Lippen
lag ein unsagbarer sinnlicher Reiz und Zauber ausgegossen.
Da standen die Beiden nun. Farkas in seiner Zigeunertracht, hoch
aufgereckt, die Geige unter dem Kinn, den Bogen in der Hand, und
Haschop in kurzem Kleid und eng anschließendem Mieder über dem
blühenden Wuchs, den Oberkörper etwas zurückgebogen, die Arme in die
Seiten gestemmt, den linken Fuß vorgestreckt, daß nur die Spitze den
Boden berührte, wie ein bronzenes Gebild, von Künstlerhand geformt.
Beim ersten Geigenstrich sprang sie an zu einem bacchantischen Tanz.
Anfangs hielten sich Melodie und Bewegungen in gemessenem Takt. Die
Tänzerin schritt gleichsam zaudernd vor und zurück, verharrte eine
Sekunde lang in malerischer Stellung, drehte sich, wand sich mit
ruhiger Anmuth und wiegte sich mit leisem Schwanken in den Hüften.
Allmählich aber wurden Spiel und Tanz lebhafter und immer lebhafter.
Das Mädchen fing an, die Töne der Geige mit dem Tambourin zu begleiten,
das sie mit vollendeter Geschicklichkeit handhabte. Da war es, als ob
die beiden Instrumente einander anriefen und antworteten, sich mit
ihren Klängen verflochten und verschmolzen, zu immer schnellerem,
kühnerem Reigen einander hinrissen. Die Geige jubelte und jauchzte in
raschen Läufen und Sprüngen, das Tambourin rollte und summte, klingelte
und rasselte mit seinen Schellen. Mit gefälliger Rundung in der Haltung
der Arme schwang und schlug es Haschop bald in der Rechten, bald in
der Linken, bald über dem Haupte, warf es hoch und fing es wieder auf.
Dabei ward ihr Tanz immer noch flinker, ausgelassener, wilder. Sie
schwebte, flog und flatterte hinüber und herüber, neigte sich, beugte
sich, schnellte empor und schüttelte die Locken; auf ihrem Angesicht
flackerte ein dämonisches Feuer, aus ihren Augen sprühte eine schwer
gezügelte Leidenschaft. Mit allen ihren in weichen Linien ausgeführten
Schwenkungen aber überschritt sie niemals die Grenzen der Schönheit und
natürlichen Anmuth.
Und seltsam! es war, als ließe die nicht Ermüdende all ihre Künste nur
vor Einem spielen unter den Vielen hier, die mit starrer Bewunderung
dem sinnberauschenden Tanze der selber tief Erregten folgten. Und
dieser Eine war Egenolf, der neben Leontine in der vordersten Reihe
stand. Als wäre er der einzig zu Feiernde hier, dem allein zu Ehren und
zu Liebe sie sich in ihren verführerischen Bewegungen und Stellungen
zeigte, wandte sie sich damit immer nur ihm zu, was ihn in sichtliche
Verlegenheit setzte. Wenn ihr Blick dann zufällig Leontinen streifte,
so glitt ein spöttischer Ausdruck über ihre Züge, und sie umgaukelte
die stolze Gräfin in einer halb neckischen, halb herausfordernden
Weise. Sie zog eine Blume aus ihrem Haar, bot sie im Vorüberschwirren
Leontinen an, und als diese danach griff, zuckte Haschop schnell zurück
und warf sie Egenolf zu. Eine Blume nach der anderen löste sie sich,
sie bald Egenolf, bald Schmasman, bald dem Pfeiferkönig zuschleudernd,
vom Haupte, wodurch ihr Haar den Halt verlor und nun frei und lang
ihr über Schultern und Rücken wallte, daß es sie im Wirbel des Tanzes
umflog und umwogte.
Endlich gab sie ihrem Vater einen Wink; er schloß sein gluthvolles
Spiel mit einem kräftigen Ausklang, und wieder stand die Tänzerin
einen Augenblick regungslos gebannt wie ein Bild von Erz. Dann mit
heißem Blick eine grüßende Beugung vor Egenolf, -- und weg war sie, wie
untergetaucht, in der Menge verschwunden.
Die Versammlung war erst wie betäubt von dem genossenen Schauspiel, dem
Glanzstück des ganzen Abends. Dann aber brach der Jubel los und brauste
wie eine mächtige Welle durch den Saal. Farkas ward umdrängt und
beglückwünscht, selbst Schmasman und Loder kamen zu ihm und drückten
dem damit hoch Geehrten die Hand. Nach Haschop suchte man vergebens;
Niemand wußte, wo sie geblieben war.
Egenolf aber war verstimmt; ihn hatte die ihm von der Zigeunerin so
auffällig dargebrachte Huldigung beunruhigt, weil er befürchtete,
daß man daraus Schlüsse auf geheime Beziehungen zwischen ihm und dem
heißblütigen Mädchen ziehen würde. Und daß dies wirklich geschah,
merkte er bald an den neugierig fragenden Blicken, mit denen er
angesehen wurde. Das mußte er als Folge von Haschops unbesonnenem
Gebaren über sich ergehen lassen, aber mit tiefem Gram erfüllte ihn
die Wahrnehmung, daß auch Leontine einen derartigen Verdacht gegen ihn
gefaßt zu haben schien. Auch aus ihren Augen traf ihn ein mißtrauischer
Blick, und sie war einsilbig und nachdenklich geworden. Was sollte, was
konnte er thun, sie von dem Argwohn, daß er mit Haschop näher bekannt
sei, abzubringen? er konnte ihr doch nicht sagen: das ist vorbei, seit
ich Dich erblickt, Dein Bild im Herzen trage. Rathlos stand er neben
ihr und las in ihrem ernsten Gesicht seine Verurtheilung.
In dieser Bedrängniß kam ihm die kluge Imagina zu Hilfe, die seine
mißliche Lage Leontinen gegenüber begriff und entschlossen war,
ihn daraus zu befreien, indem sie ihm Gelegenheit gab, sich zu
rechtfertigen.
Sie trat an die Beiden heran, erging sich in Lobeserhebungen über den
berückenden Tanz der Zigeunerin und fügte, mit dem Finger drohend,
neckisch hinzu: »Und Dich, Egenolf, scheint sie ganz besonders in ihr
Herz geschlossen zu haben; es war ja wahrhaftig, als wenn sie nur für
Dich hier tanzte. Hab' ich nicht Recht, Gräfin Leontine?«
»Es hatte allerdings fast den Anschein,« gab Leontine beklommen zur
Antwort.
»Siehst Du!« fuhr Imagina fort, »nimm Dich nur in Acht, daß Du ihr
nicht ins Netz gehst!«
Egenolf verstand sofort, lächelte und sagte: »Ja, mir ist es beinahe
selber so vorgekommen, als hätte ich eine unbewußte Eroberung an ihr
gemacht; nur weiß ich nicht, wie das zugegangen sein sollte. Ich bin
ihr ein paarmal im Walde begegnet, da hat sie mich angebettelt, und ich
habe ihr stets etwas reichlich gegeben, und --«
»Und nun hat sie Dir heut ihren Dank getanzt und gesprungen« fiel
Imagina lachend ein, »natürlich! Damit ist Alles erklärt, aber Du
siehst daraus, daß man auch mit seinen Wohlthaten vorsichtig sein muß,
denn sie können Einem von boshaften Menschen falsch ausgelegt werden.«
»Ich will nicht hoffen, daß es in diesem Falle geschieht,« sprach er
unverfroren.
»Von unser Einem gewiß nicht, lieber Egenolf!« versicherte ihn Imagina
mit treuherzigem Tone und einem schelmischen Seitenblick, »aber --,
kurz und gut, schreibe Dir diese mütterliche Vermahnung hübsch hinters
Ohr!«
»Soll pflichtschuldigst geschehen, verehrungswürdige Frau Muhme!«
lachte er, und Imagina und Leontine lachten mit.
Damit war die Sache abgethan und Egenolf überzeugt, daß er jetzt wieder
in Engelsunschuld vor Leontine dastand. O wie dankbar war er seiner
holden Retterin Imagina! --
Farkas' Geigenspiel und Haschops Tanz konnten von keiner anderen
Leistung mehr übertroffen werden, und die älteren Herren waren der
Meinung, daß es nun wohl Zeit wäre, sich zu ihrem Abendtrunk in den
Rathskeller zu begeben, wo gewiß schon Alles zu ihrem Empfange bereit
war. Sie entfernten sich allmählich, die Einen mit, die Anderen ohne
Verabschiedung von der verständigen Gattin, die zur Überwachung der
Jugend in der Halle verblieb. Denn nun sollte hier der allgemeine
Tanz beginnen, an dem sich alle Anwesenden, die Jungherren und
Geschlechterfräulein, Bürgersleute und Spielmannsvolk, betheiligten und
bei dem nun auch Dimot zu ihrem Rechte kommen sollte.
Der leichtherzigen Zofe gefiel das ausgelassene, bunte Treiben aus der
Maßen, und da es ihr noch an Bekanntschaften hier fehlte, war es ihr
sehr angenehm, daß Haschop, die sich jetzt wieder eingefunden hatte,
sich ihr zuthulich anschloß und, wenn nicht eine von beiden tanzte,
nicht von ihrer Seite wich. Die schmiegsame Zigeunerin wußte sich so
schnell bei Dimot einzuschmeicheln, daß sie in den wenigen Stunden
die besten Freundinnen wurden. Sie ließ sich viel vom Leben auf der
Hohkönigsburg erzählen und fragte die Schwatzhafte dabei geflissentlich
nach ihrer jungen Herrin aus, über die sie alles Mögliche zu wissen
verlangte.
Dieses beständige Zusammensein mit Dimot hinderte Haschop indessen
nicht, fortwährend Leontinen scharf zu beobachten und am schärfsten,
wenn Graf Egenolf mit der schönen Gräfin sprach.
Beim Abschied fragte Haschop ihre neue Freundin: »Darf ich Dich oben
auf der Burg einmal besuchen?«
»O gewiß! damit würdest Du mich sehr erfreuen,« erwiederte Dimot. »Ich
werde der Thorhut Bescheid sagen, daß sie Dich einläßt.«
Da blitzten Haschops Augen gelüstig auf, und rasch sagte sie: »Hab
Dank! ich komme.«