Auf dem Rückwege nach Rappoltsweiler wandelte die Schaar derer, die
ihrem Andachtsbedürfniß Genüge gethan, nicht in geordnetem, feierlichem
Zuge wie auf dem Herwege, sondern Jedermann ging nach seinem Gefallen,
und es ward auch dabei nicht musizirt. Die vom Gottesdienst Kommenden
mußten sich an den geduldig Harrenden draußen vorbeidrücken, denn
keiner von diesen wollte von hinnen ohne in der Kapelle gewesen zu
sein und der Heiligen mit einem Kniefall und einem stillen Gebet seine
Verehrung dargebracht zu haben. Das erforderte, weil die Andacht dieser
frohgemuthen Menschen, deren Gewissen schwere Sünden nicht belasteten
und leichte nicht bekümmerten, eine aufrichtige und herzinnige war,
geraume Zeit, und ehe die Letzten dem Altar nahen konnten, langten die
zuerst Heimkehrenden schon in Rappoltsweiler an. Der Kampf der beiden
Grafen um den Vortritt war, von Augenzeugen den draußen Stehenden
berichtet und von Mund zu Mund getragen, bald dem ganzen Spielmannsvolk
bekannt geworden, und Alle dankten es laut oder leise ihrem dem
Gedränge schon entschlüpften Lehnsherrn, daß er fest geblieben war und,
wie sie die Sache auffaßten, damit die Ehre der Bruderschaft gewahrt
hatte.
Die Herren und Damen schritten, zu plaudernden Gruppen vereint,
wohlgemuth dahin. Sie wollten sich das eigenartige Vergnügen, einem
Spielmannsfest beiwohnen zu können, nicht verkümmern lassen, erwähnten
des Streites mit keinem Worte und thaten wie auf Verabredung ganz so,
als ob nichts Ungewöhnliches vorgefallen wäre. Die Thierstein'schen
Damen wurden allerseits mit absichtlicher Auszeichnung behandelt;
besonders bestrebten sich Herzelande und Isabella, von Imagina
unterstützt, sie den unliebsamen Zwist vergessen zu machen, und
anscheinend mit dem besten Erfolge. Auch Schmasman schloß sich ihnen
eine Strecke Weges an und entschuldigte bei der Gräfin Margarethe sein
übermüthiges Spielmannsvolk wegen des musikalischen Mordspektakels
auf dem Herwege mit einigen scherzenden Worten, die gute Aufnahme und
freundliche Erwiederung fanden. Egenolf und Bruno wetteiferten mit
einander, Leontinen die artigsten Dinge zu sagen und sie zum Lächeln
und Lachen zu bringen, was ihnen auch gelang.
Schwieriger war die Lage des Grafen Oswald und die von ihm als
Nothwendigkeit erkannte Aufgabe, sich in den heiteren Ton der Anderen
hineinzufinden, an ihrer Unterhaltung unbefangen theilzunehmen und,
wenn es unbeschadet seiner Ehre geschehen konnte, sich mit Schmasman
einigermaßen zu versöhnen. Er fühlte sich, wenn auch nicht äußerlich
gemieden, von seinen Standesgenossen im Stich gelassen und konnte
sich dem Eindruck nicht verschließen, daß ihm sein entschiedenes
Vorgehen von allen verdacht wurde. Seine Freunde Friedrich von
Fleckenstein und Hermann von Hattstadt suchten ihn zwar durch
Gespräch auf andere Gedanken zu bringen, merkten aber sehr wohl, daß
er fort und fort darüber grübelte und wußten nur nicht, ob er auf
ein einlenkendes Wettmachen des begangenen Fehlers oder auf eine ihn
erforderlich dünkende Vergeltung und Heimzahlung der ihm widerfahrenen
Zurückweisung sann. Zu der ihm zugefügten Kränkung kam nun noch die
anzügliche Predigt, die stellenweise wie auf ihn gemünzt und so
gelautet hatte, als hätte der Prior schon vor der Messe noch schnell
von seinem Streit mit Schmasman Mittheilung erhalten und ihm dafür
von der Kanzel herab eine Verwarnung oder gar einen Verweis ertheilen
wollen. Um nun zu zeigen, daß er sich von den gefallenen Anspielungen
keineswegs getroffen fühlte, redete er den mitheimkehrenden Prior
höflich an, sagte ihm laut, damit es möglichst Viele hören sollten,
Schmeichelhaftes über seine vortreffliche, zu Herzen gehende Predigt
und fragte ihn nach der Gründung der Kapelle und der Herkunft des
Muttergottesbildes.
Da gesellte sich Schmasman, Oswalds Frage vernehmend und ebenso
wie dieser eine Versöhnung wünschend, zu den Beiden und drückte
dem Grafen seine Freude über dessen Antheilnahme an der Entstehung
der Kapelle aus. Er erzählte ihm, ein Vorfahr von ihm, ein Egenolf
von Rappoltstein, hätte zu Anfang des dreizehnten Jahrhunderts das
Marienbild aus einem Kreuzzuge mit dem blinden Dogen Dandolo von
Venedig mitgebracht und der heiligen Jungfrau zu Ehren das Kirchlein
errichtet. Er selber hätte die Absicht, das Innere der Kapelle mit
bildlichen Darstellungen aus der heiligen Legende schmücken zu lassen.
Graf Oswald ergriff sofort die Gelegenheit, sich mit Schmasman wieder
auf guten Fuß zu stellen. Er lobte dessen frommes Vorhaben und bat um
die Vergünstigung, zum Schmucke des alten Gotteshauses auch seinerseits
etwas beitragen und zur Erinnerung an seine heutige Anwesenheit bei dem
Spielmannsfest, einen Genuß, den er nur Schmasmans gütiger Einladung
verdanke, ein paar gemalte Glasfenster für die Kapelle stiften zu
dürfen.
Schmasman nahm dieses großmüthige Anerbieten mit Dank an und reichte
dem Thiersteiner Grafen die Hand. So war denn durch beiderseitiges
Entgegenkommen in ritterlicher Gesinnung und gesellschaftlichem Takt
der Friede zwischen ihnen wieder hergestellt und dem Einen wie dem
Anderen ein Stein von der Seele herunter.
Wer aber keinen Frieden mit dem Grafen Thierstein schließen wollte,
obwohl er noch gar keinen Streit mit ihm gehabt hatte, das war Herr
Burkhard von Rathsamhausen. Beim Ausgang aus der Kapelle hatte er
Schmasman die Hand auf die Schulter gelegt und gesagt: »Das hast
Du vorhin gut gemacht, Bruder! Hättest Du nachgegeben und den
Thiersteiner vorgelassen, -- ich weiß nicht, was ich dann angefangen
hätte, ich glaube, ich wäre vorgesprungen und hätte ihn mit Gewalt
zurückgetrieben. Mit ihm hätte ich mich dann auf eigene Faust
auseinandergesetzt, zwischen Dir und mir aber hätte ich wie Eberhard
der Rauschebart das Tischtuch zerschnitten.«
»Das hättest Du nicht gethan, Alter!« hatte ihm Schmasman lächelnd
erwiedert.
»Bei meiner armen Seele, Schmasman, der sich Gott in seiner Gnade
dermaleins erbarmen möge! ich hätte es gethan, und ich thue es noch,
wenn Du Dir in Deinen Hoheitsrechten jemals das Geringste gegen Den
vergiebst,« hatte Burkhard mit drohendem Blicke geschworen. Dann waren
sie im Gedränge von einander getrennt worden.
Jetzt ging er an Müllenheims Seite in leisem Gespräch, das damit
schloß, daß Burkhard, die geballte Faust schüttelnd, durch die Zähne
knirschte: »Ich ruh und raste nicht, bis ich Den von seinem Berge
wieder herunter habe; da gehört ein anderer Mann hin.«
»Welchen meinst Du?« fragte Müllenheim.
»Davon ein andermal!« erwiederte Burkhard, »er wird zur Stelle sein,
wenn die rechte Zeit dazu gekommen ist.«
Müllenheim schwieg, glaubte aber den anderen Mann, den Burkhard meinte,
nicht weit suchen zu müssen. --
Mit einem stark begehrten Erfrischungstrunk nach der Wallfahrt, mit dem
Mittagsmahl in gesonderten Kreisen und verschiedenen Wirthschaften und
etwas später wieder mit einem Vespertrunk zur Vorbereitung und Anregung
für die zu leistenden und entgegenzunehmenden Vorführungen verging die
Zeit bis zum Beginn des Hauptvergnügens, der zu einer bekannt gemachten
Stunde festgesetzt war.
Auf den Glockenschlag dieser Stunde fing der Trubel an, und das auf
die mannichfaltigste Weise. Spielleute, einzeln, zu Paaren und in
kleinen Banden, die sich mit einander eingespielt hatten, durchzogen
musizirend die Stadt, begegneten sich in den Gassen mit anderen ohne
ihr Spiel dabei zu unterbrechen oder blieben vor den Häusern stehen,
in deren Thüren sie dankbare Zuhörer fanden. Das Gleiche thaten andere
Fahrende, die mit erstaunlichen Kunststücken und Leibesübungen Alt und
Jung ergötzten, so daß immerwährend und überall ein geräuschvolles und
vielbewegtes Treiben buntgekleideter Gestalten durch einander wogte und
wirbelte.
Mittlerweile füllte sich mehr und mehr die mit Laubgehängen und
Gewinden geschmückte große Halle, wo die Geübtesten und Geschicktesten
der Bruderschaft sich hören und sehen ließen. Der Zutritt in diesen
weiten Festraum stand Jedermann offen, aber alle darin Anwesende mußten
sich den Weisungen der zwölf Meister fügen, die für Ordnung sorgten,
in der Mitte genügenden Platz für die künstlerischen Darbietungen
frei hielten und darauf achteten, daß die auf den Bänken sitzenden
Herrschaften nicht durch vor ihnen Stehende am Schauen gehindert wurden.
In wechselnder Reihenfolge traten Geiger und Bläser, Lautner und
Harfner, Sänger und Tänzer auf und zeigten das Beste, was sie konnten.
Beim Kommen und Gehen machten sie ihrem Lehnsherrn und seinen Gästen
ihre Verbeugung und wandten sich mit ihrem Spiel stets ihnen, zuweilen
aber auch ihrem König Hans Loder zu, der nahe bei Schmasman stand und
wie ein glücklicher Vater an seinen wohlgerathenen Kindern seine helle
Freude an dem von ihm beherrschten Volke hatte.
Eine Anzahl lobenswerther Vorträge war bereits von Statten gegangen,
als ein Spielmann mit einer Laute erschien, auf den Alle, die ihn
kannten, besondere Erwartungen setzten. Es war Seppele von Ottrott,
jener kunstbewanderte Sänger und durchtriebene Schalksnarr, wie ihn
Loder in seinem Gespräch mit Syfritz im Strengbachthale genannt
hatte, der sich nun hören lassen wollte. Er war ein Mann von mittler,
gelenker Gestalt mit keck dreinschauendem Gesicht, dem Schelmerei und
Spottlust um Mund und Augen spielten, als er bei seinem Auftreten den
Blick dreist und siegessicher durch die Versammlung schweifen ließ.
Dann aber nahmen seine Züge einen ernsten, sinnigen Ausdruck an; der
kunstbewanderte Sänger gewann die Oberhand, der nun in die Saiten griff
und mit geschultem Wohllaut ein Lied anstimmte.
Im Wasigen, dem alten,
Geht's allweil lustig her,
Die Spielleut Einkehr halten
Und bringen gute Mär.
Da sammeln sich Verstreute
Zu Hauf, unzählig viel,
Wir Fahrenden, wir Leute
Mit Sang und Saitenspiel.
Wie mit den schönen Feien
Nachtwandelt Frau Haband,
Ziehn Tags wir Vogelfreien
Dahin, daher im Land.
Von Norden doch bis Süden,
Vom Belchen bis zum Rhein
Gebeut uns Nimmermüden
Der Graf von Rappoltstein.
Und wie die Heidenmauer
Sich um Odilien schlingt
Und felsenfest von Dauer
Urväter Grund umringt,
So hält auch uns umschlungen
Der Eintracht starkes Band,
Die Alten und die Jungen,
Bundstreu mit Herz und Hand.
Viel Burgen trutzig ragen
Im Wasgenwald empor,
Wir singen euch die Sagen,
Die halbverklungnen, vor.
Die Riesen und die Zwerge,
Die lauschen unserm Lied,
Weingeigerlein im Berge,
Die Rebleut in dem Ried.
Und wenn wir oben stünden
Zu Straßburg auf dem Thurm,
Da wollten wir's verkünden
Und blasen wie der Sturm,
Daß laut es allerwegen
Erschallte weit und breit:
Dem Wasgau Heil und Segen
Heut und in Ewigkeit!
Als er geendet, fielen sie Alle mit einander singend ein und
wiederholten im Chore die zwei letzten Zeilen des Liedes. Dann aber
wurde schallender Beifall, den auch Herr Burkhard seinem bei ihm sehr
in Gunst stehenden Hörigen nicht versagte, dem Sänger zu Theil, und es
schien sich nach Seppele so bald kein Anderer vorwagen zu wollen.
Die dadurch entstehende Pause benutzte das Alter und die Jugend zu
freier Bewegung und traulicher Aussprache. Die jungen Herren und
Fräulein wandelten auf und ab oder standen in Gruppen umher, und dabei
fanden sich wie zufällig Egenolf und Bruno mit den Gräfinnen Imagina,
Isabella und Leontine zusammen.
Die beiden Jungherren trachteten wieder sehr danach, sich Leontinens
Gewogenheit zu erringen, was der Vielumschwärmten nichts weniger als
unangenehm zu sein schien. Sie hatte auch gewiß das Bestreben, den
Sonnenschein ihrer Gnade auf beide gleichmäßig zu vertheilen, aber die
helleren, wärmeren Strahlen fielen doch auf Egenolf. Sie lieh seinen
Worten ein geneigteres Ohr, gab ihm eingehendere Antworten, hatte für
ihn einen holderen Blick und ein häufigeres Lächeln als für Bruno, was
diesem nicht entging und ihm eine sacht aufsteigende Eifersucht auf
den glücklicheren Freund einflößte. Isabella bemühte sich, ihn für
diese, Leontinen vielleicht gar nicht bewußte Zurücksetzung gegen ihren
Bruder durch doppelte Freundlichkeit zu entschädigen, hatte damit aber
nicht den gewünschten Erfolg bei ihm, denn Bruno ließ nicht ab, sich
mit seinen Höflichkeiten immer wieder Leontinen zuzuwenden, bei der
sie doch nicht die verdiente Würdigung und Erwiederung fanden. Da gab
Isabella ihre vergeblichen Versuche, ihn zu trösten und zu fesseln,
allmählich auf und wurde schweigsam und in sich gekehrt.
Dieses, für einen feinen Beobachter so unterhaltsame Spiel hatte einen
solchen an der Fünften des kleinen Kreises, an Imagina, hier das
fünfte Rad am Wagen, wie sie sich selber sagte. Sie hatte sich an den
Gesprächen nur mit kurzen, hin und wieder eingestreuten Bemerkungen
betheiligt, dafür aber desto schärfer auf das gepaßt, was sich hier vor
ihren sehenden Augen immer deutlicher gestaltete und entfaltete, so daß
sie in den Herzen der anderen Vier richtig zu lesen glaubte.
Endlich mahnte der älteste Meister durch Klopfen mit seinem Stabe, für
eine neue Aufführung Platz zu machen und Ruhe zu halten.
Und nun sollte sich den erwartungsvoll Gespannten ein entzückendes
Schauspiel darbieten.