Der große Tag, dem die Spielleute des Wasgaues alljährlich mit Freuden,
etliche, die kein reines Gewissen hatten, aber auch nicht ohne Bangen
entgegensahen, war herangekommen. Aus allen Himmelsrichtungen, von nah
und fern strömten die Fahrenden beiderlei Geschlechts durch die Thore
der Stadt Rappoltsweiler herein, um an dem Feste theilzunehmen. Jedes
Alter, jede Gattung von weltfreien Künstlern der vielverzweigten Zunft
und alle möglichen Instrumente, denen durch Streichen und Blasen,
Knipsen und Klimpern, Schwingen und Schlagen Töne entlockt werden
konnten, waren in der tausendköpfigen Menge vertreten. Die Ankommenden
hatten sich, je nach Mitteln und Geschmack, mit ihren besten Kleidern
und Flittern in bunten, grellen, ja schreienden Farben aufgeputzt
und trugen an einem blauen Bande um den Hals das Abzeichen der
Bruderschaft, eine versilberte Schaumünze mit dem Bilde der heiligen
Jungfrau Maria vom Dusenbach. Auffallende Erscheinungen, solche von
jugendlicher Schönheit und Anmuth und solche von ungepflegtem, fast
wüstem Äußern, anziehende, drollige, abenteuerliche Gestalten waren
unter ihnen zu sehen. Aber fröhlich und guter Dinge waren sie Alle
sammt und sonders, die am reichsten Geschmückten wie die bettelhaft
Dürftigsten, als wüßten sie nichts von des Lebens Drang und Noth und
hätten Leid und Sorgen für heute von sich abgeschüttelt oder wie
abgetretenes Schuhzeug daheim in ihren Hütten zurückgelassen.
Und Alle schienen sich unter einander zu kennen und begrüßten sich wie
Glieder einer einzigen großen Familie, deren zahlreiche, weitläufige
Verwandtschaft sich im Jahre nur einmal auf den Ruf ihres würdigen,
allverehrten Oberhauptes versammelt, um sich ihrer Zugehörigkeit bewußt
zu bleiben und ihre freundlichen Beziehungen unter sich aufzufrischen
und aufrecht zu erhalten. Das Händeschütteln und Umarmen, das Lachen
und Jauchzen beim Wiedersehen wollte kein Ende nehmen. Der Eine
schaute dem Anderen in die Augen und fragte nach seinem Befinden und
Ergehen. Harmlose und herausfordernde, kecke und derbe Scherze flogen
hin und her, immer gut gemeint und niemals übelgenommen, denn an den
Pfeifertagen sollte Eintracht walten; wehe dem, der den Frieden brach
oder muthwillig störte!
Wie die zugewanderten Schaaren in der Stadt ein Unterkommen finden
wollten, blieb der Umsicht und Spürkraft jedes Einzelnen überlassen,
aber die Bürger, die sich allerseits an den Belustigungen des
dreitägigen Festes rückhaltlos betheiligten und mit dem alljährlich
in Massen wiederkehrenden, sich hier frank und frei tummelnden
Spielmannsvolke von Jugend auf bekannt und vertraut waren, nahmen
sie gern auf in ihren Häusern und gaben ihnen kostenfreie Herberge
unter Dach und Fach, soviel sie vermochten. Die Fahrenden waren auch
nicht verwöhnt, begnügten sich mit einem Strohlager auf dem Söller, in
Ställen und Schuppen und dankten ihren gütigen Wirthen mit allerhand
Kunststücken und munteren Spielmannsweisen. Einige hatten sich, durch
Erfahrung gewitzigt, ein zusammengelegtes, leichtes Zelt mitgebracht,
das sie in Höfen und Gärten, an der Stadtmauer und wo sonst Platz war,
aufschlugen, um mit Weib und Kind, allein oder zu Mehreren darin zu
schlafen.
An Räumlichkeiten zu geselligem Aufenthalt fehlte es indessen nicht. Es
gab Gastwirthschaften und Weinhäuser, die für geziemende Verpflegung
mit Speise und Trank nur eine billige Irte berechneten. Für die
Vorträge und Vorführungen der Spielleute und Geschicklichkeitskünstler,
soweit sie nicht im Freien stattfanden, war an geeigneter Stelle eine
große Halle mit Sitzbänken rings an den Wänden errichtet, die nach
dem Feste abgebrochen und im nächsten Jahre wieder aufgebaut wurde.
Bei ungünstigem Wetter wurde auch das Gericht darin abgehalten. Den
vornehmen Gästen aber, namentlich den älteren Herren diente der mit
guten Weinen versorgte Rathskeller als Trinkstube, wo sie unter sich
waren und, ihre Frauen, Söhne und Töchter nach deren Belieben den
Lustbarkeiten des Festes überlassend, dem Becher wacker zusprachen.
Graf Schmasman, als Ältester der Rappoltsteiner der Lehensherr
der Pfeiferbruderschaft, hatte während der drei Tage den Wirth zu
spielen, zwar ohne die Kosten tragen zu müssen, doch mit der sich
selbst auferlegten Verpflichtung, sich möglichst viel unter sein
liebes Spielmannsvolk zu mischen und sich um das Wohl und Wehe seiner
Schutzbefohlenen theilnahmsvoll zu bekümmern. Viele von ihnen kannte er
und beglückte bald Diesen, bald Jenen mit einer traulichen Ansprache,
wobei ihm überall von Alt und Jung die größte Ehrerbietung erwiesen
wurde.
Um daneben auch eines vergnüglichen Verkehrs mit Standesgenossen
pflegen zu können und zugleich dem Feste durch Betheiligung der
ritterlichen Gesellschaft einen erhöhten Glanz zu verleihen, lud er
stets einige benachbarte, ihm befreundete Familien dazu ein, die sich
das bewegte, geräuschvolle Treiben und die ergötzlichen Gestalten
der Fahrenden gern ansahen und, Schmasman in seinem Amt als Wirth
unterstützend, die Spielleute durch ein wohlwollendes, freundliches
Benehmen ehrten und erfreuten.
So hatte er diesmal die Thierstein mit den bei ihnen auf der
Hohkönigsburg zu Gaste weilenden Fleckenstein, die Müllenheim, die
Andlau, die Lützelstein von der Frankenburg und die Rathsamhausen
geladen, welche letzteren während der Dauer des Festes auch auf der
Rappoltstein'schen St. Ulrichsburg wohnten. Außer den Geladenen
hatten sich auch noch einige andere ältere und jüngere Herren und
Damen unaufgefordert in Rappoltsweiler eingefunden, die in dem Kreise
durchweg willkommen geheißen wurden.
Graf Oswald von Thierstein war in der Erwartung und mit der Absicht
gekommen, unter allen Anwesenden hier eine erste, bevorzugte Stelle
einzunehmen. Er hatte, als er mit den Seinigen, alle prächtig gekleidet
und auf schön gezäumten Rossen, einritt, sich mit einem ansehnlichen
Gefolge umgeben, um von vornherein die allgemeine Aufmerksamkeit auf
sich zu lenken. Der Stallmeister Isinger, der nun doch ohne Gefahr
für die Sicherheit der Hohkönigsburg dort abkömmlich zu sein schien,
bildete voranreitend die Spitze und die beiden Leibtrabanten des
Grafen, Marx und Herni, nebst ein paar Troßknechten den Schluß des
stattlichen Zuges, in dem auch die gefallsüchtig lächelnde Zofe Dimot
nicht fehlte. Aufsehen erregte Graf Oswald allerdings damit, aber
kein ihm günstiges. Nur ein kaltes, neugieriges Staunen hatten die
fahrenden Leute für den prunkenden Aufzug, weil sie an eine solche
Prachtentfaltung seitens der Herrschaften bei dem volksthümlichen Feste
nicht gewöhnt waren. Die übrigen Herren und Damen hatten auch an der
gebräuchlichen Einfachheit in ihrem Äußeren festgehalten und selbst die
Fleckenstein, die mit den sämmtlichen Thiersteinern kamen, waren von
dieser löblichen Sitte nicht abgewichen, was dem Grafen Oswald gerade
recht war, denn desto mehr stach er selber mit seinen Angehörigen durch
den gemachten Aufwand hervor. Den stolzen Erscheinungen der schönen
Thierstein'schen Frauen versagte man die Bewunderung nicht, und sie gab
sich in mancher laut werdenden Bemerkung kund, als sie durch die in den
Gassen auf- und abfluthende Menge zur Herberge ritten.
Auf dem Platze davor, von dem die fromme Wanderung nach der Kapelle am
Dusenbach ausgehen sollte, versammelten sich die ritterlichen Gäste und
wurden von den Rappoltsteinern auf das Zuvorkommendste empfangen.
Egenolf hatte vom ersten Erblicken an nur für Leontine noch Augen und
konnte kaum der Versuchung widerstehen, ihr vom Pferde zu helfen,
denn hier würde sie ja wohl nicht wie damals in der Waldeinsamkeit
allein aus dem Sattel springen. Aber zu dieser Hilfsleistung war ja
der Stallmeister mitgenommen, und Egenolf mußte sich gedulden, bis die
Reihe an sie kam und er der Abgestiegenen die Hand bieten konnte, die
sie leicht erröthend nahm mit den leise gesprochenen Worten: »Ich danke
Euch vielmals, Herr Graf, für die freudige Überraschung, die Ihr mir
mit dem herrlichen Wolfsfell bereitet habt --.« Sie hatte die Stimme am
Ende des Satzes nicht gesenkt, als wollte sie noch etwas hinzufügen,
aber sie brach ab und erwähnte des Briefes mit keiner Silbe. Was hätte
sie ihm auch darüber sagen sollen? etwa, daß sie ihm künftig jedes Wort
glauben wolle? das hätte er doch so auslegen können, als erwarte sie,
bald ein bedeutsames Wort aus seinem Munde zu hören. Er konnte ihr auf
ihren Dank nichts erwiedern, denn Imagina und seine Schwester Isabella
nahmen sie sofort für sich in Beschlag.
Nach allseitiger Begrüßung entspann sich eine lebhafte Unterhaltung
der sich hier Treffenden, denen Schmasman auf mancherlei Fragen nach
dem herkömmlichen Verlauf des Festes Rede stehen mußte. Burkhard von
Rathsamhausen raunte ihm mit einem Augenwink auf Oswald spöttisch zu:
»Nun sieh ihn Dir an, Schmasman! geputzt und gespreizt wie ein Pfau.
Mir schwant, wir werden heute noch etwas mit ihm erleben.« Schmasman
antwortete nichts, aber er hatte selber schon in Oswalds Zügen einen
Ausdruck wahrgenommen, der ihm wenig gefiel und auch in ihm einige
Besorgniß erweckte.
Noch war es nicht Zeit zur Wallfahrt, und mehrere der Gäste begaben
sich mitten unter die harrenden Spielleute, sich diese oder jene
seltsame Erscheinung genauer zu betrachten oder mit einem hübschen
Mädchen ein paar scherzende Worte zu wechseln. Graf Oswald folgte dem
Beispiel, um sich auch seinerseits bei dem Volke beliebt zu machen und
die Huldigung der so tief unter ihm Stehenden wohlgefällig entgegen
zu nehmen. Dabei mußte er jedoch die Enttäuschung erleben, daß ihm
durchaus nicht mit der Unterwürfigkeit und ersterbenden Hochachtung
Platz gemacht und begegnet wurde, wie er im Gefühl seiner Erhabenheit
erwartet hatte. Die Fahrenden zeigten sich gleichgültig und kühl
zurückhaltend gegen ihn statt die große Ehre gebührend zu würdigen,
die er ihnen seiner Meinung nach mit seiner gnädigen Herablassung
anthat. Diese schlichten Naturkinder, die bei allem Übermuth und
Leichtsinn einen ihnen angeborenen gesunden Verstand, noch verstärkt
durch ein gutes Theil List und Schlauheit, besaßen und sich in ihrem
steten Wanderleben Menschenkenntniß und Erfahrung erworben hatten,
durchschauten die Absicht des hoffährtigen Herren und fühlten
sich durch die Art und Weise seiner Annäherung mehr verletzt als
geschmeichelt.
Zur Steigerung seines Verdrusses darüber mußte er nun noch mitansehen,
wie so ganz anders sich die Spielleute gegen ihren Schutzherren
benahmen, wie ihre Augen strahlten und an Schmasmans Munde hingen, wenn
er mit ihnen sprach, wie sie so garnicht schüchtern vor ihm waren,
sondern ihm freimüthig und treuherzig auf seine Fragen Bescheid gaben,
seelensvergnügt lachten, ihn umdrängten, ihm so anhänglich und innig
ergeben schienen, als wären sie jeden Augenblick bereit, ihr Leben
für ihn zu lassen. Diese eifersüchtigen Beobachtungen waren freilich
nicht dazu angethan, des Grafen Oswald Stimmung zu verbessern und
aufzuheitern. Sein Gesicht ward immer ernster und finsterer, seine
Haltung immer steifer und stolzer.
Jetzt fingen auf den Kirchthürmen die Glocken an zu läuten, und sofort
kam Bewegung in die angestauten Massen. Hans Loder reckte seinen Stab
über Aller Häupter empor und schwenkte ihn zum Zeichen, daß man Raum
schaffen und sich zum Antreten des feierlichen Ganges nach der Kapelle
ordnen solle.
Zwei Stadtknechte mit Hellebarden und nach ihnen eine Schaar festlich
geschmückter kleiner Mädchen, die Blätter und Blumen auf den Weg
streuten, eröffneten den Zug. Hinter ihnen schritt ganz allein Loder
der Trumpeter im Glanz seiner Würde als Pfeiferkönig, gefolgt von
den vier Weibeln und den zwölf Meistern, die eine aufsichtführende
Stellung in der Bruderschaft einnahmen. Dann kamen die Gäste, und
da sich Schmasman, wohl einem alten Brauche gemäß, seine Gemahlin
Herzelande zur Begleiterin erkoren, thaten ihm dies die anderen Herren
nach, so daß jeder von ihnen die eigene Gattin im Zuge führte, während
sich die Jugend nach Belieben zu einander gesellte. Egenolf war so
glücklich oder so gewandt, sich Leontine zu erobern, und schien ihr
als Partner willkommen zu sein. Graf Oswald von Thierstein aber war
unzufrieden, daß er mit seiner Gemahlin nicht als Vorderster oder doch
wenigstens unmittelbar hinter Schmasman und Herzelande gehen konnte,
sondern noch vier andere Paare und unter diesen auch die Rathsamhausen
vor sich hatte. In mürrischem Sinnen starrte er vor sich hin, als
spönne er einen heimlichen Anschlag.
In endloser Reihe, Alt und Jung, Männer, Frauen und Mädchen bunt
durch einander gemischt, schlossen sich die fahrenden Leute an, um an
der geweihten Stätte ihrer Schutzheiligen, Unserer lieben Frau vom
Dusenbach, in Andacht das Knie zu beugen. Und -- o Lust und Pein! --
Alle, Alle spielten mit der ganzen Kraft der Lungen und der Hände auf
ihren Instrumenten ihre eigenen Weisen ohne sich in Takt und Tonart
von dem bestimmen oder beirren zu lassen, was die Nachbaren im Zuge
auf ihren Spielwerken zum Besten gaben. Sie bliesen und fiedelten,
lautenierten und rasaunten Alle mit Gewalt darauf los, als wollte
Jeder seine Melodieen, seine Sätze, Triller und Läufe am lautesten zur
Geltung bringen.
An eine Unterhaltung der Paare war dabei nicht zu denken. Man sah sich
verzweifelnd und lachend an und mußte diese wunderbare, sinnbetäubende
Musik stumm und geduldig über sich ergehen lassen und sein gemartertes
Gehör zum Opfer bringen.
Erst dicht vor der Kapelle, die der Zug nach einer halbstündigen
Wanderung erreichte, schwieg auf einen Wink des Pfeiferkönigs der
fürchterliche Lärm, und die plötzlich darauf eintretende Stille wirkte
überraschend, aber wohlthuend und beruhigend; man athmete auf.
Die Kapelle, die in ihrem Innern ein wunderthätiges Marienbild
bewahrte, lag einsam im tiefen Waldesfrieden des Thales, und ihr
hellgraues Gemäuer schimmerte freundlich aus dem grünen Laub der
jenseitigen Bergeshalde, zu der eine Brücke über den Dusenbach führte.
Auf der geebneten Lichtung davor stellten sich die Angekommenen in
einem nach der Kapelle zu geöffneten Halbkreise auf, dessen Mitte frei
blieb und dessen vorderste Reihe die geladenen Gäste einnahmen. Hinter
ihnen drängte sich die Menge Schulter an Schulter bis über die Brücke
hinüber und noch auf dem Wege am andern Ufer.
Der Pfeiferkönig, in der Hand eine pfundschwere Wachskerze, die er
der benedeiten Jungfrau als Weihegeschenk brachte, stieg die Stufen
zum Eingang empor und hielt an die Versammelten eine kurze Ansprache,
mit der er sie hier bewillkommnete und zum Eintritt in das Heiligthum
aufforderte, soweit es der beschränkte Raum zuließ.
Jetzt geschah etwas Unerhörtes. Ehe Einer aus dem Kreise Miene machte,
der Einladung des Pfeiferkönigs zu folgen, weil Alle auf Schmasmans
Anführung warteten, schritt Graf Oswald von Thierstein mit Gräfin
Margarethe über den Platz und auf die Kapelle zu, um sich als die
Ersten hineinzubegeben. Aber schnell vertrat ihnen Schmasman mit
seiner Gemahlin den Weg und sagte: »Verzeiht, Herr Graf! ich habe den
Vortritt.«
Oswald erwiederte trotzig: »Ihr? warum Ihr? ich meine, ich bin hier der
Erste unter unseres Gleichen?«
»Da seid Ihr im Irrthum,« gab ihm Schmasman zur Antwort. »Vergeßt
nicht, daß ich als Lehnsherr der Pfeiferbruderschaft vor allen Anderen
hier den Vorrang habe.«
»Vergeßt Ihr nicht, Herr Graf von Rappoltstein,« sprach Oswald
hochfahrend, »daß ich der Landvogt bin, es also mir gebührt, den ersten
Rang hier einzunehmen.«
»Mit Nichten gebührt Euch das, Herr Graf!« erklärte Schmasman sehr
bestimmt, »Ihr steht hier auf meinem Gebiet, und ich muß Euch bitten,
die Kapelle erst nach mir zu betreten.«
»Das werde ich nicht thun, Herr Graf von Rappoltstein!« sagte Oswald in
gereiztem Tone.
»Schmasman, hier am Gotteshause keinen Streit!« flüsterte Herzelande
ihrem Gatten zu, »gieb nach! sie sind unsre Gäste.«
Aber Schmasman schüttelte das Haupt, warf einen Blick zu Burkhard
hinüber, der von Jost von Müllenheim kaum in Ruhe zu halten war und
vor Wuth ersticken wollte, und schritt mit den Worten: »Es bleibt bei
dem, was ich gesagt habe; hier habe ich allein zu entscheiden,« seine
Gemahlin führend, an den Thiersteins vorbei und über die Stufen in die
Kapelle hinein.
Graf Oswald stand bleich und rathlos und sprach heftig auf seine
Gemahlin ein, die sich, leise an seinem Arme ziehend, vergeblich bemüht
hatte, ihn zum Rückzug zu bewegen. Er wollte fort, hinweg von diesem
Orte, mußte aber einsehen, daß ein Durchkommen über die dicht besetzte
Brücke nicht möglich war. Schon waren andere Gäste dem Grafen Schmasman
in die Kapelle gefolgt, und um wenigstens nicht der Letzte zu sein,
blieb dem Ergrimmten nichts Anderes übrig als ebenfalls mit seiner
Gemahlin die Stufen hinan und in den dämmrigen Raum hinein zu gehen.
Alle näher Stehenden hatten den überaus peinlichen Auftritt mit
angesehen und den erregten Wortwechsel der beiden Betheiligten
gehört. Die Gäste und noch weit mehr die Spielleute waren über das
ungebührliche Vordringen des Thiersteiner Grafen empört. Die Letzteren
bekundeten ihren Unwillen durch ein deutlich vernehmbares Murren,
und Rufe wie »Zurück! Graf Rappoltstein voran!« wurden laut. Als sie
aber sahen, daß Schmasman durch seine unerschütterliche Ruhe und
Festigkeit in dem Rangstreit obsiegte, waren sie drauf und dran, ihre
Freude darüber in hellem Jubel auszulassen, und die Weibel und Meister
hatten Mühe, diesen, den Unterliegenden geradezu verhöhnenden Ausdruck
leidenschaftlicher Parteinahme für den geliebten Lehnsherrn zu dämpfen.
Graf Oswald konnte seinen Ärger über diesen zweiten Mißerfolg seines
ehrgeizigen Strebens kaum verbeißen und verbergen, zumal er sich
sagen mußte, daß er sich damit bei seinen Standesgenossen eine durch
nichts gut zu machende Blöße gegeben und beim gemeinen Volke sein
Spiel nun erst recht ein für allemal verloren hatte. Und da war außer
seinen nächsten Angehörigen Niemand, der ihm die zu Theil gewordene
Zurückweisung nicht gegönnt hätte. Nur die an dem leidigen Vorfall
völlig unschuldigen Thierstein'schen Damen bedauerte man, und jeder
Einzelne von der adligen Gesellschaft nahm sich stillschweigend vor,
durch ein doppelt freundliches und verbindliches Benehmen gegen die
Gräfinnen Margarethe und Leontine den üblen Eindruck möglichst zu
verwischen und ihnen zu zeigen, daß man sie für die unverzeihliche
Anmaßung ihres Familienhauptes nicht im Mindesten verantwortlich
machte, sondern sie nach wie vor hoch schätzte und verehrte, wie sie es
für ihr liebenswürdiges Wesen verdienten.
Schwer litt Egenolf unter dem zwischen seinem und Leontinens Vater so
unerwartet und scharf hervorgetretenen, muthwillig hervorgerufenen
Zwiespalt, der nicht ohne Einfluß auf den geselligen Verkehr und die
sich nahe berührenden Standes- und Rechtsverhältnisse der durch ihre
Nachbarschaft auf einander angewiesenen Familien bleiben konnte. Im
Grunde seines Herzens mußte er seinem Vater Recht und dem Grafen
Oswald entschieden Unrecht geben. Dabei drängte sich ihm jedoch die
ihn beunruhigende Frage auf, wie sich wohl Leontine fortan zu ihm
stellen und verhalten würde. Während des Streites, dessen Zeuge sie,
neben Egenolf stehend, gewesen war, hatte sie mit keinem Wort und
keiner Bewegung ihre Empfindungen verrathen und war dann auch ohne jede
ablehnende Gebärde an seiner Seite in die Kapelle gegangen.
Das Kirchlein war bis auf den letzten Platz gefüllt, aber die große
Mehrzahl der Gläubigen mußte außerhalb bleiben und dort das Ende des
Gottesdienstes abwarten.
Es war üblich, daß an diesem Tage nicht nur Messe gelesen, sondern auch
eine Predigt gehalten wurde, die seit Jahren der würdige Prior des
Augustinerklosters zu Rappoltsweiler zu übernehmen pflegte. Auch heute
betrat er die Kanzel und wandte sich mit seinen beredten Ausführungen
an die Gemüther der Spielleute und Fahrenden. Er ermahnte sie zu
unverbrüchlicher Eintracht in ihrem Bunde, zu christlicher Demuth und
Bescheidenheit, zu Tugend und Ehrbarkeit, Zucht und Sitte. Sie sollten
einander wie Brüder und Schwestern lieben und achten; Keiner sollte
sich besser und vornehmer dünken als der Andere, Keiner dem Andern
seinen Platz streitig machen, sich überheben und vordrängen wollen.
Mit Nachsicht und Duldsamkeit sollte Jeder, eingedenk der eigenen
Sündhaftigkeit, die Schwächen und Fehler, ja Hochmuth und Eitelkeit
des Anderen ertragen in der tröstlichen Gewißheit, daß auch der
hienieden scheinbar am höchsten Stehende vor Gott dem Allwissenden und
Allgerechten keinen Deut mehr gälte als der Geringsten einer.
Der Prior, der bis zum Beginn der Messe in der Sakristei verweilt
hatte, wußte nichts von dem vorher stattgehabten Rangstreit der
beiden Grafen und ahnte daher nicht, welche besondere Bedeutung seine
Worte für die Hörer hatten. Diese sahen sich verwundert und mit dem
Ausdruck großer Genugthuung darüber an, in welcher unabsichtlich,
aber zutreffend anzüglichen Weise dem stolzen Grafen Thierstein hier
ins Gewissen geredet wurde. Er selber saß in der vordersten Reihe,
den Blick ohne mit einer Wimper zu zucken unverwandt auf den Redner
gerichtet, als ginge ihn das in dieser Spielmannspredigt Gesagte
garnichts oder doch nicht mehr als alle Übrigen an. Was sich in seinem
Inneren dabei regte, was er und die rings um ihn und hinter ihm dicht
Zusammengedrängten davon in ihren Gedanken und Gefühlen mit sich
nahmen, das wußte auch nur der Allsehende, vor dem die Herzen der
Menschen offen liegen wie ein aufgeschlagenes Buch.