V.

Der große Tag, dem die Spielleute des Wasgaues alljährlich mit Freuden,

etliche, die kein reines Gewissen hatten, aber auch nicht ohne Bangen

entgegensahen, war herangekommen. Aus allen Himmelsrichtungen, von nah

und fern strömten die Fahrenden beiderlei Geschlechts durch die Thore

der Stadt Rappoltsweiler herein, um an dem Feste theilzunehmen. Jedes

Alter, jede Gattung von weltfreien Künstlern der vielverzweigten Zunft

und alle möglichen Instrumente, denen durch Streichen und Blasen,

Knipsen und Klimpern, Schwingen und Schlagen Töne entlockt werden

konnten, waren in der tausendköpfigen Menge vertreten. Die Ankommenden

hatten sich, je nach Mitteln und Geschmack, mit ihren besten Kleidern

und Flittern in bunten, grellen, ja schreienden Farben aufgeputzt

und trugen an einem blauen Bande um den Hals das Abzeichen der

Bruderschaft, eine versilberte Schaumünze mit dem Bilde der heiligen

Jungfrau Maria vom Dusenbach. Auffallende Erscheinungen, solche von

jugendlicher Schönheit und Anmuth und solche von ungepflegtem, fast

wüstem Äußern, anziehende, drollige, abenteuerliche Gestalten waren

unter ihnen zu sehen. Aber fröhlich und guter Dinge waren sie Alle

sammt und sonders, die am reichsten Geschmückten wie die bettelhaft

Dürftigsten, als wüßten sie nichts von des Lebens Drang und Noth und

hätten Leid und Sorgen für heute von sich abgeschüttelt oder wie

abgetretenes Schuhzeug daheim in ihren Hütten zurückgelassen.

Und Alle schienen sich unter einander zu kennen und begrüßten sich wie

Glieder einer einzigen großen Familie, deren zahlreiche, weitläufige

Verwandtschaft sich im Jahre nur einmal auf den Ruf ihres würdigen,

allverehrten Oberhauptes versammelt, um sich ihrer Zugehörigkeit bewußt

zu bleiben und ihre freundlichen Beziehungen unter sich aufzufrischen

und aufrecht zu erhalten. Das Händeschütteln und Umarmen, das Lachen

und Jauchzen beim Wiedersehen wollte kein Ende nehmen. Der Eine

schaute dem Anderen in die Augen und fragte nach seinem Befinden und

Ergehen. Harmlose und herausfordernde, kecke und derbe Scherze flogen

hin und her, immer gut gemeint und niemals übelgenommen, denn an den

Pfeifertagen sollte Eintracht walten; wehe dem, der den Frieden brach

oder muthwillig störte!

Wie die zugewanderten Schaaren in der Stadt ein Unterkommen finden

wollten, blieb der Umsicht und Spürkraft jedes Einzelnen überlassen,

aber die Bürger, die sich allerseits an den Belustigungen des

dreitägigen Festes rückhaltlos betheiligten und mit dem alljährlich

in Massen wiederkehrenden, sich hier frank und frei tummelnden

Spielmannsvolke von Jugend auf bekannt und vertraut waren, nahmen

sie gern auf in ihren Häusern und gaben ihnen kostenfreie Herberge

unter Dach und Fach, soviel sie vermochten. Die Fahrenden waren auch

nicht verwöhnt, begnügten sich mit einem Strohlager auf dem Söller, in

Ställen und Schuppen und dankten ihren gütigen Wirthen mit allerhand

Kunststücken und munteren Spielmannsweisen. Einige hatten sich, durch

Erfahrung gewitzigt, ein zusammengelegtes, leichtes Zelt mitgebracht,

das sie in Höfen und Gärten, an der Stadtmauer und wo sonst Platz war,

aufschlugen, um mit Weib und Kind, allein oder zu Mehreren darin zu

schlafen.

An Räumlichkeiten zu geselligem Aufenthalt fehlte es indessen nicht. Es

gab Gastwirthschaften und Weinhäuser, die für geziemende Verpflegung

mit Speise und Trank nur eine billige Irte berechneten. Für die

Vorträge und Vorführungen der Spielleute und Geschicklichkeitskünstler,

soweit sie nicht im Freien stattfanden, war an geeigneter Stelle eine

große Halle mit Sitzbänken rings an den Wänden errichtet, die nach

dem Feste abgebrochen und im nächsten Jahre wieder aufgebaut wurde.

Bei ungünstigem Wetter wurde auch das Gericht darin abgehalten. Den

vornehmen Gästen aber, namentlich den älteren Herren diente der mit

guten Weinen versorgte Rathskeller als Trinkstube, wo sie unter sich

waren und, ihre Frauen, Söhne und Töchter nach deren Belieben den

Lustbarkeiten des Festes überlassend, dem Becher wacker zusprachen.

Graf Schmasman, als Ältester der Rappoltsteiner der Lehensherr

der Pfeiferbruderschaft, hatte während der drei Tage den Wirth zu

spielen, zwar ohne die Kosten tragen zu müssen, doch mit der sich

selbst auferlegten Verpflichtung, sich möglichst viel unter sein

liebes Spielmannsvolk zu mischen und sich um das Wohl und Wehe seiner

Schutzbefohlenen theilnahmsvoll zu bekümmern. Viele von ihnen kannte er

und beglückte bald Diesen, bald Jenen mit einer traulichen Ansprache,

wobei ihm überall von Alt und Jung die größte Ehrerbietung erwiesen

wurde.

Um daneben auch eines vergnüglichen Verkehrs mit Standesgenossen

pflegen zu können und zugleich dem Feste durch Betheiligung der

ritterlichen Gesellschaft einen erhöhten Glanz zu verleihen, lud er

stets einige benachbarte, ihm befreundete Familien dazu ein, die sich

das bewegte, geräuschvolle Treiben und die ergötzlichen Gestalten

der Fahrenden gern ansahen und, Schmasman in seinem Amt als Wirth

unterstützend, die Spielleute durch ein wohlwollendes, freundliches

Benehmen ehrten und erfreuten.

So hatte er diesmal die Thierstein mit den bei ihnen auf der

Hohkönigsburg zu Gaste weilenden Fleckenstein, die Müllenheim, die

Andlau, die Lützelstein von der Frankenburg und die Rathsamhausen

geladen, welche letzteren während der Dauer des Festes auch auf der

Rappoltstein'schen St. Ulrichsburg wohnten. Außer den Geladenen

hatten sich auch noch einige andere ältere und jüngere Herren und

Damen unaufgefordert in Rappoltsweiler eingefunden, die in dem Kreise

durchweg willkommen geheißen wurden.

Graf Oswald von Thierstein war in der Erwartung und mit der Absicht

gekommen, unter allen Anwesenden hier eine erste, bevorzugte Stelle

einzunehmen. Er hatte, als er mit den Seinigen, alle prächtig gekleidet

und auf schön gezäumten Rossen, einritt, sich mit einem ansehnlichen

Gefolge umgeben, um von vornherein die allgemeine Aufmerksamkeit auf

sich zu lenken. Der Stallmeister Isinger, der nun doch ohne Gefahr

für die Sicherheit der Hohkönigsburg dort abkömmlich zu sein schien,

bildete voranreitend die Spitze und die beiden Leibtrabanten des

Grafen, Marx und Herni, nebst ein paar Troßknechten den Schluß des

stattlichen Zuges, in dem auch die gefallsüchtig lächelnde Zofe Dimot

nicht fehlte. Aufsehen erregte Graf Oswald allerdings damit, aber

kein ihm günstiges. Nur ein kaltes, neugieriges Staunen hatten die

fahrenden Leute für den prunkenden Aufzug, weil sie an eine solche

Prachtentfaltung seitens der Herrschaften bei dem volksthümlichen Feste

nicht gewöhnt waren. Die übrigen Herren und Damen hatten auch an der

gebräuchlichen Einfachheit in ihrem Äußeren festgehalten und selbst die

Fleckenstein, die mit den sämmtlichen Thiersteinern kamen, waren von

dieser löblichen Sitte nicht abgewichen, was dem Grafen Oswald gerade

recht war, denn desto mehr stach er selber mit seinen Angehörigen durch

den gemachten Aufwand hervor. Den stolzen Erscheinungen der schönen

Thierstein'schen Frauen versagte man die Bewunderung nicht, und sie gab

sich in mancher laut werdenden Bemerkung kund, als sie durch die in den

Gassen auf- und abfluthende Menge zur Herberge ritten.

Auf dem Platze davor, von dem die fromme Wanderung nach der Kapelle am

Dusenbach ausgehen sollte, versammelten sich die ritterlichen Gäste und

wurden von den Rappoltsteinern auf das Zuvorkommendste empfangen.

Egenolf hatte vom ersten Erblicken an nur für Leontine noch Augen und

konnte kaum der Versuchung widerstehen, ihr vom Pferde zu helfen,

denn hier würde sie ja wohl nicht wie damals in der Waldeinsamkeit

allein aus dem Sattel springen. Aber zu dieser Hilfsleistung war ja

der Stallmeister mitgenommen, und Egenolf mußte sich gedulden, bis die

Reihe an sie kam und er der Abgestiegenen die Hand bieten konnte, die

sie leicht erröthend nahm mit den leise gesprochenen Worten: »Ich danke

Euch vielmals, Herr Graf, für die freudige Überraschung, die Ihr mir

mit dem herrlichen Wolfsfell bereitet habt --.« Sie hatte die Stimme am

Ende des Satzes nicht gesenkt, als wollte sie noch etwas hinzufügen,

aber sie brach ab und erwähnte des Briefes mit keiner Silbe. Was hätte

sie ihm auch darüber sagen sollen? etwa, daß sie ihm künftig jedes Wort

glauben wolle? das hätte er doch so auslegen können, als erwarte sie,

bald ein bedeutsames Wort aus seinem Munde zu hören. Er konnte ihr auf

ihren Dank nichts erwiedern, denn Imagina und seine Schwester Isabella

nahmen sie sofort für sich in Beschlag.

Nach allseitiger Begrüßung entspann sich eine lebhafte Unterhaltung

der sich hier Treffenden, denen Schmasman auf mancherlei Fragen nach

dem herkömmlichen Verlauf des Festes Rede stehen mußte. Burkhard von

Rathsamhausen raunte ihm mit einem Augenwink auf Oswald spöttisch zu:

»Nun sieh ihn Dir an, Schmasman! geputzt und gespreizt wie ein Pfau.

Mir schwant, wir werden heute noch etwas mit ihm erleben.« Schmasman

antwortete nichts, aber er hatte selber schon in Oswalds Zügen einen

Ausdruck wahrgenommen, der ihm wenig gefiel und auch in ihm einige

Besorgniß erweckte.

Noch war es nicht Zeit zur Wallfahrt, und mehrere der Gäste begaben

sich mitten unter die harrenden Spielleute, sich diese oder jene

seltsame Erscheinung genauer zu betrachten oder mit einem hübschen

Mädchen ein paar scherzende Worte zu wechseln. Graf Oswald folgte dem

Beispiel, um sich auch seinerseits bei dem Volke beliebt zu machen und

die Huldigung der so tief unter ihm Stehenden wohlgefällig entgegen

zu nehmen. Dabei mußte er jedoch die Enttäuschung erleben, daß ihm

durchaus nicht mit der Unterwürfigkeit und ersterbenden Hochachtung

Platz gemacht und begegnet wurde, wie er im Gefühl seiner Erhabenheit

erwartet hatte. Die Fahrenden zeigten sich gleichgültig und kühl

zurückhaltend gegen ihn statt die große Ehre gebührend zu würdigen,

die er ihnen seiner Meinung nach mit seiner gnädigen Herablassung

anthat. Diese schlichten Naturkinder, die bei allem Übermuth und

Leichtsinn einen ihnen angeborenen gesunden Verstand, noch verstärkt

durch ein gutes Theil List und Schlauheit, besaßen und sich in ihrem

steten Wanderleben Menschenkenntniß und Erfahrung erworben hatten,

durchschauten die Absicht des hoffährtigen Herren und fühlten

sich durch die Art und Weise seiner Annäherung mehr verletzt als

geschmeichelt.

Zur Steigerung seines Verdrusses darüber mußte er nun noch mitansehen,

wie so ganz anders sich die Spielleute gegen ihren Schutzherren

benahmen, wie ihre Augen strahlten und an Schmasmans Munde hingen, wenn

er mit ihnen sprach, wie sie so garnicht schüchtern vor ihm waren,

sondern ihm freimüthig und treuherzig auf seine Fragen Bescheid gaben,

seelensvergnügt lachten, ihn umdrängten, ihm so anhänglich und innig

ergeben schienen, als wären sie jeden Augenblick bereit, ihr Leben

für ihn zu lassen. Diese eifersüchtigen Beobachtungen waren freilich

nicht dazu angethan, des Grafen Oswald Stimmung zu verbessern und

aufzuheitern. Sein Gesicht ward immer ernster und finsterer, seine

Haltung immer steifer und stolzer.

Jetzt fingen auf den Kirchthürmen die Glocken an zu läuten, und sofort

kam Bewegung in die angestauten Massen. Hans Loder reckte seinen Stab

über Aller Häupter empor und schwenkte ihn zum Zeichen, daß man Raum

schaffen und sich zum Antreten des feierlichen Ganges nach der Kapelle

ordnen solle.

Zwei Stadtknechte mit Hellebarden und nach ihnen eine Schaar festlich

geschmückter kleiner Mädchen, die Blätter und Blumen auf den Weg

streuten, eröffneten den Zug. Hinter ihnen schritt ganz allein Loder

der Trumpeter im Glanz seiner Würde als Pfeiferkönig, gefolgt von

den vier Weibeln und den zwölf Meistern, die eine aufsichtführende

Stellung in der Bruderschaft einnahmen. Dann kamen die Gäste, und

da sich Schmasman, wohl einem alten Brauche gemäß, seine Gemahlin

Herzelande zur Begleiterin erkoren, thaten ihm dies die anderen Herren

nach, so daß jeder von ihnen die eigene Gattin im Zuge führte, während

sich die Jugend nach Belieben zu einander gesellte. Egenolf war so

glücklich oder so gewandt, sich Leontine zu erobern, und schien ihr

als Partner willkommen zu sein. Graf Oswald von Thierstein aber war

unzufrieden, daß er mit seiner Gemahlin nicht als Vorderster oder doch

wenigstens unmittelbar hinter Schmasman und Herzelande gehen konnte,

sondern noch vier andere Paare und unter diesen auch die Rathsamhausen

vor sich hatte. In mürrischem Sinnen starrte er vor sich hin, als

spönne er einen heimlichen Anschlag.

In endloser Reihe, Alt und Jung, Männer, Frauen und Mädchen bunt

durch einander gemischt, schlossen sich die fahrenden Leute an, um an

der geweihten Stätte ihrer Schutzheiligen, Unserer lieben Frau vom

Dusenbach, in Andacht das Knie zu beugen. Und -- o Lust und Pein! --

Alle, Alle spielten mit der ganzen Kraft der Lungen und der Hände auf

ihren Instrumenten ihre eigenen Weisen ohne sich in Takt und Tonart

von dem bestimmen oder beirren zu lassen, was die Nachbaren im Zuge

auf ihren Spielwerken zum Besten gaben. Sie bliesen und fiedelten,

lautenierten und rasaunten Alle mit Gewalt darauf los, als wollte

Jeder seine Melodieen, seine Sätze, Triller und Läufe am lautesten zur

Geltung bringen.

An eine Unterhaltung der Paare war dabei nicht zu denken. Man sah sich

verzweifelnd und lachend an und mußte diese wunderbare, sinnbetäubende

Musik stumm und geduldig über sich ergehen lassen und sein gemartertes

Gehör zum Opfer bringen.

Erst dicht vor der Kapelle, die der Zug nach einer halbstündigen

Wanderung erreichte, schwieg auf einen Wink des Pfeiferkönigs der

fürchterliche Lärm, und die plötzlich darauf eintretende Stille wirkte

überraschend, aber wohlthuend und beruhigend; man athmete auf.

Die Kapelle, die in ihrem Innern ein wunderthätiges Marienbild

bewahrte, lag einsam im tiefen Waldesfrieden des Thales, und ihr

hellgraues Gemäuer schimmerte freundlich aus dem grünen Laub der

jenseitigen Bergeshalde, zu der eine Brücke über den Dusenbach führte.

Auf der geebneten Lichtung davor stellten sich die Angekommenen in

einem nach der Kapelle zu geöffneten Halbkreise auf, dessen Mitte frei

blieb und dessen vorderste Reihe die geladenen Gäste einnahmen. Hinter

ihnen drängte sich die Menge Schulter an Schulter bis über die Brücke

hinüber und noch auf dem Wege am andern Ufer.

Der Pfeiferkönig, in der Hand eine pfundschwere Wachskerze, die er

der benedeiten Jungfrau als Weihegeschenk brachte, stieg die Stufen

zum Eingang empor und hielt an die Versammelten eine kurze Ansprache,

mit der er sie hier bewillkommnete und zum Eintritt in das Heiligthum

aufforderte, soweit es der beschränkte Raum zuließ.

Jetzt geschah etwas Unerhörtes. Ehe Einer aus dem Kreise Miene machte,

der Einladung des Pfeiferkönigs zu folgen, weil Alle auf Schmasmans

Anführung warteten, schritt Graf Oswald von Thierstein mit Gräfin

Margarethe über den Platz und auf die Kapelle zu, um sich als die

Ersten hineinzubegeben. Aber schnell vertrat ihnen Schmasman mit

seiner Gemahlin den Weg und sagte: »Verzeiht, Herr Graf! ich habe den

Vortritt.«

Oswald erwiederte trotzig: »Ihr? warum Ihr? ich meine, ich bin hier der

Erste unter unseres Gleichen?«

»Da seid Ihr im Irrthum,« gab ihm Schmasman zur Antwort. »Vergeßt

nicht, daß ich als Lehnsherr der Pfeiferbruderschaft vor allen Anderen

hier den Vorrang habe.«

»Vergeßt Ihr nicht, Herr Graf von Rappoltstein,« sprach Oswald

hochfahrend, »daß ich der Landvogt bin, es also mir gebührt, den ersten

Rang hier einzunehmen.«

»Mit Nichten gebührt Euch das, Herr Graf!« erklärte Schmasman sehr

bestimmt, »Ihr steht hier auf meinem Gebiet, und ich muß Euch bitten,

die Kapelle erst nach mir zu betreten.«

»Das werde ich nicht thun, Herr Graf von Rappoltstein!« sagte Oswald in

gereiztem Tone.

»Schmasman, hier am Gotteshause keinen Streit!« flüsterte Herzelande

ihrem Gatten zu, »gieb nach! sie sind unsre Gäste.«

Aber Schmasman schüttelte das Haupt, warf einen Blick zu Burkhard

hinüber, der von Jost von Müllenheim kaum in Ruhe zu halten war und

vor Wuth ersticken wollte, und schritt mit den Worten: »Es bleibt bei

dem, was ich gesagt habe; hier habe ich allein zu entscheiden,« seine

Gemahlin führend, an den Thiersteins vorbei und über die Stufen in die

Kapelle hinein.

Graf Oswald stand bleich und rathlos und sprach heftig auf seine

Gemahlin ein, die sich, leise an seinem Arme ziehend, vergeblich bemüht

hatte, ihn zum Rückzug zu bewegen. Er wollte fort, hinweg von diesem

Orte, mußte aber einsehen, daß ein Durchkommen über die dicht besetzte

Brücke nicht möglich war. Schon waren andere Gäste dem Grafen Schmasman

in die Kapelle gefolgt, und um wenigstens nicht der Letzte zu sein,

blieb dem Ergrimmten nichts Anderes übrig als ebenfalls mit seiner

Gemahlin die Stufen hinan und in den dämmrigen Raum hinein zu gehen.

Alle näher Stehenden hatten den überaus peinlichen Auftritt mit

angesehen und den erregten Wortwechsel der beiden Betheiligten

gehört. Die Gäste und noch weit mehr die Spielleute waren über das

ungebührliche Vordringen des Thiersteiner Grafen empört. Die Letzteren

bekundeten ihren Unwillen durch ein deutlich vernehmbares Murren,

und Rufe wie »Zurück! Graf Rappoltstein voran!« wurden laut. Als sie

aber sahen, daß Schmasman durch seine unerschütterliche Ruhe und

Festigkeit in dem Rangstreit obsiegte, waren sie drauf und dran, ihre

Freude darüber in hellem Jubel auszulassen, und die Weibel und Meister

hatten Mühe, diesen, den Unterliegenden geradezu verhöhnenden Ausdruck

leidenschaftlicher Parteinahme für den geliebten Lehnsherrn zu dämpfen.

Graf Oswald konnte seinen Ärger über diesen zweiten Mißerfolg seines

ehrgeizigen Strebens kaum verbeißen und verbergen, zumal er sich

sagen mußte, daß er sich damit bei seinen Standesgenossen eine durch

nichts gut zu machende Blöße gegeben und beim gemeinen Volke sein

Spiel nun erst recht ein für allemal verloren hatte. Und da war außer

seinen nächsten Angehörigen Niemand, der ihm die zu Theil gewordene

Zurückweisung nicht gegönnt hätte. Nur die an dem leidigen Vorfall

völlig unschuldigen Thierstein'schen Damen bedauerte man, und jeder

Einzelne von der adligen Gesellschaft nahm sich stillschweigend vor,

durch ein doppelt freundliches und verbindliches Benehmen gegen die

Gräfinnen Margarethe und Leontine den üblen Eindruck möglichst zu

verwischen und ihnen zu zeigen, daß man sie für die unverzeihliche

Anmaßung ihres Familienhauptes nicht im Mindesten verantwortlich

machte, sondern sie nach wie vor hoch schätzte und verehrte, wie sie es

für ihr liebenswürdiges Wesen verdienten.

Schwer litt Egenolf unter dem zwischen seinem und Leontinens Vater so

unerwartet und scharf hervorgetretenen, muthwillig hervorgerufenen

Zwiespalt, der nicht ohne Einfluß auf den geselligen Verkehr und die

sich nahe berührenden Standes- und Rechtsverhältnisse der durch ihre

Nachbarschaft auf einander angewiesenen Familien bleiben konnte. Im

Grunde seines Herzens mußte er seinem Vater Recht und dem Grafen

Oswald entschieden Unrecht geben. Dabei drängte sich ihm jedoch die

ihn beunruhigende Frage auf, wie sich wohl Leontine fortan zu ihm

stellen und verhalten würde. Während des Streites, dessen Zeuge sie,

neben Egenolf stehend, gewesen war, hatte sie mit keinem Wort und

keiner Bewegung ihre Empfindungen verrathen und war dann auch ohne jede

ablehnende Gebärde an seiner Seite in die Kapelle gegangen.

Das Kirchlein war bis auf den letzten Platz gefüllt, aber die große

Mehrzahl der Gläubigen mußte außerhalb bleiben und dort das Ende des

Gottesdienstes abwarten.

Es war üblich, daß an diesem Tage nicht nur Messe gelesen, sondern auch

eine Predigt gehalten wurde, die seit Jahren der würdige Prior des

Augustinerklosters zu Rappoltsweiler zu übernehmen pflegte. Auch heute

betrat er die Kanzel und wandte sich mit seinen beredten Ausführungen

an die Gemüther der Spielleute und Fahrenden. Er ermahnte sie zu

unverbrüchlicher Eintracht in ihrem Bunde, zu christlicher Demuth und

Bescheidenheit, zu Tugend und Ehrbarkeit, Zucht und Sitte. Sie sollten

einander wie Brüder und Schwestern lieben und achten; Keiner sollte

sich besser und vornehmer dünken als der Andere, Keiner dem Andern

seinen Platz streitig machen, sich überheben und vordrängen wollen.

Mit Nachsicht und Duldsamkeit sollte Jeder, eingedenk der eigenen

Sündhaftigkeit, die Schwächen und Fehler, ja Hochmuth und Eitelkeit

des Anderen ertragen in der tröstlichen Gewißheit, daß auch der

hienieden scheinbar am höchsten Stehende vor Gott dem Allwissenden und

Allgerechten keinen Deut mehr gälte als der Geringsten einer.

Der Prior, der bis zum Beginn der Messe in der Sakristei verweilt

hatte, wußte nichts von dem vorher stattgehabten Rangstreit der

beiden Grafen und ahnte daher nicht, welche besondere Bedeutung seine

Worte für die Hörer hatten. Diese sahen sich verwundert und mit dem

Ausdruck großer Genugthuung darüber an, in welcher unabsichtlich,

aber zutreffend anzüglichen Weise dem stolzen Grafen Thierstein hier

ins Gewissen geredet wurde. Er selber saß in der vordersten Reihe,

den Blick ohne mit einer Wimper zu zucken unverwandt auf den Redner

gerichtet, als ginge ihn das in dieser Spielmannspredigt Gesagte

garnichts oder doch nicht mehr als alle Übrigen an. Was sich in seinem

Inneren dabei regte, was er und die rings um ihn und hinter ihm dicht

Zusammengedrängten davon in ihren Gedanken und Gefühlen mit sich

nahmen, das wußte auch nur der Allsehende, vor dem die Herzen der

Menschen offen liegen wie ein aufgeschlagenes Buch.

Die Hohkönigsburg: Eine Fehdegeschichte aus dem Wasgau · 第 16 / 49 题