Benbow stand zu Luward. Schon das Bilden der Gefechtslinie machte
diesem Schwierigkeit, da »Defiance« und »Windsor« dem Signale nicht
folgten und der Befehl durch Boote wiederholt werden mußte. Gegen Abend
greift Benbow an, aber nach dem Wechseln einiger Breitseiten verlassen
die genannten Schiffe mittels Anluvens die Linie und das Gefecht wird
abgebrochen. Nachts nimmt Benbow die Spitze und diese Schiffe als
unmittelbare Hinterleute, bei Tagesanbruch ist jedoch nur »Ruby« bei
ihm, die übrigen sind und bleiben den Tag über (30. August) weit
zurück; trotzdem hält sich Benbow am Feinde, die Bug- und Heckgeschütze
der Gegner feuern. Am 31. vormittags kommen »Breda« und »Ruby« zum
Nahgefecht; »Ruby« wird in der Takelage so beschädigt, daß der Admiral
beidrehen und sie mit Booten aus dem Gefecht tauen muß. »Defiance« und
»Windsor« waren zwar auch in Schußweite, feuerten aber nicht. Auch am
Nachmittage fällt die ganze Last auf »Breda«, die übrigen Schiffe
schießen nur gelegentlich. Tag und Nacht weht das Signal
»Gefechtslinie«, trotzdem ist am 1. September außer »Ruby« kein Schiff
auf Position, »Greenwich« sogar 9 Seemeilen achteraus. Infolge einer
Windänderung haben die Franzosen nachmittags die Luvstellung, aber
Benbow greift doch ihr Schlußschiff an; »Prince de Frise« muß schwer
beschädigt während der Nacht aus dem Geschwaderverbande entlassen
werden. Am 2. steht Benbow wieder zu Luward; er kommt wegen zu flauen
Windes nicht an den Feind, nimmt aber eins der kleinen Fahrzeuge. Am 3.
greifen »Breda« und »Falmouth« den »Apollon« an; dem Admiral wird ein
Bein zerschmettert, doch bleibt er in einer Hängematte an Deck.
»Apollon« wird kampfunfähig, und von beiden Seiten kommen sämtliche
Schiffe heran. Aber während die Engländer nur einmal in Lee passieren,
und eine Breitseite abgeben, decken die Franzosen ihren Kameraden und
tauen ihn in Sicherheit, nachdem sie »Breda« zum Abstehen gezwungen
haben. Als nun Benbow seine Kommandanten an Bord gerufen hat, dringt
der Kapitän der »Defiance«, von den andern unterstützt, auf Abbruch des
Kampfes; der Admiral mußte nach Jamaica zurückgehen, wo er seiner Wunde
erlag. Du Casse schrieb ihm vor der Trennung: »Gestern morgen glaubte
ich, in Ihrer Kajüte zu Abend essen zu müssen. Ihre Kommandanten, diese
Feiglinge, hängen Sie auf. Sie haben es, bei Gott, verdient.« Die
Kapitäne der »Defiance« und »Greenwich« wurden auch erschossen, zwei
starben während der Untersuchung, die der »Windsor« und »Falmouth«
wurden begnadigt; nur der der »Ruby« war nicht angeklagt worden.
Du Casse brachte seine Truppen nach Cartagena und führte dann einige
Galeonen nach Europa, obgleich er bei Ouessant nochmals (März 1703) auf
eine englische Division stieß.
In den Jahren 1702/03 fanden einzelne gegenseitige Überfälle statt. Die
Franzosen versuchten 1702, mit einigen Freibeutern, wahrscheinlich in
Sold genommenen Flibustiern, von Haiti aus in Jamaica einzufallen; die
Expedition wurde durch Whetstone, der beim Kreuzen gegen Kauffahrer
zufällig auf sie stieß, vernichtet. Als eine englische Verstärkung auf
der Station eintraf, die von dem Mittelmeer abgezweigten 6 Linienschiffe
und 12 Transporter mit Truppen unter Walker (vgl. Seite 515), griff man
Guadeloupe an. Es gelang, die Besatzung in die Berge zu vertreiben, die
Stadt Basseterre mit ihren Befestigungen zu zerstören und die Insel zu
plündern. Die Truppen litten aber sehr in dem Kampfe und auch durch
Krankheit und wurden wieder eingeschifft, als eine Verstärkung von
Martinique anlangte. Zwischen den englischen Land- und Seeoffizieren soll
Uneinigkeit geherrscht haben; dies mag zutreffen, denn weshalb haben
sonst die Schiffe den Nachschub nicht gehindert, da sich nennenswerte
französische Seestreitkräfte nicht in den Gewässern befanden?
Bald darauf wurden auch die englischen Kräfte in Westindien vermindert,
und bis 1705 unternahm keine Partei etwas gegen Ansiedlungen. In diesem
Jahre brandschatzten die Franzosen von Haiti aus St. Kitts und Nevis; ein
größeres englisches Geschwader erschien und versuchte vergeblich, durch
eine Demonstration Cartagena für die Sache Karls III. zu gewinnen. In den
Jahren 1706/07 scheint der englische Handel sehr gelitten zu haben, denn
der Chef der Station wurde auf Drängen des Unterhauses abberufen und
nicht wieder verwendet. Von 1708 an haben die Engländer die
westindischen Gewässer im allgemeinen beherrscht. Sie konnten aber doch
nicht hindern, daß du Casse zweimal (1708 und 1710) die Galeonen abholte
(1708 fielen einige dem Admiral Walker in die Hände), daß 1711 von
Martinique aus Montserrat und 1712 durch Cassard, auf seinem
Freibeuterzuge, wiederum Montserrat, St. Kitts und das holländische
Surinam geplündert wurden. Die Überlieferungen über die Verhältnisse in
Westindien während dieser Jahre, auch über die Stärke der Seestreitkräfte
dort, werden selbst in englischen Quellen als ungenügend und
unzuverlässig bezeichnet.
=In Nordamerika= wurde der Krieg fast nur mit Milizen und Fahrzeugen der
Kolonien ausgefochten; reguläre Truppen und Seestreitkräfte waren auf
beiden Seiten schwach vertreten, erstere auf englischer Seite bis 1710
gar nicht. Die englischen Niederlassungen waren zwar weit stärker
bevölkert, aber die Franzosen verwandten mit Erfolg große Indianerhorden,
die schreckliche Verwüstungszüge unternahmen. 1704 und 1707 versuchten
die Engländer von Boston aus über See mit Schiffen der Kolonie, Port
Royal (jetzt Anapolis) in Akadia (Neu Schottland) zu nehmen, die
Franzosen schlugen alle Angriffe ab, ja sie bemächtigten sich nach und
nach fast des ganzen Neufundlands und vernichteten durch Flibustier
nahezu Handel und Fischerei des Gegners. Lange baten die erschöpften
englischen Kolonien ihr Mutterland vergeblich, genügend Schiffe zu
senden, um sich durch einen kräftigen Vorstoß gegen Kanada und Akadia
Luft zu verschaffen. Endlich erschien im Juli 1710 ein Geschwader unter
Kapitän Martin und mit seiner Hilfe wurde im Herbst Port Royal genommen,
doch blieb Akadia sonst in französischem Besitz. Als dann 1711 =Admiral
Walker= mit 11 Linienschiffen, 4 kleineren Fahrzeugen, 30 Transportern
und 5300 Soldaten in Boston ankam, hoffte man auf einen endgültigen
großen Erfolg: Man wollte =Quebec= durch die englische Macht von See her
und durch 4500 Mann vom Lande aus angreifen. Das Unternehmen unterblieb
aber, weil das Vorgehen der Flotte kläglich scheiterte.
Walker verließ Anfang August Boston. Seine zwei 80-Kanonenschiffe legte
er vor den Eingang zum St. Lorenz-Golf, weil er sie für zu tiefgehend
hielt und weil man von der bevorstehenden Ankunft zweier französischer
Kriegsschiffe gehört hatte. Die Flotte segelte in den Golf ein, war
aber am Abend des 31. August auf der Höhe der Insel Anticosti
gezwungen, wegen Nebels bei starkem Ostwinde beizudrehen; der Admiral
ging zu Bett, obgleich die Lotsen schon Beweise ihrer mangelhaften
Kenntnisse gegeben hatten. Um 10 Uhr abends glaubte man, über
Steuerbord-Bug liegend, Land voraus zu haben, und wendete. Ein
Landoffizier sah jetzt Brandung voraus; er drang, als man seiner
Wahrnehmung nicht traute, in die Kajüte und holte den Admiral (even in
his dressing gown and slippers) an Deck. Tatsächlich hatte man Land
dicht voraus und nur durch großes seemännisches Geschick entzogen sich
die Schiffe der gefährlichen Lage, aber doch gingen 8 Transporter mit
zwei Drittel ihrer Mannschaften (gegen 900 Mann) verloren. Der Unfall
wirkte so niederdrückend, daß nicht nur der Angriff auf Quebec, sondern
auch ein nach diesem geplanter auf Placentia (Neufundland) aufgegeben
wurde. Allerdings war die Flotte auch nur noch mit Proviant auf einige
Wochen versehen; sie ging nach England zurück.
Trotzdem wurden im Frieden von Utrecht Neufundland und Akadia von
Frankreich an England abgetreten.
=In anderen Kolonien= waren nur der Zug Trouins gegen Rio und der
Cassards gegen die Capverden von Bedeutung.
$Schlußbetrachtungen.$ In Hinsicht auf =die Streitmittel= sind nur zwei
Punkte noch einmal zu berühren. Colomb führt in seinen Betrachtungen »The
conditions under which attacks on territory from the sea succeed or fail«
die Ereignisse dieses Krieges als Beispiele der Notwendigkeit einer
unbedingten augenblicklichen Seeherrschaft für derartige Angriffe an, er
weist gleichfalls auf die Wichtigkeit einer dauernden für erfolgreichen
Schutz des Handels hin. Den Grund, daß im Spanischen Erbfolgekriege die
zur See stärkere Partei in beiden Hinsichten ihren Zweck nicht völlig
erreicht habe, sieht er darin, daß strikte Blockaden nie durchgeführt,
nicht einmal versucht sind; er sagt: »The practice, perhaps even the
idea, of barring the enemy in his ports, and so preserving a free sea in
rear, is not yet developed.« Dies ist wohl richtig; man dachte noch nicht
daran und war auch nicht imstande dazu. Wie zu Lande, so wurde auch zur
See der Krieg im Winter abgebrochen; es kam hinzu, daß man den Schiffen
noch nicht genügend traute, und es handelte sich ja auch um stürmische
Gewässer: Kanal, Biscaya, Golf von Lyon; aus dem Mittelmeer zog man sogar
die Schiffe so früh zurück, daß sie vor Einsetzen der schlechten
Jahreszeit in den Kanal einlaufen konnten. So wurde also im Winter die
Behauptung der See aufgegeben. Aber auch im Sommer war man häufig dazu
genötigt, sehr oft wurden Operationen (auf seiten beider Gegner) infolge
schlechter oder ungenügender Ausrüstung der Schiffe, oder Krankheit an
Bord, abgebrochen. Bei den auswärtigen Gewässern, Mittelmeer, Westindien
und Nordamerika, machte sich in dieser Hinsicht der Mangel an
Stützpunkten fühlbar; den Verbündeten standen zwar die portugiesischen
Häfen sowie später Gibraltar zur Verfügung, aber diese Plätze lagen zu
entfernt vom Wirkungsfelde der Flotte und es fehlte ihnen an
leistungsfähigen Werften usw.; sie waren deshalb nicht einmal zum
Überwintern größerer Flotten geeignet. Unter solchen Umständen waren
scharfe Blockaden ausgeschlossen.
Es ist jetzt schwer zu beurteilen, inwieweit die Besorgnis vor
ungenügender Seefähigkeit der Schiffe berechtigt war oder nur alter
Anschauung entsprang, und inwieweit die sonstigen Mängel des Materials
in den allgemeinen Verhältnissen jener Zeit lagen oder Schuld der
Verwaltungen waren. Klagen in Quellen über alle drei Marinen lassen
mehr auf schlechte Verwaltung schließen; in Frankreich und Holland
gingen die Marinen abwärts, aber auch in England war nicht alles, wie
es sein sollte.
Ein zweiter bemerkenswerter Punkt ist =das Verhältnis der englischen und
holländischen Marine zueinander=. Schon im vorigen Kriege klagten die
holländischen Seeoffiziere über das hochmütige und rücksichtslose
Auftreten der englischen, selbst in dienstlichen Angelegenheiten. Diese
Klagen nahmen nach dem Tode Wilhelms III. noch zu: Im Kriegsrat würde
nichts auf ihre Ansicht gegeben (Almonde 1703), von wichtigen Vorhaben
würde ihnen keine Mitteilung gemacht u. dgl.; sehr zum Nachteil der
allgemeinen Sache. Dies ist wieder ein Faktor der Schwäche von
Bündnissen, von der wir früher (Seite 356) gesprochen haben. Der Grund
lag darin, daß England die holländische Marine nicht mehr als
gleichwertig ansah. Damit kommen wir auf die von England erhobene Klage,
Holland habe seine Verpflichtungen nicht erfüllt, es habe es in den
ersten sieben Jahren an der Hälfte, später sogar an zwei Dritteln der
zugesicherten Schiffe fehlen lassen. Mit diesem Umstand begründete
England bei den Friedensverhandlungen seinen Anspruch auf Einheimsung
fast aller maritimen Vorteile. Diese Klage scheint bislang überall, außer
wohl in Holland, als berechtigt angenommen zu sein, wenigstens wird nicht
näher auf eine Prüfung eingegangen. Unparteiisch betrachtet, glaube ich,
stellt sich die Sache so, daß Holland allerdings hinter den Abmachungen
zurückgeblieben ist, jedoch nicht in dem von England behaupteten Umfange.
Im Februar 1712 klagte das Haus der Gemeinen in einer Adresse an den
Thron: »Während des ganzen Krieges mußten jährlich große Flotten
ausgerüstet werden, um die Herrschaft im Mittelmeer aufrecht zu
erhalten und um jeder Streitmacht, die der Gegner in den nördlichen
Gewässern aufzustellen beabsichtigte, entgegentreten zu können. Holland
ist stets im Rückstande geblieben, so daß Ew. Majestät genötigt waren,
diesen Ausfall zu decken; unsere Schiffe mußten zum großen Schaden des
Materials zu ungünstigen Jahreszeiten in entfernten Gewässern
verweilen. Dies führte ferner zur Beschränkung des Convoischutzes; es
war nicht möglich, dem Feinde den Verkehr mit Westindien zu
unterbinden, von wo ihm die starke Zufuhr an Silber ermöglicht wurde,
ohne die er die Lasten des Krieges nicht hätte tragen können.« Der
Eingabe war eine Tabelle über die von Holland »zu stellenden« und
»gestellten« Schiffe beigefügt. Die Generalstaaten erhoben hiergegen
Widerspruch und führten ganz andere Zahlen auf. Stellen wir nun die
Angaben gegenüber; es handelt sich nur um Linienschiffe.
Englische Angaben Holländ. Angabe Nach de Jonge
--------------+-----------
Es waren zu Es sind Es sind gestellt waren im Dienst
stellen gestellt
1702 44 33 55 35
1703 47 22 50 34
1704 44 18 56 35
1705 47 20 56 35
1706 46 15 54 30
1707 43 27 49 32
1708 43 25 53 31
1709 42 11 50 30
1710 37 13 43 21
1711 35 12 40 13[277]
[277] und viele Linienschiffe zur Begleitung von Convois.
Die Generalstaaten behaupteten nun, die Zahlen in Reihe 1 seien zu
hoch; sie seien berechnet nach dem Verhältnis einer gemeinsamen Rüstung
wie 3: 5, während 1703 vereinbart sei, daß für jedes Jahr die Anzahl
festgestellt werden solle, und diese Zahlen habe man erfüllt. Die
Zahlen in Reihe 2 seien zu niedrig gegriffen, man habe die in den
nördlichen Gewässern befindlichen holländischen Schiffe nicht
mitgerechnet.
Nun würde aber noch der große Unterschied zwischen der Angabe der
holländischen Admiralitäten (Reihe 3) und de Jonges (Reihe 4) zu
ergründen sein. De Jonge erklärt ihn damit, daß die Admiralitäten die
großen Convoijer (über 40 Kanonen) eingerechnet und allerdings auch
damit, daß sie Schiffe mitgezählt hätten, deren Indienststellung
beschlossen, aber wegen Geldmangels nicht ausgeführt sei. Vielleicht
liegt ein Unterschied auch darin, daß de Jonge (und ebenso England) die
Schiffe unter 50 Kanonen nicht als Linienschiffe berechnet hat, während
die Admiralitäten alle über 40 Kanonen als solche zählten. De Jonge
erkennt die Berechtigung der englischen Klage nur insoweit an, als sie
die Beteiligung Hollands an der Mittelmeerflotte anging; hier hätten
stets einige Schiffe gefehlt. Es ist zweifelhaft, ob man die großen
Convoijers mitzählen durfte, doch sollte man glauben, daß England in
Hinsicht auf seine Leistungen, und somit auf Berechnung des
Verhältnisses, sich gleichfalls die Linienschiffe angerechnet hat, die
im Convoidienst verwendet wurden.
Die Zahlen der Reihe 1 sind von England als im Verhältnis 3: 5 der
englischen Indienststellungen berechnet und als solche von Holland
nicht angefochten worden. Man kann aus ihnen mithin schließen, daß
England durchschnittlich 70-80 Linienschiffe jährlich im Dienst hatte,
wie wir es bei Besprechung der Streitmittel (Seite 505) angenommen
haben.
In Hinsicht auf die =Entwicklung der Taktik= ist nur noch einmal
hervorzuheben, daß die Schlacht bei Malaga, die einzige dieses Krieges,
als die erste einer Zeit gilt, in der mehr Wert auf Aufrechterhaltung der
Gesamtformation in Linie als auf taktische Manöver gelegt wird. Zur Zeit
Tourvilles war eine Taktik ausgebildet und wurde angewandt, jetzt wird
sie besonders von den Engländern nur schematisch durchgeführt.[278]
[278] Vgl. die Auslassungen über Taktik vor Schilderung der Schlacht
von Malaga (Seite 531/532), ferner Seite 474 sowie in der
»Einführung in den Abschnitt« (Seite 184).
$Über die Strategie$ in diesem Kriege; die Aufgaben der Seestreitkräfte,
und wie sie diese lösten. Wenn wir auch bei der Schilderung der
Ereignisse schon näher auf diese Punkte eingegangen sind als bei den
früheren Kriegen, so ist es doch wünschenswert, durch einen Überblick
nochmals zu zeigen, welchen Einfluß die Kriegführung zur See gehabt hat
oder hätte haben können; gerade dieser Krieg ist lehrreich.
Ein neuerer englischer Autor[279] sagt: »Für die höhere Seestrategie
ist kein Krieg lehrreicher als der Spanische Erbfolgekrieg; in vielen
Hinsichten gleichen die damaligen Verhältnisse den jetzigen. Der Krieg
wurde geführt gegen das gefahrdrohende Übergewicht eines ehrgeizigen
und mächtigen Militärstaates, es war ferner ein Krieg für die Freiheit
des Handels und England verfügte durch seine Marine über ein
Kampfmittel, das kein Festlandsstaat in gleicher Stärke besaß. Ludwig
XIV. war durch die Wiederherstellung seines Heeres nach dem letzten
Kriege so in Anspruch genommen, daß er seine Marine vernachlässigen
mußte, während sich anderseits in England die Abneigung gegen ein
stehendes Heer, die die Landmacht Wilhelms III. schwächte, nicht auf
die Marine erstreckte; diese blieb in ihrer bisherigen Kraft erhalten.«
[279] Corbett, Teil II, Seite 200; hier frei übersetzt wiedergegeben.
$Frankreichs Kriegführung.$ Wie im Jahre 1688, so standen auch 1702 die
beiden Seemächte verbündet Frankreich gegenüber, weit überlegen, weil sie
etwa 200 Schiffe und Frankreich nur 135 über 40 Kanonen besaßen. Die
Aufgabe der französischen Marine war aber größer als im vorigen Kriege,
sie hatte neben dem Schutz der eigenen Küsten und Kolonien, sowie des
eigenen Handels auch die Interessen Spaniens hierin wahrzunehmen, dessen
Marine gar nicht in Betracht kam.
Im vorigen Kriege hatte Frankreich, vertrauend auf die Leistungsfähigkeit
der eigenen Flotte sowie auf eine für sich günstige Lage der Verhältnisse
in England, den Versuch gemacht, um die Seeherrschaft in großem Sinne zu
kämpfen; er war fehlgeschlagen. Jetzt war ein solcher Kampf in den
nördlichen Gewässern, in unmittelbarer Nähe der feindlichen Länder, mit
unterlegenen Streitkräften, die außerdem an innerem Wert verloren hatten
und in zwei weitgetrennte Kontingente geteilt waren, völlig aussichtslos.
Es war mithin richtig, daß Frankreich sich im Norden auf den Küstenschutz
und den kleinen Krieg beschränkte und sich die Aufgabe stellte, gestützt
auf Spanien das Mittelmeer zu halten. Dieses Meer mußte der
Hauptkriegsschauplatz zur See werden. Wir wissen, daß in den
Verwicklungen, die zum Kriege führten, für die Seemächte die Frage eine
Hauptrolle spielte, ob die Stellung des Hauses Habsburg oder Bourbon hier
an Kraft gewinne, und daß sie die italienischen Provinzen des spanischen
Erbes für Habsburg erobern wollten. Im Mittelmeer konnte also die Flotte
der Verbündeten mit mehr Aussicht auf Erfolg in den Landkrieg eingreifen
als im Norden, anderseits waren die französischen Seestreitkräfte hier
eher imstande, den feindlichen die Stirne zu bieten, weil diese keine
Stützpunkte besaßen, bei Ausbruch des Krieges nicht einmal die
portugiesischen Häfen. So strebte Frankreich danach, seine Hauptkraft im
Süden zusammenzuziehen und von den nördlichen Häfen aus neben
Küstenschutz und kleinem Kriege nur die westindischen Kolonien und den
Handel von dort, insbesondere die wichtigen Silberflotten, zu schützen.
Diese richtige Strategie wurde aber nicht stetig und nie tatkräftig genug
durchgeführt.
Vor Ausbruch des Krieges mit den Seemächten, 1701, wurden zwei größere
Flotten ausgesandt. Die eine (Château-Renault; von Brest) ging nach
Portugal, um dieses Land Frankreich treu zu erhalten, die andere
(d'Estrées; von Toulon und von Brest verstärkt) nach Cadiz, gegen das
die Verbündeten schon rüsteten. Beide vereint waren dem Gegner
gewachsen, wenn er erschienen wäre; es war also für dieses Jahr
zweckentsprechend verfügt worden. Renault ging später nach Westindien
und führte im nächsten Jahre die Galeonen trotz der Anwesenheit zweier
feindlicher Flotten an den europäischen Küsten nach Vigo; d'Estrées
brachte spanische Truppen nach Neapel.
Im Jahre 1702 wurde keine größere Flotte zusammengezogen, obgleich in
Brest und Toulon stark gerüstet war. Nichts geschah, als die
Verbündeten gegen Cadiz vorgingen und später die Silberflotte in Vigo
vernichteten. Die Folge dieser Untätigkeit war der Beitritt Portugals
zu den Gegnern. Nur ein Geschwader von Brest (du Casse) segelte nach
Westindien; und eine Flottille von Toulon (Forbin) bedrohte in der
Adria die rückwärtigen Verbindungen der Österreicher in Italien. Auch
1703 verlief tatenlos. Man hatte beabsichtigt, Portugal zu züchtigen,
gab aber die Rüstung hierzu auf, als man mit Erscheinen einer
feindlichen Flotte rechnen mußte. So war eine verhältnismäßig schwache
Kraft der Verbündeten (Shovel) Herrin im Mittelmeer, und ihr Auftreten
trug zu Savoyens Abfall von Frankreich bei.
Als mit der Aufnahme des Krieges in Spanien seitens der Seemächte die
Herrschaft im Mittelmeer 1704 noch weit wichtiger wurde, machte man
endlich größere Anstrengungen. Es gelang, die Schiffe von Brest nach
Toulon zu führen und hier eine große Flotte (Graf von Toulouse) zu
vereinigen. Sie war aber zu spät bereit, um die Einnahme Gibraltars zu
hindern, und ging nach der unentschiedenen Schlacht bei Malaga auf
Toulon zurück; ein zurückgelassener Teil (de Pointis) wurde bei dem
Versuche, Gibraltar wieder zu nehmen, vernichtet. 1705 fand trotz der
Rüstungen im Norden und Süden keine Vereinigung statt, und von Toulon
aus wurde kein Versuch gemacht, die allerdings überlegene feindliche
Flotte in ihren erfolgreichen Unternehmungen an der spanischen Küste zu
hindern. 1706 erschien Graf Toulouse vor Barcelona, zog sich aber beim
Nahen des Feindes zurück, und als 1707 Toulon angegriffen wurde,
rechnete man gar nicht mit der Flotte, sondern versenkte die Schiffe zu
ihrem eigenen Schutze.
In den letzten Jahren des Krieges wurden keine Kräfte für den großen
Krieg mehr aufgestellt, der Kampf um die Seeherrschaft war aufgegeben
worden.
Diese schwächliche Kriegführung ist nur mit dem Verfall der Marine, mit
dem dadurch stets weiter wachsenden Mangel an Zutrauen zu dieser Waffe
und mit dem Fehlen des Verständnisses für Art und Wichtigkeit der
Kriegführung zur See zu erklären. Man pflegte die Marine nicht mehr, man
verwandte sie auch falsch. Denn wenn auch die eingerissene Mißwirtschaft
und der Geldmangel die Rüstungen lähmten, so hätte doch mehr geleistet
werden können.
So sagt Bonfils z. B. von dem Jahre 1702: »Der schwere Verlust, den
Frankreich und Spanien durch die Vernichtung der Silberflotte mit ihrer
Bedeckung erlitten, war eine Folge davon, daß man die vorhandenen
Kräfte nicht zu einer Flotte zusammenzog. Untätig lagen die Geschwader
in den verschiedenen Häfen und verursachten doch die gleichen Kosten.«
Dies bleibt für die ganze erste Hälfte des Krieges zutreffend. Am
unverständlichsten ist das Verhalten der Flotte 1704. Bei Malaga waren
die Franzosen dem Gegner gewachsen, die Verhältnisse lagen nach der
unentschiedenen Schlacht für sie günstiger als für die Verbündeten;
schwächlich brachen sie den Feldzug des Jahres ab. Hatten sie mehr
gelitten, als man weiß? Glaubten sie mit »dem Verjagen des Feindes aus
dem Mittelmeer (?)« (wie sie sich rühmten) ihre Pflicht getan zu haben?
Waren dem Grafen Toulouse die Hände gebunden, um nicht zu viel aufs
Spiel zu setzen, oder gar aus Gründen der Eifersucht und aus bösem
Willen Pontchartrins ihm gegenüber?
$Die Kriegführung der Verbündeten.$ Wie schon angedeutet, waren die
Verbündeten auf eine Offensive $im Mittelmeer$ hingewiesen; im vorigen
Kriege hatten die Vorstöße gegen die französischen Küsten nicht einmal
ein Abziehen bemerkenswerter Streitkräfte von den Kriegsschauplätzen an
den Grenzen erzielt. Im Norden konnte man sich darauf beschränken, den
eigenen Handel zu schützen, Frankreich von der See abzuschließen und
seine Streitkräfte in Häfen festzuhalten. Im Süden war es möglich, in den
Landkrieg in Norditalien einzugreifen, Süditalien für den Kaiser zu
erobern, Frankreich auch hier abzuschließen und somit ganz zu vereinzeln,
sowie endlich den spanischen Handel mit Westindien und Südamerika zu
bedrohen.
Wilhelm III. und nach ihm Marlborough sowie Heinsius strebten deshalb von
Anfang an dahin, die Haupttätigkeit der Flotte nach dem Süden zu legen
und vor allem zur leichteren Lösung der Aufgaben Stützpunkte an der
Straße und im Mittelmeer selber zu gewinnen; England hatte wohl sicher
die Absicht, diese dauernd zu behalten. Marlboroughs Partei und Heinsius
fanden aber in ihren Ländern wenig Verständnis für ihre Pläne und starken
Widerstand bei deren Durchführung. In den Niederlanden war keine Neigung
zu einem Kriege in fernen Gewässern, man wollte lieber die Streitkräfte
zum Schutz des Handels und der Küsten in der Nähe behalten, man glaubte
auch, daß dies von günstigem Einfluß auf den Landkrieg an den Grenzen
sein würde; in England huldigte eine starke Partei, darunter hohe
Seeoffiziere wie Rooke und Shovel, der alten Defensivstrategie und
scheute sich, die schweren Schiffe länger im Jahre im Süden zu belassen,
als gelegentliche Offensivstöße erforderten. Die Folge dieses, oft nur
passiven Widerstandes (z. B. von seiten Rookes) war, daß in den ersten
Jahren die Operationen meistens verzögert -- mangelhafte Zustände in den
Marinen traten hinzu -- und dann ohne die nötige Tatkraft durchgeführt
wurden. Sie hätten auch mit größeren Kräften unternommen werden müssen
und unternommen werden können, aber stets nur die Hälfte der
Seestreitkräfte wurde darangesetzt. Den Rest hielt man für die Aufgaben
im Norden zurück, ohne diese ganz zu lösen; hierzu hätten auch geringere
Kräfte genügt, ein mächtigeres Auftreten im Mittelmeer wäre aber für den
Verlauf des Krieges sicher von größerem Einfluß gewesen.
1701 wurde schon im April eine starke Flotte (Rooke) aufgestellt; sie
sollte nach Spanien gehen, um einen Druck auf die noch schwebenden
Verhandlungen auszuüben, oder bei Ausbruch des Krieges sofort Cadiz
anzugreifen. Erst im August ging sie in See und nur zur Beobachtung von
Brest; sie kam zu spät, um Château-Renaults Abgang nach Westindien zu
hindern, und zweigte ein Geschwader (Benbow) zur Verstärkung dieser
Station ab.
1702 lief im Mai ein kleines Geschwader aus, um die nach Westindien
bestimmte Division du Casse abzufangen; dies mißlang infolge der
Unentschlossenheit des Führers (Munden). Die für den Süden bestimmte
große Flotte war erst im Juni seeklar (Rooke; Landungstruppen unter
Ormond, auch ein Gegner Marlboroughs). Sie sollte einen spanischen
Hafen nehmen und als Stützpunkt festhalten. Später trat der Befehl
hinzu, der erwarteten Silberflotte (Château-Renault) die spanischen
Küsten zu sperren; der Flotte im Kanal (Shovel) war der gleiche Auftrag
hinsichtlich der französischen Küsten gegeben. Ende August wurde Cadiz
angegriffen, wegen Lauheit und Uneinigkeit der Führer ohne Erfolg. Zu
weiteren Unternehmungen war Rooke nicht zu bewegen, und auch nur
zögernd benutzte er auf der Rückreise die günstige Gelegenheit, die
Silberflotte in Vigo anzugreifen. Er hatte nun allerdings ungeheuern
Erfolg und gewann durch diesen noch Portugal mit seinen Häfen für die
Seemächte, aber er ging weder auf den Vorschlag des Prinzen von Hessen
ein, in Vigo einen Stützpunkt zu schaffen und einen Teil der Flotte zu
belassen, noch auf den des Gesandten Methuen, die schweren Schiffe in
Lissabon zu überwintern, obgleich er in beiden Fällen den Absichten
seiner Regierung entsprochen hätte.
1703 sollte Süditalien für den Kaiser erobert werden. Der Plan wurde
aufgegeben, weil die Schiffe im Vorjahre zu spät heimgekommen waren und
weil Österreich keine Truppen stellen konnte. Die Hauptflotte blieb
tatenlos im Kanal, nur eine kleinere (Shovel) ging erst spät im Sommer
ins Mittelmeer mit recht allgemein gehaltenen Befehlen. Diese unternahm
denn auch nichts von Bedeutung, ihr einziger Erfolg war, daß Savoyen
den Verbündeten beitrat.
So wurde in den ersten drei Jahren in Hinsicht auf den großen Kriegsplan
nichts erreicht; die Seestreitkräfte nutzten der allgemeinen Sache nur
durch den Erfolg bei Vigo und durch den Druck auf Portugal und Savoyen,
daneben schützten sie den Handel und sorgten so dafür, daß der Strom der
Hilfsgelder, von denen der Landkrieg abhing, keine ernste Unterbrechung
erlitt.
Im Jahre 1704 trat der Seekrieg in einen zweiten Abschnitt. Mit der
Aufnahme des Landkrieges in Spanien war man gezwungen, tatkräftiger
vorzugehen, auch schien Ludwig XIV. ernstlicher um das Mittelmeer und
schon am Eingang in dieses kämpfen zu wollen. Frankreichs Lage war
schwieriger geworden: Ein neuer Kriegsschauplatz, weit entfernt von den
anderen, war hinzugekommen; seine Stellung war durch den Abfall Savoyens
an der italienischen Grenze stark bedroht; die feindliche Seemacht hatte
hier und in Spanien noch günstigere Gelegenheit zum Eingreifen erhalten.
Diese Änderung der Lage bestärkte Marlborough in seinem stets gehegten
Plane, Frankreich zu Lande und zur See in der Provence anzugreifen und
Toulon zu nehmen, so die lange französische Linie zu durchbrechen und mit
einem Schlage die Frage der Herrschaft im Mittelmeer zu lösen. Wenn der
Plan durchgeführt wäre, so würde damit wohl der Krieg entschieden sein.
Marlborough ließ ihn nicht mehr aus dem Auge, und Prinz Eugen sowie
Heinsius -- der tüchtigste Feldherr, sowie die beiden weitestblickenden
Staatsmänner auf seiten der Verbündeten neben Marlborough -- waren seiner
Ansicht, aber es gelang nicht, die allgemeine Zustimmung in Holland und
die tatkräftige Mitwirkung Österreichs und Savoyens zu gewinnen.
Sonderinteressen trübten deren Blick; wieder ein Beweis der Schwäche von
Bündnissen. So wurde der Krieg zwar kräftiger geführt, aber man nützte
die Seestreitkräfte doch nicht voll aus und verwandte sie nicht immer
richtig.
1704 sollte die Mittelmeerflotte zur Eroberung Spaniens von der
Ostküste her mitwirken und sich bereithalten, Österreich und Savoyen zu
unterstützen, wenn die Franzosen einen Vorstoß gegen Nizza machen
würden. Ein geheimer Zusatz zum Befehl wies sogar schon auf ein
gemeinsames Unternehmen gegen Toulon hin und stellte diese defensiven
und offensiven Operationen an der italienischen Küste denen an der
spanischen überhaupt voran. Rooke machte im Mai den wegen Mangels an
Truppen vergeblichen Versuch, Barcelona zu nehmen; er durfte sich wegen
der Aufgaben in Italien und wegen der Möglichkeit des Erscheinens
französischer Seestreitkräfte von Toulon und Brest nicht zu sehr
engagieren. Zu einem Eingreifen in Italien kam es nicht, da einerseits
Frankreich den Angriff auf Nizza aufgegeben hatte und anderseits
Österreich und Savoyen weder stark genug noch gewillt zur Offensive
waren. Der Versuch, die französische Brestflotte (Graf Toulouse), die
das englische Kanalgeschwader (Shovel) nicht hatte festhalten können,
vor Toulon abzufangen, mißlang gleichfalls. Rooke vereinigte sich
später mit Shovel und nahm Gibraltar. Von weiteren Unternehmungen sah
er der vorgerückten Jahreszeit halber ab, er hielt sich nur bereit,
Gibraltar gegen die vereinigte französische Flotte zu decken; es kam
zur Schlacht bei Malaga. Rooke ging dann heim, jedoch blieb zum ersten
Male ein Wintergeschwader in Lissabon (Leake). Es war nur schwach, aber
doch imstande, trotz einer französischen Division (de Pointis) in
Cadiz, während des Winters das belagerte Gibraltar durch Zufuhren zu
unterstützen und, selber verstärkt, im Frühjahr die genannte Division
zu vernichten, sowie die Belagerung aufzuheben.
1705 griffen die Verbündeten Spanien von Portugal und von der Ostküste
(jetzt auch von hier mit einem Heere) aus an. Mit Hilfe einer starken
Flotte (Shovel) wurden Barcelona genommen und die Provinzen Katalonien,
Aragonien sowie Valencia erobert. Marlboroughs Plan gegen Toulon fand
noch keinen Anklang; die Admirale forderten dazu einen Stützpunkt im
Mittelmeer, Österreich legte größeren Wert auf den Krieg in Spanien. Da
aber während des Winters wieder nur ein schwaches Geschwader (Leake) in
Lissabon blieb, warfen die französisch-spanischen Heere den König Karl
auf Barcelona zurück, und die französische Flotte (Graf Toulouse)
unterstützte die Belagerung dieser Stadt. In der höchsten Not erschien
Leake, nach und nach zu einer starken Flotte verstärkt, zum Entsatz.
Die Flotte nahm später Ibiza und Mallorca; weshalb Port Mahon, der
günstigste Platz als Stützpunkt, nicht angegriffen wurde, ist nicht
klar zu ersehen. Als sich darauf die Kriegslage aufs neue ungünstig für
König Karl gestaltete, wurde 1707 schon im Januar die große Flotte
(Shovel) zusammengezogen, sie konnte aber nur die Trümmer des bei
Almanza geschlagenen Heeres retten.
Trotz der üblen Lage in Spanien wurde 1707 der Plan Marlboroughs
endlich ins Werk gesetzt, aber nicht in seinem ganzen Umfange
durchgeführt: der so wichtige gleichzeitige Vorstoß in den Niederlanden
unterblieb, weil er Holland zu gewagt erschien; dem Prinzen Eugen in
Norditalien wurden Truppen entzogen, um das Königreich Neapel zu
erobern; Savoyen war lau. So schlug der Angriff auf Toulon fehl, aber
die französische Flotte konnte infolge des Versenkens der Schiffe
nichts mehr leisten und Frankreich gab das Mittelmeer auf. Selbst das
Wintergeschwader der Verbündeten beherrschte jetzt die See zugunsten
des spanischen Krieges; die Sommerflotte 1708 (Leake) konnte schwächer
sein als bisher, sie unterwarf trotzdem Sardinien und nahm jetzt
endlich auch Port Mahon.
So wurden allerdings mit der Einnahme von Gibraltar und Barcelona, sowie
durch die Beherrschung des Mittelmeeres große Erfolge erzielt. Aber die
Seeherrschaft wurde in den ersten Jahren im Winter stets aufgegeben, und
die errungenen Vorteile im Landkriege gingen dann größtenteils wieder
verloren, weil das Meer für Frankreich wieder offen stand; man mußte,
sozusagen, im nächsten Jahre von vorn anfangen. Es wäre richtiger
gewesen, nach der Einnahme von Gibraltar zunächst selbst ohne Rücksicht
auf den Krieg in Spanien einen Stützpunkt im Mittelmeer zu gewinnen.
Daß der große Plan Marlboroughs im allgemeinen, der Angriff auf Toulon im
besonderen scheiterte, war mehr die Folge anderer Umstände als eines
Fehlers der Strategie zur See. Wie richtig dieser Plan war, zeigt selbst
der Mißerfolg: Die französische Flotte hatte so gelitten, das Vertrauen
auf sie war so erschüttert, daß Frankreich das Mittelmeer aufgab. Nun
wurde es den Verbündeten leicht, die See auch im Winter zu beherrschen,
besonders nachdem Port Mahon genommen war. Es ist zu verwundern, daß
Marlborough nicht nachdrücklicher auf die rechtzeitige Schaffung eines
Stützpunktes vor der französischen Küste hingearbeitet hat, das
Unternehmen gegen Toulon würde dadurch gleichfalls an Kraft gewonnen
haben; er hat stets darauf hingewiesen, aber die Verwendung der
Landstreitkräfte lag ihm wohl näher, wenn er auch während des ganzen
Krieges die Macht der Seestreitkräfte hoch einschätzte.
Im Jahre 1709 trat die Kriegführung zur See im Mittelmeer in einen
dritten Abschnitt. Die Flotte der Verbündeten hatte nur noch die Aufgabe,
Frankreich vom Meere abzuschließen und für König Karl die Verbindung mit
seinen Besitzungen in Süditalien und seinen Hilfsquellen in Norditalien
aufrecht zu erhalten. Großes wurde nicht mehr geplant, weil Marlboroughs
Einfluß schwand. Frankreich ganz abzuschließen gelang nicht, doch wurde
sein Versuch, eine Erhebung in Sardinien zu unterstützen, verhindert. Der
Seekrieg erlahmte immer mehr; Holland war erschöpft, England zum Frieden
geneigt. Als 1711 König Karl deutscher Kaiser geworden war, wurde seine
Sache in Spanien von England nicht mehr unterstützt und 1712 auch von
Holland aufgegeben.
Die $Kriegführung der Verbündeten Im Norden$, wo in fast allen Jahren
etwa die Hälfte ihrer Seestreitkräfte tätig war, beschränkte sich
erfolgreich nur auf den kleinen Krieg. Das einzige für 1706 geplante
Unternehmen, eine Landung an Frankreichs Westküste, ließ man fallen; die
Aufgabe, die französischen Geschwader, die nach dem Mittelmeer oder nach
Westindien bestimmt waren, festzuhalten, wurde nicht gelöst. Aber selbst
im kleinen Kriege hätte man bei der Stärke der Verbündeten größere
Erfolge erzielen können. Der französische Handel wurde zwar schwer
geschädigt und nach und nach ganz lahm gelegt, doch auch der eigene
Verlust war groß. Es spricht dies für die Tatkraft und Geschicklichkeit,
mit denen die Franzosen den Kreuzer- und Freibeuterkrieg führten; man muß
dabei allerdings die günstige Lage der Ausgangshäfen -- Dünkirchen, St.
Malo, Brest -- zu den Wegen des englisch-holländischen Handels, die Größe
dieses, sowie die Schwierigkeit einer scharfen Durchführung der Blockade
seitens der Verbündeten mit derzeitigen Segelschiffen in Betracht ziehen.
Die Maßnahmen Hollands zum Schutze des Handels sind genau bekannt: Ein
Geschwader an der flämischen Küste; ein zweites in der Nordsee; ein
drittes zum Geleiten der ostindischen Convois durch dieses Meer; eine
große Zahl Convoijers zur ständigen Begleitung der Handelsschiffe. Der
Angriff auf den französischen Handel lag hauptsächlich in den Händen
zahlreicher Freibeuter. Über die Maßnahmen Englands liegen keine
genauen Angaben vor. Aus Andeutungen ist zu entnehmen, daß man viele
Kreuzer in See hatte, daß man die Handelsconvois sowie die
Militärtransporte nach Spanien durch Kriegsschiffe deckte und zur
Blockade der feindlichen Häfen sowie zum Abfangen größerer Convois
Geschwader aufstellte oder von der Hauptflotte abzweigte. Die Bedeckung
der Convois scheint aber öfters nicht stark genug gewesen zu sein,
nicht einmal den hauptsächlich aus Freibeutern bestehenden
französischen Divisionen gewachsen; ähnlich wie im vorigen Kriege
scheint man ohne Grund die Streitkräfte zu sehr zusammengehalten zu
haben. Man hätte wohl mehr für den Handelsschutz tun können und tun
müssen; Englands Aufgabe in dieser Hinsicht war, der langen Küste
Frankreichs gegenüber, größer und schwieriger als die Hollands.
$Die Ereignisse in den Kolonien$ zeigen immer noch den Charakter des
kleinen Krieges, wenn sie auch in diesem Kriege bedeutender als im
vorigen sind (vergl. Seite 481, unten); nur Trouins Zug gegen Rio war von
Einfluß auf den Krieg. Die Überlegenheit der Verbündeten tritt auch hier
nicht so hervor, wie man hätte erwarten können; oft schädigen die
Franzosen Handel und Niederlassungen schwer. Es wurden nicht dauernd
genügende Kräfte draußen gehalten, um die Seeherrschaft zu wahren, oft
mußten erst die geschädigten Kreise -- Kolonisten, Kaufleute, Rheder --
den Anstoß zur Entfaltung größerer Tatkraft geben.
Wenn man die Kriegführung zur See auf französischer Seite falsch und
schwächlich nennen kann, so muß man doch auch sagen, daß die Verbündeten
von ihrer ungeheuren Macht einen durchgreifenderen Gebrauch hätten machen
können, insbesondere die Engländer, deren Marine während des Krieges eher
stärker als schwächer wurde. So sagt auch Clowes mit Beziehung auf die
englische Marine: »Der Krieg weist keine großen oder gar glänzenden
Erfolge auf; man kann den Operationen der Flotte keine große Genialität
zusprechen, der Organisation und dem Auftreten der Seestreitkräfte kein
Lob spenden. The country merely stuck to its work and hammered away,
often blunderingly and stupidly until the end. The day of its (der
Marine) most brillant performances were still before it.«
Die Ergebnisse des Krieges für die Teilnehmer.
Die Bedingungen des Friedens von Utrecht sind im allgemeinen schon
angeführt (Seite 496); es ist auch gesagt, daß England am meisten
erreichte und im gesicherten Besitz der Vormachtstellung zur See aus dem
Kriege hervorging. Eine nähere Betrachtung der Ergebnisse für die
verschiedenen Teilnehmer wird dies veranschaulichen.
=Frankreich= hatte zwar dadurch, daß das Haus Bourbon auf Spaniens Thron
kam, an Stelle eines Feindes einen Freund im Rücken erhalten, es hatte
aber wichtige Stellungen an seiner Nordostgrenze verloren, mußte das
günstig gelegene Dünkirchen als Kriegshafen aufgeben, und mit den ersten
Abtretungen in Nordamerika war der gänzliche Verlust der Besitzungen dort
eingeleitet. Durch den Krieg waren seine Seestreitkräfte erschöpft, seine
Bevölkerung verarmt, seine Finanzen zugrunde gerichtet.
=Spanien= verlor seine Niederlande, Mailand, Sardinien und Neapel an
Österreich, Sicilien an Savoyen, Gibraltar und Minorca an England, also
einen großen Landbesitz, der fast durchgängig wichtig in maritimer
Hinsicht war. Nur seine Kolonien blieben ihm erhalten, die nach dem
ersten Kriegsplane der Verbündeten auch in Gefahr gewesen waren, und es
war wohl ein Vorteil, daß das Land mit einem lebenskräftigen Volke wie
Frankreich in engere Verbindung gebracht wurde.
=Österreich= hatte großen Landzuwachs erhalten, doch fehlte ihm Sicilien,
an dem ihm mehr als an Sardinien lag; bald folgten auch Verhandlungen
über einen Austausch. Immerhin erlangte es die gewünschte Stellung am
Mittelmeer und hätte sich hier zu einer Seemacht entwickeln können.
Für =Holland= hatte es Bedeutung, daß die spanischen Niederlande vor
Frankreich gerettet und an Österreich gefallen waren; sein alter Wunsch
war erfüllt, hier sicherer vor Frankreichs Angriffen dazustehen. Aber war
dieser einzige Erfolg die Kosten wert? Der Krieg führte den Zusammenbruch
seiner Seemacht herbei! Die Marine wurde vernachlässigt, und damit ging
die wichtigste Kraftquelle des kleinen Landes, der Seehandel, zurück.
Holland wurde bald nicht mehr zu den Großmächten gezählt, seine Marine
war für die Diplomatie kein militärischer Faktor mehr. Die Schwäche der
Republik trat schon in den Friedensverhandlungen zutage; man konnte für
die maritimen Interessen nichts erreichen. England berief sich auf
Hollands ungenügende Beteiligung am Seekriege und weigerte sich
hartnäckig, Holland an den für sich geforderten Vorteilen teilnehmen zu
lassen; nur im Handelsvertrage mit Frankreich wurden auch den
Niederlanden einige Zugeständnisse gemacht.
=England= aber gewann ungemein in maritimer Hinsicht. Durch den Besitz
von Gibraltar, Port Mahon und die in Nordamerika errungenen Kolonien
erhielt es neue Stützpunkte zur Stärkung und Erweiterung seiner
Seeherrschaft; Frankreich gab das gefährliche Dünkirchen auf; Sardinien,
Neapel und Sicilien fielen nicht an eine Seemacht, sondern an Staaten,
die bislang zur See nicht aufgetreten waren. Ferner schloß England mit
Frankreich und Spanien günstige Handelsverträge.
Insbesondere dem Wunsche Hollands, Gibraltar und Port Mahon
gemeinschaftlich zu besetzen und an den Verträgen mit Spanien,
Westindien betreffend, teilzunehmen, trat England schroff entgegen.
Diese Verträge waren ein Hauptgewinn Englands. England versprach
Spanien seinen Beistand, um dessen Besitzungen wieder in den Zustand zu
bringen, wie er unter Karl II. gewesen war; Spanien verpflichtete sich
dagegen, keinerlei Besitz in Amerika an Frankreich oder andere Völker
abzutreten; beide Staaten sagten sich volle Meistberechtigung in ihren
Besitzungen zu. Noch wichtiger aber war der sogenannte
=Assiento-Vertrag= (El Pacto del Assiento de Negros): das von Spanien
an England erteilte alleinige Recht auf Einführung von Negersklaven in
die spanischen Kolonien (4800 Neger im Jahre). Spanien selbst führte
keine Sklaven ein; das Recht war früher schon an die Niederlande,
später an die Genuesen und 1703 von Philipp V. an die Franzosen
vergeben. Aus dem Sklavenhandel entwickelte sich jetzt aber bald ein
Schmuggelhandel in solchem Maße, daß fast die ganze Gütereinfuhr in die
spanischen Besitzungen in englische Hände kam. Die Engländer erhielten
ferner das Recht, jährlich ein Schiff mit Waren nach Mittelamerika, zum
Markte von Porto Bello, zu senden, und auch dies wurde unrechtmäßig
ausgebeutet. Das Fahrzeug diente gewissermaßen nur als Niederlage: die
Vorräte wurden beständig erneuert; auf der einen Schiffsseite gingen
die Waren von Bord, auf der anderen kamen neue an Bord. Diese Verstöße
der Engländer und die dadurch hervorgerufenen Vergeltungsmaßregeln der
Spanier gaben den Anlaß, wenigstens den äußern, zum nächsten Kriege im
Jahre 1739.
Auch mittelbar zog England aus dem Kriege weitgehenden Nutzen. Die
Marinen Frankreichs und Hollands waren in Verfall geraten; die zweite,
die alte Nebenbuhlerin, sollte sich nicht wieder daraus erheben. Die
englische Marine aber stand nach dem Kriege mächtiger da als zuvor;
gerade durch die Schwäche der holländischen war sie zu größerer
Kraftentfaltung gezwungen worden. Ferner war ein Teil des holländischen
Handels schon während des Krieges in englische Hände übergegangen, und
dieser Vorgang setzte sich fort, da sich bei dem Verfall der
holländischen Marine die britischen Handelsfahrzeuge immer mehr den Ruf
erwarben, sicherer zu fahren. Die enge Verbindung mit Portugal, die der
Krieg gezeitigt hatte, kam auch dem englischen Handel zugute, und
außerdem war sie militärisch von Nutzen, weil die portugiesischen Häfen
den englischen Flotten fortan zur Verfügung standen.
Vor dem Spanischen Erbfolgekriege war, durch den Pfälzischen
Erbschaftskrieg schon mächtig gefördert, =England eine der Seemächte=,
nach dem Frieden von Utrecht war es =die Seemacht=. Diese Macht erhielt
England aufrecht; es war reich genug dazu und hatte in seiner
Seeherrschaft und in seiner ausgebreiteten Schiffahrt die Quelle des
Reichtums so in der Hand, daß ihm zunächst kein Nebenbuhler erwachsen
konnte. Schon die beiden letzten größeren Nebenkriege des bisher
geschilderten Abschnittes werden seine Macht zur See zeigen.
* * * * *
[Illustration]
Zehntes Kapitel.
Nebenkriege 1689-1739.
$Die Quadrupel-Allianz zur Aufrechterhaltung des Friedens von Utrecht,
1718-1720.$ In Spanien wirkte seit 1714 der =Kardinal Alberoni= als
Minister, der mit der ehrgeizigen zweiten Gemahlin Philipps V., Elisabeth
Farnese von Parma, dorthin gekommen war. Er beabsichtigte, Spaniens alte
Größe wiederherzustellen; sein nächstes Ziel war, die verlorenen
italienischen Staaten zurückzugewinnen. Mit Erfolg arbeitete er an der
wirtschaftlichen Hebung des Landes, am Ausbau der Flotte und an der
Stärkung des Heeres. Auf eine Unterstützung Frankreichs konnte er aber
nicht mehr rechnen und auch der Versuch, eine Verbindung mit England
herzustellen, schlug fehl; in beiden Ländern waren Veränderungen
eingetreten, die eine Annäherung zwischen ihnen herbeigeführt hatten.
In England war =1714 Georg= I., Kurfürst von Hannover, zur Regierung
gelangt. Seine Stellung war noch nicht unbedingt fest; noch immer bestand
eine Partei der Stuarts, und seine eigene verhielt sich ihm als Ausländer
gegenüber kühl. In Frankreich führte seit 1715 für den unmündigen und
schwächlichen König Ludwig XV. der nächste Agnat, =Philipp von Orleans=,
die Regentschaft. Dieser mußte in noch höherem Grade Nebenbuhler um seine
Stellung und etwaige Thronfolge fürchten, vor allen Philipp V. von
Spanien, gegen den er im letzten Kriege intrigiert hatte und dessen
Thronbesteigung in Frankreich gerade Alberonis letztes Ziel war. Beide
Herrscher scheuten einen neuen Krieg, der den unzufriedenen Elementen in
ihrem Lande nur gelegen gekommen wäre. Die Lage Philipps war schwieriger,
und so bot dieser auf Rat seines Ministers, des =Kardinals Dubois=, Georg
I. ein Bündnis an; zwischen Frankreich und Spanien trat dagegen eine
Entfremdung ein, die den wahren Interessen beider Staaten völlig zuwider
lief. Im Januar 1717 schlossen England und Frankreich einen Vertrag zur
Aufrechterhaltung der Bedingungen des Friedens von Utrecht (vgl. Seite
497), soweit diese im beiderseitigen Interesse lagen, und zur
gegenseitigen Gewährleistung der Thronfolge der Häuser Hannover und
Orleans; auch Holland wurde zum Beitritt gewonnen. Frankreich mußte
hierzu neue Zugeständnisse auf Kosten seines Handels und seiner Seemacht
machen: Weitere Handelsvorteile für England und Holland, sowie Aufgeben
des Baues eines Kriegshafens bei Mardyk, der als Ersatz für Dünkirchen
bereits in Angriff genommen war.
=Alberoni= hatte gleichfalls versucht, England durch Angebot neuer
Handelsbegünstigungen zu bewegen, ihn in seinen Plänen auf Unteritalien
zu unterstützen. Georg I. verhielt sich ablehnend, da er als deutscher
Fürst für den Kaiser Partei nahm, und auch die englischen Staatsmänner
sahen diese Länder lieber im Besitz Österreichs als in den Händen
Spaniens. Nun war der Kaiser mit den Bedingungen des letzten Friedens
nicht zufrieden, er wollte Sicilien haben und hatte seinen Anspruch auf
den spanischen Thron noch nicht aufgegeben; wir wissen, daß es zwischen
ihm und Philipp V. überhaupt noch nicht zum Frieden gekommen war. Der
neue Bund beschloß deshalb, um alle diese, den allgemeinen Frieden stets
bedrohenden Fragen aus der Welt zu schaffen, den Kaiser dadurch zu
befriedigen, daß er gegen Abgabe von Sardinien an Savoyen Sicilien
erhielte. Man mußte aber mit Spanien rechnen, weil dessen militärische
Kraft schon sehr gestärkt war. Ehe aber die Verhältnisse sich friedlich
weiter entwickeln konnten, schlug Spanien los, obgleich es noch nicht
genügend gerüstet war. Ein hoher spanischer Beamter, der auf der
Rückreise von Rom durch die italienischen Provinzen des Kaisers kam,
wurde dort als aufrührerischer Untertan verhaftet; auf diese Beleidigung
sandte Spanien im August 1717 12 Kriegsschiffe mit 8600 Mann nach
Sardinien und unterwarf diese kaiserliche Insel in wenigen Monaten.
Jetzt schloß sich der Kaiser dem Bunde -- nunmehr eine
=Quadrupel-Allianz= -- an, und die vier Mächte kamen überein, den
Austausch Sardiniens gegen Sicilien durchzuführen, wenn nötig, mit
Waffengewalt. Wie sehr man aber in England und Holland einem Kriege
abgeneigt war, zeigen die günstigen Vorschläge, die Spanien gemacht
wurden: Spanien sollte Parma und Toskana als Sekundogenitur erhalten;
Georg I. wollte Gibraltar zurückgeben; der Kaiser würde endgültig auf den
spanischen Thron verzichten. Dennoch, und obgleich England schon eine
Flotte für das Mittelmeer rüstete, blieb Alberoni eigensinnig und traf
Vorbereitungen, auch Sicilien zu erobern. Zugleich strebte er danach,
sich auf politischem Wege Rückhalt zu verschaffen. Er versuchte Rußland
und Schweden, deren Krieg (vgl. »Nordischer Krieg« S. 589) 1718 durch
Verhandlungen unterbrochen war, zu einem gemeinsamen Einfall in England
zugunsten Jakobs III. zu vereinen; er hetzte die Türken gegen den Kaiser
auf; in Frankreich wurde eine Verschwörung gegen den Regenten angezettelt
und in England die Unzufriedenheit geschürt; er versuchte den König von
Savoyen, der mit dem beabsichtigten Tausch der Inseln nicht einverstanden
war, an sich zu ziehen. Aber alle seine Pläne schlugen fehl. Die Türken
waren durch Prinz Eugen schwer geschlagen worden (1716 Peterwardein; 1717
Belgrad), auch sollen sie die englische Flotte gefürchtet haben; in
Schweden und Rußland wurden nach dem Tode Karls XII. die Verhandlungen
abgebrochen; die Verschwörung gegen Philipp war rechtzeitig entdeckt
worden. Vor allem aber scheiterte der Angriff auf Sicilien völlig und
Spanien selbst wurde mit Erfolg angegriffen. Hieran hatte die englische
Flotte den größten Anteil, wie sie auch wohl durch ihr Auftreten in der
Ostsee den Plan Alberonis dort störte. Es wirkte überall die
augenblickliche Alleinherrschaft Englands zur See.
$Der Verlauf des Krieges.$ Spanien besaß, dank den Bemühungen Alberonis,
1718 etwa 40 Linienschiffe, von 44 Kanonen aufwärts gezählt, und gegen 20
waren im Bau. Offiziere und Mannschaften waren allerdings nicht genügend
vorhanden, um sämtliche Fahrzeuge in Dienst zu stellen, auch war die Güte
des Personals noch geringer als zu Ruyters Zeiten (Schlacht bei Agosta).
Wie eben gesagt, hatten die Spanier 1717 Sardinien besetzt und rüsteten
dann zur Eroberung Siciliens. England stellte 1718 eine Flotte unter =Sir
George Byng= in Dienst und sprach, auf Spaniens Anfrage, rückhaltslos
aus, diese solle den Frieden in Italien aufrechterhalten. Die Order des
Admirals (vom 24. Mai) lautete dementsprechend: Er solle im Mittelmeer
alle geeigneten Maßregeln ergreifen, um die Streitigkeiten zwischen
Spanien und Österreich beizulegen, sowie Feindseligkeiten verhindern;
wenn Spanien darauf bestände, kaiserliche Provinzen anzugreifen oder
sonst in Italien Fuß zu fassen, so solle er einschreiten, wenn nötig mit
Waffengewalt. Diese Weisungen habe er nach Eintreffen auf der Station dem
Könige von Spanien und den Gouverneuren von Mailand und Neapel
mitzuteilen.
Byng segelte am 15. Juni und sandte am 30. auf der Höhe von Cadiz seinen
Befehl an den englischen Gesandten in Madrid. Spaniens Antwort war, er
möge tun, wie ihm befohlen; der Gesandte führte zwar die Verhandlungen
weiter, der Krieg war noch nicht erklärt, warnte aber alle englischen
Kauffahrer in spanischen Häfen vor einem plötzlichen Bruche. Der Admiral
erfuhr am 8. Juli bei Cap Espartel, daß eine spanische Flotte am 18. Juni
Barcelona verlassen habe, er nahm in Malaga Wasser, lief Port Mahon
behufs Ablösung eines Teils der Garnison an und sandte von dort seinen
Befehl nach Neapel und Mailand. Er hörte hier, daß die spanische Flotte
am 30. Juni vor Neapel erschienen sei. Diese war dann Anfang Juli mit
30000 Mann von Neapel nach Palermo gegangen. Die schwachen savoyischen
Truppen gaben ohne Widerstand die Stadt sowie fast ganz Sicilien auf und
zogen sich in die Citadelle von Messina zurück. Byng verließ am 25. Juli
Port Mahon, traf am 1. August in Neapel ein und nahm hier 2000
Österreicher an Bord, um sie nach Messina zu bringen; der König von
Savoyen hatte sich inzwischen mit den Abmachungen der Verbündeten
einverstanden erklärt. Als der Admiral am 9. vor Messina ankam, war die
Stadt schon von den spanischen Truppen eingeschlossen, die feindliche
Flotte war jedoch nicht zu sehen. Er bot dem spanischen General einen
Waffenstillstand von zwei Monaten an, um Unterhandlungen zu führen; als
dies abgeschlagen wurde, schiffte er die Truppen in Reggio wieder aus. Er
beabsichtigte, wieder nach Messina zur Entsetzung der Citadelle
hinüberzugehen, und scheint angenommen zu haben, daß die spanische Flotte
ihm ausweichen würde. Am 10. August morgens traf aber die Nachricht ein,
daß diese von den Bergen Kalabriens aus beiliegend gesehen sei, und als
Byng unter Segel gegangen war, stieß er auf zwei feindliche Vorposten.
Als die Engländer diese jagten, wurden sie auf die spanische Flotte
geführt; sie kam gegen Mittag, die Gefechtslinie bildend und nach Süden
ausweichend, in Sicht. Durch tatkräftige Verfolgung wurde sie am nächsten
Tage erreicht und fast vollständig vernichtet; eine Schlacht ist der
Zusammenstoß kaum zu nennen.
$Die Vernichtung der spanischen Flotte durch Admiral Byng bei Cap
Passaro, 11. August 1718.$ =Die englische Flotte= zählte 22 Schiffe --
1 zu 90 K.; 2 zu 80 K.; 9 zu 70 K.; 7 zu 60 K.; 2 zu 50 K.; 1 zu 44 K.
-- 2 Mörserboote und 2 Brander.
=Die spanische Flotte= bestand aus dem Gros unter Vizeadmiral
=Casteñata=: 1 Schiff zu 74 K.; 1 zu 70 K.; 5 zu 60 K.; 1 zu 54 K.; 1
zu 44 K.; 1 zu 36 K. und 7 Galeren. Während der Affäre traten noch 2
Schiffe (zu 60 K.) hinzu, die nach Malta abgezweigt gewesen waren. Ein
leichtes Geschwader unter Kontreadmiral =de Mari= zählte 1 Schiff zu 60
K.; 1 zu 54 K.; 2 zu 46 K.; 3 zu 44 K.; 1 zu 36 K.; 9 zu 18-30 K.; 3
Mörserboote; 1 Brander; 5 Tender. Die Flotte lief in Gefechtslinie nach
Süden.
Byng sandte die vier besten Segler, 70-Kanonenschiffe, mit dem Befehle
vor, während der Nacht die Admiralslichter (drei am Heck und eins im
Großmast) zu führen; er folgte mit der Flotte unter Segelpreß. Der Wind
war leicht, die spanischen Galeren tauten die langsamsten Schiffe ihrer
Flotte. Am 11. August bei Tagesanbruch hatten die Engländer den Feind
fast erreicht. Seine leichte Division lief unter Land; Byng schickte
ihr 8 kleinere Linienschiffe unter =Kapitän Walker= nach
(Wiedervereinigungsplatz Syracus), er selbst folgte ohne jede Ordnung
der Hauptmacht. Seine vier vorgesandten Schiffe greifen die letzten
Feinde mit Erfolg an, laufen aber weiter, ihre Opfer den Nachkommenden
überlassend. Die Spanier sind bald versprengt, und in mehr oder weniger
heftigen Einzelgefechten werden 7 Schiffe genommen, nur das Flaggschiff
und 3 oder 4 andere entweichen nach Malta. Nachts erhielt Byng die
jetzt noch in der englischen Marine durch ihre Kürze berühmte Meldung
von Walker: »Sir! Wir haben alle Schiffe und Fahrzeuge an dieser Küste
genommen. Anzahl am Rande vermerkt.« Es waren 9 genommen, 5 auf den
Strand gejagt und verbrannt (4 davon durch ihre Besatzung). Im ganzen
verlor Spanien 11 Linienschiffe, 3 Fregatten und 8 Fahrzeuge.
[Illustration: George Byng.]
Mit dieser Schilderung nach englischem Bericht stimmen spanische
Angaben überein. Sie fügen hinzu, die spanische Flotte habe sich
zurückgezogen, um nicht Anlaß zu Feindseligkeiten zu geben. Die Schiffe
seien dann durch Übermacht einzeln überwunden; eine rangierte Schlacht
würde günstiger für sie verlaufen sein, auch hätten dann bei dem
leichten Winde die Galeren mit Vorteil eingreifen können. Dies ist
fraglich; die spanischen Schiffe waren wesentlich schwächer und ihre
Besatzungen sicher den englischen nicht gleichwertig; deshalb konnte
auch Byng ohne jede Rücksicht auf Formation angreifen.
Wenn auch der Krieg noch nicht erklärt war, so war Admiral Byng doch wohl
zu dieser Tat berechtigt. Nachdem man am Lande seinen Vorschlag zur
Einstellung der Feindseligkeiten zurückgewiesen hatte, befand er sich im
Kriegszustande; er folgte nur seinem Befehle, von dem er Spanien Wochen
vorher Kenntnis gegeben hatte. Immerhin übernahm er mutig eine große
Verantwortung.
Mit der Vernichtung der spanischen Flotte war der Kampf um Sicilien
entschieden. Byng ging zwar für den Winter nach Port Mahon und Messina
fiel den Spaniern in die Hände, aber im Frühjahr 1719 erschien er wieder
in Neapel und unterstützte nun die Österreicher bei der Eroberung der
Insel; der Krieg war im Dezember 1718 erklärt. Er landete Truppen in
Melazzo, die von dort gegen Messina marschierten, er unterstützte die
Belagerung dieser Stadt und schnitt Sicilien von jeder Verbindung mit
Spanien ab. Messina fiel im Oktober, dann deckte die Flotte die Einnahme
verschiedener Plätze an der Süd- und Westküste, doch räumten die Spanier
die Insel erst völlig während des Waffenstillstandes, der dem Frieden
vorherging (1720).
Während der Belagerung Messinas lagen einige spanische Kriegsschiffe im
Hafen. Byng befürchtete, daß der Festungskommandant ihre freie Rückkehr
nach Spanien zu einer der Übergabebedingungen machen oder daß Österreich
sie beanspruchen würde. Er setzte deshalb durch, daß sie durch eine
eigens zu diesem Zweck errichtete Batterie zerstört wurden -- ihm lag im
englischen Interesse daran, jede fremde Seemacht zu schädigen. Im
gleichen Sinne handelte England auf den anderen Kriegsschauplätzen.
=Alberoni= gab trotz der Niederlage bei Passaro und der
Aussichtslosigkeit seiner Pläne im Mittelmeer seit Erscheinen der
englischen Flotte den Kampf nicht auf. Er rüstete für 1719 in Cadiz und
Coruña zwei Geschwader aus, um Truppen an der Küste der Bretagne und in
Schottland zu landen, indem er in beiden Ländern mit Aufständen rechnete.
Auch diese Unternehmen schlugen fehl.
Der Plan gegen Frankreich wurde nach Entdeckung der Verschwörung gegen
den Regenten aufgegeben. Die andere Expedition segelte im Februar von
Cadiz -- 40 Transporter mit 5000 Mann, und vielem Kriegsmaterial,
gedeckt durch 5 Kriegsschiffe -- unter dem geächteten James Buttler,
Herzog von Ormond, wurde aber am 28. Februar auf der Höhe von
Finisterre durch Sturm arg beschädigt und völlig zerstreut. Nur 3
Fregatten mit 5 Transportern erreichten Ross-shire; 400 Mann wurden
gelandet und etwa 1500 schottische Jakobiten stießen zu ihnen. Die
kleine Macht wurde bald vernichtet, sowie ein Depot der Aufständischen
in Donancastle durch Kriegsschiffe genommen. England war an den Küsten
vorbereitet gewesen, wenn auch die Kanalflotte, die der Expedition
hatte entgegentreten sollen, nicht rechtzeitig seeklar war -- englische
Quellen sagen: »Wie gewöhnlich!«
Dagegen gingen England und Frankreich jetzt angriffsweise vor. Eine
Division der englischen Kanalflotte, =Vizeadmiral Mighells=, landete im
Oktober 1719 24000 Mann bei Vigo, eroberte die Stadt, sprengte die
Befestigung, machte reiche Beute und zerstörte die Schiffe dort und in
Ponte-Vedra. Eine zweite Division unterstützte französische Truppen, die
unter dem Herzog von Berwick von Bayonne aus in Spanien eindrangen und
Fuenterrabia, St. Sebastian sowie Santona nahmen. Auch hier wurden auf
englisches Drängen überall Hafenanlagen, Werften, sowie alle
Kriegsschiffe zerstört; England tat sein möglichstes, das Neuaufblühen
der spanischen Marine im Keime zu ersticken, und Frankreich half
kurzsichtig dabei. Berwick meldete gar dem Regenten: die englische
Regierung kann dem Parlamente zeigen, daß wir alles getan haben, um die
spanische Marine zu vernichten.
Selber tat Frankreich so gut wie gar nichts zur See, es transportierte
und unterstützte nicht einmal die eigenen Truppen. Nur 11 Linienschiffe
wurden nach dem Golf von Mexiko gesandt, um die Niederlassung in
Louisiana zu schützen; diese schlugen dort eine schwache spanische
Division zurück und eroberten den befestigten Hafen von Pensacola.
Holland regte sich gar nicht. Während des kurzen Krieges fanden natürlich
Handelsschädigungen statt; gleich nach Passaro hatte Spanien die
englischen Schiffe in seinen Häfen mit Beschlag belegt, England
antwortete mit Vergeltungsmaßregeln.
Die ununterbrochene Reihe von Niederlagen und die Hoffnungslosigkeit,
ohne eine Marine seine Kolonien schützen zu können, brach den Widerstand
Spaniens. Alberoni wurde entlassen (5. Dezember 1719) und Philipp V. gab
im =Haager Frieden= 1720 den Forderungen der Quadrupel-Allianz nach. Der
König von Savoyen nannte sich von nun an König von Sardinien.
Der Nordische Krieg 1700-1721.
Während des Spanischen Erbfolgekrieges und seiner eben besprochenen
Folgen spielte sich im Norden und Osten der große Nordische Krieg ab. Er
ist für uns bemerkenswert: Mit ihm endet das anderthalbhundertjährige
Zeitalter der Seekriege Dänemarks und Schwedens um die Herrschaft in der
Ostsee; eine neue Seemacht, Rußland, tritt hier auf. Auch auf den Verlauf
dieses Krieges haben die Seestreitkräfte wesentlichen Einfluß. Endlich
zeigt sich in ihm die Macht Englands zur See. Zunächst seien einige
Angaben über die beteiligten Marinen gemacht,[280] die deren Entwicklung
bis zum Ende unseres Abschnittes veranschaulichen.
[280] Anschließend an »Der schwedisch-dänische Krieg 1675-1679, Seite
394 ff.; dort auch Quellennachweis, es tritt hinzu »Bridge«.
$Die dänische Marine$ hatte sich, wie wir wissen, unter Christian V.
kräftig entwickelt und im letzten Kriege bewährt; dieser König ließ ihr
bis zu seinem Tode (1699) die gleiche Pflege zu teil werden. 1700 war der
Schiffsbestand: 33 Linienschiffe -- 1 zu 110 Kanonen, 7 zu 80-100, 11 zu
60-78, 14 zu 48-56 --, 9 Fregatten und 33 kleinere Fahrzeuge. Auch für
die Ausbildung der Offiziere und Mannschaft wurde gesorgt. Der
Nachfolger, Friedrich IV., verstärkte die Flotte weiter, beim Ausbruch
des Krieges 1710 zählte sie 41 Linienschiffe; die nützliche Einrichtung
der Defensionsschiffe hatte der König 1701, auf Drängen Hollands, leider
aufgeben müssen.
$Die schwedische Marine$ hatte sich unter Karl XI. von den Folgen des
Krieges erholt, sie war eigentlich durch den Grafen Wachtmeister seit
1680 neu geschaffen. Die Hauptflottenstation war nach Karlskrona verlegt,
hier hatte man große Werften eingerichtet. Von 1679-1709 wurden in
Stockholm, Kalmar, Riga und Karlskrona 37 Linienschiffe erbaut; das im
letzten Kriege sehr minderwertige Offizierkorps wurde reorganisiert. 1700
erschienen vor Kopenhagen 36 Linienschiffe -- 1 zu 108 Kanonen, 6 zu
80-90, 29 zu 50-80; 1710 zählte die Marine 48 Linienschiffe und 7
Fregatten.
Der Nordische Krieg schädigte beide Marinen ungemein. 1720 war =die
dänische Flotte=, trotz Neubauten und Einstellung genommener schwedischer
Schiffe, auf 25 Linienschiffe (10 Fregatten, 31 Fahrzeuge)
zusammengeschmolzen und diese befanden sich in schlechtem Zustande.
Infolge der Erschöpfung des Landes ging der Bestand an brauchbarem
Material in den nächsten Jahren noch mehr zurück. Als sich unter
Christian VI. der Handel wieder hob, erreichte die Marine wieder den
Stand einer mittleren Marine damaliger Zeit; 1746 waren 29 Linienschiffe,
10 Fregatten und 34 kleinere Fahrzeuge vorhanden. =Die schwedische
Flotte= zählte 1720 überhaupt nur 33 Segel, die bei weitem nicht sämtlich
Linienschiffe waren, und auch hier ging der Ersatz nur langsam vor sich.
1734 besaß Schweden 22 Linienschiffe, 8 Fregatten und Brigantinen, 11
Spezialschiffe und 18 Galeren. Die Erfolge der Russen mit Ruderfahrzeugen
der letzten Art hatten gezeigt, daß eine Schärenküste nur mit
Schärenfahrzeugen verteidigt werden könne, aber erst 1756 wurden die
Mittel zum Bau einer größeren Zahl bewilligt (1788 waren 170 Galeren und
ähnliche Fahrzeuge vorhanden).
$Die russische Marine$ wurde erst von Peter dem Großen (1689-1725)
gegründet. Von der Ostsee, nach der es stets gestrebt, seit 1617 wieder
vertrieben, stand Rußland nur durch Archangel mit Europa zur See in
Verbindung, doch lag der Seehandel hier in fremden Händen. Frühere
Versuche, eine russische Schiffahrt zu gründen, waren fehlgeschlagen,
ebenso das Bestreben, auf friedlichem Wege von Kurland einen Hafen an der
Ostsee zu erhalten. Peter betätigte nun von frühester Jugend an sein
Interesse für die Schiffahrt, zunächst richtete er sein Augenmerk neben
dem Weißen Meer auf das Schwarze. 1695 gründete er in Woronesch am Don,
in der Nachbarschaft ungeheuerer Eichenwaldungen, eine Bauwerft für
seetüchtige Fahrzeuge; 1696 baute er in dem von den Türken eroberten Asow
Hafenanlagen und Magazine, um die Schiffe hier auszurüsten und zu
stationieren. Er plante eine Flotte von 60 Linienschiffen für das
Schwarze Meer. Der Ausbruch des Krieges im Norden 1700 zwang ihn aber,
diese Unternehmung ruhen zu lassen, auch ging 1711 Asow wieder verloren.
Bald nach Beginn des Krieges faßte er jedoch an der Newa Fuß, gründete
1703 St. Petersburg und ging, um von hier aus weiter an der Küste
vorzudringen, an die Schaffung einer $Ostseeflotte$. Anfangs zwar wurde
nur wenig Tatkraft entwickelt; noch hielt Peter wohl seine Stellung hier
nicht für sicher genug, um kostspielige Aufwendungen zu machen, aber nach
der Niederlage Karls XII. bei Pultawa (1709) nahm er den Ausbau der
Marine ernstlich in Angriff. In St. Petersburg wurde eine große Bauwerft
geschaffen; Kronstadt auf der Insel Kotlin, mächtig befestigt und noch
gesichert durch die gewaltige Bastion von Kronslot quer vor der
Einfahrt, wurde der Ausrüstungs- und Hauptkriegshafen; bald (1713) trat
Reval als zweiter Stützpunkt hinzu. Die Zahl der Schiffe wuchs schnell.
Während 1710 nur 2 Schiffe zu 50 Kanonen und 5 zu 14-32 vorhanden waren,
erscheinen:
Schiffe zu 90 80 70 60-64 50-54 48-36 14-32 K.
-----+------
|
1714 bei Reval vereint -- -- 1 2 10 10
1718 in Tätigkeit -- -- 4 7 9 -- 7
1721 seefähig 4 1 4 8 7 5 eine große
1722 " 6 1 5 8 6 6 Anzahl
Anfangs wurden die Schiffe aus dem Auslande bezogen, bald aber auch in
Rußland gebaut und zuletzt ausschließlich; von 1710-1724 kamen auf 30
gekaufte 41 gebaute. Ein englischer Seeoffizier, zu dieser Zeit in
russischen Diensten, lobt Bau und Ausrüstung der Schiffe, für die nur
Erzeugnisse des eigenen Landes verwendet wurden. Rußland besaß alles
nötige Rohmaterial, nur der Transport aus dem Innern war schwierig und
kostspielig. Die Kosten wurden noch ungemein erhöht, weil geschulte
Kräfte aus dem Auslande zur Bearbeitung des Rohmaterials herangezogen
werden mußten, wie denn auch Ausländer, besonders Engländer und
Holländer, die Hafen-, Werft- und Schiffsbauten leiteten.
Noch vor dieser Hochseeflotte schuf Peter $eine Galerenflotte$ für die
Eroberung Finnlands. Die flachgehenden Ruderschiffe konnten sich über
alle Untiefen zwischen dem Gewirr von Klippen und Inseln der Schärenküste
durchwinden, wo ihnen kein Kriegsschiff zu folgen vermochte; über schmale
Landzungen konnten diese leicht aus Fichtenholz gebauten Fahrzeuge
hinweggetragen werden; nach dem offenen Meere zu wurden sie durch die
mitsegelnde Hochseeflotte gedeckt. Der Galerenflotte mehr als der
Hochseeflotte sind die Erfolge im Kriege, nämlich die Eroberung Finnlands
usw. und die Angriffe in Schweden, zuzuschreiben.
Schwieriger als =die Beschaffung= des Materials war die =des Personals=,
das russische Volk stand der See völlig fremd und abgeneigt gegenüber. Es
war nötig, viele Ausländer anzuwerben, doch gelang es bald, die Schiffe
wenigstens überwiegend mit Eingeborenen zu bemannen. Den =Ersatz= nahm
man zunächst aus den Gebieten an der Küste, an den großen Seen und
Flüssen. Bevorzugt wurden sonst, weil bildungsfähiger, Minderjährige,
Matrosen- und Soldatenkinder, sowie junge Tataren ihrer Behendigkeit
halber. Sogenannte Navigatorenschulen wurden gegründet, deren Zöglinge
man nach der Entlassung zur weiteren Ausbildung auf Kauffahrteischiffe
schickte. Ganze Regimenter Landsoldaten wurden zu Seesoldaten befohlen;
die Bemannung der Schiffe war um 1/5-1/4 stärker als die englischer von
gleichem Range.
=Das Offizierkorps= war noch viel stärker mit Fremden durchsetzt. 1715
waren fast sämtliche Offiziere Ausländer und nur einige in fremdem Dienst
herangebildete Russen. Noch 1724 zeigt eine Liste der höheren Offiziere
unter 82 Namen nur 19 Russen gegen 23 Engländer, 17 Dänen, 13 Holländer
und 5 Deutsche, doch schritt auch hier die Russifizierung fort. Zur
artilleristischen Ausbildung wurde eine große Anzahl Russen nach Berlin
kommandiert, sie bildeten dann ein eigenes Korps der Bombardiere und
wurden nach Bedarf an Bord verwendet. Auch eine Seeakademie wurde
gegründet, sie zählte 1716 300 junge Edelleute als Schüler. Das
Seeoffizierkorps war, wie die Marine überhaupt, besser besoldet als das
der Armee. =Die Galerenflotte= hatte ein eigenes Offizierkorps, es war
stark mit Südländern vermischt und wurde vom Seeoffizierkorps als
minderwertig angesehen. Fremdartigkeit in Sprache und Sitten seiner
Angehörigen, unter denen halbbarbarische Elemente vertreten waren, mag
dazu beigetragen haben, aber auch die Roheit und Grausamkeit, die sie im
schwedischen Feldzuge gezeigt haben.
Peter der Große hatte sich die Aufgabe gestellt, eine Flotte von 40
jederzeit kampfbereiten Linienschiffen zu schaffen, mit der er der
dänischen und der schwedischen Flotte, die nur kurze Zeit im letzten
Kriege je über 30 besaßen, überlegen gewesen wäre. Er hat dieses Ziel
zwar nicht erreicht -- bei seinem Tode zählte die Marine 27
Linienschiffe, von denen 3 unbrauchbar und 9 gebrechlich waren, sowie 6
Neubauten --, aber er stand doch den geschwächten Nebenbuhlern gleich.
Nach Beendigung des Krieges wurde durch Friedensübungen, im einzelnen und
in Geschwadern, die Schlagfertigkeit der Flotte weiter gepflegt. Freilich
sagt der schon angezogene englische Seeoffizier von seinen russischen
Kameraden: »Fremde tuen gut, ihnen aus dem Wege zu gehen. Bei gutem
Wetter kennt ihre Überhebung keine Grenzen, wenn sie aber bei schlechtem
Wetter Dienst tun sollen, stellen sie sich krank. In der Stunde der
Gefahr versagt ihnen Mut und Tatkraft.« Wie weit dies Urteil zutreffend
war oder auf Abneigung beruhte, muß dahingestellt bleiben.
$Der Verlauf des Krieges.$ In Schweden war 1697 König Karl XI. gestorben
und Karl XII. hatte mit nur 15 Jahren den Thron bestiegen. Die Nachbarn
hielten die Gelegenheit für günstig, sich auf Kosten Schwedens
auszubreiten: Peter der Große wollte Esthland erobern, um an die Ostsee
zu gelangen; August II., Kurfürst von Sachsen und König von Polen, wollte
Livland für Polen zurückgewinnen; Friedrich IV. von Dänemark wollte den
Teil Schleswig-Holsteins, der noch im Besitz der Linie Holstein-Gottorp
war, wieder mit Dänemark vereinigen; diese Linie war aber seit langem mit
Schweden verwandt, auch der augenblickliche Herzog war ein Schwager und
Freund Karls XII. Die drei Monarchen verbanden sich 1700 zu einem
Angriffskriege und fielen in die von ihnen begehrten Länder ein, aber der
junge Schwedenkönig zeigte eine unerwartete Tatkraft.
=Karl= XII. warf sich zunächst nur gegen Dänemark, um sich für den Kampf
im Osten den Rücken freizumachen, da die dänische Flotte seine
Verbindungen mit den anderen Kriegsschauplätzen gefährdete. Mit
Unterstützung einer englisch-holländischen Flotte bedrohte er Kopenhagen
zu Wasser wie zu Lande und zwang Friedrich IV. in wenigen Wochen zum
Frieden (Travendal, 18. August 1700).
$England und Holland$ nahmen in Hinblick auf das Gleichgewicht in der
Ostsee wie stets bisher die Partei der gefährdeteren Seemacht, sie
waren auch die Bürgen des letzten Vergleichs zwischen Dänemark und dem
Hause Gottorp. Sie sandten Ende Mai eine gemeinsame Flotte, 11
englische und 13 holländische Linienschiffe, einige Fregatten, 3
Mörserboote, unter den Admiralen =Rooke= und =de Almonde= zur Ostsee.
Der Befehl lautete, den eigenen Handel zu schützen und die Interessen
des Herzogs von Holstein wahrzunehmen; es war erlaubt, zu diesem Zweck
schwedische Truppen nach Holstein zu führen, nicht aber angriffsweise
vorzugehen, sondern nur Gewalt mit Gewalt zu erwidern. Die Flotte traf
am 19. Juni vor Gothenburg ein, segelte zur Vereinigung mit den
Schweden weiter, ging dann aber vor dem Sunde zu Anker, weil die 33
Linienschiffe starke dänische Flotte zwischen Kronburg und Hven lag.
Hier wollte man abwarten, ob die Schweden vom Süden herankämen und die
Dänen zum Rückzug auf Kopenhagen nötigten, oder ob die Vereinigung im
Großen Belt stattfinden solle.
Am 7. Juli ging die dänische Flotte nach Kopenhagen und die Vereinigung
der Engländer und Holländer mit den Schweden fand bei Landskrona statt.
Die schwedische Flotte unter Graf Wachtmeister zählte 29 Linienschiffe,
einige Fregatten sowie ein Mörserboot; 6 schwere Schiffe hatte man
wegen ihres Tiefganges südlich von Kopenhagen gelassen. 2000 Mann waren
eingeschifft, weitere Truppen standen in Landskrona bereit.
Man beabsichtigte, Kopenhagen von See aus einzuschließen und die
feindlichen Schiffe mit Fregatten und Brandern anzugreifen oder sie zu
beschießen, falls sie sich in den Hafen zurückgezogen hätten. Am 20.
Juli ankerte die Flotte vor der Stadt. Die Dänen hatten die meisten
Schiffe möglichst nahe unter Land gelegt, den Rest auf der inneren
Rhede durch Balkensperren gegen Brander geschützt. Diese Schiffe wurden
von den Mörserbooten während der Nacht beschossen, aber nachdem etwa
100 Bomben und Brandgeschosse ohne Erfolg geworfen waren, zog man sich
aus dem heftigen feindlichen Feuer zurück. Man beschloß nun, die
Landungstruppen zu holen, und die Schiffe im Hafen sowie die Stadt vom
Norden der Insel Amager her zu beschießen. In der Nacht vom 26./27.
wurden etwa 150 Geschosse verfeuert, jedoch mit ebensowenig Erfolg. Es
ging damals das Gerücht, daß die Angreifer, insbesondere die Engländer
und Holländer, mehr im Auge gehabt hätten einzuschüchtern, als zu
schädigen. Dagegen trafen am 2. August, gedeckt durch schwedische
Kriegsschiffe, die Truppen von Landskrona ein und wurden nach
Vertreiben einiger dänischer Fregatten mit Hilfe der Boote der ganzen
Flotte noch am selben Tage nördlich von der Stadt gelandet; Karl XII.
führte die seinen, als erster mit dem Degen in der Faust aus dem Boote
ins seichte Wasser springend. Durch ungünstiges Wetter verzögert,
wurden die Geschütze und das Belagerungsmaterial erst einige Tage
später ausgeschifft. So von See und Land bedroht, schloß Friedrich IV.
Frieden.
Die Regierungen Englands und Hollands waren mit dem Vorgehen ihrer
Admirale nicht einverstanden; diese hatten ja auch ihre Weisungen
überschritten. Es kam sofort der Befehl, sich künftig streng an diese
zu halten. Wie früher in ähnlichen Lagen, wünschte man keine zu großen
Erfolge Schwedens. Wilhelm III. schrieb an Heinsius: »Dieser Erfolg,
fürchte ich, wird den König von Schweden so groß machen, daß wir
genügend zu tun haben werden, ihn wieder klein zu bekommen.« Auch
fürchtete man, daß durch Einschreiten Frankreichs zugunsten Dänemarks
ein allgemeiner Krieg entstehen würde.
Die Admirale erhielten diesen Befehl bei Hven sowie die Weisung, nach
Friedensschluß heimzukommen. Sie blieben aber länger liegen, um den
Rücktransport der schwedischen Truppen abzuwarten, weil auch die
dänische Flotte wieder in den Sund gekommen und bei dem Haß zwischen
den nordischen Völkern ein Zusammenstoß mit den Schweden nicht
ausgeschlossen war. Am 8. September ging Karl XII. mit Flotte und
Truppen nach Schweden zurück.
Karl XII. wandte sich nun gegen seine Gegner im Osten, und es folgen
einige Jahre (bis 1709), in denen die Kriegführung zur See nicht
hervortritt; sie seien deshalb nur kurz geschildert. Karl landete mit
20000 Mann bei Pernau (Busen von Riga) und warf sich, da das
polnisch-sächsische Heer vor ihm zurückwich, zunächst auf die Russen, die
er mit 8000 Mann gegen 40000 bei Narva (20. November 1700) vernichtend
schlug. Dann trug er bei Riga (12. Juli 1701) einen Sieg über die Sachsen
und Polen davon und hätte jetzt einen günstigen Frieden erzwingen können.
Er drang jedoch weiter vor, eroberte durch verschiedene siegreiche
Schlachten ganz Polen, ließ in Warschau (2. Juli 1704) Stanislaus
Leszczynski zum König wählen und verfolgte August II. bis nach Sachsen.
Hier endlich schloß er Frieden (Altranstädt, 24. September 1706); August
verzichtete auf den polnischen Thron und entsagte jeder Verbindung mit
den Gegnern Schwedens.
Die mißachtende Vernachlässigung der Russen nach dem glänzenden Siege bei
Narva wurde Karls Verderben; Peter nutzte diese Jahre aus. Er
reorganisierte sein Heer mit Hilfe deutscher Generale, setzte sich in
Ingermanland fest und gründete St. Petersburg; die schwachen schwedischen
Truppen in Livland konnten dies nicht hindern. So fand Karl später einen
kräftigen Gegner vor und Schweden hatte nicht mehr allein mit der
dänischen Marine sondern auch mit der russischen zu rechnen.
Bis 1708 blieb Karl in Sachsen stehen, um sein Heer wieder schlagfertig
zu machen und zu verstärken; Peter drängte inzwischen die Schweden in
Esthland und Livland weiter zurück und verwüstete Polen, um einen
Vormarsch Karls gegen Rußland zu erschweren. Endlich brach dieser mit
40000 Mann auf, schlug hinter der Beresina einen russischen Heeresteil
(14. August) und überschritt den Dnjepr, um gegen Moskau zu ziehen; eine
Verstärkung von 12000 Mann unter Lewenhaupt wartete er nicht ab. Bei
Smolensk wandte er sich aber nach der Ukräne, wo ihm der Hetman Mazeppa
die ganze Heeresmacht der Kasaken zuzuführen verheißen hatte. Die
Aufwiegelung dieser schlug fehl und Lewenhaupt konnte dem König nur 6000
Mann bringen, weil er auf dem Anmarsch schwer geschlagen worden war und
seine ganze Bagage verloren hatte. Die Russen wichen beständig aus, das
Heer litt ungemein unter Hunger und Kälte; Karl drang zwar bis =Pultawa=
vor und belagerte die Stadt vom Mai 1709 an, wurde dann aber am 8. Juli
durch den mit Übermacht heranrückenden Peter vernichtend geschlagen. Der
Rest der Schweden, nur 14000 Mann, mußte sich ergeben, Karl floh in die
Türkei.
Hier reizte Karl den Sultan gegen Rußland auf, er selber wollte das
Heer führen. Aber erst 1711 erklärte der Sultan den Krieg, und wenn
auch Peter durch den Großvezier geschlagen wurde (9. August 1711), so
gelang es ihm doch, durch Bestechung und Abtretung Asows den Frieden
wieder herbeizuführen. Karl blieb bis 1714 in der Türkei; er entschloß
sich erst zur Rückkehr, als er einsah, daß er hier keine Hilfe zu
erwarten habe und als die Nachrichten aus dem Norden immer schlechter
wurden. Nach sechzehntägigem Ritt durch Österreich, Süd- und
Westdeutschland traf er mit 2 Offizieren am 22. November 1714 in
Stralsund ein.
=Peter der Große= bemächtigte sich in den Jahren 1709 und 1710 ganz
Esthlands und Livlands und ging an den Ausbau einer Ostseeflotte. Auch
die andern Gegner Schwedens regten sich wieder. August II. vertrieb
Leszczynski, Friedrich IV. besetzte Schleswig und versuchte, in Schonen
Fuß zu fassen (vergeblich). Inzwischen verabredeten die Seemächte mit dem
Kaiser einen Waffenstillstand für die schwedisch-deutschen Lande
(Pommern, Bremen-Verden, Stade) und Dänemark, Sachsen sowie die
schwedischen Stände traten auch bei (Haager Conzert, 31. März 1710), da
aber Karl XII. Einspruch erhob und die erstgenannten Mächte nicht tätlich
eingriffen, nahm der Krieg seinen Fortgang.
Jetzt griff die Kriegführung zur See wieder ein. Die Dänen eroberten
Stade und Verden, die Sachsen und Russen nahmen Schwedisch-Pommern außer
Stralsund und Wismar (1712). Das schon erschöpfte Schweden raffte sich
noch einmal auf. General =Stenbock= besiegte mit 12000 Mann die Dänen bei
Gadebusch (Mecklenburg-Schwerin; 20. Dezember 1712) und drang in
Schleswig-Holstein ein, wurde aber bei Tönning durch die Übermacht der
Verbündeten zur Kapitulation gezwungen (Mai 1713). Schweden sah sich
genötigt, mit Preußen einen Vertrag abzuschließen, wonach dessen Truppen
Pommern von der Peene bis zur Oder in Sequestration nahmen. Peter war
bereit, dieses Land gegen eine Kriegsentschädigung zu räumen. Rußland war
1714 bis Abo vorgedrungen; Kurland hatte Peter durch Anheiratung an sein
Haus gewonnen.
Jetzt kam =Karl= XII. zurück. Er erkannte den Vertrag mit Preußen nicht
an, forderte Pommern zurück und vertrieb die preußischen Truppen aus
Usedom und Wollin. Infolgedessen erklärte auch dieser Staat den Krieg und
verband sich mit Rußland und Sachsen; Hannover trat dem Bunde bei, um
sich die von Dänemark gekauften schwedischen Gebiete (Bremen-Verden;
Stade) zu sichern. Die vereinten Truppen belagerten unter =Leopold von
Dessau= Stralsund; Karl XII. verteidigte die Stadt mehrere Monate und
ging erst kurz vor dem Fall (23. Dezember 1715) nach Schweden; im April
1716 mußte auch Wismar kapitulieren. =Schweden hatte seinen ganzen
überseeischen Besitz verloren.=
$Die Beteiligung der Seestreitkräfte.$ Die Aufgabe der dänischen Marine
war zunächst nicht leicht; 1710 standen ihren 41 Linienschiffen 48
schwedische gegenüber. Sie sollte die Verbindungen Schwedens mit seinen
festländischen Besitzungen unterbinden, die Operationen der Verbündeten
unterstützen und den eigenen Handel gegen zahlreiche und kühne
schwedische Freibeuter schützen. Dennoch hat sie einige wirksame
Erfolge zu verzeichnen; es kamen ihr allerdings günstige Umstände zu
statten. Als General Stenbock 1712 mit seinem Heere auf 130
Transportschiffen nach Rügen übergeführt wurde, geleitete ihn Graf
Wachtmeister mit der ganzen Schlachtflotte; kurz nach der Landung
vernichtete die dänische Flotte über 90 der Transporter, Wachtmeister
mußte dagegen wegen einer schweren Seuche an Bord der Schiffe
schleunigst nach Karlskrona zurückkehren und abrüsten. Als dann
Stenbock 1713 in die Enge getrieben war, konnte die dänische Flotte ihm
den Seeweg versperren.
Von 1715 an mußte Schweden einen Teil seiner Seestreitkräfte gegen
Rußland werfen und seine Marine war durch Geld- und Mannschaftsmangel
geschwächt. Nun wuchs die Bedeutung der dänischen Flotte; in zwei
Gefechten, an der holsteinischen Küste (28. Juli) und bei Rügen (8.
August 1715), wies sie die schwedische zurück. Durch das zweite
Seegefecht hinderte sie die Aufhebung der Blockade und den Entsatz
Stralsunds. Sie ermöglichte dann durch Vernichtung der kleinen Schiffe
im Hafen den Übergang nach Rügen, wodurch die Übergabe der Festung
erzwungen wurde. 1716 trug sie mittels strenger Blockade zur Einnahme
Wismars bei.
Ebenso unglücklich war die schwedische Flotte den Russen gegenüber. Sie
konnte die allmähliche Eroberung der Südküste Finnlands nicht hindern.
Die russische Schärenflotte zog von Distrikt zu Distrikt und die von
ihr losgelassenen Truppen verwüsteten das Land; =1713= fiel
Helsingfors. Als die Eroberung so bis zum Ausgange des finnischen
Meerbusens vorgedrungen war, stand gerade die russische Hochseeflotte
stark genug da, um die Schärenflotte zu decken und zu unterstützen.
=1715= schlug =Generaladmiral Apraxin=, unter dem Peter selber als
Kontreadmiral diente, die Schweden unter Ehrenskjöld bei =Hangö-Udd=,
wobei sich die Galeren in den engen Gewässern von größtem Nutzen
zeigten. Er bahnte sich dadurch den Weg nach Abo, den Alands-Inseln und
der Küste Finnlands am Bottnischen Busen, die Plünderungszüge dehnten
sich nun bis zu diesen aus. Von =1716= an lag die schwedische Flotte
infolge Geldmangels unausgerüstet in Karlskrona. Angstvoll war sie
eines Angriffs der Dänen gewärtig, die die Küsten Schwedens blockierten
und den Handel völlig unterbanden.
Von 1716-1718 versuchte =Karl= XII. in drei Feldzügen Norwegen zu
erobern; ihm kam dabei zu statten, daß seine Gegner uneinig wurden. Peter
vermählte eine Nichte mit dem Herzog von Mecklenburg und ließ sein Heer
in diesem Lande stehen, dies machte die Verbündeten stutzig; auch
begannen Verhandlungen zwischen Peter und Karl behufs eines Bündnisses
auf Kosten der anderen Staaten (wir verweisen auf den Plan Alberonis S.
578), der Zar führte deshalb einen schon vorbereiteten Einfall in Schonen
nicht aus. Der hartnäckige Widerstand der norwegischen Bevölkerung, die
schwierigen Verhältnisse des Landes und des Klimas und der schlechte
Zustand des schwedischen Heeres ließen jedoch Karl keine Fortschritte
machen. Er fiel am 11. Dezember 1718 vor Friedrichshall.
Auch in diesen Jahren war die $dänische Marine$ von Wichtigkeit.
=Tordenskiold= vernichtete mit nur wenig Schiffen im Hafen von Dynekil
(8. Juli 1716) die Transportflotte, die alles, was Schweden mit Mühe an
Truppen und Kriegsmaterial hatte aufbringen können, zur Belagerung
Friedrichshalls bringen sollte. Die schwedische Flotte wurde im
allgemeinen weiter in den Häfen festgehalten, die russische Marine
beteiligte sich jetzt an der Blockade; sie war soweit gewachsen, daß
Peter 1716 zu der erwähnten Landung in Schonen mit 17 Linienschiffen,
zahlreichen Galeren und Truppentransportschiffen in Kopenhagen
erscheinen konnte. 1719 eroberte Tordenskiold die Insel Marstrand und
vernichtete ein schwedisches Geschwader, das mit Erfolg gegen den
dänischen Handel aufgetreten war.
=Ulrike Eleonore=, die Nachfolgerin Karls, schloß 1719 Frieden mit
Hannover, Polen und Preußen (Stockholm, 20. November) und 1720 mit
Dänemark (Friedrichsborg, 13. Juli), brach aber Verhandlungen mit Peter
ab. Jetzt griffen die Russen Schweden selber an, verwüsteten 1719-1721
mit immer stärkeren Heeren die Küsten und erzwangen so den Frieden von
Nystadt (10. September 1721).
1719 führte =Apraxin= mit 130-150 Galeren sowie zahlreichen
Transportern 30000-40000 Mann an die Küste nördlich von Stockholm; 8
Ortschaften, 141 Adelssitze, 1361 Höfe, 2 Kupferminen wurden zerstört,
Wälder verbrannt, um die darin liegenden Minen zu vernichten, 80000
Eisenbarren ins Meer versenkt, gegen 100000 Stücke Vieh getötet. 1720
hausten die Russen, auf Abo, Helsingfors und Wiborg gestützt, ähnlich
an der Küste von Westerbotten; ein schwedisches Geschwader wurde
zurückgeschlagen. 1721 ward Norrland verwüstet. Daß Stockholm von einem
Angriff bewahrt blieb, ist nur dem Auftreten einer englischen Flotte zu
verdanken; England schränkte überhaupt in den Jahren 1719-1721 die
Tätigkeit der russischen Hochseeflotte etwas ein und machte es so der
schwedischen möglich, sich wieder zu zeigen.
$Die Haltung Englands und Hollands im Nordischen Kriege.$ Wie vor Beginn
des Spanischen Erbfolgekrieges, um 1700 beim ersten Zusammenstoß
Schwedens und Dänemarks, so wandten diese Staaten auch nach seiner
Beendigung ihr Augenmerk auf ihre Interessen in der Ostsee; besonders
England zeigte hier seine Macht auf dem Meere und trug zum Friedenschluß
bei.
In den Jahren 1715-1718 traten sie gemeinsam zum Schutze ihres Handels
auf, weil Schweden, Dänen und Russen die Neutralität nicht unbedingt
beachteten; das Verhältnis zu Schweden wurde bald zu einer Art
Kriegszustand. Da Rußland von England und Holland Schiffe, Mannschaften
und Kriegsbedarf jeder Art bezog, griff Schweden, besonders seit 1710,
den Handel dieser Länder planmäßig mit Kriegsschiffen und Freibeutern an;
die Handelsschiffe wurden nicht nur auf Kriegskontrebande untersucht,
sondern überhaupt aufgebracht. Die Seemächte sandten deshalb in jedem
dieser Jahre eine gemeinsame Flotte in die Ostsee, die im Vereine mit den
dänischen und russischen Kräften die Schweden in ihren Häfen festhielten,
Freibeuter aufbrachten und Convois geleiteten. Der König von England war
ja als Kurfürst von Hannover mit Schweden im Kriege, doch hatte das
englische Volk hierfür zunächst kein Interesse, als aber die Umtriebe
Karls XII. zugunsten Jakobs III. bekannt wurden, gab es seine
Einwilligung zu ernsterem Vorgehen.
Nach dem Tode Karls änderte sich die Lage gänzlich. Schweden belästigte
den Handel nicht weiter, Holland brauchte keine Schiffe mehr zu senden.
Eine englische Flotte aber trat in jedem der letzten Jahre zugunsten der
Schweden auf, indem sie die russische Hochseeflotte in Reval festhielt.
Jetzt lag es im Interesse Englands, Peters Erfolge einzuschränken und die
russische Seemacht nicht zu sehr wachsen zu lassen.
=Die Operationen zur See=: 1715 deckte =Admiral Norris= mit 20
englischen und 12 holländischen Linienschiffen die Hin- und Rückreise
des Ostsee-Sommerconvois. 1716 kam er mit ähnlicher Stärke, Holland
hatte wegen Geldmangels nur 6 Schiffe gestellt. Als er auf das
Verlangen einer bündigen Erklärung, ob die Schifffahrt jetzt sicher
sei, von Stockholm eine unbestimmte Antwort erhielt, gab er zu
erkennen, daß er nötigenfalls feindselig auftreten werde. Er verband
sich mit den Dänen und Russen in Kopenhagen, die dort für den Einfall
in Schonen bereit lagen. (Anderseits, so wird gesagt, wirkte England
aber auch dahin, daß Peter dieses Unternehmen aufgab.) Der Zar selber
führte die vereinigte Macht nach Bornholm. Von hier aus wurden einzelne
Schiffe gegen schwedische Kreuzer entsandt, die Kauffahrer nach ihren
Bestimmungshäfen geleitet und im Herbst wieder heimgeführt; die
schwedische Flotte konnte natürlich Karlskrona nicht verlassen. Genau
so, nur ohne die Russen, verliefen die Jahre 1717, =Admiral Byng=, und
1718, wieder Norris. 1717 war Holland nicht imstande, Schiffe zu
stellen. Es gingen dann auch nur 300 anstatt wie sonst 500 holländische
Kauffahrer in die Ostsee, und 1718 sandte man deshalb mit Aufbietung
aller Kräfte wieder 12 Kriegsschiffe.
=1719= vereinigte sich =Norris= im September mit den Schweden und trieb
die russische Hochseeflotte nach Reval; 1720 und 1721 hielten Norris
und Wachtmeister die Russen den ganzen Sommer über in diesem Hafen
fest.
=England und Frankreich vermittelten den Frieden.= Beide wünschten nicht,
daß Schweden niedergeschlagen und die Ostsee ein russisches Meer würde;
es war dies besonders für England wichtig, da seine Marine auf die von
dort bezogenen Schiffsbedürfnisse angewiesen war. Die Franzosen schreiben
ihrer Diplomatie den Haupteinfluß zu; sie behaupten auch, daß England
Schweden nur schwach unterstützt habe, weil es die Ostseeprovinzen zu
Nutzen seines Handels gern in Rußlands Händen sah. Dies mag zutreffen;
die englische Flotte hinderte die Verwüstung Schwedens nicht, sie trat
nur demonstrativ auf und hat, abgesehen von dem Einschreiten gegen
Kreuzer in den ersten Jahren, bei allen Operationen kaum einen Schuß
abgegeben. Aber der Druck der englischen Seemacht hat ohne Frage
wesentlich dazu beigetragen, Rußland zum Frieden geneigt zu machen. Peter
erkannte das zielbewußte Vorgehen der Engländer, sah sie vor seiner
eigenen Tür und mußte für seine junge Flotte eine Wiederholung des
Schauspieles vom Cap Passaro fürchten.
Venedig und die Türken.
Im Anfange des 18. Jahrh. fanden in einem letzten Kriege auch die langen
Kämpfe zwischen der Republik Venedig und dem osmanischen Reiche um die
Besitzungen im Ostmittelmeer ihr Ende. Im vorigen Abschnitte (Seite 109)
ist gesagt, daß Venedig mit dem Verluste von =Cypern= (1573) schon nahezu
aus dem Ostmittelmeer verdrängt war und daß es von da an langsam aber
stetig von seiner Großmachtstellung herabstieg. Es ist aber auch erwähnt
worden, daß um diese Zeit die Seemacht des osmanischen Reiches
gleichfalls ihre höchste Blüte erreicht hatte. Ihrem Vordringen im
Westmittelmeer war durch das Abschlagen der Angriffe auf Malta und Korfu
(1565) sowie durch die Schlacht bei Lepanto (1571) ein Ende gemacht
worden. Im Ostmittelmeer setzten die Türken jedoch von der Mitte des 17.
Jahrh. bis 1718 in drei Kriegen gegen Venedig ihre Eroberungen fort.[281]
[281] Hinweis auf diese Kriege siehe Seite 247, 319, 409. Hauptquellen:
du Sein: »The Ship«.
$1645$ warfen sie mit einer großen Flotte ein Heer nach $Kreta$, nahmen
=Canea= sowie =Retimo= und belagerten =Candia=. Das Bestreben Venedigs,
der Insel Unterstützung zu bringen, führte zu einem langen Kampfe um die
Seeherrschaft. Mit wechselndem Erfolge wurde gefochten, mehrfach
blockierten die Venetianer die Dardanellen, viele Seegefechte fanden
statt (z. B. 1656 eine große Niederlage der Türken vor den Dardanellen),
aber keine Partei gewann dauernd die Überhand. Zeitweise erhielt Venedig
Unterstützung durch Spanien, die Malteserritter, Genua oder den Papst,
und als Candia nach heldenmütiger Verteidigung zu fallen drohte, sandte
Frankreich eine Flotte mit Landungstruppen. Aber diese Expedition (ihre
Stärke vgl. Seite 319) blieb erfolglos, die Stadt fiel im September
1669.
Die Truppen wurden unbehindert in die Stadt geworfen (Mitte Juni). In
einem bald darauf unternommenen Ausfall trieb man zuerst die Türken in
ihre Befestigungen zurück, aber dann entstand durch Explosion eines
Pulvermagazins Verwirrung unter den Franzosen, der Führer, Herzog von
Beaufort, fiel und man mußte sich zurückziehen. Nachdem um Ende Juli
die französischen Schiffe, im Verein mit venetianischen, malteser und
päpstlichen Fahrzeugen, die türkischen Batterien ohne Erfolg beschossen
hatten, wurden die Truppen wieder eingeschifft und das Unternehmen
abgebrochen. Mangel an Vorräten, Uneinigkeit mit den Venetianern und
endlich die vorgerückte Jahreszeit werden als Gründe des Mißerfolges
angegeben.
Nach dem Falle der Hauptstadt eroberten die Türken bald die letzten
festen Plätze der Insel und behielten sie im Besitz.
$1684-1699$ wurde $ein zweiter Krieg um Morea$ geführt. Als die Türken
vor Wien abgeschlagen waren (Sobieski 1683) und in Ungarn hart bedrängt
wurden, glaubte Venedig die Zeit zur Wiedergewinnung seiner verlorenen
Besitzungen gekommen. Unterstützt durch deutsche Truppen und
Malteserritter gelang es Morea, Ägina sowie einen Teil Dalmatiens zu
erobern; Angriffe auf Euböa und Kreta schlugen dagegen fehl. Im Frieden
von Karlowitz behielt Venedig die genommenen Länder.
Bei der Belagerung Athens durch die venetianische Flotte sprengte eine
Bombe das Mittelteil des Parthenon, von den Türken als Pulvermagazin
benutzt, in die Luft.
$1714$ griffen die Türken wieder an und bemächtigten sich leicht Moreas.
Zwar trat 1716 Österreich auf seiten Venedigs und errang große Erfolge
(Prinz Eugen: Peterwardein, Belgrad), aber den Venetianern gegenüber
waren die Türken im Vorteil, besonders auch zur See. Sie behielten im
Frieden von Passarowitz 1718 Morea endgültig. Der Republik Venedig
verblieben nur das tapfer verteidigte Korfu und Dalmatien; sie war somit
in ihren Besitzungen auf das Adriatische Meer beschränkt. Nach diesem
letzten Kriege zog sich die Republik ganz zurück. Sie ließ sich auch
durch den österreichisch-türkischen Krieg 1738-1740 nicht mehr aus einer
Politik der bloßen Erhaltung des Besitzes und der Beschränkung auf den
Schutz ihrer Handelsinteressen herauslocken. =Venedig zählte weder als
Großmacht noch als Seemacht weiter mit.=
Aber $das osmanische Reich$ trat als Seemacht nicht an seine Stelle,
selbst nicht im Ostmittelmeer. Die türkische Marine, im 16. Jahrh. im
ganzen Mittelmeer gefürchtet, verlor mit dem Rückgang des Reiches stetig
an Kraft und Bedeutung. Wir haben gesehen, daß die Türken weder imstande
waren, ihren Einfluß auf die Barbareskenstaaten aufrecht zu erhalten,
noch diese gegen die Angriffe der neuentstandenen Seemächte zu schützen,
ja daß deren Flotten schon mit Erfolg im Ostmittelmeer auftraten.
Die Barbareskenstaaten 1715-1740.
Nach Beendigung des Spanischen Erbfolgekrieges trat an die Marinen der
Westmächte wiederum die Aufgabe heran, ihren Handel gegen die
Barbareskenstaaten zu schützen. So lange Jahr für Jahr starke
englisch-holländische Flotten im Mittelmeer waren, hatten diese die
Aufgabe mitübernommen und durch abgezweigte Geschwader gelegentlich
Verträge erzwungen. Derartige Erfolge nützten aber, wie wir wissen,
niemals auf längere Zeit, und so belästigten die Raubstaaten von 1715 an
den holländischen Handel wiederum auf das ärgste. Sie hielten sich an
einen Friedensvertrag von 1712 nicht gebunden, da $Holland$ die in diesem
vereinbarte Auslösung von Sklaven nicht durchführte.[282] Bis 1720 wurden
etwa 40 holländische Kauffahrer mit 900 Seeleuten und 6 Millionen Gulden
Ladungswert abgefangen; die Raubstaaten hatten gegen 50 Schiffe, einige
mit 40-50 Kanonen, im Dienst. Die Verhältnisse lagen in Holland so
traurig, daß man sich zunächst darauf beschränken mußte, Freibeuter
ausrüsten zu lassen und die alten, in den Kriegsjahren vernachlässigten
Bestimmungen über die Armierung der Levantefahrer zum Selbstschutz wieder
schärfer durchzuführen. Von 1718 an sandte man jährlich eine Division von
3-4 Kriegsschiffen und erst von 1722 an eine solche von 6-8, kleine
Linienschiffe und schwere Fregatten, in die bedrohten Gewässer; diese
führten denn auch 1725 einen Vertrag mit Algier und 1728 mit Tunis
herbei. Doch hatte infolge der halben Maßregeln der Handel weitere große
Verluste erlitten und Marokko war noch nicht zum Nachgeben gebracht. Dann
wurden die Geschwader wieder kleiner, ja von 1732 an betätigte sich die
Admiralität Amsterdam allein an dem Schutze gegen Marokko; dieser Staat
ging erst 1746 auf einen Vertrag ein.
[282] So sagt de Jonge, und zwar »wegen Geldmangels« nicht durchführte.
Diese Quelle gibt (Teil IV) wie früher genauere Schilderungen
über die Kämpfe.
Auch $Frankreich$ entsandte während der Regentschaft und in den ersten
Regierungsjahren Ludwigs XV. kleinere Geschwader, 1728 wurde Tripolis
bombardiert; sie errangen gleichfalls nur zeitliche Erfolge.
$Englands$ Flagge scheint mehr geachtet gewesen zu sein; es waren wohl
stets genügend Kriegsschiffe auf der Station. Jedenfalls war es ein
Fehler, daß die drei Mächte, die während dieser Jahre in gutem
Einvernehmen standen, sich nicht zur Unterdrückung des Seeraubes
verbanden. Es scheint aber eher das Gegenteil der Fall gewesen zu sein,
denn bei einer besonderen Gelegenheit klagen die Holländer, daß sich ein
von ihnen verfolgtes Raubschiff in den Schutz englischer Kriegsschiffe
geflüchtet habe.
Ein $Angriff Spaniens auf Gibraltar$ (1727) und der $Polnische
Thronfolgekrieg$ (1733-1735) sollen im nächsten Kapitel (Seite 596/597)
besprochen werden.
[Illustration]
* * * * *
[Illustration]
Elftes Kapitel.
Die Zeit von 1721-1739.
Übergang zum Abschnitt IV.
Die letzten Jahre unseres Abschnittes bringen keine Kriege, in denen die
Seestreitkräfte eine Rolle spielen; in den ersten zwölf Jahren nach
Beendigung des Nordischen Krieges herrschte überhaupt Friede. Dieser war
jedoch sehr unsicher, überall lag Zündstoff für zukünftige Zusammenstöße
angehäuft. Es genügt für unsere Zwecke, als Übergang zum nächsten
Abschnitt die Hauptpunkte hervorzuheben und die geschichtlichen
Ereignisse bis 1739, dem Ausbruch des nächsten großen Krieges, kurz zu
schildern.
Spanien mußte unzufrieden mit den Bedingungen sein, die ihm die
Quadrupel-Allianz 1720 aufgezwungen hatte. Sein Hauptkummer war, Neapel
und Sicilien an Österreich, Gibraltar und Port Mahon an England verloren
zu haben, sowie infolge des Assientovertrages durch den englischen
Schmuggelhandel in Westindien schwer benachteiligt zu werden. In all
diesem war England der Hauptfaktor, Spanien mußte in ihm seinen
Hauptfeind sehen.
Der Kaiser Karl VI. hatte, weil ohne männliche Nachkommen, unter dem
Titel »=Pragmatische Sanktion=« ein Erbfolgegesetz erlassen, nach dem bei
Mangel an männlichen Nachkommen die zur österreichischen Monarchie
gehörigen Länder nach dem Erstgeburtsrecht auf seine Töchter und ihre
Nachkommen, oder weiter auf die Töchter Josephs I. vererbt werden
sollten; er strebte nun dahin, für dieses Gesetz die Anerkennung der
andern Staaten zu gewinnen. Bei England und Holland hatte er aber durch
die Gründung einer ostindischen Handelskompagnie in Ostende großen Anstoß
erregt. Diese Staaten waren ja stets bemüht gewesen, einen Wettbewerb der
bisher spanischen, jetzt österreichischen Niederlande im Seehandel zu
hindern; war doch z. B. in allen Friedensbedingungen die Sperrung der
Schelde für den Handel stets aufrecht erhalten.
Endlich lag eine Gefahr für den allgemeinen Frieden in den polnischen
Verhältnissen.
Die Interessen der einzelnen Staaten führten zu verschiedenen, mehrfach
wechselnden Gruppierungen gegeneinander, die beständig den Frieden
bedrohten. Wenn nun dieser dennoch so lange bestehen blieb, so war dies
den leitenden Staatsmännern Frankreichs und Englands zu danken.
In =Frankreich= regierte tatsächlich seit dem Tode des Regenten und des
Kardinals Dubois (1723) der =Kardinal Fleury=, der Lehrer und seit 1726
der Minister Ludwigs XV. Dieser wünschte den Frieden, vor allem im
westlichen Europa, zu erhalten, um seinem Lande die Gelegenheit zur
durchaus nötigen Erholung zu geben; vielleicht schreckte er auch infolge
seines hohen Alters vor einem Kriege zurück. Unter seiner
siebzehnjährigen milden Verwaltung blühte auch Frankreich wieder auf,
insbesondere nahmen der Seehandel und die Kolonien großen Aufschwung.
Frankreichs finanzielle Lage war nach dem Frieden von Utrecht noch
bedenklicher geworden. Kurz sei auf das berüchtigte $Wirken des
Schotten Law$ hingewiesen, der sich anheischig gemacht hatte, die
Staatsfinanzen zu heben: Er gründete 1716 eine Bank auf Aktien und
knüpfte daran 1717 eine Handelskompagnie für Louisiana. Große Summen
strömten herbei, da man dem Publikum vorgespiegelt hatte, das Tal des
Mississippi berge noch größere Reichtümer als Peru. Nun wurden
bedeutende Beträge an Papiergeld ausgegeben; es war nur darauf
berechnet, den Leuten das bare Geld abzulocken, wurde doch sogar
verfügt, daß niemand mehr als 500 Lire an Bargeld besitzen dürfe. Mit
dieser Bank, seit 1718 Staatsbank unter Laws Leitung, und der neuen
Kompagnie vereinigte man 1719 die beiden alten Kompagnien für
Westafrika und Ostindien, nunmehr zusammen die »Compagnie des Indes«,
auch wurde dem Institut die Pachtung der Staatssteuern überlassen. Der
künstlich in die Höhe getriebene Wert der Aktien sank bald auf Null,
das ganze Kartenhaus brach 1720 zusammen: Frankreich war verschuldeter
als vorher.
Immerhin nahmen infolge des wachgerufenen Spekulationsgeistes und der
augenblicklichen Fülle des Kapitals Handel und Industrie einen
schnellen Aufschwung; die Spannkraft des Volkes, das nicht mehr durch
den Krieg ausgesogen wurde und nicht mehr von der Welt abgeschnitten
war, wirkte im gleichen Sinne. Seehandel und Kolonien hoben sich:
Gegenüber 300 Handelsschiffen beim Tode Ludwigs XIV. zählte die
französische Kauffahrteimarine 20 Jahre später 1800; in Westindien
erlangte Frankreich das Übergewicht über England, französische Quellen
behaupten das gleiche vom Mittelmeerhandel; in Ostindien wuchsen die
Niederlassungen, Isle de Bourbon wurde eine reiche Ackerbaukolonie und
Isle de France ein wichtiger maritimer Stützpunkt -- ein
französisch-indisches Reich, wie jetzt das englische, schien im
Entstehen (vgl. Kapitel XII).
Gewiß hat die milde, friedliche Regierung Fleurys alles dieses
begünstigt; es ist aber doch fraglich, ob es ganz in seinem Sinne
gelegen hat, er hätte dann doch wohl die Marine nicht verfallen lassen.
Seine Politik blieb wie die Ludwigs XIV. auf den Kontinent gebannt; mit
Recht sagen französische Autoren: »Die Regierung zog sich gerade in dem
Augenblicke von der See zurück, wo das Volk Anstrengung machte, diese
wieder zu gewinnen. Die verderblichen Folgen zeigten sich in den
nächsten großen Seekriegen.«
=In England= leitete seit 1721 =Sir Robert Walpole= die Politik; auch
sein Bestreben war, unter allen Umständen den Frieden zu erhalten. Ihn
bestimmte, neben der Rücksicht auf friedliches Erstarken des Handels, der
Umstand, daß die englische Thronfolge noch immer nicht endgültig geregelt
schien, und auch wohl die Besorgnis, in kriegerischen Zeiten seine
persönliche Macht zu verlieren.
Den Frieden zu erhalten wurde ihm leicht unter Georg I., der sich in
auswärtige Dinge nur einmischte, wenn sie seine Interessen in Hannover
berührten. Schwieriger war es unter dem kriegerischen Georg II., unter
dem sich Walpole überhaupt zunächst nur durch den Einfluß der Königin
halten konnte, bis er auch das Vertrauen des Königs gewonnen hatte. Es
gelang ihm, den eigentlich schon ausgebrochenen Krieg mit Spanien
(1727) schnell zu beenden und 1733 England vom Polnischen
Thronfolgekrieg fernzuhalten. Sein Ehrgeiz schuf ihm viele Gegner und
er hatte mit dem englischen Volke zu rechnen, das nicht zögerte, jede
bedrohliche Nebenbuhlerschaft auf der See und im Handel zurückzuweisen.
Einen Handelsstreit mit Spanien benützten endlich auch seine Gegner,
ihn in einen Krieg hineinzuzwingen (1739), was dann bald (1742) seinen
Rücktritt zur Folge hatte.
Durch sein finanzielles Geschick, seine friedliche und doch feste Politik
führte er England zu glänzendem materiellen Aufschwung; diese Politik
durchzuführen, ermöglichte ihm Englands Seemacht.
$1725 trat eine erste Bedrohung des Friedens auf.$ Österreich und Spanien
schlossen ein Bündnis (Wiener Vertrag, 30. April 1725), wonach dieses die
pragmatische Sanktion anerkannte und jenes sich dagegen verpflichtete,
die Ansprüche Spaniens auf Gibraltar und Port Mahon, wenn nötig mit
Waffengewalt, zu unterstützen; hiergegen verbanden sich (Herrenhausen, 3.
September) England, Frankreich und Preußen (Preußen, um seine bedrohten
Erbansprüche auf Jülich und Berg sicherzustellen). Rußland zeigte
Neigung, mit Spanien-Österreich zu gehen, und auch Preußen wurde 1726 auf
diese Seite gezogen, beide Staaten erkannten die pragmatische Sanktion
an; dem Gegenbunde gelang es aber, Holland, gereizt durch die Gründung
der Ostende-Kompagnie, sowie Dänemark und Schweden, beide Rußland
fürchtend, zu gewinnen. Zum erklärten Kriege kam es nicht. Spanien
versuchte, sich Gibraltars zu bemächtigen, jedoch die englische Flotte
verhinderte es und wirkte auch sonst schon durch ihr Auftreten.
$England entsandte 1726 drei Geschwader:$
1. 9 Linienschiffe an die spanische Küste, die dort vom Juli bis zum
Herbst kreuzten
2. 20 Linienschiffe unter Vizeadmiral Wager nach der Ostsee
(April-November), um Dänemark und Schweden zu schützen; Rußland hatte
eine starke Flotte unter Generaladmiral Apraxin in Kronstadt
zusammengezogen. Mit Wager vereinigte sich ein dänisches Geschwader und
mit Rücksicht auf diese Macht ließ sich Rußland bewegen, wieder
abzurüsten. Es soll hier Neigung zum Waffengang vorhanden gewesen, aber
dann dem Abraten des Vizeadmiral Gordon, eines Schotten, vom
selbstmörderischen Kampfe gefolgt sein.
3. Ein Geschwader unter Vizeadmiral Hosier nach Westindien, mit den
Kräften der dortigen Station 16 Kriegsschiffe stark. Dieses erschien
Anfang Juni bei Porto Bello. Infolgedessen löschte die schon beladene
Silberflotte wieder und die zur Begleitung bestimmten Kriegsschiffe
legten auf. Dann wurde, sozusagen, Westindien für mehrere Jahre völlig
blockiert, doch hatte Hosier den gemessenen Befehl, nicht zu fechten
(Walpoles strenge Friedenspolitik).
Diese Expedition veranschaulicht nochmals die hygienischen Verhältnisse
jener Zeit an Bord der Schiffe; es herrschte eine kaum glaubliche
Sterblichkeit. In den ersten zwei Jahren starben die Admirale Hosier
und sein Nachfolger Hopsons, dieser vier Monate nach seinem Eintreffen,
7 oder 8 Kommandanten, 50 Leutnants sowie 4000 Unteroffiziere und
Mannschaften.
$Spanien greift 1727 Gibraltar an.$ Dieses Vorgehen in Westindien
empfand Spanien schwer und reizte es, das noch nicht stark befestigte
Gibraltar anzugreifen; früh im Jahre 1727 begannen 15000 Mann die
Belagerung. Zum Entsatz erschien im Februar Admiral Wager mit 8
Linienschiffen, darunter 5 zu 70-80 Kanonen. Er führte viel Munition
und Kriegsbedarf sowie 17 Kompagnien Soldaten mit sich und traf schon 5
Linienschiffe sowie 2 Mörserboote an. Truppen und Vorräte wurde
gelandet, die Belagerungsarbeiten durch die Mörserboote und kleinere
Fahrzeuge unter flankierendes Feuer genommen. Gleichzeitig kreuzte
Wager in der Straße und vor Cadiz und brachte viele Schiffe auf. Der
Kampf um die Stadt wurde Ende Juni mit dem Beginn von
Friedensunterhandlungen eingestellt; da aber die Spanier nicht abzogen,
setzte Wager seine Gewaltmaßregeln auf dem Wasser fort. Februar 1728
wurde Frieden geschlossen; beschleunigt, als England eine
Verstärkungsflotte rüstete.
$In den nördlichen Gewässern$ wurden in diesen Jahren gleichfalls
Streitkräfte für den Fall bereitgehalten, daß der Krieg mit Österreich
ausbrechen sollte, sowie überhaupt zu Demonstrationen. Hieran
beteiligte sich Holland, das 1727 6 Linienschiffe (18 waren
beabsichtigt) und 1728 8 solcher im Kanal kreuzen ließ; 1729
vereinigten sich 8 Linienschiffe und 4 schwere Fregatten mit 21 engl.
Linienschiffen in Portsmouth. 1727 zeigte sich ferner eine englische
Flotte unter Admiral Norris als Demonstration gegen Rußland in der
Ostsee.
Diese mehrjährige Spannung endete damit, daß der spanisch-österreichische
Bund gelöst wurde. Der Kaiser widerrief den Freibrief der ostindischen
Kompagnie in Ostende; Spanien ließ (Vertrag von Sevilla 1729) seine
Ansprüche auf Gibraltar und Port Mahon endgültig fallen.
$1733 brach der Polnische Thronfolgekrieg aus.$ Nach dem Tode Augusts II.
wurde in Polen wiederum =Stanislaus Leszczynski= zum König erwählt.
Rußland und Österreich erkannten ihn nicht an, sondern traten für
=August= III. auf, wofür dieser der pragmatischen Sanktion zustimmte; die
Russen rückten in Polen ein. Frankreich stand auf seiten Leszczynskis des
Schwiegervaters Ludwigs XV., und Spanien verband sich mit ihm; der
gemeinsame Haß gegen Österreich führte diese natürlichen Verbündeten
jetzt wieder zusammen. Auch Sardinien schloß sich in der Hoffnung an,
Mailand zu gewinnen. Die Verbündeten sicherten sich Englands und Hollands
Neutralität durch das Versprechen, die österreichischen Niederlande nicht
erobern zu wollen; im Oktober erklärten sie den Krieg an Österreich und
griffen an. Die Spanier eroberten leicht Neapel und Sicilien, die
Franzosen Lothringen und im Verein mit Sardinien Mailand sowie die
Lombardei bis Mantua. Der König Stanislaus konnte sich jedoch in Polen
nicht halten; =eine beabsichtigte Unterstützung seitens der Franzosen
über See= unterblieb, da Fleury doch das Eingreifen Englands fürchtete.
=Stanislaus= wurde bald durch den russischen General Münnich in
=Danzig= eingeschlossen. =Fleury= hatte den Befehl zur Ausrüstung von
34 Linienschiffen in Brest gegeben, der hochbetagte Admiral Trouin
übernahm den Befehl über die sich bildende Flotte. Dieser machte sich
anheischig, Danzig zu entsetzen, wenn auch ein englisches Geschwader
erschiene; ein solches war tatsächlich im Sunde. Aber Fleury hatte mit
seinem Befehle nur der öffentlichen Meinung ein Zugeständnis machen
wollen; er hütete sich, England, das trotz seiner Neutralität eine
große Flotte zusammengezogen hatte, durch tatkräftiges Auftreten zur
See zu reizen. So wurde nur eine kleine Division mit 1500 Soldaten und
sehr vorsichtig gehaltenen Befehlen abgesandt. Diese ließ sich dann
durch die Anwesenheit des englischen Geschwaders in den dänischen
Gewässern zurückhalten, nur die Truppen sowie eine Anzahl französischer
Edelleute erreichten Danzig; die Stadt, auch von der russischen Flotte
blockiert, mußte nach tapferer Gegenwehr kapitulieren. Der König
rettete sich durch Flucht.
Schon 1735 wurde ein =Präliminarfrieden zu Wien= (definitiv 1738)
geschlossen: August III. wurde als König von Polen anerkannt; Stanislaus
erhielt Lothringen, das aber nach seinem Tode an Frankreich fallen
sollte; Frankreich stimmte der pragmatischen Sanktion zu; der bisherige
Herzog von Lothringen erhielt Parma; Österreich mußte seine
süditalienischen Provinzen als eine Sekundogenitur an den zweiten Sohn
des Königs von Spanien abtreten.
$Der Bourbonische Familienvertrag.$ So hatte Walpoles Friedenspolitik
England dahin geführt, einen alten Verbündeten, Österreich, preiszugeben,
und sein Lohn war, daß der mittlere Teil des Mittelmeeres nun doch, als
=Königreich beider Sicilien=, in bourbonische Hände und damit unter den
Einfluß Spaniens und Frankreichs kam. Walpole wurde auch sonst von Fleury
verraten. In dem Vertrage zwischen den Häusern Bourbon war nämlich $eine
geheime Klausel$ folgenden Inhalts aufgenommen: »Wenn es Spanien und
Frankreich jemals in gleicher Weise gut scheinen wird, sollen die
Mißbräuche, die sich besonders durch die Engländer in den Handel
eingeschlichen haben, abgestellt werden, und wenn sich England dem
widersetzen sollte, so verpflichtet sich Frankreich, seinem feindlichen
Auftreten mit allen Mitteln zu Wasser und zu Lande zu begegnen.« Bei dem
gespannten Verhältnis zwischen England und Spanien trug dieses Abkommen
den Keim zu den baldigen großen Kriegen zwischen England und dem Hause
Bourbon in sich.
=Die Spannung zwischen England und Spanien= blieb aber auch nach dem
Vertrage von Sevilla bestehen, ja sie nahm infolge von Reibungen in
Handelsinteressen beständig zu. So sandte z. B. England 1735 eine Flotte
nach Portugal, als Spanien eine Differenz mit diesem Staate hatte, weil
der englische Handel hier sehr beteiligt war. Vor allem aber trug der
Schmuggelhandel in Westindien und Zentralamerika dazu bei. Die engherzige
Beschränkung des Handels der spanischen Kolonien mit anderen Ländern,
während das Mutterland selber nicht für ihre Bedürfnisse sorgte, mußte
zum Schmuggelhandel führen. Diesen betrieben besonders die Engländer,
indem sie ihren auf dem Assientovertrage beruhenden rechtmäßigen Handel
einem unerlaubten dienstbar machten (siehe Seite 576 und 601). Der
Zustand war den Kolonisten günstig und wurde von ihnen, sogar von den
Gouverneuren, gefördert, aber die Regierung erlitt Verluste und fühlte
sich verletzt; sie ergriff Maßregeln zu strengerer Überwachung. Hierbei
ging sie oft zu schroff, ungesetzmäßig und grausam vor, aber auch die
englischen Seefahrer führten ihre Sache nach dem Grundsatz ihrer früheren
großen Freibeuter: »no peace beyond the line.« Wir werden im nächsten
Abschnitt näher hierauf eingehen; hier genüge es, zu sagen, daß gerade
Reibungen dieser Art, von den Widersachern Walpoles noch geschickt
benutzt, das englische Volk $1739$ bis zur $Kriegserklärung gegen
Spanien$ brachten.
* * * * *
[Illustration]
Zwölftes Kapitel.