Der Verlauf des Seekrieges.[261]

Schon $im Jahre 1701$ begannen England und Holland zu rüsten. Eine starke

gemeinsame Flotte wurde im April in Portsmouth unter =Admiral Sir George

Rooke= zusammengezogen, um beim Ausbruch des Krieges bereit zu sein.

[261] Hauptquellen: de Jonge, Teil III und IV; Clowes, Teil II;

Bonfils, Teil II; Chab.-Arnault; Mahan, Teil I; Troude, Teil I;

Colomb; Corbett »Mediterranean«, Teil II. Besonders genau sind de

Jonge und Corbett. Corbett ist sehr eingehend in strategischen

Betrachtungen, doch erscheinen diese seinem Zwecke zuliebe (vgl.

den genauen Titel des Werkes) etwas gefärbt. -- Wenn eine Quelle

Angaben macht, die andere Quellen nicht oder sehr abweichend

bringen, wird sie besonders gekennzeichnet werden (z. B. nach

Corbett).

Holland hatte 24 Linienschiffe in Dienst gestellt. Der größere Teil

davon befand sich unter Leutnantadmiral Almonde bei der gemeinsamen

Flotte; da sich aber Holland nach Besetzung der Grenzbefestigungen in

den spanischen Niederlanden durch die Franzosen auch zu Lande bedroht

sah, blieb der Rest der Linienschiffe bei Schooneveld, und zur

Beschützung der Seegatten war eine große Zahl von Fregatten, Convoijers

und flachgehenden Fahrzeugen in Dienst gestellt, Truppen waren mobil

gemacht und Marlborough stand mit 10000 Engländern in Holland.

Die Flotte blieb lange untätig. Es lag wahrscheinlich (nach Corbett) in

der Absicht Wilhelms III., als er sich im Sommer 1701 im Haag befand,

um die Verhandlungen mit Frankreich auf Grund der letzten

Vermittlungsvorschläge zu leiten, sie nach der spanischen Küste zu

senden, um einen Druck auf den Gang der Unterhandlungen auszuüben oder um

bei Ausbruch des Krieges sofort einen Angriff auf Cadiz zu unternehmen.

Hierdurch wäre nicht nur der spanische Handel arg bedroht gewesen,

sondern man hätte auch die Straße von Gibraltar beherrscht und die

Verbindung der französischen Seestreitkräfte des Mittelmeeres und des

Atlantik unterbrochen. Man mußte sogar darauf gefaßt sein, daß Frankreich

sich dieses Stützpunktes bemächtigen würde. Ludwig XIV. hatte gezeigt,

daß er mit einem Kampfe um die Seeherrschaft im Mittelmeer rechnete;

unmittelbar nach Anerkennung des Testamentes Karls II. von Spanien hatte

er die Regentschaftsjunta gebeten, die Befestigungen der spanischen

Häfen, insbesondere die von Cadiz, Gibraltar und Port Mahon zu

verstärken, und ihr zu diesem Zwecke Offiziere zur Verfügung gestellt.

Rooke soll gegen diesen Plan gewesen sein, weil er sich wie die meisten

Admirale jener Zeit scheute, so spät im Jahre nach dem Süden zu gehen,

daß er gezwungen sein würde, im Herbst mit schweren Schiffen nach dem

Kanal zurückzukehren. Wir wissen, daß auch im vorigen Kriege die

Seeoffiziere sich sträubten, bis zum Herbst an der spanischen Küste zu

bleiben, und damals standen ihnen die spanischen und portugiesischen

Häfen zur Verfügung.

Als aber die Verhandlungen nicht fortschritten und man erfuhr, daß ein

kleines französisches Geschwader unter Coëtlogon Anfang August mit

Truppen und Kriegsmaterial von Brest nach Westindien auslaufen und ein

zweites größeres (etwa 10 Linienschiffe) unter Vizeadmiral

Château-Renault in See gehen solle, wurden die Operationen zur See

begonnen; Rooke erhielt Befehl, Château-Renault zu beobachten, oder,

falls dieser schon ausgelaufen, zum Schutz des Handels vor dem Kanal zu

kreuzen. Von der Entsendung der großen Flotte nach dem Süden war also

abgesehen, sei es, daß Rookes Einwendungen Erfolg gehabt haben, sei es,

daß man es nicht für nötig hielt, weil man erfahren hatte, daß die

übrigen französischen Schiffe in Brest erst zur Indienststellung im

nächsten Frühjahr bestimmt seien. Ein Teil der Hauptflotte sollte jedoch

nach dem Süden abgezweigt werden. Rooke ging am 25. August in See,

erreichte am 13. September Ouessant und entließ hier das erwähnte

Geschwader; er ging dann nach Brest, sah, daß Renault ausgelaufen war und

kehrte nach Portsmouth zurück. Bald darauf wurde die Flotte aufgelöst und

der Winterdienst eingerichtet.

Der abgezweigte Teil der Flotte -- 25 englische und 10 holländische

(Kontreadmiral Wassenaer) Linienschiffe -- unter =Vizeadmiral Benbow= war

zunächst bestimmt, auf der Route der spanischen Silberflotte, die unter

französischer Bedeckung erwartet wurde, zu kreuzen. Sollte er sie auch

vor Ausbruch des Krieges aufbringen, wie man es früher mit holländischen

Convois gemacht hatte? In seiner Order war (nach Corbett) gesagt: Die

Franzosen zu hindern, sich der Silberflotte zu bemächtigen und »to take

care of it for those, who were intitled to it«. Später sollte Benbow dann

mit 10 englischen Linienschiffen nach Westindien zur Verstärkung dieser

Station gehen. Am 10. Oktober erreichte er die Azoren und hörte hier, daß

die Silberflotte schon in Cadiz eingetroffen sei; tatsächlich war sie gar

nicht gesegelt. Das französische Geschwader Coëtlogon hatte längere Zeit

auf sie gewartet und war dann allein zurückgekehrt (in Brest Februar

1702); die Galeonen waren nicht fertig gewesen oder zurückgehalten, weil

man die Bedeckung für ungenügend hielt. Der größere Teil des Geschwaders

Benbows ging nach England heim, er selber traf am 13. November in

Barbados ein; wir kommen später auf ihn zurück.[262]

[262] Die Ereignisse in den Kolonien sowie die des kleinen Krieges

sollen wie bisher später zusammengefaßt betrachtet werden; wir

folgen zunächst nur den Operationen der größeren Flotten.

=Château-Renault= war mit seinem Geschwader von Brest (26. August) nach

Lissabon gegangen; er sollte auf Portugal einen Druck dahin ausüben, der

Verbindung mit Frankreich treu zu bleiben. Von dort ging er nach Cadiz

(Ende Oktober). Hier traf er eine französische Flotte unter Vizeadmiral

Comte d'Estrées, der durch Aufklärungsschiffe von Benbows Expedition

unterrichtet war. Renault ging nun mit 14 Linienschiffen nach Westindien,

nahm die Silberflotte in Vera-Cruz unter seinen Schutz (März 1702) und

führte sie über Havanna nach Vigo; über seine Vernichtung dort werden wir

bald Näheres erfahren.

=D'Estrées= hatte seit Mai an der spanischen Küste einige 20

Linienschiffe, von Toulon aber auch aus Brest, zusammengezogen und nach

Cadiz geführt; ein weiterer Beweis, daß auch Frankreich die Wichtigkeit

dieser Position erkannt hatte. Durch Renault wäre er sehr verstärkt

gewesen, falls es nötig geworden wäre, der Flotte der Verbündeten

entgegenzutreten. Nach Renaults Abfahrt verließ auch d'Estrées Cadiz, wo

er nur einige Schiffe zurückließ. Er brachte spanische Truppen nach

Neapel und Sicilien, wo Aufstände der Kaiserlich-Gesinnten begonnen

hatten, und ging dann für den Winter nach Toulon zurück.

Zusammenstöße auf der See hatte also das Jahr 1701 noch nicht gebracht.

$Das Jahr 1702. Angriff auf Cadiz. Vernichtung der Silberflotte in Vigo.$

Im September 1701 war der Vertrag zwischen den Seemächten und dem Kaiser

geschlossen, nach dem die spanischen Niederlande besetzt, die

italienischen Provinzen für den Kaiser erobert werden und die Seemächte

das Recht haben sollten, überseeische spanische Besitzungen für sich zu

erwerben. England und Holland beschlossen daraufhin, frühzeitig im Jahre

1702 wieder eine große gemeinsame Flotte aufzustellen.

Es ist nun bisher angenommen, daß man mit dieser Flotte zunächst einen

Vorstoß gegen Cadiz, als den reichen und wichtigen Stützpunkt des

spanischen Handels nach Amerika, habe machen wollen und daß dann die

Seestreitkräfte weiter vornehmlich gegen diesen Handel und gegen die

spanischen Kolonien verwendet sein würden. Dies hätte ja auch dem zum

Vorteil der Seemächte im Vertrage aufgenommenen Satze in erster Linie

entsprochen. Corbett sagt aber, nach den neuesten Forschungen sei es

zweifellos, daß Wilhelm III. und mit ihm Marlborough die Einnahme von

Cadiz nicht hauptsächlich als einen Schlag gegen den Handel und daneben

als eine Diversion, sondern von einem höheren strategischen Standpunkte

aus ins Auge gefaßt habe. Er habe von Anfang an beabsichtigt, die

Seeherrschaft im Mittelmeer zu erringen, um die französischen

Streitkräfte zu trennen, Frankreich von den Zufuhren im Mittelmeer

abzuschneiden, in den Landkrieg in Italien einzugreifen, ja, in

Frankreich selber vom Süden her einzudringen; hierzu war es nötig, den

Verbündeten Stützpunkte zu verschaffen, die England dann wohl behalten

wollte.

Da sich die Angaben der anderen Quellen über die Operationen wohl mit

dieser Ansicht in Einklang bringen lassen und da anderseits jene

Quellen über =die Vorgeschichte der Cadiz-Expedition= Näheres nicht

enthalten, so sei eine solche nach Corbett gegeben:

Rooke legte im Januar 1702 dem Könige einen Plan für die Verwendung der

Flotte vor. Er rechnete mit einer gemeinsamen Flotte von 80 englischen

und 50 holländischen Linienschiffen; was sonst noch an Seestreitkräften

vorhanden war, bestimmte er für den Schutz des Handels im Kanal. Von

der großen Flotte sollten nur 30 Engländer und 20 Holländer mit 8000

Mann Landungstruppen nach dem Süden gehen, um »irgend etwas« in Spanien

oder Portugal zu unternehmen. Über die Verwendung des größeren Restes

sagt der Plan nichts; er sollte wohl im Norden bleiben, um

französischen Unternehmungen entgegenzutreten oder die feindlichen

Küsten zu bedrohen. Es war dies also -- so sagt Corbett -- nicht viel

mehr als die unbestimmte Defensivstrategie zur Zeit Elisabeths, gegen

die schon Drake energisch gesprochen hatte.

Während nun Holland und die deutschen Fürsten mit diesem Plane wohl

einverstanden waren, in der Hoffnung, daß dadurch französische Truppen

von ihren Grenzen abgezogen würden, hatte Wilhelm III. (und

Marlborough) eben mit den vorhin erwähnten Absichten die Inbesitznahme

von Cadiz durch die Hauptflotte im Auge und hiermit stimmten der Kaiser

und Prinz Eugen in Hinblick auf den Krieg in Norditalien und auf die

Eroberung beider Sicilien überein. Mit Beziehung hierauf sagt Corbett:

»Wenn nun bisher angenommen wurde, die Seemächte hätten anfangs den

Krieg hauptsächlich gegen Handel und Kolonien führen wollen, das

Unternehmen gegen Cadiz habe nur diesem Zwecke dienen sollen und nur

durch Zufall -- durch den Ausbruch des Landkrieges in Spanien 1704 --

sei die Haupttätigkeit der Seestreitkräfte ins Mittelmeer verlegt, so

ist das nicht zutreffend; Wilhelm schaute weiter. Es wird dies schon

durch die erste Instruktion bewiesen, die Rooke erhielt, als der Krieg

(4. Mai) erklärt war. (Die Order war nicht mehr vom Könige

unterzeichnet, aber in seinem Sinne gehalten.) Sie besagte, Rooke solle

Cadiz oder -- falls sich herausstellte, daß dieser Platz zu stark oder

von einer zu großen Flotte gedeckt sei -- Gibraltar, Vigo, Ponta Vedra,

Coruña oder sonst einen geeigneten Hafen nehmen und den Landtruppen

dort ein genügend starkes Geschwader lassen, um ihn zu halten; dann

erst solle ein Teil der Flotte mit 2000 Mann nach Westindien abgezweigt

werden. Angriffe auf spanische Kolonien standen also nach Zeit und

Bedeutung erst in zweiter Linie, einen Stützpunkt für Operationen im

Mittelmeer zu gewinnen, war die Hauptsache. Die Befehle für die Flotte

in späteren Jahren, auch ehe Karl III. in Portugal landete, bestätigen

dies und zeigen auch, daß man schon damals daran dachte, Frankreich vom

Mittelmeer aus anzugreifen. Marlborough sagte später im Oberhause, er

habe Befehl von der Königin erhalten, mit Prinz Eugen über einen

Angriff auf Toulon zu unterhandeln, dessen Eroberung Ihre Majestät von

Beginn des Krieges an als das beste Mittel zu seiner Beendigung erkannt

habe.«

Nach vorstehendem ist anzunehmen, daß die Operationen für das Jahr 1702

dem Plane Wilhelms entsprechend angesetzt sind, sie wurden aber nicht mit

der nötigen Tatkraft begonnen und durchgeführt. Der König befand sich in

den Niederlanden, wurde bald schwer krank und starb vor der

Kriegserklärung. Die Königin Anna führte zwar die Politik in seinem Sinne

fort, konnte aber den Widerstand, der sich dem geplanten Vorgehen zur See

von gewisser Seite entgegenstellte, nicht überwinden; Marlborough, der

dieses mit aller Kraft weiter vertrat, befand sich bei dem Heere auf dem

Festlande.

=Die Rüstungen der Verbündeten= hatten rechtzeitig begonnen. Holland

beschloß 48 Linienschiffe in Dienst zu stellen, England hätte demnach 80

zur gemeinsamen Flotte liefern müssen und diese würde 128 Schlachtschiffe

stark gewesen sein; mit 130 rechnete ja auch Rooke in seinem Plane. Auf

der Flotte, die nach Spanien gehen sollte, wollte man 10000 englische und

5000 holländische Soldaten einschiffen. Es währte jedoch sehr lange, bis

eine gemeinsame Flotte operationsbereit war; die Gründe der Verzögerung

sind wohl in der Krankheit und dem Tode (8. März) Wilhelms zu suchen.

Wenn auch die holländischen Schiffe sich schon im März in den Seegatten

sammelten, so verging doch nach dem Tode Wilhelms lange Zeit mit

Verhandlungen, inwieweit der alte Vertrag über die Aufstellung der

gemeinsamen Flotte bestehen bleiben solle (endgültig abgeschlossen erst

am 9. Juni 1703), und erst am 31. Mai kam das holländische Kontingent

in Spithead an. Hier fand es auch die englische Flotte noch nicht

bereit; es fehlte besonders an Soldaten für das Landungskorps, weil die

neuerrichteten Seeregimenter noch nicht voll aufgestellt waren, aber

auch sonst waren die Rüstungen im Rückstande.

Erst Ende Juni lagen bei St. Helens seeklar: 30 englische und 20

holländische Linienschiffe über 50 Kanonen, 13 Fregatten, 9 Brander, 8

Mörserboote und zahlreiche Transporter für Soldaten, Proviant und

Kriegsmaterial sowie 6 Hospitalschiffe, insgesamt 160-200 Segel; etwa

9000 englische und 4000 holländische Soldaten, in beiden Ländern meist

den Seeregimentern entnommen, waren eingeschifft. Den Oberbefehl führte

=Admiral Rooke=, die Holländer kommandierte Leutnantadmiral =von

Almonde=; das Landungskorps stand unter den Generalen =Herzog von Ormond=

(englisch) und =de Sparre= (holländisch).

Neben dieser Hauptflotte hatte Holland ein Geschwader von 15

Linienschiffen unter Vizeadmiral Evertsen an der flämischen Küste gegen

Unternehmungen der Franzosen auf diese im Dienst und England eine

Flotte von 30 Schiffen (später noch verstärkt) unter =Admiral Shovel=

im Kanal, die bei Abwesenheit der Hauptflotte Brest blockieren und den

Handel schützen sollte. In beiden Staaten war also die geplante Stärke

der Gesamtindienststellung nicht erreicht.

Aber auch jetzt begannen die Operationen noch nicht, obgleich der Krieg

am 4. Mai erklärt war. Wenn nun auch dieser weitere Verzug wohl mit eine

Folge des Personalwechsels in den höheren Stellungen der englischen

Admiralität nach dem Tode Wilhelms III. war -- Mitte Mai war der Gemahl

der Königin Anna, Prinz Georg von Dänemark, zum Lordhighadmiral ernannt;

der vorhin angeführte Befehl für die Flotte wurde erst am 7. Juni

erlassen --, so wird doch allgemein die Hauptschuld dem Admiral Rooke

zugeschrieben. Wieder äußerte dieser mit fortschreitender Jahreszeit

seine Bedenken, die großen Schiffe nach dem Süden zu führen; die Order

entsprach eben nicht seiner Ansicht. Unterstützt wurde er durch Shovel,

der erklärte, mit seinen 30 Schiffen könne er seine Aufgabe nicht lösen;

Shovel äußerte auch, wenn man dem Feinde nur gleich sei, könne man nie

auf einen entscheidenden Sieg rechnen.[263]

[263] Näheres Corbett, Teil II, Seite 211. Corbett fügt hinzu: Zum

Glück haben englische Admirale diese Lehre öfter durch die Tat

widerlegt als befolgt.

Die neue Admiralität bestand nun zwar noch energischer auf der

Durchführung des Planes Wilhelms -- der Bruder Marlboroughs, der in der

Admiralität angestellt war, hatte großen Einfluß auf den Prinzadmiral und

arbeitete im Sinne seines Bruders, während der vorhergehende

Lordhighadmiral Lord Pembroke die Ansicht Rookes teilte --, sie hatte

jedoch in ihrem Streben, Rooke anzutreiben, wenig Erfolg.

Über die =Rüstungen der Franzosen= in diesem Jahre liegen nähere Angaben

nicht vor; aus den französischen Quellen kann man entnehmen, daß sowohl

in Brest wie in Toulon zahlreiche Indienststellungen stattgefunden haben,

die zusammen wohl eine Flotte gebildet hätten, mit der die Gegner rechnen

mußten. Kleinere Geschwader oder Divisionen waren wie zu Ende des vorigen

Krieges zum Schutz der Häfen, zur Bedrohung des feindlichen Handels oder

zu bestimmten Zwecken in Dienst gestellt; einige von diesen (unter

berühmten Führern, wie: du Casse, Saint-Pol; Forbin, Trouin) werden uns

bei Betrachtung des kleinen Krieges beschäftigen.

Eine solche Abteilung sei hier erwähnt, da sie von Bedeutung für den

Landkrieg in Norditalien war. Dort war =Prinz Eugen= auf Zufuhren von

Triest über Venedig angewiesen, und im Juni 1702 erschien =Forbin= mit

einigen Fregatten im Adriatischen Meere. Es gelang ihm, die Verbindung zu

unterbrechen, doch wurde er bald abberufen, weil er zu scharf gegen die

neutrale Republik Venedig vorging; immerhin war die Folge, daß die

Befehle für die Flotte der Verbündeten später darauf hinwiesen, das

Adriatische Meer von französischen Streitkräften freizuhalten.

Eine zweite Abteilung gab den Anlaß zu den ersten Operationen der

Hauptflotte der Verbündeten. Eine auf Erkundung im April ausgesandte

englische Fregatte meldete, daß sich in La Rochelle ein Geschwader

sammle, um Truppen von Ferrol oder Coruña nach Westindien zu bringen

sowie Galeonen dorthin zu geleiten. (Es war du Casse mit 6 Linienschiffen

und 8 Transportern.) Infolgedessen wurden im Mai 9 Linienschiffe nebst 2

Fregatten ausgesandt, um du Casse abzufangen. Der Führer, =Sir John

Munden=, sichtete am 27. Mai 14 Franzosen bei ihrem Einlaufen in Ferrol.

Da er sie alle für Kriegsschiffe hielt und auch nach anderen Nachrichten

17 feindliche Linienschiffe in Ferrol vermutete, ging er nach England

zurück (Ende Juni dort. In kriegsgerichtlicher Untersuchung

freigesprochen, wurde Munden doch der öffentlichen Meinung zuliebe

entlassen). Nun beschloß der Kriegsrat der Flotte, zu einem See- und

Landangriff gegen Coruña vorzugehen und sich dann gegen Cadiz zu wenden;

die Admiralität stimmte bei, hielt aber auch ihre früheren Befehle

aufrecht und betonte, falls der Spätherbst vor Lösung der Aufgaben

einträte, solle Rooke die schweren Schiffe in dem von ihm genommenen

spanischen Hafen bergen; alles zur Neuausrüstung Nötige werde man

hinaussenden.

Anfang Juli sandte =Rooke= etwa die Hälfte der Flotte -- 22 Linienschiffe

unter Admiral Fairborne -- voraus; sie sollte die Franzosen in Coruña

festhalten oder, wenn diese schon ausgelaufen wären, ihn bei Finisterre

erwarten. Er selbst verließ mit dem Rest bald darauf St. Helens, blieb

dann aber wieder »wegen Gegenwindes« in Torbay liegen; seine Bedenken

wegen der schweren Schiffe hatte er immer wieder zur Sprache gebracht.

Endlich gelang es der Admiralität, ihn dadurch in Bewegung zu setzen, daß

sie verfügte, Shovel solle ihm seine schweren Schiffe gegen leichtere

umtauschen, wodurch auch dieser seinem Wunsche gemäß verstärkt würde.

Dies paßte Rooke nicht; er verließ, ehe Shovel ihn erreichte, am 1.

August den Kanal.

Der Admiralität erschien ein baldiges Auslaufen geboten, weil von Benbow

in Westindien die Nachricht eingegangen war (14. Juli), daß

Château-Renault im März mit der Silberflotte die Heimreise antreten

werde. Diese war, wie wir wissen, im Vorjahre zurückgehalten und Spanien

fühlte schmerzlich den Ausfall; mit ihrem Abfangen konnte ihm ein

schwerer Schlag zugefügt werden. Es wurde deshalb der Befehl erlassen,

daß Rooke die spanische Küste von Cadiz nördlich und Shovel die

französische von Brest südlich sperren solle. Im übrigen blieb die alte

Order wieder bestehen, nur wurde Gibraltar von den etwa zu nehmenden

Plätzen gestrichen und auch dem Admiral freigestellt, mit den schweren

Schiffen heimzukehren, sobald ein Hafen genommen sei; er habe dann Shovel

durch 10-12 gute Schiffe zu verstärken, falls Renault noch nicht

eingetroffen sei. Man glaubte in England und in Frankreich, Renault würde

die Silberflotte nach einem französischen Hafen führen.

Am 10. August traf Rooke bei Finisterre ein und stellte fest, daß die

Franzosen Coruña verlassen hatten. Sie waren schon vor Fairbornes Ankunft

ausgelaufen; dieser war durch Sturm vom Rendezvousplatze vertrieben,

vereinigte sich aber am 18. August vor Lissabon mit der Hauptflotte.

Jetzt wandte sich $Rooke gegen Cadiz$. Dieses Unternehmen sollte jedoch

kläglich verlaufen, da es ohne jede Tatkraft und Umsicht ins Werk gesetzt

wurde; dies ist um so auffallender, als es doch so lange vorbereitet war

und man die Erfahrungen des glorreichen Angriffes 1596 (Howard und Essex)

sowie des Mißerfolges 1625 (Wimbledon) für sich hatte. Der diesmalige

Mißerfolg wird von den Quellen den verschiedenen Führern zugeschrieben:

die Holländer (z. B. de Jonge) klagen den General Ormond des Mangels an

Tatkraft an, hervorgerufen durch Unfähigkeit oder gar böse Absicht, weil

er ein Gegner Marlboroughs gewesen sei; englische Quellen (und zwar fast

alle) schieben die Schuld mehr auf die Lauheit Rookes und seiner

Flaggoffiziere (Fairborne ausgenommen) sowie auf Mangel an Einigkeit

zwischen den Land- und Seeoffizieren. Die Schilderung wird zeigen, daß

beide Auffassungen ihre Berechtigung haben; hinzu trat noch die

Einwirkung des =Prinzen Georg von Hessen-Darmstadt=,[264] der sich als

Repräsentant des Kaisers auf der Flotte befand. Dieser sprach gegen jedes

allzu schroffe Auftreten, in der Absicht; die Bevölkerung Südspaniens

für Habsburg zu gewinnen oder sie wenigstens nicht dagegen auf zubringen;

man muß annehmen, daß seine Bedenken dann den englischen Führern ganz

erwünscht kamen. Von Rooke sagen Zeitgenossen, er habe von dem

Unternehmen so gleichgültig gesprochen, daß man daraus hätte folgern

können, er würde dem Feinde nicht viel Schaden tun; er lag auch während

der Ausreise und während des Angriffs fast stets krank (?) im Bett. $Der

Angriff$ bietet wenig von Bedeutung.

[264] Der Prinz von Hessen befand sich in Portugal, um den König für

das Bündnis gegen Frankreich zu gewinnen; als die Flotte

erschien, schiffte er sich ein. Die englischen Quellen nennen ihn

»den fähigsten Mann« auf der Flotte. Er war im vorigen Kriege als

Gouverneur von Katalonien die Seele des Widerstandes gegen die

Franzosen gewesen und bei den Spaniern sehr beliebt; er fiel 1705

bei der Eroberung von Barcelona.

Am 23. August ankerte die Flotte in der Bucht westlich von Cadiz. Hier

lagen 3 Kriegsschiffe und einige (4-6) Galeren der Franzosen, die in

den Hafen einliefen; Fairborne wollte sofort folgen, aber Rooke verbot

es. Auf der Reise war öfters Kriegsrat abgehalten, meist Land- und

Seeoffiziere getrennt, es bestand jedoch noch kein Plan über das, was

man unternehmen und wie weit man gehen wollte. Eine Aufforderung zur

Übergabe, gestellt in der Hoffnung auf habsburgische Gesinnung in der

Stadt, wurde abgelehnt; man erfuhr, daß die Befestigungen gut im Stande

seien, und daß 4000-5000 Mann in der Stadt lägen, und hielt deshalb

einen Handstreich für ausgeschlossen. Nach seiner Instruktion hätte

Rooke sich jetzt gegen einen anderen Hafen wenden können; die Order

scheint nur mit einem Handstreich gerechnet zu haben, sei es, um nicht

zu viel aufs Spiel zu setzen oder um nicht zu lange Zeit auf eine

Belagerung zu verwenden, sei es, um die Bevölkerung zu schonen, aus

demselben Grunde, den der Prinz von Hessen vertrat. Ein gemeinsamer

Kriegsrat beschloß aber den Angriff.[265] Der Generalstabschef Ormonds

schlug nach einer Erkundung vor, auf der Insel Leon, also möglichst

nahe östlich von der Stadt, zu landen; der Kriegsrat lehnte es ab,

vielleicht aus seemännischen Gründen (zu offene Küste). Die Truppen

wurden zwischen S. Catalina und Rota ausgeschifft und Rota besetzt;

beides geschah ohne nennenswerten Widerstand. Erst nach fünf Tagen

marschierte Ormond nach S. Maria, das verlassen vorgefunden wurde; auch

hier blieb man vier Tage untätig stehen, plünderte aber die Stadt, ja

selbst die Kirchen, und diese Plünderung, an der sich sogar Offiziere,

auch der höheren Dienstgrade, beteiligten, wirkte höchst nachteilig für

die habsburgische Sache. Große Weinlager waren gefunden worden und die

schlecht in Disziplin gehaltenen, meist betrunkenen Leute »behaved in a

most disgraceful and abominable manner« (nach Clowes). Inzwischen war

S. Catalina von den Mörserbooten beschossen und ergab sich sofort einem

heranrückenden kleinen Truppenteil.

[265] Vgl. die Skizze von Cadiz, Seite 136, der nur hinzuzufügen ist,

daß an der von Puerto S. Maria nach West laufenden Küste von

genannter Stadt 5 km entfernt die kleine Festung S. Catalina, und

15 km entfernt die offene Stadt Rota liegt.

Bis dahin waren also Erfolge erzielt, wenn auch langsam; Almonde soll

stets versucht haben, durch General Sparre bei Ormond auf lebhafteres

Vorgehen hinzuwirken. Jetzt mußte man den Hafen und Cadiz selbst

angreifen; hierzu war die Mitwirkung der Flotte nötig. Man wollte das

Fort Matagorda nehmen, das dem Fort Puntales gegenüber gelegen die

Einfahrt von Osten her deckte, sowohl um der Flotte das Einlaufen in

den Hafen zu erleichtern, als auch um von dort die Truppen auf die

Insel Leon überzuführen. General Sparre marschierte mit 3000 Mann über

Puerto Real vor das Fort, konnte aber wegen der schlechten Wege nicht

genügend Artillerie hinschaffen. Die Flotte machte Schwierigkeiten,

Truppen usw. von S. Maria oder Rota dorthin zu bringen: die Schiffe

müßten erst Wasser nehmen und könnten auch die Boote nicht entbehren.

Geradezu ablehnend verhielt sich Rooke nicht, aber er tat auch nichts.

Schon waren Schiffe zum Forcieren bestimmt gewesen, falls Matagorda

gefallen sei, später jedoch äußerte sich der Kriegsrat der Seeoffiziere

wieder, auch dann könnten die Schiffe nicht einlaufen; er schlug vor,

zunächst die Stadt in einer »günstigen« Nacht zu beschießen. Hiergegen

sprach aber der Prinz von Hessen und auch Rooke fand nie günstiges

Wetter. Matagorda hielt sich, unterstützt durch das Feuer der Galeren,

und die Spanier versenkten Schiffe in der Einfahrt. Der Kriegsrat der

Landoffiziere erklärte, ohne Hilfe der Flotte könne das Landungskorps

das Fort nicht nehmen und nicht vor die Stadt gelangen, da es der

schlechten Wege und der vielen Wasserläufe halber von P. Reale nicht

ganz über Land bis zur Insel Leon marschieren könne; zu einer

förmlichen Belagerung fehle ihm überhaupt das nötige Material. So wurde

am 16. September allgemein beschlossen, das Unternehmen aufzugeben;

nachdem alle Magazine mit Schiffs- und Kriegsvorräten in den besetzten

Plätzen verbrannt waren, schiffte man am 25. September die Truppen ein.

Man hatte nichts erreicht als die Vernichtung einiger Magazine, und weit

mehr hatte die Plünderung der Ortschaften der allgemeinen Sache

geschadet.

Rooke und sein Kriegsrat beschlossen, nach England zurückzukehren, sie

hatten nur die Sicherheit der Schiffe im Auge. Es ist möglich, daß auch

die Lauheit bei dem Unternehmen teilweise dem Gedanken zuzuschreiben ist,

die Flotte unversehrt zu erhalten, falls eine französische sich zeigen

sollte. Vergeblich versuchte der Prinz von Hessen, unterstützt durch die

Generale und durch Almonde, Rooke zu bewegen, einen anderen Hafen zu

nehmen. Der Prinz wies auf die in der Instruktion genannten Städte hin,

Rooke fand bei allen seemännische Bedenken; der Prinz schlug einen Hafen

an der Ostküste vor -- z. B. Valencia, Aragonien und Katalonien würden

sich gegen Philipp V. erheben -- Rooke sagte, seine letzte Order verböte

ihm, weiter als Cadiz zu gehen. Eine Rückkehr nach England lag keineswegs

in der Absicht der englischen Regierung, wie aus späteren Befehlen zu

ersehen ist. Der Admiral hat diese wohl nicht rechtzeitig erhalten; aber

auch eine Aufforderung des englischen Gesandten (Methuen) in Portugal,

nach Lissabon zu kommen und dort zu überwintern, konnte seinen Entschluß

nicht ändern.

Am 1. Oktober verließ die Flotte die Bucht von Cadiz, nahm vor Lagos

Wasser, zweigte hier 6 Linienschiffe mit 2000 oder 3000 Mann auf

Transportern unter Kapitän Walker nach Westindien zur Verstärkung Benbows

ab und trat dann die Reise nach England an.

Einige Andeutungen über die ebenerwähnten späteren Befehle (genauer in

Corbett, Teil II, Seite 266): Mitte August wurde Rooke die Einnahme von

Cadiz dringender als bisher ans Herz gelegt; man wußte, daß Frankreich

wieder im Adriatischen Meere sich zeige, und glaubte, daß von Toulon

eine größere Macht dorthin abgehen solle. Mit dem Zurückbringen seiner

Schiffe im Winter brauche Rooke nicht zu rechnen; er könne in Cadiz

bleiben, weil im Frühjahr eine große Flotte im Mittelmeer auftreten

solle. (Marlboroughs Plan gegen Südfrankreich und Eroberung Neapels für

den Kaiser.)

Ein zweiter Befehl, Mitte September, als die ungünstigen Nachrichten

von Cadiz eingetroffen, weist wiederum auf Einnahme eines anderen

Platzes hin. Man wollte Rooke an der spanischen Küste festhalten, weil

man wußte, daß die Silberflotte bald ankommen müsse und in einen

spanischen Hafen einlaufen wolle.

Die dritte Verfügung, vom 24. September, als man annahm, die

Silberflotte müsse schon unbemerkt eingelaufen sein, fordert wieder die

Eroberung von Cadiz; jedenfalls müsse Ormond kräftig unterstützt

werden, die großen Schiffe solle Rooke, wenn durchaus nötig, nach

Lissabon schicken. Methuen teilte ihm mit, er könne dorthin kommen. Der

König schwanke schon, seitdem die Flotte an der Küste sei; käme eine

Streitmacht in den Tajo, so würde er den Verbündeten beitreten. Diese

Nachricht erhielt Rooke in Lagos.

Stürmische Gegenwinde ließen die Reise längs der Küste nur langsam

fortschreiten und hierdurch sollte Rooke die Gelegenheit finden, einen

großen Schlag zu tun:

$Die Vernichtung der Silberflotte in Vigo.$ =Château-Renault= hatte mit

dieser unbelästigt Westindien verlassen können; auf den Azoren hörte er,

daß Rooke mit der Hauptflotte an der spanischen Südküste sei. Seinem

Vorschlage, die Galeonen nach einem französischen Hafen zu bringen, trat

der spanische Admiral entgegen -- »spanischer Stolz« sagen die

französischen Quellen; »Mißtrauen gegen ihren Verbündeten« meinen die

englischen --, so entschloß er sich, nach Vigo zu gehen. Am 27. (21.?)

September traf er dort ein, gerade noch rechtzeitig, denn auch =Shovel=

hatte Mitte September den Befehl erhalten, von der französischen Küste

nach Finisterre zu segeln. Methuen in Lissabon scheint Renaults Ankunft

sehr spät erfahren zu haben, denn erst zehn Tage darauf kam sein Bote mit

der Nachricht in Faro an. Die Flotte hatte soeben die Reise fortgesetzt,

so daß der Konsul trotz aller Bemühungen Rooke nicht mehr erreichen

konnte. Der Bote traf aber noch einige Transporter beim Wassernehmen und

der Kommodore der begleitenden Kriegsschiffe sandte sofort eine Fregatte

(Kapitän Hardy) der Flotte nach.

Nach einer anderen Erzählung erfuhr der Kommodore die Ankunft der

Silberflotte durch beurlaubte Offiziere -- besonders einen Prediger --,

denen gegenüber der französische Konsul damit großgetan hatte, daß

Renault den Verbündeten entwischt sei; es ist wohl eine Sage.

Daß der Angriff auf die Silberflotte überhaupt ganz dem Zufall zu

verdanken sei, wie oft gesagt, ist nicht richtig. England hatte alle

Schritte dazu getan: Methuen gab acht, Shovel hatte entsprechenden

Befehl und auch Rooke versuchte sich zu unterrichten. Er fragte auf

seiner Reise in Faro an und schickte auch ein Schiff nach Lissabon,

doch konnte dieses wegen Sturmes nicht gleich wieder auslaufen. Von

England waren acht Fahrzeuge an Shovel und Rooke mit dem Befehle

abgesandt, Renault auf der Reise oder in Vigo anzugreifen; Shovels

Station wußte man und Rooke hatte seine Kreuzer so vor sich verteilt,

daß er voraussichtlich jede Nachricht von England erhalten mußte.

Hardy traf die Flotte bei Finisterre (17. Oktober), Rooke rief seine

Kreuzer zurück und sandte sie gegen Vigo, um die Richtigkeit der

Nachricht zu prüfen; er selber folgte mit der Flotte. Das schlechte

Wetter hatte zwölf Stunden die Kommunikation zwischen Hardy und dem

Admiral gehindert und erst am nächsten Tage konnte ein Kriegsrat

stattfinden, zu dem auch nur die zu Luward stehenden Flaggoffiziere

erschienen. Der Angriff auf Vigo wurde beschlossen. Auf dem Wege dorthin

erfuhr Rooke, daß Shovel in der Nähe sei. Er rief ihn zur Mitwirkung

heran, wartete jedoch nicht auf seine Ankunft. Sobald die Verhältnisse in

Vigo erkundet waren, ging man zum Angriff über.

Im Kriegsrat soll ein großer Teil der englischen Offiziere dagegen

gewesen sein, in so später Jahreszeit an der gefährlichen Küste etwas

zu unternehmen; Almonde soll energisch dafür eingetreten sein, Rooke

nur zögernd eingewilligt haben. Rooke fühlte sich auch während der

Durchführung des Angriffes zu krank, um die Kajüte zu verlassen!

Château-Renaults Flotte bestand aus 15 (13?) französischen

Linienschiffen, darunter 11 über 70 Kanonen, 3 spanischen, einigen

kleineren Kriegsschiffen und 3 Brandern; die Silberflotte zählte 13

Galeonen, 20-30 Kanonen, mit Edelmetallen und wertvollen Gütern

beladen. Von dem Silber war allerdings der größere Teil schon

ausgeschifft und vieles auch schon landeinwärts gebracht. Der

französische Admiral hatte sich nach Möglichkeit eine gute Stellung

geschaffen. Die meisten Schiffe und die Galeonen waren in die Bucht von

Redondela gelegt; das Fort im Süden der nur 3/4 Seemeilen breiten

Einfahrt hatte man durch eine Batterie verstärkt (zusammen 38 Kanonen)

und eine zweite Batterie im Norden gebaut (20 Kanonen). In die Einfahrt

war eine schwere Floßsperre gelegt, flankiert durch 2 der schwersten

Linienschiffe, hinter der Sperre waren 5 Linienschiffe im Halbmond

vermoort; diese lagen aber etwas zu weit von der Sperre, um die

heransegelnden Feinde gerade bei ihr mit vollem Feuer zu überschütten.

[Illustration: Vigo 23. Oktober 1702.]

Die Flotte der Verbündeten segelte am 22. Oktober trotz rauhen und

unsichtigen Wetters in die Bucht von Vigo ein; unbehindert, weil sich

außerhalb der Enge nur bei der Stadt einige schwache Befestigungen

befanden. Der Kriegsrat der Flaggoffiziere setzte den Angriff für den

nächsten Tag an: 15 englische und 10 holländische Linienschiffe, meist

über 70 Kanonen und mit allen Flaggoffizieren, sollten in 7 Gruppen von

3-5 Schiffen die Sperre forcieren, unterstützt von den Mörserbooten und

Brandern; etwa 4000 Mann sollten landen und die Befestigungen des

Südstrandes nehmen. Am 23. mit Tagesanbruch wurde dem Plane gemäß

verfahren. =Vizeadmiral Hopson= führte die erste Gruppe (5 Engländer),

=Vizeadmiral van der Goes= die zweite (3 Holländer) und nur diese

beiden kamen zur Verwendung.

Die Landung ging (2000-3000 Mann) unter dem Schutze einiger Schiffe

ohne Widerstand vor sich; spanische Milizen (8000? Mann), die dem

Feinde entgegentraten, wurden leicht in die Flucht geschlagen und

darauf die Befestigungen trotz tapferer Gegenwehr (300 bis 500

französische Seesoldaten nebst einigen Spaniern) genommen. Das

Landungskorps besetzte Redondela und machte hier reiche Beute an schon

gelandeten Gütern; wenn sich auch zahlreiche Mannschaften der Schiffe

am Lande befanden, so war doch kein Widerstand organisiert, allgemeine

Flucht riß ein. Der Angriff zu Wasser war weniger leicht, wurde aber

mit Bravour durchgeführt. Mit der Landung hatten die Schiffe Anker

gelichtet, mußten aber wegen Windstille gleich wieder ankern. Als bald

darauf Wind aufsprang, kappte Hopson sofort sein Kabel und sprengte

unter äußerstem Segeldruck die Sperre; der Wind schlief wieder ein, so

daß seine Hinterleute nicht dicht aufgeschlossen bleiben und die Sperre

nicht beiseite drängen konnten, zwei Holländer z. B. blieben hängen und

mußten sich mit Beilen loshauen. Ein englisches Linienschiff legte sich

zwar vor die Nordbatterie und kämpfte sie nieder, aber Hopson lag

allein zu Anker hinter der Sperre in schwerem Kampf mit den

flankierenden Franzosen, bis bei wieder aufkommendem Winde nach und

nach die Schiffe der beiden Gruppen durchsegelten.

Nun begann das Vernichtungswerk. Auf den feindlichen Schiffen herrschte

Verwirrung und Schrecken, Renault gab selber bald den Befehl, die

Schiffe anzuzünden oder auf Strand zu setzen. Der Widerstand war sehr

gering; nur Hopsons Flaggschiff wurde durch einen Brander in Flammen

gesetzt, mit Mühe wurde das Feuer gelöscht. Bis Sonnenuntergang waren 6

französische Linienschiffe und 5 noch reich beladene Galeonen genommen,

die übrigen Schiffe verbrannt oder gesunken. Der Verlust der

Verbündeten war sehr gering, nur Hopsons Schiff hatte gegen 100 Tote,

am Lande waren etwa 40 Mann gefallen. Der Verlust der Gegner war

bedeutender, vornehmlich an Gefangenen, doch wurden diese bis auf die

Offiziere -- worunter Renault, mehrere französische Kapitäne und auch

der spanische Admiral -- freigelassen.

Wohl mit Recht sagt Colomb, daß es von Renault richtiger gewesen sein

würde, nur die Galeonen in die innere Bucht zu legen und mit den

Kriegsschiffen den Gegner in der äußeren Bucht zu erwarten, wo er die

Breitseiten aller Schiffe hätte zur Verwendung bringen können. Er muß

seine Stellung für unbedingt sicher gehalten haben; es ist doch auch

auffallend, daß man während der drei Wochen nicht alle Schätze der

Galeonen geborgen hatte. Renault wurde zwar später Marschall, doch

nicht wieder zur See verwendet; man traute seinem Stern nicht mehr.

Der Erfolg war groß. Frankreich verlor bei Beginn des Krieges ein

stattliches Geschwader, Spanien einen großen Teil seiner Hilfsmittel. Die

Silberflotte mit der Bergwerksausbeute von zwei Jahren soll eine der

reichsten gewesen sein, die je gefahren ist. Portugal erkannte die Macht

der Seemächte. Colomb nimmt diesen Fall als Beispiel für das Gelingen von

Unternehmungen gegen Land, wenn man die See beherrscht. Daß die

Verbündeten die See beherrschten, war eine Folge der falschen

Kriegführung der Franzosen, hervorgerufen durch falsche Sparsamkeit oder

Unverständnis. Man hätte eine Flotte zur Aufnahme Château-Renaults

zusammenziehen können; in Brest, Toulon sowie den kleineren Häfen waren

Divisionen im Dienst und an Schiffen fehlte es überhaupt noch nicht.

Für =Rooke= war der Vorfall von großem Nutzen. In England wie in ganz

Europa war der Eindruck großartig, er verdunkelte in diesem Jahre die

Erfolge Marlboroughs und Eugens; in Holland wurden Dankgottesdienste und

Freudensalute in allen Grenzfestungen angeordnet. Der Admiral wurde

wieder beliebt, besonders im Unterhause, und die Klagen Ormonds im

Oberhause über mangelhafte Unterstützung seitens der Flotte hatten keinen

Erfolg. Rooke verteidigte sich dagegen mit der schlechten Vorbereitung

der Expedition; eine Sache, auf deren nähere Untersuchung die Minister

und die Admiralität lieber nicht eingingen.

Seine Abneigung gegen die Pläne der Regierung zeigte Rooke nochmals

gleich nach Vigo. Einige Tage nach dem Ereignis traf Shovel ein, ihm

überließ der Chef die weiteren Maßregeln für Verladen der Beute

und Kanonen, Segelfertigmachen der Prisen, Zerstörung des

Nichtmitzunehmenden, Einschiffen der Truppen; er selbst ging mit dem

größten Teil der Flotte, darunter die ihm so sehr am Herzen liegenden

Dreidecker, nach England. Shovel folgte einige Tage später. Vergeblich

hatten wiederum der Prinz von Hessen und Ormond gebeten, auch die Stadt

Vigo zu nehmen, dem Landungskorps ein starkes Geschwader zu lassen und

so den gewünschten Stützpunkt zu schaffen. Rooke ging nicht darauf ein,

er hatte auch sofort seine Transporter mit Proviant und Material nach der

Heimat vorausgesandt. Corbett sagt: »So hat Rooke doch seinen Willen

behalten. Der Plan der Regierung war gescheitert, er aber hat »etwas an

der Küste getan« (wider Erwarten sogar einen großen Erfolg erzielt) und

seine Schiffe vor dem Winter heimgebracht.«

Die Flotte wurde nach Rückkehr aufgelöst, die großen Operationen waren zu

Ende.

$Die Jahre 1703 und 1704. Einnahme von Gibraltar, Schlacht bei Malaga.$

Das Jahr 1703 bringt uns wenig Tatsachen, eigentlich nur Pläne, die erst

in späteren Jahren zur Ausführung kommen. Im Winter 1702/03 fanden in

London Beratungen über die nächsten Operationen statt, denen auch

Marlborough und de Almonde beiwohnten; es war für dieses Jahr dem Kaiser

versprochen worden, ihn bei der Eroberung beider Sicilien zu

unterstützen. Es wurde beschlossen, schon im Februar 30 englische und

12-15 holländische Linienschiffe ins Mittelmeer zu senden; da man annahm,

daß Rooke nicht damit einverstanden sein würde, sollte er »mit Rücksicht

auf seine Gesundheit« die Admiralität übernehmen. Diesen Plan ließ man

jedoch fallen, entweder weil die Schiffe wegen der späten Rückkehr im

Vorjahre nicht fertig geworden waren, oder und wahrscheinlicher weil der

Kaiser infolge der ungarischen Unruhen keine Truppen stellen konnte. Man

setzte nun eine 96 Schiffe starke Flotte im Kanal fest, von der nur 35

Linienschiffe unter =Shovel= für das Mittelmeer abgezweigt werden

sollten. Der Befehl für diese[266] lautete: den Frühjahrs-Levanteconvoi

sicher bis Malta zu führen; die Verträge mit den Barbaresken zu erneuern

und sie womöglich zur Kriegserklärung gegen Frankreich zu bewegen;

Toskana und Venedig, die zu Frankreich neigten, zu strenger Neutralität

zu zwingen; das Adriatische Meer für Österreich freizuhalten, dieses in

Norditalien sowie die habsburgische Partei in Neapel zu unterstützen; bei

günstiger Gelegenheit Cadiz, Toulon oder andere spanische oder

französische Häfen anzugreifen; endlich im September/Oktober den

Levanteconvoi heimzuführen. (Nach Corbett war in einem Begleitschreiben

der Hauptwert auf Sicherung der Convois gelegt.) Shovel sollte frühzeitig

segeln, wurde aber sehr verzögert und dadurch gehindert, etwas von

Bedeutung auszuführen; der Rest der Seestreitkräfte war noch tatenloser,

für die Flotte im Kanal stellte Holland kein Schiff.

[266] Genauer Corbett, Teil II, Seite 228 ff.

Holland stellte in Dienst: 12 Linienschiffe für die Nordsee,

hauptsächlich zur Deckung der erwarteten Ostindienfahrer; 10

Linienschiffe gegen Dünkirchen und gegen eine Division Galeren in

Ostende. Es sollte 18 Linienschiffe für das Mittelmeer stellen, brachte

es aber nur auf 12, die erst am 25. Juni in Spithead eintrafen. Außer

Amsterdam und Maas klagten die Admiralitäten über Geldmangel; Wilhelm

von Oranien fehlte eben.

Die Hauptflotte der Engländer unter =Rooke= trat frühzeitig, aber nur

nach und nach zusammen; genaue Angaben fehlen, englische Quellen nennen

sie »vast«. Ihre Order war »so altmodisch wie möglich, ganz nach Rookes

Geschmack« (nach Corbett): Im Kanal und in der Biscaya die Küsten

bedrohen, um französische Truppen vom Landkriege abzuziehen, den Handel

zu stören und die feindlichen Divisionen in den Häfen festzuhalten.

Selbst hierin wurde nichts geleistet. Rooke blieb untätig in Spithead;

als Ende April bekannt wurde, daß ein Geschwader von Brest nach Toulon

gehen wolle, erhielt er ausdrücklichen Befehl auszulaufen; er schützte

Krankheit vor und gehorchte erst, als man mit seiner Ablösung drohte. Die

Flotte kreuzte dann den Sommer über, ohne mit dem Feinde

zusammenzustoßen, zu obengenannten Zwecken; dazu würde auch die Hälfte

der Streitkräfte genügt haben.

Das langsame Sammeln der Hauptflotte und das späte Eintreffen der

Holländer hielten =Shovel= auf, erst am 12. Juli ging er mit 35

Linienschiffen in See. Inzwischen waren zwei wichtige Punkte zu seinen

Aufgaben hinzugetreten. Als Portugal sich offen gegen Frankreich erklärt

hatte, rüstete Ludwig XIV. ein Geschwader in Toulon gegen dieses Land aus

und auch das erwähnte Brestgeschwader war wohl dazu bestimmt -- in diesem

Jahre die einzigen Anzeichen für ein geplantes größeres Unternehmen von

seiten Frankreichs. Ferner hatten sich in Südfrankreich die

protestantischen Bauern erhoben (die Camisarden, Cevennenkrieg) und auch

Savoyen zeigte sich den Verbündeten geneigt. Wenn man Savoyen gewann und

den Empörern die erbetene Unterstützung, von Cette her, gewährte, mußten

die Franzosen in Norditalien in sehr bedrängte Lage kommen. Hierfür

erhielt Shovel entsprechende Befehle, auf Portugal brauchte bei seiner

Abfahrt schon keine Rücksicht mehr genommen zu werden. Ludwig hatte die

Indienststellungen in Toulon aufgegeben, da er die Rüstung der

Verbündeten für das Mittelmeer überschätzte; Portugal wurde dadurch

überzeugt, daß die Seemächte es schützen könnten. Dies war aber auch der

einzige Erfolg der diesjährigen Mittelmeerexpedition, zu allem andern war

sie zu spät in See gegangen.

Shovel erreichte erst am 5. August Lissabon. Der Vorschlag Almondes,

Cadiz anzugreifen, fand im Kriegsrat keinen Anklang; Shovel erklärte,

seine anderen Aufgaben, insbesondere die Unterstützung der Camisarden,

gingen vor. Am 9. September auf der Höhe von Cartagena angekommen,

beschloß der Kriegsrat, wegen der vorgerückten Jahreszeit nur 2

Kriegsschiffe mit Waffen und Kriegsmaterial an die gefährliche Küste bei

Cette zu senden, mit der ganzen Flotte aber und mit den dorthin

bestimmten Kauffahrern nach Livorno zu gehen; wieder schlug Almonde vor,

gerade wegen der vorgerückten Jahreszeit die Kauffahrer nur unter einer

Bedeckung segeln zu lassen und zu versuchen, mit der Flotte doch noch

andere der gestellten Aufgaben zu lösen. Die nach Cette gesandten Schiffe

kehrten bald zurück, die verabredeten Signale waren von den

Aufständischen nicht beantwortet worden. Infolge ungünstiger Winde traf

die Flotte erst am 30. Oktober in Livorno ein, die Zeit ihrer Heimfahrt

war also schon längst gekommen. Die kurze Spanne, die allenfalls noch

geopfert werden konnte, benutzte Shovel zur Einwirkung auf Toskana.

Großen Eindruck soll es in Livorno gemacht haben, als die Flotte auf

die Nachricht, daß Karl von Österreich zum König von Spanien ausgerufen

sei, Salut feuerte.

In Livorno hörte man, daß zwar noch keine österreichischen Truppen in

Neapel seien, daß es aber sehr günstig gewesen wäre, wenn die Flotte

dort erschienen wäre, wie Almonde vorgeschlagen hatte. Wir wissen, daß

dieser schon im vorigen Kriege oft das Richtige geraten und auch

durchgesetzt hatte. Jetzt aber, nach Wilhelms III. Tode, war das

Verhältnis zwischen den englischen und holländischen Offizieren sehr

viel schlechter geworden; diese beklagten sich mehrfach darüber, daß

sie nicht mehr beachtet würden und natürlich gegen die überwiegende

Stimmenzahl im Kriegsrate nicht durchdringen könnten.

Die Flotte ging dann nach England zurück, von dem holländischen

Kontingent überwinterten 6 Linienschiffe in Lissabon. Erreicht war also

nur, daß Frankreich sich im Mittelmeer nicht rührte, daß Toskana

eingeschüchtert wurde, und vielleicht hat das Erscheinen der Flotte auch

Savoyens Abfall von Frankreich beschleunigt. Eine zu den Barbaresken

gesandte Flottenabteilung hatte zwar die Verträge erneuert, aber die

Kriegserklärung gegen Frankreich nicht erreicht.

Ein nachgesandter Befehl, ein Geschwader für das Adriatische Meer

zurückzulassen, traf Shovel nicht mehr. Er hätte ihn auch nicht

befolgen können, da die Schiffe zu schlecht ausgerüstet waren und die

Besatzungen sehr unter Krankheit litten.

Nach dem Eintreffen in der Heimat erlitten die so wenig

widerstandsfähigen Schiffe ein großes Unglück. In einem schweren und

anhaltenden Sturme, Ende November bis Anfang Dezember, gingen in den

Downs 9 Linienschiffe und 4 andere Fahrzeuge mit 1500 Mann verloren,

die übrigen Schiffe wurden fast zu Wracks. Shovels Flaggschiff rettete

sich durch Kappen der Masten; Vizeadmiral Fairborne wurde, vor dem

Sturme lenzend, bis in die Ostsee vertrieben, und galt bis zu seiner

Rückkehr im Frühjahr für verloren; in diesem Sturme wurde auch der

Leuchtturm von Eddystone völlig weggewaschen.

Wie $das Jahr 1704$ im Landkriege sehr bemerkenswert ist, so bringt es

auch zur See wichtige Unternehmungen sowie die einzige Seeschlacht dieses

Krieges. =Portugal= war den Gegnern Frankreichs nur unter der Bedingung

beigetreten, daß der von diesen aufgestellte König Karl III. in Lissabon

lande und von hier aus sein Reich erobere; die Seemächte sollten dazu

10000 Mann Infanterie und 2000 Kavallerie stellen sowie ständig eine

Flotte in den portugiesischen Gewässern halten. Die Verhandlungen hatten

schon im Sommer 1703 begonnen, zogen sich aber so lange hin, daß die

Rüstungen erst im November fertig wurden, und nun hinderte die

ebenerwähnte Sturmperiode, die am 21. November einsetzte und fast den

ganzen Dezember andauerte, das Zusammentreten der Expedition in

Portsmouth.

Der größere Teil des für die Expedition bestimmten holländischen

Kontingents wurde auf der Fahrt von Texel nach der Maas in die Nordsee

vertrieben und traf erst am 3. Januar in Portsmouth ein. In der Maas

lag der Rest der Holländer sowie eine Anzahl englischer Schiffe, mit

dem König Karl, seiner Begleitung und Truppen an Bord; auch dieser Teil

der Flotte konnte erst am 3.-4. Januar nach England hinübergehen.

Sowohl in der Nordsee wie in der Maas waren die meisten Fahrzeuge --

Kriegsschiffe, Transporter und Kauffahrer --, denn auch ein Convoi

sollte angeschlossen werden -- schwer beschädigt, so daß längere

Ausbesserungen nötig waren; die sechs Wochen in der Nordsee gewesenen

Schiffe mußten ihre Ausrüstung ergänzen.

Erst am 16. Januar 1704 konnte die Flotte Spithead verlassen und

kanalabwärts segeln, wurde aber durch Sturm wieder nach Torbay

zurückgetrieben und dort drei Wochen festgehalten, bis sie endlich am 24.

Februar die Reise antrat. Den Oberbefehl führte =Sir George Rooke=; die

Flotte zählte 17 (18?) englische und 12 holländische (Leutnantadmiral

Callenburgh) Linienschiffe, einige Fregatten, 3 holländische Mörserboote

und Transporter mit Truppen; ein großer Convoi schloß sich an, so daß

gegen 300 Segel beisammen waren. Um König Karl möglichst bald

überzuführen, segelten 23 Linienschiffe voraus; der Rest der

Kriegsschiffe folgte mit dem Convoi später, traf aber nur wenige Tage

nach dem Könige in Lissabon ein.

Holland hatte sich verpflichtet, 24 Linienschiffe zu stellen. 6 waren

im Vorjahre in Lissabon geblieben, 12 stießen zu Rooke, es fehlten also

6. Zwar stellte die Republik 1704 wieder 35 in Dienst, behielt aber 17

in den nördlichen Gewässern, geteilt in 3 Geschwader: Schutz der

Nordsee; gegen Dünkirchen und die Galeren in Ostende; zum Erwarten der

Ostindienfahrer. Zum Handelsschutz traten noch 35 Konvoijers hinzu. Man

erreichte, daß in diesem Jahre Handel und Fischerei geringere Verluste

erlitten, als je zuvor in diesem oder dem früheren Kriege; die

Franzosen wagten nur wenige Vorstöße und diese schlugen fehl. Aber

England erhob doch später die Klage, Holland habe die »gemeinsame«

Sache vernachlässigt.

England stellte im Frühjahr unter =Shovel= noch eine zweite Flotte auf

-- das West-France-Squadron, 25 Linienschiffe, das auch bald ins

Mittelmeer ging.

Nach der Landung des Königs und der Truppen, Mitte März, ging Rooke mit

dem größeren Teile der Flotte in See, um an der spanischen Küste gegen

den Handel zu kreuzen und um eine Vereinigung der französischen

Mittelmeerstreitkräfte mit denen des Atlantik zu hindern.

Ludwig XIV. hatte für dieses Jahr noch einmal eine Gesamtverwendung

seiner Kräfte ins Auge gefaßt. Im Vorjahre waren die Divisionen in den

nördlichen Häfen blockiert, der Handel hatte sehr gelitten und auch die

Toulonflotte war am Auslaufen gehindert. Jetzt sollte alles

zusammengezogen werden, um, gestützt auf Toulon und die spanischen Häfen,

schon von der Straße von Gibraltar an die Seeherrschaft im Mittelmeer zu

behaupten. In allen Häfen wurde eifrig gerüstet. Es wurden auch insgesamt

etwa 55 Linienschiffe in Dienst gestellt und schließlich vereinigt -- im

Norden scheint nur in Dünkirchen eine Division von 3-5 Schiffen

zurückbehalten zu sein --, aber wegen Geldmangels blieben die Rüstungen

sehr zurück, besonders in Toulon. Die Atlantikflotte, 25 Schiffe unter

dem Admiral von Frankreich, dem jetzt 26 Jahre alten =Graf von Toulouse=,

lief am 6. Mai von Brest aus und erreichte, wie wir sehen werden, Anfang

Juni wohlbehalten Toulon; die Toulonflotte, 30 Schiffe, war aber erst

Ende Juli seeklar. Als man in England erfuhr, daß die Divisionen in den

atlantischen Häfen bereit seien, erhielt =Shovel= (Mitte April) den

Befehl, seine eben erwähnten Kräfte zusammenzuziehen und auszulaufen; er

sollte ausgehende Convois sowie die Zufuhren nach Lissabon schützen, die

Vereinigung der französischen Divisionen hindern oder, wenn diese schon

geschehen, den Gegner in Brest festhalten und, falls dieser schon nach

dem Süden ausgelaufen sei, zu Rookes Verstärkung ihm folgen.

Corbett sagt: »Man findet hierin den von Oranien (und Marlborough)

zuerst gefaßten und seitdem fast stets durchgeführten Gedanken, daß das

Kanal- und das Mittelmeergeschwader als »eine« Flotte zu betrachten

ist, die je nach der Verteilung der feindlichen Kräfte innerhalb oder

außerhalb der Straße von Gibraltar zusammen oder geteilt verwendet

wird.«

Shovel erhielt bei Lizard Mitte Mai die Nachricht, daß Toulouse schon in

See sei, er suchte ihn vergeblich vor dem Eingang des Kanals und ging

dann nach dem Süden. Ende Juni vereinigte er sich mit =Rooke=, dessen

Operationen wir jetzt folgen müssen, da sie allein für den Krieg von

Bedeutung sind; in wie enger Verbindung sie mit dem Landkriege standen,

zeigen die Befehle, die Rooke erhielt. Der erste Befehl hatte nur besagt,

Portugal und König Karl bei der Eroberung Spaniens zu unterstützen und

die Vereinigung der Franzosen zu hindern. Bald darauf wurde aber

hinzugefügt, der Admiral könne auch an der Küste der Provence zur

Unterstützung Savoyens auftreten, und dieser Zusatz erhielt Ende März

eine genauere Fassung. Man hatte erfahren, daß Frankreich beabsichtige,

Nizza und Villafranca zu erobern, um nach dem Abfall Savoyens eine

sichere Verbindung mit dem Heere in Italien, auch über See, zu behalten.

Rooke bekam deshalb Befehl, ins Mittelmeer zu gehen und sich so zu

halten, daß er den Städten sofort Hilfe bringen könne, wenn er gerufen

würde. Der Befehl war sonst ähnlich, wie der Shovel im Jahre 1703

gegebene: Unterstützung des Landkrieges in Norditalien; Abschneiden der

Seeverbindung der französischen Heere, ihr Freihalten für die

Kaiserlichen; auch der Befehl, die Vereinigung der Franzosen zu hindern,

blieb bestehen. Aber der Wirkungskreis der Flotte war doch jetzt

ausdrücklich =ins= Mittelmeer verlegt, mit dem Hinzufügen, daß König Karl

auch an der Ostküste Spaniens erfolgreich unterstützt werden könne. Rooke

erhielt aber gleichzeitig (nach Corbett) geheime Instruktionen und

Marlborough stand jetzt in geheimer Beratung mit Prinz Eugen über ihr

gemeinsames Vorgehen. Auch hatte der General den Herzog von Savoyen

benachrichtigt, daß im Frühjahr 1704 eine mächtige Flotte erscheinen

werde, um ihn zu unterstützen; er selbst wolle durch einen kräftigen

Vorstoß Ludwig XIV. hindern, seine Truppen in Italien zu verstärken.

Rooke wurde nun dahin verständigt, daß der Krieg in Spanien für die

Flotte, ja für den ganzen Kriegsplan, nicht die Hauptsache sei. Mit dem

Vorstoß Marlboroughs und Eugens an der Donau -- dem linken Flügel der

langen französischen Stellung solle durch Savoyen und die Flotte ein

Angriff auf Toulon -- die Mitte dieser Stellung und den Stützpunkt der

französischen Macht am Mittelmeer -- erfolgen, die Eroberung Spaniens sei

nur als eine Diversion auf dem rechten Flügel anzusehen. Die Flotte habe

sich an den Unternehmungen in Spanien nur soweit zu beteiligen, als zur

Verbergung ihrer Hauptaufgabe nötig sei; wenn der Angriff auf Toulon

gelungen wäre, solle Rooke versuchen, Neapel und Sicilien zu gewinnen.

Dieser Plan sei streng geheim zu halten, gelte aber als Hauptrichtschnur

der Flotte, solange Savoyen mitwirken wolle; nur die Unterstützung Nizzas

und Villafrancas sowie das Festhalten der Toulonflotte gehe vor.

Corbett fügt hinzu: Dieses Programm war für Rooke allerdings kaum

durchführbar und hing zu sehr von Savoyen ab. Und doch darf es nicht

ganz als eine Illusion verworfen werden, sondern kann als einen Hinweis

auf die große strategische Kraft betrachtet werden, die in einer

Mittelmeerflotte (einer englischen?) liegt. Bei richtiger Auffassung

der Lage und dementsprechender Verwendung seiner Streitkräfte konnte

Rooke vier französische Armeen festhalten und sie hindern,

Verstärkungen nach dem Hauptkriegsschauplatz abzugeben.

=Rooke= erhielt die letzte Order Ende April in Lissabon, als er von

seiner Kreuzfahrt zurückkam, und machte sie im Kriegsrate bekannt, soweit

sie nicht geheim war; es wurde beschlossen, sofort ins Mittelmeer zu

gehen, um in Katalonien für König Karl zu operieren und doch für die

bedrohten Städte bei der Hand zu sein. Am 8. Mai verließ Rooke mit 33

Linienschiffen und den 3 Mörserbooten Lissabon; bei Kap Palos wurden 6

Franzosen, die von Toulon ausgelaufen oder in Spanien gewesen waren, ohne

Erfolg gejagt; gegen Ende des Monats traf die Flotte in =Barcelona= ein.

Der =Prinz von Hessen= war der Überzeugung, daß sich die Stadt für König

Karl erklären werde, sobald eine militärische Demonstration gegen sie

gemacht würde; es wäre dies auch vielleicht eingetroffen, wenn nicht der

Gouverneur ein tatkräftiger Mann gewesen. Am 30. Mai wurden 1600

Seesoldaten ohne Widerstand gelandet und dem Prinzen zur Verfügung

gestellt, die Mörserboote legten sich in Schußweite bereit. Aber auf die

Aufforderung zur Übergabe eröffneten die Spanier das Feuer gegen die

Mörserboote und als diese am nächsten Tage einige Bomben geworfen hatten,

wurde bekannt, daß der Gouverneur die vornehmsten Anhänger Karls

verhaftet habe, daß andere geflohen seien und daß die Besatzung gewillt

wäre, auszuhalten. Zu einer förmlichen Belagerung war das Landungskorps

nicht stark genug, eine ernstliche Beschießung der Hauptstadt einer

vorwiegend habsburgisch gesinnten Provinz wollte man vermeiden und Rooke

mußte ja auch nach seinem Geheimbefehl alle Unternehmungen hier nur als

Diversionen betrachten, war also geneigt, sich nicht zu weit einzulassen.

Die Einschiffung der Soldaten wurde beschlossen, zu ihrer Deckung und zur

Genugtuung der herbeigeströmten karlistischen Landbevölkerung warf man

noch einige Bomben, dann ging die Flotte nach den Hyèren-Inseln in See.

Eine Division wurde zur Erkundung gegen Toulon abgezweigt, vereinigte

sich aber bald wieder mit der Hauptmacht. Bei den Hyèren erhielt Rooke

vom englischen Gesandten in Lissabon die Nachricht, daß =Graf Toulouse=

mit den Schiffen von Brest auf der Fahrt zum Mittelmeer an der

portugiesischen Küste gesehen sei. Da eine der Hauptaufgaben der

verbündeten Flotte war, eine Vereinigung der französischen Streitkräfte

zu hindern, und da die andern nur gelöst werden konnten, wenn man die See

beherrschte, beschloß der Kriegsrat (5. Juni) ganz richtig, Toulouse

entgegenzugehen, ihn anzugreifen oder, falls er gesichert in Cadiz läge,

nach Lissabon zu gehen, um Shovel, dessen Order man kannte, aufzunehmen

und dann Toulouse zu folgen.

Corbett sagt hierzu: Auch nach seiner Geheiminstruktion mußte Rooke so

handeln, da sich die Verhältnisse geändert hatten. Als der Gesandte

Englands im April nach Turin kam, sah er, daß der Herzog dem Plane

eines Angriffs auf Toulon nicht mehr geneigt war; Holland soll, mehr

auf den Schutz seines Handels bedacht und deshalb gegen größere

Unternehmungen im Mittelmeer gestimmt, von einer so gewagten Operation

abgeraten haben. Auch wurde in England bekannt, daß Frankreich von dem

Angriff auf Nizza und Villafranca abgesehen habe, um die dafür

bestimmten Truppen zur Armee in Piemont (Belagerung Turins) stoßen zu

lassen, sowie, daß die österreichischen Truppen in Norditalien zu

schwach seien, um einen Erfolg in der Provence zu erzielen.

Infolgedessen erging ein neuer Geheimbefehl an Rooke, nach dem neben

der Beobachtung der Brestflotte der Hauptwert wieder auf den Krieg in

Spanien gelegt wurde; der Admiral habe sich zu diesem Zweck dem König

von Portugal und Karl III. zur Verfügung zu stellen. -- Diesen Befehl,

von Mitte Mai, kann Rooke allerdings bei den Hyèren nicht mehr erhalten

haben, wohl aber vom Gesandten in Turin die Nachrichten, durch die er

hervorgerufen war.

Schon am 7. Juni bekamen die Aufklärungsschiffe und am nächsten Tage die

Flotte Toulouse in Sicht, 40-50 Segel, darunter etwa 25 Linienschiffe.

Die Franzosen standen zu Luward und bildeten die Gefechtslinie; flauer

Wind hinderte zwei Tage hindurch die Verbündeten, näher heranzukommen,

sowie auch den Versuch, den Gegner von Toulon abzuschneiden -- Clowes

sagt, mit dem Abhalten eines Kriegsrates sei Zeit verloren worden. Da

sich die Flotten immer mehr Toulon näherten und man damit rechnen mußte,

daß aus diesem Hafen Verstärkungen entgegenkommen würden, brach man die

Verfolgung ab und nahm die Reise nach Lissabon auf. Den Franzosen war die

Vereinigung geglückt.

Rooke traf am 26. Juni in der Bucht von Lagos mit Shovel zusammen. Es war

also kein Grund mehr da, nach Lissabon zu gehen, und die Flotte, jetzt

56-58 Linienschiffe, war selbst der vereinigten französischen gewachsen.

Die Admirale, die jetzt nur noch diese im Auge hatten, wären gern ins

Mittelmeer zurückgegangen, am nächsten Tage aber erhielt Rooke den

offenen Befehl, sich ganz den beiden Königen zur Verfügung zu stellen. Er

mußte also in Lissabon anfragen, und da er wußte, daß den Königen viel an

einem Unternehmen in Andalusien, besonders gegen Cadiz, liege, erklärte

er sich bereit, auf dem Weg ins Mittelmeer diese Stadt anzugreifen, falls

genügend Landtruppen zur Verfügung ständen. Die Antwort erwartend, ging

er zum Wassernehmen nach Malaga -- er mußte sich mit Waffengewalt der

Wasserplätze bemächtigen -- und hielt dann die Straße von Gibraltar

besetzt. Erst gegen Ende Juli traf die Antwort ein; sie war zustimmend,

aber Truppen waren nicht verfügbar. Da faßte der Kriegsrat am 27., 20

Seemeilen östlich von Tetuan, den Beschluß, von Cadiz abzusehen, aber

$Gibraltar zu erobern$.

Auf eine Eroberung der Stadt Cadiz zu verzichten, war wohl richtig. Zwei

Jahre vorher war sie trotz der Verwendung eines großen Landungsheeres

nicht gelungen, jetzt standen nur die Besatzungen der Schiffe zur

Verfügung; man durfte auch nicht wagen, die ganze Flotte für eine nicht

absehbare Zeit festzulegen, da doch mit dem Erscheinen der französischen

Seestreitkräfte gerechnet werden mußte. Bei Gibraltar lag die Sache

anders, die Befestigungen waren unbedeutend und die Besatzung schwach;

beides war bekannt und man konnte von einem plötzlichen Angriff Erfolg

erwarten, ohne viel aufs Spiel zu setzen. Ein Handstreich erforderte

weder lange Zeit noch die Verwendung der ganzen Flotte -- sogar weit

weniger Schiffe, als tatsächlich dazu herangezogen wurden --, der

Hauptteil konnte bereitgehalten werden, den Franzosen entgegenzutreten.

[Illustration: Bay von Gibraltar]

Die von Natur sehr starke Lage der Festung war damals noch nicht

ausgenutzt, der Fels noch nicht befestigt Im Mittelalter war die an der

Westseite des Felsens terrassenförmig liegende Stadt nur mit Stadtmauer

und Türmen umgeben, eine Mole (die alte) bildete den Galerenhafen. Später

waren die Mauern durch modernere Umwallungen ersetzt, ein Fort im Süden

der Stadt am Strande erbaut, durch eine neue Mole ein Hafen für

Segelschiffe geschaffen und dieser durch kleine Kastelle auf dem

Molenkopfe sowie am Strande geschützt; immer blieb es nur eine

Befestigung zum Schutz gegen Überfälle der Barbaresken. Eine Citadelle

war nicht vorhanden, weil das alte maurische Schloß in der Stadt als

solche aufgegeben und ein Ersatz noch nicht geschaffen war; die bei

Beginn des Krieges von französischen Genieoffizieren geplanten

Verbesserungen hatte man noch gar nicht in Angriff genommen. Die

Besatzung betrug kaum 100 Mann regulärer Truppen, die sonst zur Verfügung

stehenden waren in den wichtigeren Häfen Andalusiens zusammengezogen; mit

der Miliz gebot der Gouverneur kaum über 500 Mann und 100 Geschütze, eine

Macht, für die selbst die vorhandenen Befestigungen noch zu ausgedehnt

waren.

Nachdem der Angriff beschlossen war, ankerte die Flotte in der

Tangerbucht. Hier wurden die Dispositionen ausgegeben und die

Vorbereitungen getroffen. Ein kleines Geschwader wurde nach Osten

gesandt, um auf der Höhe von Malaga als Vorposten gegen die Franzosen zu

dienen, die Flotte segelte am 31. Juli zur $Ausführung des Angriffes$

nach Gibraltar hinüber.

Voran liefen 17 Linienschiffe nebst den 3 Mörserbooten unter

Kontreadmiral =Byng=; sie waren zum Angriff von See aus bestimmt und

ankerten am 1. August dicht unter der Stadt. Rooke mit dem Rest der

Flotte, auf dem auch die Seesoldaten der Schiffe Byngs eingeschifft

waren, legte sich auf die Westseite der Bucht von Gibraltar. Sofort

wurden 1800 Seesoldaten gelandet; sie marschierten unter Befehl des

=Prinzen von Hessen= nach der Landenge und schlossen die Stadt vom

Festlande ab; der Prinz ließ diese im Namen König Karls zur Übergabe

auffordern. Byng war von den Batterien mit Feuer empfangen, da er aber

vor der Beantwortung der Aufforderungen die Feindseligkeiten nicht

eröffnen sollte, warpte er seine Schiffe aus dem Feuerbereich. Während

der Nacht traf keine Antwort ein. Byng gab am 2. August morgens den

Befehl, die Beschießungsstellung einzunehmen. Während der Ausführung,

die den ganzen Tag bis in die Nacht hinein in Anspruch nahm, kam die

Antwort des Gouverneurs, daß er die Stadt als treuer Soldat verteidigen

werde; Rooke sandte nun noch 5 Schiffe. Die Schiffe wurden

folgendermaßen in eine Linie gelegt: 6 Holländer, 60-70 Kanonenschiffe

unter v. d. Dussen, gegenüber der alten Mole; 10 Engländer, 70

Kanonenschiffe unter Byng, gegenüber der Stadt und dem Südfort; 6

Engländer, unter Kapitän Hickes, gegenüber der neuen Mole.

Der 2. August ging ohne ernstlichen Kampf hin. Die Spanier versuchten

von Zeit zu Zeit durch ihr Feuer die Manöver zu hindern; Byng ließ

während der Nacht, um den Feind zu beschäftigen, von den außer der

Linie liegenden Mörserbooten einige Bomben werfen und ein französisches

Schiff, das an der alten Mole lag, durch Boote verbrennen. Am 3. August

mit Hellwerden war die Stellung eingenommen und zwar so nahe am Lande,

daß z. B. Byng nur 1 bis 2 Fuß Wasser unter dem Kiel hatte. Die Spanier

eröffneten wieder das Feuer, dieses wurde jetzt aber von allen Schiffen

der Verbündeten breitseitweise beantwortet. Man sah noch die Einwohner,

Frauen und Kinder, aus der Stadt nach der Kirche S. Maria von Europa,

auf der Südspitze des Felsens gelegen, flüchten, dann nahm der

Pulverrauch alle Aussicht, so daß Rooke durch Boote zunächst den Befehl

geben mußte, das Feuer der oberen Batterien einzustellen, um überhaupt

ein Zielen zu ermöglichen, später das Feuer ganz abzubrechen, um den

Erfolg festzustellen. Es war gegen Mittag, der Feind hatte seit einer

Stunde nicht mehr geantwortet. Das Feuer der Verbündeten scheint nicht

viel Wirkung gehabt zu haben -- nach de Jonge; die anderen Quellen

schweigen darüber -- nur auf Hickes' Division wurde bemerkt, daß das

Fort auf der Südmole außer Gefecht gesetzt war und daß die Besatzung

floh. Hickes sandte die Meldung an Byng, daß eine Landung hier Erfolg

verspreche. Byng ließ seine sämtlichen Boote armieren und bat Rooke um

die der übrigen Schiffe; schon ehe diese kamen, ging Hickes mit seinen

Booten vor, die Byngs schlossen sich nach und nach an. Beim Nahen der

ersten Boote begannen die Flüchtlinge aus der Kirche nach der Stadt

zurückzuströmen; als das Flaggschiff dieses durch einige Schüsse

hindern wollte, hielten die andern Schiffe es für das Signal zur

Wiederaufnahme des Feuers, was für kurze Zeit geschah.

Die Landung fand keinen Widerstand, brachte aber doch empfindliche

Verluste, da ein Pulvermagazin im Molenkastell durch Unvorsichtigkeit

der ohne Ordnung Vordringenden aufflog; mehr und mehr verstärkt setzten

sich die Gelandeten vor dem Südfort fest. Während des ganzen Tages

hatte auch der Prinz von Hessen angegriffen; die Verteidiger waren

überall hart bedrängt und die geflohenen Familien von der Stadt

abgeschnitten, da schloß denn der Gouverneur auf eine erneute

Aufforderung die Übergabe ab. Die Besatzung verließ am 4. August mit

allen militärischen Ehren die Stadt. Diese wurde im Namen Karls III. in

Besitz genommen; die Eroberung hatte den Verbündeten etwa 280 Mann

gekostet, fast das Dreifache der Besatzung an regulären Truppen.

Rooke soll die nach der Übergabe geheißte Flagge Karls niedergeholt und

die englische geheißt haben. Corbett sagt, nach neuern Forschungen in

spanischen Quellen sei dies nicht der Fall gewesen, und die alte

Behauptung sei wahrscheinlich dadurch hervorgerufen, daß die Engländer

auf den eroberten Werken zunächst ihre Flagge gesetzt hätten.

So war Gibraltar im Namen König Karls erobert. England besetzte es aber

vorläufig und behielt es nach dem Friedensschluß; König Philipp V. mußte

damit seine Anerkennung seitens Englands bezahlen. Englische Quellen

sagen, die Stadt würde spanisch geblieben sein, wenn Karl III. den Thron

behalten hätte. Da England schon lange einen Stützpunkt im Mittelmeer,

besonders zur Beherrschung der Straße, wünschte, dürfte dies wohl nicht

so ganz ausgemacht sein. Schon in diesem Kriege wurde Gibraltar ein

beliebter Sammelpunkt für die Seestreitkräfte der Verbündeten, wenn es

auch wegen Mangel an Einrichtungen noch nicht als Stützpunkt dienen

konnte; dies blieb Lissabon bis zur Erwerbung Port Mahons.

=Die Besitzergreifung Gibraltars hat dem Namen Rookes eine bleibende

Erinnerung gesichert=, das richtige Urteil und der Mut der Verantwortung,

die er durch diese Tat bewiesen hat, sind ihm hoch angerechnet. »Mit

Recht«, sagt hierüber z. B. noch Mahan, »denn Rookes richtigem Urteil und

seinem Mut der Verantwortung verdankt England den Schlüssel zum

Mittelmeer.« Neuere englische Autoren, Corbett und Clowes, urteilen aber

einschränkender. So führt Corbett aus, daß die Einnahme der Stadt

keineswegs eine so hervorragende militärische Leistung gewesen wäre, als

die sie so lange angesehen sei. Sie sei auch von andern Admiralen der

Flotte, z. B. Byng, für keine schwere Aufgabe gehalten worden, aber

»Rooke had always the grand manner and he approached it with all the pomp

of a great operation«. Die gegebene Beschreibung dürfte dies bestätigen:

22 Linienschiffe und 2000 Mann gegen schwache Befestigungen und kaum 100

Soldaten.

Ebenso spricht Corbett dem Admiral das Verdienst der Übernahme einer

großen Verantwortung ab: Rooke wußte, daß Gibraltar von Oraniens Zeit, ja

schon von Cromwells an ein Ziel der englischen Regierung war, der Platz

war ja auch in seiner Order als einer der zu nehmenden bezeichnet; er

wußte, daß die beiden Könige, denen er augenblicklich unterstellt war, es

sehr gern sahen. Rooke führte eine Proklamation Karls an »seine Stadt

Gibraltar« mit sich, und der Prinz von Hessen war gewiß mit dem Plane

einverstanden, wenn er nicht gar dessen Urheber im Kriegsrate gewesen

ist. Rookes einziges Verdienst war, daß er den Widerspruch einiger seiner

Unterführer, die mit Rücksicht auf die französische Flotte dagegen waren,

überwand.

Corbett belegt auch (Teil II, Seite 276) mit einer Äußerung Marlboroughs,

daß dieser stets damit gerechnet hat, Gibraltar für England zu behalten.

Am Tage der Einnahme Gibraltars traf von England und Lissabon die

Nachricht ein, daß die französische Flotte nicht wagen würde, Toulon zu

verlassen, da sie wesentlich schwächer als die der Verbündeten sei, und

Rooke wurde wieder auf Unternehmungen gegen Cadiz und Barcelona

hingewiesen. Sein Kriegsrat verwarf Barcelona unbedingt, da es zu spät in

der Jahreszeit und die Schiffe ausrüstungsbedürftig seien; er erklärte

sich aber bereit, bis Mitte September bei einer Belagerung von Cadiz

mitzuwirken, falls eine genügende Armee mit Belagerungstrain erschiene

und eine Besatzung nach Gibraltar gelegt würde. Beides war

ausgeschlossen und somit der in diesem Sinne nach Lissabon gesandte

Bericht eine Weigerung, irgend etwas zu unternehmen; man wollte nur

Gibraltar sichern. Wahrscheinlich waren die Admirale anderer Ansicht über

die Franzosen und, obgleich sie keine Nachrichten hatten, mit Recht.

=Graf Toulouse= war am 22. Juli von Toulon nach Barcelona gegangen, wohin

man die Flotte der Verbündeten beordert glaubte; hier erhielt er die

Nachricht vom Fall Gibraltars und den Befehl König Philipps, zur

Rückeroberung der Stadt mitzuwirken -- es koste, was es wolle --, ein

Heer sei zu diesem Zwecke schon unterwegs. Toulouse war dem Gegner auch

nicht unterlegen. Er führte 51 Linienschiffe, zu denen noch französische

und spanische Galeren treten konnten, und ging sofort weiter. Rooke besaß

auch nur 51 Linienschiffe; er hatte van der Dussen mit 5 Holländern nach

Plymouth gesandt, um einen Convoi Kauffahrer sowie einen Transport mit

Kriegsmaterial für Portugal zu holen, eine andere Division war nach den

Azoren abgezweigt, um den brasilianischen Convoi heimzuführen.

Die Antwort auf seinen Bericht nach Lissabon erwartend, ergriff =Rooke=

zunächst Maßregeln, Gibraltar zu sichern. Dem Prinzen von Hessen wurden

1800 englische Seesoldaten als Besatzung überwiesen und die 3 Mörserboote

zur Verfügung gestellt; das technische Personal dieser sollte bei der

Instandsetzung der Festung helfen. Die Flotte ging (12. August) nach

Tetuan und nahm hier geschwaderweise Wasser, um stets bereit zu sein, dem

Gegner entgegenzutreten. Am 19. August verließ Rooke den Wasserplatz und

hielt östlich von der Straße nach Europa hinüber, 12 Schiffe waren noch

beim Wassernehmen. An diesem Tage meldeten die bis Malaga vorgeschobenen

Vorposten, daß der Feind gesichtet sei, er käme heran und stehe, bei

östlichem Winde, etwa 30 Seemeilen zu Luward. Der sofort zusammengerufene

Kriegsrat konnte nicht schlüssig werden: man befürchtete das Abschneiden

der Schiffe in Tetuan; man fühlte sich nicht stark genug, ohne diese zu

fechten; einige Stimmen waren gar dafür, den Gegner in der Bucht von

Gibraltar zu erwarten, um die Festung zu decken. Noch während der

Beratung traf die Meldung ein, daß die Franzosen nach Malaga abzuhalten

schienen. Toulouse beabsichtigte, nachdem er den Feind gefunden hatte,

die dort liegenden Galeren heranzuziehen und Wasser zu nehmen, dessen er

dringend bedurfte; hätte er die augenblickliche Schwäche Rookes gekannt,

würde er sich wohl kaum die günstige Gelegenheit zum Angriff haben

entgehen lassen. Die Verbündeten beschlossen jetzt, die Hälfte der

Seesoldaten von Gibraltar holen zu lassen, die Schiffe von Tetuan

heranzuziehen und während dieser Zeit, sowie später, solange östliche

Winde wehten, gefechtsbereit in der Straße zu kreuzen, um Gibraltar zu

schützen; wenn der Wind westlich ginge, wollte man dem Feinde folgen,

aber der vorgerückten Jahreszeit wegen nicht weiter als bis Malaga.

Dementsprechend wurde verfahren. Die Flotte lag in Gefechtslinie bis zum

Morgen des 20. August nach Norden, an diesem Tage brachten die

Mörserboote und Brander die Seesoldaten; dann steuerte Rooke nach Süden

und vereinigte sich mit den schon am 19. benachrichtigten Schiffen von

Tetuan. Während der verflossenen Nacht hatte man Signalschüsse der

Franzosen gehört, die jedoch immer schwächer wurden; da am Tage nichts zu

sehen war, nahm Rooke an, daß der Gegner ihm ausweichen wolle. Er kreuzte

nun mit Segelpressen zwei Tage lang nach Osten auf. Am 23. morgens

fürchtete man, daß es Toulouse gelungen sei oder noch gelingen könne,

ungesehen nach Gibraltar zu kommen. Der Kriegsrat beschloß deshalb, nach

der Straße zurückzukehren, aber kaum war nach Rückkehr der Admirale auf

ihre Schiffe der neue Kurs aufgenommen, als die Franzosen, nordwestlich

in Lee und vor dem Winde westwärts steuernd, gesichtet wurden.

=Graf Toulouse= hatte am 22. August vor Malaga geankert, erhielt hier

die Nachricht vom Herankommen der Verbündeten. Er ging am 23. mit

Tagesgrauen wieder unter Segel, begleitet von den Galeren; unter Land

laufend, während die Gegner auf einem Schlage nach Süden lagen, hatte

er diese passiert, ohne sie zu sichten, und so seine Luvstellung

verloren. Auf beiden Seiten mangelte es an Aufklärungsschiffen. Wie

leicht hätte Toulouse Gibraltar und die dort liegenden Vorratsschiffe

der englisch-holländischen Flotte überraschen können, er konnte aber

auch dabei, da Rooke ja rechtzeitig den Entschluß zum Umkehren gefaßt

hatte, in sehr gefährliche Lage kommen. Der Zufall hat hier beide Teile

gleich gut bedacht.

Die Franzosen standen beim Sichten etwa 25 Seemeilen Süd von Malaga und

bildeten sofort die Schlachtlinie über Steuerbord-Bug, auch Rooke

formierte sich zum Gefecht und hielt auf den Feind ab. Der leichte und

unbeständige östliche Wind hinderte an diesem Tage das Zusammentreffen,

aber der Morgen des 24. August fand die Flotten auf etwa 12 Seemeilen

Entfernung gefechtsbereit einander gegenüber; Rooke, zu Luward, hielt zum

Angriff ab, Toulouse erwartete ihn unter kleinen Segeln (die Marssegel

auf die Kappe geführt).

$Die Schlacht bei Malaga$, die einzige dieses Krieges und die letzte von

Bedeutung in unserem Zeitabschnitt, entbrannte.

=Die Zusammensetzung der Flotten.=

Seekriege und Seekriegswesen, Erster Band in ihrer weltgeschichtlichen Entwicklung. Mit besonderer Berücksichtigung der grossen Seekriege des XVII. and XVIII. Jahrhunderts. · 第 54 / 58 题