=Im Jahre= 1690 plante Ludwig, energisch vorzugehen. Wenn es auch England

gelungen war, Truppen nach Irland zu werfen, so stand Jakobs Sache dort

noch nicht schlecht, falls ihn Frankreich ernstlich unterstützte,

besonders mit der Flotte. Diese konnte nun entweder in erster Linie ganz

in den Dienst des irischen Landkrieges gestellt oder dazu bestimmt

werden, zunächst die feindliche Flotte zu vernichten und dadurch einen

Einfall in England zu ermöglichen. Ludwig entschied sich für den zweiten

Weg. Dies war zweifellos richtig; noch konnte er sich zur See als

überlegen betrachten, aber er durfte dabei nicht die Unterbrechung der

Verbindung seines Gegners mit Irland ganz vernachlässigen, doch dies

geschah wie im Vorjahre. Im März führte ein französisches Geschwader

Truppen und Kriegsmaterial nach Irland, ungehindert obgleich die

Engländer Schiffe im Kanal hatten.

So z. B. das für das Mittelmeer bereitliegende Geschwader unter

Killigrew. Die kleine Flottille unter Shovel, die für die irischen

Gewässer in Dienst gestellt wurde, kam zu spät. Diese scheint nur zur

Deckung des eigenen, bald folgenden Überganges bestimmt gewesen zu

sein, ging sie doch auch nach Erfüllung dieser Aufgabe zur großen

Flotte zurück.

Wie im Vorjahre kehrte dieses aber sofort nach Frankreich zurück, und

weitere Seestreitkräfte von Belang waren später nicht in den irischen

Gewässern. So konnte Wilhelm III. im Juni mit großer Macht in eigener

Person nach Irland hinübergehen. Es ist wohl möglich, daß dieser Fehler

französischerseits begangen ist, weil man annahm, der Expedition nach

Irland bald den geplanten großen Angriff mit der Hauptflotte folgen

lassen zu können. Auffallend bleibt es doch und läßt auf mangelndes

Verständnis in dieser Hinsicht schließen, wie völlig »beide Parteien« die

Unterbrechung der Verbindung des Gegners mit der Insel während der ganzen

Dauer des Kampfes um diese vernachlässigen.

Die mächtige französische Flotte, für den Angriff auf England bestimmt,

70 Linienschiffe unter Tourville war erst Ende Juni in Brest bereit; zu

spät, um, wie beabsichtigt, die Verbündeten vor ihrer Vereinigung zu

schlagen. Als sie auftrat, entschied sich gerade Jakobs Schicksal durch

die Schlacht am Boyne (11. Juli). Trotz dieser Verzögerung -- dieses Mal

wirklich wohl allein hervorgerufen durch die seit Colberts Tode

eingerissenen Übelstände -- war Tourville den Verbündeten -- 57

Linienschiffe unter Herbert -- weit überlegen und er schlug sie fast

vernichtend bei Beachy Head (10. Juli). Daß er so überlegen auftreten und

hiervon Gebrauch machen konnte, war die Folge einer Summe von Fehlern der

Gegner: Ungenügende und verspätete Rüstung, Zersplitterung der Kräfte,

falsche Führung.

Das schon im Winter bereite Geschwader unter Killigrew, das im Frühjahr

Kauffahrer ins Mittelmeer geleiten und die Toulonschiffe dort

festhalten sollte, segelte infolge von Unschlüssigkeit in London zu

spät. Als es doch noch auf das Toulon-Geschwader traf, vermied dieses

(Château-Renault) richtigerweise das Gefecht und vereinigte sich

rechtzeitig mit seiner Hauptflotte. Killigrew dagegen folgte nicht

sofort und traf erst nach der großen Schlacht in England ein.

Die Ausrüstung der Hauptflotte hatten die Verbündeten so lässig

betrieben, daß sie am 1. Juli nur 50, kaum voll gefechtsbereite

Linienschiffe zählte. In beiden Ländern war man schlecht über die

Rüstungen des Gegners unterrichtet und unterschätzte ihn vielleicht

infolge seines schwächlichen Auftretens im Vorjahre. Als man die Gefahr

erkannte, gab man Herbert den Befehl, unter allen Umständen zu

schlagen, und nun war auch sein Verhalten beim Zusammenstoß nicht

einwandfrei.

Es sei hier nochmals etwas näher darauf eingegangen, was aus der

Untersuchung in dieser Sache zu entnehmen ist und wie =Herberts

Verhalten bei Beachy Head= von verschiedenen Seiten beurteilt wird. Auf

seine Vorstellungen im Winter, die Rüstungen zu verstärken und zu

beschleunigen, erhielt Herbert die Antwort des Ministers Nottingham:

»Sie werden stark genug gegen die Franzosen sein;« Herbert antwortete:

»Mein Lord, ich kenne mein Geschäft und werde mein Bestes tun. Aber ich

bitte sich später zu erinnern, daß es nicht meine Schuld gewesen ist,

wenn die Flotte nicht stärker ist. Ich bin jetzt in Sorge, wo die

Gefahr noch abzuwenden ist; Sie werden es im Sommer sein, wenn es zu

spät ist.« Er erhielt auch den Befehl, sich einzuschiffen, erst Ende

Mai, und vorher waren von höherer Stelle keine Anordnungen getroffen,

um die Franzosen zu beobachten. Man schätzte sie nur auf 66

Linienschiffe, schlecht bemannt und somit der eigenen Macht nicht

überlegen.

Aus dem bereits teilweise wiedergegebenen Briefwechsel (S. 435 ff.)

zwischen Herbert und Nottingham geht hervor, daß Herbert keine Schlacht

schlagen wollte, nachdem er sich durch Augenschein von der

Überlegenheit des Gegners überzeugt hatte. Sein Plan war, nach Westen

zu gehen, um die dort stehenden Teile der Seestreitkräfte an sich zu

ziehen, oder falls dies nicht möglich wäre, von einer sicheren Stellung

im Osten aus mit seiner unversehrten Flotte den Gegner im Schach zu

halten. Dies entsprach also dem Verhalten Ruyters im dritten

englisch-holländischen Kriege. Nottingham billigte den Plan nicht und

erwirkte, immer noch mit falscher Einschätzung der Stärke des Feindes,

den Befehl der Königin, der zur Schlacht führen mußte.

Colomb hält Herberts Standpunkt für den einzig richtigen; Clowes stimmt

nicht völlig bei: »Es sei doch nicht sicher, daß Herbert unbedingt

imstande gewesen sein würde, die sich gestellte Aufgabe zu lösen; Wind-

und Wetterverhältnisse hätten ihn hindern können.« Dieser Einwand ist

nicht ganz von der Hand zu weisen. Die Lage ist z. B. nicht durchaus

mit der Ruyters zu vergleichen: Ruyter hatte eine weit kürzere

Küstenstrecke zu schützen und stand im Westen (westliche Winde

vorherrschend) der bedrohten Punkte; Herbert wollte von der Themse aus

den ganzen Kanal bewachen. Mit beiden Kritikern muß man aber den

Umstand verurteilen, daß Herbert von London aus so bindende Befehle

erhielt; =soweit darf der Einfluß auf den Chef einer Streitmacht nicht

gehen=, wie es hier geschah.

(Clowes führt hier den Ausspruch eines Admirals der Neuzeit, =Sir G.

Th. Hornbys=, an. Als man in England gelegentlich von Differenzen mit

einer fremden Macht erwog, ein Kabel zur Flotte zu legen, wenn diese an

der feindlichen Küste sei, um stets von Whitehall mit ihr in Verbindung

zu bleiben, äußerte genannter Admiral: »Wenn ich der Chef der Flotte

wäre, würde man -- so fürchte ich -- bald hören, daß das Kabel

gebrochen sei.«)

Kommen wir nun zu Herberts Verhalten bei dem Zusammenstoß. Er kannte

die Überlegenheit des Feindes, griff trotzdem an, führte aber den Kampf

nicht mit äußerster Energie durch. Clowes sagt hierzu: »Drei Wege

standen ihm nach Eingang des Befehls offen:

1. Direkter Ungehorsam und Handeln nach seiner Überzeugung; das tun nur

sehr bedeutende Männer: Napoleon, als General, und Nelson haben es

getan.

2. Nachdem er die Schlacht beschlossen hatte, fechten, solange er eine

Planke unter den Füßen hatte; Nelson würde dies getan haben.

3. Ein Kompromiß: Gehorsam gegen den Buchstaben, aber nicht den Sinn

des Befehles; diesen Weg wählte er.«

Herbert selbst sagte in der Untersuchung aus, er habe nicht annehmen

können, daß die Königin die Order unterzeichnet haben würde, wenn sie

die Überlegenheit des Gegners voll gekannt hätte. So habe er nun die

Flotte nicht ganz opfern und damit das Land völlig dem Feinde

preisgeben wollen; »die Folgen hätten ihm Recht gegeben.« (Ferner: »Ich

war stets der Ansicht -- und so kam es --, daß der Feind nichts

unternehmen würde, whilst we had a =fleet in being=.«)

Auch dies erkennt Colomb als richtig an, aber es ist doch wohl auch

nicht ganz zutreffend: Denn wenn Tourville seinen Sieg -- zunächst

schon taktisch durch schärfere Verfolgung, vielleicht gar Nachdringen

in die Themse -- mehr ausgenutzt hätte, wäre Herbert wahrscheinlich

auch bei dem gewählten Verfahren vollständig vernichtet worden. Clowes

dagegen sagt: »Wenn Herbert anders gefochten, so hätte er

möglicherweise einen glorreichen Sieg erkämpft, jedenfalls aber den

Gegner bedeutend mehr geschädigt, und dieser würde um so weniger etwas

unternommen haben; keinenfalls würden die Franzosen so unbedingte

Herren der See geworden sein, wie sie es für einige Zeit wurden.« Auch

diese Ansicht kann man angreifen, aber man muß doch wohl sagen: Wählte

Herbert die Schlacht, von der er wußte, daß sie entscheidend werden

würde, so mußte er auch alles tun, was er vermochte; =Kompromisse= sind

=in großen Sachen wohl stets das Ungeeignetste und Unsicherste=.

Die Franzosen nutzten ihren Sieg weder taktisch noch strategisch aus.

Eine schärfere Verfolgung würde den Verlust der Verbündeten weit größer,

vielleicht entscheidend für den Krieg mit England gemacht haben; die für

fast drei Monate errungene Seeherrschaft wurde nur zu unbedeutenden

Unternehmungen gegen die feindliche Küste und zum Abholen der

französischen Truppen von Irland benutzt, als Ludwig die Sache Jakobs

vorläufig aufgab.

Diese letzte Tatsache zeigt nochmals, wie wenig auf Unterbrechung der

Verbindung des Gegners mit der Insel auch von England gegeben wurde.

Tourville war Ende August nach Brest gegangen, Killigrew's und Shovel's

Geschwader waren nicht im Gefecht gewesen und doch geschah nichts, um

das Abholen zu hindern!

Die von den Franzosen angegebenen Gründe für ihre Lauheit nach Beachy

Head sind: Nach der Schlacht Munitionsmangel, dann schlechter Zustand

der Schiffe, endlich Herannahen der schlechten Jahreszeit. Seignelay

verlangte mehr von der Flotte, vor allem den Versuch, in die Themse

einzudringen, wie es Ruyter einst getan habe. Dies oder ähnliches hätte

die Hauptflotte unternehmen müssen, während leichte Schiffe Irland

abschlossen, wo sich Wilhelm III. in Person befand. Möglich, daß die

Reste der Flotte der Verbündeten immer noch als eine »fleet in being«

ernstliche Unternehmungen gegen die Küste verhindert haben; zulässig

auch erscheint mir, die nach der Schlacht am Boyne eingetretene

Mißstimmung Ludwigs gegen Jakob und seine Sache als Grund der Lauheit

anzunehmen; geschah doch auch nichts von französischer Seite, als Ende

September endlich ein Teil der Flotte der Verbündeten die letzte Stadt

Irlands im Süden nahm.

Der strategische Plan Ludwigs im Jahre 1690 war gewiß richtig, genügende

Kraft dafür bestimmt und die Gelegenheit zur Ausführung günstig, weil die

französische Flotte noch überlegen auftreten konnte; er scheiterte an

ungenügender Vorbereitung und am Nichtausnutzen der errungenen Erfolge.

Sollte eine Invasion gelingen, so mußte die geschlagene feindliche Flotte

vernichtet werden.

=Das Jahr= 1691 bringt nur die strategisch und auch taktisch glänzende

Leistung Tourvilles, seine Hochseekreuztour. Die Franzosen hatten

wiederum 70 Linienschiffe aufgestellt, auch die Verbündeten spannten

endlich ihre Kräfte an und brachten jetzt gegen 100 Linienschiffe unter

Russell zusammen. Aber die Franzosen waren zuerst seeklar und nur bei

ihnen kann man einen strategischen Plan wahrnehmen. Dieser war jedoch,

nach Seignelays Tode, ein ganz anderer als im Vorjahre: anstatt einer

Offensive gegen die feindlichen Streitkräfte oder gar Küsten nur Schutz

der eigenen Küste und Angriff des feindlichen Handels, insbesondere des

großen Levanteconvois. Ohne Antwort auf seinen Einwurf, daß diese

Aufgaben sich kaum vereinigen ließen, tat Tourville sein Bestes, doch sah

er im Gegensatz zu seiner Regierung den Schutz der Küste als die

wichtigere an. Als der Convoi ihm, durch Wetterverhältnisse begünstigt,

entgangen war, verstand er es, den Feind wochenlang hinter sich

herzuziehen, ohne ihm Gelegenheit zum Schlagen zu geben. Damit hinderte

er die Gegner, von ihrer starken Rüstung irgendwelchen Gebrauch zu

machen, und hielt den Kanal für die französischen Freibeuter sowie für

die wiederaufgenommene Verbindung mit Irland frei.

Das Verhalten der Verbündeten war so schwächlich wie in den Vorjahren.

Wieder waren sie durch verzögerte und mangelhafte Ausrüstung gelähmt,

aber auch Tatkraft in der Führung fehlte. Man muß annehmen, daß sie noch

unter dem Eindruck der Niederlage von Beachy Head standen (Herberts

abschreckendes Schicksal), daß sie deshalb trotz der übermacht ihre

Kräfte so ängstlich zusammenhielten, alles andere preisgaben und doch

nichts wagten.

Zu erwähnen ist noch, daß in diesem Jahre die französischen Streitkräfte

im Mittelmeer zu den Erfolgen gegen Savoyen und Spanien am Lande

beitrugen; die schwache spanische Marine konnte ihnen nicht

entgegentreten.

Wie Ludwig XIV. =im Jahre= 1692 den Landkrieg aufs neue mit aller Kraft

begann, so nahm er auch seinen Plan von 1690 wieder auf: Frühzeitiges

Zusammenziehen der gesamten Seestreitkräfte, um die Flotten der

Verbündeten vor der Vereinigung zu vernichten und dann in England

einzufallen. Wieder rechnete er mit einem allgemeinen Aufstande der

Jakobiten, hatte aber dieses Mal richtigerweise -- im Sinne des

verstorbenen Seignelay -- trotzdem eine große Invasionsarmee aufgestellt.

1689 und 1690 lagen die Aussichten für einen solchen Plan günstig; jetzt

war es zu spät. Bei der eigenen Marine waren die Schäden in der

Organisation fortgeschritten, auch machte sich infolge des langen Krieges

schon Geldmangel bemerkbar; die Feinde dagegen waren imstande, ihre

natürlichen Hilfsmittel auszunutzen. Eine Überlegenheit zur See war nicht

mehr vorhanden, selbst nicht wenn sämtliche Schiffe Frankreichs

rechtzeitig fertig und vereint gewesen wären; doch auch dies war nicht

der Fall. Zu dem für Beginn der Operationen festgesetzten Zeitpunkt (Ende

April) verfügte Tourville nur über 39 Schiffe; die Verbündeten aber waren

in diesem Jahre früher als bisher mit ihrer ganzen Macht bereit (am 19.

Mai 88 Linienschiffe). Ludwig glaubte trotzdem an die Überlegenheit

seiner Flotte und gab den Befehl zum Auslaufen, als diese 45 Schiffe

stark war.

Er hielt die Gegner für nicht bereit oder doch, wenn dies der Fall und

selbst wenn vereinigt, seiner Flotte kaum gewachsen und er rechnete mit

der Unzuverlässigkeit eines großen Teiles der englischen Flotte. So

sagen die Quellen! Diese Unkenntnis ist aber auffallend, weil man in

Frankreich bisher und auch später wieder stets rechtzeitig und genau

von den feindlichen Rüstungen und Plänen unterrichtet war. Man muß fast

annehmen, daß Ludwig durch Hochmut und Ungeduld fortgerissen worden

ist.

Zu spät kam Ludwig Nachricht und Einsicht, daß alle seine Voraussetzungen

falsch seien, daß er vorläufig von dem Unternehmen absehen müsse;

Tourville war ausgelaufen, die Gegenbefehle und die Benachrichtigung, daß

die Gegner vereint seien, erreichten ihn nicht. Er stieß unvermutet bei

Cap Barfleur (29. Mai) auf den Feind und griff seinem Befehle gemäß an,

obgleich er dessen Überlegenheit erkannte. Was Tourville zu diesem

Schritte bewogen hat, wissen wir; strategische Überlegungen leiteten ihn

nicht. Er stand ganz unter dem Einfluß persönlicher Gefühle, und die

Schuld an der Katastrophe trifft in erster Linie den König, der die

berechtigten Einwendungen seines Admirals unbeachtet gelassen und ihm so

bindende Befehle gegeben hatte. Es erfolgte die Niederlage in der

Schlacht und die Vernichtung so vieler Schiffe nach dieser bei La Hogue.

Wichtiger für den Verlauf des Krieges als der Verlust an Material war

aber, daß Frankreich die Offensive zur See von jetzt an aufgab.

Der Erfolg der Verbündeten ist nur dem Umstande zuzuschreiben, daß sie

ihre Rüstung beeilt hatten, große Tatkraft und strategische Kunst haben

sie auch in diesem Jahre nicht entfaltet. Sie wären sogar noch überrascht

worden, wenn Tourville für seinen Marsch günstigen Wind gehabt hätte. Bis

zum 18. Mai lagen sie getrennt bei Rye und in den Downs, zwei Geschwader

kreuzten im Kanal; es war wohl ein Fehler, daß man diese anstatt leichter

Schiffe zum Erkunden entsendet hatte. Wie sich die Sache entwickelte,

schlug die Verzögerung der Ausrüstung und Vereinigung ihrer Flotte zum

Vorteil der Verbündeten aus, denn hierdurch wurde Ludwig im Festhalten

an seinem Plane bestärkt.

Es ist nicht sicher, ob die Verbündeten genau über die Absichten der

Franzosen unterrichtet waren. Holländische Quellen behaupten es,

englische zweifeln daran. So sagt Colomb, man habe bis zum letzten

Augenblick selbst ein Unternehmen gegen St. Malo im Auge gehabt und

hierzu seien die Truppen in Portsmouth zusammengezogen gewesen. Das

Zusammentreffen bei Barfleur scheint jedenfalls auch ihnen unerwartet

gekommen zu sein.

In der Schlacht waren die Verbündeten von erdrückender übermacht, und

doch brachte diese den Franzosen den größeren Ruhm. Die Verfolgung

kostete ihnen infolge der Rücksichtnahme auf die beschädigten Schiffe

zwar schwere Opfer, aber die Verbündeten hätten den Sieg mehr ausbeuten

müssen, die nach der Schlacht entkommenen Schiffe durften ihnen nicht

entgehen.

Haben sie endlich die errungene Seeherrschaft ausgenutzt? Die

französische Flotte legte auf und die Transporter wurden mit

Marinemannschaften in den Dienst der Freibeuterei gestellt, die gerade

noch in diesem Jahre den Handel der Verbündeten auf das empfindlichste

schädigte, weit mehr als im Jahre 1690, in dem die Franzosen die See

beherrschten. Die Flotte der Verbündeten wurde zwei Monate hindurch

behufs Vorbereitungen zu einem Unternehmen auf dem Festlande, zu dem es

schließlich nicht kam, untätig zusammengehalten.

=Das Jahr= 1693 zeigt den Übergang in den zweiten Abschnitt der

Kriegführung: die Franzosen richten ihren Angriff nur gegen den Handel,

aber noch mit einer großen Hauptflotte; die Verbündeten halten weiter

ihre Kräfte zusammen, können sich aber noch nicht zur Offensive

entschließen. Ihre Leistung ist auch in diesem Jahre recht mäßig und

zeigt eine Reihe von Fehlern und Mißständen.

Die Verbündeten beabsichtigten, ein Geschwader zur Unterstützung Spaniens

ins Mittelmeer zu senden und mit der Hauptflotte in den nördlichen

Gewässern zu operieren. Das Geschwader sollte ferner auf der Ausreise den

Frühjahrsconvoi Levantefahrer geleiten und gerade diesem galt der

französische Angriff. Infolge des schlechten Unterrichtetseins und der

Unentschlossenheit auf seiten der Verbündeten sowie der Fehler des

Kommandos der Hauptflotte und des Convoiführers gelang es Tourville, den

Convoi großenteils zu vernichten.

Die Abfahrt des Convois war zu lange verzögert. Frankreich, gut

unterrichtet, sandte Tourville in See, als die Abfahrt bevorstand. Die

Hauptflotte der Verbündeten war nicht rechtzeitig bereit, um die

französische in Brest festzuhalten. Als sie dann das Geschwader nebst

Convoi durch den Kanal geleitete, wußte sie nichts vom Auslaufen

Tourvilles, und die »drei Admirale auf einem Schiff« versäumten es,

sich hierüber zu vergewissern. Sie entließen ihre Schutzbefohlenen zu

früh und diese fielen infolge der Unvorsichtigkeit des Geschwaderchefs

dem Feinde in die Hände. Die Flotte blieb vor Brest und erfuhr erst

über London die Abfahrt Tourvilles; sie ging dann nach England, um »neu

auszurüsten« und »Befehle einzuholen«, anstatt dem Feinde zu folgen.

Dieselben Mißstände und dieselbe Unentschlossenheit zeigen sich weiter.

Wohl sah man ein, daß es richtig sei, Tourville zu folgen, um ihn an

seinem Vorhaben zu hindern oder, als es hierzu zu spät war, ihn

wenigstens zur Schlacht zu zwingen. Es kam nicht dazu; die Flotte war

ungenügend ausgerüstet und wurde schließlich frühzeitig aufgelöst.

Tourville kehrte im Herbst unbehelligt zurück, nachdem er den Sommer über

zum Schaden des feindlichen Handels die See im Mittelmeer beherrscht

hatte.

Im Herbst 1693 setzte der Kreuzerkrieg der Franzosen mit dem ihm

eigentümlichen Charakter ein. Auch hier traten die Verbündeten nicht mit

der nötigen Kraft auf; im November machten sie den ersten Versuch gegen

einen der Hauptstützpunkte der Freibeuterei (St. Malo). So beginnt Ende

1693 die Kriegführung, die wir in den letzten Jahren des Krieges durchweg

finden.

=In den Jahren= 1694-1697 beschränkten sich die Franzosen in den

nördlichen Gewässern auf Küstenschutz und Kreuzerkrieg; im Mittelmeer

unterstützten sie den Angriff auf Spanien. Die Verbündeten stellten ihren

Seestreitkräften drei Aufgaben: Unterstützung Spaniens, Angriff auf

französische Küsten, Handelsschutz.

Im spanischen Landkriege hatten die Franzosen 1694 Erfolge durch

Unterstützung der Flotte, bis Russell im August mit der Hälfte der

verbündeten Flotte erschien. Dann ging Tourville nach Toulon und wurde

hier, auch das Jahr 1695 über, festgehalten. Russell beherrschte die See,

aber Erfolge für den Landkrieg errang er nicht, da die Spanier am Lande

zu schwach waren. Als er 1695 imstande war, diese durch ein Landungskorps

zu unterstützen, brach er schon günstig liegende Unternehmungen ab,

sobald er das Auftreten der französischen Flotte fürchten mußte. 1696

zogen sich die Verbündeten aus dem Mittelmeer zurück und die Franzosen

hatten 1697 Erfolge in Spanien, die wichtig für den Verlauf des Krieges

waren. Wir sehen also auf beiden Seiten die Flotten nur dann größere

Aufgaben an der Küste durchführen, wenn die Seeherrschaft gesichert ist.

Die Angriffe der Verbündeten auf die französischen Küsten begannen 1694

mit dem größeren Unternehmen gegen Brest, das völlig scheiterte, weil man

den Gegner gut vorbereitet fand. Es folgt dann die Reihe von

Beschießungen der Küstenstädte, die den Gegner wenig schädigten und ihren

einen Hauptzweck, nennenswerte Truppen von seiner Feldarmee abzuziehen,

nicht erreichten. Ein englischer Schriftsteller sagt: »Sie kosteten

England mehr, als sie nutzten.« Den zweiten Hauptzweck, die Freibeuterei

lahmzulegen, würde man durch eine andere Verwendung der Seestreitkräfte

besser erreicht haben.

In Hinsicht auf die dritte Aufgabe, den Schutz des Handels, versagten die

Flotten der Verbündeten überhaupt, wenigstens bis auf die allerletzte

Zeit, weil man die Kräfte aus Vorsicht oder eben zu unfruchtbaren

Unternehmungen zusammenhielt. Anderseits zeigt der Kreuzerkrieg der

Franzosen, wenn er auch erfolgreich war, doch, daß ein solcher nur

gestützt auf eine Flotte lebensfähig ist.

Die koloniale und überseeische Kriegführung ist auch in diesem Kriege

noch unbedeutend; nur der Zug de Pointis' gegen Cartagena (1697) war von

Einfluß auf den Verlauf. Im nächsten Kriege spielt sie eine etwas größere

Rolle, von wirklicher Bedeutung wird sie erst in den Kriegen des

folgenden Zeitabschnittes.

=Colomb= (Naval warfare) =zieht auch aus den Ereignissen dieses Krieges

bemerkenswerte Schlüsse=. In den Kapiteln VI und VII: »Versuche, zu einem

bestimmten Zwecke die Seeherrschaft zu erringen« -- nämlich einer

Invasion -- wird gesagt: Die Ereignisse des Jahres 1690 zeigen, daß eine

teilweise Beherrschung der See (Tourville nach Beachy Head) noch keine

Invasion erlaubt, daß selbst noch mit einer teilweise geschlagenen Flotte

gerechnet werden muß. Das Jahr 1692 zeigt die Schwierigkeit, eine

»zeitliche« Seeherrschaft zu gewinnen, sowie die damit verbundene große

Gefahr, wenn man eine solche unter allen Umständen erzwingen will.

Colomb sagt: »1690 wurde der französische Versuch vereitelt durch

Herberts gesunde Politik, geleitet durch die Überzeugung, daß er die

größte Gefahr heraufbeschwöre, wenn seine Flotte infolge eines anderen

Verhaltens vernichtet würde.« (Wir wissen, daß Colomb die Ansicht

Herberts billigt.) »Man kann sagen, daß die Franzosen 1692 gerade

entgegengesetzt handelten, indem sie ihre Flotte auf einen Wurf

einsetzten, um die Invasion zu ermöglichen.«

Weiter wird darauf hingewiesen, daß der Plan einer Invasion 1696 sofort

aufgegeben wurde, als man sah, daß die verbündete Flotte fertig und somit

eine Überraschung ausgeschlossen sei.

Im Kapitel XII: »Die Bedingungen, unter denen Angriffe von See her

gelingen oder scheitern«, nimmt Colomb die Ereignisse an der spanischen

Küste als Beispiele dafür, daß auch zu solchen Unternehmungen die

unbedingte Seeherrschaft notwendig ist. Beide Parteien geben Belagerungen

von See aus auf, sobald sich der Feind nähert, ja nur seeklar gemeldet

wird; in den nördlichen Gewässern beginnen die Verbündeten mit den

Angriffen auf die Küste erst Ende 1693, als sie unbestritten die See

beherrschen. In Hinsicht auf die Durchführung solcher Angriffe bespricht

Colomb den größeren auf Brest 1694. Er sagt: die Seeherrschaft war hier

vorhanden, aber die Expedition war nicht stark genug und wurde fehlerhaft

geleitet.

»There was no heart in it« (dies sagt er mit Beziehung auf alle

derartigen Unternehmungen dieser Jahre) und die Landtruppen waren nicht

annähernd genügend stark. Man durfte auch nicht in einer der Buchten

bei der Einfahrt landen, deren Strand ganz in eine befestigte Stellung

verwandelt war. Man hätte eine stärkere Macht z. B. in der

Douarnenez-Bucht außer Bereich der feindlichen Stellung ausschiffen

müssen.

Colomb schließt das Kapitel XII: »Wenn man die Stärke der Befestigungen

genau kennt, genügend Truppen verwendet, diese außer Bereich der

Befestigungen landet, durch die Flotte schlagfertig hält und unterstützt,

so ist kein Grund, daran zu zweifeln, daß jeder Platz fällt,

vorausgesetzt, daß kein Entsatz über See kommt«.

Unsere Betrachtungen über Strategie dürften zeigen, daß der =Einfluß der

Kriegführung zur See= weit größer hätte sein können. Ludwig XIV.

versäumte es, von der zu Anfang vorhandenen Überlegenheit seiner Marine

Gebrauch zu machen. Die Seemacht der Verbündeten gewann Zeit, ihre Kraft

zur Entfaltung zu bringen, hätte dann aber weit mehr leisten müssen.

Sogar Clowes schreibt: »Wenn auch der Frieden günstig war, so kann man

doch nicht sagen, daß die Marine in dem achtjährigen Kriege viel zur

Hebung des Rufes beigetragen hat, den sie unter Cromwell und auch noch

unter Karl II. errungen hatte.« Die Gründe sind jedoch teilweise durch

die Verhältnisse zu entschuldigen.

Grobe Fehler wurden allerdings von der höchsten Leitung (Whitehall)

gemacht: Hier war man stets vom Feinde ungenügend unterrichtet; es

mangelte an Einsicht und Entschlossenheit, und dabei beanspruchte man

die Leitung bis ins kleinste.

Aber auch die Verwaltung war infolge der früheren Mißregierung

schlecht: Die Schiffe waren, wenn am meisten nötig, schlecht im Stande,

schlecht bemannt und schlecht ausgerüstet. Endlich fehlte die Tatkraft

in der Führung, doch ist dies wieder größtenteils eine Folge der

politischen Verhältnisse. Die Führer wagten zwar einesteils wegen des

mangelhaften Zustandes der Flotte nichts, anderseits aber scheuten sie

sich vor Verantwortung. Jakob glaubte an eine besondere Anhänglichkeit

der Seeoffiziere an seine Person; auch die unter Wilhelm III. leitenden

Kreise hatten diesen Verdacht, sie zweifelten daher an der Treue und

Zuverlässigkeit vieler Offiziere. Mißtrauen herrschten im Kabinett und

in der Hauptstadt, Parteiwesen und Unentschlossenheit im Offizierkorps.

Ein Mann, der sich im Gefecht unglücklich oder unfähig zeigte, mußte

gewärtig sein, abgesetzt und zur Verantwortung gezogen, gar des Verrats

angeschuldigt zu werden. Da ferner gerade manche der erfahrenen Männer

in Verdacht standen, der Regierung feindlich zu sein, so wurden diese

nicht ihren Fähigkeiten entsprechend verwendet. Die öffentliche Meinung

klagte, daß man ungeeignete Personen bei Besetzung der Stellen

bevorzugte, in deren Händen die Leitung der Seemacht lag. Eine weitere

Folge dieser Verhältnisse war der beständige Wechsel im Oberkommando

der Flotte, zweimal sogar ernannte man Joint-Admirals. Ein solches

Unding war nur ohne Schaden möglich gewesen zu Zeiten eines Blake oder

Monck, neben denen die Kollegen keine Rolle spielten.

Die holländische Marine war in diesem Kriege in jeder Hinsicht besser als

die englische. Sie kam aber nicht zur Geltung, weil sie in der

gemeinsamen Flotte wesentlich schwächer vertreten war und stets unter

englischem Oberbefehl stand.

[Illustration]

* * * * *

[Illustration]

Neuntes Kapitel.

Der Spanische Erbfolgekrieg 1702-1713.

$Die politischen Verhältnisse und Verhandlungen vor Ausbruch des

Krieges.$[254] Auch dieser Krieg erscheint in der Hauptsache nur als ein

großer europäischer Festlandskrieg, ist aber doch von der größten

Bedeutung für die Seekriegsgeschichte. Er wird schon ebensosehr durch die

Eifersucht der Staaten in maritimen Interessen wie durch Streit um

Länderbesitz hervorgerufen; in Beziehung auf maritime Interessen sind

seine Folgen von großer Wirkung. In ihm entscheidet sich der Kampf der

drei großen Seemächte um die Herrschaft auf dem Meere. England erringt

den von jetzt an kaum noch bestrittenen ersten Platz. Große Aktionen zur

See bringt dieser Krieg noch weniger als der Pfälzische Erbschaftskrieg.

Der Einfluß der Seestreitkräfte auf den Verlauf ist zwar besonders auf

seiten der Gegner Frankreichs groß, aber er besteht, ähnlich wie in dem

vorigen Kriege von 1694 an und noch mehr, fast nur in dem geräuschlosen

andauernden Drucke, mit dem die Seemacht arbeiten kann, indem sie dem

Feinde die Hilfsquellen abdämmt, während sie die eigenen offen hält. Aus

diesen Gründen wird sich schon die Schilderung des Spanischen

Erbfolgekrieges ebensosehr mit genauer Auslassung über die vorstehenden

Punkte -- Ursachen und Folgen des Krieges in maritimer Hinsicht; Einfluß

der Seemacht -- wie mit der Beschreibung kriegerischer Ereignisse zu

beschäftigen haben.

[254] Diese Betrachtungen bedürfen der Nachsicht. Die Verhältnisse und

diplomatischen Verhandlungen sind sehr verwickelt, und bei der

gebotenen Kürzung waren Unvollständigkeiten, selbst

Ungenauigkeiten, nicht zu vermeiden; es dürfte dies jedoch ohne

Einfluß auf die Beurteilung der Sachlage sein.

Wie der Name sagt, gab =die Thronfolge in Spanien= -- beim Aussterben des

habsburgischen Zweiges -- den Anlaß zum Kriege; schon vor dem Tode des

letzten Königs, Karls II., beschäftigte diese Frage die Kabinette. Es

handelte sich darum, ob der Nachfolger aus dem Hause Bourbon oder aus dem

habsburgischen Zweige, der in Österreich regierte, hervorgehen sollte.

Diese Häuser waren erbberechtigt: In erster Linie durch die beiden

Schwestern Karls II., von denen Maria Theresia mit Ludwig XIV. und

Margarete Theresia mit Kaiser Leopold I. verheiratet gewesen waren; in

zweiter Linie auch schon durch die beiden Schwestern König Philipps IV.,

von denen Anna die Gemahlin Ludwigs XIII. und Maria Anna die Kaiser

Ferdinands III. gewesen waren (die Mütter Ludwigs XIV. und Leopolds I.).

Ludwig XIV. und Leopold sahen wohl ein, daß die übrigen Staaten nicht

zulassen würden, Spanien mit ihren Ländern zu vereinigen, sie traten

deshalb für ihre Person und ihre Thronfolger zurück. Ludwig verlangte den

spanischen Thron für seinen Enkel Philipp von Anjou (einen »jüngeren«

Bruder), Leopold für seinen zweiten Sohn (aus dritter Ehe).

Maria Theresia hatte bei ihrer Verheiratung auf die Erbfolge

verzichtet; das einzige Kind Margarete Theresias verzichtete zugunsten

ihres Vaters auf die Thronfolge in Spanien, als sie sich mit Max

Emanuel von Bayern verband, doch erkannten weder Ludwig XIV. noch der

Kurfürst diese Verzichte an. Erbberechtigt erschienen so: Der Dauphin

von Frankreich, der Kurprinz von Bayern und der älteste Sohn Leopolds;

der Dauphin und Leopolds Sohn auch schon von den Schwestern Philipps

IV. her.

Man mußte sich also vereinbaren und legte Wert auf die letzte

Willensmeinung des Königs von Spanien. Dieser war seinen deutschen

Verwandten zugeneigt, aber die Partei der Königin arbeitete, von

Frankreich beeinflußt, für das Haus Bourbon. Für die anderen Staaten

handelte es sich aber im Hinblick auf =das politische Gleichgewicht=

nicht nur darum, an welches der beiden Häuser Spanien fallen, sondern

wohl noch mehr darum, ob es in seinem ganzen ungeheuren Umfange bestehen

bleiben sollte. Dies war besonders wichtig für die Seenationen, weil bei

ihrer Auffassung des Gleichgewichts der Einfluß der neuen politischen

Gestaltung auf Handel und Schiffahrt, auf die Beherrschung des Ozeans und

des Mittelmeeres schwer ins Gewicht fiel.

Zu Spanien gehörten: Neben Mailand und anderen Provinzen in Norditalien

der Süden dieser Halbinsel, Sicilien, Sardinien, die Balearen; die

spanischen Niederlande; auf der westlichen Halbkugel Kuba, Portorico

und die großen Staaten Südamerikas, deren Bedeutung für den Handel man

gerade zu erkennen begann; endlich große Besitzungen in Indien. Solange

Spanien wie in den letzten Jahrzehnten ohnmächtig war, hatten die

Seenationen gleichgültig auf diese große Ausdehnung, gerade in

maritimer Hinsicht, geblickt. Anders wurde die Sachlage für sie, wenn

eine stärkere Regierung in Spanien das Ruder führte, die vielleicht gar

einen Rückhalt an einer anderen Großmacht hatte; wir werden sehen, daß

während aller Verhandlungen, später während des Krieges und endlich

beim Friedensschluß diese maritimen Interessen von größtem Einfluß

waren.

Wegen der Wichtigkeit in maritimer Hinsicht -- aber auch wegen des

Charakters Ludwigs XIV. -- mußte ein Erfolg Frankreichs bei der Lösung

der Frage des Seenationen bedenklicher erscheinen als der der

Gegenpartei; die Verhandlungen der Kabinette näherten sich

infolgedessen immer mehr einer neuen Allianz gegen Frankreich, und

wieder wurde Wilhelm III. von England die Seele dieser Bewegung.

England und Holland fürchteten ganz besonders, wenn ein Bourbon den

Thron Spaniens bestieg, den Einfluß Frankreichs in den spanischen

Niederlanden, ein französisches Handelsmonopol im spanischen Amerika

und die Beherrschung der Straße von Gibraltar zugunsten Frankreichs;

dieses erschien ihnen sowohl im Hinblick auf den Handel wie vom

militärischen Standpunkte aus gefährlich; hatte ihnen doch im letzten

Kriege Cadiz als Stützpunkt gegen die Verbindung der französischen

Streitkräfte von Toulon und Brest gedient.

Die Seenationen machten nun zunächst einen =Vermittlungsvorschlag= (im

Haag 1688): Joseph, der Kurprinz von Bayern, sollte Spanien, Indien und

die Niederlande erben; an Karl, des Kaisers Sohn, sollten Mailand und an

einen Sohn Ludwigs Neapel und Sicilien fallen. So waren alle

Erbberechtigten bedacht, und auch sie erreichten ihren Zweck; Frankreich

erhielt zwar eine stärkere Stellung im Mittelmeer, aber dieser glaubten

die Regierungen der Seestaaten gewachsen zu sein. Ludwig ging auf diesen

Vorschlag ein, vielleicht nur um im Bunde mit England und Holland den

Kaiser zu schrecken oder um für seine Umtriebe in Madrid Zeit zu

gewinnen. Der Kaiser jedoch widersetzte sich, da er seiner Familie gerade

die Mittelmeerstellung erhalten wollte, und alles flog in die Luft, als

der Kurprinz 1699 plötzlich (an Gift?) starb.

In Spanien war die öffentliche Meinung gegen jede Lösung der Frage, die

das Reich zersplitterte, und der Partei der Königin gelang es, den König

zu bestimmen, in seinem Testament (Oktober 1700) =Philipp von Anjou= als

Thronfolger einzusetzen; der König starb am 1. November 1700. Ludwig XIV.

erkannte das Testament an, ohne auf seine Verhandlungen mit den

Seemächten Rücksicht zu nehmen; er ließ seinen Enkel zum König ausrufen

und sandte ihn im Januar 1701 nach Spanien. Anjou fand dort keinen

Widerstand, er zog im April als König Philipp V. feierlich in Madrid ein;

auch in Mailand und Neapel wurde er anerkannt, ebenso vom Papst und von

Mantua. Er war aber ganz auf Frankreichs Unterstützung angewiesen, da in

Spanien Heer und Flotte gänzlich verfallen waren.

Bei seiner Abreise sagte ihm Ludwig: »Sei ein guter Spanier, das ist

deine erste Pflicht, aber vergiß auch nicht, daß du ein geborener

Franzose bist, um stets die Verbindung zwischen beiden Ländern und

damit den Frieden Europas aufrecht zu erhalten.« Ludwig frohlockte auch

schon mit dem Ausspruch: »Es gibt keine Pyrenäen mehr!« Sein Triumph

war berechtigt: die Vereinigung der Länder beim Hause Bourbon versprach

große Vorteile für Frankreich, schon weil dieses dadurch einen alten

Feind im Rücken verlor, der trotz seiner Schwäche oft die

Erweiterungspläne nach Osten behindert hatte. Tatsächlich haben ja auch

die beiden Königreiche dann lange Zeit, mit nur kurzer Unterbrechung,

in einem auf Familienbeziehungen beruhenden Bündnisse gelebt, das nur

wegen Spaniens Ohnmacht nicht gefährlich für das übrige Europa wurde.

=Nun drohte der Krieg=; die Bevölkerung der Seestaaten wollte aber nach

den Leiden des letzten Kampfes noch Ruhe haben. Man versuchte deshalb,

Ludwig zu einigem Nachgeben zu bewegen, und machte einen neuen

Vermittlungsvorschlag, nach dem Anjou Spanien behalten sollte, aber

Frankreich keine Handelsbevorzugung in den Kolonien gewähren dürfe; die

italienischen Provinzen sollten sämtlich an Karl fallen, wodurch dem

vorhin erwähnten Anspruch des Kaisers genügt wäre. Den Seemächten

erschien es für ihre maritimen Interessen weit unbedenklicher, Süditalien

in habsburgischen Händen zu sehen als in bourbonischen; es ist

bemerkenswert, daß diese Lösung der Frage annähernd schließlich das

Ergebnis des zehnjährigen Krieges wurde.

=Ludwig= XIV. war aber inzwischen schon weiter gegangen, indem er im

Februar, im Einverständnis mit dem spanischen Statthalter, aus den

Festungen der spanischen Niederlande die holländischen Besatzungen

vertrieben hatte, die dort nach altem Vertrage zum Schutze dieser Provinz

und somit Hollands selbst lagen. Nun begann Holland zu rüsten und auch

der Kaiser sammelte Truppen (Prinz Eugen), um sich die Lombardei zu

sichern. Ludwig sandte sofort ein Heer (Catinat) nach Oberitalien, um den

Österreichern den Weg zu verlegen; hier begann der Krieg schon im Mai

1701.

Der Kaiser war zunächst noch in bedrängter Lage. Infolge der

Türkenkriege war der Schatz erschöpft und in Ungarn erforderten neue

Unruhen ein Heer; Ludwig hatte Savoyen sowie die Kurfürsten von Bayern

und Köln für sich gewonnen, auch ganz Italien stand gegen den Kaiser;

mit ihm gingen allerdings die meisten anderen deutschen Fürsten,

besonders Preußen und Hannover, die er sich durch Gewährung der Königs-

und Kurfürstenwürde verpflichtet hatte.

Die neuen Versuche der Seemächte, auf friedlichem Wege ihren Zweck zu

erreichen, hatten auch keinen Erfolg. Ludwig gab nicht nach, und wie

Holland genötigt war, zu seinem eigenen Schutze zu rüsten, so wurde auch

in England die Stimmung feindlicher. Schon der erste Teilungsvorschlag

war hier dem Volke nicht genehm gewesen, weil durch ihn Neapel und

Sicilien unter französischen Einfluß gekommen wären; jetzt sprach sich

das Parlament offen gegen jede Lösung der Frage aus, die Frankreichs

Herrschaft im Mittelmeer stärke, und gab dem Könige freie Hand, eine neue

große Allianz gegen Ludwig XIV. herbeizuführen. Im September 1701

schlossen =die Seemächte= einen geheimen Vertrag mit dem =Kaiser=, in dem

folgende =Grundzüge für einen bevorstehenden Krieg= niedergelegt wurden:

Besetzung der spanischen Niederlande zum Schutze Hollands; Eroberung der

italienischen Provinzen für den Kaiser; Berechtigung der Seemächte,

außereuropäische spanische Besitzungen für sich zu erobern. Keiner der

Verbündeten solle allein mit Frankreich in Unterhandlung treten und ohne

sicherzustellen, daß niemals Frankreich Spanisch-Indien erhielte oder

dort Handelsbeziehungen anknüpfe, endlich daß England und Holland die

Handelsvorrechte behielten, die sie unter dem verstorbenen Könige

besessen hatten. Diese Bedingungen entsprachen also dem letzten

Teilungsvorschlage: Anjou wurde als König anerkannt, aber die Seenationen

sicherten sich große maritime Vorteile und berücksichtigten doch die

Ansprüche des Kaisers -- deutsche Truppen mußten ja in erster Linie den

Landkrieg führen.

Zum Ausbruch des allgemeinen Krieges kam es aber noch immer nicht.

Holland wollte nicht ohne England losschlagen, und hier konnten sich die

Handelskreise noch nicht entschließen, noch nicht von dem Eindruck der

Verluste im letzten Kriege freimachen. In diesem kritischen Augenblicke

starb Jakob II. (16. Dezember 1701) und Ludwig ließ sich bewegen, trotz

der Bedingung im Frieden von Ryswijk dessen Sohn als König Jakob III. von

England anzuerkennen. Dies faßte das englische Volk als Drohung und

Beleidigung auf, und das Parlament bewilligte jetzt alle verlangten

Mittel zum Kriege sowie Subsidien für Deutschland. Wilhelm III. starb

zwar am 8. März 1702, doch die Königin Anna blieb seiner Politik treu;

der Herzog von Marlborough wurde nicht nur in England, sondern für die

Verbündeten überhaupt, die in diesem Kriege treibende Persönlichkeit, wie

es früher Wilhelm von Oranien gewesen war. In den Niederlanden, wo kein

neuer Statthalter gewählt wurde, gelang es dem Ratspensionär der Staaten

von Holland, Heinsius, die Politik im Sinne Wilhelms fortzuführen. =Im

Mai 1702 wurde der Krieg erklärt.=

=Die Kriegserklärung= erging: von Holland an die Könige von Frankreich

und Spanien; von England an den König von Frankreich und an Spanien, da

Anna nach der Proklamation Jakobs zum Könige von England Philipp nicht

mehr als Herrscher anerkannte; vom Kaiser an den König von Frankreich

und an Philipp von Anjou, da er Spanien als Eigentum seines Hauses

ansah.

In dem Kriegsplane der Verbündeten trat bald eine, für uns besonders

wichtige, Veränderung ein. Im Jahre 1703 wurde von allen Verbündeten

=Karl von Österreich= als Karl III. zum Könige von Spanien ausgerufen.

=Portugal= trat dem Bunde bei und Karl sollte mit Unterstützung dieses

Landes sowie der Seemächte sein Reich erobern. In Spanien hatte er

besonders in Katalonien und Aragonien Anhänger, während die südlichen

Provinzen und besonders Kastilien auf seiten Philipps standen.

Der König von Portugal, =Dom Pedro= II., hatte aus Furcht vor

Frankreich Anjou anerkannt, obgleich er im Herzen sein Gegner war; auch

er fürchtete für die Zukunft den wachsenden Einfluß Frankreichs in

Spanien. Österreich versprach ihm nun Abtretung spanischen Gebietes,

England Geldhilfe. Er wollte sich aber nicht erklären, ehe nicht Karl

in Lissabon gelandet und damit den Verbündeten die Verpflichtung

erwachsen sei, auch auf der Pyrenäischen Halbinsel in einen Landkrieg

einzutreten.

Gleichzeitig schlossen Portugal und England den =Methuen-Vertrag= --

benannt nach dem die Verhandlungen führenden englischen Gesandten --,

des Inhalts, daß England sich verpflichtete, die Einfuhr der Weine

Portugals, Portugal die der englischen Fabrikate zu begünstigen. Wenn

der Vertrag auch scheinbar beiden Teilen gleich günstig war, so brachte

er doch tatsächlich den Handel Portugals ganz in Englands Hände und

führte das Gold Brasiliens über Lissabon nach England; ein Vorteil, der

schon in diesem Kriege von Nutzen und von Wichtigkeit wurde.

Von dieser Zeit an blieb Portugal notgedrungen, weil es von England

mehr zu hoffen und mehr zu fürchten hatte als von irgend einer anderen

Macht, ein treuer Bundesgenosse Englands, mit dessen Häfen als

Stützpunkten die englische Seemacht rechnen konnte.

Damit wurden die Seemächte in einen großen Landkrieg auf der Pyrenäischen

Halbinsel verwickelt und mußten ihre Seestreitkräfte vornehmlich dafür

verwenden, während sich bei der einfachen Durchführung des Vertrages vom

September 1701 die Kriegführung zur See wohl neben dem Mittelmeer in

großem Maße auf die überseeischen Gewässer und die Kolonien erstreckt

haben würde. Wenn bisher mehrfach gesagt ist, in diesem Falle würden die

Seestreitkräfte im Mittelmeer nicht nötig gewesen sein, so ist dies nicht

richtig. Auch nach dem ersten Kriegsplane lagen wichtige Aufgaben für die

Flotten im Mittelmeer, und es dürfte jetzt kein Zweifel mehr sein,[255]

daß Wilhelm III. und nach ihm Marlborough vom Beginn des Krieges an und

während seines ganzen Verlaufes eine Stärkung der Macht Englands im

Mittelmeer im Auge hatten, insbesondere die Beherrschung der Straße von

Gibraltar; schon bei den Verhandlungen über die Teilung Spaniens

verlangte Wilhelm, daß England einen Hafen an der Straße (Ceuta oder

Oran) sowie einen oder zwei innerhalb dieser (z. B. Port Mahon) erhalten

müsse, wenn ein französischer Prinz den Thron Spaniens bestiege.

[255] Corbett »Mediterranean«.

Auch der =Herzog von Savoyen=, der anfangs auf französischer Seite stand,

trat 1703 der großen Allianz bei; aus dem hochmütigen Auftreten Philipps

V., seines Schwiegersohnes, ihm gegenüber schloß er, daß er sich auf

Versprechungen Ludwigs doch nicht verlassen könne.

$Der allgemeine Verlauf des Krieges.$ Der Landkrieg spielte sich in den

Niederlanden, Deutschland, Italien und Spanien ab. Nur auf den beiden

letztgenannten Kriegsschauplätzen griffen die Seestreitkräfte in den

Kampf ein, es ist aber doch nötig, einen Überblick über den Gesamtkrieg

zu geben -- in dem so viele berühmte Generale fochten --, um den Einfluß

des Seekrieges zu verstehen und zu würdigen.

$Im Jahre 1701$ besetzte Ludwig XIV. die spanischen Niederlande und

sandte ein Heer unter Marschall =Catinat= nach Italien, um den

Österreichern unter Prinz Eugen bei der Veroneser Klause den Weg nach der

Lombardei zu verlegen; =Prinz Eugen= aber gelang es, über die Gebirge den

Feind zu umgehen und im Mai bei Verona in seinem Rücken zu erscheinen.

Obgleich weit schwächer, brachte er dann durch den Überfall bei Carpi (9.

Juli) seinem Gegner eine Schlappe bei und schlug, als Catinat

infolgedessen abberufen war, den weit weniger fähigen Marschall Villeroi

bei Chiari (1. September), ja nahm ihn sogar durch Überfall bei Cremona

(2. Februar 1702) gefangen.

Auch das ganze $Jahr 1702$ hindurch hielt sich Eugen gegen den Marschall

=Vendôme=; 1703 wurde der Prinz als Präsident des Hofkriegsrates nach

Wien berufen und bald darauf zur Niederwerfung des Aufstandes nach Ungarn

gesandt.

Im Frühjahr 1702 begann der Krieg in den Niederlanden und in Deutschland.

Der Herzog von =Marlborough= sollte mit einem englisch-holländischen

Heere die spanischen Niederlande erobern und =Ludwig von Baden=

gleichzeitig ein Reichsheer gegen Frankreich führen. Marlborough, durch

Brandenburg von Cleve her unterstützt, fiel ins Kölnische ein und nahm

Bonn; in den Niederlanden wurde er durch die vielen Festungen aufgehalten

und konnte nicht vordringen, um Baden zu unterstützen. Dieser eroberte

zwar Landau und schlug die Franzosen, die ihn umgehen wollten, zurück; er

konnte aber nicht hindern, daß der Kurfürst =Max Emanuel= mit den Bayern

ihn im Rücken bedrohte und die feste Reichsstadt Ulm besetzte.

=Die Flotte der Verbündeten= unternahm 1702 einen fruchtlosen Angriff auf

Cadiz (August-September) und vernichtete die Silberflotte in Vigo (23.

Oktober). Dieser Erfolg trug nicht wenig dazu bei, Portugal auf seiten

der Gegner Frankreichs zu bringen; er zeigte ihm, daß eine die See

beherrschende Macht (England) mehr Einfluß auf sein Schicksal habe als

die Nachbarlandmacht (Spanien).

$1703$ vereinigte Marschall =Villars= die französische Rheinarmee mit der

bayerischen an der oberen Donau; Ludwig von Baden würde den Gegnern

erlegen sein, wenn diese einig gewesen wären. Aber der Kurfürst trennte

sich von Villars und wandte sich nach Tirol, um sich mit Vendôme in

Italien zu vereinigen. Er kam in dem von Truppen entblößten Lande bis zum

Brenner, wurde dann durch das aufgestandene Volk unter schweren Verlusten

(z. B. die Steinüberschüttung an der Pontlatzer Brücke) wieder verjagt.

=Vendôme=, der von Italien aus in Tirol eindringen wollte, war vom Grafen

Starhemberg, Eugens Nachfolger, weiter festgehalten. Auf diesem

Kriegsschauplatze fanden die Österreicher jetzt Unterstützung an Savoyen,

wenn auch dessen Herzog (sein Land von den Franzosen besetzt, Turin

belagert, das Heer entwaffnet) sich zunächst auf den kleinen Krieg im

Rücken der Franzosen beschränkt sah.

$1704$ machte Ludwig XIV. die größten Anstrengungen, eine baldige

Entscheidung herbeizuführen, waren doch Portugal und Savoyen zu den

Gegnern getreten; die Seemächte bereiteten einen Angriff von Portugal aus

auf Spanien vor, mit Savoyen hatte er seine Rückendeckung in Italien

verloren. =Vendôme= stand in Italien mit 60000 Mann, =Villeroi= in

gleicher Stärke in den Niederlanden, der Hauptschlag sollte in

Deutschland geführt werden. Hierzu waren 100000 Mann aufgeboten; sie

standen zum Teil, mit den Bayern vereint, unter =Marzin= bei Augsburg,

zum Teil unter =Tallard=, der Marzin verstärken sollte, endlich unter

=Coigny= an der Mosel den Brandenburgern im Clevischen gegenüber. =Baden=

stand mit nur 30000 Mann zwischen Marzin und Tallard in den

Stollhofer-Linien. Zwar rückte =Prinz Eugen= heran, um ihm Luft zu

machen, aber nur mit 20000 Mann. Aus dieser schwierigen Lage wurden die

Verbündeten durch das selbständige Eingreifen ihrer beiden größten

Feldherren, =Eugen und Marlborough=, die sich behufs Vereinigung in

Einverständnis gesetzt hatten, befreit; der englische General war bereit,

auf der gefährdeten Stelle zu erscheinen. Es war schwierig, denn in

England durfte es nicht bekannt werden, weil Ludwig XIV. sonst sofort

Kenntnis davon erhalten hätte, und die Generalstaaten wollten das Heer in

den Niederlanden nicht geschwächt haben. Aber mit dem Ratspensionär

Heinsius im Einverständnis ließ Marlborough nur die Holländer Villeroi

gegenüberstehen und marschierte (im Mai) mit den englischen und den von

Holland besoldeten deutschen Truppen nach dem Neckar. Wenn nun auch

Villeroi zu Tallard eilte und Tallard Verstärkungen für Marzin absandte,

so wurde dieser doch abgehalten, weiter auf Wien zu marschieren; er

wandte sich nach Ulm, um Tallard zu erwarten.

Eugen, Marlborough und Baden vereinigten sich bei =Groß-Heppach= im

Remstal. Baden, der gegen eine entscheidende Schlacht war, beanspruchte

anfangs den Oberbefehl, doch einigte man sich darüber, diesen abwechselnd

zu führen. Man rückte gegen Donauwörth vor, und als Marlborough am 2.

Juli kommandierte, schlug er die Bayern am Schellenberge; Baden ward dann

veranlaßt, Ingolstadt zu belagern. =Eugen und Marlborough= schlugen =bei

Höchstädt= (Blindheim; englisch Blenheim) am 13. August mit 52000 Mann

das feindliche Heer, 58000 Mann, unter Max Emanuel, Marzin und Tallard,

ehe der schon in der Nähe befindliche Villeroi herankam. Tallard wurde

mit 12000 Mann gefangen genommen; der Kurfürst und Marzin flohen auf

Villeroi zurück; Ulm wurde den Bayern, Landau den Franzosen abgenommen.

Die Sieger waren aber nicht stark genug, ihren Erfolg auszunutzen, doch

wurde mit Höchstädt Deutschland von den Franzosen gesäubert und blieb in

der Folge nur noch ein untergeordneter Kriegsschauplatz; Max Emanuel

wurde geächtet -- er führte später französische Heere in den Niederlanden

-- und Bayern trat von der französischen Verbindung zurück.

=Die Tätigkeit der verbündeten Seestreitkräfte= bestand im Jahre 1703 der

Hauptsache nach nur darin, die französische Flotte in Toulon

festzuhalten, im Jahre 1704 aber war sie von großer Bedeutung. Eine

Flotte brachte Karl III. nach Lissabon, eroberte =Gibraltar= und trieb

die französische, die diese Stadt decken oder wiedernehmen sollte, durch

die =Schlacht bei Malaga= -- die einzige Seeschlacht dieses Krieges --

zurück; damit war die Erringung einer dauernden Seeherrschaft im

Mittelmeer eingeleitet. Der Landkrieg in Spanien wurde in diesem Jahre

nur erst schwach an der portugiesischen Grenze geführt.

$Im Jahre 1705$ sollte =Marlborough= die spanischen Niederlande, =Eugen=

Italien von den Franzosen säubern, es gelang aber nicht; der Tod des

Kaisers Leopold (11. Januar) trat verzögernd dazwischen, die Holländer

zeigten sich lau, Eugen war nicht stark genug. Besser stand es auf der

Pyrenäischen Halbinsel. Hier wurde die Wiedereroberung Gibraltars, schon

seit dem Winter 1904 durch ein spanisches Heer unter dem französischen

Marschall Tessé belagert, durch das Wintergeschwader der Verbündeten

vereitelt und Spanien von zwei Seiten angegriffen. Das Vordringen von

Portugal aus gegen Tessé kam zwar nicht vorwärts, aber mit Hilfe einer

großen Flotte wurde Barcelona genommen (3. Oktober) und von hier aus

Katalonien, Aragonien und Valencia erobert. Zwar sandte Ludwig XIV. früh

$im Jahre 1706$ ein Heer unter =Noailles= nach Spanien, das von Norden

her gegen Katalonien vorging, während =Tessé= von Westen herankam, und

König Karl wurde auf Barcelona zurückgeworfen und dort mit Unterstützung

einer französischen Flotte belagert. Aber auch diese Stadt entsetzte die

verbündete Flotte (10. Mai), die französische Armee ging nach Frankreich

zurück, die Verbündeten drangen von Portugal aus vor und zogen in Madrid

ein (26. Juni); König Philipp floh nach Frankreich. In diesem Jahre

wurden auch sonst Erfolge errungen. =Marlborough= schlug Villeroi bei

=Ramillies= (23. Mai); =Prinz Eugen=, durch Brandenburger unter =Leopold

von Dessau= verstärkt, drängte die Franzosen unter dem Herzog von Orleans

(Nachfolger Vendômes) zurück und warf sie durch die =Schlacht vor Turin=

(7. September) ganz aus Norditalien hinaus. Nur am Rhein konnte Ludwig

von Baden kaum seine Stellung Villars gegenüber behaupten, da die

Reichsstände ihre Kontingente nur unvollständig stellten.

=Das Eingreifen der Flotte= war in diesen beiden Jahren von großer

Bedeutung: Entsatz von Gibraltar; Überführung des Heeres nach Katalonien;

Eroberung Barcelonas und anderer Küstenstädte, sowie Mallorcas; Entsatz

Barcelonas. Es muß jedoch darauf hingewiesen werden, daß die Erfolge

stets im Winter wieder auf dem Spiele standen, wenn sich die Flotte

zurückzog, weil man nicht wagte, sie im Mittelmeer überwintern zu lassen.

$1707$ stand Frankreich also sehr ungünstig da und wäre vielleicht

niedergezwungen, wenn ein =Plan Marlboroughs= durchgeführt wäre. Dieser

geniale Feldherr und Staatsmann versuchte schon seit Beginn des Jahres

1706, die verbündeten Regierungen zu einem Hauptangriff auf die Provence

zu bewegen, um die lange französische Stellung von den Niederlanden bis

Spanien in der Mitte zu durchbrechen und Frankreich auch im Mittelmeer

von allen Zufuhren abzuschneiden, wie es an den anderen Küsten schon

nahezu geschehen war. Prinz Eugen sollte mit dem Herzog von Savoyen,

verstärkt durch englisch-holländische Truppen und unterstützt von der

Flotte, den Stoß ausführen, gleichzeitig sollte ein kräftiger Vorstoß in

den Niederlanden erfolgen und der Krieg in Spanien möglichst gefördert

werden; auch mit einer stark wieder auflodernden Erhebung der

Protestanten in den Cevennen, die 1703 entstanden und eben erst in der

Hauptsache unterdrückt war, wurde gerechnet. Der Plan kam nicht zur

vollen Durchführung: Der Vorstoß in den Niederlanden unterblieb; Eugen

wurde nach seinen Erfolgen 1706 nicht nur nicht verstärkt, sondern sogar

durch Abgabe von Truppen zur Eroberung Neapels für Karl III. (1707)

geschwächt. Eugen drang zwar in die Provence ein und belagerte Toulon,

beides unterstützt durch die Flotte, mußte aber nach Italien zurückgehen

(Juli-August). Marlborough machte in den Niederlanden 1707 noch einige

Fortschritte, am Rhein dagegen drangen die Franzosen nach Ludwigs von

Baden Tode (Januar 1707) vor und wurden nur dadurch gehemmt, daß sie

Truppen nach Toulon senden mußten. Der Vorstoß in die Provence hatte

sonst nur den einzigen unmittelbaren Erfolg, daß die Franzosen eine große

Zahl ihrer Linienschiffe in Toulon, die sie versenkt hatten, verloren.

Auch in Spanien hatte sich das Blatt schon im Herbst 1706 gewandt. Die

Verbündeten konnten sich in Kastilien nicht halten, da sich das Volk

erhob und ein neues französisches Heer erschien. Sie zogen nach

Katalonien ab und Philipp V. traf wieder in Madrid ein (Oktober 1706).

Bei dem Versuch 1707, unter dem Earl of Galway wieder gegen Madrid

vorzudringen, wurden sie bei Almansa (25. April) geschlagen und ganz

Spanien fiel bis auf Katalonien an Philipp zurück.

Schon 1707 war Ludwig XIV. zum Frieden geneigt; er unterhandelte, geheim

und getrennt, mit dem Kaiser und mit England. Jener sah sich ungenügend

vom Reiche unterstützt und hatte Aussicht, wenigstens Italien zu

erhalten; in England war man gleichfalls wegen der Rückschläge in Spanien

und wegen des Fehlschlages auf Toulon teilweise geneigt, doch Marlborough

arbeitete dagegen und es wurden dann auch dem Kaiser neue Versprechungen

gemacht. Marlborough hatte für England recht, das Ausharren sollte im

nächsten Jahre belohnt werden.

$Im Jahre 1708$ schlugen =Marlborough und Eugen= den Marschall Vendôme

bei =Oudenaarde= (11. Juli), viele Festungen fielen in ihre Hand und die

Franzosen wurden aus Flandern sowie Brabant vertrieben. In Spanien

machten die Franzosen kaum noch Fortschritte, dagegen wurde Sardinien und

Minorca für König Karl erobert.

=Die Tätigkeit der Seestreitkräfte= war 1707 und 1708 zuerst eng an den

Landkrieg geknüpft. Sie führten Verstärkungen von England und Holland

nach Spanien, begleiteten längs der Küste den Vor- und Rückmarsch Eugens

und wirkten bei der Belagerung Toulons mit; später sicherten sie die

Überführungen deutscher Truppen von Italien nach Katalonien. Dann aber

brachte die Flotte die Insel Sardinien unter Karls Oberhoheit (August

1708) und unterstützte die von Katalonien ausgehende (General Stanhope,

September) Einnahme Minorcas. England sicherte sich wie bei Gibraltar

durch alleinige Besetzung =Port Mahon= als Stützpunkt.

Zu Ende des Jahres 1708 war Ludwig in größter Bedrängnis: Italien und die

Niederlande verloren; Spanien nur eben zu halten; das Heer geschwächt

und das Land erschöpft. Er entschloß sich zu demütigenden

Friedensverhandlungen; er wollte für Philipp nur Neapel behalten, das

Elsaß, Straßburg, Lille, Tournay zurückgeben. Als ihm aber zugemutet

wurde, selbst seinen Enkel mit französischen Truppen aus Spanien zu

vertreiben, setzte er den Krieg fort; es sollte jetzt auch ein Umschlag

eintreten.

$1709$ errangen zwar Eugen und Marlborough nochmals einen großen Sieg bei

=Malplaquet= über Villars (11. September). Ludwig mußte seine Truppen aus

Spanien zurückziehen, Karl III. drang wieder vor, siegte später (20.

August 1710) bei Saragossa und zog jetzt endlich in Madrid ein. Philipp

mußte aufs neue fliehen und auch Ludwig riet ihm nun, Spanien aufzugeben

und sich mit Sicilien und Sardinien zu begnügen. Aber Philipp blieb im

Vertrauen auf die Kastilier standhaft und auch Vendôme zog wieder zu

Felde. Die Lage war günstiger geworden. $Im Jahre 1710$ begann der Bund

gegen Frankreich zu verfallen. In England kam die Gegenpartei

Marlboroughs ans Ruder, sie war gegen die Fortsetzung des Krieges. Auch

im Volke war man zum Frieden geneigt; man war überzeugt, schon jetzt für

sich so günstige Bedingungen zu erreichen, daß ein Mehr den weiteren

Opfern nicht entsprechen würde. So begannen Unterhandlungen zwischen

England und Frankreich, die eifriger betrieben wurden, als Kaiser Joseph

(17. April 1711) starb. Karl III. kam dadurch auf den österreichischen

Thron und auch seine Wahl zum Kaiser war vorauszusehen; England konnte

aber nicht zulassen, daß jetzt Spanien mit Österreich vereinigt würde.

Dementsprechend gab England $1711$ die Sache Karls in Spanien auf; diese

war schon dadurch fast unhaltbar geworden, daß Vendôme im Dezember 1710

den österreichischen General Starhemberg bei Villa Viciosa völlig

geschlagen und bald darauf den Engländer Stanhope mit seinen Truppen

gefangen genommen hatte. Karl III. verließ Ende September 1711 Spanien

und wurde am 12. Oktober als Karl VI. zum Kaiser gewählt. Schon am 8.

Oktober ward zwischen England und Frankreich im geheimen ein

gegenhabsburgischer Vertrag geschlossen und bald darauf eröffnete man die

Friedensverhandlungen. Vergebens ging $1712$ (Januar) =Prinz Eugen= nach

England, um für seinen Freund Marlborough und für die gemeinschaftliche

Sache einzutreten. Marlborough fiel völlig in Ungnade und wurde vom

Kommando abberufen; sein Nachfolger unterstützte Eugen und die Holländer

nicht mehr, sie wurden von Villars geschlagen (27. Juli bei Denain) und

zurückgedrängt, Als dann Philipp V. auf die Thronfolge in Frankreich

verzichtete und Ludwig XIV. diesem Verzicht staatsrechtliche Gültigkeit

verlieh, wurde zwischen England (nebst Portugal) und Frankreich (nebst

Spanien) Waffenstillstand geschlossen; der Friedenskongreß in Utrecht

wurde eröffnet, dem Holland notgedrungen beitrat.

=Der Flotte der Verbündeten= fielen in den letzten Jahren des Krieges nur

wenig in die Augen springende Aufgaben zu: Deckung von Truppen- und

Zufuhr-Transporten von Italien nach Spanien; Hinderung der Verbindung

Frankreichs über See mit Spanien, Afrika und der Levante; Druck auf die

bourbonisch gesinnten Staaten Italiens. Diese Aufgaben ließen sich jetzt

von Port Mahon, wo die Flotte ausrüsten und überwintern konnte, weit

besser und vor allem ständig durchführen.

Wir haben die erfolgreiche Mitwirkung der Seestreitkräfte der Verbündeten

während der ganzen Dauer des Krieges angedeutet. Daß =die französische

Marine= ihnen nicht wirksamer entgegentrat, lag vornehmlich an ihrem

Verfall infolge Geldmangels (vgl. Seite 425). In der ersten Hälfte des

Krieges wurden ihr noch einige Male (1701, 1704, 1706) Aufgaben von

Wichtigkeit gestellt. Sie konnte diese in ihrer Schwäche nicht lösen; das

Vertrauen zu ihr sank und mit zunehmender Vernachlässigung schritt der

Verfall fort. Wie in den letzten Jahren des vorigen Krieges wurde nur

Tatkraft im kleinen Kriege, besonders in den nördlichen Gewässern,

entfaltet und auch dem Handel der Seenationen schwerer Schaden zugefügt.

Hiergegen und gegen den französischen Handel operierten die Teile der

englischen und holländischen Marinen, die im Mittelmeer nicht nötig

waren; es geschah dies mit immer mehr Erfolg, weil auch hierin die Kraft

der Franzosen nachließ und in den letzten Jahren die Flotte im Mittelmeer

vermindert werden konnte.

Am 13. April 1713 wurde der $Frieden von Utrecht$ geschlossen. =Die

Bedingungen= waren ganz besonders günstig für England. Ludwig XIV. mußte

die von England in Aussicht genommene Thronfolge des Hauses Hannover

anerkennen, wodurch die protestantische Regierung in England gesichert

war, und den Prätendenten Jakob ausweisen. England erhielt Gibraltar und

Minorca -- Stützpunkte für seine Seemacht im Mittelmeer, zu denen bei der

engen Verbindung mit Portugal auch noch die Häfen dieses Landes traten --

sowie in Amerika Neufundland, Akadia (die Kap Bretoninsel, der Schlüssel

zum Lorenz-Golf verblieb noch bei Frankreich) und die französischen

Besitzungen an der Hudsonbai -- der erste Schritt zum Gewinn Kanadas. Von

Frankreich und von Spanien erhielt England endlich sehr günstige

Handelsverträge bewilligt. Der wichtigste dieser war der

Assiento-Vertrag, durch den England allein von Spanien die Einfuhr von

Negersklaven in Spanisch-Amerika gestattet wurde; schon an sich lohnend,

wurde dieser Sklavenhandel noch wertvoller als Grundlage eines ungeheuren

Schmuggelhandels. Von Frankreich an Portugal gemachte Zugeständnisse in

Südamerika kamen ebenfalls England zugute.

Philipp von Anjou behielt den spanischen Thron und Spanien seine

außereuropäischen Besitzungen; von den spanischen Niederlanden fielen

Geldern an Preußen, dessen Königtum gleichzeitig anerkannt wurde, die

übrigen Provinzen (Belgien) an den Kaiser, der auch Mailand, Neapel und

Sardinien erhielt; an den Herzog von Savoyen, dem man gleichfalls den

Königstitel zugestand, wurde Sicilien abgetreten.

Holland erhielt das Besatzungsrecht einiger Städte Belgiens -- die

»Barrierenstädte«, teils allein, teils im Verein mit Österreich --; die

Sperrung der Schelde im Interesse der holländischen Häfen blieb auch für

den Handel der jetzt österreichischen Niederlande bestehen; der

Handelsvertrag mit Frankreich gab Holland dieselben Vorrechte wie

England.

Das Deutsche Reich kam am schlechtesten weg. Die ungünstigen Bedingungen

des Friedens von Ryswijk wurden bestätigt, nur seinen rechtsrheinischen

Gewinn gab Frankreich zurück; die Kurfürsten von Bayern und Köln wurden

aus der Reichsacht gelöst und erhielten ihre Länder wieder.

Die Bedingungen, die Österreich und das Deutsche Reich betreffen,

wurden im Frieden von Utrecht nur vorgeschlagen und erst in späteren

Sonderfrieden bestätigt. Der Kaiser setzte den Krieg fort; ohne die

Subsidien der Seestaaten und von den Reichsfürsten nur mangelhaft

unterstützt -- die östlichen und nördlichen Staaten des Reiches waren

in den nordischen Krieg (1700-1721; vgl. Kapitel X) verwickelt --

konnte er aber dem Andringen Frankreichs (Villars gegen Eugen) nicht

mehr widerstehen. Es schloß am 7. März 1714 den Frieden von Rastatt für

Österreich und am 7. September den von Baden für das Reich mit

Frankreich. Mit Spanien wurde von Österreich der Frieden noch nicht

geschlossen (erst 1720); Karl verzichtete also noch nicht auf den

spanischen Thron.

»Der Frieden von Utrecht ist ein Markstein in der Geschichte.« Von ihm

datiert Englands Vormachtstellung zur See; die von England gestellten

Forderungen zeigten, daß es in vollstem Maße eine Seemacht geworden und

sich dessen bewußt war. Wir kommen hierauf in den Schlußbemerkungen zu

diesem Kriege zurück.

$Über die Streitmittel$ (anschließend an Seite 417 ff.).

Da der Spanische Erbfolgekrieg der letzte große Seekrieg unseres dritten

Abschnittes ist, soll die innere Geschichte der drei großen Marinen hier

gleich bis zum Jahre 1739 fortgeführt werden. Wir haben sie kennen

gelernt bis 1697; Als genannter Krieg 1702 ausbrach, hatte sich kaum

etwas geändert; große Wandlungen aber sollten während des Krieges und in

der Zeit bis zum Beginn des nächsten Zeitabschnittes in den Marinen vor

sich gehen: die alte, stolze Marine Hollands verschwand nahezu ganz; die

französische sank tiefer und tiefer; die englische schritt fort auf ihrem

Wege zur Beherrschung der Meere.

In $Holland$ beginnt mit dem Spanischen Erbfolgekriege der Verfall der

Marine.[256] Wir haben gesehen, daß sie im vorigen Kriege noch mächtig

dastand; Wilhelm von Oranien war bestrebt, sie auch nach dem Frieden von

Ryswijk so zu erhalten, da er voraussah, daß der Friede nicht lange

dauern würde. Es handelte sich zunächst darum, die nötigen Mittel zu

beschaffen, da die Admiralitäten stark verschuldet waren, besonders die

von Seeland, Amsterdam und der Maas, die fast allein die Schiffe gestellt

und während des Krieges kaum von den eigenen Provinzen, geschweige denn

von den Landprovinzen, die zustehenden Gelder empfangen hatten.

[256] De Jonge, Teil III, Seite 542, 568, Teil IV, Seite 94, 231,

bespricht -- blutenden Herzens -- genauer diesen Verfall mit

seinen Gründen.

Die Admiralität Amsterdam z. B. hatte von der Provinz Holland 4840000

Gulden und von den andern 1900000 Gulden zu fordern; man war hier sogar

den meisten Kapitänen einen 8-17 monatliches Gehalt schuldig.

Es gelang Wilhelm, die Generalstaaten zur Aufnahme einer Anleihe von 12

Millionen zu bewegen; die Admiralitäten wurden dadurch in den Stand

gesetzt, die Schiffe auszubessern, die Magazine zu füllen und ihren

Kredit wieder herzustellen. Man setzte den Bau der 18 Linienschiffe, die

schon vor dem Frieden bewilligt waren, fort und beschloß 1701 weitere 12

(II. und III. Klasse) auf Stapel zu legen. Wilhelm brachte ferner die

Formierung von drei Regimentern Seesoldaten durch, die sich, wie die der

englischen Marine; im kommenden Kriege nicht nur an Bord, sondern auch am

Lande in Spanien sehr gut bewährten.

Der =Schiffsbestand= hatte im vorigen Kriege meist gegen 90 Linienschiffe

betragen. Um 1700 waren infolge der Verluste und Ausrangierungen nur noch

74 -- darunter 15 I. Klasse, 80-96 Kanonen; 16 II. Klasse, 70 bis 74

Kanonen; 24 III. Klasse, 60-68 Kanonen -- vorhanden, doch war durch die

Neubauten für baldigen Ersatz gesorgt. Die Marine hätte somit im

Spanischen Erbfolgekriege ebenso mächtig auftreten können wie im

Pfälzischen Erbschaftskriege, aber der Tod Wilhelms trat hindernd

dazwischen. Da kein neuer Statthalter gewählt wurde, zeigten sich die

Übelstände der früheren statthalterlosen Zeit aufs neue; der

Ratspensionär von Holland war zwar bestrebt, die Marine weiter zu

pflegen, er besaß aber nicht den Einfluß, den Oranien und auch de Witt

besessen hatten. Mit der Statthalterwürde fiel auch die Stelle des

Admiralgenerals weg, dessen Befugnisse wieder geteilt an die

Generalstaaten, an die Regierungen der Provinzen und an die Admiralitäten

übergingen; dem Seewesen fehlte der Mittelpunkt und die treibende Kraft.

Die Landprovinzen hatten wie früher kein Interesse oder kein Verständnis

für den Seekrieg, der fern im Mittelmeer geführt wurde, aber auch die

Seeprovinzen ließen sich öfters mehr von Privatinteressen -- Schutz des

Handels -- leiten. Den Admiralitäten wurden außergewöhnliche Mittel, wie

sie zum Bau und zur Indiensthaltung größerer Schlachtschiffe nötig waren,

nicht mehr bewilligt; die gewöhnlichen Mittel, die nur für die Erhaltung

der Schiffe zum Handelsschutz bemessen waren, gingen bald wieder

unregelmäßig und unvollständig, von den Landprovinzen häufig gar nicht

ein; durch die Indienststellungen für den Krieg gerieten die

Admiralitäten bald wieder in Schulden. So kam es, daß von 1701-1713 nur

21 Linienschiffe, nicht einmal die Zahl der 1697 und 1701 bewilligten,

gebaut wurden, obgleich Heinsius 1703, 1706, 1710 Neubauten beantragt

hatte.

Der Verfall der Marine trat schon bei den Rüstungen während des Krieges

zutage. Die Beratungen über die jährlichen Indienststellungen wurden spät

begonnen und träge geführt, das dann Beschlossene entsprach nicht der

Größe der Marine; die Ausführung wurde infolge Geldmangels verzögert, ja

blieb häufig hinter dem Beschlusse zurück. Die Engländer erhoben gegen

Ende des Krieges die Klage, Holland habe es anfangs an der Hälfte und von

1707 ab an 2/3 der nach der Abmachung zu stellenden Streitkräfte (England

5/8, Holland 3/8 der gemeinsamen Flotte) fehlen lassen.

Wenn de Jonge, wie wir gehört haben, nachdrücklich Wilhelm von Oranien

gegen den Vorwurf in Schutz nimmt (vgl. Seite 419, 422), den Verfall

der Marine verschuldet zu haben, so sagt er doch von diesem und von

Heinsius später, daß sie beim Eingehen der Verbindlichkeiten für einen

großen Land- und Seekrieg gleichzeitig die Kraft der Niederlande

überschätzt hätten. Der Landkrieg nahm die Mittel sehr in Anspruch, für

ihn stellte Holland ein weit größeres Kontingent als England. Der

holländische Seehandel litt nicht allein durch den eigenen Krieg,

sondern auch durch ungünstige Handelsverhältnisse in der Ostsee

(nordischer Krieg; Epidemien an einzelnen Küsten dort), so daß auch die

reichen Seeprovinzen die großen Opfer nicht mehr aufbringen konnten.

Es sind während des Krieges in Dienst gestellt, Linienschiffe:

1702: 20 } 15 } 1707 16 } 16 }

1703: 12 } Mittel- 22 } nördliche 1708 14 } Mittel- 17 } nördliche

1704: 18 } meer- 17 } Gewässer 1709 14 } meer- 16 } Gewässer

1705: 20 } flotte 15 } 1710 14 } flotte 7 }

1706: 18 } 12 } 1711 13 } -- }

Ferner: 8 Fregatten bei der Mittelmeerflotte und 30-40 Convoi-

Begleitschiffe jährlich.

Der Frage, wie weit hiernach die englische Klage berechtigt erscheint,

werden wir bei den Schlußbetrachtungen über den Krieg näher treten.

Kennzeichnend für die ungünstigen Verhältnisse aber ist, daß von 1707

an auf die Flotte im Mittelmeer aus Sparsamkeit nur ein Admiral

kommandiert wurde; man erinnere sich an die übergroße Zahl der

Flaggoffiziere auf den Flotten früherer Zeiten.

So hatte der Ruf der holländischen Marine schon während des Spanischen

Erbfolgekrieges sehr gelitten, und es kann nicht wundernehmen, wenn die

Engländer sie nicht mehr für voll ansahen, wenn bei gemeinschaftlichen

Unternehmungen die englischen Befehlshaber auf die holländischen, wie

diese häufig klagen, immer weniger Rücksicht nahmen.

Immerhin hat die holländische Marine in diesem Kriege noch eine Rolle

gespielt, dann aber wurde ihr Verfall in wenigen Jahren ein vollkommener.

De Jonge sagt: »Der Frieden von Utrecht ist ein Wendepunkt in der

Geschichte der Niederlande im allgemeinen und in der der Marine im

besondern. Bis zu diesem Zeitpunkt sprach die Republik, gestützt auf ihre

Seemacht, in allen großen politischen Angelegenheiten, in allen Kriegen

und bei allen Friedensschlüssen ein gewichtiges Wort mit. Von jetzt an

aber hält sie sich zurück, vermeidet den Krieg mit Ängstlichkeit,

schließt Verträge über Verträge selbst mit Gefährdung der Ehre des

Staates, um den Frieden zu erhalten, und verwahrlost ihre Land- und

Seestreitkräfte.« Wir werden der Marine der Niederlande von jetzt an nur

noch als einer sehr untergeordneten begegnen, sie war nicht mehr

imstande, den an sie herantretenden Anforderungen zu genügen.

Nach Utrecht blieb die Lage der Admiralitäten in dem traurigen

Zustande, wie er nach dem Tode Oraniens eingetreten war.

Außergewöhnliche Mittel wurden nicht mehr bewilligt, die Landprovinzen

zahlten Jahre hindurch nicht einmal die gewöhnlichen Beiträge. Mühsam

gelang es den Seeprovinzen, innerhalb der nächsten zehn Jahre die

Schulden ihrer Admiralitäten zu decken, darunter jahrelang rückständige

Gehälter der Offiziere sowie Pensionen für Witwen und Waisen.

Von 1715 an erforderte der nordische Krieg eine Machtentfaltung

Hollands (und Englands) in der Ostsee zum Schutze des Handels. In

diesem Jahre gelang es noch, 12 Linienschiffe zu entsenden; 1716 waren

es nur 2 Linienschiffe und 4 Fregatten, 1717 kein Segel. Die Folge war,

daß in diesem Jahre nur 200 Kauffahrer zur Ostsee gingen gegen sonst

500. 1718 beabsichtigten die Generalstaaten deshalb, 30 Kriegsschiffe

auszurüsten, aber nur 12 waren aufzubringen. Ähnlich war es im

Mittelmeer, wo seit 1716 die Belästigung des Handels durch die

Raubstaaten wieder zunahm. Erst 1721 konnte man 4 kleine Linienschiffe

und 4 Fregatten dagegen aufstellen, später bis 1740 nur noch kleine

Divisionen von Fregatten. 1727 und 1729 entsandte man allerdings 5 und

9 Linienschiffe. Diese waren aber ursprünglich in Dienst gestellt, da

man eine Störung des europäischen Friedens befürchtete; welch

unbedeutende Macht für einen solchen Fall! Gegen die Seeräuber mußte

man Kaperbriefe ausgeben und die alte Bestimmung, nach der die

Levantefahrer zum Selbstschutz stark armiert und bemannt sein sollten,

wieder streng durchführen.

Man war nicht imstande, das Material in seiner Stärke zu erhalten; die

Schiffe verrotteten auf den vernachlässigten Werften und der Ersatzbau

war ganz unbedeutend. Bis 1723 wurden nur in Amsterdam 9 Schiffe gebaut,

dann bis 1740 bei allen Admiralitäten etwa 50, unter allen diesen nur 30

Linienschiffe. Um 1740, bei Beginn des nächsten Abschnitts, war der

=Schiffsbestand=: 1 zu 90 Kanonen, 1699 erbaut und in Seeland wohl nur

deshalb erhalten, weil diese Provinz das Flottenflaggschiff zu stellen

hatte; 5 zu 72 Kanonen, darunter 3 von 1715-1719 erbaut; 8 zu 64 Kanonen,

15 zu 52 bis 58 Kanonen. Insgesamt waren 29 Linienschiffe und 22 kleinere

Fahrzeuge vorhanden, von denen 14 und 17 zu Amsterdam gehörten.

In gleicher Weise ging das =Personal= zurück. Bei den geringen

Indienststellungen verließen in den Jahren nach dem Kriege viele

Offiziere, Deck- und Unteroffiziere, den Dienst, um zu den großen

Kompagnien oder ins Ausland zu gehen; der Dienst wurde nicht mehr

gesucht. Die im Dienst bleibenden Offiziere wurden alt in ihrem Range und

hatten keine Aussicht auf Beförderung, denn freiwerdende höhere Stellen

blieben unbesetzt. Der Ersatz wurde infolgedessen ungenügend und, da die

Stellen (auch in der Verwaltung) oft nach Gunst vergeben wurden,

minderwertig. Auch für die Deck- und Unteroffiziere fand sich nur

spärlicher und schlechter Ersatz; ebensowenig waren gute seeerfahrene

Matrosen zum Eintritt zu bewegen. Selbst bei den wenigen

Indienststellungen machte die Bemannungsfrage die größten

Schwierigkeiten; Disziplin und Kriegsfertigkeit litten natürlich unter

solchen Umständen. Zu Beginn des nächsten Abschnittes war Holland nicht

imstande, auch nur ein größeres Geschwader schlagfertig in Dienst zu

stellen; erst ein neuer Statthalter, Wilhelm IV. 1747, versuchte, die

Marine wieder zu heben.

Als die Republik in den Österreichischen Erbfolgekrieg hineingezogen

war, verpflichtete sie sich (April 1744), zu einer gemeinsamen Flotte

mit England 15 Linienschiffe und 5 schwere Fregatten zu stellen. Wer

sollte dieses Kontingent kommandieren? In Seeland waren vorhanden: ein

Leutnantadmiral, zu alt und zu gebrechlich, um an Bord zu gehen; ein

Kontreadmiral, völlig taub; ein Vizeadmiral. Nach altem Brauch mußte

aber der Leutnantadmiral von Holland führen und die Admiralitäten von

Amsterdam und der Maas verfügten nur noch über einen Kontreadmiral von

72 Jahren. Dieser (Grove) wurde deshalb sofort zum Leutnantadmiral der

Maas ernannt, drei schon bejahrte Kapitäne zum Leutnantadmiral von

Amsterdam, zum Vize- und zum Kontreadmiral; außer Grove, der die

Streitkräfte 1717/1718 in der Ostsee kommandiert, hatte keiner der

neuen Flaggoffiziere je einen größeren Verband von Schiffen geführt.

Von den zu stellenden Schiffen stießen zunächst nur 8 Linienschiffe und

erst im August zu den Engländern -- die Fregatten waren zur Aufnahme

des ostindischen Convois entsandt -- und als die vereinigte Flotte kaum

vier Wochen in See war, mußten drei Schiffe wegen Krankheit an Bord

einen Nothafen aufsuchen; weitere 8 Linienschiffe stießen erst im

Winter zur Flotte. Um dieses Geschwader zu bemannen, hatte man

Werbeoffiziere nach Hamburg, Bremen und Kopenhagen gesandt, aber dort

nur wenig befahrene Matrosen erhalten; man mußte noch mit Sträflingen

aus den Gefängnissen auffüllen. Brauchbare Unteroffiziere fehlten,

Feuerwerkerpersonal mußte z. B. in Dänemark angeworben werden. Viele

der Offiziere waren minderwertig, sie und auch die Kommandanten hatten

keine Übung im Geschwaderfahren. Der tüchtigste der Admirale

(Schrijver, mit 58 Jahren noch verhältnismäßig jung) erwähnte dies

später in einer Denkschrift für den neuen Statthalter und fügte hinzu:

»und der Geschwaderchef konnte sie nicht belehren, da er es selber

nicht verstand. Wenn die Flotte mit einem gleichstarken Feinde, der

Ordnung gehalten hätte, zusammengekommen wäre, so würde das

holländische Kontingent durch Unordnung wohl eine Niederlage

herbeigeführt haben.«

$In Frankreich$[257] war, wie wir gehört haben (Seite 422 ff.), die

Marine seit Colberts Tode zurückgegangen, besonders unter dem

Marineminister Louis de Pontchartrin; und es ging weiter mit ihr bergab.

1699 übernahm =Jerôme de Pontchartrin=, der Sohn von Louis, der schon

mehrere Jahre unter seinem Vater gearbeitet hatte, das Ministerium. Er

gilt gemeiniglich als ein schlechter Marineminister, doch ist das Urteil

über ihn wohl durch seine vielen Feinde getrübt. Er war 39 Jahre alt,

klug, unterrichtet und von festem Willen, aber auch tyrannisch, hart,

ehrgeizig und eifersüchtig in Hinsicht auf seine Autorität. Zweifellos

ehrlich bestrebt, den schnellen Verfall der Marine aufzuhalten,

beschleunigte er ihn durch seine Fehler, aber ihm allein darf man doch

die Schuld nicht aufbürden. Der Hauptgrund war der Mangel an Geld. Jerôme

war nicht, wie sein Vater, gleichzeitig Finanzminister, konnte also die

Mittel nicht selbst bestimmen. Schon sein Vater hatte nach dem Frieden

1697 das Budget der Marine von 25 Millionen auf 18 herabgesetzt; Jerôme

forderte später ununterbrochen genügende Mittel und sagte die traurigen

Folgen falscher Sparsamkeit voraus.

[257] Hauptquelle: Chab.-Arnault, dem hier besonders die Kennzeichnung

der leitenden Männer entnommen ist. Die Angaben über

Schiffsbestände nach Bonfils, Teil II, Seite 177.

Und noch ein zweiter Umstand trat ihm hindernd entgegen. Wir wissen, daß

seit Colbert die Verwaltungsbehörden in der Marine eine größere Macht

besaßen als die militärischen, daß die Seeoffiziere stets bestrebt waren,

diese Macht zu brechen und daß infolgedessen für den Dienst höchst

nachteilige Reibungen zwischen den »officiers de plume« und den

»officiers d'épée« auftraten. Als Jerôme sein Amt übernahm, war der

Admiral von Frankreich, =Graf von Toulouse= (Sohn der Montespan), kein

Kind mehr, und durch ihn wurde der Widerstand der Seeoffiziere wesentlich

gestärkt. Dies mußte die Tätigkeit des Ministers lähmen; anderseits wird

ihm aber vorgeworfen, er habe aus Eifersucht die Rüstungen und die

Operationen der Flotte, die Toulouse kommandierte, gehemmt. Unter ihm

blieb allerdings, wie unter seinem Vater, während des größten Teiles des

Krieges die Tätigkeit der Seestreitkräfte auf den kleinen Krieg

beschränkt, aber es ist doch die Frage, ob er es wie dieser aus Mangel an

Verständnis für die Kriegführung zur See, oder gar aus Eifersucht getan

hat, oder ob er nicht durch die Schwächen der Marine dazu gezwungen war.

Gleich bei Beginn des Krieges 1701 entsandte er eine größere Flotte, 1705

eine solche von 50 Linienschiffen und 1706 eine von 30, sie waren nie

stark genug oder zu spät bereit, um Erfolge zu erzielen; auch in den

Zwischenjahren wurde gerüstet, man zog aber die Kräfte nicht zusammen,

und von 1707 ab fanden keine bedeutenden Indienststellungen mehr statt.

Stets litt die Marine unter Geldmangel und unter dem schon eingerissenen

innern Verfall; sie konnte ihre Kraft nicht entfalten, verlor dadurch an

Bedeutung in den Augen des Königs, seiner Räte und sogar des Volkes, was

wieder noch geringere Fürsorge für sie zur Folge hatte.

Der Geldmangel führte weitere schlimme Zustände herbei; die Verwaltung

geriet in Schulden. Die Lieferanten konnten nicht bezahlt, das technische

Personal und die Arbeiter auf den Werften nicht gelöhnt werden; die

besten verließen den Dienst und, um den Rest zu behalten, mußten häufig

die Vorräte in den Arsenalen usw. zu Schleuderpreisen verkauft werden.

Das Einreißen von Unehrlichkeit im Personal der Verwaltung, für das der

Finanzminister 1702 gegen 100 neue Stellen geschaffen und an

»Meistbietende« verkauft hatte, war eine Folge dieser Mißwirtschaft.

Auch auf das =Personal= der Flotte wirkte sie demoralisierend, der

Kreuzerkrieg half dabei. Viele der unregelmäßig besoldeten Offiziere

nahmen Dienst auf den von Privaten ausgerüsteten Schiffen und auch auf

den vom Staate armierten waren sie auf ihren Vorteil bedacht; im

Offizierkorps gingen Disziplin und das Gefühl für Ehre und Pflicht

verloren. Ebenso stand es mit der Mannschaft. Da sich bei der

Bestechlichkeit der Beamten die Inskribierten, die über einige Mittel

verfügten, vom Dienste freimachen konnten, war selbst bei den geringen

Indienststellungen der Bedarf nur durch Pressen zu decken; mit Härte

mußte diese Maßregel durchgeführt werden, wie Verbrecher wurden die Leute

ihren Schiffen zugeführt.

Was aus dem =Schiffsmaterial= unter solchen Verhältnissen wurde, ist

klar; die Schiffe verwahrlosten auf den Werften, an Ersatz verlorener

oder verbrauchter wurde nicht gedacht. 1696 besaß die Marine 135 Schiffe

über 40 Kanonen und 20 von 34-36 Kanonen; 1712 nur 85 Linienschiffe und

10 von 10-44 Kanonen, sämtlich in schlechtem Zustande.

Chabaud-Arnault sagt (Seite 112): »Dahin war es mit der Marine unter

Jerômes de P. Amtstätigkeit gekommen, gewiß teilweise durch seine

Schuld, aber mehr noch infolge der Verhältnisse und durch die Schuld

der anderen Minister und Ludwigs XIV. selber, der der Größe seiner

Marine nicht mehr die Wichtigkeit beilegte wie ehemals.«

=Während der Regentschaft= 1715-1723 sank die Marine noch tiefer;

Kardinal Dubois wagte nichts zu ihrer Hebung zu tun, um nicht Englands

Eifersucht zu erregen. An Stelle des Marineministers trat unter dem

Admiral von Frankreich (Toulouse) eine Kommission, bestehend aus einem

Präsidenten, Marschall Victor d'Estrées, 3 Seeoffizieren und 3

Verwaltungs-Beamten. Toulouse und d'Estrées hatten wohl den guten Willen,

Ordnung in der Verwaltung herbeizuführen, die Schiffe zu erhalten,

Disziplin und Geist der Offiziere zu heben; aber auch sie scheiterten am

Geldmangel: die guten Kräfte der Werften verließen weiter den Dienst; die

Bleibenden und so auch viele Offiziere lebten im Elend; die Seestädte

entvölkerten sich. Für 1729 wird der =Schiffsbestand= nur noch auf 45

Linienschiffe, 10 Fregatten und 10 Transporter angegeben.

Mit der Mündigkeit =Ludwigs= XV. wurde wieder ein Marineminister ernannt:

der =Graf de Maurepas=, der Sohn Jerômes de Pontchartrin; er blieb es 26

Jahre hindurch. Er war klug, tätig und von bestem Willen beseelt, aber

auch er kämpfte vergebens. Wieder fürchtete der jetzige Leiter

Frankreichs, Kardinal Fleury (Premierminister 1723-1743), die Eifersucht

Englands, und das Marinebudget betrug nur 8 Millionen; unter Ludwig XIV.

war es selbst in Friedenszeiten nie unter 18 Millionen gesunken und das

Geld war jetzt weit weniger wert. Trotzdem verlor Maurepas den Mut nicht;

er strebte an, ein wenn auch geringes so doch gutes Schiffsmaterial zu

beschaffen. Doch der Geldmangel erschwerte dies ungemein, die

Ersatzbauten wurden in grünem Holz ausgeführt und hatten keine lange

Lebensdauer, der Zustand der Werften blieb schlecht.

Ebensowenig Erfolg hatten seine Bestrebungen, das =Personal= zu heben.

Aber wie konnte er Lust und Liebe zum Dienst in einem Offizierkorps

erwecken, in dem seit 20 Jahren jede Beförderung stockte; der Etat war

auf die Hälfte herabgesetzt, es gab gardes de la marine von 40 Jahren.

Die Reibungen zwischen den Offizieren und den Beamten nahmen immer mehr

zu. Die Schiffskommandos weigerten sich häufig, den Anweisungen der

Verwaltung zu folgen, die gelieferten Vorräte und Ausrüstungsgegenstände

anzunehmen, Abrechnungen einzureichen, ja sogar das Personal in den

Stellungen zu verwenden, für die es überwiesen war; man gab ihnen aber

auch erbärmliche Mannschaft, unbrauchbare Bordbeamte, die Ausrüstung

wurde ohne Verständnis und von schlechter Beschaffenheit geliefert.

Die Disziplin der Mannschaft -- gepreßt, widerrechtlich festgehalten,

unregelmäßig gelöhnt, schlecht gekleidet und verpflegt -- sank soweit,

daß man bei Außerdienststellungen Zivilarbeiter heranziehen mußte, da die

Besatzung im Hafen nicht arbeiten wollte; selbst auf Rhede gingen die

Leute fast nach Belieben an Land, man mußte zufrieden sein, wenn sie beim

Auslaufen zur Stelle waren.

Maurepas gelang es immerhin, einiges Gute zu schaffen. Nach und nach

führte er eine mildere Behandlung der Dienstpflichtigen ein und die

vielfach fortgezogene Küstenbevölkerung mehrte sich wieder, das Wachsen

der Kauffahrteimarine sowie das Aufblühen der Kolonien unter Fleury

wirkte mit; in das System der Einschreibung für den Seedienst kam wieder

Ordnung. Er vervollkommnete den wissenschaftlichen Unterricht der

Offiziere, stellte Schul- und Übungsschiffe in Dienst und entsandte in

alle Meere Fahrzeuge zu geographischen und hydrographischen Arbeiten; er

gründete Schulen für Marineärzte. So wird von ihm wohl mit Recht gesagt,

daß er dem späteren Aufschwung der Marine vorgearbeitet habe.

Am Schluß des Abschnittes stand die Marine aber noch traurig da. =Der

Schiffsbestand= 1742 war nur 48 Linienschiffe, 15 Fregatten, 14

Transporter[258]; die Fahrzeuge waren in mangelhaftem Zustande, die

Werften ohne fähige Arbeiter, Arsenale und Magazine leer. Das

Offizierkorps war von 1140 im Jahre 1696 (1040 um 1701) auf 660 Köpfe

gesunken. Früher hatte man in Kriegszeiten auch noch eine große

Unterstützung durch tüchtige Kräfte der Handelsmarine gehabt (Jean Bart,

Trouin usw. stammten daher), die besonders auf kleineren Fahrzeugen,

Transportern, Kapern verwendet wurden; die guten Elemente dieses Ersatzes

zogen sich, von den aktiven Offizieren immer hochmütiger behandelt, nach

und nach ganz zurück. Bei Ausbruch des Krieges 1744 machte nur die

Bemannung mit Matrosen weniger Schwierigkeit als früher.

[258] Mahan, Teil I, Seite 249, gibt nach Campbell 45 Linienschiffe und

67 Fregatten, womit wohl überhaupt kleinere Schiffe gemeint sind,

an.

Chabaud-Arnault sagt (Seite 133): »Die französische Marine hat von

1713-1744 keine Geschichte, sie wurde durch die leitenden Staatsmänner

zur Untätigkeit, ja zu beispielloser Demütigung verdammt, um nicht

Eifersucht und Mißtrauen bei den Engländern zu erregen. In zwei

Kriegen, in denen die Flotte eine wichtige Rolle hätte spielen können

(1719 Quadrupelallianz gegen Spanien; 1733 Polnischer Erbfolgekrieg),

blieb sie in den Häfen, nur mit einigen Schiffen wurden unbedeutende

Demonstrationen gemacht; im ersten Kriege wurden sogar französische

Truppen auf englischen Schiffen an die feindlichen Küsten geworfen.«

In $England$[259] schritt die Entwicklung der Marine stetig fort. =Der

Schiffsbestand= betrug:

Schiffe: I. Klasse II. III. IV.

(96-100 K.) (80-90 K.) (60-74 K.) (40-54 K.)

1688 9 11 39 40

1702 8 12 45 44

{ (100 K.) (90 u. 98) (80 u. 70) (60 u. 50)

1727 {

{ 7 13 16, 24 24, 40

--------------+------------

|

Dreidecker.

Schiffe: V. VI. Gesamt

(28-32 K.) (16-20 K.)

1688 12 6 117

1702 28 16 153

{ (40) (20) (und 14

1727 { Sloops

{ 24 29 177 4-10K.)

[259] Hauptquellen wie früher: Clowes, Teil II und III; Colomb.

Die Gesamtzahl von 1727 war schon um 1714 erreicht. Auch später wuchs der

Bestand weiter, besonders in der III., V. und VI. Klasse. Nach einigen

Quellen (z. B. Campbell) soll er in den dreißiger Jahren auf 70

Linienschiffe und 19 Schiffe von 50 Kanonen gefallen sein. (dagegen sagt

Clowes, die Marine sei seit 1727 ständig gewachsen), doch waren nach

derselben Angabe um 1744 wieder 90 Linienschiffe über 64 Kanonen und 84

Fregatten (wohl Klasse IV-VI) vorhanden.

Die Tabelle zeigt, wie die Entwicklung stetig in der früher

geschilderten Weise (Seite 174 ff.) fortschreitet. Schon 1702 sehen wir

einen geringen Zuwachs in der III. und IV. Klasse, einen bedeutenden in

der V. und VI. 1727 haben sich die Grenzen der Klassen sehr verschoben,

in allen ist die Armierung weit stärker geworden und auch der

Tonnengehalt gewachsen.[260] Die Zahl der Schiffe von 60 Kanonen

aufwärts ist sehr gewachsen, die der I. und II. Klasse jedoch nicht

mit. Auch später nimmt der Bestand der III., V., VI. Klasse weiter zu.

Die Schiffe der III. Klasse, bald nun 64-84 Kanonen, werden als die

geeignetsten Schlachtschiffe erkannt, die der V., nun 30-40 Kanonen,

und der VI., nun 20-30 Kanonen, als die geeignetsten Fahrzeuge gegen

Kreuzer und Handelsschiffe; die Schiffe der IV. Klasse, nun 50-60

Kanonen, sind für die Linie zu leicht, für letzteren Zweck zu schwer;

sie werden im Kolonialdienst verwendet.

[260] Über Armierung nach Kalibern vgl. für 1719 die Tabelle Seite 170;

über Tonnengehalt für 1688 und 1727 vgl. Seite 177/178.

In Hinsicht auf die Machtentfaltung der englischen Marine in dem jetzt zu

besprechenden Kriege sind leider keine Angaben über die jährlichen

Gesamtindienststellungen vorhanden; die Schilderung der Ereignisse sowie

die späteren Schlußbetrachtungen werden zeigen, daß man sie auf 70-80

Linienschiffe und alle vorhandenen kleineren Fahrzeuge annehmen kann.

Dem =Personal= ward weiter Fürsorge zuteil. Wir wissen, daß nach dem

ersten englisch-holländischen Kriege der Seeoffizierstand anfing, ein

Lebensberuf zu werden, daß man anstrebte, Personen der besseren Stände

heranzuziehen; schon 1676 waren Bestimmungen erlassen, die dies

begünstigen sollten. Um 1700 wurde der Halbsold eingeführt, auf den alle

Kommandanten, erste Offiziere und Master, wenn sie ein Jahr als solche

gedient, ein Anrecht hatten. 1728 wurde in Portsmouth eine Marineschule

(naval academy) mit Schlußprüfung als Vorbildungsschule gegründet. Jedoch

nicht alle Offiziere besuchten diese; lange Jahre noch bis 1794 soll es

(nach Clowes) vorteilhafter gewesen sein, als Page eines Admirals oder

Kapitäns (Junker?) einzutreten. Seit 1688 gab es eine Rangliste, von 1700

an erschien sie von Zeit zu Zeit im Druck. Es entwickelte sich also immer

mehr ein festes Seeoffizierkorps und dieses blieb in Übung, da die

englische Marine auch nach dem Frieden von Utrecht mehrfach gezwungen

war, große Flotten aufzustellen (Nordischer Krieg 1714 bis 1721;

Quadrupelallianz gegen Spanien 1718-1720; 1733 eine aufs neue drohende

Verwicklung mit Spanien; stets gegen die Barbaresken) und stets eine

große Anzahl von Schiffen zur Wahrung der maritimen Interessen im Dienst

halten mußte; auch wurden überzählige Offiziere zur Handelsmarine

beurlaubt.

In diese Jahre fällt wohl die Ausbildung des dem englischen

Seeoffizierkorps des 18. Jahrh. eigentümlichen Charakters im Gegensatz

zu dem des französischen (vgl. Seite 319); bei der Verschmelzung des

Soldaten und des Seemanns gewann der Seemann die Überhand. Macaulay

sagt: »In der Marine Karls II. gab es Sailors und Gentlemen, aber die

Seeleute waren keine Gentlemen und diese keine Sailors.« Man muß dabei

beachten, daß die Gentlemen eben das militärische Element darstellten.

Als nun die Offiziere im allgemeinen den seemännischen Dienst

übernahmen, verdrängte der Seemann allmählich den Gentleman und mit ihm

den militärischen Ton und Geist. »Selbst Männer aus guter Familie, wie

die Admirale Wilhelms III., Herbert und Russell, die wirklich Seeleute

waren, konnten nur als solche gelten, indem sie die derben Manieren der

Teerjacken annahmen.« Zwischen dem Spanischen Erbfolgekrieg und den

großen Seekriegen des nächsten Abschnittes liegen nun 30 Jahre, in

denen die englischen Offiziere viel zur See fuhren, aber nie

beachtenswerten Gegnern entgegenzutreten hatten. Da wuchs wohl ihre

Lust und ihr Interesse am rein seemännischen Dienste immer mehr, und so

ist es gekommen, daß sie später -- im Gegensatz zu den Franzosen und

längere Zeit zu ihrem Nachteile -- mehr ihren Ruhm in geschickten

Segelmanövern als in der Entwicklung der militärischen

Leistungsfähigkeit ihrer Schiffe suchten, daß sogar der Taktik für

Verbände zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wurde.

Auch für die Mannschaft wurde von 1700 ab manches getan. Es wurden die

Zahlung eines Handgeldes beim Eintritt, Zulagen für gute Führung sowie

Pensionen für Witwen und Waisen der Gefallenen eingeführt; das Hospital

in Greenwich für Invalide wurde gegründet. Eine wichtige Änderung betraf

die Seetruppen. Man hatte bei diesen -- seit 1664 bestehend, jedoch

zeitweise und so auch 1699 aufgelöst -- bisher nicht nur den

Zweck im Auge gehabt, auf den Schiffen gute Gewehrschützen und

Landungsmannschaften zu haben, sondern sie dienten auch zur Auffüllung

der Besatzungen. Am Lande wurden sie auf den Werften beschäftigt; Leute,

die hier und an Bord einige seemännische Erfahrung gewonnen hatten,

wurden dann gern als Matrosen eingestellt. 1702 wurden nun 6 neue

Regimenter gegründet, aber nicht mehr als Schule und Ersatz für Matrosen;

eine Versetzung zu diesen wurde verboten. Sie waren so eine rein

militärische Truppe, stets zur Verfügung der Admiralität für überseeische

Expeditionen; als eine stehende Truppe im Gegensatz zu den Matrosen

trugen sie jetzt noch mehr als schon bisher zur Hebung der Disziplin und

des militärischen Geistes an Bord bei. Es war dies wichtig, denn immer

noch mußte bei Einstellung der Matrosen zum Pressen, wobei man in der

Wahl der Personen wenig wählerisch war, gegriffen werden; der ungemein

stark zunehmende Seehandel schuf zwar zahlreiche und vorzügliche

Seeleute, aber diese waren bei Ausbruch eines Krieges über die ganze Erde

zerstreut.

Corbett sagt: »Einer der Hauptbeweggründe Wilhelms III. zur Errichtung

der Seeregimenter 1702 ist gewesen, eine stehende Truppe für

Expeditionen in dem bevorstehenden Kriege zu haben. Gegen ein stehendes

Heer hatte sich das Parlament 1699 energisch gewehrt, da waren auch die

bisherigen Seetruppen weggefallen; als ein Teil der geliebten Marine

wurden sie wieder bewilligt. Daß sie 1704 bereit waren, hat die

Erwerbung von Gibraltar und Port Mahon für England sehr begünstigt;

1702 wurde die Entsendung der Flotte ins Mittelmeer durch Mangel an

Soldaten sehr verzögert.«

England übernahm im Spanischen Erbfolgekriege wie im vorigen Kriege die

Hauptleistung zur See, es verpflichtete sich, 5/8 der gemeinsamen

Seestreitkräfte zu stellen; mit dem Nachlassen Hollands mußte es seine

Kräfte noch mehr anspannen. Beim Frieden von Utrecht stand die englische

Marine allein noch groß da und wurde in der Zukunft so erhalten.

Seekriege und Seekriegswesen, Erster Band in ihrer weltgeschichtlichen Entwicklung. Mit besonderer Berücksichtigung der grossen Seekriege des XVII. and XVIII. Jahrhunderts. · 第 53 / 58 题