Zu dieser Expedition hatte der Kurfürst in Peenemünde 350 Fahrzeuge für

den Transport von 4000 Mann unter =Derfflinger= gesammelt; die

Flottille -- 7 Segel mit 107 Kanonen -- sollte Überfahrt und Landung

decken. Tromp befand sich als Kriegsfreiwilliger an Bord des

Flaggschiffes, Dänemark stellte ein kleineres Geschwader -- 7

Linienschiffe und einige kleinere -- unter Niels Juel. Am 22. September

wurde aufgebrochen, jedoch segelten die Dänen (schon am 21.?!) nach

Wittow, der Kurfürst nach Palmerort. Er wollte hier einen Scheinangriff

machen, die Truppen aber bei Putbus landen. Die Landung konnte an

diesem Tage nicht ausgeführt werden; Flaute zwang zum Ankern und hielt

sogar die Flottille eine Zeitlang im Feuer von am Lande aufgefahrenen

Geschützen fest, doch taten diese kaum Schaden. Den Dänen dagegen war

es am 22. gelungen, ohne wesentlichen Widerstand auf Wittow Fuß zu

fassen und Juel meldete dies in Person am 23. dem Kurfürsten. Hierauf

ging auch dieser mit seiner ganzen Macht dorthin, die Kriegsschiffe

wurden zeitweise wegen neuer Flaute durch Boote getaut. Dann wurde die

Landung ausgeführt, obgleich die Schweden Kavallerie bereit hielten und

auch Geschütze auffuhren: Die Boote und kleinen Fahrzeuge gingen in

bester Ordnung -- wo nötig mit Weiterstaken -- so nah wie angängig

heran, die Truppen wateten oder schwammen an Land und formierten sich

schnell; alles ohne Verlust, weil die Schweden keinen ernstlichen

Widerstand leisteten, auch Kavallerie kam bald an Land. Der Feind wich

und räumte schon am 24. die Insel, nachdem er in einem kurzen aber

heftigen Gefechte um die Stellung, die den Übergang nach Stralsund

deckte, geschlagen war.

Nach der Eroberung Rügens wurde der Dänholm genommen; nun =kapitulierte=

Ende Oktober =Stralsund=, von der Land- und Wasserseite eingeschlossen,

und im November nach zweistündiger Beschießung mit glühenden Kugeln auch

=Greifswald=; ganz Schwedisch-Pommern war erobert. 1679 ward nur noch in

Ostpreußen gefochten -- Friedrich Wilhelms Zug über das Kurische Haff.

=Schweden büßte in diesem Kriege schwer die Vernachlässigung seiner

Marine.= Wäre seine an Material so mächtige Flotte schlagfertig gewesen,

so dürfte den Gegnern der Krieg in Pommern weit schwerer geworden sein

und an Stelle eines dänischen Einfalls in Schonen hätte die Geschichte

vielleicht einen schwedischen in Seeland gesehen. Die innerlich

tüchtigere und besser geführte dänische Flotte, noch während des Krieges

weiter gepflegt, führte schließlich den Sieg ihres Staates trotz der

eigentlich nur geringen Erfolge des Landheeres herbei.

Es ist bereits erwähnt, daß in den =Frieden von Fontainebleau= (oder

Lund, September 1679) und =St. Germain= (Juni 1679) sowohl Dänemark wie

Brandenburg ihre Eroberungen zurückgeben mußten; von den übrigen

Verbündeten -- Holland; Kaiser; Reich -- verlassen, hatten sie sich den

Forderungen Ludwigs XIV. zu fügen.

Es sei an dieser Stelle noch die =weitere Geschichte der

brandenburgischen Marine=[222] kurz geschildert, wenn sie auch an keinem

Seekriege mehr teilnimmt.

[222] Näheres z. B. von Borke, »Die brandenburg-preußische Marine und

die afrikanische Kompagnie.«

Da im Frieden von St. Germain Stettin und Stralsund an Schweden

zurückfielen, blieben dem Großen Kurfürsten nur Pillau und Königsberg

zu Hafen- und Werftanlagen für handelspolitische und kriegsmaritime

Zwecke; hier wurden dann auch Warenhäuser und Arsenale errichtet; 1682

gründete Friedrich Wilhelm eine afrikanische Handelsgesellschaft. Um

auch einen Hafen an der Nordsee zu haben, legte er 1683 Besatzungen

nach Emden und Gretsiel; er benutzte dazu Zwistigkeiten zwischen den

Fürsten und den Ständen von Ostfriesland und folgte einem Wunsche der

letztgenannten. Emden wurde nun der Sitz der Kompagnie, die Ostfriesen

erhielten dafür das Recht, unter dem Schutz der brandenburgischen

Flagge zu fahren.

1684 wurde die bisher gemeinschaftliche Verwaltung der eigentlichen

Kriegsmarine und der Handelskompagnie getrennt; die Marine zählte dann

bald 10 Segel: 2 zu 50 Kanonen; 1 zu 40; 1 zu 36; 1 zu 20; 1 zu 40; 1

zu 10; 2 zu 6 Kanonen. Der größte Teil dieses Bestandes gehörte zur

Station der Nordsee; der höchste Bestand war 1688 erreicht: 35 Schiffe

mit 210 Kanonen und 40 Fahrzeuge mit 80 Kanonen. Nach dem Tode des

Großen Kurfürsten 1688 ging die Marine schnell zurück, da Friedrich

III. keinen Wert auf Entwicklung des Seehandels legte; die Hauptstütze

ihres Gründers, Raule, starb 1707; als 1708 noch Soldaten nach Afrika

gesandt wurden, mußten sie unter holländischer Flagge fahren. Friedrich

Wilhelm I. sah sich genötigt, den Schutz des Seehandels ganz aufzugeben

und die Kolonien an Holland abzutreten; damit verschwindet die

brandenburgisch-preußische Marine bis zu einem schwachen Versuch 1756.

Von der Verwendung der brandenburgischen Marine nach dem Frieden sei

noch folgendes erwähnt: 1680 kreuzte ein Geschwader -- 5 Schiffe zu

16-40 Kanonen; 1 Brander; 515 Matrosen, meist Holländer; 180 Soldaten

-- gegen Spanien im Kanal, um auf diese Weise die nicht gezahlten

Subsidien für den letzten Krieg einzutreiben, und nahm ein Schiff zu 50

Kanonen; später segelte das Geschwader nach Westindien und brachte

verschiedene Kauffahrer auf. 1682 gingen 2 Fregatten nach der Westküste

Afrikas und gründeten dort die Niederlassung Groß-Friedrichsburg (am

Kap der drei Spitzen), andere Faktoreien folgten hier. Versuche, auch

in Westindien Fuß zu fassen -- auf St. Thomas wurde eine Faktorei

angelegt --, scheiterten an der Eifersucht Hollands und Frankreichs.

$Kämpfe gegen die Barbaresken 1674-1688 und die Franzosen vor Genua

1684$ (Bombardements von Algier und Genua).

Wir wissen, daß jedesmal nach größeren Kriegen an die westeuropäischen

Marinen die Aufgabe herantrat, kräftiger gegen die Raubstaaten Afrikas

vorzugehen; wenn man sich während der Kriege mit der notwendigsten

Sicherung der Kauffahrer gegen Seeraub begnügen mußte, nahm dieses

Räuberunwesen stets zu.

Von 1675 an hielten $die Engländer$[223] ein stärkeres Geschwader an der

Nordküste Afrikas, unter dessen Druck Verhandlungen mit Algier, Tunis und

Tripolis geführt wurden. Blockade der Häfen, Wegnahme einzelner Schiffe,

Gefechte mit Seeräubergeschwadern, auch Bedrohung oder gar Bombardement

der Hauptstädte (z. B. 1677 der Stadt Tripolis durch Admiral Narbrough)

führten dann zur Befriedigung der englischen Forderungen: Rückgabe von

Gefangenen, Zahlung von Entschädigungen, Abschluß von Verträgen; doch

wurden seitens der Barbaresken stets die Verträge gebrochen und die

Raubzüge wieder aufgenommen. Im Jahre 1681 hören diese größeren

Unternehmungen auf, wohl weil die Franzosen von jetzt an sehr energisch

vorgingen.

[223] Clowes, Teil II, Seite 450, gibt die Operationen und manche recht

interessante Gefechte genau. Es findet sich dort auch die

Bemerkung, daß England 1674-78 sehr von französischen Freibeutern

im Kanal zu leiden hatte. Diese, gegen Holland bestimmt, nahmen

es wie üblich mit ihren Angriffsobjekten nicht so genau. Der

König beschränkte sich auf erfolglose Vorstellungen in Paris. Das

Volk mußte den Schaden tragen, merkte es sich aber. -- Ebendort

auch Angaben über Gefechte mit Piraten in Ost- und Westindien.

Das englische Geschwader wirkte auch mit zur Verteidigung von =Tanger=,

welche Besitzung öfters von Marokko angegriffen wurde. 1683 räumte

England Tanger, weil die Kosten der Erhaltung und Verteidigung seinem

Werte nicht zu entsprechen schienen. Man gab es auch nicht an Portugal,

den früheren Besitzer, zurück, sondern schleifte die Hauptwerke; die

Mauren befestigten es aber sofort wieder. Dieses Aufgeben eines

strategisch wichtigen Punktes ist selten in der englischen Marinepolitik

und wurde auch später bedauert; selbst wenn die Stellung wenigstens von

den Portugiesen gehalten wäre, würde es von Nutzen gewesen sein, da diese

vom nächsten Jahrhundert an ganz von England abhängig wurden.

Unwesentlicher waren die $Operationen der Holländer$.[224] In den ersten

Jahren nach dem Frieden 1678 mußte man sich wegen Geldmangels und

Schulden der Admiralitäten wie während des Krieges auf den

allernotwendigsten Schutz der Kauffahrer beschränken. Von 1686 an wurden

zwar größere Geschwader entsendet; erwähnenswerte Ereignisse fanden

jedoch auch dann nicht statt.

[224] Nähere Angaben in de Jonge, Teil III.

Weit bedeutender aber sind die $Unternehmungen der Franzosen$.[225] Sie

sind besonders bemerkenswert, da bei ihnen zum ersten Male im Seekriege

die »Bombe« eine wichtige Rolle spielt; ferner zeigen gerade sie, mit

welcher Hartnäckigkeit und auch Kraft die Barbaresken auftraten, wie

schwer es den europäischen Mächten wurde, diese niederzuhalten.

[225] Geschildert nach du Sein, Bonfils und Jal: »du Quesne«, hier

besonders die Expeditionen sehr genau, die dieser Admiral führte.

Auch die Franzosen hielten seit dem Frieden 1678 Geschwader an der

afrikanischen Küste, die ihre Fahrten zum Schutz des Handels bis zur

Levante ausdehnten. So zerstörte =du Quesne= 1681 im Hafen von $Chios$

eine Anzahl Schiffe von Tripolis, ohne sich um die Türken zu kümmern; die

türkischen Batterien, die eingriffen, wurden zum Schweigen gebracht. Zwar

entstand darob großer Zorn in Konstantinopel, aber der Sultan, mit

Österreich im Kampfe, wünschte keine Zerwürfnisse mit Frankreich; du

Quesne drückte sogar mit seiner Flotte weiter darauf, daß der Sultan

Tripolis zum Frieden bewöge. Auch die Freibeuter des Kanals, jetzt

unbeschäftigt, wurden gegen die Barbaresken verwendet; =Jean Bart=, schon

seit 1679 in der königlichen Marine angestellt, tat hier 1681 den ersten

Dienst als Führer kleiner Geschwader solcher Schiffe, die teils von

Unternehmern, teils von der Krone unterhalten wurden. Die Erfolge waren

aber wie bei den Engländern immer nur von kurzer Dauer; besonders Algier

war schwer zu bändigen, der Dey erklärte sogar im Oktober 1681 förmlich

den Krieg an Frankreich.

Man erwog nun den Plan zu einem großen Schlage gegen die Stadt Algier;

der später an du Quesne gegebene Befehl lautete: »Diese anzuzünden und

von Grund aus zu zerstören.« Gut befestigt wie die Stadt war, glaubte man

nicht, ihn mit der Flotte allein ausführen zu können, und faßte schon

einen größeren Einfall in das Land ins Auge, um sie dann regelrecht zu

belagern. Um diese Zeit aber hatte ein junger Edelmann, =Renau

d'Eliçagarey=, der sich mit Schiffbaufragen beschäftigte, einen Plan für

verbesserte Mörserboote vorgelegt.

Wir haben gehört (Seite 173), daß man um diese Zeit wohl schon in allen

Marinen Mörserboote kannte. Sie waren aber nicht genügend segel- und

seefähig, um Flotten auf weite Entfernungen begleiten zu können, auch

erlaubten Lafettierung und Aufstellung bei schwereren Mörsern wegen des

Rückstoßes keine hohen Elevationen. In diesen Hinsichten machte Renau

nun Verbesserungen, besonders durch die Konstruktion einer schrägen (um

45° geneigten) und gut federnden Bettung. Die Boote waren etwa 23 m

lang und 8 m breit, hatten etwas vor der Mitte zwei Bettungen für je

einen Mörser mit der Feuerrichtung nach vorn; sie führten daneben 4

leichte Kanonen und waren mit einer Takelage versehen, die im Gefecht

(vor Anker) teilweise niedergelegt werden konnte. Nach den ersten

Erfahrungen 1682 wurden sie verbessert; so erhielten sie eine Brustwehr

von Netzen mit altem Tauwerk gefüllt, wie man später auf den Schiffen

die Hängematten und Kleidersäcke als Schutz verwandte, das

Ankergeschirr wurde sehr vermehrt, um die Boote gut festlegen zu

können. (Jal: »du Quesne«, Teil II, Seite 414 ff.)

Fünf solcher =Galiotes à bombes à la Renau= wurden 1681/82 in Havre und

Dünkirchen gebaut; sie bewährten sich bei den Proben. Man beschloß nun,

zu versuchen, mit ihnen Algier durch ein großes Bombardement

niederzuzwingen oder zu vernichten, und zog sie 1682 ins Mittelmeer. Wir

werden sehen, daß auch ihr Erfolg den Erwartungen nicht völlig entsprach:

Geschütze und Munition waren noch zu unvollkommen; immerhin ist es die

erste große Verwendung von Sprenggeschossen im Seekriege. Ehe wir zur

Besprechung der verschiedenen Unternehmungen gegen Algier (und auch gegen

Tunis und Tripolis) schreiten, sei die =taktische Verwendung dieser

Mörserboote= geschildert, wie sie du Quesne 1682 und 1683 anordnete.

Ich wähle zu dieser Schilderung die Anordnung des Bombardements im

Jahre 1683, da diese nach den Erfahrungen des Vorjahres sehr verbessert

war (Plan vergl. Seite 405).

Die Mörserboote (1683 waren es 7) sollten ein konzentrisches Feuer auf

die Befestigung der Mole (150 Kanonen?), auf die dahinter liegenden

Schiffe und auf die Stadt selbst richten: die Beschießung sollte nur

während der Nächte vor sich gehen, tagsüber wollte man die Boote dem

feindlichen Feuer entzogen halten. Auf die Liegeplätze der Galioten --

etwa 1100 m von der Mole -- wurden durch Schiffsboote schwere Anker

gelegt und von diesen Leinen -- mehrere aufeinandergesteckt -- zu 7

Linienschiffen geführt, die radial hinter der Galiotenposition,

außerhalb Schußweite der Befestigungen, verankert waren. Mit diesen

Leinen, über ihr Deck genommen, verholten sich die Fahrzeuge; sie waren

somit imstande, ohne fremde Hilfe leicht und sicher erst kurz vor dem

Gefecht ihre Posten einzunehmen und sich nach Schluß in den Schutz

eines starken Schiffes zurückzuziehen; auch konnten sie während des

Kampfes ihre Lage ändern, falls das feindliche Feuer es wünschenswert

machte. Zur Sicherung gegen einen Angriff mit Booten oder Galeren

wurden jeder Galiote 2 armierte Schiffsboote oder schwere Schaluppen,

die zu diesem Zweck besonders mitgenommen waren, zugeteilt.

Die ganze Stellung ward noch dadurch verstärkt und bewacht, daß auf

jedem Flügel ein Linienschiff ankerte; auch für diese waren Anker

ausgelegt und auch sie lagen nur nachts dort. Vor den Linienschiffen

endlich lagen Boote auf Vorposten, und zwischen den Galioten und der

Mole gingen 4 schwere Schaluppen vor, die mit Geschützen für

Brandgeschosse armiert waren.

Am 23. Juli $1682$ traf $du Quesne$ zum $ersten Angriff$ vor $Algier$

ein; mit den Schiffen, die bereits die Stadt blockierten, zählte seine

Flotte 11 Linienschiffe, 2 Brander, 5 Mörserboote und 15 Galeren. Durch

Erkundungen und ungünstiges Wetter hingehalten, konnte er erst am 13.

August zum Angriff übergehen. Dieser war folgendermaßen angesetzt: Zwei

Gruppen -- je 2 Linienschiffe im Schlepp von Galeren -- sollten die

detachierten Forts im Norden und Süden der Stadt beschäftigen, die

übrigen Linienschiffe mit den Galioten, diese zu beiden Seiten des

Admirals, sollten von Galeren auf Ankerplätze in Front der Mole

geschleppt werden; als aber eben die ersten Schiffe zu Anker gehen

wollten, mußte das ganze Unternehmen aufgegeben werden, da plötzlich sehr

starker ablandiger Wind aufkam. Am 15. meldete der Chef der Galeren, auf

seinen Fahrzeugen ginge das Wasser zu Ende. Du Quesne, der diese Art

Schiffe überhaupt wegen mangelnder Seefähigkeit, häufigen Mangels an

Wasser und Proviant für hemmender als nützlich bei einer Flotte hielt,

sandte sie nach Frankreich zurück und entschied sich nun für eine

Verwendung der Mörserboote, wie sie oben beschrieben ist.

[Illustration: Bombardement von Algier, 1683.]

Am 18. August wurden 5 Anker ausgelegt, am 20. abends nahmen die Galioten

zum ersten Male ihre Position ein und eröffneten das Feuer. Die

Beschießung dauerte bis zum 12. September, allerdings öfters

unterbrochen. Anfangs mußten die Anker umgelegt werden, sie lagen

einander zu nahe und zu weit von der Stadt; mehrfach traten

Wetterverhältnisse hindernd auf, einmal mußte ein nächtlicher

Bootsangriff abgeschlagen werden; auch Verhandlungen mit dem Dey wurden

dazwischen geführt. Immerhin wurden einige hundert Bomben geworfen, aber

der Erfolg war nicht bedeutend. Viele Geschosse erreichten das Ziel

nicht, einige krepierten nicht und eine nicht geringe Zahl krepierte bald

nach dem Verlassen des Rohres. Eins setzte sogar sein Boot in Brand;

dieses wurde nur durch die Kaltblütigkeit des Kommandanten gerettet,

während der größte Teil der Besatzung über Bord sprang. Am 13. September

verließ du Quesne der vorgerückten Jahreszeit wegen, besonders mit

Rücksicht auf die Mörserboote, Algier. Auch mit den Verhandlungen hatte

er nichts erreicht, doch ließ er einige Schiffe zur Blockade zurück.

Auf Befehl des Königs berichtete =du Quesne= jetzt, welche Kräfte er für

einen $zweiten Angriff 1683$ für notwendig erachte.

=Jal= gibt im »Abraham du Quesne« einen ziemlich genauen Auszug aus

dieser Denkschrift; sie ist bemerkenswert, weil man daraus die Umsicht

des erfahrenen Admirals ersehen kann. Er verlangte, kurz gefaßt,

folgendes: 15 Linienschiffe, 2 Fregatten, 2 Brander außer den

Mörserbooten; einen Stützpunkt auf den Balearen als ständigen

Sammelplatz und hier: 3 Schiffe mit Proviant usw., ein Zeltlager für

Kranke, Vorrat an frischem Proviant, Ausbesserungsgegenstände; ein

Lazarettschiff zum Verkehr der Flotte mit dem Stützpunkte; nur etwa 6

Galeren für Polizei- und Wachdienst, dafür aber 6 schwere Schaluppen --

gleich geeignet zum Rudern und Segeln -- zum Bugsieren der Galioten und

zu ihrer Verteidigung; bessere Munition für die Mörser, reichlicheres

Ankergeschirr für die Fahrzeuge behufs sicheren Festlegens; 5 mit

Steinen gefüllte Schiffe, um die Einfahrt zu sperren (mit der Absicht,

den Hafen unbrauchbar zu machen, selbst wenn die Vernichtung der Stadt

geglückt wäre); diese sollten auch mit Sprengstoffen gefüllt sein, um

die Hafensperre und die Befestigungen auf der Mole zu zerstören. Auch

ersuchte er, nicht zu viel Gardes de la marine (Offiziersaspiranten)

und keine Kriegsfreiwilligen einzuschiffen, »diese nähmen nur Platz

fort und brauchten zu viel Erfrischungen und Wasser, weil sie so oft

seekrank wären.«

Er erhielt nahezu alles, was er verlangt hatte. An Mörserbooten waren

jetzt 7 vorhanden; die Senkschiffe fehlten -- es sind 2 vorbereitet,

doch werden sie später nicht mehr erwähnt --, dagegen erhielt er 2

»Kupferminen« -- sehr schwere Gefäße mit Pulver, Projektilen und

Feuerwerkskörpern gefüllt, sonst Konstruktion unbekannt --, die in

Fahrzeugen gegen die Hafensperre herangeführt werden sollten. Auch 16

Galeren stießen zur Flotte; sie waren jedoch bei Beginn der Operationen

noch nicht zur Stelle, wurden später wiederum zur Auffüllung von Wasser

und Proviant zurückgesandt und kamen nicht wieder (Grund: zu

vorgerückte Jahreszeit oder die bekannte Spannung zwischen der Galeren-

und Hochseeflotte). Der Stützpunkt auf den Balearen scheint nicht

eingerichtet zu sein. Trotz des Admirals Bitte wurden aber mehrere

überzählige Kapitäne und eine große Zahl Gardes de la marine zur

Belehrung auf die Flotte kommandiert und zwar besonders an Bord der

Schiffe, auf die sich die Mörserboote stützen sollten. Legendenhaft --

auch nach Jal -- ist endlich die Mitgabe von 2 »großen Bomben«;

mitgegeben sind sie, aber es ist nicht zu sagen zu welchem Zweck; ein

besonderer Mörser war nicht vorhanden, vielleicht war ihre Verwendung

ähnlich gedacht wie die der Kupferminen, oder es sind diese.

Die Ausrüstung der neuen Flotte wurde mit Eifer betrieben; der Sekretär

des Marineministeriums, =de Seignelay= (Sohn Colberts), erschien selbst

in Toulon, aber infolge von Verzögerungen und widrigen Winden traf =du

Quesne= erst am 18. Juni 1683 vor Algier ein.

Am 23. waren unter =Tourvilles= Leitung alle Vorbereitungen für die

Bombardementsstellung getroffen, jetzt genau in der Seite 404

beschriebenen Weise; starker ablandiger Wind und Seegang hinderten jedoch

bis zum 26. abends das Vorschicken der Mörserboote. Dann wurden, wieder

unter Tourvilles Leitung, in dieser und der nächsten Nacht 200 Bomben

geworfen. Der Feind antwortete lebhaft aber mit wenig Erfolg, die

Franzosen dagegen hatten bessere Ergebnisse als im Vorjahre; die Munition

war besser, nur etwa 25 Bomben krepierten zu früh, und die Elevation war

richtiger bemessen. Obgleich am 28. früh Wind und See so zunahmen, daß

verschiedene Mörserboote vertrieben und beim Verlassen der Stellung

mehrere der Verholleinen brachen, sandte der Feind doch Parlamentäre. Du

Quesne weigerte sich, auf Verhandlungen einzugehen, ehe nicht sämtliche

Sklaven französischer Nation freigelassen seien, worauf während der

nächsten Tage gegen 600 auf der Flotte abgeliefert wurden; die

Verhandlungen zogen sich aber trotzdem hin. Nach den mitgegebenen und

weiter eingehenden Instruktionen sollte der Admiral nicht nur die

Herausgabe der Sklaven und die Zahlung von einer Million Franken für

französischen Untertanen zugefügten Schaden verlangen, sondern auch, daß

der Dey demütig Abbitte tue für die Unverschämtheit (insolence),

überhaupt gegen den König Krieg geführt zu haben; endlich war du Quesne

streng untersagt, die Auslieferung mohammedanischer Sklaven auf

französischen Galeren zu versprechen. Gerade dieser letzte Punkt scheint

die herrschenden Elemente in Algier, die Janitscharen, empört zu haben;

am 23. Juli brach eine Militärrevolution aus, der Dey wurde ermordet und

der Führer der Empörung brach die Verhandlungen ab.

Nach einigen Tagen vergeblichen Wartens eröffnete du Quesne die

Beschießung von neuem. Der Kampf wurde jetzt von den Barbaresken auf das

energischste und grausamste geführt: das Feuer wurde noch heftiger und

nun auch mit mehr Erfolg erwidert; ein nächtlicher Ausfall wurde gemacht

und hierbei ein Wachtboot genommen; französische Sklaven und Gefangene,

darunter der Konsul, wurden vor die Mündungen der Kanonen gebunden. Bis

zum 18. August warfen die Franzosen über 1000 Bomben -- dann wurde die

Munition knapp --, die Stadt lag halb in Trümmern, aber sie ergab sich

nicht. Da auch die Batterien noch nicht zum Schweigen gebracht waren,

hielt du Quesne eine Forcierung des Hafens nicht für ratsam.

Für ein Forcieren war der Admiral nie gewesen, wenn nicht die

Befestigungen vorher niedergekämpft seien. Ludwig XIV. war empört, daß

die Stadt nicht schneller bezwungen wurde; er machte (Ende Juli) du

Quesne die schwersten Vorwürfe und schrieb dabei: er müsse annehmen,

daß dieser nicht forcieren wolle, weil er stets dagegen gewesen; er

beföhle es nunmehr. Wenige Tage später schrieb de Seignelay, im Namen

des Königs, etwas milder, wies aber auch auf gewaltsamen Angriff hin

und sandte gleichzeitig an Tourville unmittelbar den Befehl, einen

solchen auszuführen: mit Hilfe der beiden Minen die Hafensperre (Kette

und Pfahlwerk) zu sprengen, die Schiffe im Hafen und die Stadt

anzuzünden; Galeren und Schiffsboote seien ihm dazu unterstellt. Es

unterliegt keinem Zweifel, daß Tourville -- jetzt auch Generalleutnant

und Zweiter im Kommando --, der sich hier sonst sehr auszeichnete,

gegen du Quesne intriguierte. In Briefen an den Marinestaatssekretär

und an den Hof warf er dem Oberbefehlshaber Fehler und Lauheit (z. B.

die lange Pause) beim Bombardement vor, auch erklärte er, daß ein

Forcieren wohl möglich sei. Das erste war ungerecht, du Quesnes Aufgabe

war gewesen, einen Frieden herbeizuführen, und er stand ja in

Unterhandlungen; das letzte war mindestens fraglich. Ein gewaltsamer

Angriff würde jedenfalls viel französisches Blut gekostet haben, so

betrug der Verlust in der Hauptzeit der Beschießung, nämlich bis zum

29. Juli, nur 20 Tote und 78 Verwundete; darunter allerdings 13

Offiziere der Mörserboote und Schaluppen.

Auch nach Eingang dieser ausdrücklichen Befehle geschah nichts. Du

Quesne war beleidigt, und die Forcierung ging ihn nach der Order an

Tourville nichts mehr an. Tourville selbst erklärte jetzt aber auch die

Sache für nicht ausführbar: Es fehlten die Galeren (die, wie wir

wissen, nicht wiedergekommen waren); die Minen seien unbrauchbar, da

nach Aussage der damit vertrauten Offiziere keine Fahrzeuge für deren

Verwendung vorbereitet seien. Hiermit wurde ein neuer Vorwurf gegen du

Quesne verbunden: Diese Offiziere hätten ausgesagt, der Admiral habe

trotz ihrer Vorstellung die Herrichtung geeigneter Fahrzeuge in Toulon

nicht abwarten wollen.

Im September erhielt du Quesne Befehl, beim Eintritt der ungünstigen

Jahreszeit die Belagerung aufzugeben; Anfang Oktober ging er deshalb nach

Toulon, Tourville mit 7 der bestsegelnden Linienschiffe zur Blockade

zurücklassend. So endete auch dieser Angriff ohne Erfolg; Algier

unterwarf sich den Friedensbedingungen erst infolge der beständigen

Blockaden im Frühjahr 1684. Die Machthaber der Stadt sollen stets gesagt

haben, ein Bombardement schade ihnen nichts, die Stadt sei reich genug

und mache so gute Beute, daß sie sich nach einer Beschießung besser als

vorher wieder aufbauen könne; auch gab Ludwig etwas nach, da er gerade

andere Pläne im Mittelmeer hatte (Angriff auf Genua 1684). $Die weiteren

französischen Operationen gegen die Barbaresken$ seien hier noch kurz

geschildert.

Tourville hatte im Frühjahr 1684 einen hundertjährigen (!) Frieden mit

dem Dey geschlossen, aber schon $1685$ nahmen die Räubereien, zuerst von

=Tunis= und =Tripolis= aus, wieder überhand. Im Juni dieses Jahres

erschien deshalb d'=Estrées= mit einem Geschwader vor beiden Städten und

zwang sie durch Beschießung zur Zahlung großer Entschädigungssummen.

$1688$ griff er auch =Algier= an; vom 1.-14. Juli wurden aus 10

Mörserbooten gegen 10000 Bomben geworfen. Da sich aber die Boote in

schlechtem Zustande befanden und auch sonst die Beschießung weniger

sorgfältig vorbereitet war, erreichte man noch weniger als früher du

Quesne. Die Stadt weigerte sich zu unterhandeln und gab erst im nächsten

Jahre aus anderen Gründen nach.

Diese Züge kommandierte d'Estrées, obgleich er Vizeadmiral des Atlantik

war, da sich du Quesne 1684 vor Genua mit de Seignelay überworfen

hatte. De Seignelay hatte sich hier zu sehr in die Befehlsbefugnisse du

Quesnes gemengt, so daß dieser zeitweise seine Kajüte nicht verließ.

Der Staatssekretär hatte nach den leichten Erfolgen 1685 an d'Estrées

geschrieben, wenn er 1682 und 1683 kommandiert hätte, würde die Sache

wohl besser verlaufen sein; der Mißerfolg des Jahres 1688 war also eine

große Genugtuung für du Quesne.

$1684 griff Ludwig XIV. Genua an.$ Die Stadt hielt zu Österreich und

Spanien, baute um diese Zeit Galeren für letztgenannten Staat und hatte

auch Kriegsmaterial an die Barbaresken verkauft. Ludwig verbot die

Lieferung der Galeren unter Androhung schwerster Züchtigung. Genua lehnte

ab, stand aber ohne jede Unterstützung da, als Spanien 1684 (Regensburg)

mit Frankreich einen Waffenstillstand abgeschlossen hatte.

Nun wurde =du Quesne= mit einer Flotte -- 13 Linienschiffe, 2 Brander, 20

Galeren, 10 Mörserboote -- gegen die Stadt gesandt; =de Seignelay=

schiffte sich selbst mit ein. Die Flotte erschien am 17. Mai vor Genua

und begann am 18. die Beschießung, nachdem die harten und demütigenden

Friedensbedingungen abgelehnt waren; die Stellung der Mörserboote war

dieselbe wie vor Algier. Vom 18.-22. und am 24. warf man 4000 Bomben; am

letzten Tage wurde eine Scheinlandung im Osten, eine ernsthafte (2500

Mann) im Westen der Stadt unternommen und die Vorstadt San Pier d'Arena

verbrannt. Die Stadt hatte durch das Bombardement schwer gelitten, doch

waren die Franzosen nicht imstande, sie einzunehmen. Infolge Androhung

einer neuen Beschießung unterwarf sich Genua aber doch 1685 den durch

Vermittlung des Papstes etwas gemilderten Friedensbedingungen: man

lieferte die streitigen Galeren an Frankreich aus und der Doge mußte mit

einer Abordnung der edelsten Geschlechter in Paris um Verzeihung bitten.

Es war dies die letzte größere Tätigkeit =du Quesnes=; er zog sich bald

ins Privatleben zurück und starb 1688. Als Höchstkommandierender im

Mittelmeer folgte ihm Tourville, der sich auch vor Genua wieder

ausgezeichnet hatte. Dieser wurde 1689 zum Vizeadmiral der Levante

ernannt, welchen Dienstgrad du Quesne wegen seiner Religion nie erlangt

hatte.

Ein $venetianisch-türkischer Krieg 1684-1699$ soll im Kapitel X

besprochen werden (vergl. Seite 297).

[Illustration]

* * * * *

[Illustration]

Achtes Kapitel.

Der französisch-englisch-holländische Krieg von 1688-1697.

$Die politischen Verhältnisse, die den Krieg herbeiführten.$ Der jetzt zu

besprechende Seekrieg ist der Anteil, den die Kriegführung zur See an dem

großen europäischen Kriege 1688-1697 -- dem =Pfälzischen

Erbschaftskriege=, auch la guerre de la Ligue d'Augsbourg oder der

Orleanssche Krieg genannt -- genommen hat. Die Kriegführung zur See in

diesem spielt scheinbar eine untergeordnete Rolle. Wenig große

Seeschlachten werden geschlagen, nur bei den Versuchen Ludwigs XIV., in

England die Stuarts wieder einzusetzen. Der Einfluß der Kriegführung zur

See war aber tatsächlich für den Verlauf des ganzen Krieges doch so

bedeutend, daß wir ihn wohl zu den großen Seekriegen rechnen können; die

eben hochgekommene französische Marine verschwindet in Folge dieses

Krieges wieder auf ein halbes Jahrhundert fast ganz von dem Meere.

Mit dem Frieden von Nymwegen (1678) stand =Ludwig= XIV. auf der Höhe

seiner Macht und nutzte sie aus. Durch die berüchtigten Reunionskammern

-- 1678 und 1679 von ihm in Metz, Breisach, Besançon und Tournay

eingesetzt -- ließ er sich alle Gebiete zusprechen, die vormals

irgendwann und irgendwo mit den durch den Westfälischen oder Nymweger

Frieden von Frankreich neuerworbenen Ländern zusammengehangen hatten

(deshalb eben: »Wiedervereinigungs«-Kammern). Auf Grund dieser Ansprüche

nahm er dann an 600 Herrschaften, Städte und Orte in Deutschland und in

den spanischen Niederlanden (hier auch Luxemburg) in Besitz. Das Deutsche

Reich konnte nur Einspruch dagegen erheben; hierauf antwortete Ludwig gar

mit der Besetzung Straßburgs am 30. September 1681. Österreich war seit

1678 durch Empörungen in Ungarn bedrängt. Hier hatte man die Türken zu

Hilfe gerufen, die bis Wien kamen (entsetzt durch Sobieski 1683); auch

der Große Kurfürst ließ den Kaiser im Stich, aus Verdruß über das ihm

widerfahrene Unrecht. So sah sich der Kaiser, und mit ihm Spanien und

Holland, sogar gezwungen, 1684 mit Frankreich einen Waffenstillstand

(Regensburg) abzuschließen, in dem die Ansprüche auf die Reunionen

anerkannt wurden. Ludwig behielt auch Straßburg, Luxemburg und das 1681

vom Herzog von Mantua gekaufte Casala: drei wichtige strategische Punkte

für Unternehmungen nach Norden, Osten und Süden; von seiner gewalttätigen

Züchtigung der kaiserlich und spanisch gesinnten Stadt Genua (1684) haben

wir gehört.

Ludwig hatte sich aber durch sein Vorgehen neue Feinde geschaffen und

alte Freunde entfremdet; alles sah sich geschädigt -- selbst der König

von Schweden im Herzogtum Zweibrücken und der Papst durch die Gründung

der selbständigen französischen Kirche -- oder doch bedroht. Auch seine

innere Politik sollte dazu beitragen, die Machtstellung Frankreichs zu

gefährden; auf diesen Punkt wird später näher eingegangen werden.

Trotzdem trat er mit einer neuen Forderung hervor. Als 1685 der Kurfürst

Karl Ludwig von der Pfalz starb, beanspruchte Ludwig die Allodialgüter

der ausgestorbenen Linie; er erhob diesen Anspruch, bald auf die ganze

Pfalz ausgedehnt, im Namen seiner Schwägerin Elisabeth Charlotte

(Schwester des verstorbenen Kurfürsten und Gemahlin des Herzogs von

Orleans).

Wenn nun aber auch die Erbitterung in allen Staaten Europas tief und

allgemein war, so fehlte ihr zur Betätigung doch noch die Organisation

und Leitung; auch durfte Ludwig immerhin mit einem Rückhalt an den

Stuarts in England rechnen. Die Veränderung der Verhältnisse hier -- die

Revolution, die Wilhelm von Oraniens Thronbesteigung zur Folge hatte --

sollte das Vorgehen Gesamteuropas gegen Frankreich nun beschleunigen.

Karl II. hatte immer noch genügend monarchische Gewalt gehabt, die

politische und religiöse Feindschaft des englischen Volkes gegen

Frankreich einzudämmen. Er starb 1685. Sein Nachfolger Jakob II. schloß

sich nun noch enger an Ludwig an und ließ sich durch seinen

katholischen Glaubenseifer zu Handlungen hinreißen, die das Volk dahin

brachten, des Königs protestantische Tochter Maria (Gemahlin Wilhelms

von Oranien; dieser selbst Enkel Karls I. von mütterlicher Seite) für

den Thron ins Auge zu fassen.

=Wilhelm von Oranien= war von seinem ersten Auftreten an vor die Aufgabe

gestellt, den Eroberungsplänen Ludwigs entgegenzutreten; er blieb ihr bis

zu seinem Tode treu. Von einer Besteigung des englischen Thrones erhoffte

er nicht nur eine Erhöhung seiner Stellung, sondern auch die Erfüllung

seines glühendsten politischen Wunsches, die Macht des französischen

Königs zu brechen. Er wurde die Seele der gärenden Bewegung in Europa.

Zunächst versöhnte er Brandenburg mit dem Kaiser und mit Schweden,

Holland mit Spanien und brachte ein Bündnis dieser Staaten zustande, dem

die meisten deutschen Fürsten beitraten (den =Augsburger Bund=, Juli

1686).

Während dieser diplomatischen Schachzüge fand von seiten Hollands und

Frankreichs eine Flottendemonstration statt. Ludwig versuchte Dänemark

an sich zu ziehen, den einzigen Staat, der von ihm nicht geschädigt

war. Dadurch entstand (1683) eine Spannung zwischen Dänemark und

Schweden; jenes rüstete zu Lande und zu Wasser mit französischer

Unterstützung und näherte sich Brandenburg, das noch nicht mit dem

Kaiser versöhnt war. Nun beschloß Holland die Sendung einer Flotte von

24 Linienschiffen nach der Ostsee zum Schutze seines Handels, aber auch

gegebenen Falles zur Unterstützung Schwedens, oder gar um Truppen nach

Deutschland zu führen. Frankreich kam ihm zuvor, Juni 1683 traf ein

Geschwader von 13 Linienschiffen zum Schutze Dänemarks in Kopenhagen

ein. Die holländische Flotte ging im August in See, kreuzte in der

Nordsee und erreichte erst Ende Oktober Gothenburg; die öffentliche

Meinung in Holland billigte aus Furcht vor Frankreich den Schritt

nicht. Da sich die Verhältnisse zwischen Dänemark und Schweden

friedlicher gestaltet hatten, ging das französische Geschwader schon im

September in die Heimat zurück; auf die Kunde hiervon kehrten auch die

Holländer heim.

Vorläufig war es nur ein Defensivbündnis und noch nicht stark genug zum

Handeln. Noch war Österreich nicht frei im Osten, wenn es auch 1683 die

Türken in Ungarn in die Defensive gedrängt und immer weitere Erfolge

gehabt hatte (Ofen erobert, September 1686). Noch fehlte es an Geld, die

Niederlande waren trotz Oraniens Wunsch nicht willens, wieder den Bankier

für einen Staatenbund abzugeben; sie waren auch noch nicht geneigt,

Oraniens Absichten auf England mit Schiffen und Geld zu unterstützen,

weil sie wußten, daß dies sofort einen Krieg mit Frankreich herbeiführen

würde; Oranien selbst war auch wohl seiner Sache dort noch nicht sicher

genug. Neue Ereignisse brachten die Angelegenheit in Gang.

Im November 1687 nahm Ludwig die Handelszugeständnisse zurück, die er im

Frieden von Nymwegen den Holländern gemacht hatte, und drohte dadurch

ihren Handel schwer zu schädigen.

Nun schlug die Stimmung in den Niederlanden um; es gelang Oranien mit

Hilfe einiger vertrauter Staatsmänner, sich die Bereitschaft von

Kriegsschiffen für das kommende Jahr zu sichern sowie Gelder zum Mieten

von Truppen und Transportern zu verschaffen; beides geheim und unter

anderen Vorwänden.

Im Juni 1688 wurde in England ein Thronfolger geboren. Die Furcht, das

katholische Königstum auch nach Jakob II. fortgesetzt zu sehen, brachte

die englische Nation fast allgemein dazu, jetzt Maria und Wilhelm

wirklich herbeizurufen. In Köln starb 1688 der Kurfürst. Die französische

Partei wählte den französisch gesinnten Wilhelm von Fürstenberg; Kaiser

und Reich (auch der Papst) erkannten ihn nicht an, französische Truppen

setzten ihn ein und beschützten ihn in Bonn, während Köln ihm die Tore

verschloß und mit Hilfe Brandenburgs entgegentrat. So war ein erster

Zusammenstoß da und Ludwig erachtete überhaupt die Zeit für den Angriff

seinerseits gekommen, ehe der Augsburger Bund völlig kampfbereit sein

würde und einen tatkräftigen Führer erhielte. Österreich hatte 1687 neue

Erfolge gegen die Türken errungen (Sieg bei Mohacs) und Ungarn wieder

ganz unterworfen, konnte also bald seine volle Kraft nach Westen

verwenden; anderseits wußte Ludwig Oranien zur Zeit in erster Linie mit

seinen englischen Plänen beschäftigt.

=Ludwig erklärte= deshalb am 24. September 1688 =den Krieg an

Deutschland= und fiel sofort in die Rheinlande ein. Diese Gelegenheit

benutzte wieder =Oranien=, seinen =Übergang nach England= auszuführen;

die Vorbereitungen waren nahezu vollendet, die Niederlande stimmten jetzt

auch offiziell zu, die Ausführung wurde allerdings durch

Wetterverhältnisse verzögert. Er landete am 15. November bei Torbay und

trat dann, sobald er schnell und unblutig festen Fuß gefaßt hatte (18.

Februar 1689 wurden Wilhelm III. und Maria zu gleichem Recht auf den für

erledigt erklärten Thron erhoben; Jakob floh nach Frankreich), auch für

England dem Augsburger Bunde bei; an Holland hatte Ludwig den Krieg

erklärt, als er von dem Zuge Oraniens Kenntnis erhielt. Durch Englands

und endlich Savoyens Beitritt wurde der Bund zur =großen Wiener Allianz

von= 1689 erweitert.

Ein französischer Autor sagt zutreffend: »Die Revolution in England

führte den Krieg von 1688 herbei und dieser Krieg ermöglichte wiederum

die englische Revolution.«

So mußte Frankreich gegen ganz Europa einen Krieg ohne einen einzigen

Bundesgenossen führen, und es war eingetreten, was seine Politik sonst

stets gefürchtet und deshalb bisher verhütet hatte: die Seemächte England

und Holland waren verbündet. Sie waren sogar unter demselben Herrscher

vereinigt.

Diese letzte Tatsache war die Folge kaum begreiflicher =Fehler der

Könige Ludwig und Jakob=: Ludwig hatte Jakob unablässig und dringend

vor den Plänen Oraniens gewarnt und ihm Unterstützung durch Truppen,

Geld und Schiffe angeboten. Der englische König schlug alles ab,

entweder weil er seiner Flotte unbedingt traute (hiervon später) oder

weil er fürchtete, daß bei der Stimmung des englischen Volkes das

Eingreifen der Franzosen eine Katastrophe beschleunigen würde.

Vielleicht trat eine Unterschätzung der Gefahr hinzu, um so mehr, da

ein früherer Versuch gegen seinen Thron leicht niedergeschlagen worden

war.

(1685 hatten der Herzog von Monmouth und der Graf von Argyll einen

Versuch gemacht, Aufstände in England und Schottland zu erregen. Sie

landeten von Holland aus mit einigen wenigen Schiffen und Truppen in

Dorsetshire und an der Westküste Schottlands, wurden jedoch beide bald

überwältigt und hingerichtet.)

Aber auch Ludwig scheint bei der Hartnäckigkeit, mit der er seine Ziele

auf dem Festlande im Auge hatte, diesen Umstand nicht genügend

gewürdigt zu haben. Er begann einen schweren Krieg im Osten und

bedachte dabei nicht, daß die im Herzen feindliche englische Nation in

seiner Flanke darauf brannte, in den Kampf gegen ihn einzutreten, und

hierzu nur eines Führers bedurfte. Wenn er Holland zu Lande angriff und

seine Flotte -- zu dieser Zeit selbst der vereinten englischen und

holländischen überlegen -- in den Kanal schickte, so konnte er Oranien

in den Niederlanden festhalten; wenn dies rechtzeitig geschah, so wäre

auch vielleicht das Verhalten der englischen Flotte ein anderes

gewesen. Während der Vorbereitungen zu Oraniens Expedition und während

der späteren Verzögerung ihres Abganges bestürmten der französische

Gesandte im Haag und der Marineminister Seignelay den König, die Flotte

auslaufen zu lassen, aber vergeblich. (Des Kriegsministers Louvois

Einfluß gegenüber dem Seignelays'?)

$Allgemeiner Verlauf des Pfälzischen Erbschaftskrieges und Kennzeichnung

der Kriegführung zur See in diesem.$ Wenn der Kampf zur See scheinbar nur

eine untergeordnete Rolle spielt und ihm deshalb auch in den meisten

Geschichtswerken (selbst seekriegsgeschichtlichen) nur eine

dementsprechende Beachtung geschenkt wird, so hat dies seinen

Grund darin, weil nur wenige große Seeschlachten auf einem

Nebenkriegsschauplatze geschlagen werden. Der Landkrieg und der Seekrieg

stehen nur wenig im Zusammenhange, besonders nicht in den Jahren, in

denen der Landkrieg am erbittertsten geführt wurde; nur im Kampfe um

Irland und gegen Ende um Katalonien greifen sie ineinander ein. So genügt

es denn, von dem =Verlaufe des großen europäischen Landkrieges= hier

nachstehende kurze Zusammenfassung zu geben und auch später nur andeutend

auf ihn zurückzukommen.

Die Schauplätze des Landkrieges waren die spanischen Niederlande, der

Unterrhein, die Pfalz, Savoyen (Piemont) und Spanien (bes. Katalonien);

Irland trat durch den Einfall Jakobs II. dort hinzu. Wie im vorigen

Kriege waren die Waffen Frankreichs im allgemeinen glücklich: Ludwig

gebot über tüchtige, von Condé und Turenne erzogene Generale, über eine

gute und einheitliche Armee von 150000 Mann; Vauban hatte Frankreich --

in dessen Besitz überall wichtige Stützpunkte und Waffenplätze

übergegangen waren -- zu einem verschanzten Lager gemacht.

Am Oberrhein erfolgte die furchtbare =Verwüstung der Pfalz= im Herbst

1688 und Frühjahr 1689 =unter Melac=, wobei Speier, Worms, Heidelberg,

Mannheim und Hunderte von kleinen Orten verbrannt wurden. Ein ernster

Widerstand war nicht möglich: Bayern zeigte sich lässig; der größere

Teil der österreichischen Macht war noch in Ungarn beschäftigt; den

Verbündeten mangelte das Zusammenwirken, da der österreichische Führer

(Caprara) mit dem brandenburgischen (Schöning) stets im Streite lag und

der holländische (Waldeck) sich unfähig erwies. 1689 gelang es nur,

Mainz wieder zu erobern (Sachsen und Bayern) und die Franzosen mit dem

von ihnen eingesetzten Kurfürsten aus dem Kölnischen zu vertreiben.

Sonst drangen die Franzosen weiter vor bis Frankfurt, Rothenburg,

Göppingen und Ulm, welche Plätze sich hielten; selbst von Bamberg,

Nürnberg und Würzburg wurde mit Erfolg Kontribution gefordert, und in

Stuttgart ließ die Regierung den Feind hinein; Melac wollte auch diese

Stadt verbrennen, wurde aber durch Karl von Baden mit schwäbischen

Kreistruppen und aufgestandenen Bauern aus Schwaben vertrieben. 1690

wurde auch Waldeck (Holländer, Spanier, Reichstruppen) bei =Fleurus=

vom Marschall =Luxembourg= geschlagen und die Franzosen errangen

Erfolge in Piemont und an der spanischen Grenze.

Die Seele des Bundes, =Oranien=, war bisher noch in England

=unabkömmlich= gewesen. Jakob II. war im März 1689 in Irland gelandet,

von Frankreich unterstützt und gedeckt durch eine französische Flotte

(Seegefecht vor Bantrybay). Mit Ausnahme des vorwiegend

protestantischen Ulster fiel ihm ganz Irland zu. Oranien aber gelang

es, trotz der französischen Flotte Truppen hinüberzuschaffen und im

Juni 1690 selbst hinüberzugehen, Jakob schließlich in der =Schlacht am

Boyne= (11. Juli 1690) völlig zu schlagen und aufs neue zur Flucht nach

Frankreich zu zwingen; Oraniens Herrschaft war von diesem Zeitpunkt an

als gesichert anzusehen. Selbst der Seesieg der Franzosen bei

Beachyhead (10. Juli 1690), in dem die vereinigte englisch-holländische

Flotte für dieses Jahr vollständig außer Gefecht gesetzt wurde, konnte

Jakobs Sache nicht mehr retten; schwache Versuche der französischen

Flotte, nach ihrem Siege an der englischen Küste aufzutreten, blieben

erfolglos.

=Das Jahr= 1691 brachte auf dem Festland einen Stillstand der

französischen Erfolge, auch ein Zurückgehen der Franzosen am Oberrhein.

=Oranien erschien= eben nun mit einem Hilfskorps =in Holland= und, was

vielleicht noch mehr Einfluß hatte, Louvois starb. Dieser Stillstand

war aber nur von kurzer Dauer; Oranien mußte bald nach England zurück

und sofort errang =Luxembourg= Vorteile über Waldeck (z. B. =Sieg bei

Leuze= im Hennegau, September 1691) und =im Jahre= 1692 eröffnete

Ludwig den Feldzug wieder mit äußerster Energie.

Es wurde eine große Landung in England geplant -- ein letzter mächtiger

Versuch im Interesse Jakobs -- und zugleich auf dem Festlande überall

kräftig vorgestoßen. Gegen Holland zog der König selbst, unter ihm

Vauban und Luxembourg; hierher war Oranien Anfang des Jahres mit neuen

Truppen zurückgekehrt, er war jedoch nicht glücklich im Felde. Namur

wurde genommen (Vauban gegen Coehoorn, die beiden berühmten

Ingenieure), =Oranien= selbst mit einem 75000 Mann starken

spanisch-holländisch-deutschen Heere =bei Steenkirchen= von Luxembourg,

wenn nicht geschlagen, so doch unter starkem Verluste aufgehalten.

Catinat drang siegreich in Piemont (Schlacht bei Marsaille in der Nähe

Turins), Noailles in Spanien (Schlacht am Terr) vor; auf beiden Flügeln

so im Vorteil, brachen die Franzosen in der Mitte wieder in Deutschland

den Neckar entlang ein. Auch 1693 konnten die Franzosen noch Erfolge

verzeichnen: Im Juli siegte =Luxembourg= nochmals =bei Neerwinden= über

Oranien, dieser jedoch behauptete stets mit Hartnäckigkeit und Ausdauer

das Feld; am Oberrhein erfolgten neue Raubzüge, ungestraft wegen

Uneinigkeit der gegnerischen Führer; aber auch hier setzte Ludwig von

Baden, als kaiserlicher Feldherr jetzt, in einer Verteidigungsstellung

bei Heilbronn dem Vordringen eine Grenze.

Dagegen hatte der Plan einer Invasion in England mit einer völligen

Niederlage der Franzosen (Seeschlacht bei Barfleur und La Hogue, 29.

Mai 1692, und die nächsten Tage) geendet. Der Seekrieg hatte bis dahin

mit dem Landkriege auf dem Festland in keinem Zusammenhang gestanden.

Die französische Flotte war verwendet zur Unterstützung des Aufruhrs in

Irland und zu Versuchen, England anzugreifen; die Seestreitkräfte der

Verbündeten zur Abwehr. Jetzt verschwand die französische Flotte als

solche vom Meere. Man focht auf dem Meere in erster Linie um den

Handel, und die Verbündeten versuchten daneben, von See her in den

Landkrieg einzugreifen: Durch Bedrohung der französischen Küsten und

durch Unterstützung der Spanier in Katalonien. Das letztere setzte den

Erfolgen der Franzosen ein Ziel, als Ludwig =im Jahre= 1694 hier noch

einmal kräftig vorstieß. Der Kampf um den Seehandel war aber von noch

bedeutenderem Einfluß; besonders von Frankreich mit großem Erfolge

geführt, schädigte er England und Holland sehr. Von 1694 an wurde der

Krieg von beiden Seiten lauer geführt, außer der Rückeroberung Namurs

1695 durch Oranien treten keine Ereignisse von Bedeutung mehr ein; auf

beiden Seiten wünschte man den Frieden. Ludwig gelang es schon 1696,

Savoyen durch Rückgabe seines ganzen Gebietes zu befriedigen und so den

Bund zu schwächen. Spanien zeigte sich am hartnäckigsten, wurde aber

dadurch zum Nachgeben gezwungen, daß Ludwig 1697 noch einmal ihm

gegenüber Vorteile errang. Von den englisch-holländischen

Seestreitkräften nicht mehr unterstützt, wurde es in die Enge getrieben

(Barcelona fiel), gleichzeitig bedrohte ein französisches Geschwader

seine westindischen Kolonien (Cartagena). Durch Schwedens Bemühungen

trat im Mai 1697 ein erfolgreicher Friedenskongreß in Ryswijk zusammen.

Der Krieg endete mit dem $Frieden von Ryswijk$ (20. September 1697,

Spanien, Holland, England; 30. Oktober Kaiser und Reich), da beide

Parteien erschöpft und des Kampfes müde waren.

In Deutschland war der gute Wille, sich der Franzosen zu erwehren, durch

Neid unter den Fürsten und durch französische Umtriebe immer mehr

erlahmt. England und Holland, die auf seiten der Verbündeten allein die

Kosten getragen hatten, waren durch den Kreuzerkrieg schwer geschädigt

worden. Sie waren unter diesen Umständen (in Holland brach 1695 gar ein

Volksauflauf wegen der hohen Kriegssteuern aus) zum Frieden geneigt und

rechneten wohl damit, besonders England, auch jetzt schon genügende

Vorteile zu erringen. Frankreich war trotz des Reichtums, den das Land

barg, erschöpft durch den Riesenkampf gegen ganz Europa, verbunden mit

dem Rückgange der wirtschaftlichen Verhältnisse im Lande.

Diese =Erschöpfung Frankreichs=, unter der besonders auch seine Marine

litt -- der tatsächliche Verlust an Schiffen war keineswegs der Grund

ihres schon während des Krieges eintretenden Verfalls; diese

Materialeinbuße wäre leicht zu verschmerzen gewesen --, war eine

natürliche Folge der Politik Ludwigs, seiner inneren wie seiner

äußeren. Selbst die ungeheuern Opfer, die der Riesenkampf forderte,

hätte das an sich sehr reiche Land wohl tragen können, wenn Colberts

Pläne voll verwirklicht wären und Zeit gehabt hätten, genügend zu

wirken. Colberts Reformen (vgl. Seite 315 »Colberts Tätigkeit«) hatten

bis zum Jahre 1672 schon großen Erfolg gehabt. Die Produktion auf

landwirtschaftlichem und industriellem Gebiet hatte zugenommen, die

westindischen Kolonien blühten auf, der Seehandel hatte sich

verdoppelt; der allgemeine Wohlstand war gewachsen. Frankreich, das bei

Ludwigs Thronbesteigung unter Schulden und Unordnung seiner Finanzen

litt, erfreute sich bei Ausbruch des Krieges 1672 gerade geordneter

Verhältnisse.

Der sechs Jahre dauernde Krieg untergrub aber schon die von Colbert

geschaffene Grundlage: Die ackerbauende Bevölkerung, die Industrie,

Handel und Kolonien wurden durch ihn zu lange lahm gelegt; die

ungeheuren Kosten erschütterten die Ordnung in den Staatsfinanzen, nur

mühsam konnte Colbert diese von nun an noch aufrecht erhalten. Beim

Frieden von Nymwegen wäre es wohl noch wieder gut zu machen gewesen,

aber wie erwähnt, wurden nur Bedingungen durchgesetzt, die zwar

vorteilhaft für Landzuwachs, aber nicht für Hebung der Produktion und

des Handels waren. Nach Colberts Tode wurden seine Wege ganz verlassen

und an die Stelle der produktiven Wohlfahrtspolitik trat immer mehr ein

nur nach Steuerkraft ringendes Verfahren. Auch durch sein Vorgehen

gegen die Hugenotten (Dragonaden 1683; Aufhebung des Edikts von Nantes

1685) hatte Ludwig die Produktionskraft des Landes geschädigt, indem er

ein Element geistiger und wirtschaftlicher Kraft zerstörte.

Die Feindschaft mit ganz Europa schloß nun von 1688 an auf lange Jahre

Frankreich zu Lande und zu Wasser von dem Verkehr mit allen anderen

Völkern ab und kein Land kann sich auf die Dauer aus sich allein heraus

gedeihlich erhalten; nicht ohne Grund hatten Richelieu und Colbert eine

eigene Macht zur See und ein freundschaftliches Verhältnis mit Holland

angestrebt. Ludwig verwarf dieses mächtige Hilfsmittel im stolzen

Vertrauen auf seine Stärke und auf seine unumschränkte Herrschaft im

Lande.

In diesem Kriege rechtfertigte Frankreich noch dieses Vertrauen durch

seine, im ganzen genommen, standhafte Haltung ganz Europa gegenüber. Es

machte im Felde zwar keine dauernden Fortschritte, wich aber auch nicht

zurück; die Friedensbedingungen fielen aber doch schon recht nachteilig

aus. Im bald folgenden nächsten Kriege aber war wohl noch dieselbe

Tatkraft, jedoch nicht mehr die nötige Lebenskraft vorhanden;

Frankreich wurde überall zurückgeschlagen und an den Rand des

Verderbens gebracht.

=Die Bedingungen des Friedens= -- zum ersten Male in französischer, nicht

wie bisher in lateinischer Sprache abgeschlossen -- waren für Ludwig XIV.

ungünstig: Frankreich verlor fast alles, was es im Frieden von Nymwegen

gewonnen, was es in den Friedensjahren sich angeeignet oder in den

Kriegsjahren erobert hatte; nur die Reunionen im Elsaß sowie Straßburg

blieben in seiner Hand. Es erkannte Oranien als König von England an und

gewährte den beiden Seenationen Handelsvorteile, die dem Gedeihen der

eignen Seemacht höchst nachteilig waren.

Vergegenwärtigen wir uns nun nach der kurzen Zusammenfassung des

Gesamtkrieges die Beteiligung der Seestreitkräfte an ihm und damit den

=Einfluß der Seemacht=[226], um an der Hand dieser Betrachtung später die

kriegerischen Ereignisse zur See der Zeit nach zu besprechen.

[226] Vgl. Mahan, Teil I (Seite 168 ff.), von mir bei Vorstehendem zu

Rate gezogen und auch stellenweise angeführt.

Zuerst fanden die Flotten Verwendung in den Kämpfen, die die englische

Revolution hervorrief: Mit Hilfe der holländischen Flotte ging Oranien

nach England hinüber, unterstützt durch die französische Marine fiel

Jakob in Irland ein; die Flotten beider Parteien mußten dann ihre Armeen

auf dieser Insel unterstützen. 1690 versucht die französische Flotte, dem

bis dahin erfolgreichen Unternehmen Jakobs in Irland durch einen

mächtigen Schlag gegen die Hauptmacht der englisch-französischen

Seestreitkräfte auch in England eine günstige Wendung zu geben, jedoch

ohne Erfolg; der ähnliche Versuch 1692 -- eine Landung in England --

endet mit der Niederlage der französischen Flotte.

Nach dieser Niederlage gibt Frankreich den Seekrieg mit Flotten ganz auf

und verlegt sich auf den Kreuzerkrieg in großem Maßstabe, den es schon

1691, noch auf die Flotte gestützt, begonnen hatte. Es fügt dem Handel

der Gegner andauernd solchen Schaden zu, daß diese zum Frieden geneigt

werden. Anderseits schließen aber auch die Verbündeten die Franzosen vom

Seehandel ab und greifen mit starken Flotten in den Landkrieg ein; in

Spanien mit Erfolg. Endlich gegen Ende des Krieges trägt das Auftreten

französischer Seestreitkräfte gegen Spanien zur Beschleunigung des

Friedensschlusses bei.

Die Kriegführung zur See zeigt sich also in diesem Kriege doch recht

einflußreich, ja, sogar mitentscheidend. Die Beschreibung des Seekrieges

und die sich daranschließenden Betrachtungen werden lehren, daß dieser

Einfluß noch weit bedeutender hätte sein können, wenn nicht auf beiden

Seiten Fehler in der Verwendung der Seestreitkräfte gemacht wären und

wenn nicht diese selbst, ebenfalls auf beiden Seiten, in ihrer

Leistungsfähigkeit zu wünschen übrig gelassen hätten. Ganz besonders

lehrreich ist aber dieser Krieg auch durch die Folgerungen, die man aus

ihm über den Kreuzerkrieg ziehen kann.

$Über die Streitmittel$ (anschließend an Seite 312 ff.).

In $England$ hatte der König Karl II. 1678 die Verwaltung der Marine in

die Hand einer Kommission gelegt (an ihrer Spitze stand Prinz Rupert),

deren Macht jedoch sehr durch den Einfluß des Königs eingeschränkt war;

die schon erwähnten Mißstände -- Lockerung der Disziplin, Verminderung

und Verwahrlosung des Materials -- erreichten eine solche Höhe in den

nächsten 5 Jahren, daß ein englischer Autor (Campbell) sagt: »Wenn diese

Zustände noch weitere 5 Jahre gedauert hätten, so würde die Marine so

weit heruntergebracht sein, daß weitere Fehler in ihrer Verwaltung nicht

mehr begangen werden konnten.« Dies sah schon Karl II. 1684 und griff

bessernd ein; nach seinem Tode (1685) setzte Jakob II. das Werk fort.

Selbst hervorragender Seemann, war dieser sein eigener Marineminister; er

erreichte, daß bei Ausbruch des Krieges 1688 wenigstens reichliches

Material vorhanden war. Er sollte aber für seine Person keinen Nutzen

daraus ziehen, da die Flotte ihn verließ. Mitte Dezember 1688 stand die

ganze Marine Wilhelm von Oranien zur Verfügung.

Clowes sagt: »Jakob II. war gegen Ende seiner Regierung als tüchtiger

Seemann wohl noch populär in der Marine, erfreute sich aber als König

nur geringer Loyalität. Die Marine als Ganzes war sehr antikatholisch

und nun machte der König, als Oraniens Einfall drohte, im Juni 1688

einen Katholiken -- Sir Roger Strickland -- zum Befehlshaber der

Flotte; er sandte auch Priester an Bord, um Messe lesen zu lassen;

diese entgingen nur mit knapper Not körperlichen Mißhandlungen. Es war

kein Ersatz an Mannschaften zu erhalten, da niemand für die katholische

Sache fechten wollte. Im September wurde ein anderer Chef ernannt --

der Earl of Dartmouth; es war zu spät, das Mißtrauen war zu weit

eingerissen, der Einfluß der mit der Revolution einverstandenen

Offiziere war zu groß geworden: »Cabals in every fore-castle; political

meetings in every cabin.« Es ist fraglich, ob auch nur ein Drittel der

Besatzungen, wenn vor die Frage gestellt, gefochten haben würde.«

Admiral Herbert (später Earl of Torrington) und Kapitän Russell (später

Admiral Earl of Oxford) gehörten zu den Hauptparteigängern Oraniens;

dieser war unter den Abgeordneten, die Oranien herbeiriefen, jener

befehligte zu Wasser dessen Expedition.

Der =Schiffsbestand=[227] war (vgl. genauer Seite 177):

Schiffe: Klasse I. II. III. IV. V.

Kanonen: 96-100 80-90 60-74 40-54 28-32

Anzahl: 9 11 39 40 2(12?)

Schiffe: Klasse VI. Brander Mörserboote

Kanonen:

Anzahl: 6 26 3

[227] Clowes, Teil II, Seite 244. Er gibt hier zum letzten Male eine

genaue Gesamtliste, später nur noch Veränderungen.

Es würden dies also etwa 100 Schlachtschiffe (über 40 Kanonen) sein. In

den während des Krieges aufgestellten Schlachtflotten werden wir aber

keine Schiffe unter 50 Kanonen finden, auch bei den Holländern nur

wenige; das Linienschiff rechnet also tatsächlich von 50 Kanonen ab.

Selbst die Schiffe von 50-60 Kanonen sind schwach vertreten, sie

erscheinen ebenso spärlich wie im vorigen Kriege die 40-50

Kanonenschiffe. Die Hauptkraft der Flotten liegt in 70 Kanonenschiffen

und auch die noch schwereren sind vermehrt. Vergleichen wir z. B. den

Bestand von Solebay 1672 = 8 zu 80 Kanonen und darüber, 11 zu 60-80

Kanonen und den von Barfleur 1692 = 19 zu 80 Kanonen und darüber, 31 zu

60-80 Kanonen.

Aus der letzten Angabe sehen wir auch, daß 1692 fast alle Linienschiffe

über 60 Kanonen bei der Hauptflotte waren, und so war es in den meisten

Kriegsjahren der Fall. Auch von den kleineren Linienschiffen (40-60

Kanonen) und von den anderen Fahrzeugen war wohl der größte Teil im

Dienst; man hatte stets kleine Geschwader in Westindien und den

amerikanischen Gewässern, mit den Holländern vereint ein Geschwader vor

Dünkirchen, Kreuzer im Kanal und Nordsee und endlich auch Begleitschiffe

für Convois (hiervon wohl eine große Zahl, wie genauere Angaben bei den

Holländern zeigen werden). Die =Armierung= der Schiffe ist früher

(Tabelle Seite 170) für 1677 gegeben, vielleicht ist bei der jetzt

gebräuchlichsten Schiffsklasse die für 1719 mitgeteilte schon mehr

entsprechend. Die =Mörserboote= wurden stark vermehrt, gerade in diesem

Kriege spielten sie eine große Rolle.

Wilhelm III. übergab die Verwaltung und Leitung der Marine -- die

Geschäfte des Lordhighadmiral -- wieder einer Kommission, wie es schon

sehr früh 1638, dann unter der Republik und endlich, eben gesagt, unter

Jakob II. geschehen war. So entstand =die Admiralität= mit dem »Ersten

Lord« an der Spitze (der Marineminister) und diese hat seitdem -- mit

kurzer Unterbrechung unter Königin Anna -- fortbestanden. (Von 1696 an

erscheint auch fortdauernd der Admiral of the Fleet.) Die Mißstände in

der Verwaltung dauerten aber noch länger fort, gerade in diesem Kriege

werden wir oft von verzögerter und mangelhafter Ausrüstung der Schiffe

hören. Auch in einer anderen Hinsicht lagen die Verhältnisse ungünstig.

Wohl weil die innere politische Lage im Lande noch nicht geklärt war, die

neue Regierung noch keineswegs feststand, scheint vielfach Mißtrauen in

Hinsicht auf Zuverlässigkeit und guten Willen mancher höheren Offiziere

geherrscht zu haben. Wir werden sehen, daß Frankreich mit solcher

Unzuverlässigkeit rechnete, daß von holländischer Seite die Schuld an

Verzögerungen militärischer Operationen dem Einfluß englischer Führer

zugeschoben wird; auffallend ist es jedenfalls, wie häufig man einen

Wechsel im Oberkommando eintreten ließ -- zweimal wird es sogar wieder in

die Hände dreier Admirale gleichzeitig gelegt --, wie sehr der jeweilige

Chef abhängig von Befehlen der Admiralität war und scheinbar nicht wagte,

nach eigener Ansicht zu handeln: Mißerfolge konnten ihn verdächtig

machen.

Es ist nicht zu verwundern, daß unter der Einwirkung dieser Umstände die

englische Marine in diesem Kriege nicht das leistete, was man bei ihrer

Stärke hätte erwarten müssen.

Man liest wohl, daß die $holländische Marine$[228] von Wilhelm von

Oranien vernachlässigt sei, namentlich nachdem dieser den englischen

Thron bestiegen habe; es wird sogar angedeutet, daß dies nicht nur

geschehen, weil er mehr Interesse für den Landkrieg und somit für das

Heer gehabt habe, sondern auch -- eben später als König von England -- um

diesen Nebenbuhler der englischen Marine zu schwächen; man kann aber

diese Behauptung nicht anerkennen. In Holland wurden während des jetzt zu

besprechenden Krieges recht bedeutende Anstrengungen gemacht, die

Seestreitkräfte mächtig zu erhalten, und diese sind sämtlich der Anregung

und Einwirkung Oraniens zuzuschreiben. In den ersten Jahren nach dem

Frieden von Nymwegen wurde allerdings wenig getan, die Schiffe,

namentlich die schweren, in gutem Zustande zu erhalten oder für Ersatz zu

sorgen; doch haben wir stets gesehen, daß man in dieser Hinsicht nicht

sehr vorsorglich war, wenn die Gefahr vorüber; bei der Erschöpfung des

Landes und den Schulden der Admiralitäten nach dem letzten Kriege kann es

besonders dieses Mal nicht wundernehmen. Aber schon von 1680 an setzte

Oranien seinen Einfluß ein, um die Flotte wieder herzustellen; vielleicht

bewogen ihn gerade seine Pläne auf England hierzu.

[228] Hauptquelle: de Jonge, Teil III.

1682 brachte er den Beschluß durch, 36 Linienschiffe in zwei Raten zu

bauen, von denen auch sofort die erste Hälfte auf Stapel gelegt wurde

(die zweite Rate folgte erst 1688), und 1685 brachte auf sein Drängen

eine Kommission von Abgeordneten der Generalstaaten und der

Admiralitäten den Antrag ein, den =Gesamtbestand= auf 96 Linienschiffe --

20 I. Klasse (80-96 Kanonen), 28 II. Klasse (70-74 Kanonen), 24 III.

Klasse (60-68 Kanonen), 24 IV. Klasse (50-54 Kanonen) -- und 90 Fregatten

usw. (14 bis 44 Kanonen) zu bringen und zu erhalten; hiervon waren zur

Zeit nur 50 und 32 vorhanden. Wenn dieser Antrag auch nicht durchging, so

wurden doch bis 1692 41 Linienschiffe (über 50 Kanonen), darunter

besonders zunächst viele der schwereren, und 31 Fregatten usw. gebaut, so

daß in diesem Jahre die geplante Stärke fast erreicht war, obgleich

inzwischen schon Verluste eingetreten waren; während der weiteren

Kriegsjahre kamen noch gegen 20 Linienschiffe zum Bau.[229]

[229] De Jonge, Teil III, Beilage VII und VIII.

Im ganzen sind unter Oranien von 1683-1701 93 Linienschiffe (I. Klasse

= 15 zu 90-96 Kanonen; 2 zu 80-86 Kanonen; 21 II. Klasse; 29 III.

Klasse; 26 IV. Klasse und hiervon 40 allein in Amsterdam, in Friesland

nur 4, in den 3 anderen Admiralitäten je 14-18) und 65 leichtere

Schiffe (meist zu 30-46 Kanonen) fertiggestellt -- diese mit den

gewöhnlichen Mitteln der Admiralitäten, für die Linienschiffe hatte

Oranien außergewöhnliche Gelder beschafft -- und zwar besonders seit

1688, also während des langdauernden kostspieligen Krieges.

Es ist anzumerken: =Der holländische Schiffbau=, der in früheren Zeiten

als Muster für die übrigen Nationen dastand, hatte sich nur wenig

weiter entwickelt. In England und namentlich in Frankreich wurde dieser

mehr und mehr als Kunst, auf Erfahrung und Theorie gestützt, betrieben,

in Holland baute man handwerksmäßig nach altem Brauche weiter; die

Schiffe besaßen infolgedessen weniger gute See- und Segeleigenschaften,

was sich z. B. besonders den Dünkirchenern gegenüber zeigte. Beweise

hierfür findet man: in den Berichten der Admirale; in dem Umstande, daß

erwogen wurde, aus England einen Chef des Schiffbauwesens kommen zu

lassen (der Vorschlag scheiterte am holländischen Nationalstolz); in

dem späteren Ausspruch Peters des Großen, daß er Holland verlassen

habe, da hier der Schiffbau nicht auf der Höhe stehe. Im übrigen wurden

unter Oranien sonst Hafen- und Werftanlagen erweitert und verbessert.

In betreff der =Armierung= der Schiffe ist schon öfters erwähnt, daß sie

in den Kalibern hinter England und auch Frankreich zurückstand; für die

Zeit von 1690-1697 liegen Angaben vor, die dies im Vergleich mit

genannten Marinen (Tabelle Seite 170) auffallend zeigen.

Seekriege und Seekriegswesen, Erster Band in ihrer weltgeschichtlichen Entwicklung. Mit besonderer Berücksichtigung der grossen Seekriege des XVII. and XVIII. Jahrhunderts. · 第 39 / 58 题