Die zweite Schlacht bei Northforeland am 4./5. August 1666

(Schlacht vor der Themse; St. James' Fight)

und die weiteren Ereignisse des Jahres 1666.

In =Holland= ging man mit großem Eifer an die Wiederherstellung der

beschädigten Schiffe oder ihren Ersatz. Schon am 4. Juli waren 59

Kriegsschiffe und 1 Brander, am 6. gar 75 und 7, segelfertig; nach dem

Auslaufen traten noch weitere Fahrzeuge, besonders Brander, hinzu.

=Ruyter= hatte den Befehl, so schnell wie möglich zur englischen Küste zu

gehen, um die Wiederaufstellung der englischen Flotte und die Vereinigung

ihrer verschiedenen Teile zu hindern. Zu diesem Zweck waren Vorstöße

gegen die Ausrüstungshäfen und Ankerplätze ins Auge gefaßt; man dachte

sogar im Haag an eine Landung bei Northforeland unter der Anleitung eines

Engländers[167], der als geflohener Republikaner in Holland lebte, und

schiffte hierzu 6000-7000 Landsoldaten auf Transportern ein. Für den

weiteren Feldzug hoffte man nun fest auf die Unterstützung der Franzosen.

Vom 4. Juli an bestand die Absicht, in See zu gehen, aber wiederum

erschwerten flaue und auflandige Winde das Auslaufen aus den Wielingen

und hielten die Flotte an der Küste fest; erst am 13. erschien Ruyter vor

der Themse. Jedoch man hatte den letzten Erfolg überschätzt. Auch

=England= hatte seine Schiffe wieder hergestellt und sie infolge des

verzögerten Auslaufens des Gegners in der Themse und in Harwich

zusammenziehen können, so daß sie an anderen Orten keine Angriffspunkte

mehr boten.

[167] »Leben Ruyters«, Seite 383: Samuel Raven in Rotterdam »glaubte

dort Freunde zu finden, mit deren Hilfe er einen Aufstand erregen

könnte«.

Die Schiffe in Harwich, etwa 20, anzugreifen, wagte =Ruyter= nicht, da

die enge Hafeneinfahrt stark befestigt war. In die Themse sandte er am

13. ein Geschwader von 7 Schlachtschiffen und 10 Gallioten. Diese

=Erkundungsabteilung= drang auslotend bis in die Höhe des Mittelgrundes

vor, englische Vorposten zogen sich auf ihre Flotte bei Sheerness zurück.

Man fand alle Seezeichen aufgenommen und alle vielleicht zu einer Landung

geeigneten Plätze stark besetzt; ebenso hatte sich die beabsichtigte

Landung bei Northforeland als undurchführbar gezeigt. Eine weitere

Forcierung der Themse schien bei dem unbekannten Fahrwasser, besonders

für schwere Schiffe und mit dem Feinde in Harwich in der Flanke,

unmöglich. Der Landungsplan wurde aufgegeben und die Transporter mit

Soldaten zurückgesandt, wie man auch ein um diese Zeit ergangenes

Anerbieten Ludwigs XIV., in Dünkirchen 2000 Mann zur Einschiffung zu

stellen, ablehnte. =Ruyter= blockierte nun den Fluß und beschloß, das

Herauskommen des Gegners abzuwarten. Er gab für diesen Fall den Befehl

für alle Schiffe aus, sich dann aus der Themsemündung zurückzuziehen, um

dem Feinde frei von den Sänden im offenen Wasser entgegenzutreten.

Dementsprechend wurde verfahren, als man die Engländer am 1. August mit

der Ebbe den Fluß herabkommen sah. Beide Flotten ankerten am Abend dieses

Tages, die Engländer noch im Flußrevier. Am 2. kamen diese in See, flaue

Winde hinderten jedoch eine gegenseitige Näherung. In der folgenden Nacht

setzten schwere Gewitterböen ein, die auf beiden Seiten Beschädigungen

verursachten; Ruyter war froh, seine Flotte gerade vorher noch frei von

den Gallopersänden geführt zu haben. Am 3. wurde bei umspringenden Winden

um die Luvstellung manövriert, auch strebte Ruyter weiter dahin, von den

Sänden abzukommen; Abends ankerten beide Flotten wiederum, wahrscheinlich

ostnordöstlich von $Northforeland$ in freiem Wasser. Die =englische

Flotte= war 89 Schiffe, 20 Brander (nach Clowes 81 und 18) stark; sie

stand unter dem gemeinsamen Befehle von =Albemarle= und =Prinz Ruprecht=

(beide auf »Royal Charles« 90 K.), die Vorhut führte Admiral Allen, die

Nachhut Admiral Smith. Die =holländische Flotte= zählte 72

Schlachtschiffe zu 37-80 Kanonen, 16 Fregatten zu 26-30 Kanonen, 10

Advisjachten und 20 Brander; =Ruyter= (»7 Provinzen« 80 Kanonen)

kommandierte die Mitte, Jan Evertsen die Vorhut, Tromp die Nachhut.

Es waren also ähnliche Flotten wie vor der Viertageschlacht,

englischerseits 4460 Geschütze, holländischerseits 4704. Über die

englischen Schiffe sind genauere Angaben nicht vorhanden. Die

holländischen findet man nach Kanonenzahlgruppen näher aufgeführt in de

Jonge, Teil I, Beilage XXXV. In »Leben Ruyters« Seite 378 steht die

holländische Ordre de Bataille, die aber belanglos ist.

=Jan Evertsen= hatte sich trotz seiner Mißhandlung wieder zum Kommando

gemeldet: »um wie sein Vater, einer seiner Söhne und seine vier Brüder,

wenn nötig, für das Vaterland zu sterben;« er fand auch seinen Tod in

dieser Schlacht.

Am frühen $Morgen des 4. August$[168] lichteten beide Flotten Anker. Es

war flau mit häufig eintretenden Stillen. Der Wind scheint zwischen

Nordost und Nordwest gespielt zu haben, nur so sind die Widersprüche in

den Quellen bei den Windangaben zu verschiedenen Zeiten und an den

verschiedenen Orten des Gefechtes zu erklären. Nach den älteren

holländischen Angaben haben die Engländer nordöstlich der Holländer zu

Anker gelegen und nachher die Luvstellung gehabt; nach Clowes ist der

Wind bei Eröffnung des Gefechts Nordwest gewesen und die Holländer haben

zu Luward gestanden, aber auch hier wird bald von nördlichem und

nordöstlichem Winde gesprochen. Die im übrigen ziemlich gleiche

Beschreibung der Schlacht läßt die Luvstellung der Engländer

wahrscheinlicher erscheinen. Die englische Flotte war in gut rangierter

Kiellinie. Die Ordnung der Holländer ließ viel zu wünschen übrig. Infolge

des Ankerlichtens bei flauem Winde mit Stillen und scheinbar erst

ausgeführt, als der Feind schon unter Segel gesichtet, waren Vorhut und

Mitte zwar aufeinander aufgeschlossen, hatten aber verschiedene Schiffe

in Lee stehen; die Nachhut unter Tromp war weiter zurückgeblieben.

[168] Quellen wie bei der »Viertage-Schlacht«, nur Mahan beschreibt sie

nicht. Die in England auch gebräuchliche Bezeichnung »St. James'

fight« rührt daher, daß sie am St. James-Tage geschlagen wurde.

Mehrere Stunden vergingen, bis die Gegner zusammentrafen, erst zwischen

10 und 11 Uhr begann das Gefecht. Beide Flotten lagen über

Steuerbord-Bug, die Engländer wie gesagt wahrscheinlich zu Luward. Zuerst

stießen die =Vorhuten= zusammen, dann die =Mitten= und zwischen diesen

Flottenteilen entbrannte ein sofort heftiger Kampf; der leichte Wind

erlaubte dieses Mal die vollste Ausnützung der schwereren Artillerie

seitens der Engländer. Besonders die holländische Vorhut leidet schwer

und mit verhängnisvollen Zufällen: Der Chef, =Jan Evertsen=, und ein

Vizeadmiral fallen, der zweite Leutnantadmiral =de Vries= wird tödlich

verwundet, das Flaggschiff des zweiten Vizeadmirals muß verlassen werden

und sinkt dann. Die Folge ist, daß die Vorhut gegen 1 Uhr zu weichen

beginnt; sie ist durch Signale Ruyters nicht zu halten, sondern mehrt

Segel, hält ab und flieht. Die Mitte hält sich besser, der Flottenchef

selbst kämpft hartnäckig gegen die beiden schwersten englischen Schiffe

(»Royal Charles« 90 und »Royal Sovereign« 100 Kanonen). Als er aber in

einer kurzen Gefechtspause die allgemeine Flucht der Vorhut bemerkt,

seine Nachhut nur in weiter Ferne sieht, beschließt er, das Gefecht

abzubrechen. Er war um so mehr dazu genötigt, als der Angriff auf seine

Mitte noch stärker zu werden drohte. Die englische Vorhut verfolgte

nämlich nicht ihren fliehenden Gegner, sondern wandte sich richtigerweise

auch gegen Ruyters Geschwader, worauf auch von diesem einzelne Schiffe

weichen. Mit etwa 20 Schiffen tritt =Ruyter= unter kleinen Segeln in

bester Ordnung den Rückzug an. Er beabsichtigte so, die Fliehenden zu

decken, und hoffte sich mit diesen und während der Nacht auch mit Tromp

wieder zu vereinigen und dann am nächsten Tage dem Feinde aufs neue

entgegentreten zu können.

=Tromp= war, wie erwähnt, weiter zurückgeblieben. In die so entstandene

Lücke der holländischen Linie brach nun die englische Nachhut (Smyth) ein

-- so sagt Ruyter in seinem Bericht; er wirft auch Tromp vor, das

Zurückbleiben selbst verschuldet zu haben -- oder Tromp manövrierte

daraufhin, seinen Gegner von dessen Hauptmacht abzuschneiden, oder wie am

zweiten Tage der Viertageschlacht zu Luward von diesem und überhaupt

schneller an den Feind zu kommen -- so sagt Tromp in seinem

Rechtfertigungsbericht. Jedenfalls entspann sich zwischen den =beiden

Nachhuten= ein besonderes Gefecht, das sich zunächst über Backbord-Bug

mehr und mehr vom Hauptschlachtfelde fortzog. =Smyth= soll dies mit

Absicht herbeigeführt haben, da sein Geschwader das schwächste der

englischen Flotte, dagegen das Tromps (das Amsterdam-Kontingent) das

mächtigste der holländischen war. Tromp war auch im Vorteil, ein großes

englisches Schiff ("Resolution« 62) wurde verbrannt. Er ließ sich immer

mehr verlocken, verfolgte den Gegner immer weiter, scheinbar später mit

westlichem Winde, nach Nordosten hin, so daß die Hauptflotten schließlich

aus Sicht kamen. Erst am anderen Morgen brach er das Gefecht in der Nähe

von Galloper ab und suchte seine Flotte wieder auf; den nun seinerseits

hart folgenden Smyth hinter sich, entging er nur durch Zufall der Gefahr,

von diesem und der englischen Hauptflotte in die Mitte genommen zu

werden.

$Am Morgen des 5. August$ sah sich =Ruyter= mit nur 7 oder 8 Schiffen von

den Engländern mit einigen zwanzig Segeln zu Luward, in Lee und achtern

im Halbmond umgeben und wieder angegriffen; vor ihm liefen seine übrigen

Schiffe und die der Vorhut auf die Wielinge zu und waren durch kein

Signal zum Stehen zu bringen. Tapfer fechtend deckte er das Einlaufen der

Fliehenden zwischen die Bänke; der Angriff richtete sich besonders auf

sein eigenes Schiff, ein Brander konnte nur durch seine und der nächsten

Fahrzeuge Boote abgeschlagen werden. Als auch er eingelaufen war, sandte

er sofort ein kleineres Geschwader wieder in See, um Versprengte

aufzunehmen. Tromp traf erst am 6. auf der Rhede ein; sein Einlaufen

wurde nicht gehindert, da die Engländer zu weit in Lee standen.

=Die Schlacht war eine völlige Niederlage der Holländer.= Doch scheint

ihr =Verlust= nicht so bedeutend gewesen zu sein. Englische Quellen geben

ihn zwar auf 20 Schiffe (genommene werden aber nicht erwähnt) und 7000

Tote und Verwundete an, aber die Holländer selbst sprechen nur von 2

Schiffen und z. B. bei der Mitte nur von 518 Mann. Die eigenen Verluste

beziffern die Engländer auf ein Schiff und 300 Mann. Die =Gründe der

holländischen Niederlage= waren: Die mangelnde Ordnung -- in diesem Falle

allerdings wohl den ungünstigen Windverhältnissen beim Ankerlichten

zuzuschreiben --, die nach dem Fall der Führer eingerissene Mutlosigkeit

in der Vorhut -- der alte Mangel an militärischer Einsicht und Gefühl,

sowie die mangelnde Erziehung zu einer Flottendisziplin -- endlich das

Verhalten Tromps.

Es wurde denn auch gegen mehrere Kommandanten der Vorhut die Untersuchung

eingeleitet, jedoch nicht ernstlich durchgeführt. Tromp wurde

verabschiedet, allerdings auf sein Gesuch. Man war sich doch klar

geworden, daß der im übrigen so tüchtige Mann mit Ruyter nicht

zusammenwirken könne. Da er sich auch sonst oft eigensinnig gezeigt hatte

und weil er Oranier war, bedauerte die Regierung seinen Verlust nicht

allzusehr. Ruyters Verdienst, die Rettung der Flotte vor gänzlicher

Vernichtung durch seine Rückzugsgefechte an beiden Tagen, wurde dagegen

allgemein anerkannt; sogar Ludwig XIV. verlieh ihm einen hohen

militärischen Orden.

=Ruyter beschuldigte Tromp=, dem er die Hauptschuld der Niederlage

zuschrieb, schwer. Wie mißlich er die Lage der Flotte angesehen, geht

daraus hervor, daß er im Gefecht am zweiten Tage ausrief: »Will denn

keine der tausend Kugeln mich treffen.« Auf den Vorschlag seines

Schwiegersohnes aber, dem Feinde entgegenzugehen und einen ehrenvollen

Tod zu suchen, antwortete er, es sei seine erste Pflicht, die

Fliehenden zu decken und auch die Schiffe bei ihm dem Vaterlande zu

erhalten. Ferner sagt er in seinem Berichte, am zweiten Tage habe er

die völlige Vernichtung der Flotte vor Augen gesehen, nur die lauer

werdende Verfolgung -- wohl die Besorgnis der Engländer vor den nahen

Sänden -- habe eine solche verhindert.

Er warf nun Tromp vor, durch eigene Schuld sein Zurückbleiben veranlaßt

zu haben; auch später habe dieser immer noch das Gefecht rechtzeitig

abbrechen und leicht, da er zu Luward stand, mit seinem so starken

Geschwader zur Unterstützung herankommen können. Es wurden in Holland

selbst Stimmen laut, Tromp habe böswillig aus Eifersucht und Haß gegen

Ruyter, ja sogar aus politischen Gründen so gehandelt, da er Oranier,

Ruyter dagegen eifriger Anhänger de Witts war. Es ist aber anzunehmen,

und so auch aus Tromps Rechtfertigungsbericht zu lesen, daß es wieder

ein Ausfluß seines Ehrgeizes und seines hitzigen Temperamentes gewesen

ist: Durch die Umstände zuerst zurückgehalten -- Windstille beim

Ankerlichten, während die beiden andern Geschwader leichten Wind hatten

und absegelten --, versucht er dann ohne Rücksicht auf die Flotte,

möglichst schnell an den Feind zu kommen. Durch den ersten Erfolg

berauscht, beißt er sich fest, in der Hoffnung, die englische Nachhut

gänzlich zu vernichten. Er hielt Ruyter für genügend stark an sich

(eigener Ausspruch); auch seine Unterführer haben später ausgesagt, mit

dem Vorgehen ihres Chefs ganz einverstanden gewesen zu sein. Sein

Hauptfehler war, daß er ohne Befehl und Wissen Ruyters gehandelt und

daß er nicht rechtzeitig abgebrochen hat.

Zwar war er ein Gegner Ruyters und Oranier, aber es ist kein Beweis

vorhanden, daß es ihm an Vaterlandsliebe selbst bei einer ihm

unsympathischen Regierung mangelte. Als er nach seiner Verabschiedung

ein sehr vorteilhaftes Anerbieten erhielt, in französische Dienste zu

treten, lehnte er es ab und zog sich vorläufig ins Privatleben zurück.

=Die Engländer waren nach der Schlacht die Herren der See= und benutzten

dies zu einem Unternehmen gegen die Küste. Nachdem sie einige Tage bei

Schooneveld-Bank, einem beliebten Ankerplatz der Holländer, zu Anker

gelegen und von hier aus die feindliche Flotte in den Wielingen

beobachtet hatten, gingen sie nördlich, brachten Kauffahrer auf und

alarmierten die Küste. Auf dem Wege erfuhren sie von einem kassierten

früheren holländischen Kapitän, daß in dem =Vlie-Strome=, zwischen

Vlieland und Terschelling, eine große Zahl reichbeladener Kauffahrer von

nur zwei Kriegsschiffen gedeckt läge und daß wertvolle Magazine des

Staates und der ostindischen Kompagnie auf genannten beiden Inseln leicht

zu zerstören seien. Kontreadmiral =Holmes=, uns schon von Westafrika her

bekannt, wurde am 18. August mit 9 kleineren Kriegsschiffen, 7 leichten

Fahrzeugen und 5 Brandern zu einem Angriff auf diese Objekte abgeschickt.

Holmes legte die beiden schwersten Schiffe vor die Einfahrt, um jedes

Entweichen nach See zu verhindern, ließ durch ein leichtes Schiff

Fahrwasser und Lage der Dinge erkunden und ging dann am 19. trotz

Gegenwindes und schwieriger Navigation auf die Rhede von Terschelling.

Hier setzte er mittels der Brander die Kriegsschiffe und schwersten

Kauffahrer, durch seine Boote die übrigen Fahrzeuge -- in Summe etwa 150

Segel -- in Brand. Am nächsten Tage landete er auf Terschelling und legte

eine größere Stadt mit Magazinen sowie verschiedene Ortschaften am

Strande in Asche; von einem Unternehmen gegen Vlieland mußte des Wetters

wegen abgesehen werden. Da man zu einem zweiten Versuch oder sonstigen

weiteren Unternehmungen der Gezeiten wegen länger hätte warten müssen und

eine dem Auslaufen ungünstige Windänderung fürchtete, ging Holmes zu

seiner Flotte zurück.

Es war eine seemännisch geschickt ausgeführte Tat, die mit nur einem

Verluste von 20 Mann und den verbrauchten Brandern dem Feinde einen

Schaden von 12 Millionen Gulden zufügte, nach damaligen Verhältnissen

einen außerordentlich großen; daß man auch die armen Fischerdörfer

verbrannte, war grausam aber wohl der Kriegführung der Zeit

entsprechend. Aus Rache verbrannten holländische Kriegsschiffe einige

Tage später verschiedene englische Kauffahrer bei Glückstadt an der

Elbe.

Es ist unverständlich, daß die Holländer nicht wenigstens dem Verluste

der Schiffe vorgebeugt haben. Wenn sie wirklich die wenigen

Kriegsschiffe, die zu sicherem Schutz nötig gewesen wären, nicht zur

Stelle hatten, so hätten sich doch die Kauffahrer zurückziehen können.

Der Befehl dazu war gegeben, aber nicht auf die Ausführung gedrungen.

Hatte die Regierung nicht die Macht dazu, oder unterschätzte man die

Gefahr, obgleich man doch selbst solche Anschläge plante?

Die englische Flotte kehrte nach diesem Unternehmen in ihre Häfen zurück,

um auszubessern, auch weil eine ansteckende Krankheit an Bord ausbrach.

$Das Jahr 1666$ sollte nichts von Bedeutung mehr bringen, wir können die

$weiteren Ereignisse$ kurz zusammenfassen.[169] Die Holländer hatten zwar

ihre Flotte schleunigst wieder instandgesetzt, doch war der

Gesundheitszustand auf der Flotte schlecht. Am 5. September bereits ging

=Ruyter= mit 79 Schiffen und 27 Brandern in See. Seine Aufgabe war: für

heimkehrende Fahrzeuge die Küsten freizuhalten, sobald der Zeitpunkt

günstig, den Feind anzugreifen, vor allem aber sich mit =Beaufort= zu

vereinigen.

[169] Näheres in den angezogenen Quellen, insbesondere den

holländischen.

Die Ankunft der französischen Flotte war gerade jetzt als nahe bevor

stehend in Aussicht gestellt, freilich schwebten immer noch endlose

Verhandlungen, u. a. auch über Etikettenfragen bei und nach der

Vereinigung. So richtete Ruyter seinen Kurs nach dem Westen. Die

Engländer folgten ihm von Harwich und Solebay aus; sie waren ebenfalls

etwa 100 Segel stark, sollen jedoch in nicht besonders gutem Zustande

gewesen sein, vor allem fehlten Brander. Der holländische Admiral hielt

sich an der französischen Küste, teils um Beaufort um so sicherer zu

treffen, teils um nicht gezwungen zu werden, an der englischen zu

fechten. Auf seinem Wege nach Dünkirchen sichten sich am 10. September

die Flotten, es kommt aber nicht zum Zusammenstoß. Beiderseits scheint

man ihn vermieden zu haben: Ruyter wollte wohl versuchen, erst die

Vereinigung mit den Franzosen herbeizuführen, die Engländer manövrierten

daraufhin, den Feind von der Küste abzuziehen; außerdem war es stürmisch.

=Monck= und =Ruprecht= wollten auch wohl ein Gefecht vermeiden mit

Hinblick auf den schlechten Zustand ihrer Flotte sowie auf das doch

mögliche plötzliche Erscheinen der Franzosen, sie hielten vielleicht

anderseits ihre bloße Nähe für genügend, eine Vereinigung zu verhindern,

worin ihnen der weitere Verlauf rechtgab. Am 10. und 11. manövrieren die

Flotten in Sicht voneinander; einige Schüsse werden gewechselt, ein durch

Sturm beschädigtes Schiff fällt den Holländern in die Hände. Am 11.

September abends ankerte Ruyter vor Boulogne, die Engländer gingen zu

ihren Küsten zurück, wenigstens kamen sie aus Sicht. Ruyter lag mehrere

Tage vor Boulogne. Er erfuhr hier, daß Beaufort am 13. La Rochelle

verlassen habe, um nach Brest zu gehen. Den französischerseits geäußerten

Wunsch, ihm weiter entgegenzugehen, lehnte Ruyter ab, er versprach

jedoch, noch 4 Tage vor Dünkirchen zu warten, und ging am 18. dorthin.

Während eines dreitägigen schweren Sturmes hier erhielt er Befehl, nach

Holland zurückzukehren. Der Grund hierfür war wohl der schlechte

Gesundheitszustand, auch hatte man vielleicht an maßgebender Stelle die

Hoffnung auf die Unterstützung der Franzosen aufgegeben.

Diese Order wurde aber gleich darauf widerrufen infolge des großen

Brandes in London; vom 12.-16. September war fast die ganze City

niedergebrannt.

Neigung zum Frieden hatte sich schon in England bemerklich gemacht; in

Holland hoffte man, daß dieses Nationalunglück sie bestärken würde, und

beschloß deshalb, die Flotte weiter in See zu halten, um durch drohende

Unternehmungen noch mehr Druck auszuüben. Ehe aber etwas Derartiges

unternommen wurde, ging =Ruyter= nochmals westwärts. Er hatte am 26.

gehört, es habe ein Zusammenstoß zwischen den Engländern und Franzosen

stattgefunden. Tatsächlich hatte ein Teil der englischen Flotte nach dem

letzten Sturm einige Nachzügler Beauforts überrascht und mehrere Schiffe

vernichtet. Aber schon am 28., bei stürmischem Wetter westwärts

aufkreuzend, erhielt Ruyter vom französischen Admiral die Nachricht, er

sei bei Dieppe gewesen, habe 24 Stunden gewartet, könne wegen der Nähe

der Engländer nicht weitergehen und kehre nach Brest zurück. Nun gingen

die Holländer wieder ostwärts; die Krankheiten hatten sehr zugenommen und

der Admiral selbst mußte sich (3. Oktober) ausschiffen. =Van Nes= führte

die Flotte nochmals zur englischen Küste hinüber, am 5. Oktober wurden

etwa 60 feindliche Segel gesichtet, aber ein Sturm trennte während der

Nacht die Gegner. Die Flotten gingen in ihre Häfen. Auf beiden Seiten

begnügte man sich damit, den Winterdienst einzurichten, d. h. die Schiffe

im allgemeinen aufzulegen und nur kleinere Geschwader zur Sicherheit der

Küsten, zum Decken eigener sowie zum gelegentlichen Abfangen feindlicher

Kauffahrer in Dienst zu behalten. In Holland wurde der Winterdienst in

diesem Jahre in größerem Maßstabe als sonst üblich angesetzt; es war hier

jetzt die große Schiffahrt freigegeben. Um die Mitte des Oktober begannen

$Friedensunterhandlungen$. Beide Nationen waren des Krieges müde, da er

ihren Handel und ihre Flotten zugunsten der mächtig aufstrebenden

Franzosen schädigte.

Der Anstoß zu den Friedensunterhandlungen scheint von England

ausgegangen zu sein. Als von Holland aus ein ritterliches Anerbieten

erging, die Leiche des gefallenen Vizeadmirals Berkeley feierlich zu

bestatten oder nach England überzuführen, erfolgte ein Dankschreiben,

das Neigung zum Frieden zeigte. Gerade in England hatte das Volk neben

den Kriegsfolgen auch schwer unter der Pest und durch den Brand in

London gelitten. Der König unterschlug ferner einen Teil der für den

Krieg bestimmten Gelder, so daß selbst der Sold der Flottenmannschaften

unregelmäßig gezahlt wurde. In Holland ging man gern auf Verhandlungen

ein, wenn auch hier die Verhältnisse günstiger lagen. Bei dem Zutrauen

auf die Zuverlässigkeit der Regierung und der Kaufleute fanden bisher

beide genug Geld; die eine zu Rüstungen, die anderen zum Überstehen der

schweren Zeit.

$Das Jahr 1667. Ruyter in der Themse. Friedensschluß.$ Die

Friedensunterhandlungen kamen nicht weiter, obgleich Schweden die

Vermittlung übernahm und zum Mai 1667 Gesandte Englands, Hollands,

Frankreichs, Dänemarks und Schwedens zu einem =Friedenskongreß in Breda=

zusammenberufen wurden. =Karl= II. stellte zu hohe Anforderungen, weil er

ganz bei denen blieb, durch die er den Krieg heraufbeschworen hatte. Er

haßte Holland zu sehr und hoffte, daß die immer mehr hervortretenden

Absichten Ludwigs XIV. bald zu einem Bruche zwischen Frankreich und

Holland führen würden und er dann seine Forderungen durchdrücken könne.

=Ludwig= XIV. wirkte auch gegen den Frieden. Er hatte tatsächlich für den

Sommer dieses Jahres den Angriff auf die spanischen Niederlande geplant,

und deshalb mußte es ihm willkommen sein, wenn Holland weiter anderwärts

beschäftigt blieb.

Er eröffnete im Mai 1667 den sogenannten =Devolutionskrieg= (vgl. Seite

250) durch den Einbruch eines Heeres von 50000 Mann unter Turenne in

Flandern und den Hennegau. Obgleich er in einem neuen Vertrage mit

Holland wieder versprach, ihm seine Flotte zu stellen, bot er doch

schon am folgenden Tage Karl II. Geld und Truppen zum Umsturz der

englischen Verfassung -- Abschaffung des Parlaments -- an, wenn sich

dieser verpflichtete, der Einverleibung der spanischen Niederlande

nichts in den Weg zu legen.

Er riet deshalb de Witt, noch einen kräftigen Stoß gegen England zu

unternehmen, und versprach aufs neue die Mitwirkung seiner ganzen Flotte.

Der Ratspensionär de Witt ging darauf ein, da die Verhandlungen doch

nicht weiter kamen. Dieser kluge und stets gut unterrichtete Staatsmann

wußte, daß England schwächer sein würde als bisher, weil Karl II. in noch

größerem Maße als früher die für den Krieg bewilligten Gelder für seine

Zwecke verwendete. Somit hielt er es für möglich, nötigenfalls auch ohne

französische Hilfe, durch einen großen plötzlichen Erfolg günstigere

Friedensbedingungen zu erreichen.

=Der kleine Krieg= war fortgeführt worden. Während des Winters hatten

Zusammenstöße kleinerer Flottenabteilungen im Kanal und der Nordsee

stattgefunden. In Westindien hatten die Holländer sogar größere Erfolge

errungen; sie hatten den Engländern die Niederlassung in =Surinam=

abgenommen und auch sonst sie empfindlich geschädigt. In jenen Gewässern

waren sie gemeinsam mit den Franzosen vorgegangen, die sich auch in

Besitz verschiedener englischer Inseln gesetzt hatten. Als nun am 5. Mai

ein neuer Vertrag mit Frankreich abgeschlossen war, beschloß man in

Holland ein Unternehmen gegen die Themse. Ein am 4. Juni auf dem Kongreß

zu Breda seitens Englands geforderter Waffenstillstand wurde abgelehnt

und $Ruyters Angriff auf die Themse$ ins Werk gesetzt. Die Verhältnisse

lagen für Holland sehr günstig. Man hatte hier den Winter über die

Rüstungen trotz der Friedensunterhandlungen, ja gerade um diese zu

fördern, mit großem Eifer betrieben. Für das Jahr 1667 war die

Aufstellung einer noch größeren Flotte als in den Vorjahren beschlossen.

Es sollten 88 Kriegsschiffe -- darunter wieder 16 auf Kosten der

ostindischen Kompagnie --, 12 Fregatten, 24 Brander und zahlreiche

kleinere Fahrzeuge in Dienst gestellt und 18 Kriegsschiffe für Ausfälle

nach Gefechten bereit gehalten werden; die Mannschaften des Jahres 1666

waren in Dienst behalten.

In =England= dagegen war die Lage anders; de Witt war richtig

unterrichtet gewesen. Wenn =Karl= II. im Gegensatz zu seinem Volke nicht

ernstlich an Frieden dachte oder doch seine Forderungen durchsetzen

wollte, so hätte gerade er die Flotte auf der Höhe ihrer

Leistungsfähigkeit halten müssen. Statt dessen hatte er sich einen Plan

zurechtgelegt, der ihm zu seinem beständigen Geldmangel paßte: Er wollte

nur einen =Kreuzerkrieg= führen, und von einer Verwendung der

Schlachtflotte ganz absehen.

Der =Standpunkt des Königs= -- vom Lordkanzler und Lordschatzmeister

unterstützt, dagegen von York und wohl auch von Monck hart angegriffen

-- war: da der Handel eine Lebensbedingung Hollands sei, da die

Versorgung seiner Marine von diesem Handel abhinge und da, wie die

Erfahrung gelehrt, nichts das Volk mehr erbittert hätte, als die

Schädigung des Handels, so würde man sich englischerseits auf den

Kreuzerkrieg beschränken können. Die Holländer würden durch diesen

wirksam genug gedemütigt werden, während England nicht wie bisher durch

die Ausrüstung großer Flotten erschöpft würde. Da der Gedanke, nur

einen Kreuzerzug zu führen, zu allen Zeiten seine Vertreter gefunden

hat, werde ich bei den strategischen Betrachtungen am Schluß des

Krieges darauf zurückkommen, nachdem wir die Folgen der Maßnahmen

Englands kennen gelernt haben.

Infolge dieses Beschlusses blieben nun auch mit dem Eintritt des

Frühjahrs die meisten Schiffe und darunter gerade die schwersten

aufgelegt, und es wurden für den Sommerdienst nur schwache Geschwader

kleinerer Schlachtschiffe und leichterer Fahrzeuge in Dienst gestellt.

Sonst waren natürlich Hollands Rüstungen in England wohl bekannt sowie

auch, daß man dort etwas gegen einen der größeren Häfen plane. Es wurde

deshalb schon im März der Befehl gegeben, die Befestigungen von

Portsmouth und Harwich, namentlich aber die an den wichtigsten Stellen

der Themse, zu verstärken, hier die außer Dienst gestellten Schiffe

soweit wie möglich den Fluß hinaufzuführen, Vorbereitungen zum Sperren

des Fahrwassers zu treffen und genügend Brander bereit zu halten. Der

König und der Herzog von York hatten die notwendigen Maßregeln in der

Themse persönlich an Ort und Stelle angeordnet. Zu allen diesen Arbeiten

war Zeit genug. Zwar scheint de Witts Plan schon viel früher fertig

gewesen zu sein, der Vertrag mit Ludwig XIV. sich schon im besonderen auf

einen Angriff der Themse bezogen zu haben, aber man war noch nicht

bereit. Ein lang andauernder, im Mai noch einmal einsetzender harter

Winter hatte die Mobilmachung verzögert. Obgleich also der Angriff nicht

unerwartet kam, waren doch die Vorbereitungen zur Verteidigung in England

arg vernachlässigt. Albemarle, der bei Chatham kommandierte, als der

Angriff erfolgte, beklagte sich später bitter darüber, daß die

Anordnungen durchgängig nur lässig oder gar nicht ausgeführt seien.

Nach englischen Quellen sollen zu dieser Vernachlässigung besonders

zwei Umstände Anlaß gegeben haben: die Holländer hätten in den

Friedensverhandlungen erklärt, sie rüsteten schon ab, und die

Aufmerksamkeit der Engländer sei durch eine andere Diversion von der

größeren Expedition abgezogen. Im April unternahm nämlich der

Leutnantadmiral =van Ghent=, von der Begleitung eines Konvois bis zum

Norden Schottlands zurückkehrend, einen =Vorstoß gegen Leith=, um die

dort liegenden Schiffe, besonders Freibeuter, zu zerstören; es wurden

dabei nur einige wertlose Prisen gemacht und Burntisland ohne größeren

Erfolg bombardiert.

Diese Gründe können jedoch eine derartige Sorglosigkeit nicht

entschuldigen, man wird sowohl gewußt haben, daß Holland weiter

rüstete, als auch daß Ghents Geschwader keineswegs die ganze

Streitmacht des Feindes war. Die Nachlässigkeit ist wohl der seit Karls

Thronbesteigung einreißenden Oberflächlichkeit im Dienstbetriebe

zuzuschreiben; selbst der Herzog von York, der sonst Interesse und

Verständnis für Marinefragen hatte, soll seinen Dienst etwas

oberflächlich getan haben.

=De Witt= war auch hierüber wieder gut unterrichtet und beeilte mit

Ruyters Unterstützung die Abfahrt der Expedition, obgleich die ganze

Streitmacht der Niederlande noch nicht versammelt war. Das ganze

bedeutende Kontingent Seelands und auch der größere Teil von dem

Frieslands fehlte, sie waren noch nicht fertig. Uneinigkeiten zwischen

den Provinzen, das Parteiwesen in der Republik, Trotz gegen de Witts

Machtstellung, waren daran schuld. Seeland war wie die Landprovinzen des

Seekrieges müde; als Gründe wurden angegeben: Mangel an Geld und Leuten,

die Gefahr des Vordringens der Franzosen usw.

So bestand =Ruyters Flotte= nur aus 64 Kriegsschiffen zu 32-84 Kanonen,

20 kleineren Fahrzeugen, 15 Brandern mit 3330 Kanonen und 17416

Mann,[170] hinzutraten einige Transporter mit Landsoldaten; Vor- und

Nachhut führten die Leutnantadmirale van Ghent (Amsterdam), van Nes

(Maas). Für Einschiffung zahlreicher Lotsen, die die Themse kannten, war

gesorgt, 2 oder 3 Engländer befanden sich darunter; bei den

Unternehmungen gegen die Themse in den beiden Vorjahren waren Lotungen

vorgenommen und auch sonst hatte man sich nach Möglichkeit Kenntnis des

Fahrwassers verschafft.

[170] Nähere Angaben de Jonge, Teil I, Beilage XXXVI und »Leben

Ruyters« Seite 423.

=Ruyters Order= war: Soweit wie möglich die Themse hinaufzugehen;

Schiffe, Magazine, Befestigungen zu zerstören und dem Feinde in jeder

Beziehung Abbruch zu tun; die Art der Ausführung war dem eigenen Ermessen

anheimgestellt. Als Deputierter der Generalstaaten befand sich nur

=Cornelis de Witt=, Bruder des Ratspensionärs, für die Provinz Holland an

Bord; Friesland und Seeland hatten keinen Vertreter gestellt, scheinbar

zur größten Zufriedenheit des leitenden Staatsmannes. Die Flotte ging am

13. Juni von Schooneveld, wo sie noch einige Tage auf das Kontingent

Seelands gewartet hatte, in See, ritt am 15. vor der Themse einen

Südwest-Sturm ab und lief am 17. in den Kings-channel ein.

Am 18. Juni gab =Ruyter= die hier kurz mitgeteilte =Disposition= aus:

»Die Hauptflotte bleibt vor der Themsemündung als Rückhalt liegen. Eine

Flottenabteilung geht den Fluß hinauf und vernichtet die bei Gravesend

und Tilbury (the Hope) liegenden Schiffe -- etwa 20 Westindienfahrer

unter Bedeckung von 10-12 Kriegsschiffen zu 30-40 Kanonen --. Dann kommt

sie zurück, geht in den Medway, nimmt Sheerness und zerstört die Schiffe

und Arsenale in diesem Nebenfluß.« Die zu detachierende =Abteilung= wurde

=van Ghent=, unter ihm Vizeadmiral de Liefde, unterstellt und bestand

aus: 2 Schiffen zu 60, 6 zu 50, 4 zu 40-45, 5 zu 32-36 Kanonen; 5

Advisjachten sowie fast allen kleinen Fahrzeugen und Brandern. Die

Landungstruppen wurden auf die Kriegsschiffe verteilt, leider waren

mehrere Transporter während des Sturmes von der Flotte abgekommen; C. de

Witt schloß sich der Expedition an. Der erste Teil der Aufgabe gelang

infolge ungünstiger Windverhältnisse nicht, der zweite und Hauptteil

aber, die $Forcierung des Medway$, wurde ein großer Erfolg.[171]

[171] Wir besitzen zahlreiche Beschreibungen dieses Unternehmens in den

älteren Quellen und neueren Werken, die in Clowes, Teil II, Seite

293, aufgeführt sind. Ich habe von diesen bei meiner Schilderung

dieselben wie zu den vorhergehenden Schlachten benutzt. Man

findet wieder in Clowes, de Jonge und »Ruyters Leben« eine genaue

Schilderung, im »Vie de Tromp« die Berichte usw.

=Früh morgens am 19. Juni= ging =Ghent= mit der Flut stromauf, kam

jedoch wegen ungünstigen und dabei flauen Windes und wegen der später

einsetzenden Ebbe nur bis etwa zwischen Leigh und Gravesend und mußte

hier ankern; die englischen Schiffe gewannen hierdurch Zeit, sich noch

weiter stromaufwärts in Sicherheit zu bringen. =Ruyter= war mit der

Flotte bis zum Mittelgrunde gegangen; er detachierte Schiffe in alle

Fahrwasser und bestimmte noch 10 größere Schiffe zur Unterstützung für

das Unternehmen gegen den Medway.

Am 20. morgens kam Ghent von dem verfehlten Unternehmen zurück und

wandte sich gegen =Sheerness=. Drei Schiffe bombardierten das Fort, 800

Mann unter Oberst =Dollman=, einem englischen Republikaner, landeten.

Ein ernster Widerstand wurde bei dem schlechten Zustande der

Befestigung nicht geleistet, die Besatzung zog ab und besetzte später

eine Schanze bei Gillingham; auch ein kleines Kriegsschiff und 2

Brander, die bei Sheerness gelegen, hatten Anker gekappt und waren den

Medway hinaufgegangen. Die Holländer machten die Geschütze und die

Befestigung unbrauchbar und räumten oder zerstörten die Magazine; sie

glaubten aber die Stellung mit ihrer geringen Zahl Soldaten nicht

halten zu können. An demselben Tage wurde auch noch das Fahrwasser des

Medway durch leichte Schiffe ausgelotet.

Das Erscheinen der Holländer in der Themse und die Einnahme von

Sheerness hatten London natürlich in größte Aufregung versetzt. =Monck=

eilte mit Truppen nach =Chatham=, wo er, wie schon gesagt, wenig

gemacht fand. Er tat nun sein möglichstes, eine feste Stellung zu

schaffen, obgleich er kaum Arbeitskräfte bekam, die halbe Bevölkerung,

selbst ein Teil der Arsenalbeamten, war geflohen. Er ließ eine schon

längst vorbereitete, aber nicht in Gebrauch genommene Sperrkette

oberhalb Gillingham ziehen, deckte sie durch zwei kleine Batterien und

legte ein Kriegsschiff, die »Unity«, davor. Sodann verstärkte er die

Befestigungen von Upnor-Castle und verankerte die vorhandenen schweren

Schiffe, etwa 17, oberhalb der Kette auf dem ganzen Revier in

Verteidigungsstellung; auch ordnete er das Versenken von Schiffen an,

was aber in der Eile weder durchweg noch richtig ausgeführt wurde, wie

es auch nicht mehr möglich war, frühere Unterlassungssünden noch gut zu

machen, z. B. die Verstärkung der ungenügenden Armierung der Batterien.

[Illustration: Ruyter im Medway, 20.-23. Juni 1667.]

Am 21. Juni unternahmen die Holländer noch nichts. Der Grund hierfür

ist nirgend zu ersehen. Vielleicht geschah es, um Ruyter abzuwarten,

der auf ausdrücklichen Wunsch C. de Witts weiter stromauf segelte und

schließlich mit einigen seiner Schiffe bis Queenborough kam. Am 22.

Juni 7 Uhr segelte =Ghent= den =Medway= hinauf. Die Spitze der Vorhut,

geführt vom Kapitän Tobias, begann ein Feuergefecht mit der befestigten

Stellung an der Kette, das jedoch nicht recht vorwärts kommen wollte.

Da erbot sich Kapitän =van Brakel=, mit dem Schiff »Vrede« und 2

Brandern vorzugehen. Er enterte die »Unity«, und der eine Brander

sprengte die Kette. Verschiedene kleine Schiffe und Brander segelten

nun durch; Brakel bestieg ein kleineres Fahrzeug, enterte das nächste

große englische Schiff und brachte dann, auf sein Schiff zurückgekehrt,

die kleinen Kettenbatterien zum Schweigen.

Mittlerweile kommen immer mehr Holländer unter Ghents und Liefdes

persönlicher Führung heran. Mit Schiffen und Fahrzeugen, mit

ausgesetzten Booten wird die erste englische Stellung genommen; die

Batterien am Lande werden durch Landungsabteilungen zerstört, von 5

großen hier postierten Schlachtschiffen werden 4 verbrannt, der »Royal

Charles« (100 Kanonen) wird genommen. Dieses stolze englische Schiff

wurde als Trophäe nach Holland geführt; Monck hatte angeordnet, es

weiter stromauf zu bringen, aus Nachlässigkeit oder Mangel an

Hilfsmitteln war dies aber nicht geschehen. Der Kampf, zu dessen

Ausläufern auch Ruyter auf einem kleinen Fahrzeuge herangekommen war,

wurde abends abgebrochen, weil bei fallendem Wasser viele Holländer

festkamen. Die Szene auf dem Kampfplatz wird als furchtbar geschildert:

»Der Fluß voll von fahrenden Schiffen, Booten und brennenden Trümmern;

ununterbrochenes Geschütz- und Gewehrfeuer, und doch übertönt vom

Klagen der Verwundeten; Trompetengeschmetter, Trommelschlag und

Hurraruf der Holländer nach jedem Erfolge; über allem dunkler

Pulverrauch und erleuchtet von den Flammen und dem Blitzen der

Feuerwaffen.« Am 23. Juni wurde das Vernichtungswerk fortgesetzt. Mit 4

Schlachtschiffen, einigen Jachten und den Brandern wurden die drei bei

Upnor liegenden Engländer angegriffen. Die Befestigungen hier unter

Major =Scott= und die gegenüberliegenden unter Vizeadmiral =Spragge=,

der in Sheerness kommandiert hatte, kämpften tapfer, konnten aber das

Verbrennen der Schiffe durch Brander und Boote nicht hindern; Ruyter

und die anderen Admirale leiteten von Booten aus das Gefecht, an dem

sich in dem engen Gewässer von größeren Schiffen ja nur wenige

beteiligen konnten.

Mit diesem =Erfolge= begnügten sich die Holländer, sie hielten es nicht

für ratsam, den Fluß noch weiter hinaufzugehen. Das Fahrwasser wurde

immer enger und schwieriger, Schiffe waren versenkt und der Fluß an

beiden Seiten mit Batterien und Truppen besetzt, die Brander bis auf

zwei verbraucht. So waren die übrigen englischen Schiffe und die

Arsenale bei Chatham gerettet.

Immerhin hatte man 2 Schiffe genommen und 6 oder 7 verbrannt, fast alle

diese waren bisherige Admiralschiffe; die Engländer selbst hatten

außerdem einige versenkt. Erinnert muß daran werden, daß die Schiffe im

Medway nur halb armiert und bemannt, einige sogar ganz aufgelegt waren;

man hatte diese mit Soldaten besetzt. Auch der Mannschaftsverlust der

Engländer muß bedeutend gewesen sein, während die Holländer nur etwa

150 Tote und Verwundete hatten.

Am 24. Juni ging die holländische Flotte in die Themse zurück.

Als die holländische Flotte nach der Durchführung dieses Unternehmens am

24. Juni wieder auf der Themse selbst und in der Mündung des Medway lag,

wurde sie verstärkt durch einige friesische Schiffe und durch einen Teil

des seeländer Kontingents unter Leutnantadmiral Bankers, so daß sie nun

gegen 80 Kriegsschiffe stark und auch wieder im Besitz einiger Brander

war. Hiervon wurde gleich ein Geschwader unter Ghent nach dem Norden

Schottlands detachiert, um heimkehrende Indienfahrer zu begleiten.

=Ruyter= blieb mit dem Gros noch einige Tage liegen, ging dann aber auch

stromabwärts, um sich nicht Branderangriffen in dem engen Revier

auszusetzen, und übernahm eine strenge =Blockade der Themse=. Er selbst

lag vor dem Fluß, ein Geschwader kreuzte zwischen Harwich und den

Hoofden, ein anderes zwischen Harwich und der Themse.

Das Erscheinen in der Themse und die Waffentat im Medway waren von der

größten moralischen Wirkung in England, selbst aus London waren Einwohner

geflohen; von dieser Zeit soll sich die zuweilen übertrieben auftretende

Furcht eines Angriffs auf London herschreiben. Die zunehmende Neigung zum

Frieden zeigte sich sofort in den Verhandlungen zu Breda, die Blockade

der Themse trug weiter dazu bei. Diese war so wirkungsvoll, daß die

Preise von Kohlen und anderen Materialien in London bis auf das Zehnfache

des sonst üblichen Satzes stiegen. Die Generalstaaten begnügten sich

jedoch damit nicht, sondern ordneten weitere Unternehmungen an, um immer

mehr Druck zur Beschleunigung der Friedensunterhandlungen auszuüben.

Vielleicht hoffte man auch immer noch auf eine wirkliche Unterstützung

durch die Franzosen; wäre sie erfolgt, so würde England wohl aufs tiefste

gedemütigt worden sein. Aber die französische Flotte lag ruhig in Brest

und die jetzt noch bis zum Friedensschluß von den Holländern ins Werk

gesetzten $weiteren Unternehmungen$ hatten keine anderen Erfolge als die

fortgesetzte Blockade der Themse und die Alarmierung der englischen

Küste; sie seien deshalb nur kurz erwähnt. =Ruyter= erhielt den Befehl,

=nochmals in die Themse= einzudringen. Er verfuhr ähnlich wie früher und

kam mit einem Geschwader leichter Schiffe an der Spitze am 6. Juli bis

unterhalb Gravesend. Hier hörte er von auslaufenden flämischen Schiffen,

daß in Woolwich eine größere Zahl Kriegsschiffe und 15 Brander bereit

lägen, daß das Fahrwasser bis auf eine schmale Rinne gesperrt sei -- für

größere Schiffe nur im Schlepp zu passieren -- und daß die Ufer bei

Gravesend mit starken Batterien und zahlreichen Truppen besetzt wären.

Bemerkenswert ist, daß diese flämischen Schiffe Truppen abgeholt

hatten, die für Spanien geworben waren, obgleich sich England in einer

so traurigen Lage befand und obgleich Karl II. doch, wie wir erwähnt,

mit Ludwig XIV. in Unterhandlung zuungunsten Spaniens stand.

Der Admiral gab deshalb diesen Plan auf und ging wieder vor die Themse

zurück. Er beabsichtigte nun, =Harwich= und die dort liegenden Schiffe zu

Wasser und zu Lande =anzugreifen=; seit kurzem hatte er eine Verstärkung

von 8 Kompagnien zu Landungsunternehmungen erhalten. Aber auch dieser

Anschlag am 12. =Juli= mißglückte. Eine Flottenabteilung war bestimmt,

das die Stadt deckende Fort zu bombardieren, eine zweite, in den Hafen

einzudringen; beide erreichten ihren Zweck nicht. Infolge ungünstiger

Windverhältnisse und ungenügender Kenntnis des außerdem gesperrten

Fahrwassers konnte die eine nicht nahe genug heran, die andere nicht

hinein. Da so der Landangriff nicht von der Flotte unterstützt werden

konnte, wurde er zweimal abgeschlagen und die gelandeten Truppen, gegen

2000 Mann, wurden dann von englischen Entsatztruppen zur Einschiffung

gezwungen; alles ging nicht ohne beträchtliche Verluste ab.

=Ruyter= teilte nun auf Befehl seine Flotte. =Ein Geschwader unter van

Nes= setzte die Blockade der Themse fort. Auch dieses unternahm nochmals

einen =Vorstoß in die Themse=. Am 2. August ging van Nes wieder bis

Gravesend und fand dort Schiffe unter =Spragge= vor. Beim Angriff wichen

sie zurück; es wurde ein Hauptkampf nur von Brandern ausgefochten, deren

die Engländer 11, die Holländer 6 oder 7 verloren; die Befestigungen

setzten dann dem Vordringen ein Ziel. Die Holländer gingen bis zum Nore

zurück und nahmen hier eine Kampfaufstellung zu Anker ein; Spragge

folgte, ohne sich in ein ernstliches Gefecht einzulassen. Der

holländische Admiral hielt es aber doch für geboten, die Themse ganz zu

verlassen, als am 5. August etwa 20 Schiffe von Harwich aus zu Spragge

stießen und er ernstlich angegriffen wurde; das holländische Geschwader

würde an diesem Tage in großer Gefahr gewesen sein, wenn die

verschiedenen englischen Abteilungen von der Themse, Harwich und dem

Medway aus einmütiger operiert und wenn besonders die Brander ihre

Pflicht besser getan hätten. Van Nes vollführte seinen Rückzug durch das

enge Fahrwasser militärisch und namentlich seemännisch bei Gegenwind

musterhaft; es ist dieses jener Fall, der früher bereits als ein

Meisterstück holländischer Seemannschaft erwähnt wurde (vgl. Seite 263).

Die Blockade der Themse blieb dann ohne weitere Zwischenfälle bis zur

Ratifizierung des Friedens in Kraft.

=Ruyter führte den Rest der Flotte.= Seine Aufgabe war, durch

=Beunruhigung der feindlichen Küste= einen Druck auszuüben und zu

versuchen, verschiedene starke Konvois abzufangen, deren Rückkehr man

erfahren hatte. Er kreuzte ständig im Kanal, namentlich im Westen und bei

den Scillys. Erkundungsfahrten wurden bis dicht vor die Häfen von

Portsmouth, Dartmouth, Torbay, Plymouth und Foway (Cornwall) vorgenommen;

auf einer der Scillys wurde gelandet, aber nur um Vieh wegzunehmen. Nach

den alten Quellen scheinen diese Erkundungen nur den Zweck gehabt zu

haben, eine Vereinigung der englischen Seestreitkräfte zu hindern und die

Konvois zu suchen; von diesen hörte man immer wieder, ohne sie jedoch auf

See anzutreffen. Am 8. August erfuhr Ruyter vor Plymouth durch einen

Parlamentär den Friedensschluß, am 13. erhielt er dienstlich die

Bestätigung und am 31. die Nachricht von der Ratifizierung. Da jedoch

nach den Bedingungen der Frieden erst am 5. September in Nordsee und

Kanal, im Atlantik bis zum Kap Vincent gar erst am 5. Oktober (von dort

bis zur Linie am 2. November, auf der ganzen Erde am 24. April 1668) in

Kraft trat, hatte er Befehl, bis zu diesem letzten Termin am Eingange des

Kanals zu kreuzen. Wegen schlechten Wetters und Krankheit an Bord hielt

er sich aber bald den heimischen Häfen näher und lief am 10. Oktober ein.

Der $Frieden zu Breda$, 21. Juli 1667 geschlossen und am 24. August

ratifiziert, ist für das siegreiche Holland kaum ein günstiger zu nennen:

England behielt die genommene Kolonie Neuniederland (Neuyork), Holland

bekam das englische Surinam, obgleich es kurze Zeit nach der

holländischen Besetzung durch englische Schiffe zurückerobert war.

Holland mußte aber das »Flaggenrecht« weiter anerkennen (vgl. Seite 229

und Seite 189, 191). Nur mit Beziehung auf die Navigationsakte erlangte

Holland einen wesentlichen Vorteil: das Verbot, mit seinen Schiffen keine

außerholländischen Waren einzuführen, sollte nicht mehr für deutsche

Produkte gelten, die Holland auf der Achse oder auf dem Rhein bezogen

hatte. Dieser materielle Vorteil tröstete wohl manche in dem ideellen

Schmerz über das Flaggenrecht. In dem Frieden mit Frankreich gab dieses

an England die genommenen westindischen Inseln zurück, dagegen wurde

seine Oberhoheit in Acadia (vgl. Seite 85 und Seite 89) anerkannt.

$Bemerkenswertes beim zweiten Kriege.$ Bei der Betrachtung der

=Streitmittel= ist gezeigt worden (Seite 254 ff.), daß die Marinen der

Gegner große Fortschritte seit dem ersten Kriege gemacht hatten.

Kauffahrer wurden nur noch in ganz geringem Maße verwendet, die Schiffe

waren leistungsfähiger und gleichmäßiger und das Personal besser

geworden. Besonders hatte Holland in diesen Hinsichten Fortschritte

gemacht, ohne indes England zu erreichen.

Beim Manövrieren vor und während der Schlachten um die Luvstellung,

besonders aber wenn sie nach günstig verlaufenen Gefechten verfolgen

wollen, sind die Holländer im Nachteil; auch der oft hervortretende

Mangel an Ordnung in ihrer Flotte ist zum Teil eine Folge der

schlechteren Schiffe. Die Überlegenheit der englischen Artillerie tritt

weniger zutage; öfters können die Engländer ihre schwerste Batterie nicht

gebrauchen, da deren Pforten noch zu nahe über Wasser liegen; einige Male

jedoch leiden die Holländer mehr durch die weitertragenden und stärkeren

Kaliber des Feindes. Eine weit größere Rolle spielt die Schwäche des

holländischen =Personals=. Der Mangel an Subordination, an militärischer

Treue, Einsicht und Erziehung bei den Kommandanten und Dienstgraden

zeitigt die schlimmsten Folgen: In bedrängter Lage, bei außergewöhnlichen

Vorfällen verlieren selbst Führer von Flaggschiffen den Kopf, manövrieren

falsch, ja fliehen sogar; die sonst mutigen Taten Tromps sind doch auch

Zeichen fehlender Disziplin. Die Unordnung in den Gefechtslinien ist vor

allem der mangelnden Einsicht, zuweilen sogar dem bösen Willen der

Schiffsführer zuzuschreiben.

Wie weit diese Vorwürfe auch die Mannschaft treffen, ist nicht sicher

festzustellen. Doch erzählt z. B. eine Quelle (»Leben Ruyters«, Seite

394): Als Ruyter nach der Schlacht von Northforeland und den beiden

heftigen Rückzugsgefechten auf seinem Schiffe die Verluste feststellte,

fand man nur 38 Tote und 30 Schwerverwundete bei rund 500 Mann

Besatzung. Während des Gefechts waren ihm weit größere Verluste

gemeldet, weil »in der Hitze des Kampfes und während der größten Not

viele sich hier und da verstecket und aus großer Angst weggekrochen

waren, die nun, durch den Hunger getrieben, wieder hervorkamen«. Und

dies war Ruyters Schiff!

Wo =Ruyter= in Person war, war das Verhalten des Personals schon besser

und wenn es sich später weiter hob, so ist dies seinem Einflusse zu

verdanken. Es wird mehrfach hervorgehoben, daß er jede Gelegenheit

benutzte, belehrend und ermahnend auf seine Untergebenen einzuwirken. In

den englischen Flotten kommen Verstöße ähnlicher Art um diese Zeit noch

nicht vor. Daß in England unter der neuen Regierung die Cromwellsche

Zucht und Pflichttreue schwindet, bemerken wir zuerst bei den Behörden am

Lande: die Ausrüstung der Flotten läßt mehrfach zu wünschen übrig; im

Jahre 1667 sind die Befehle zur Sicherung der Küsten nur nachlässig

ausgeführt worden. Bei beiden spielte allerdings wohl auch der Geldmangel

mit.

Bei der Besprechung der Streitmittel ist ferner auf den Fortschritt in

der =Taktik= hingewiesen; die Schlachten zeigen dies deutlich. Die

»Kiellinie beim Winde« ist die Normalgefechtsformation geworden; wir

finden sie in allen Gefechten auf beiden Seiten. Zwar gilt noch immer die

Luvstellung als die unbedingt vorteilhaftere, aber es wird doch fast

ebensoviel Wert darauf gelegt, in guter, enggeschlossener Linie an den

Feind zu kommen und diese dauernd zu erhalten; beide Flotten sehen

gelegentlich ganz davon ab, die Luvstellung zu gewinnen.

Besonders bei den Engländern wird auf die Erhaltung der Formation

gesehen, ihre Gefechtsinstruktionen zielen gerade hierauf hin. Ihre

Kiellinie scheint auch schon gut aus Einzelschiffen gebildet zu sein.

Wenn bei ihnen am ersten Tage der Viertageschlacht die Schiffe der

Nachhut nicht so eng auf- und in sich geschlossen waren, so war dies bei

der großen Zahl der Schiffe erklärlich. Das Verbessern der Entfernungen

der Fahrzeuge voneinander muß bei einer so langen Linie von Segelschiffen

leicht zum Lockern in der Nachhut führen, ganz abgesehen davon, daß um

diese Zeit das Schiffsmaterial nicht so gleichmäßig war wie später.

Das vorzügliche Festhalten der Ordnung hat sicher zu den Erfolgen der

Engländer -- sei es zum Siege, sei es zu nachhaltendem Widerstande gegen

Übermacht -- in erster Linie beigetragen. Die Holländer waren auch hierin

noch nicht so weit; oft standen Schiffe in Lee der Gefechtslinie oder

segelten in mehreren Linien nebeneinander und hinderten sich so

gegenseitig im Feuer oder trieben auch im Gefecht zusammen.

Zwei Erklärungen für die oftmalige mangelhafte Ordnung sind bereits

gegeben worden: die mindere Güte der Schiffe, die Schwächen der

Schiffsführer. Die holländische Flotte wurde aber auch weniger daraufhin

angeleitet. Die englische Gefechtsinstruktion verlangte von den Schiffen

»Liniehalten mit dem Flottenchef« und hatte stets die »Verwendung der

ganzen Flotte« im Auge. Die holländischen Vorschriften weisen mehr auf

das »Zusammenhalten der Unterabteilungen unter sich« hin und sehen noch

die »Verwendung der einzelnen Geschwader« im Gefecht vor. Die

holländischen Schiffe hielten sich unter diesen Umständen zu ihrem

nächsten Vorgesetzten, und dies führte -- besonders bei der Anwesenheit

so vieler Flaggoffiziere -- unwillkürlich zur Bildung von Gruppen wie

früher; in diesen war man geneigt, die Richtung in der ganzen Flotte

außer acht zu lassen, im Gefecht eigenmächtiger zu handeln, ja sogar bei

Ausfall des Gruppenführers den Kampf ganz zu verlassen. Der Gruppenkampf

lag den Holländern scheinbar noch näher. Wir finden in den Schlachten

einige kennzeichnende Fälle für die verschiedene Auffassung der Pflichten

der Unterabteilungen gegenüber der Flottenleitung: Am 4. August 1666

schlägt die englische Vorhut die holländische aus dem Felde, folgt ihr

aber nicht, sondern bleibt beim Flottenchef und greift in dessen Kampf

ein. Demgegenüber steht das eigenmächtige Verhalten Tromps an demselben

Tage und am 12. Juni 1666 und ebenso auch der Fall des Admirals van Nes

am 14. Juni 1666, wo er mit 14 Schiffen 4 englische Fahrzeuge abdrängt

und verfolgt und so seine Hauptflotte sehr schwächt.

Die vorzügliche Ordnung der Engländer bei Lowestoft habe ich schon

erwähnt. Der Franzose de Guiche, Kriegsfreiwilliger bei Ruyter an Bord,

sagt über die Viertageschlacht: »Man konnte nichts Schöneres sehen, als

die prachtvolle Ordnung der Engländer auf See. Niemals gab es eine

geradere Linie, als die von ihren Schiffen gebildete. So vereinigen sie

ihr gesamtes Feuer auf jeden, der sich ihnen nähert. Sie fechten wie

eine Linie Kavallerie, die von einer bestimmten Regel geleitet wird und

nur darauf bedacht ist, den Feind zurückzuwerfen; die Holländer dagegen

gehen wie eine Kavallerie vor, deren einzelne Abteilungen ihren Platz

verlassen und getrennt zum Angriff kommen.«

Immerhin war aber auch in der holländischen Flotte schon mehr Ordnung als

früher, besonders seit Ruyter führte. Und auch sonst sehen wir

Fortschritte in der Taktik: Versuche, ungünstige Lagen und Fehler des

Feindes auszunutzen. Hierher gehört vor allem der Angriff =Moncks= am

ersten Tage der Viertageschlacht, durch den er einen Teil des Feindes

anfangs allein engagiert und fast außer Gefecht setzt; doch in jeder

Schlacht finden wir planmäßig angelegte Manöver, um an einer Stelle mit

Übermacht aufzutreten, auch Tromps Eigenmächtigkeiten hatten nur diesen

Zweck. Das stete Bestreben =Ruyters=, die Gefechte entfernt von Sänden in

zum Manövrieren freiem Wasser zu führen, muß man auch als taktische

Maßregel ansehen. Durch derartige Manöver und das Bestreben, die

Formation zu erhalten, ist der Charakter der Schlacht ein anderer

geworden; die Taktik ist nicht mehr damit erschöpft, die Flotten

aneinanderzuführen und dann den Kampf in der Melee entscheiden zu lassen.

Gerade die »Viertageschlacht« wird von einzelnen Schriftstellern als der

=Übergang von älteren Methoden zu einer neuen Taktik= angesehen.

Mit Beziehung hierauf sagt Chaband-Arnault (Revue maritime usw. 1885;

hier kürzer zusammengefaßt): »Mehr wie irgend eine andere Schlacht

bezeichnet gerade diese einen Übergang. Zum ersten Male sehen wir

bestimmte Pläne und können die Hauptbewegungen der kämpfenden Flotten

danach verfolgen. Wir fühlen, daß jeder General nur sein Geschwader in

der Hand hat und daß auch der Oberbefehlshaber über die

Unterabteilungen nach seinem Belieben verfügt. (Wir sagen wohl besser:

wenigstens dahin strebt.) Der Admiral hält die Luvseite noch für einen

Vorteil, aber sie ist nicht mehr die Hauptsache -- das einzige --,

womit er sich beschäftigt. Er trachtet vor allem danach, seine Flotte

in guter Ordnung und geschlossen zu halten, um während der Schlacht

nach einheitlichem Plane zu leiten.... Als bei Northforeland später

große Zwischenräume zwischen den Geschwadern sich bildeten und sich die

Nachhut sogar ganz von der Mitte trennte, beklagte Ruyter diesen Fehler

als die Hauptursache der Niederlage.«

Infolge des besseren Zusammenhaltens der Streitkräfte während der

Schlacht tritt nun auch die taktische Ausnutzung des Sieges mehr hervor;

wir finden schärfere Verfolgungen als früher und dadurch hervorgerufene

Rückzugsgefechte.

Endlich muß in taktischer Beziehung noch auf die Verwendung der

Spezialwaffen hingewiesen werden. Der zweite englisch-holländische Krieg

ist die Blütezeit der =Brander=; gerade die zunehmende Ordnung war ihrer

Verwendung zunächst günstig (vgl. Seite 188). Sie spielen in den

Schlachten und bei den Unternehmungen in feindlichen Gewässern eine große

Rolle; Schlachten werden vermieden, Unternehmungen abgebrochen wegen

Mangels an Brandern oder wegen Stärke des Gegners in dieser Waffe. Auch

bei den anderen Schiffen beginnt eine Trennung sich zu vollziehen, nicht

mehr sind wie zur Zeit der ausgesprochenen Gruppentaktik alle Schiffe

gleich gut im Kampfe zu verwerten. Das Schlachtschiff geht zwar im

allgemeinen noch hinunter bis zu 40 Kanonen, aber kleinere und doch immer

noch mit einer gewissen Gefechtskraft, 26-36 Kanonen, werden jetzt mehr

zu besonderen Zwecken gebraucht: Zur Bedeckung von Brandern im Gefecht

und bei Angriffen feindlicher Schiffe in Häfen usw., zu regelrecht

angesetztem Erkundungsdienst, zur Unterstützung beschädigter

Schlachtschiffe. Auf solche =Spezialschiffe= haben besonders die

Holländer Wert gelegt; sie sind mit ihren zu diesem Zweck gebauten

»Fregatten« hierin überlegen; bei ihnen wenigstens stehen Schiffe dieser

Größe nicht mehr in der Schlachtlinie.

$Über Strategie.$[172] Auch dieser zweite Krieg war ein reiner Seekrieg.

Zwar war es Karl II. gelungen, in dem Bischof von Münster einen

Bundesgenossen zu Lande zu finden, doch wurde dessen Angriff von Holland

schnell abgeschlagen.

[172] Colombs Disposition für Kapitel III, in dem dieser Krieg

besprochen wird: Der schwächere Gegner hat die Unmöglichkeit

erkannt, gleichzeitig den Handel zu schützen und um die

Seeherrschaft zu kämpfen; er verbietet das Auslaufen der

Handelsschiffe. Von beiden Seiten richtet man den Angriff auf die

See streitkräfte. Wenn die Seeherrschaft errungen ist, erfolgen

Angriffe auf die Schiffe in den Häfen, auch Landungstruppen

werden eingeschifft. -- Wir folgen wieder dieser Disposition.

=Der Bischof von Münster= -- ein ehrgeiziger, unruhiger und

ausschweifender Prälat -- stellte für Hilfsgelder, die England ihm bot,

in Eile ein Heer von 20000 Mann auf und fiel in Holland ein. Da die

regierende Partei hier das Landheer vernachlässigt hatte, konnte selbst

diesem Gesindel kaum Widerstand geleistet werden. Die Verheerungen des

Feindes erregten besonders in den Landprovinzen großen Schrecken und

Zorn gegen die Regierung und stärkten so die Partei der Oranier. Da

aber gerade dies Ludwig XIV. nicht genehm war, stellte er ein

Hilfskorps von 6000 Mann; zu diesem nahm man 12000 Mann von

Braunschweig-Lüneburg in Sold. Dem Bischof, der nach der ersten Zahlung

von Karl II. kein Geld mehr erhielt, liefen viele Soldaten davon, um so

mehr da es sich jetzt nicht mehr um Plündern, sondern um Fechten

handelte. Er wurde nun ohne Mühe zurückgetrieben und schloß, auch von

Brandenburg bedroht, April 1666 gern Frieden.

[Illustration: Schauplatz des zweiten und dritten englisch-holländischen

Krieges.]

Dieser Krieg unterscheidet sich aber wesentlich von dem ersten. Die

Holländer hatten eingesehen, daß sie nicht gleichzeitig ihren Handel

schützen und um die Herrschaft auf dem Meere kämpfen konnten. Bei einem

Kampf um Durchführung des Handels waren sie im Nachteil, da der ihrige

immer noch weit größer und wegen seiner Straßen leichter anzugreifen war.

Sie verboten deshalb Handel und Fischerei (bis gegen Ende 1666) und

trugen den dadurch hervorgerufenen Schaden freiwillig, um einem

größeren Verlust und der damit noch verbundenen Bereicherung des Gegners

vorzubeugen; außerdem stand nun das ganze seemännische Personal des

Landes der Kriegsflotte zur Verfügung. So wurde im zweiten Kriege von

beiden Seiten um die Seeherrschaft gekämpft, bis England im dritten Jahre

zu seinem Verderben davon abging. Während im ersten Kriege vier große

Schlachten um Konvois geschlagen wurden, finden wir im zweiten den Kampf

um den Handel nur als kleinen Krieg nebenherlaufend; die Schlachtflotten

beteiligten sich daran nur, wenn sich eine besonders günstige Gelegenheit

bot, den feindlichen Handel empfindlich zu schädigen. Von Anfang an

werden von beiden Seiten mächtige Stöße auf die feindlichen

Seestreitkräfte geführt. Erst wenn eine der Parteien die Seeherrschaft

errungen hat, geht sie zu größeren Unternehmungen gegen den feindlichen

Handel oder gegen das feindliche Land vor; Holland versucht das letztere

mit Erfolg, als England freiwillig auf die Seeherrschaft verzichtet hat.

In beiden Staaten ist das Bestreben, dem Feinde mit dem ersten Schlage

zuvorzukommen, so groß, daß ihre Flotten, ohne genügend schlagfertig zu

sein, zum Angriff vorgehen. Die Engländer gehen $1665$ zuerst in See, um,

wie in dem letzten Abschnitte des ersten Krieges, den jetzt beginnenden

gleich an die feindliche Küste zu tragen und schon die Vereinigung der

feindlichen Flotte zu hindern. Die noch unvollständig ausgerüsteten

Schiffe sind aber unter ungünstigen Wetterverhältnissen nicht imstande,

eine längere Blockade durchzuführen, und müssen, bald durch Sturm

beschädigt, zur Ausbesserung nach einem Heimathafen zurückkehren. Wohl

wäre dies ein günstiger Zeitpunkt zum Vorgehen der nun vereinigten

holländischen Streitkräfte gewesen, aber der Chef der Flotte hielt auch

diese für noch nicht genügend bereit. Trotzdem wird er von seiner

Regierung gedrängt und geht in See. Zwar wirft ihm der Zufall eine reiche

Beute -- den für den Gegner wertvollen Hamburger Konvoi mit

Kriegsmaterial -- in den Weg, als er aber, durch das ihm ausgesprochene

Mißtrauensvotum gekränkt, unter ungünstigen Verhältnissen die erste

Schlacht annimmt, um unter allen Umständen zu fechten, erleidet er die

schwere Niederlage (Lowestoft, 13. Juni), die die See den Engländern

völlig preisgab.

Mahan (Teil I, Seite 101) sagt hierzu: »Es scheint, daß Wassenaer sehr

bestimmten Befehl hatte, zu fechten; die einem Höchstkommandierenden

zustehende Vollmacht, nach eigenem Ermessen zu handeln, war ihm nicht

erteilt. Diese Art, sich in die Befugnisse des Kommandierenden im Felde

oder zur See einzumischen, ist eine der gewöhnlichsten Versuchungen,

denen Regierungen unterliegen; sie ist immer verhängnisvoll.« Mahan

führt noch zwei bedeutsame Beispiele dieser Art aus der späteren

Seekriegsgeschichte an.

Die Engländer versuchen nun, ihren Erfolg strategisch auszunutzen, aber

nicht in der richtigen Weise. Abgesehen von dem Nutzen einer Blockade

überhaupt war es möglich, das zurückkehrende Geschwader Ruyters und den

großen Konvoi abzufangen. Anstatt hierzu die Gesamtkräfte an der

feindlichen Küste zu halten, werden sie zersplittert. Die feindliche

Flotte vereinigt sich wieder, und beide Objekte entgehen den Engländern;

durch Zufall aber erbeuten sie trotzdem einige Schiffe. Im weiteren

Verlauf muß England sogar infolge der Pest dem Gegner das Meer

überlassen, aber auch dieser wird durch Krankheit auf der Flotte

verhindert, größeren Nutzen daraus zu ziehen. Bemerkenswert ist, daß

Ruyter (d. h. wohl auf Anregung des Staatsmannes de Witt) schon jetzt ein

großes Unternehmen gegen die Themse ins Auge gefaßt zu haben scheint. Der

Winter bringt die übliche Pause im Kriege, doch rüsten beide Staaten für

das nächste Jahr; England namentlich, nachdem ihm auch von Frankreich und

Dänemark der Krieg erklärt ist.

$Im Jahre 1666$ sind es die Holländer, die zuerst den Feind suchen;

England macht vor dem Zusammenstoß den großen Fehler der Detachierung

Ruprechts. Die englische Flotte war der holländischen etwa gleich, sie

befand sich ihr und dem auch nicht zu unterschätzenden französischen

Geschwader gegenüber in einer inneren Stellung. Es wäre also das einzig

Richtige gewesen, sich auf die Holländer zu werfen, ehe deren Verbündete

eintreffen konnten; unter Umständen auch mit der ganzen Macht den

Franzosen entgegenzugehen. Es ist aber nicht zu entschuldigen, die an

sich schon schwächere Kraft zu teilen und so zu teilen, daß man dem

nächsten und stärksten Feinde bedeutend unterlegen gegenüberstand. Es ist

dies immer falsch, besonders zur See, wo höhere Gewalten -- wie Nebel

oder Sturm -- leichter als zu Lande das Herankommen des zweiten Feindes

aufhalten können.

Mahan (Teil I, Seite 110) sagt hierzu: »Eine Lage wie die der

englischen Flotte, in der sie von zwei Seiten bedroht war, bietet eine

große Versuchung für den Befehlshaber. Man ist sehr leicht geneigt,

seine Kräfte zu teilen und beiden Feinden entgegenzugehen, wie Karl es

tat. Wenn man jedoch nicht eine erdrückende Übermacht hat, ist dies

stets ein Fehler, da man beide Teile der Gefahr aussetzt, getrennt

geschlagen, zu werden. Dies trifft auch hier zu. Die beiden ersten Tage

der Viertageschlacht waren verhängnisvoll für die größere englische

Division unter Monck, die gezwungen wurde, sich auf Ruprecht

zurückzuziehen; wahrscheinlich rettete nur seine sehr gelegen kommende

Rückkehr die englische Flotte vor schweren Verlusten oder zum mindesten

vor der Einschließung in ihre Häfen. Einen ähnlichen Fehler des

englischen Admirals Cornwallis vor Trafalgar bezeichnete Napoleon als

ein hervorragendes Beispiel von Dummheit! Die Lehre bleibt zu allen

Zeiten gleich richtig.«

Die Folge dieses Fehlers war denn auch die Niederlage in der

Viertageschlacht. Monck mußte sich dann auf Ruprecht zurückziehen, und

daß die Verluste nicht noch weit größer wurden, ist wohl nur dem

rechtzeitigen Wiedererscheinen Ruprechts und der überlegenen Taktik der

Engländer zu verdanken. Was wäre aber geschehen, wenn Ruprecht

gleichzeitig in ähnlicher Weise durch die Franzosen auf Monck

zurückgeworfen wäre?

Holland beeilt sich, seinen Sieg zu verfolgen, und plant wieder einen

Stoß in das Herz des Feindes, ein Eindringen in die Themse. Aber man hat

Hilfsquellen und Energie des Gegners unterschätzt; als die holländische

Flotte bereit ist und zunächst noch durch ungünstige Winde etwas

aufgehalten, vor der Themse erscheint, tritt ihr auch die englische

wieder schlagfertig entgegen. Die Schlacht von Northforeland wird infolge

der alten Schwächen der Holländer eine völlige Niederlage dieser. Die

Engländer benützen jetzt die augenblickliche Seeherrschaft dazu, dem

Feinde in dem Vlie großen Schaden zuzufügen. Es ist nicht klar, weshalb

sich die Engländer hiermit begnügten; Andeutungen in alten Quellen lassen

annehmen, daß die immer weiter zunehmende Nachlässigkeit im

Verwaltungsbetriebe die nach jeder Schlacht notwendige Instandsetzung der

Flotte und ihre Erhaltung in gutem Zustande hinderte.

Die Kriegführung wird jetzt überhaupt auf beiden Seiten lau. Als Ruyter

am 5. September wieder ausläuft und die englische Flotte ihm folgt, kommt

es zu keinem Zusammenstoß. Jeder der Gegner behauptet, der andere Teil

habe ein Gefecht vermieden und Wetterverhältnisse seien hindernd gewesen,

aber keiner hat einen Kampf ernstlich gesucht. Der Wunsch, sich vor einer

Schlacht erst mit den Franzosen zu vereinigen, auf der einen Seite und

das Gefühl der Schwäche (Mangel an Brandern und »other deficiencies«[173]

auf der anderen sind mutmaßlich die wahren Gründe gewesen; vielleicht

haben auch schon Friedensaussichten sowie der auf beiden Flotten

herrschende schlechte Gesundheitszustand dazu beigetragen. Die Franzosen

hielt Zaghaftigkeit oder böser Wille zurück. Die Engländer gingen zuerst

in ihre Gewässer, die Holländer hielten noch einige Zeit die See, um

Druck auf den Fortgang der Friedensverhandlungen auszuüben, aber schon

Anfang Oktober trat die Winterruhe ein.

[173] Colomb, Seite 58.

$Das Jahr 1667$ bietet ein ganz neues Bild. Wir haben gehört, daß und

weshalb Karl II. den Kampf mit Flotten völlig aufgab. Die damit

verbundene Freigabe der See ermöglicht nun de Witt und Ruyter, ihren

Lieblingsplan, einen Stoß in das Herz des Feindes, auszuführen; die

Unvollkommenheit der Maßnahmen zur Abwehr ist ihnen bekannt, das

Fahrwasser ist nach Möglichkeit genau erforscht. Das mit Tatkraft

durchgeführte Unternehmen in Themse und Medway und gegen die ganze Küste

überhaupt hätte bei Verwendung stärkerer Mittel noch weit

verhängnisvoller für England werden können. Immerhin war der dem Feinde

zugefügte Schaden groß und vor allem bewirkte der moralische Eindruck der

Waffentat, daß England nun ernstlich den Frieden suchte; die weitere

Blockade der Themse, die beständige Bedrohung der Küsten beschleunigten

die Verhandlungen. Auch diese späteren Unternehmungen waren für Holland

nur möglich, weil keine große schlagfertige englische Flotte vorhanden

war. Sie wurden wohl nicht schärfer durchgeführt, um nicht zu viel mehr

aufs Spiel zu setzen; man hatte seinen Zweck erreicht.

=Der Besitz der Seeherrschaft hat den Krieg entschieden.= Der Kampf um

diese ist nicht bis zu Ende geführt worden; so lange darum gefochten

wurde, standen die Aussichten ziemlich gleich, der Erfolg war bis dahin

bald auf der einen, bald auf der andern Seite. Entscheidend zuungunsten

Englands war der falsche Gedanke Karls II., die Niederwerfung des Gegners

allein im =Kreuzerkriege= erreichen zu können.

Mahan läßt sich (Teil I, Seite 126-132) über den $militärischen Wert

des Kreuzerkrieges$ folgendermaßen aus (im Auszuge wiedergegeben): »Der

Kreuzerkrieg -- commerce destroying; guerre de course -- hat stets

Verlockendes, wenn Sparsamkeit beobachtet werden soll. Er braucht nur

schnelle Kreuzer und man kann auch darin noch durch Ausgabe von

Kaperbriefen dem Staate weitere Erleichterung schaffen. Trotzdem kann

man durch ihn dem Gegner großen Schaden zufügen, der fremden Regierung

bedeutende Verlegenheiten bereiten, ihre Bevölkerung ins Elend bringen.

Aber der Kreuzerkrieg bedarf Stützpunkte: Heimatshäfen, Häfen in

entfernten Besitzungen oder eine mächtige Kriegsflotte. Besitzt er nur

Stützpunkte in Häfen, so kann er sich nur auf kurze Entfernungen

herauswagen. Auch so kann diese Kriegführung zwar vielen Schaden tun,

aber sie verwundet nur, sie tötet nicht; ja man darf wohl sagen, sie

veranlaßt nur unnütze Leiden. Es leiden nur gewisse Klassen der

Bevölkerung: Nicht die Wegnahme einzelner Schiffe oder Convois, seien

es wenige oder viele, bringt die Zahlungsfähigkeit einer Nation in

Gefahr, sondern der Besitz der Macht, die die feindliche Flotte (besser

wohl »Flagge«) von der See verjagt und dem feindlichen Handel die

Küsten schließt; dann erst leiden die Regierung und die Nation im

ganzen. Führt der eine Gegner den Kreuzerkrieg ohne, der andere aber

mit Unterstützung einer starken Flotte, so kann dieser weit mehr

erreichen, selbst wenn er genötigt ist, auf den Schutz seines Handels

zu verzichten«.

Zur Bekräftigung dieser Sätze führt Mahan kurz die Kriege an, in denen

der Kreuzerkrieg eine hervorragende Rolle gespielt hat. Über die Kriege

unseres Abschnittes sagt er in dieser Hinsicht: »Nicht die englische

Politik von 1667, sondern die mächtigen Flotten Cromwells im ersten

Kriege, durch die die Holländer in ihre Häfen eingeschlossen wurden,

ließen Gras in den Straßen Amsterdams wachsen und führten den Frieden

herbei. Wenn auch sein Handel durch Unterbrechung und Preisgabe schwer

litt, so war Holland im zweiten Kriege doch imstande, mächtige Flotten

zu halten, und zwang mit ihnen endlich den Gegner zum Frieden, als

dieser nur Kreuzerkrieg führte. Auch den dritten Krieg konnte Holland

trotz Verlust im Handel gegen England und Frankreich ausfechten. In dem

Kriege 1689-1697 litt England unter dem Kreuzerkriege ganz ungemein,

weil Frankreich auch große Kriegsflotten in See hatte. Als 1702-1712

Louis XIV. sich wegen Geldmangels auf den Kreuzerkrieg beschränken

mußte, wurden zwar ungeheuer viele englische Schiffe genommen, aber das

Land und auch besonders die handeltreibenden Kreise gediehen trotzdem

weiter; die englischen Flotten hatten zwar den Handel preisgegeben,

nahmen aber Gibraltar und Minorca und wirkten auch sonst weit

wesentlicher auf den Verlauf des Krieges ein.« -- Die Beispiele werden

bis in die neueste Zeit (Sezessionskrieg) fortgesetzt.

Blicken wir nun nochmals auf die =Angriffe gegen das feindliche Land=

zurück. Sie werden strategisch richtig nur ins Werk gesetzt, wenn man die

Seeherrschaft besitzt. Sie werden taktisch wohl überlegt ausgeführt: das

Gros der Flotte liegt in freierem Wasser als Stützpunkt und um den Rücken

freizuhalten, ein Geschwader aus leichteren Schiffen wird mit Brandern

vorgeschickt. Der erste Angriff gilt der Zerstörung feindlicher Schiffe,

dann folgt die Landung. Das erste wird also für das Wichtigere und auch

das zweite nur als ein Mittel zu weiterer Zerstörung feindlichen

Eigentums betrachtet; ein Festsetzen in Feindesland für größere

Unternehmungen scheint nie beabsichtigt zu sein.

Genau wie oben angedeutet, verläuft die einzige derartige englische

Expedition im Vlie, zu der Landung stehen nur ganz geringe Kräfte zur

Verfügung; nahezu so spielt sich die Holländische in Themse und Medway

ab. Hier mißlingt der erste Angriff auf die Schiffe in der Themse, dann

wird Sheerness genommen, da man sonst an die Fahrzeuge im Medway nicht

herankommen konnte. Zu einem dauernden Festsetzen würden die Truppen

auch hier nicht genügt haben, selbst wenn alle dafür bestimmten zur

Stelle gewesen wären; höchstens hätte man dann wahrscheinlich Chatham und

die dort liegenden Schiffe auch vom Lande her angreifen und so einen

größeren Erfolg erzielen können. Die früheren und späteren Versuche gegen

die Themse waren nicht zu einer größeren Invasion ausgerüstet, und

endlich wurde auch, wie die geringe Zahl der Landungstruppen zeigt, der

Landangriff auf Harwich nur unternommen, um leichter und sicherer die

Schiffe im Hafen zu vernichten. Wie gesagt, handelte es sich in diesem

Kriege bei derartigen Unternehmungen nur darum, den Feind durch einen

kurzen Schlag zu schädigen, nicht den Krieg in sein Land zu tragen;

wollte man eine Invasion größeren Umfanges ausführen, so hätte dazu ein

starkes Heer vorher eingeschifft oder zur Einschiffung bereit sein

müssen, um nach der Besetzung eines festen Stützpunktes auf dem Lande

sofort folgen zu können. Den Holländern wäre dies bei der Schwäche ihres

Landheeres nur mit einer starken Unterstützung von seiten Frankreichs

möglich gewesen. Es ist kaum anzunehmen, daß man darauf gehofft hat, wenn

auch gerade Ludwig XIV. scheinbar für das Eindringen in die Themse

sprach. Nur im Juli 1666 hat man möglicherweise eine größere Landung mit

Unterstützung der Franzosen im Auge gehabt. Im nächsten Kriege werden wir

aber auf englischer Seite die Absicht finden, durch eine Landung in den

Landkrieg einzugreifen.

Zum Schluß möchte ich noch einen =Vergleich zwischen dem ersten und dem

zweiten Kriege= ziehen. Beim ersten ist hervorgehoben, mit welcher

Energie er durchgeführt wurde: die sechs großen Schlachten folgen schnell

aufeinander; im letzten Abschnitt versuchen beide Gegner, zum ersten Male

in jenen Zeiten, den Krieg sogar im Winter fortzuführen. Im zweiten

Kriege wird zwar in den Schlachten selbst mit gleicher Hartnäckigkeit

gefochten, aber wir finden nur drei große Schlachten und die Winterpausen

dauern sehr lange, wohl eine Folge der veränderten inneren Verhältnisse

beider Länder. Durchweg volkstümlich war der Krieg weder hier noch dort:

In England waren nur gewisse Kreise, die großen Kompagnien besonders,

interessiert und das Verhältnis zwischen König und Volk war nicht das

beste; in Holland waren ebenfalls die Landprovinzen überdrüssig, die

Lasten eines Krieges zu tragen, der scheinbar nur den Seeprovinzen -- und

hier besonders Holland -- von Nutzen war. In beiden Nationen gelangte man

zur Erkenntnis, daß Frankreich bei dem Streite im trüben fische und am

meisten gewinne.

Französische Schriftsteller versuchten es stets und versuchen es noch,

nachzuweisen, daß von einem absichtlichen Zurückhalten der französischen

Flotte keine Rede gewesen sein könne; ein Unparteiischer muß dies jedoch

nach allen Quellen annehmen, es paßte ja auch ganz in Ludwigs XIV.

Politik, wenn die beiden Gegner sich schwächten und er unberührt blieb.

* * * * *

[Illustration]

Sechstes Kapitel.

Der dritte englisch-holländische Krieg. 1672-1674.

Die politischen Verhältnisse, die diesen Krieg herbeiführten.

Wie wir sahen, trug zur Beendigung des zweiten englisch-holländischen

Krieges der Umstand wesentlich bei, daß beide Nationen die zunehmende

Macht Frankreichs mit Mißtrauen betrachteten; die Erfolge Ludwigs XIV. im

Devolutionskriege führten bald (1668) nach dem Friedensschluß sogar zu

einem Zusammengehen Hollands und Englands, aber nur für kurze Zeit. Schon

1672 standen sich die alten Gegner aufs neue in einem Seekriege

gegenüber, in dem Frankreich jetzt auf Englands Seite erschien. Es war

Ludwig gelungen, Karl II. gegen die Neigung des englischen Volkes zur

Durchführung seiner Politik zu gewinnen, Holland zu isolieren und ihm

außer England auch noch andere Gegner zu schaffen. Um diese politische

Strategie Ludwigs XIV. zu veranschaulichen, ist es nötig, die

=Entwicklung der politischen Verhältnisse bis zum Kriege= kurz zu

betrachten.

Der =Devolutionskrieg= (vgl. Seite 289) -- der erste Eroberungskrieg

Ludwigs XIV. --, der Einfall in die spanischen Niederlande Ende Mai 1667,

verlief ungemein schnell zugunsten Frankreichs. =Turenne= -- der König

führte zwar scheinbar selbst den Oberbefehl -- nahm bis Ende Oktober ohne

großen Widerstand eine Reihe der wichtigsten Städte: z. B. Charleroi,

Tournay, Douay, Oudenaarde, Lille; Brüssel und Dendermonde hielten sich.

Die Staatsschrift, in der Ludwig seine Ansprüche auf die fraglichen

Landstriche darlegte, zeigte unverhüllt den ehrgeizigen Charakter des

jungen Königs und versetzte ganz Europa in Besorgnis. Besonders Holland

mußte sich arg bedroht fühlen; aus Gründen, die wir schon erwähnt haben

(Seite 249), war Frankreich wohl gut als Freund, aber nicht als Nachbar.

Auch in England fürchtete man, daß Frankreich nach Erlangung des

Übergewichtes auf dem Kontinente, nach Eroberung der spanischen

Niederlande oder gar Hollands ein gefährlicherer Nebenbuhler um die

Seeherrschaft werden könnte als Holland. Zwei große Staatsmänner der

bisher feindlichen Nationen verbanden sich deshalb im geheimen, um den

französischen Eroberungen Schranken zu setzen. Der Ratspensionär =de

Witt= und der englische Gesandte in Holland, =Sir William Temple=. De

Witt überwand dabei seinen alten Haß gegen England, die französische

Gefahr war ja auch jetzt die größere; er wagte viel bei den geheimen

Unterhandlungen, da nach den Gesetzen ein jedes Bündnis von den

Magistraten aller Städte beraten werden mußte. Temple, ein Mann voll

inniger Vaterlandsliebe, aber auch auf das Wohl aller Staaten bedacht,

beachtete nicht die Hinneigung seines Königs zu Frankreich. In kurzer

Zeit brachten diese beiden Männer einen Vertrag zustande (23. Januar

1668), dem dann der Gesandte Schwedens beitrat. Diese =Tripelallianz=

forderte von Ludwig, daß er von weiteren Eroberungen absähe, und von

Spanien die Abtretung der bereits genommenen Gebiete an Frankreich. Die

Bundesgenossen verpflichteten sich, den König zu Wasser und zu Lande zu

bekriegen, falls er auf die Forderung nicht einginge, und dann Frankreich

auf den Stand des Pyrenäischen Friedens zurückzubringen.

Das schwache Spanien stellte sich zwar empört, daß man so über sein

Eigentum verfüge, sah aber die Unmöglichkeit ein, dieses selbst zu

schützen. Auch Ludwig wagte nicht, der Allianz zu trotzen, ging auf die

Verhandlungen ein und bot auf Verlangen der Verbündeten dem spanischen

Gouverneur der Niederlande einen Waffenstillstand an, aber zunächst nur

bis Ende März. Dieser lehnte ihn jedoch ab mit dem Bemerken, es sei ein

Hohn, eine Waffenruhe anzubieten, die der Winter den Franzosen von selbst

auferlege. Um zu zeigen, daß er trotz der ungünstigen Jahreszeit seine

Eroberungen fortsetzen könne, ließ nun Ludwig die Grafschaft Burgund

(Franche-Comté?), die, wenn auch nur dem Namen nach, noch zu Spanien

gehörte, im Februar durch den Prinzen Condé besetzen; es geschah fast

ohne Schwertstreich. Nach diesem so leichten Erfolge machte der König

Miene, die Verhandlungen wieder abzubrechen, aber das energische

Auftreten der Allianz und ihre Drohung, alle Staaten Europas seien

bereit, sich gegen Frankreich zu waffnen, bewogen ihn doch zum Nachgeben;

noch hatte er sich nicht an den Gedanken gewöhnt, ganz Europa zu trotzen.

Im =Frieden zu Aachen=, 2. Mai 1668, gab Frankreich die Franche-Comté

zurück und behielt die zwölf genommenen Städte Belgiens. Diese wurden

sofort durch =Vauban= zu wichtigen Stützpunkten für weitere Eroberungen

ausgebaut; besonders galt Lille als eine Musterfestung nach dem System

des berühmten Ingenieurs.

=Ludwig= XIV. war erbittert über die Störung seines Planes. Sein Haß

richtete sich besonders gegen Holland, in dem er mit Recht die Seele des

Dreibundes und wegen dessen geographischer Lage das Haupthindernis seiner

Absichten sah; auch erschien es ihm als ein unerträglicher Schimpf, daß

eine »Republik von Krämern und Schiffern, die ihm und seinen Vorfahren so

viel zu verdanken habe«, den »größten König Europas« in seinem Siegeszuge

hemme; Arger über in Holland erschienene Spottbilder und -schriften usw.

trat hinzu.

Er beschloß, vorerst Holland zu züchtigen und zu unterwerfen, und dann

Belgien; mit allen Mitteln zielte seine =politische Strategie= darauf

hin, Holland nicht nur zu isolieren, sondern ihm auch Feinde zu schaffen;

dazu brauchte er vor allem die =Auflösung des Dreibundes=. Er versuchte,

die alte Verbindung Frankreichs mit Schweden zu erneuern. Zwar war hier

im Reichsrate, der für den minderjährigen Karl XI. regierte, anfangs

wenig Neigung vorhanden, sich dem unruhigen und kriegslustigen Ludwig

anzuschließen, aber nach und nach gewann eine andere Stimmung die

Oberhand, wohl infolge Bestechung gewisser Kreise; im April 1672, als

auch Ludwigs sonstige Ränke zum Ziel geführt hatten, schloß Schweden mit

ihm den Vertrag, gegen Zahlung von Subsidien das Deutsche Reich an einer

Unterstützung Hollands zu hindern und hierzu 16000 Mann in Schweden und

Pommern bereit zu halten. Ebenso leichtes Spiel hatte Ludwig in England.

Karl II. hatte hier 1669 die Minister entlassen und neue genommen, die

seinen Plänen gegen Verfassung und Religion des Landes willfährig waren

-- deshalb das Kabalministerium genannt --: das Parlament sollte

abgeschafft, das Königtum absolut gemacht und die Nation zur katholischen

Religion gezwungen werden. Zu diesem Plane paßte die Vernichtung des

republikanischen und evangelischen Hollands, infolgedessen gelang es

Ludwig XIV., den englischen König am 11. Juni 1670 zu einem Vertrage für

die Ausführung der beiderseitigen Absichten zu gewinnen: Gemeinschaftlich

erst Holland zu erobern, dann England politisch und kirchlich zu

knechten. Auch wurde Karl überzeugt, daß diese beiden Aufgaben gerade in

dieser Reihenfolge leichter und sicherer auszuführen seien, da dann das

englische Volk keine Unterstützung an dem holländischen finden könne. Von

den Niederlanden sollte Seeland, also insbesondere die wichtigen

Flußmündungen der Schelde und Maas, an England fallen, die Provinz

Holland wollte man dem Prinzen von Oranien als souveränes Fürstentum

geben; alle übrigen Provinzen sollten französisch werden. Für den Krieg

wollte Frankreich an England 200000 Lstrl. zu Rüstungen und jährlich

350000 Lstrl. Subsidien zahlen, gegen Holland seine Flotte mit der

englischen -- unter englischem Oberbefehl -- vereinigen und zur

Unterdrückung Englands später Truppen stellen.

Der Abschluß der schon länger laufenden Verhandlungen und besonders die

Abmachung, Holland zuerst anzugreifen, war das Werk der Herzogin von

Orleans, Schwägerin Ludwigs und Schwester Karls. Wesentlich unterstützt

soll diese sein durch das ihr zu diesem Zweck mitgegebene schöne

Fräulein de Kerhouent, das die Lieblingsmaitresse Karls wurde.

Der französische Geschichtschreiber Martin (Histoire de France) sagt zu

dem Vertrage: »Diese Verhandlungen sind falsch beurteilt. Man hat

gesagt, Karl habe England an Frankreich verkauft. Dies ist nur für die

innere Politik richtig, er plante mit Hilfe Frankreichs England zu

knechten. Die Interessen des Landes nach außen verkaufte er indessen

durchaus nicht (d. h. dieses Mal nicht, beim Verkauf Dünkirchens tat er

es), da der größere Gewinn bei Niederwerfung Hollands von England

eingeheimst sein würde.« Man darf wohl sagen, daß der Vertrag ein

größerer politischer Fehler Frankreichs als Englands war. England

bekämpfte doch immer seinen derzeit bedeutendsten Nebenbuhler zur See,

der ihm sogar im Handel noch überlegen war, wenn ihm dadurch auch ein

neuer in Frankreich zu erwachsen drohte. Frankreich aber hatte, durch

seine Festlandpolitik in Anspruch genommen, wenig Aussicht, ohne einen

Verbündeten dem vom Festland unabhängigen England gegenüber eine

Seemacht zu werden, wonach Colbert gerade jetzt strebte. Ein solcher

Verbündeter war in Holland gegeben, mit ihm hätte man das Wachstum der

englischen Seemacht vielleicht unterbinden können, und dieser

Verbündete sollte jetzt vernichtet und sogar seine für die Seemacht

wichtigste Provinz an England abgetreten werden. Richelieu hatte aus

diesem Grunde Freundschaft mit Holland gesucht, auch, um dort

technische Unterstützung zur Schaffung einer Marine zu finden.

Dieser englisch-französische Vertrag wurde streng geheim gehalten. Als de

Witt, der doch von Verhandlungen gehört hatte, in London um Auskunft

ersuchte, äußerte sich Karl dem holländischen Gesandten gegenüber: Er

halte fest an der Tripelallianz; diese sei so heilsam, daß sie

geschlossen werden müsse, wenn es nicht schon geschehen wäre. Ähnliche

Versicherungen wurden auch in der Folge noch gegeben, und ihre

Aufrichtigkeit schien dadurch Bestätigung zu finden, daß Karl Ende 1670

vom Parlament bedeutende Mittel für die Flotte in diesem Sinne forderte.

Er sagte: da die französische Flotte in den letzten Jahren verdreifacht

sei, verlangten die Verpflichtungen, die die Tripelallianz England

auferlege, auch eine große Schlagfertigkeit seiner Flotte für das nächste

Jahr. In England hatten die Zunahme des Seehandels und die

Kolonialbestrebungen Frankreichs Eifersucht erregt, die Tripelallianz

besaß die allgemeine Sympathie, und so bewilligte das Parlament die

geforderten Gelder. Das englische Volk und de Witt waren getäuscht.

Wenn nun =de Witt= noch längere Zeit auf den Bestand des Dreibundes und

besonders auf Unterstützung durch England rechnete, so versuchte er doch

rechtzeitig, sich daneben in Deutschland Bundesgenossen gegen Frankreich

zu sichern; aber auch hier trat ihm Ludwig entgegen. Der Herzog von

Lothringen, die Kurfürsten von Mainz und Trier fanden sich anfangs

bereit, Truppen für Holland aufzustellen. Ehe jedoch die Werbungen

begannen, fiel Ludwig (August 1670) in Lothringen ein und besetzte das

Land; trotz Einspruch des Kaisers blieb es damals schon 27 Jahre in

französischem Besitz. Die Kurfürsten wagten jetzt nicht, zu rüsten und

auch nicht auf dem Reichstage für die bedrohten Niederlande aufzutreten;

sie würden fast allein dagestanden haben. Die übrigen Fürsten im Westen

Deutschlands fürchteten Ludwig oder waren ihm verpflichtet. Auch am

kaiserlichen Hofe legte der französische Gesandte »goldene Ketten«

(Ausdruck Ludwigs) an; die Minister, vor allen der Premier Fürst

Lobkowitz, überredeten den Kaiser zu einem Vertrage mit Frankreich

(November 1671), wonach keine der beiden Mächte einen Gegner der anderen

unterstützen sollte; der Kaiser wollte sich besonders nicht in einen

Krieg mischen, der über den Frieden von Aachen etwa entstehe.

Endlich gewann =Ludwig= XIV. sogar offene =Verbündete in Deutschland= in

dem Erzbischof von Köln und dem Bischof von Münster. Da er beim Angriff

auf Holland die spanischen Niederlande nicht betreten wollte, um sich

selbst in dem schwachen Spanien keinen Gegner zu schaffen, sollte sein

Heer den Weg durch das Kölner Land nehmen. Die beiden Prälaten

verpflichteten sich aber auch (Anfang 1672), 30000 Mann zu stellen, wofür

ihnen bedeutende Gelder und Teile Hollands zugesagt wurden. -- Nur an

der Einsicht und der deutschen Gesinnung des =Großen Kurfürsten=

scheiterten Ludwigs Künste. Dieser wies den Antrag eines Bündnisses, für

das man ihm das Herzogtum Geldern bot, mit Verachtung zurück; er warnte

Holland und war entschlossen, für die Rettung der Republik und zur

Sicherung Deutschlands zu tun, was in seinen Kräften stand.

So hatte Ludwig XIV. im Frühjahr 1672 =Holland völlig isoliert= und ihm

außer England noch zwei festländische Gegner geschaffen; das der Republik

wohlgesinnte Brandenburg hoffte er durch Schweden in Schach zu halten.

Als bemerkenswert vom Standpunkt der Seekriegsgeschichte sei hier eines

von =Leibniz= dem König von Frankreich unterbreiteten =Planes= gedacht.

Dieser deutsche Gelehrte weilte 1672 in Paris, als sich schon erkennen

ließ, daß die Pläne Ludwigs auch Deutschland bedrohen würden. Er wollte

deshalb den Ehrgeiz des Königs in andere Bahnen leiten, von einer

Ausdehnung seiner Macht in Europa zu Lande ablenken und auf Erweiterung

der überseeischen und des Seehandels, kurz auf die Erringung der

Seeherrschaft, hinführen. Zur Erreichung dieses Zieles sollte

Frankreich Ägypten nehmen und mit diesem Lande als Basis die Vormacht

im Mittelmeer, in der Levante sowie im fernen Osten gewinnen; Holland

würde damit auch am leichtesten und sichersten vernichtet. Der Plan

weist also auf eine ähnliche Entwicklung Frankreichs hin, wie sie bald

England nahm. Nach Eroberung Ägyptens wäre Frankreich zur Schaffung

einer großen Seemacht und zur Besitzergreifung vieler überseeischer

strategischer Punkte gezwungen worden, wie es England durch den Besitz

Indiens wurde.

(Einen genaueren Auszug aus dieser Denkschrift -- Concilium Aegyptiacum

--, insbesondere auf die Gründe mehr eingehend, durch die Leibniz vor

200 Jahren den ehrgeizigen König für den Gedanken gewinnen wollte, gibt

Mahan, Teil I, Seite 135.)

Nachdem der Krieg so vorbereitet war, wurden =Gründe zur Kriegserklärung=

seitens der beiden Könige leicht gefunden; man kann wohl sagen, an den

Haaren herbeigezogen. =Ludwig= XIV. hatte schon vor der Tripelallianz

1667 den Einfuhrzoll für holländische Waren erhöht. Als nun Holland 1671

eine Zollerhöhung seinerseits vornahm, verlangte der König im Tone des

Zorns Zurücknahme und Genugtuung. Obgleich Holland um diese Zeit noch auf

England rechnete, war man doch zu billigem Ausgleich bereit, aber Ludwig,

der gerade damals sein politisches Werk bei den deutschen Fürsten zu Ende

gebracht, antwortete: »Im nächsten Frühjahr werde ich tun, was mir für

meinen Ruhm und für den Vorteil meines Staates angemessen erscheint.«

(Januar 1672.)

Am 7. =April= 1672 erklärte er den Krieg nur mit dem Bemerken: das

Betragen der Republik sei den großen Wohltaten nicht angemessen, mit

denen er und seine Vorfahren diese überhäuft hätten. Der =Bischof von

Münster= kündigte Krieg an, weil sich vier holländische Staatsbeamte

gegen sein Leben verschworen hätten. =Karl= II. hatte schon im August

1671 einen Streit wegen des Flaggenrechts herbeigeführt. Eine kleine

königliche Jacht, die die Gemahlin des englischen Gesandten Temple vom

Haag abholte, erhielt den Befehl, in offenkundiger Absicht durch die

holländische Flotte zu fahren und zu feuern, wenn die Flagge nicht vor

ihr gedippt würde. Die Jacht lief durch die vor der Maasmündung liegende

Flotte und salutierte die Flagge Ruyters. Der Admiral konnte nicht gleich

danken, da sein Schiff gekrängt[174] war, doch Leutnantadmiral Ghent

beantwortete den Salut und auch Ruyter folgte hierin, sobald sein Schiff

wieder auf ebenem Kiel lag. Dennoch schoß der Engländer scharf auf Ghent.

Dieser sandte seinen Flaggkapitän ab, um Aufklärung zu fordern, ging

sogar dann selbst, da er gleichzeitig die ihm bekannte Dame begrüßen

wollte. Der englische Kommandant erklärte, er habe scharf geschossen,

weil Ghent die Flagge nicht gestrichen, worauf dieser antwortete, das

könne doch von einem großen Geschwader einer einzigen kleinen Jacht

gegenüber nicht verlangt werden. Diesen, noch durch die Erdichtung dabei

gefallener unehrerbietiger Äußerungen Ghents aufgebauschten Vorfall nahm

Karl wahr, um Genugtuung zu verlangen, obwohl weder der bisherige Brauch

noch der Wortlaut des Vertrages eine so demütigende Auslegung des

Flaggenrechtes rechtfertigten; der Vorfall hatte sich ja außerdem in

holländischen Küstengewässern abgespielt. Einige andere nichtige

Beschwerden Karls traten hinzu, z. B. Klagen über Medaillen, Bilder,

Gedichte, die in Holland zu Ehren des letzten Krieges angefertigt waren.

[174] »Krängen« bedeutet, ein Schiff auf die Seite legen, um den

Schiffsboden zu reinigen oder auszubessern.

Holland war bereit, in allem nachzugeben; so sollten in Zukunft auch

Flotten die Flagge streichen »als Zeichen der Ehre für einen

Bundesgenossen und großen Monarchen«. Als aber die Regierung ihre

Vorschläge dem englischen Gesandten unterbreitete, erklärte dieser, es

sei zu spät, und reiste ab (Januar 1672). Weitere demütige Schritte in

London nützten nichts; im =März= 1672 griff =England= einen holländischen

Convoi an und =erklärte= am 29. desselben Monats =den Krieg= für den 7.

April, denselben Tag, an dem die französische Kriegserklärung erging. Der

Vorfall mit der englischen Jacht im August 1671 hatte Holland schon

veranlaßt, die englische Freundschaft mit Argwohn zu betrachten; in den

Januar-Verhandlungen war die Maske Karls gefallen.

Bei der $Betrachtung der Streitmittel Englands und Hollands$ in diesem

Kriege können wir uns kürzer fassen als bisher (Seite 254 ff.), weil die

wenigen Friedensjahre keine wesentlichen Veränderungen in beiden Marinen

gebracht haben, wenn diese sich auch in der allgemein besprochenen Weise

(Seite 161 ff.) fortentwickelten.

Was das $Material$ anbetrifft, so wurden in =Holland= größere

Schlachtschiffe nicht neu erbaut. Man glaubte, an den während des letzten

Krieges so zahlreich gebauten genug zu haben. Es mangelte auch an Geld,

obgleich der Handel bald wieder in vollster Blüte stand; die Staaten

hatten noch Schulden abzuzahlen, einige Admiralitäten waren gar mit

Rechnungen, Arbeitslöhnen und Gehältern im Rückstande. In =England= aber

sorgte man hauptsächlich für den Ersatz der vielen verlorenen großen

Schlachtschiffe. Angaben über den Gesamtbestand fehlen wieder für beide

Marinen; nach der Stärke der im dritten Kriege aufgestellten Flotten

dürfte die Gesamtzahl auf beiden Seiten annähernd gleich geblieben sein.

Zum Beweise hierfür und zum Vergleich sei eine ähnliche

Zusammenstellung[175] wie früher gegeben.

[175] Die Angaben für 1672 entnommen aus de Jonge, Teil II, Beilage II

und IV; die kleineren englischen Schiffe sind aus diesen Angaben

nach Schätzung gruppiert. Beilagen V-VII geben die Flotten für

die späteren Schlachten 1672-1674.

Vor der Viertageschlacht 1666 setzte sich zusammen:

Schiffe von Kanonen über 90 80-90 70-80 60-70 50-60

Die englische Flotte 2 2 7 14 25

Die holländische Flotte -- 2 11 21 18

Schiffe von Kanonen 40-50 30-40 20-30 kleinere Brander

Die englische Flotte 22 8 ? ? ?

Die holländische Flotte 19 13 1 8 9

In der Schlacht bei Solebay 1672:

Schiffe von Kanonen über 90 80-90 70-80 60-70 50-60

England 6 2 3 8 21

Holland -- 3 14 26 12

Schiffe von Kanonen 40-50 30-40 20-30 kleinere Brander

England 5 8 4 30 16

Holland 6 6 8 22 36

=Schlachtschiffe= müssen wir von jetzt ab allgemein über 40 Kanonen stark

rechnen, dann zählte die holländische Flotte bei Solebay an solchen

»Linienschiffen« 61, die englische 45. -- Die Holländer hatten

beabsichtigt, noch 18 Linienschiffe (meist kleinere?) in Dienst zu

stellen, damit kommen wir als Gesamtbestand auf etwa 80, was der Stärke

im zweiten Kriege entspricht; auch die Größe der Schiffe ist ziemlich

dieselbe. Bei den Engländern sind mehrere ganz neue Schiffe der

schwersten Klasse hinzugetreten, dagegen fehlt gegen 1666 eine große Zahl

mittlerer und kleiner Schlachtschiffe, die jedoch sicher vorhanden waren.

Vermutlich war man infolge der schlechter gewordenen Verwaltung nicht

imstande, seine ganze Kraft zu entfalten; man rechnete auf die

Franzosen, die gerade Schiffe dieser Größen stellten. Einige solcher

Fahrzeuge waren auch in den Häfen, besonders der Themse, stationiert.

Daß die Zahl der 40-50 Kanonenschiffe so heruntergegangen, hatte wohl

auch seinen Grund darin, daß man sie nicht mehr als vollwertige

Schlachtschiffe ansah; wir finden dasselbe bei Holland.

Ungefähr dieselbe Stärke zeigen die Flotten bei den späteren Aktionen

dieses Krieges, doch erscheinen dann die Holländer mit 5-7 Schiffen zu

80-90 Kanonen. Bemerkenswert ist die große Zunahme an »kleinen

Fahrzeugen« in den Flotten für den Melde- und Sicherheitsdienst.

Über die =Armierung= ist schon gesagt, daß die Angaben und Auslassungen

für die Zeit des zweiten Krieges auch jetzt noch zutreffen; zu beachten

ist aber, daß mit der Vermehrung der Schiffe über 90 Kanonen das

Übergewicht der Engländer an »schwerstem« Kaliber noch gewachsen ist. Auf

beiden Seiten sehen wir in noch größerem Maße als zu Ende des zweiten

Krieges eine Zunahme der =Brander=.

$Das Personal.$ Der Verlauf des Krieges wird zeigen, wie schwierig es

dieses Mal infolge des gleichzeitigen Landkrieges den =Holländern= wurde,

große Flotten aufzustellen und sie zu bemannen. Um so bewundernswerter

ist es, daß die Republik dem vereinigten England und Frankreich doch zur

See mit Erfolg gegenüberstand. Es ist ferner fraglos, daß die

holländische Marine in militärischer Beziehung große Fortschritte gemacht

hatte. Alle Quellen bezeugen die größere Disziplin in ihren Flotten im

dritten Kriege. Wenn auch Reibungen zwischen den höheren Befehlshabern

vorkommen, so hört man doch nichts mehr von groben Verstößen gegen

Disziplin und Taktik von den Kommandanten und von Unzuverlässigkeit der

Mannschaften; die Leistung ihrer Artillerie ist besser als die der

Engländer. Dies alles und die Fortschritte in der Taktik sind zweifellos

das =Verdienst Ruyters=, der dabei von hervorragenden Flaggoffizieren,

wie z. B. Ghent, den beiden van Nes, Bankers, Liefde u. a. m.,

unterstützt wurde. Auch eine wichtige Organisationsänderung trug dazu

bei. Im Jahre 1672 übernahm der Prinz von Oranien durch seine Einsetzung

als Statthalter auch wieder die Würde des =Generaladmirals= mit den alten

Befugnissen (Seite 149), er entfernte mit Ruyters Hilfe ungeeignete

Kapitäne und hob die Stellung des tatsächlichen Oberbefehlshabers, durch

Ernennung Ruyters zum =Leutnantadmiralgeneral=, den anderen

Leutnantadmiralen gegenüber.

Auch in =England= vollzog sich während des Krieges eine wichtige

organisatorische Änderung. Als 1673 die »Testakte« im Parlament durchging

-- wonach kein Katholik ein Staatsamt bekleiden durfte --, mußte der

Herzog von York seine Stellung als =Lordhighadmiral= niederlegen. Karl

II. besetzte die Stellung nicht wieder. Er ernannte den Prinzen Rupert

zum Oberbefehlshaber der Flotte, gab ihm zwar manche der Befugnisse, die

später dem ersten Lord der Admiralität zufielen, behielt sich aber selbst

den größten Einfluß im Marinedepartement vor. Diese Teilung soll nach

englischen Quellen ungünstig für den Dienst, besonders für die Verwaltung

(Ausrüstung der Flotten!) gewesen sein. Das Personal hatte hier an Güte

eingebüßt. Die geringere Sorgfalt und Zuverlässigkeit in der Verwaltung

haben wir schon im zweiten Kriege kennen gelernt. Jetzt zeigte sich der

verderbliche Einfluß eines ausschweifenden Hofes mit Günstlingswirtschaft

und des Parteiwesens im Lande auch beim Offizierkorps. Die Cromwellsche

Zucht läßt immer mehr nach; die sonst tüchtigen Führer, die Kavaliere

York und Rupert, ersetzen doch nicht den alten Soldaten Monck

([+] 1670) in der Aufrechterhaltung der Disziplin. Alles wird

schlimmer, je mehr sich das Verhältnis zwischen Volk und König zuspitzt.

Als Rupert den Befehl übernahm, erhielt der tüchtige Admiral Holmes,

obgleich Rupert selbst es wünschte, keine Stelle in der Flotte, weil er

ein Liebling Yorks gewesen war. Anderseits machten jetzt Offiziere der

Hofpartei dem protestantischen Prinzen Opposition, und es ereignen sich

ähnliche Fälle von Eigenmächtigkeit wie früher bei den Holländern. Die

Mannschaft endlich war nicht mehr so gut wie ehemals. Bei der

Unpopularität des Krieges mußte der Bedarf größtenteils durch Pressen

gedeckt werden. Diese Maßnahme lieferte aber weder genügend noch gutes

Material; Auffüllen mit Soldaten war nötig, denn gute kriegserfahrene

Seeleute fehlten sehr.

Zum ersten Male müssen wir die $französische Marine$, ihre =Entwicklung

und Bestand=[176] um diese Zeit in den Kreis unserer Betrachtungen

ziehen.

[176] Quellen: Chab.-Arnault, besonders Colberts Wirken; de Jonge, Teil

II, Schiffsbestände, Seite 290 ff.; Mahan, Teil I, über

Offizierkorps, siehe dort Sachregister »Marine«; Troude, Teil I,

und sonst im »Quellenverzeichnis« die französischen.

Wir haben gesehen (Seite 152), daß in Frankreich verschiedene Versuche,

eine Marine zu gründen, ohne dauernden Erfolg blieben. Die letzte und

größte Schöpfung dieser Art, die Richelieus, verfiel schon unter Mazarin

wegen Geldmangels, besonders während der Fronde; =Colbert= belebte sie

wieder nach dem Pyrenäischen Frieden (1659). Wenn Richelieu, als

eigentlicher Regent Frankreichs, die Marine mehr als Werkzeug der äußeren

Politik begünstigt hatte, wandte Colbert ihr seine Sorgfalt besonders als

Handelsminister zu. Es ist bekannt, daß Colbert an der Spitze der

Verwaltung dahin strebte, Frankreich aus finanzieller Zerrüttung

herauszubringen und seine Wirtschaft auf der festen Grundlage nationalen

Wohlstandes sicherzustellen. Zu diesem Zweck wollte er sein Vaterland

auch zu einer Seehandelsmacht ersten Ranges machen und hierzu bedurfte er

einer starken Marine.

Es liegt natürlich außerhalb unserer Aufgabe, auf die =Tätigkeit

Colberts= näher einzugehen, es seien aber doch einige Worte über seine

Maßnahmen zur Förderung des arbeitenden Volkes, zur Durchführung seiner

Wohlfahrtspolitik gesagt:

Eine gleichmäßigere Besteuerung und eine gerechtere Erhebung der

Steuern wurde eingeführt; das Heer der Beamten und Pensionäre

beschränkt. Um die Produktion des so reichen Landes zu heben, wurden

Landwirtschaft und besonders Industrie unterstützt, zu letzterem Zweck

wurden Manufakturen unter staatlicher Aufsicht gegründet und durch

Schutzzölle gesichert.

Zugleich wurden Handels- und Verkehrswesen nach allen Seiten, im Innern

und nach außen, gefördert durch: Handelsgesetze, Assekuranzkammern,

Schiffahrts- und Zollordnungen, die das Speditionsgeschäft in

französische Hände bringen und so den Schiffbau heben sollten, durch

den dann wieder die einheimischen und die Kolonialerzeugnisse befördert

werden sollten, denn den Kolonien wurde gleiche Pflege zuteil; günstige

Handels- und Zollverträge; Gründung großer Handelskompagnien nach Ost-

und Westindien, Levante; Prämien für im Lande erbaute Schiffe; Gründung

von Freihafengebieten, um Frankreich an Hollands Platz als großes

Lagerhaus Europas zu setzen, wozu es durch seine geographische Lage

hervorragend geeignet erschien; Verordnungen für die Kolonien, die den

französischen Schiffen den Alleinhandel von und nach ihnen sicherten;

endlich Gründung einer starken Kriegsmarine zur Beherrschung der Meere.

Colbert verfolgte sein Ziel in durchaus französischem Geiste; alles war

organisiert, alles ging von dem Kabinett des Ministers aus. »Eine

mächtige Armee von Kaufleuten und Fabrikanten zu organisieren, die

einer tätigen und einsichtigen Leitung unterstellt war, um so durch

Ordnung und Vereinigung der Kräfte einen industriellen Sieg zu

gewährleisten und die besten Erzeugnisse dadurch zu erhalten, daß alle

Arbeiter zu dem Verfahren angehalten wurden, welches von den

erfahrensten Männern als das beste anerkannt war...« und

»Seebevölkerung und Seehandel ebenso wie Industrie und Binnenhandel zu

organisieren, sowie der Handelsmacht Frankreichs als Stütze eine Marine

auf fester und bisher ungeahnt breiter Grundlage zu geben, waren

Colberts Ziele.« (Mahan, Teil I, Seite 65/66.)

Da alles von einem Manne, gewissermaßen als Ausführung eines logischen

Gedankenganges, ausging, und dieser Mann eine absolute Macht hinter

sich hatte, entwickelte es sich sehr schnell. Bald trug es Früchte, der

allgemeine Wohlstand wuchs; insbesondere blühte die Handelsschiffahrt

schnell auf, Frankreich begann ein gefährlicher Konkurrent Hollands und

Englands als Seehandels- und Seekriegsmacht zu werden.

Aber das Wachstum war auch künstlich und hing von der absoluten Macht

ab, die es bewachte. Colbert war nicht König und seine Macht zu Ende,

als ihm der König seinen Rückhalt entzog; hiermit wurde auch sein Werk

erschüttert und brach mit seinem Tode (1683) zusammen.

Bei der Gründung der Marine hatte =Colbert= die bereits vorgeschrittene

Entwicklung der holländischen und englischen als Beispiel; wie bei allen

seinen Organisationen ging er folgerichtig, geschickt und sorgfältig vor,

eine absolute Regierung stand ihm mit ihrer ungehemmten Kraft zur

Verfügung; so =erreichte= er =in kurzer Zeit kaum Glaubliches=. Anfangs

wurden seine Reformpläne vielfach durch den Admiral von Frankreich,

derzeit Herzog von Beaufort, (uns bekannt als Herzog von Vendôme, Seite

208) behindert. Nach dessen Tode 1669 wurde dieser Posten auf Colberts

Veranlassung mit einem vierjährigen Kinde -- Graf von Vermandois, Sohn

der Lavallière -- besetzt, während Colbert selbst Marineminister wurde.

Von nun an hatte er, wie einst Richelieu, freie Hand für seine Pläne und

baute auf dem Grunde, den dieser gelegt, weiter.

Zunächst wandte er seine Sorgfalt den alten =Kriegshäfen= zu, wo alles

gewissermaßen in Ruinen lag. Befestigungen, Hafenanlagen, Werften und

Arsenale wurden ausgebaut: in Brest und Toulon als den Hauptkriegshäfen

im Norden und Süden, daneben in Havre und Dünkirchen -- diese beiden

waren leider für schwere Schiffe nicht zugänglich, so daß sich in den

kommenden Kriegen öfters der Mangel eines Rückzugshafens am Kanal fühlbar

machte; für das versandete Brouage wurde La Rochelle an der Biskaya

gegründet; die Station der Galerenflotte verlegte man von Toulon nach

Marseille, um Reibungen mit der Hochseeflotte zu vermeiden. Ebenso

wichtig war die Neueinrichtung der Verwaltung der Anlagen der Marine, wo

Trägheit, Schlendrian, selbst Untreue eingerissen waren. Hierbei wich

Colbert von Richelieu ab: Bislang stand die Verwaltung unter der

militärischen Behörde, dem Chef d'Escadre der Provinz; jetzt wurden alle

technischen und Verwaltungsgeschäfte einem Intendanten in jedem

Kriegshafen übertragen, die Stationschefs behielten nur die rein

militärischen Angelegenheiten. Dies führte zwar oft zu Verdrießlichkeiten

und Streit zwischen beiden Behörden, war aber bei der damaligen

Beschaffenheit des Offizierskorps nötig; die Leistungen der französischen

Werften sollen infolge der herrschenden neuen Ordnung bald die der

englischen übertroffen haben.

Bei der schnellen Vermehrung des =Schiffsbestandes= war es anfangs

notwendig, die Fahrzeuge wie früher im Auslande, besonders in Holland,

bauen zu lassen, aber bald waren die eigenen Werften dazu imstande und

die Vermehrung ging nun noch schneller vor sich. Zur Zeit Richelieus,

etwa 1640, besaß man 30 größere und 27 kleinere Kriegsschiffe; 1661 waren

nur 30 Fahrzeuge überhaupt, darunter nur 3 über 60 Kanonen, vorhanden.

Aber nun begann der Bau, und der Bestand an Schiffen war:

Kanonenzahl über 100 80-90 70-80 60-70 50-60

1666 -- 4 -- 6 3

1669 5 5 2 23 13

Kanonenzahl 30-40 20-30 kleinere Brander

1666 17 3 ? ?

-------------+--------------

|

1669 44 20

Da sich Ludwig XIV. die Schaffung einer Marine ersten Ranges als Ziel

gesetzt hatte, ging der Bau in derselben Weise fort. Das Ziel war etwa

1681 erreicht, man zählte in diesem Jahre 170 Segel, darunter 70

Linienschiffe über 50 Kanonen.

=Das Jahr= 1669 zeigt also schon einen dem englischen und dem

holländischen Bestande völlig ebenbürtigen. Die Schiffe waren neu und

gut; es ist schon darauf hingewiesen, daß sich die Engländer diese neuen

Schiffe als Muster zu Verbesserungen nahmen, was See- und

Segeleigenschaften sowie Höhe der Pforten über Wasser anbetraf; die

französischen Schiffe waren von größerem Deplacement im Verhältnis zur

Kanonenzahl. Ein Vergleich der früher (Seite 168 ff., Seite 259) über die

Armierung gemachten Angaben ergibt, daß die Franzosen in Verwendung

schwererer Kaliber zwischen den Holländern und Engländern standen. Die

=Bemannung= war bei den Franzosen stärker als bei den beiden anderen

Nationen, besonders auf den ganz schweren Schiffen, obgleich auch die

Engländer bei diesen den Etat erhöht hatten. Es waren eingeschifft auf:

Seekriege und Seekriegswesen, Erster Band in ihrer weltgeschichtlichen Entwicklung. Mit besonderer Berücksichtigung der grossen Seekriege des XVII. and XVIII. Jahrhunderts. · 第 32 / 58 题