Der Verlauf des Krieges.[159]

$Die Schlacht bei Lowestoft, 18. Juni 1665.$ Nach der Kriegserklärung

begannen die Operationen der Flotten nicht sogleich. Es war Winter und

demzufolge der größere Teil der Schiffe außer Dienst gestellt; beide

Nationen wetteiferten aber in der Ausrüstung aller zur Verfügung

stehenden Fahrzeuge, um im Frühjahr gleich zu großen Schlägen bereit zu

sein. Wie es in England schon vor der Kriegserklärung geschehen war, so

gaben jetzt auch die Holländer Kaperbriefe aus, und bald erschienen ihre

Freibeuter im Kanal und in der Nordsee; besonders in Seeland regte sich

das alte Wassergeusenblut, es bildeten sich Gesellschaften zu diesem

Zweck, deren eine allein 25 Segel stellte, Schiffe von 20-36 Kanonen.

[159] Hauptquellen: Clowes, Teil II; »Leben Ruyters«; »Vie de Tromp«;

de Jonge, Teil II; Mahan. Teil I. Über Mängel der Quellen vgl.

Seite 199.

Erst im Mai rührten sich die $Kriegsflotten$, deren genaue

Zusammensetzung schon genannt ist (Seite 258); insgesamt betrugen die

$Stärken$ unter dem Lordhighadmiral =Herzog von York= und Leutnantadmiral

=Wassenaer=:

=England=: 80 Schlachtschiffe über 30 Kanonen, 29 kleinere, 21 Brander,

mit 21000 Mann und 4192 Geschützen.

=Holland=: 97 Schlachtschiffe und Fregatten über 30 Kanonen, 13 kleinere

Segel, 12 Ruderfahrzeuge -- mit 21631 Mann und 4869 Geschützen.

Die englische Flotte war in 3 Geschwader geteilt: Vorhut Admiral Prinz

Ruprecht, Mitte Herzog von York mit Admiral Sir William Penn als

captain of the fleet, Nachhut Admiral Montagu, Earl of Sandwich; hierzu

traten die 3 Vizeadmirale, unter ihnen Lawson beim Zentrum, und die 3

Kontreadmirale der Geschwader.

Die holländische Flotte war in 7 Geschwader geteilt, geführt von:

Wassenaer, den Leutnantadmiralen Johann Evertsen (Seeland), Cortenaer

(Maas), Stellingwerff (Friesland) und den Vizeadmiralen Tromp, Cornelis

Evertsen jun., Schram; hierzu traten weitere 10 Flaggoffiziere und 4

als solche diensttuende als Vize- und Kontreadmirale der Geschwader.

(Die Leutnantadmirale Ruyter (Amsterdam) und Meppel (Norderquartier)

waren zurzeit zusammen abwesend auf dem Zuge nach Afrika und

Westindien.) -- Es wehten mithin in der ersten Schlacht 9 englische und

21 holländische Admiralsflaggen.

[Illustration: Herzog von York.]

Der =Herzog von York=, 1633 als zweiter Sohn Karls I. geboren, war von

Jugend auf als Seemann erzogen. Er floh 1648 nach den Niederlanden und

nach seines Vaters Hinrichtung nach Frankreich. 1660 wurde er von Karl

II. zum Lordhighadmiral ernannt, mußte aber als Katholik 1673 das Amt

niederlegen. 1685 bestieg er als Jakob II. den Thron. Als Großadmiral

und als König tat er viel für die Marine.

Prinz =Ruprecht von der Pfalz= (engl. Prince Rupert), 1619 als Sohn des

Kurfürsten Friedrich V. (des Winterkönigs) geboren, focht im

Dreißigjährigen Kriege auf protestantischer Seite. Im englischen

Revolutionskriege diente er als Reiterführer und später zur See als

Parteigänger der Royalisten. 1666 führte er mit Monck die englische

Flotte, 1673 war er erster Lord der Admiralität, er starb 1682. Er war

ein tüchtiger Seeoffizier, aber doch nicht von der peinlichen

Pflichttreue wie die Generale der Cromwellschen Schule; zu sehr

Kavalier.

=Cornelis Tromp=, 1629 als Sohn Martin Tromps geboren, wurde bald nach

der Schlacht bei Lowestoft an Stelle des gefallenen Cortenaer

Leutnantadmiral. 1675 wurde er von Karl II. zum Baronet und 1676 vom

König von Dänemark zum Grafen erhoben; 1677 folgte er Ruyter in der

Stellung als Leutnantadmiral von Holland und Westfriesland. Er

zeichnete sich in den Kriegen gegen England und Frankreich sowie im

dänisch-schwedischen Kriege 1675-1679 in dänischem Dienste aus. Mutiger

und tüchtiger Seeoffizier und beliebt bei den Untergebenen, jedoch

unvorsichtig, eigenmächtig und ehrgeizig. Biographie: »Vie de Tromp«.

Die englische Flotte ging am 1. Mai zuerst in See, infolge alarmierender

Gerüchte über die Bewegungen des Feindes, obgleich sie noch nicht

vollzählig bemannt und auch nur notdürftig mit Proviant usw. ausgerüstet

war. =York= beabsichtigte, den Feind in dessen eigenen Gewässern zum

Kampf zu stellen, vor allem die Vereinigung der Flottenabteilungen, die

in der Maas-Scheldemündung zusammentraten, mit den bei Texel versammelten

zu verhindern; außerdem hoffte er, heimkehrende Kauffahrer und das

zurückerwartete Geschwader Ruyters abfangen zu können. Er blockierte etwa

14 Tage lang die feindlichen Küsten, wurde dann aber durch

Proviantmangel und durch einen schweren Sturm, in dem die Schiffe sehr

litten, gezwungen, am 19. Mai nach England zurückzugehen.

Gleich darauf, am 22. Mai, führte Leutnantadmiral Evertsen die westlichen

Flottenabteilungen nach Texel, und =Wassenaer= ging an den beiden

nächsten Tagen mit der Gesamtflotte in See. Er hielt sich zunächst

mehrere Tage an der Küste. Einige Quellen sagen, er sei durch flaue

Gegenwinde festgehalten, andere geben an, er habe es bei der ihm

wohlbekannten Neigung zur Indisziplin und Eifersucht im Personal nach so

kurzem Zusammensein der Flotte noch nicht für ratsam erachtet, schon

Größeres zu unternehmen. Jedenfalls wurde ihm dieses Zögern sehr verdacht

-- er wäre ja auch unter Umständen der schwachbemannten, von Vorräten

entblößten und durch den Sturm beschädigten englischen Flotte sehr

gefährlich geworden --, und er erhielt von den Generalstaaten ein

Mißtrauensvotum sowie den ausdrücklichen Befehl, sobald wie möglich

anzugreifen. Man glaubte die feindliche Flotte sehr geschwächt und ihre

weitere Bemannung und Ausrüstung sehr in Frage gestellt, weil gerade

jetzt in London die Pest ausgebrochen war. Durch die Vorwürfe erbittert,

soll Wassenaer nun den Entschluß gefaßt haben, gegen seine sonstige

Ansicht den Feind zu suchen und unter allen Umständen zu fechten; nach

erhaltenem Befehl ging er zur englischen Küste hinüber. Inzwischen war es

ihm am 30. Mai gelungen, eine größere Anzahl Hamburger Kauffahrer mit

Material für die englische Marine nebst dem sie deckenden Kriegsschiffe

wegzunehmen.

Die englische Flotte lag noch in der Ausrüstung begriffen bei Harwich.

Auch sie erhielt auf die Nachricht des höchst unangenehmen Verlustes des

Konvois Befehl, wieder auszulaufen; außerdem glaubte =York=, sich auf dem

augenblicklichen Ankerplatze keinem Angriffe aussetzen zu dürfen, um

nicht zwischen den Bänken gefangen zu werden. Er ging deshalb mit seinen

Proviantschiffen nach der =Solebay= (Southwoldbay, damals vermutlich eine

größere Bucht als jetzt und deshalb ein beliebter Flottenankerplatz).

Hier ankerte er am 11. Juni und hatte das Glück, sofort Fahrzeuge mit

Auffüllungsmannschaften anzutreffen, denn schon an demselben Tage wurden

die Holländer etwa 18 Seemeilen ab in Ostsüdost gesichtet, bei östlichem

Winde zu Luward stehend; York sandte die Transporter nach Harwich zurück

und ging weiter in See hinaus. =Wassenaer= war am 11. durch Flaute

gehindert anzugreifen, und so fand der Morgen des 12. Juni beide Flotten

etwa 8 Seemeilen Südost von =Lowestoft=, die Holländer etwa 5 Seemeilen

Südost von den Engländern stehend. Aber auch an diesem Tage kam es nicht

zum Gefecht, es war weiter flau; Wassenaer hätte wahrscheinlich angreifen

können, er zog es aber vor, weiter vom Lande abzuliegen, um seine infolge

des flauen Windes auseinander gekommene Flotte zu sammeln; erst abends

näherten sich die Gegner. In der Nacht ging der Wind durch Süd auf

Südwest und am 13. Juni 2-1/2 Uhr morgens standen die Flotten etwa 18

Seemeilen Nordnordost von Lowestoft, nun aber die englische zu Luward.

=York= ging zum Angriff über, aber auch =Wassenaer= wollte jetzt trotz

der ungünstigen Windstellung und der noch immer geringen Ordnung seiner

Flotte fechten, und so begann am $13. Juni 1665$ um 3-1/2 Uhr früh die

$Schlacht von Lowestoft$.

Die Überlieferungen sind nur dürftig und widersprechend. Wir folgen im

allgemeinen den Schilderungen Clowes' und de Jonges. Aus ihnen ist,

übereinstimmend mit anderen Quellen, zu entnehmen, daß die Engländer in

guter Ordnung waren und diese längere Zeit aufrecht erhielten, daß aber

schließlich wieder die Melee eintrat, namentlich, weil die Ordnung der

Holländer aus verschiedenen Gründen immer mehr verloren ging.

Als die Flotten ins Gefecht eintraten, war die holländische Flotte

keinesfalls in guter Ordnung. Spätere kriegsgerichtliche Feststellungen

erklären: »Verschiedene Flaggoffiziere befanden sich nicht bei ihren

Verbänden, sondern segelten zusammen; viele Schiffe, selbst Verbände,

waren nicht auf ihren Posten, der Befehl zum Angriff kam unerwartet.

Ein Zeuge sagt sogar: Es war eine Lust, die englische, aber ein Jammer,

die holländische Formation zu sehen.« Also Ordnung und Aufsicht waren

mangelhaft. Dies gab verschiedenen Schiffen die Möglichkeit, sich nur

flau am Gefecht zu beteiligen. Sie hielten sich in Lee außerhalb der

Gefahr; mehrere Fahrzeuge blieben völlig unbeschädigt, ja, einige

sollen nicht einmal die Mundpfropfen aus den Geschützen genommen haben.

Die beiden Flotten passierten sich zuerst um 3-1/2 Uhr unter lebhaftem

Feuer, in »Kiellinie beim Winde« über verschiedene Buge liegend.

Hierbei war die Entfernung ziemlich groß, doch litten die Holländer

mehr durch die schwerere, weitertragende Artillerie des Gegners. Sie

hatten nur den Erfolg, ein zu weit nach Lee gekommenes englisches

Schiff zu nehmen; es sollte ihre einzige Trophäe bleiben. Nach dem

Passieren wendeten beide; die Holländer im Kontremarsch, die Engländer

zugleich, so daß bei diesen die Nachhut (Sandwich) an die Spitze kam.

=Wassenaer= strebte danach, die Luvstellung zu gewinnen. Bei der

geringeren Segelfähigkeit seiner Schiffe gelang dies nicht, dagegen

führte es dahin, daß die höherliegenden und schnelleren Schiffe

vorliefen, andere zurückblieben oder mehr nach Lee kamen. So wurde die

Ordnung weiter gestört, wozu auch noch das Bestreben der tüchtigsten

Kommandanten, so auch Wassenaers und der übrigen Admirale, schneller

und näher an den Feind zu kommen, beitrug. Wassenaer und Tromp sollen

bald das Schiff des vor ihnen segelnden Cortenaer (Vorhut) erreicht

haben; da ihre besten Schiffe ihnen gefolgt waren, befanden sich nun 3

Geschwader untereinander gemischt.

Es ist nicht klar aus den Quellen zu entnehmen, ob es sich jetzt weiter

um ein oder um mehrere Passiergefechte gehandelt und ob vor- und

nachstehendes sich demgemäß zur Zeit des zweiten Passierens oder bei

späterem ereignet hat. Schon um 5 Uhr fiel =Cortenaer=, der an Stelle

des Oberbefehlshabers den Befehl hätte übernehmen müssen. Sein

Flaggschiff floh mit wehender Admiralsflagge, etwa 10 Schiffe dieses

Geschwaders folgten, so daß eine Lücke entstand. Gegen Mittag brach

=Sandwich= durch eine Lücke in der Nähe des Zentrums, vielleicht die

eben erwähnte, und teilte damit die feindliche Flotte. Es ist fraglich,

ob er dieses Manöver mit Absicht oder durch Zufall -- vielleicht

infolge des Pulverdampfes, die Flotten waren sich an dieser Stelle sehr

nahe gekommen -- ausgeführt hat. Jedenfalls hatte es den

nachdrücklichsten Erfolg, die Verwirrung der Holländer wurde immer

größer. Die Engländer greifen nunmehr die standhaftesten Feinde,

insbesondere die Admirale, an; die Melee ist da.

Als =Wassenaer= (»Eendracht«, 70 Kanonen) sah, daß das Kriegsglück sich

gegen ihn wandte, scheint er von Verzweiflung erfaßt zu sein. Er

versucht York (»Royal Charles«, 80 Kanonen) zu entern, wird

abgeschlagen, kämpft aber mit Erfolg weiter -- York selbst wird leicht

verwundet, neben ihm fallen 3 Kriegsfreiwillige hoher Geburt, sein

Schiff wird arg zerschossen --, bis die »Eendracht« um 2 Uhr

nachmittags auffliegt. Die Explosion ist wahrscheinlich durch

Entzündung von Kartuschen erfolgt, doch sagt das Gerücht, sie sei durch

einen Negerdiener des Admirals aus Rache veranlaßt worden. Durch diesen

Vorfall entmutigt, halten wieder einige Schiffe ab; andere folgen, weil

sie glauben, der Befehl zum Rückzug sei gegeben. Einzelne Verbände und

Einzelschiffe halten aber noch wacker stand trotz weiterer Verluste: an

einer Stelle werden 4 zusammengetriebene Fahrzeuge durch einen Brander

vernichtet, an einer anderen trifft 3 oder 4 vereinzelt dasselbe Los.

Leutnantadmiral =Evertsen= übernahm nach Wassenaers Tode den

Oberbefehl. Aber auch =Tromp=, der den Tod Cortenaers und

Stellingwerffs erfahren hatte, setzte die Admiralsflagge und übernahm

das Kommando über die Schiffe in seiner Nähe; er behauptete später,

nicht gewußt zu haben, was aus Evertsen geworden sei. Es würde dies

bezeichnend für die Verwirrung sein; vielfach glaubte man jedoch, er

habe nur nicht unter einem seeländischen Admiral stehen wollen, denn

ähnlicher Eigenmächtigkeiten machte er sich in der Zukunft mehrfach

schuldig. Der Versuch dieser beiden Führer und anderer besonnener

Männer, das Gefecht in Ordnung abzubrechen, war vergeblich; der Rückzug

artete in Flucht aus, die um 7 Uhr abends allgemein wird.

=Evertsen= steuert mit 17 Schiffen, wohl hauptsächlich vom Seeländer

Kontingent, nach der Maasmündung, dem nächsten Schutzplatz, der

außerdem bei dem Stand der Gezeiten ein sofortiges Einlaufen gestattete

und auch als Sammelpunkt ausgegeben war. =Tromp= ging mit dem größeren

Teil der Flotte nach Texel und dem Vlie, wo erst mit wechselndem Strom

nach einer gefahrvollen Nacht das Einlaufen möglich war. Er wählte, wie

er sagte, diesen Kurs, um die vorher dorthin geflohenen Schiffe zu

decken; tatsächlich hat er auch mit einigen seiner besten Fahrzeuge den

Rückzug der dorthin Segelnden und gewissermaßen den der ganzen Flotte

geschützt.

=Die Verluste= der Holländer betrugen nach englischen Angaben: 14

Schiffe vernichtet, 18 genommen -- die Holländer gaben nur 16-20

insgesamt zu --; 4000 Tote, darunter 3 Leutnantadmirale; 2000

Gefangene. Die Engländer verloren: 2 Schiffe; 600 Tote und Verwundete,

unter den Toten Vizeadmiral Lawson und 1 Kontreadmiral, und einige

Hundert Gefangene.

=Die Schlacht bei Lowestoft ist bemerkenswert= als die erste, in der

beide Flotten in »Kiellinie beim Winde« ins Gefecht eintreten und sich in

dieser Formation mehrfach passieren, ehe die Melee beginnt; die Engländer

haben dabei scheinbar die Linie in guter Ordnung aus Einzelschiffen

gebildet. Die Schlacht war eine völlige Niederlage für die Holländer;

ihre Flotte hatte stark gelitten und war versprengt in ihre Häfen

zurückgetrieben; bei energischer Verfolgung wäre ihr Verlust wohl noch

weit größer geworden.

=Die Engländer verfolgten= zwar, doch wurde die Verfolgung während der

Nacht lau. Als Grund wird angegeben, der stark auffrischende und

auflandige Wind habe es verboten, sich den flachen Gewässern zu nähern,

auch seien alle Brander verbraucht gewesen.

Eine mysteriöse Geschichte spielt mit (Clowes, Teil II, Seite 265). Im

Kriegsrat nach der Schlacht soll =Penn= geäußert haben, man müsse sich

noch auf ernstes Werk gefaßt machen, die Holländer seien nie tapferer

als in der Verzweiflung. Daraufhin habe die persönliche Umgebung Yorks

gesagt, es sei auch Ehre genug errungen. Als sich der Herzog in die

Kajüte zurückgezogen hatte, überbrachte ein Offizier seiner Begleitung

den Befehl an Penn, die Flotte solle Segel mindern. Es geschah. Später

wunderte sich der Herzog über den ausgeführten Befehl und behauptete,

ihn nicht gegeben zu haben, doch nun war es zu spät. Untersucht ist die

Sache nicht; Penn blieb in Yorks Gunst, der Überbringer des Befehls

wurde entlassen. Man sagt, die Umgebung des Herzogs habe von seiner

Gemahlin und auch vom König den Auftrag gehabt, dafür zu sorgen, daß

sich York nicht zu sehr gefährde; er war ja der voraussichtliche

Thronerbe.

Wie von einer taktischen Verfolgung, so wurde auch von sonstiger

strategischer Ausnutzung des Sieges abgesehen; als Tromp bei Texel

eingelaufen war, ging York am 14. Juni nach England zurück.

=In Holland=, wo man die eigene Flotte der feindlichen überlegen geglaubt

hatte, erregte die Niederlage im Volke große Entrüstung. Diese ging

soweit, daß =Evertsen= in Brielle vom Pöbel angegriffen, durch die

Straßen geschleift und ins Wasser geworfen wurde, nur knapp entging er

dem Tode. Von den Kommandanten, die sich im Kampf feige benommen hatten,

wurden verschiedene mit Gefängnis bestraft, andere infam kassiert, einige

erschossen.

Auch dem gefallenen =Wassenaer= -- dem man zwar später in der großen

Kirche im Haag ein prachtvolles Denkmal errichtete -- wurde =die Schuld=

an der Niederlage =zugeschoben=: Er habe unter ungeeigneten Umständen

gefochten; ihm habe die Umsicht gefehlt, er habe die Leitung aus der Hand

gegeben und nur mit dem eigenen Schiff den Kampf gesucht. Man vergaß,

welchen strikten Befehl man ihm zum Fechten gegeben, daß man ihn, einen

Reiterführer, trotz seiner Einwendungen zum kommandierenden Admiral

gemacht hatte. Wie nach der Schlacht im Sunde (1658) wurde ihm

vorgeworfen, er habe vor der Schlacht keinen Kriegsrat gehalten,

infolgedessen seien die Admirale und Kommandanten nicht über seine

Absichten unterrichtet gewesen. Man vergaß, daß er nach dem

Zusammenziehen der Flotte gern etwas Zeit gehabt hätte, um ein gewisses

Zusammenschmelzen der verschiedenen Verbände zu erzielen. Liegen nicht

auch andere Gründe für die Niederlage ebenso nahe, ja noch näher? Die

Unordnung schon bei Beginn des Gefechts darf man doch Wassenaer nicht

allein zum Vorwurf machen; es waren noch 20 Flaggoffiziere da, die auf

dem Marsch für Ordnung sorgen konnten. Diese große Zahl von Unterführern

war anderseits wohl mit schuld, daß Ordnung und Leitung während des

Gefechts immer mehr verloren gingen. So viele Unterabteilungen, zunächst

schon die 7 Geschwader, von einer Stelle zu leiten, war unmöglich,

besonders bei dem damaligen Stande des Signalsystems. Die Einteilung

mußte zum selbständigen Auftreten der Abteilungen führen, was ja auch der

Kampfweise der bisherigen Gruppentaktik entsprach. Dies konnte aber einem

einheitlicheren Wirken gegenüber, wie es der englischen Flotte ihre

Instruktion jetzt schon vorschrieb, nur bei großer militärischer Einsicht

und Schulung aller Führer und Kommandanten von Erfolg sein. Solche fehlte

jedoch gerade dem größten Teile des Personals, daneben vor allem der Sinn

für militärische Ordnung, Treue und Disziplin. Dieser Mangel, der schon

Bilden und Halten einer Formation außerhalb eines Gefechtes schwierig

machte, ist wohl in erster Stelle an der Niederlage schuld.

$Weitere Ereignisse der Jahre 1665 und 1666 bis zur Viertage-Schlacht.$

Ebensowenig wie unmittelbar nach der Schlacht wurde auch später die

errungene Seeherrschaft englischerseits energisch ausgenutzt. Der =Herzog

von York= hatte den Oberbefehl abgegeben, auch Prinz Ruprecht hatte seine

Flagge niedergeholt. =Montagu, Earl of Sandwich=, kommandierte jetzt die

Flotte und ging am 15. Juli hinüber zur holländischen Küste wieder mit

der Absicht, Ruyter und zahlreich erwartete Ostindien- und

Mittelmeerfahrer abzufangen. Er führte aber eine Blockade nicht durch,

obgleich sie doch für seinen Zweck und zur Verhinderung der

Wiedervereinigung des Gegners der sicherste Weg gewesen wäre. Ob man das

Schiffsmaterial nicht für geeignet hielt, eine längere Blockade

durchzuführen und dann noch der neuausgerüsteten feindlichen Flotte

gegenüberzutreten, oder ob der aus der Armee stammende Kommandierende den

Wert der Schließung der feindlichen Häfen verkannte, ist nicht

festzustellen. Da man inzwischen erfahren hatte, daß die zurückerwarteten

Kauffahrer sich in =Bergen= sammelten, schickte Montagu den Kontreadmiral

=Tyddiman= mit 14 Kriegsschiffen und 3 Brandern dorthin zum Angriff,

während er sich selbst mit dem größeren Teil der Flotte bis zu den

Shetlands hinauf auf die Lauer legte. Daß =Ruyter= unbemerkt Holland

erreichte, haben wir schon gehört, auch die Expedition gegen Bergen

sollte fehlschlagen, wie wir sehen werden.

In =Holland= hatte man nach der großen Niederlage sofort begonnen, aufs

neue zu rüsten. Besonders =Jan de Witt= bemühte sich, dies zu fördern und

auch den Geist in der Marine wieder zu heben. Lebhaft unterstützt wurde

er durch =Tromp=, obgleich dieser anfangs erklärt hatte, mit

Kommandanten, wie sie sich in der Schlacht gezeigt hätten, könne er nicht

fechten. Er war sogar gegen den Befehl der Generalstaaten, mit seinen

Schiffen bei Texel liegen zu bleiben, in die Häfen eingelaufen. Schon 10

Tage nach der Schlacht lief ein Geschwader von 17 Schiffen unter

Kontreadmiral =Bankers= aus, um etwa heimkehrende Kauffahrer aufzunehmen.

Den Oberbefehl über die neuaufzustellende Flotte erhielt vorläufig

=Tromp= -- er war an Stelle Cortenaers zum Leutnantadmiral der Maas

ernannt und wurde später in gleicher Eigenschaft auf seinen Wunsch nach

Amsterdam versetzt --, doch wurde ihm eine Kommission von drei

Deputierten der Generalstaaten, darunter de Witt, zur Seite gestellt.

Diese echt republikanische Maßnahme, einem Oberbefehlshaber

=Deputierte= zur Seite zu stellen, war schon in den Dünkirchener

Kriegen Brauch gewesen. Bei Tromp dem Älteren hatte man im ersten

Kriege davon abgesehen, obgleich er selbst darum bat, um sich

gegebenenfalls der Volksmeinung gegenüber besser rechtfertigen zu

können; es war dies ein Zeichen großen Vertrauens. Wassenaer hatte sich

gesträubt, Deputierte zuzulassen.

Tromp der Jüngere aber hatte sehr viele Gegner in den leitenden

Kreisen. Zwar waren sein Mut, seine Tüchtigkeit und seine Beliebtheit

bei den Mannschaften allgemein bekannt, jedoch man fürchtete seine

Unvorsichtigkeit, seine Eigenmächtigkeit, und er war Oranier. Gern

hatte man ihm das Kommando überhaupt nicht gegeben, aber er war der

einzige Leutnantadmiral der Provinzen von Holland, da Ruyter und Meppel

noch abwesend waren. Ein neuer Leutnantadmiral von Holland und

Westfriesland war noch nicht ernannt und nach altem Brauch trat ja der

Leutnantadmiral der Maas als Vertreter ein. Der viel ältere Cornelis

Evertsen sen. (Seeland), der an die Stelle seines Bruders Jan getreten

war, stellte sich rühmenswerterweise bereitwillig unter Tromp; Jan

Evertsen hatte infolge der schmählichen Behandlung in Brielle den

Dienst quittiert.

Man beeilte die Rüstungen, um den wertvollen Konvoi in Bergen sichern zu

können; als die Flotte seeklar war, hieß es zwar, sie könne widriger

Winde wegen nicht auslaufen, doch auch hier zeigte sich die Tatkraft des

=Ratspensionärs de Witt=.

Althergebrachte Ansicht der Lotsen war, daß man mit schweren Schiffen

die Rhede von Texel bei allen westlichen Winden durch die üblichen

Fahrwasser, Landstief und Schlänge nicht verlassen und ein drittes, das

spanische Gat, überhaupt nicht benutzen könne. De Witt bewies die

Unhaltbarkeit dieser Behauptungen, insbesondere der letzten, indem er

das Fahrwasser unter eigener Leitung ausloten ließ und es dann mit dem

schwersten Schiffe passierte; es wurde von nun an das Jan de Witt-Tief

genannt.

Seinem Einschreiten war es zu danken, daß die Schiffe vom 14. bis 16.

August in See gingen und die Flotte nun segelfertig lag. Am 6. August war

=Ruyter= in der Ems angekommen; er wurde sofort zum Leutnantadmiral von

Holland und Westfriesland ernannt, welche Stelle man für ihn freigehalten

hatte, und übernahm am 18. =den Oberbefehl=. Tromp weigerte sich anfangs,

in die zweite Stelle zurückzutreten, nachdem er die Flotte organisiert

hätte, er fügte sich aber doch. Die Flotte[160] bestand aus 93

Kriegsschiffen, 11 Brandern, 20 Jachten usw. mit 4337 Kanonen, 15051

Seeleuten, 1283 Seesoldaten und 3300 Landsoldaten; sie war in 4

Geschwader geteilt, von denen das eine (Ruyter selbst) als Reserve dienen

sollte. Ihre Segelorder war: die Kauffahrer von Bergen abzuholen und den

englischen Streitkräften möglichst Abbruch zu tun; schon am 17. waren

leichte Schiffe in die Nordsee gesandt, um alle heimkehrenden

Handelsschiffe nach Bergen zu leiten. =Ruyter= ging längs der englischen

Ostküste bis zu 58° Nordbreite hinauf und hörte hier am 25. August, daß

Montagu an der Küste Norwegens gesehen sei; er habe dort einen Teil

seiner Flotte zurückgelassen (=Tyddiman=) und sei mit dem Rest nach

Westen gesegelt. Am demselben Tage sichtete man auch ein englisches

Schiff; die beiden Flotten müssen dicht beieinander gewesen sein, ohne

sich sonst zu sehen. Jetzt steuerte der Admiral nach Norwegen hinüber.

[160] »Leben Ruyters«, Seite 309, Namentliche Aufführung der Schiffe

mit Angaben über ihre Stärke.

Die $Kauffahrer in Bergen$ -- 10 große Ostindienfahrer von ungeheurem

Wert und etwa 60 andere, besonders Levantefahrer -- waren aber schon der

Gefahr entzogen; sie $hatten den Angriff$ Tyddimans glänzend

$abgeschlagen$; es war nur noch nötig, sie sicher in die Heimat zu

führen.

Die Gesandten König Karls hatten vom König Friedrich III. von Dänemark

die Zusicherung erhalten, dänischerseits solle ein Wegnehmen der

holländischen Schiffe in Bergen nicht gehindert werden. Beide Könige

wollten dann die Beute teilen; Friedrich beabsichtigte, sich Holland

gegenüber damit zu entschuldigen, daß man ein Bombardement Bergens

durch die englische Flotte habe fürchten müssen. --

Die Kauffahrer waren aber auf den Angriff vorbereitet. Sie hatten die

Ostindienfahrer und die schwersten sonstigen Schiffe in

Halbmondformation vermoort, möglichst viele Geschütze auf den dem

Angriff ausgesetzten Seiten aufgestellt, am Lande flankierende

Geschützstände errichtet und auch Leute zur Verstärkung der dänischen

Befestigungen gelandet.[161] Der dänische Befehlshaber, General =von

Alefeld=, gestattete alles dieses und beteiligte sich auch an der

Abwehr; er soll zwar von der Abmachung seines Königs schon gewußt, aber

noch keinen Befehl erhalten haben; so handelte er, wie es ihm

Völkerrecht und Kriegsbrauch vorschrieben. Am 12. August (10.? 13.?)

griff =Tyddiman= an. Er hatte sich mit Alefeld noch nicht in Verbindung

gesetzt, entweder in der Annahme, daß dieser auch ohne Befehl den

Absichten seines Königs folgen werde, oder gar in der Erwartung, daß er

unter diesen Umständen dann auch die Beute nicht zu teilen brauche. Die

Verhältnisse waren dem Angriff sehr ungünstig. Der aus dem Hafen

stehende Wind erschwerte das Herankommen und hinderte die Verwendung

der Brander, der auf den Schiffen lagernde Pulverdampf beeinträchtigte

ihr Feuer. Nach einem Gefechte von etwa vier Stunden mußte das

englische Geschwader die Anker kappen und sich mit schwerbeschädigten

Schiffen und großem Mannschaftsverluste zurückziehen. General von

Alefeld forderte nun allerdings von den holländischen Schiffen 100000

Taler für den gewährten und noch weiter zu gewährenden Schutz. Er

erhielt auch vorläufig 3000, und man war dabei, noch mehr auf den

Schiffen aufzubringen, als die Flotte unter =Ruyter= erschien. Jetzt

mußten sich die Dänen mit dem feierlichen Dank der Staatendeputierten

begnügen; sie hielten aber wenigstens die gelandeten 41 Geschütze

zurück: »sie müßten diese zur eigenen Sicherheit behalten, da ihnen im

Gefecht sehr viele eigene gesprungen oder zerschossen wären.« (»Leben

Ruyters«, Seite 318.)

[161] Vermooren heißt: Ein Schiff mit Bug- und Heckanker verankern, um

ein Drehen bei Wind- oder Stromwechsel zu verhindern.

Auf der Rückfahrt wurden =Flotte und Konvoi= durch einen mehrtägigen

Nordweststurm =zersprengt=, nur mit 36 Kriegsschiffen stand Ruyter am 13.

September südlich von der Doggerbank. Weiter auf den Schutz der

zerstreuten Kauffahrer bedacht, kreuzte er noch einige Tage. Von wieder

zu ihm stoßenden Kriegsschiffen erfuhr er, daß die englische Flotte in

der Nähe sei. =Montagu= war zu rechter Zeit vom Norden zurückgekehrt, um

aus der Zerstreuung der Holländer Nutzen ziehen zu können; 8

Kriegsschiffe, 2 Brander, 2 Ostindienfahrer und mehrere andere Schiffe

wurden aufgebracht. Weiteres konnte er nicht unternehmen, da auch seine

Flotte infolge des Absuchens des Sturmfeldes, vielleicht schon durch den

Sturm selbst, zerstreut war. Beide Flotten sammelten sich nach und nach

in ihren Häfen.

$Das Jahr 1665$ bringt um nichts mehr von Bedeutung. In =England= scheint

infolge der Pest, die in London und einigen anderen Städten wütete,

nichts geschehen zu sein, um die Flotte wieder schlagfertig aufzustellen;

in kleinen Gruppen lagen die Schiffe auf den verschiedenen Ankerplätzen

an der Küste und in den Häfen, ohne ihre Neuausrüstung zu betreiben.

Ruyter lief Mitte Oktober zur englischen Küste hinüber, um die

vereinzelten Teile des Feindes zu vernichten. Er erschien vor Harwich,

Yarmouth, Lowestoft, vor der Solebay und den Downs, wo seine

Aufklärungsschiffe Feinde gesehen hatten. Aber überall kam er zu spät,

sie hatten sich jetzt in sichere Häfen, meist in die Themse,

zurückgezogen; so wurden nur die Küsten alarmiert. Schließlich ging

Ruyter vor die Themse in der Erwartung, die englische Flotte

herauszulocken, doch vergeblich. Er blockierte die Flußmündung einige

Tage und nahm auch Lotungen vor. Da aber jetzt der Winter nahte und auf

der Flotte binnen kurzer Zeit der Krankenbestand bedenklich stark zunahm

-- in wenig Tagen ein Krankenzugang von über 1000 Mann und 140 Todesfälle

--, beschloß der Kriegsrat in Übereinstimmung mit den Deputierten, am 1.

November nach Holland zurückzukehren und die Kontingente zu entlassen.

Nur ein Geschwader von 18 Schiffen, deren Gesundheitszustand gut war,

wurde südlich von der Doggerbank stationiert, um feindliche Hamburg- und

Ostseefahrer abzufangen und eigene aufzunehmen; bald wurde es zu einer

Winterflotte auf 34 Segel verstärkt und hielt sich bis in den Februar in

der Nordsee und an der flämischen Küste. Sonst war der Feldzug für 1665

beendet und die Flotte wurde aufgelegt. Das Jahr hatte eigentlich nur die

eine große Schlacht von Bedeutung gebracht, trotz der großen Flotten, die

aufgestellt und von Holland bis zu Ende erhalten wurden; für Holland war

es in der Hauptsache unglücklich verlaufen.

Auf die gegenseitigen =Handelsschädigungen= und die kleineren, wenn auch

oft blutigen Zusammenstöße dabei in Kanal, Nordsee und Mittelmeer näher

einzugehen, würde zu weit führen; man findet Ausführlicheres in den

Geschichten der beiden Marinen.

Sofort nach dem Auflegen der Flotte beschloß man in $Holland$ die

Indienststellung einer ebenso starken Flotte wie im Vorjahre für das

Frühjahr $1666$. Man zog jetzt keine Schiffe der ostindischen Kompagnie

mehr heran; diese zahlte statt dessen eine besondere Kriegssteuer.

Infolge der Neubauten waren genügend Kriegsschiffe, besonders auch der

schwersten Art, vorhanden. Die Fertigstellung der Fahrzeuge wurde den

Winter über auf das eifrigste betrieben, und Hollands Aussichten schienen

sich wesentlich günstiger gestalten zu wollen, da $Frankreich und

Dänemark$ ein Offensivbündnis mit ihm schlossen und den Krieg an England

erklärten. Die drei verbündeten Mächte waren imstande, eine ungeheure

Seemacht aufzustellen; wie bereits angedeutet ist, griffen aber weder

Franzosen noch Dänen ernstlich in den Krieg ein.

Nach dem Vertrage mit =Dänemark= sollte dieses den Sund und die Belte

für die Engländer schließen und eine Flotte von 40 Schiffen aufstellen.

Die Flotte wurde zwar in Dienst gestellt, unternahm aber nichts von

Belang.

=Frankreich= sammelte eine Flotte von 40 Schiffen: 11 zu 50-80 Kanonen,

29 zu 30-40 Kanonen, einige kleinere und 15 Brander[162] -- unter dem

Befehl des =Herzogs von Beaufort=, dem berühmte Seeleute, wie Chevalier

=St. Paul=, =Abraham du Quesne= und =Château-Renault= unterstellt

waren. Die Flotte lief schon im Januar 1666 von Toulon aus, erreichte

aber erst Ende August La Rochelle, kam nie weiter als bis nach Dieppe,

im September, und ging dann nach Brest zurück. Obgleich während der

ganzen Zeit Unterhandlungen mit Holland über das Zusammentreffen der

beiderseitigen Flotten geführt waren, kam es zu keiner Vereinigung.

[162] Clowes, Teil II, Seite 286, gibt ein Verzeichnis der Schiffe mit

Namen, Kanonen- und Mannschaftszahl, als »bemerkenswert«, da es

die erste größere Flotte Frankreichs in den nördlichen Gewässern

sei; andere Quellen weichen unbedeutend davon ab.

$England$, von einer so mächtigen Liga bedroht, machte gleichfalls mit

größter Anspannung mobil und nahm dafür eine bedeutende Anleihe zu hohem

Zinsfuße auf.

Die $Flotten der beiden Hauptgegner$ waren zu gleicher Zeit, Ende Mai

$1666$, seeklar. Ihre Stärken sind bereits früher (Seite 258) genauer

angegeben:

über 40 K. 30-40K. Kleinere Brander

England 72 8 unbekannt = 4460 K.; 21085 Mann

Holland 71 13 9 9 = 4615 K.; 21909 Mann

Die englische wurde kommandiert von den Joint-Admiralen =Prinz Ruprecht=

und =Herzog von Albemarle= (Monck); diese führten die Mitte, die Admirale

Ayscue und Allen Vorhut und Nachhut. Jedes Geschwader war in 3 Divisionen

geteilt. Die holländische Flotte war jetzt auch in 3 Geschwader geteilt;

ihre Mitte führte =Ruyter=, die Vorhut Cornelis Evertsen der Ältere, die

Nachhut Tromp. Bei jedem Geschwader befand sich noch ein Admiralleutnant,

bei der Mitte noch ein Vize- und ein Kontreadmiral, bei Vorhut und

Nachhut je zwei Offiziere dieses Dienstgrades.

Im »Leben Ruyters«, Seite 362, ist die Order des Flottenchefs

wiedergegeben, die die Folge enthält, in der die Flaggoffiziere vor und

hinter ihm zu segeln haben. Ich möchte sie als Beispiel anführen

{ 1 Vizeadmiral } Aus dieser Segelfolge geht

{ =Evertsen= 1 Kontreadmiral } die Einteilung in 3

Vorhut { 1 Vizeadmiral } Geschwader klar hervor,

{ 1 Admiralleutnant } die Einteilung in 3

{ 1 Kontreadmiral } Divisionen aber doch nur bei

der Mitte. Bei Vorhut und

{ 1 Admiralleutnant Nachhut sollte man eher eine

Mitte { =Ruyter= und 1 Kontreadmiral Einteilung in 2 Divisionen,

{ 1 Vizeadmiral die dann wieder in je 3

1 Vizeadmiral } Unterabteilungen geteilt

{ =Tromp= } sind, annehmen; also für

Nachhut { 1 Kontreadmiral } jedes dieser Geschwader hier

{ 1 Vizeadmiral } wieder 6 Gruppen. Jedoch

{ 1 Admiralleutnant } sprechen die Quellen

{ 1 Kontreadmiral } ausdrücklich von der

Einteilung in 3 Geschwader zu 3 Divisionen. Ruyters Anordnungen für das

Gefecht beziehen sich nur auf die Verwendung der 3 Geschwader.

Um Irrtümern vorzubeugen, sei erwähnt, daß der Leutnantadmiral und der

Kontreadmiral der Mitte den Namen van Nes führten.

Die Viertage-Schlacht am 11. bis 14. Juni 1666.

=Diese Schlacht gilt mit Recht als eine der berühmtesten.= Auf beiden

Seiten ist eine ungeheure Zahl schwerer Schiffe vorhanden; an vier

aufeinander folgenden Tagen wird heiß gerungen; die beiden Flottenchefs

waren die berühmtesten Seebefehlshaber ihrer Länder. Monck hat für

England vielleicht nicht dieselbe Bedeutung wie Blake, Ruyter aber

nimmt nicht nur in der holländischen Marine, sondern auch unter allen

Seeoffizieren jener Zeit zweifellos den ersten Platz ein. Gerade über

diese Schlacht geben auch die alten Quellen genauere und

zusammenhängendere Schilderungen als sonst, und sie ist deshalb auch in

neuerer Zeit oft bearbeitet worden. Ich folge bei der Beschreibung in

der Hauptsache Mahan, einer neueren Bearbeitung; Clowes gibt fast die

gleiche Schilderung. Mahan hat einen Aufsatz der »Revue maritime et

coloniale«[163] zugrunde gelegt, in dem der erst neuerdings

aufgefundene Brief eines Holländers, Kriegsfreiwilligen bei Ruyter an

Bord, über die Viertageschlacht veröffentlicht ist. Diese Schilderung

ist noch klarer und zusammenhängender als die anderer alten Quellen,

die aber zum Teil in den Hauptzügen die Richtigkeit bestätigen, so daß

es einigermaßen möglich ist, die vielen Widersprüche, die sich in den

alten Berichten finden, zu klären.[164]

[163] Siehe Chabaud-Arnault im Quellenverzeichnis.

[164] Clowes, Teil II, Seite 276, führt die Hauptwerke über die

Schlacht auf, etwa 20. Mir haben von diesen vorgelegen: de Jonge,

Teil II, darin eine neuere Schilderung; »Leben Ruyters«, genaue

Beschreibung einzelner Episoden; »Vie de Tromp« mit Berichten

Tromps und Ruyters, einigen Briefen sowie einer amtlichen

holländischen »Relation«, etwa 14 Tage nach der Schlacht

geschrieben. Nach jedem Schlachttage werde ich etwaige wichtigere

Abweichungen dieser Werke gegen Mahan kurz anführen.

Die holländische Flotte war am 3. Juni in den Wielingen, Bänken vor

Ostende, zusammengetreten und am 5. vollzählig versammelt.[165] Sie wurde

jedoch durch flaue auflandige Winde einige Tage an der Küste

festgehalten, erst nach und nach gelang es durch Segeln bei Ebbe und

Ankern bei Flut vom Lande abzukommen. Am 10. Juni setzte =Ruyter= bei

nordöstlichem Winde seinen Kurs auf Northforeland, um die seit dem 8. in

den Downs liegende englische Flotte aufzusuchen.

[165] Als bemerkenswert für uns Deutsche sei erwähnt, daß das

Kontingent Amsterdam vor dem Auslaufen am 16. Mai vom Großen

Kurfürsten und dem Prinzen von Oranien besucht wurde. Die Schiffe

lagen in Flaggengala, der hohe Besuch speiste bei Ruyter,

besichtigte verschiedene Schiffe sowie eine Gefechtsübung zweier

Fregatten u. a. »Leben Ruyters«, Seite 359.

[Illustration: Herzog von Albemarle (Monck).]

Die Flotten der Gegner waren nahezu gleichwertig; wenn die Holländer

etwas an Zahl überlegen waren, so wurde dies durch die bessere Armierung

der Engländer reichlich ausgeglichen. =Englischerseits= wurde jetzt aber

vor dem Zusammenstoß ein großer =strategischer Fehler= gemacht. =König

Karl II.= hatte die, wie sich später herausstellte, falsche Nachricht

erhalten, die französische Flotte nähere sich schon dem Eingange des

Kanals behufs Vereinigung mit der holländischen. Er gab deshalb von

London aus den Befehl, =Prinz Ruprecht= solle mit dem weißen Geschwader

(Vorhut) nach dem Westen gehen, wahrscheinlich bis Wight, hier noch etwa

10 Schiffe aus Plymouth an sich ziehen und den Franzosen entgegentreten.

Diese Order erreichte die Flotte bei ihrem Eintreffen in den Downs; der

Prinz ging sofort (8. oder 10. Juni) mit etwa 20 Schiffen der Vorhut, die

Flaggschiffe jedoch bei der Flotte lassend, nach dem Westen ab,

=Albemarle= (am 10.) aber Ruyter entgegen. Ruprecht war den Franzosen

gerade gewachsen, Albemarle jedoch mit jetzt nur 58 Schiffen über 30

Kanonen wesentlich schwächer als die Holländer.

=Ruyter= war, da der Wind bei dickem Wetter auf Südwest herumging und

auffrischte, in der Nacht vom 10. auf 11. ungefähr in der Mitte zwischen

Dünkirchen und den Downs zu Anker gegangen, Albemarle ebenso einige

Meilen zu Luward von ihm; beide Flotten sichteten sich am $11. Juni$ um 9

Uhr $vormittags$. =Albemarle= lichtete sofort Anker, um anzugreifen,

obgleich er schwächer war. Bei seiner Luvstellung rechnete er mit dem

Vorteil, die Wahl des Angriffspunktes sowie Umfang und Dauer des Gefechts

in der Hand zu haben. Seine Seeoffiziere waren gerade wegen der

Luvstellung gegen den Angriff, da sie richtig voraussahen, daß man bei

dem starken Winde und der bewegten See die untersten Batterien nicht

würde gebrauchen können. Die Holländer erwarteten aus denselben Gründen

auch keinen Angriff und lichteten zunächst nicht Anker, so daß sie später

größtenteils kappen mußten; sie strebten auch während der Schlacht nicht

danach, die Luvseite zu gewinnen.

[Illustration: Der 11. Juni der Viertage-Schlacht 1666.]

Die holländische Flotte lag mit dem Bug nach Südsüdwest, die Nachhut

(Tromp) zu Luward, Mitte und Vorhut staffelförmig mehr und mehr in Lee.

Albemarle führte seine Flotte über Backbord-Bug an dem Gegner entlang,

ließ aber dessen Mitte und Vorhut außer Schußweite und näherte sich erst,

als er querab der Nachhut war. Die Holländer gingen nun über denselben

Bug auch unter Segel, aber das Gefecht entbrannte zunächst nur, gegen

Mittag, zwischen der englischen Flotte und =Tromp=. Wenn auch bei der

langen Linie Albemarle nur etwa 35 Schiffe gut aufgeschlossen bei sich

sah, weil seine Nachhut etwas zurückgeblieben war und ihre Linie sich

geöffnet hatte, so war er doch in den ersten Stunden des laufenden

Gefechts der Überlegene (Skizze S. 275: Position 1).

Die holländische Mitte konnte erst allmählich herankommen und in das

Gefecht eingreifen, die Vorhut erst gegen Ende der Schlacht. Tromps

Schiffe litten schwer; der Admiral selbst mußte noch in der Schlacht auf

ein anderes Schiff übergehen, ein (oder gar zwei) Fahrzeuge verbrannten,

ein Kontreadmiral fiel. Nach etwa 4 Stunden halste die englische Flotte,

alle Schiffe zugleich, da man fürchtete, den Bänken vor Dünkirchen zu

nahe zu kommen; Tromp folgte diesem Beispiel. Die fechtenden Schiffe

beider Gegner waren etwas nach Lee getrieben, dadurch war es =Ruyter=

leichter möglich geworden, heranzukommen (Position 2). Während nun die

Engländer über Steuerbord-Bug nach Westen zogen, stieß ihre jetzt

schließende Vorhut scharf mit Ruyter zusammen; ihre Schiffe hatten wohl

am meisten gelitten und auch die Fühlung verloren, sie wurden nun übel

zugerichtet (Position 3), verschiedene Schiffe wurden hier abgeschnitten

und außer Gefecht gesetzt; der Vizeadmiral =Berkeley= fiel. Hier konnten

jetzt auch schon die ersten Schiffe der holländischen Vorhut eingreifen;

ihr Chef, Leutnantadmiral =Evertsen=, wurde dabei getötet (Position 4).

Einige Einzelheiten mögen folgen, um die Kampfweise zu

veranschaulichen: Eins der abgeschnittenen Schiffe »Swiftsure«,

Flaggschiff des Vizeadmirals Berkeley, wurde umringt und von

verschiedenen Seiten geentert. Der Admiral focht schließlich fast

allein auf dem Quarterdeck, weil alles um ihn gefallen war, bis ihn

eine Pistolenkugel durch die Gurgel traf. Darauf zog er sich in die

Kajüte zurück und wurde hier auf dem Kajütstisch ausgestreckt tot

aufgefunden. -- An dem bewegungslosen Schiff des Kontreadmirals Harman

machte sich ein Brander fest. Dem ersten Leutnant gelang es aber mitten

in den Flammen die Fangeisen zu lösen und sich unbeschädigt aufs eigene

Schiff zurückzuschwingen. Ein zweiter Brander setzte die Segel in

Brand, fast 50 Mann sprangen im Schreck über Bord. Der Admiral selbst

trieb mit gezogenem Säbel die Besatzung zum Löschen an; es gelang, aber

eine herabfallende Marsraa zerbrach dem Admiral ein Bein. Ein dritter

Brander wurde in den Grund geschossen. Jetzt naht Evertsen und fordert

zur Übergabe auf. Harman antwortet: »Soweit sind wir noch nicht«, gibt

eine Breitseite ab, wodurch Evertsen getötet wird, bringt dann sein

Schiff aus dem Gefecht nach Harwich und sucht nach nur eintägiger

Ausbesserung und trotz seines gebrochenen Beines die Flotte wieder auf;

er kommt aber zum Kampfe zu spät. Ähnliche Beispiele hartnäckiger

Ausdauer und unbeugsamen Mutes finden wir auch auf holländischer Seite

im »Leben Ruyters«.

Erst die Nacht trennte die Gegner, doch scheint es sich zuletzt nur noch

um den Kampf in der Melee einiger Schiffe Ruyters und Evertsens mit den

Schlußschiffen der Engländer gehandelt zu haben. Das englische Gros zog

Nordwest steuernd ungehindert an dem Evertsenschen Geschwader, das zum

größten Teil nicht ins Gefecht gekommen war, vorüber und die Holländer

machten sich daran, ihre Beschädigungen auszubessern, darunter Ruyters

übel zugerichtetes Schiff.

Mahan sagt zu diesem Tage: »Der Angriff Albemarles war ein taktisches

Meisterstück, ähnlich dem Nelsons bei Abukir. Mit schnellem Blick hatte

er einen schwachen Punkt des Feindes erkannt und eine beträchtlich

stärkere Streitmacht so angegriffen, daß nur ein Teil dieser ins

Gefecht kam. Wenn auch die Engländer die größeren Verluste erlitten, so

nahmen sie doch das Bewußtsein einer glänzenden Waffentat mit sich,

während bei den Holländern Ärger und Niedergeschlagenheit herrschen

mußte.«

Er fügt ferner hinzu: »Der (schon erwähnte) Augenzeuge sagt, das

Mißgeschick der Engländer habe seinen Grund darin gehabt, daß ihre

Linie zu lang gewesen sei; wenn Monck aufgeschlossener gefahren wäre,

so hätten die Holländer nicht einige Schiffe abschneiden können.« Die

Bemerkung ist richtig, die Kritik kaum. Das Auseinanderkommen war bei

soviel Segelschiffen unvermeidlich und eine der Zufälligkeiten, mit

denen Monck rechnen mußte.

Ich möchte in dieser Beziehung darauf hinweisen, daß der Stoß auf Tromp

allerdings noch wuchtiger gewesen sein würde, wenn beim Angriff Moncks

Flotte völlig aufgeschlossen gewesen wäre; dies war durch das zu

schnelle Heranführen einer langen Linie von Segelschiffen verhindert.

Abgeschnitten wurden nachher aber nur Schiffe, die geschlossen ins

Gefecht geführt waren und beschädigt zurückblieben, als Monck der Sände

wegen halsen mußte. Hierin kann man also keinen Fehler erblicken.

Beide Flotten benutzten die Nacht, um Beschädigungen auszubessern,

Kartuschen zu füllen, kurz, sich auf einen neuen Kampf vorzubereiten;

dieser folgte bereits am nächsten Tage.

Die Engländer hatten die Nacht über nach der englischen Küste zu gelegen

und kehrten am Morgen zurück; die Holländer waren nach Abbruch des

Gefechts zunächst südöstlich gesteuert und standen dann wieder nach

Westen hin. Beim $Zusammenstoß am 12. Juni$ lagen die Engländer über

Backbord-Bug, die Holländer über Steuerbord; die Engländer standen bei

leichtem Südwestwinde zu Luward. Die holländische Linie war weit länger,

mindestens 75 Schiffe standen 44 gegenüber, aber sie war nicht gut

geordnet, einzelne Fahrzeuge maskierten das Feuer anderer.

[Illustration: Der 12. Juni der Viertage-Schlacht 1666.]

=Tromp= sah dies und ging, um den Nachteil auszugleichen, mit der Nachhut

auf die Luvseite der Engländer hinüber, als die Spitzen der beiden

Flotten querab voneinander waren; er konnte dieses Manöver ausführen,

weil die Engländer nicht beim Winde lagen, um die feindliche Linie auf

Parallelkurs zu passieren. Er scheint sogar einen kurzen Schlag über

Backbord-Bug gemacht zu haben (Skizze S. 278: Position 1). Sein Benehmen

mußte Ruyter irremachen; es kam hinzu, daß gleich darauf zwei

Flaggschiffe der Vorhut hart abhielten, als sie etwa querab vom

feindlichen Zentrum waren; um seine Flotte einigermaßen beieinander zu

halten, mußte auch er abhalten (Position 2). So kam Tromp durch die in

guter Ordnung weiter segelnden Engländer in große Gefahr; einer seiner

Vizeadmirale fiel, er selbst mußte wiederum sein Flaggschiff wechseln.

Vielleicht wäre er vernichtet worden, wenn nicht =Albemarle= die

Ausnutzung seiner günstigen Lage hätte aufgeben müssen, da =Ruyter= die

wiedergesammelten Teile seiner Flotte über Backbord-Bug heranführte und

die Luvstellung zu gewinnen drohte (Position 3). Wie schmerzlich Ruyter

das Benehmen seiner Unterführer empfand, kam zum Ausdruck, als Tromp in

einer Pause nach diesem Gefecht zu ihm an Bord kam: die Matrosen

jubelten ihm zu, Ruyter aber sagte: »Es ist jetzt keine Zeit zu

Freudenbezeugungen, eher für Tränen.« Die Lage war auch weiter noch

höchst ungünstig. Die Ordnung der Holländer war gänzlich zerstört, eine

Linie gab es nicht, die Schiffe lagen »wie eine Herde Schafe« zusammen.

Die Engländer hätten bei rechtzeitiger Rückkehr den unbehilflichen Haufen

umzingeln und zusammenschießen können; Albemarle scheint jedoch noch

längere Zeit über Backbord-Bug weiter gelegen und dann wieder passiert zu

haben, ohne ernstlich anzugreifen (Position 4). Wahrscheinlich fühlte er

sich bei der geringen Zahl seiner Schiffe, die wohl auch vielfach durch

Beschädigungen in der Takelage im Manövrieren gehindert waren, nicht

stark genug, auf eine solche Weise die Entscheidung herbeizuführen.

Ruyter gewann also Zeit, seine Linie wieder herzustellen, bis Albemarle

zum zweiten Male zurückkam. Bei diesem dritten Passieren verlor Ruyters

Schiff Großraa und Großstänge, so daß bei einem vierten =van Nes= die

Flotte führen mußte; dieser befand sich bei der Mitte und war als

Leutnantadmiral der Maas stellvertretender Chef. Nach dem letzten

Zusammentreffen brach =Albemarle= ab und zog sich nach Westen zurück.

=Der Verlust= an Schiffen scheint am zweiten Tage annähernd gleich

gewesen zu sein, 3 oder 4 auf jeder Seite gesunken oder verbrannt. In

ihrer Gesamtheit hatten die englischen Schiffe wohl mehr gelitten. Der

Rückzug Albemarles war jedoch, auch nach den holländischen Aussagen, ein

ehrenvoller, in vollster Ordnung ausgeführt. Mit einer Dwarslinie seiner

am wenigsten beschädigten Schiffe (16 oder 28) deckte er die schwerer

beschädigten; drei davon verbrannte er, damit sie nicht hinderten und

auch nicht dem Feinde in die Hände fielen (Position 5).

Für diesen zweiten Tag sind die =Abweichungen= in den älteren Quellen

und Werken nicht unwesentlich. Zunächst sprechen diese von ein oder

zwei Passiergefechten, ehe vorstehende Beschreibung einsetzt; dann habe

Windstille den Kampf bis gegen Mittag unterbrochen. Dies ist nicht so

wichtig, weil hierbei keine ausschlaggebenden Ereignisse vorgekommen

sind; wichtiger aber ist, daß bei der Wiederaufnahme des Kampfes, der

dann im allgemeinen wie geschildert verläuft, nach einigen Quellen beim

ersten Passieren (Position 1) die Holländer zu Luward gestanden haben

sollen (so nach der »Relation« und nach »Leben Ruyters«; de Jonge und

»Ruyters Bericht« heben es nicht hervor); nur Tromp sei in Lee gewesen,

entweder weil er eigenmächtig den Feind durchbrochen habe oder weil er

die Luvstellung nicht mit habe gewinnen können, Ruyter habe ihm durch

Einbrechen in die feindliche Linie zu Hilfe kommen wollen. Die

Verwirrung in der holländischen Flotte sei nach einigen Quellen dann

herbeigeführt, weil zu wenig Schiffe Ruyter gefolgt seien, nach andern,

weil Ruyter seine Absicht wieder habe aufgeben müssen, da die Engländer

Miene machten, ihn von dem Rest der Flotte zu trennen. Von der Position

4 einschließlich an stimmen die Angaben dann überein. Die Verwirrung in

der Flotte, die schlimme Lage bei Position 4, ist in holländischen

Quellen nur zwischen den Zeilen zu lesen. Die Eigenmächtigkeit Tromps

wird nur von de Jonge angedeutet, Ruyter selbst erwähnt sie in seinem

Bericht nicht, was wohl mit seinem vornehmen Charakter zu erklären

wäre, um so mehr, falls Tromp nur in bester Absicht so gehandelt hatte.

$Am 13. Juni$ setzten die Engländer in derselben Weise (Position 5) bei

östlichem Winde den Rückzug fort. =Albemarle= wollte ein Gefecht

vermeiden, bis er durch das Geschwader des Prinzen Ruprecht verstärkt

wäre. Diesem war sofort beim Erscheinen der holländischen Flotte von

London aus der Befehl zur Rückkehr nachgesandt, aber, wie man sagt, aus

Unachtsamkeit nicht durch Kuriere und Eilschiffe, sondern mit der

»gewöhnlichen Post« nach Plymouth. Die Holländer setzten alle Segel zur

Verfolgung bei, verloren aber in dem Bestreben, am Feinde zu bleiben,

infolge ihrer im allgemeinen geringeren Segelfähigkeit jede Ordnung. Es

kam am 13. zu keinem Zusammenstoß, nur auf weitere Entfernungen wurden

einige Schüsse gewechselt. Am Nachmittag kam im Westen ein Geschwader von

etwa 25 Segeln in Sicht; zum Glück für die Engländer war es =Ruprecht=

und nicht die Franzosen.

Einen Erfolg brachte dieser Tag doch für Holland. Am Nachmittag lief

das Schiff des Admiral Ayscue (Vorhut) bei Galloper auf und wurde von

Tromp, unterstützt von 2 Brandern, zum Streichen der Flagge gezwungen

(Position 5); von seinen Kameraden konnte es nicht unterstützt werden,

ohne den ganzen Rückzug zu gefährden. Gern hätte Tromp sein Opfer --

den »Royal Prince«, das stolzeste Schiff Englands -- als Beute

heimgeführt, aber Ruyter befahl die Verbrennung. Anhänger Tromps legten

dies als eine Mißgunst des Flottenchefs aus, was aber bei Ruyters

Charakter höchst unwahrscheinlich ist, und der Vorfall erhöhte die

Spannung zwischen den beiden Admiralen. Ruyter war jedoch im Recht; er

gab den Befehl, weil er im Hinblick auf das gesichtete Geschwader einen

Verlust der Beute fürchten mußte.

Beim Einbruch der Nacht vereinigten sich die beiden englischen Führer und

beschlossen, am andern Tage wieder anzugreifen. Die Entscheidung stand

bevor, auch Ruyter wollte sie herbeiführen, obgleich die Verhältnisse

jetzt nicht mehr so günstig für ihn lagen. An Zahl der Schiffe waren die

Gegner zwar nahezu gleich, es standen sich etwa 64 Holländer und 60

Engländer gegenüber -- außer den vernichteten waren viele beschädigte von

den Flotten abgekommen --, aber die Engländer verfügten über gut 20

unversehrte Schlachtschiffe mit frischen Besatzungen; schon in der

Minderzahl hatten sie sich infolge ihrer besseren Flottendisziplin fast

gleichwertig gezeigt. Ruyter steuerte die Nacht über östlich, um freieres

Wasser zu erreichen, rief am Morgen seine Kommandanten an Bord, ermahnte

sie »noch einen Tag auszuhalten« und suchte dann auch den Feind auf.

$Am 14. Juni$ wehte es frisch aus Südsüdwest, die Holländer waren zu

Luward, beide Flotten lagen über Steuerbord-Bug. Die Engländer machen

keinen Versuch, die Luvstellung zu gewinnen; beide Führer manövrieren

nicht darauf hin, ein Passiergefecht herbeizuführen, sondern benutzen

einerseits die Luvstellung, anderseits die bessere Segelfähigkeit dazu,

ihre Flotte zum Angriff genau querab vom Feinde zu führen. So entbrennt

ein laufendes Gefecht der ganzen Linien unter kleinen Segeln und auf

nächste Entfernungen; teilweise berühren sich die Raaen (Skizze: Position

1).

Infolge des Pulverrauchs und der Beschädigungen geht bald die Ordnung

verloren, besonders gewinnen viele englische Schiffe die Luvstellung

einigen Holländern gegenüber, da sie ja höher beim Winde liegen konnten.

So kommt =Tromp= mit 6-8 wahrscheinlich beschädigten Schiffen der Nachhut

nach Lee und ist längere Zeit nicht imstande, sich am Gefecht zu

beteiligen. Eine zweite Gruppe holländischer Schiffe (14?) unter dem

Kontreadmiral =van Nes= kommt dadurch von der Flotte ab, daß sie unter

vermehrten Segeln eine, sehr nach Luward aufgesteuerte, englische Gruppe

(4? Schiffe) von ihrer Hauptmacht abschneidet, verjagt und verfolgt. Der

Rest der holländischen Flotte war so einem überlegenen Feinde

gegenübergeblieben. Glücklicherweise hatte =Ruyter= immer noch gegen 35

Schiffe der verschiedenen Geschwader bei sich und stand mit seiner

Hauptmacht zu Luward der feindlichen (Position 2); immerhin war es

längere Zeit eine schwere Lage für ihn. Hart am Winde, vielleicht auch

aufkreuzend, steuerte unter heißem Kampf und teilweise in der Melee diese

Hauptschlacht nach Luward auf.

Inzwischen hatte Tromp seine Schiffe in stand gesetzt. Um wieder auf den

Kampfplatz zu kommen, preßte er Segel, lief in Lee der kämpfenden Flotten

vorbei und riet auch van Nes von der Verfolgung ab. Beide wendeten. Zwar

konnten sie die Luvstellung nicht gewinnen, aber sie erschienen doch fast

gleichzeitig in Lee der Hauptflotten, so daß die Engländer dubliert waren

(Position 3). Als Ruyter dies sah, gab er das Signal zum allgemeinen

Angriff, Einbruch in den Feind, wodurch die englische Ordnung völlig

zerstört wurde (Position 4). Noch eine kurze Zeit wurde heiß gefochten;

nach und nach gelang es aber den englischen Schiffen, sich aus der nun

allgemeinen Melee nach Luward in eine gewisse Sicherheit zu ziehen und

sich gegen 7 Uhr abends wieder zu sammeln. Einige 20 Segel kamen so

zusammen; an 10 bis 12 Schiffe waren an diesem Tage verloren gegangen,

viele andere von der Flotte abgekommen. Es wehte jetzt sehr schwer, so

daß auch die ermatteten Holländer mit ihren beschädigten Schiffen nicht

mehr an eine Erneuerung des Kampfes dachten.

[Illustration: Der 14. Juni der Viertage-Schlacht 1666.]

Die =älteren Schilderungen= weichen nur unwesentlich ab: der Wind wird

auf Südsüdost angegeben. Dann sagen diese, Ruyter habe gleich bei

Beginn des Gefechts den Befehl gegeben, in die feindliche Ordnung

einzubrechen; dies sei von den drei Geschwadern an drei verschiedenen

Stellen geschehen. Die englische Ordnung sei hierdurch gestört, aber

gleich wieder hergestellt worden. Das Manöver sei dann wiederholt

worden, aber nicht allen Schiffen gelungen, und Tromp habe sich mit

einigen Schiffen aus dem Gefecht zurückziehen müssen. So kommen wir auf

diese Weise zu Position 2, von der an dann, einschließlich des

Vorfalles van Nes, die Beschreibung die gleiche bleibt. -- Wenn Mahans

Augenzeuge[166] sagt, van Nes habe das Manöver mit der Vorhut

ausgeführt, so dürfte dies ein Irrtum sein. Nach der Ordre de bataille

standen beide van Nes bei der Mitte; da der Leutnantadmiral die erste

Division dieses Geschwaders führte, hat vielleicht eine Verwechslung

der Personen zu dem Irrtum Veranlassung gegeben.

[166] Mahan, Teil I., Seite 118, dagegen »Leben Ruyters« Seite 362

und 374.

Abends war Nebel aufgekommen, die Holländer fürchteten die englischen

Bänke, und so verloren sich die Gegner während der Nacht aus Sicht. Als

man am 15. Juni morgens auch von den Toppen kein feindliches Segel mehr

sah, führte =Ruyter= seine Flotte nach den Wielingen zurück; sie war

nicht mehr imstande, ohne gründliche Ausbesserungen längere Zeit die See

an feindlicher Küste zu halten. Es mangelte auch an Munition, doch diese

hätte man kommen lassen können. Munitionsschiffe waren vorhanden.

=Die Viertageschlacht war eine große Niederlage der Eng1änder.= Sie

selbst geben zu, daß ihr =Verlust= 17-19 Schiffe (die Holländer sagen 32)

-- darunter 6 in Feindeshand gefallen --, 5000 Tote und Verwundete, 3000

Gefangene betragen habe und daß die übrigen Schiffe ganz außerordentlich

gelitten hätten. Die Holländer verloren 4-7 Schiffe (sie selbst sagen nur

4) und 2-3000 Mann.

Der den Engländern zugefügte Verlust war aber auch der einzige Erfolg der

Holländer. Die eigene Flotte war nicht imstande, den Sieg auszunützen,

und vernichtet war die feindliche Seestreitkraft nicht, wie sich bald

zeigen sollte. Ruyter hatte sich als großer Führer gezeigt, die meisten

Holländer hatten wie stets brav gefochten, aber Mangel an Einsicht und

Disziplin war doch wieder zutage getreten, während sich die englische

Flottendisziplin auch in ungünstigen Lagen glänzend bewährt hatte.

Seekriege und Seekriegswesen, Erster Band in ihrer weltgeschichtlichen Entwicklung. Mit besonderer Berücksichtigung der grossen Seekriege des XVII. and XVIII. Jahrhunderts. · 第 31 / 58 题