Die Streitmittel der Gegner.[151]

In $Holland$ war es dem Wirken des Ratspensionärs de Witt zu danken, daß

nach dem Frieden 1654 die Marine nicht wieder wie um 1648 in Verfall

geriet. Er verstand es, in allen Provinzen seinen Einfluß geltend zu

machen und die Bewilligung der nötigen Mittel zu erreichen. Die

Unternehmungen in der Ostsee und im Süden hielten die Flotte in Übung.

[151] Anschließend an Seite 195 (Holland) und Seite 197 (England) gibt

die Betrachtung gleichzeitig ein Bild der Fortentwicklung der

Marinen. Quellen: de Jonge, Teil I, und Clowes, Teil II, Kapitel

XXII; erstere gibt für diese Zeit genauere Angaben über die

englische Marine als letztere.

Das =Schiffsmaterial= wurde wesentlich besser. Wir wissen, daß beim

Friedensschluß 1654 70 Kriegsschiffe zu über 30 Kanonen vorhanden waren:

1 zu 60, 9 zu 50-58, 27 zu 40-48, 33 zu 30-38 Kanonen. Es wurden nun die

während des ersten Krieges begonnenen (30) und zu bauen beschlossenen

(30) Schiffe fertiggestellt; unmittelbar vor und dann während des zweiten

Krieges ordnete man weitere Neubauten an: 1664 von 24, Juni 1665 von

nochmals 24 und 1666 von 12 Schiffen. Anfangs wurden zwar nur wenige

Fahrzeuge über 50 Kanonen gebaut, erst 1664 ging man an solche von 60 bis

80 Kanonen; in der 1665 aufgestellten Flotte waren nur 2 zu 70-80 und 5

zu 60-70 Kanonen, so daß man noch Schiffe dieser Größe von der

ostindischen Kompagnie einstellen mußte, aber 1666 konnten schon 2

Schiffe über 80, 11 zu 70-78, 21 zu 60-68 Kanonen verwendet werden. Der

Bestand war also an Zahl und Stärke der Schiffe wesentlich gewachsen;

1665 brauchte man nur auf etwa 20 Kauffahrer zurückzugreifen, 1666 war

man ganz frei von ihnen. Eine Angabe über den Gesamtbestand zu irgend

einem Zeitpunkt fehlt in den Quellen; zum Vergleich mit den englischen

Streitkräften ist Seite 258 die Zahl der Schiffe aufgeführt, die an den

Hauptschlachten der beiden ersten Kriegsjahre teilnahmen. Es hatten beide

Gegner ihre Gesamtkraft aufgestellt, nur wenige Schiffe fehlten, die in

fernen Gewässern sich aufhielten oder nicht gefechtsfähig waren. Die

Angaben bieten also einen Anhalt über die Stärke der beiden Marinen

überhaupt.

Die neueren Kriegsschiffe waren besser gebaut als im ersten Kriege; alle

Schlachtschiffe (über 40 Kanonen) waren jetzt auch hier Zweidecker,

Dreidecker besaß man jedoch noch nicht. Es ist ferner sehr bemerkenswert,

daß man in Holland, wenn auch den Verbesserungen im Schiffbau -- so auch

in den Schiffsformen -- im allgemeinen Rechnung getragen wurde, doch

nicht zum »fregattenähnlichen« Bau in demselben Maße übergegangen war wie

in England. Man zog immer noch weniger tiefgehende, breitere und weniger

scharfe Schlachtschiffe vor, teils der Hafenverhältnisse wegen, teils

weil man annahm, so stabilere Geschützstände zu haben, wenn auch die

Fahrzeuge weniger schnell waren. Dagegen baute man jetzt

»fregattenähnlich« eine größere Zahl von Schiffen zu 20-40 Kanonen, meist

26-36 Kanonen. Die Engländer hatten ja ihre größere Segelfähigkeit --

fregattenähnlicher Bau selbst bis zu den mittleren Schlachtschiffen --

des öfteren benutzt, um Schiffe abzuschneiden. Da man nun in Holland den

Bau der Schlachtschiffe nicht dahin ändern wollte, sollten diese

»Fregatten« dem Übelstande bis zu einem gewissen Grade abhelfen. Sie

sollten in gefährdeter Lage befindlichen Schiffen zu Hilfe kommen und zum

Abfangen von Kauffahrern geeignet sein. Sie hatten (wahrscheinlich?) nur

eine gedeckte Batterie, näherten sich also schon dem Begriff der späteren

Fregatte. Der Schiffsbestand wurde endlich auch vervollständigt durch den

Bau besonderer kleiner Fahrzeuge für Melde- und Aufklärungsdienst

(Advijsjagten) und einiger Ruderfahrzeuge zu ähnlichen Zwecken

(Roeijagten und Galeijen) sowie von Transportern für Proviant und

Munition, Postschiffen für die Flotten und zahlreichen Brandern.

Man baute aber nicht nur Schiffe mit größerer Kanonenzahl, auch die

=Armierung= wurde noch in den Jahren vor und während des zweiten Krieges

durch die zunehmende Verwendung schwererer Kaliber verstärkt; die schwere

Artillerie (32-Pfünder) und die höheren Kaliber der Mittelartillerie (24-

und 18-Pfünder) wurden fast verdoppelt. Auch strebte man dahin, auf

gleich großen Schiffen dieselbe Armierung und in den einzelnen Batterien

Geschütze gleichen Kalibers einzuführen; besonders seit 1666. 1665

standen auf den Schiffen einzelner Admiralitäten noch 3-4 Kaliber in

einer Batterie. Die Admiralität von Amsterdam, die überhaupt den dritten

Teil der Gesamtflotte stellte, ging hierin wie in allen Verbesserungen

voran; ihre neueren Schlachtschiffe von 48-58 Kanonen waren schon nach

englischem Vorbilde in dieser Beziehung armiert. Im allgemeinen ließ

alles dies aber noch zu wünschen übrig, vor allem fehlte Gleichheit

zwischen den Schiffen der verschiedenen Admiralitäten, und wie sehr die

Stärke der Armierung der der englischen Flotte noch immer nachstand,

werden die vergleichenden Angaben später zeigen.

Auch in der =Bemannungsfrage= hatten sich im zweiten Kriege die

Verhältnisse für Holland weit günstiger gestaltet. Im Frieden war stets

genügend Personal für die Flotte vorhanden gewesen; nach Beendigung der

Kriege in der Ostsee fanden sich viele kriegserfahrene Seeleute in

Holland ein: Holländer, die dort gedient, und auch Fremde, denn der

Dienst in der Marine war im Lande sehr beliebt geworden. Da bei Ausbruch

des Krieges Seefahrt und Hochseefischerei untersagt wurden, war reichlich

Personal vorhanden. Nach der großen Niederlage im ersten Jahre schwand

allerdings die Neigung zum Dienst, diesem Übelstande wurde aber durch

höheren Sold, Aussetzung hoher Belohnungen für besondere Auszeichnungen

und hoher Pensionen für Invalide usw. abgeholfen. Als endlich durch das

Freigeben eines Teiles der Schiffahrt zu Ende des Jahres 1666 wieder die

Gefahr des Mannschaftsmangels eintrat, wurde sie durch die Bestimmung

abgewendet, daß jedes in See gehende Schiff ein Viertel seiner Besatzung

zur Marine abgeben oder daß die Rhederei Mannschaften in dieser Höhe

stellen mußte. Ferner wurde 1664 eine Seesoldatentruppe gegründet und

bald stark vermehrt. So trat ein Mannschaftsmangel in diesem Kriege nicht

ein, nötigenfalls wurden weiter Landsoldaten eingeschifft. Die Schiffe

waren auch stärker bemannt als früher; daß aber auch hierin England noch

immer besser stand, werden wir sehen, und auch in der Kopfzahl der

Besatzungen herrschte keine Gleichmäßigkeit bei den Admiralitäten.

Endlich hatten sich auch die Verhältnisse bei den =Kommandanten und

Chargen= gebessert. Die Maßregel der Admiralität Amsterdam (Seite 149),

sich einen Stamm von Kapitänen zu halten, war dadurch erweitert, daß man

noch eine zweite Art Kapitäne schuf. Diese wurden zwar nicht im Dienst

behalten, durften sich aber nur mit Erlaubnis der Admiralität auf

Seereisen begeben und erhielten für diese Verpflichtung ebenfalls ein

Jahrgeld. Dieselbe Behörde hatte ferner erlaubt, daß sich nach dem ersten

Kriege andere obere Dienstgrade, die nicht verwendet werden konnten,

überetatsmäßig auf indienstgestellten Fahrzeugen einschifften. Die

Admiralität der Maas übernahm teilweise diese nützlichen Bestimmungen; so

trat bei Ausbruch des Krieges kein Mangel an Kommandanten usw. ein, es

war sogar eine Reserve vorhanden.

Eine große organisatorische Veränderung vollzog sich bei den

=Flaggoffizieren=. Bis gegen das Ende des ersten Krieges hatten die

Niederlande nur einen Leutnantadmiral von Holland und Westfriesland, der

beim Zusammentreten der Gesamtstreitkräfte der Republik den Oberbefehl

führte, und je einen Vizeadmiral sowie je einen Kontreadmiral von Holland

und von Seeland. Dann setzten die Staaten von Holland, deren Seemacht

außerordentlich gewachsen war, durch, daß ein Vize- und ein Kontreadmiral

für jede ihrer drei Admiralitäten (Maas, Amsterdam, Norderquartier

[Westfriesland]) ernannt wurde; es gab also jetzt 1 Leutnantadmiral, 4

Vize- und 4 Kontreadmirale. Vor Ausbruch des zweiten Krieges (Dezember

1664) nahm Seeland sein altes Recht wieder auf und ernannte einen

Leutnantadmiral von Seeland; sofort verlangte und erreichte Holland

dasselbe für jede seiner Admiralitäten; Friesland, dessen früher sehr

unbedeutende Kräfte auch gewachsen waren, folgte bald. So hatten die

Niederlande 1665: 1 Admiralleutnant von Holland und Westfriesland, 5

Leutnantadmirale, 5 Vize-, 5 Kontreadmirale für die 5 Admiralitäten. Bei

der Eifersucht der Provinzen sollte dies zu manchen Reibungen führen;

auch sonst war die Anwesenheit so vieler Flaggoffiziere, teilweise vom

höchsten Range, bei der Flotte öfters von großem Nachteil.

Die Entwicklung dieser Verhältnisse findet man in de Jonge, Teil I,

Seite 527; 687. Für die Generalstaaten war es schwer, die Anciennität

festzusetzen; es führte zu scheinbar verwickelten Bestimmungen. Den

Oberbefehl über die vereinigten Kontingente führte weiter der

Leutnantadmiral von Holland und Westfriesland. Die zweite Stimme im

Kriegsrat stand dem Leutnantadmiral von Seeland zu, die Vertretung des

Oberbefehlshabers im Kommando übernahm aber der Leutnantadmiral der

Maas. Seeland war die älteste Admiralität, sein ältester Admiral führte

stets die aus Seelandschiffen bestehende Vorhut; er war also der

zweitälteste Offizier der Gesamtflotte. Den Höchstkommandierenden

stellte aber seit langer Zeit (Seite 149) die Admiralität der Maas;

daraus wurde gefolgert, daß sie auch den Stellvertreter stellen müsse.

Der Streit über Anciennität der Flaggoffiziere führte zu Verwirrung in

Schlachten; er ging soweit, daß Seeland einmal erklärte, sein

Kontingent nicht eher auslaufen zu lassen, bis eine Frage zugunsten

seines Chefs entschieden sei.

In $England$ hatte man unter =Cromwell= auch nach dem ersten Kriege

weiter gebaut, zu seiner Zeit wurde mehr als die Hälfte des

Staatseinkommens auf die Marine verwendet. Die Republik fand England

schwach zur See vor und übertraf es schon als die stärkste Seemacht, was

das Material anbetrifft. Auch =Karl= II. hatte Interesse für die Marine,

besonders aber sein Bruder, der =Herzog von York=, der von Jugend auf für

sie bestimmt war. So stand auch die englische Flotte bei Beginn des

zweiten Krieges weit mächtiger da als zu Ende des ersten. Leider fehlt

auch hier eine Bestandsliste[152] für diese Jahre, und man muß deshalb

wie bei Holland als Anhalt die Stärke der zu den Schlachten

zusammengezogenen Flotten nehmen; ich führe also die Angaben für Holland

zum Vergleich hier mit auf:

Seekriege und Seekriegswesen, Erster Band in ihrer weltgeschichtlichen Entwicklung. Mit besonderer Berücksichtigung der grossen Seekriege des XVII. and XVIII. Jahrhunderts. · 第 29 / 58 题