Kanonenzahl 100 88 60-66 50-58 40-46 30-39 20-29 6-10

England (Dez. 1653) 1 1 8 16 32 43 16 14

Holland (Juli 1654) -- -- 1 9 27 33 16 15

Welch eine Übermacht auf englischer Seite, besonders an schweren Schiffen

über 50 Kanonen!

Es müssen aber auch die in beiden Marinen =verwendeten Kaliber=

verglichen werden, wobei wir nur die schwere Artillerie berücksichtigen

wollen. Nach den Aufzeichnungen für England von 1652 (vgl. Seite 170,

Tabelle) und nach denjenigen für Holland von 1654 führten bei einer:

Gesamtzahl Kanonen 80-100 60-66 50-58 30-46 unter 30

Englische Schiffe min. 24-42- min. 24-32- 20-32- 18-32- 16-32-Pfdr.

Holländische " -- 4-36- max. 12-24- max. 4-24-Pfdr. --

Das Übergewicht der englischen Artillerie an Zahl und Kaliber der

Geschütze wurde endlich noch verstärkt durch die =bessere Ausbildung der

Besatzung=. Diese wird den ganzen Zeitabschnitt hindurch von dem Gegner

anerkannt; unter anderen wird gesagt, daß ein englisches Geschütz in

derselben Zeit 5 gegen 4 Schüsse bei Holländern und Franzosen abgegeben

habe, und es wird hervorgehoben, daß auf den englischen Schiffen

sämtliche Matrosen durch nur wenige Spezialisten am Geschütz ausgebildet

seien, so daß somit die Hauptwaffe durch Verluste nie lahmgelegt werden

konnte. Wir hörten schon, daß die Schiffskanoniere zuerst in England

(hier »gunner«) abgeschafft wurden oder im seemännischen Personal

aufgingen. Zu bemerken ist ferner, daß sich schon im ersten

englisch-holländischen Kriege das englische Feuer hauptsächlich gegen die

feindliche Besatzung, das holländische gegen die Takelage richtet. Bis in

die späteste Zeit der Segelschiffe hat sich die englische Flotte, meist

zu ihrem Vorteil, hierin von ihren Gegnern unterschieden;

Mannschaftsverluste auf der einen Seite, Beschädigungen der Takelage auf

der anderen bestätigen dies. Holländische Quellen heben im ersten Kriege

»einmal« besonders hervor, daß die Engländer auf die Takelage geschossen

hätten. Es war dies bei einem Verfolgungsgefecht nach der Schlacht bei

Portland und somit richtig, denn hier wollte man einzelne Feinde

verkrüppeln und die dann Zurückgebliebenen nehmen.

Abgesehen von der Artillerie war das englische =Schiffsmaterial= auch

sonst besser. Größtenteils neu und nur zum Kriegszweck gebaut, waren die

Schiffe größer, fester, stabiler, besser segelnd und manövrierend; die

Holländer sagen, ihre Gegner hätten in den neuen fregattenähnlich

gebauten Fahrzeugen ein Material gehabt, geeignet, Gruppen ihrer Flotte

auszumanövrieren und abzuschneiden. Selbst in Hinsicht auf die

eingestellten Kauffahrer war England besser daran. Von den 29

Handelsschiffen in der Schlacht von Northforeland führten 26 eine Zahl

von 30-46 Kanonen, von den 88 des holländischen Gesamtbestandes hatten

nur 19 dieselbe Zahl, der Rest von 69 aber unter 30. Holland verwendete

also nicht nur weit mehr Kauffahrer, sondern diese waren auch

größtenteils minderwertiger; es scheinen demnach auch die englischen

Handelsschiffe dieser Zeit, zwar an Zahl weit geringer, den holländischen

überlegen gewesen zu sein, die der beiden großen Kompagnien ausgenommen.

Ein Nachteil der englischen Schiffe war vielleicht, daß man gerade in

dieser Zeit im Gegensatz zu Holland dazu neigte, sie zu stark zu

armieren. Es wird berichtet, daß englische Kriegsschiffe öfters genötigt

waren, auf größeren Reisen einen Teil ihrer Geschütze zum Ballast zu

verstauen. Da aber der Krieg in den heimischen Gewässern ausgefochten

wurde, kam nur der Nutzen der Überarmierung zur Geltung.

Zeitweise auftretende Schwierigkeiten, die =Flotten zu bemannen=, wurden

in England durch das Pressen leichter gehoben; es scheint wenigstens, als

ob die Schiffe stets genügend besetzt gewesen sind. Allerdings zog man

auch Landsoldaten heran, die sich aber, wie bereits erwähnt, besser

bewährten als in Holland.

Aus allem kann man =den Schluß ziehen=, daß die Streitkräfte Hollands bei

annähernd gleicher Schiffszahl denen Englands unterlegen waren. Das

Schiffsmaterial war es entschieden. Mit Recht beklagen sich die

holländischen Admirale dauernd darüber; sie führen öfters an, der Feind

stelle ihnen 20 Schiffe gegenüber stärker als ihr mächtigstes. Dieser

Umstand trug zuweilen dazu bei, die Zuversicht auf holländischer Seite zu

erschüttern, und ist wohl der Grund gewesen, wenn mehrmals eine größere

Zahl von Schiffen dem Kampfe auswich.

Beiden Nationen stand ein vorzügliches Personal zur Verfügung, in

gleicher Weise aufgewachsen und wohl gleich in den Vorzügen und Fehlern

der Seeleute damaliger Zeit; aber in Holland machte die Einstellung mehr

Schwierigkeit, in England waren dagegen Ausbildung und Disziplin besser.

An erfahrenen Flottenführern und höheren Offizieren war Holland anfangs

überlegen, galt doch der Admiralleutnant Tromp als der tüchtigste

Admiral seiner Zeit. In England dagegen lag die Führung in der Hand von

3-5 Generalen zur See, von denen die meisten nicht Seeleute, sondern

Landoffiziere waren, und gerade solche führten im ersten Kriege den

Oberbefehl.

Diese Generale waren: Popham (Seemann), ernannt 1649; Dean, 1649, fiel

1653; Blake, 1649; Monck, 1652; Penn (Seemann), 1654; Montagu, 1654. --

Blake und Monck zeichneten sich als Höchstkommandierende aus.

Gewiß zogen diese ihre erfahrenen Unterführer und Kapitäne, Seeleute von

Beruf, zu Rate; es war jedoch nicht immer möglich, namentlich nicht in

den Gefechten, und so mögen manche Fehler diesem Umstande zuzuschreiben

sein. Aber die Generale, mit einer trefflichen Schule aus den

Revolutionskriegen, lernten schnell; anderseits trugen sie als Männer von

besserer Erziehung und Bildung als die Seeleute, dazu bei, den Geist in

der Flotte, besonders im Offizierkorps, zu heben. Als erfahrene Militärs

und Leute von weiterem Blick verbesserten sie die Disziplin und haben

großen Einfluß auf die Strategie, auf die Änderung der Kriegführung,

gehabt.

$Die Verwendung der Flotten Englands und Hollands von 1648-1652$[98]

sei kurz angeführt.

[98] Anschließend an Seite 139 und 143. Näheres über England siehe

Clowes, Teil II, Seite 118; über Holland in Indien und Brasilien,

Zimmermann, Band I und V.

In =England= war die Flotte der Republik von hervorragendem Nutzen zur

Vereitlung der Versuche der königlichen Partei, das Königtum wieder

aufzurichten. Sie eroberte die Inseln des Kanals, auf denen sich die

Royalisten länger hielten und von denen aus sie Freibeuterei trieben;

es waren dies unter =Blakes= Führung die ersten größeren Unternehmungen

von Seestreitkräften gegen Landbefestigungen. Die Flotte unterwarf die

Kolonien Amerikas und Westindiens mit royalistischen Gesinnungen. Ein

Teil der ehemaligen Flotte war dem Königtum treu geblieben (vgl. Seite

139) und wurde vom =Prinz Rupert= geführt. Anfangs im Kanal und später

im Mittelmeer, von Portugal aus, wo sie Unterstützung fanden,

operierten diese Streitkräfte gegen England und gegen den englischen

Handel. Der Kampf gegen sie war eine Schule für die Flotte der Republik

und für manche der späteren Führer, insbesondere Blake; aus dieser Zeit

stammt auch die erste englische Flottenstation im Mittelmeer (aber noch

keine dauernde).

Die =holländische Flotte= fand in diesen Jahren mannigfache Verwendung

in außerheimischen Gewässern, hauptsächlich aber die Schiffe der beiden

großen Kompagnien. Im Mittelmeer hatte sie den Handel nicht nur gegen

die Barbaresken, sondern auch gegen französische Freibeuter zu

schützen.

Obschon in Europa mit Portugal Frieden herrschte, wurden doch die

Kämpfe in den fernen Kolonien, die im Unabhängigkeitskriege mit Spanien

begonnen hatten und fortgesetzt wurden, als Portugal wieder selbständig

geworden, nur selten auf kurze Zeit unterbrochen. In =Indien= wuchs die

holländische Macht weiter auf Kosten Portugals, und in Afrika besetzte

Holland 1652 das von Portugal als Eigentum angesehene, wenn auch nicht

besiedelte =Kapland=. Weniger glücklich war Holland in =Brasilien=.

Hier empörte sich ihre von der westindischen Kompagnie gegründete, aber

fast nur von portugiesischen Urkolonisten bewohnte Kolonie (vgl. Seite

88).

Größere Flotten wurden dahin entsandt; sie richteten aber wenig aus,

und von Beginn des englischen Krieges an konnte man nichts mehr für die

Kolonie tun. Auch in Portugal war 1649 eine

portugiesisch-brasilianische Kompagnie gegründet worden. Unterstützt

durch deren Schiffe, wurde 1653 Recife von den Aufständischen genommen,

und die Holländer zogen sich Ende Januar 1654 ganz aus Brasilien

zurück.

Seekriege und Seekriegswesen, Erster Band in ihrer weltgeschichtlichen Entwicklung. Mit besonderer Berücksichtigung der grossen Seekriege des XVII. and XVIII. Jahrhunderts. · 第 24 / 58 题